Autismus Erfahrung: Kommunikation

Zur Kommunikation gibt es wahnsinnig viel zu sagen. Ich finde, darin unterscheiden sich Autist:innen mit am häufigsten – von nicht sprechen bis hin zu viel sprechen, oder eben non-verbale Kommunikation ist alles dabei. Nur gar nicht kommunizieren geht nicht 🙂

Einen gemeinsamen Nenner kann ich jedoch spontan nennen – die direkte Kommunikation. Oder im Fall von dem Vier-Seiten-Modell (von Friedemann Schulz von Thun) die Sachebene. Wenn sich zwei Autist:innen miteinander unterhalten, kommen dementsprechend kaum Probleme auf, sofern sie sich, wie in der Regel zu erwarten, auf der Sachebene unterhalten. Neurotypische Menschen (NT’s) sprechen – und und vor allem verstehen – meist auf den übrigen drei Ebenen (Selbstauskunft, Appell, Beziehungsebene).

Ich versuche ein kleines Beispiel, die Erklärung fällt mir jedoch schwer.

Ich gehe mit einem NT an einem Blumenladen vorbei und sehe Blumen, die ich schön finde.

Ich sage: Die Blumen sind schön.

Und dies meine ich nur auf der Sachebene, davon ist generell auszugehen.

Ein NT versteht ggf.:

Die Sachebene „Die Blumen sind schön.“

Der Appell „Schenke mir die Blumen!“

Die Beziehungsebene „Du schenkst mir zu selten Blumen“

Die Selbstauskunft: „Ich bekomme selten Blumen“

Der NT geht los und kauft die Blumen, möglicherweise sogar genervt oder mit einem schlechten Gewissen?!

Ich bin sehr unsicher, ob das so korrekt ist. Aber es dürfte klar sein, was gemeint ist. Fachkundige unter euch dürfen aber gern korrigieren.

Wie liefe die Kommunikation besser ab? Nun, ganz einfach. Die Sachebene ist generell anzunehmen. Wollte ich also die Blumen, die mir gefallen, haben wollen, dann würde ich sagen „Ich kaufe mir diese Blumen“ – auch das ist wieder über die verschiedenen Kanäle zu verstehen. Oder ich sage/frage „möchtest du mir gern diese Blumen schenken?“ – und wieder, es kann anders verstanden werden. Unterm Strich meint ein:e Autist:in ganz einfach nur das, was sie/er sagt – und nichts anderes.

Wobei auch da – Sarkasmus und Ironie kann durchaus antrainiert sein – es bleibt spannend. 🙂

Als Nächstes hätten wir Redewendungen – das ein oder andere habe ich mir antrainiert, Sinn ergibt es jedoch oft nicht. Wieder ein Beispiel: „Der Fisch stinkt vom Kopf her“. Damit ist gemeint, dass die Führungsperson, zum Beispiel einer Firma nicht gut ist und daher das Unternehmen nicht gut funktioniert. Na, und warum sagt man das dann nicht? So genau weiß ich das nicht, ich vermute aber, dass es einfach nicht so ehrlich/böse?/direkt klingt. Aber wäre mit Ehrlichkeit nicht jedem mehr geholfen, als die Miesere hinter einem Sprichwort zu verstecken?!

Andererseits verwende ich mache sogar selbst – habe sie mir angewöhnt. Jacke wie Hose, Die Katze im Sack, Durch die Blume sagen, etc. Wenn ich jedoch darüber nachdenke, folgt auf eine Redewendung immer die Erklärung meinerseits. Und woher kommt eigentlich „Butter bei die Fische?“, das verwende ich des Öfteren – schaue gleich mal nach. Wikipedia klärt auf. 😀

Nun geht es weiter zu Kommunikationsschwierigkeiten – dabei kann ich nur von mir Sprechen. Denn dabei sind Autist:innen sehr unterschiedlich. Die einen sind, wie oben genannt, nonverbal, andere Plaudern sich die Seele aus dem Leib. Ich würde sagen, dass ich zu beiden Seiten gehöre. Bei Menschen, die ich sehr gut kenne/meine direkten Bezugspersonen (sind 2), kann ich sehr viel und sehr lange reden, ebenso ein Gespräch am laufen halten. Ich bekomme jedoch des Öfteren die Beschwerde, dass ich keinen zu Wort kommen lasse/es schwierig ist, gegen mich anzureden. Aber da sieht man, wie kommunikativ ich bin. 🙂 Bei Fremden jedoch bin ich meist nonverbal bzw. habe ich auch selektiven Mutismus. Schriftlich kann ich jedoch sehr aktiv sein, auch bei Fremden, manchmal sogar sehr gerne bei Fremden.

Ein Gespräch am laufen zu halten oder zu beginnen fällt mir jedoch immens schwer. Meist habe ich eine Menge fragen, sofern mich die Person interessiert. Hat dann aber wieder was von Kreuzverhör. Dann gibt’s noch die Alternative: „Wie geht’s dir – gut und dir – mir auch – was machst du – nichts und du – auch nichts. Manchmal bekommt man daraufhin ein Dickpic, was ich damit soll, weiß ich auch nicht. Hab mehr Penisse gesehen, als ich zählen kann (also nicht privat, sondern beruflich). Unterm Strich nutze ich sehr sehr gerne die blockieren-Funktion. Ich hasse Zeitverschwendung, obwohl ich sie in den Augen anderer vermutlich selbst betreibe.

