Vierzehn Jahre (Triggerwarnung)

Triggerwarnung: Sexuelle Gewalt, Missbrauch, Selbstverletzung

(Nebenbei auch eine schlechte Grammatik, welcher ich mir bewusst bin.)

Da fand ich mich also wieder in deinem kleinen, dunkel tapezierten und aus Dachschräge bestehendem Zimmer. Die heiße Juli-Luft staute sich bis auf den Boden, auf dem kleinen Birkenholztisch, der in der Mitte den Raum ausfüllte, standen leere Bierflaschen, eine angefressene Dönertasche und ein überfüllter Aschenbecher, in dem noch deine Kippe qualmte. Und meine. Die Tabakreste krümelten sich den Weg rings um den Tisch herum und ich lag daneben auf deiner ausrangierten, durchlöcherten und mit undefinierbaren Flecken verdreckten, aber noch erkennbar dunkelblauen Klappcouch. Neben mir ein verklebtes Pornoheftchen. Du saßt vor deinem flimmernden PC in der Ecke und wähltest eine Playlist aus deinen illegal heruntergeladenen Techno-Songs aus, während ich mich fragte, wie ich an diesem Ort landen konnte. Schon wieder. Ich muss dumm gewesen sein, blind, sehr blind vor Liebe, oder sehr dumm. Ich glaube es war eine Mischung aus allem.

Die lange Zugfahrt, die mich immer wieder in deine Richtung führte, fühlte sich befreiend an. Befreiend aus einem jungen Leben, welches ich schon lange nicht mehr ertrug. Die alten, die vertrockneten und die frischen Wunden, die eine schmerzhafte Geschichte erzählten, hatte bis dahin niemand wahrgenommen. Wie immer setzte ich ein Lächeln auf, so wie sie es wollten. Auf der Zugfahrt aber verlor ich mein Lächeln, denn dir war es egal. Es war dir nicht nur egal, es störte dich. „Hör auf zu lachen!“ sagtest du mir immer wieder mit einem drohenden Unterton in deiner Stimme. Es hatte etwas befreiendes, bei dir nicht lächeln zu dürfen. Die Zugfahrt trug aber auch eine Einsamkeit in sich, das Klappern der Türen, die quietschenden Gleisen und die flüsternden Gespräche aus den dämmrigen, hintersten Sitzreihen sprachen das aus, wofür ich meine Stimme längst verloren hatte. Immer wenn ich bei dir ankam, war es bereits dunkel, mein Magen knurrte und ich wollte nach einer langen Woche einfach nur deine Nähe spüren und schlafen.

Auf deiner Klappcouch, die sich beim liegen darauf anfühlte, als läge nur eine Decke auf dem Boden, fühlte ich mich frei, obwohl ich nicht frei war, fühlte ich mich nah, obwohl ich innerlich bereits längst gestorben war. Aber ich spürte auch ein wenig Leben, zumindest glaubte ich das. Möglicherweise verwechselte ich dieses Gefühl mit der Liebe, oder dem verliebt sein in irgendeine Liebe. Im Hintergrund lief leise die Musik, die ich nicht mochte, die ich für dich erduldete und du legtest dich neben mich. Die Welt, meine Welt, war für einen Augenblick erträglich geworden und du erzähltest mir von deiner Woche, deinen Problemen, deinem Ärger. Ich holte dir eine weitere Flasche Bier, schloss dich schützend in meine Arme und sagte nichts. Ich wusste, dass es dich nicht interessieren würde. Das hattest du mich in der Vergangenheit bereits spüren lassen. Und ich nahm es hin, immerhin, so sagtest du mir immer wieder, liebst du mich.

Nach einer kurzen Weile hattest du damit begonnen, mich für die Nacht zu entkleiden. Meine Haut wolltest du spüren, sagtest du, wenn wir gemeinsam einschlafen. Deine Küsse brannten auf meiner Haut, jede deiner Berührungen auch, ich ließ sie wie immer zu. Ich wollte dir genügen, wollte dir eine gute Freundin sein, die einzige für dich, wollte etwas bedeuten, etwas besonderes, unverzichtbar sein, wichtig. Mein Körper sollte ruhig liegen, meine Stimme stumm bleiben und ich strengte mich an, so lange es ging. Wie aus einem ungewollten Reflex heraus begann ich aber deine Berührungen abzuwehren, ein Befehl, den ich meinen Gliedern nicht geben wollte und du wurdest wütend. Ich fühlte mich schuldig. Schmutzig. Und schuldig. Wieder. Während du immer wütender wurdest, leise, damit uns niemand hörte.

Deine Hände hielten meine fest, dein Unterarm drückte auf meine Lippen, die längst versteinert waren. Der Schmerz fühlte sich warm an, diese Wärme, nach der ich mich so sehr sehnte, während ich mich noch immer reflexartig wehren wollte, immer heftiger wehren. Doch das wollte ich doch eigentlich gar nicht. Ich wollte gut genug für dich sein. Hass stieg in mir auf. Ja, ich hasste mich selbst dafür, dass ich erschöpft war, dass ich nur deine Nähe wollte, dass mein Körper dir nicht bereitwillig das geben wollte, was du von ihm wolltest. Immer fester drücktest du zu, dein schwerer Körper lag auf meinem wie ein Sargdeckel raubte er mir die Atemluft. Je fester du zudrücktest, desto mehr versuchte ich mich zu wehren. Du zerrtest an meinem Körper herum, als sei er für dich wertlos geworden. Es tat weh. Seelisch. Bis du meinen Kopf gegen die Lehne deiner Klappcouch gestoßen hattest, es schaltete mir die Lichter aus in eine Ohnmacht, die mich innerhalb der ausgelieferten Gefangenschaft doch etwas befreite. Endlich war dir mein Körper etwas wert geworden, endlich war ich dir etwas wert.

Versteinert wachte ich irgendwann auf, das Zeitgefühl verlor sich unter dem harten Boden. Der Geruch von Tabak und Bier stand im verdunkelten, stickigen Raum, deine Schweißtropfen hüllten meinen wunden Körper ein. Stöhnen und schneller, immer schneller werdender Atem pustete an meinem Hals vorbei in mein Ohr. Mein Körper war versteinert, endlich restlos kalt und zu Stein geworden, alles in mir schwieg, selbst meine Reflexe waren endlich still. Endlich. Wieder. Die Zeit, ob sie schnell oder langsam verging, spürte ich nicht, ich spürte nichts, aber sie verging. Als alles vorbei war, war ich glücklich, weil du es warst. Fühlte mich gefährlich, weil ich nackt war, dreckig, weil ich dich glücklicher hätte machen sollen, schuldig, weil ich es nicht gemacht hatte.

Als du aufgestanden bist, dich wieder an deinen PC setztest, um die Musik lauter zu machen, sehnte ich mich nach deiner Umarmung. Danach, beschützt zu werden, aufgefangen zu werden, Wärme auf meinem kalt gewordenen Körper zu spüren. Aber ich wusste, ich war mir sicher, mir dieses Gefühl nicht verdient zu haben. Wieder nicht. Das du mich nicht mal anschauen konntest, tat mir weh. „Gib mir den Döner“, sagtest du nach einer kurzen Zeit, für mich klang es wie ein zärtliches „ich liebe dich“. Wie eine kleine Aufmerksamkeit, die du mir geschenkt hattest, obwohl ich sie nicht verdient hatte. Ich reichte ihn dir an, legte mich wieder hin, steckte mir eine Zigarette an, musterte deinen nackten Körper und lauschte noch eine Weile dem Klicken der Tastatur, meinem knurrenden Magen und dem Ventilator, der auf dich gerichtet war. Ich trank einen Schluck aus deiner Bierflasche, obwohl ich keinen Alkohol trank und legte mich mit dem Gedanken schlafen, dass es bald besser werden würde, vielleicht sogar gut.

Nachtrag zu dieser Geschichte