Mit mir ins Gespräch zu kommen kann also sehr schwer sein und manchmal tut mir das auch weh. Denn es ist sehr selten, dass ich eine Person mag. Umso mehr freue ich mich jedoch, wenn jemand die Zügel in die Hand nimmt (das ist auch eine Redewendung, gell?!) und sich durch mein Schweigen durch quält. Fragen bekomme ich gerne gestellt und da habe ich im Grunde keine Tabu’s, will sagen, ein Thema ist wie’s Andere. So etwas empfinde ich aber als optimal. Ich kann eine Frage ausführlich beantworten und kann sogar eine Gegenfrage stellen. Nach meiner Erfahrung entsteht dies nur, wenn man sich gegenseitig mag. So zumindest mein Empfinden. Oder die andere Person ist ebenfalls sehr introvertiert – das ist dann wohl Pech für beide.

Kommunikation findet jedoch, wenn es nicht gerade nur schriftlich ist, überwiegend über die Körpersprache statt, Mimik, Gestik, oder der Tonfall.

Auch Autist:innen kommunizieren so nach Außen. Wenn ich etwas deutlich nicht möchte, dann sieht man das, wenn ich angespannt bin auch, oder auch, wenn ich mich sehr freue. Wie das aussehen kann, ist von Mensch zu Mensch individuell. Das Lesen jener Sprachen ist dann wieder schwieriger. Wenn die Mimik des Anderen ernst aussieht, mit heruntergezogenen Augenbrauen könnte das vieles sein. Hält er mich für dumm? Ist er sauer? Hat er eine Frage? Oder Bauchschmerzen? Komischerweise kann ich diese Dinge im Berufsleben, wenn nicht intuitiv antrainiert, dann eben durch Abfragen der Möglichkeiten oder durchgehen der Lösungswege. Im Privatleben schaue ich den Leuten oft nicht ins Gesicht, dadurch sind Personen auch eher geneigt zu sagen, was sie gerade nur zeigen. Nun ja, und die mit denen ich engen Kontakt pflege, kennen mich dahingehend ja auch schon.

Sicherlich lässt sich noch viel mehr zu diesem Thema sagen/schreiben, für heute jedoch soll’s das gewesen sein.

Demnächst weiter wird es gehen mit einem Thema, welches an dieses anknüpft: Gedanken, Gefühle, Handlungen und Absichten einschätzen können

18 Kommentare

  1. Du bist auf einem schönen gedanklich klaren Pfad. Das Rätsel und die Spannung zwischen Deutlichkeit und Maskr hast du gut und auch tief erfasst. Finde ich. Es bleibt das Rätsel, dass alles Gesprochene das Gemeinte auch löschen kann. „Spricht die Seele, so spricht die Seele, ach,schon nicht mehr.“ Aber auch das stimmt nicht ganz.

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  2. Bei der Selbstauskunft würde ich eher „Ich mag (diese) Blumen“ setzen… in dem Fall fast deckungsgleich mit der Sachebene.
    Was Sprichwörter angeht: Ich nehme an, die sind teilweise aus dem Alltatgsgebrauch entstanden und haben halt Dinge aus der Lebensrealität der Menschen verbildlicht. in anderen Fällen war es vielleicht gefährlich, etwas deutlicher auszusprechen (unter dem Joch von Tyrannei z.B.) … oder die verbidllichung wurde als gefällig empfunden.. Im Grunde ist es in der Lyrik ja auhc nicht anders… Vieles von dem, was damit ausgedrüct wird, könnte man auch viel klarer und direkter sagen.

    Aber davon ab, vielen Dank für den Einblick in deine Lebenswelt. 😃

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    1. Danke, ein guter Einwand, ich werde es hinzufügen. 🙂

      Mit der Lyrik verhäkt es sich genau so, das stimmt. Das gefällt mir daran so sehr. Dinge sagen zu können, die man sich vllt nicht traur zu sagen. Und vielleicht ist damit jemand, viele oder niemand angesprochen, wer weiß das schon, außer der Autor selbst. 🙂

      (Ich habe deine Mail nicht vergessen, möchte jedoch den Kopf frei haben, um adäquat darauf zu antworten. :-))

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      1. Nur meine paar Cents … Schulz von Thun… lange ist es her, damals in der Azsbildung, aber immer noch aktuell und relevant.

        Ja, das ist das schöne in der Lyrik und ermöglicht, sich in der Tiefe zu verlieren, oder sie einfach im eigenen Betrachtungswinkel zu nehmen… ode rirgendwann neu und anders zu lesen. 😊

        (Ich dachte mir schon, dass du gerade mit dem Kopf woanders bist.)

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      2. Achso… du diesen Beitrag und den von gestern, bin ich über was gestolpert, was ich mir nie so klar gemacht habe. Mit meiner rezidivierend depressiven Störung gehöre ich wohl auch zu eher zu den Neurodiversen. Ein Thema, das bisher sehr unterging, auch in den Therapien. Sich das bewusst zu machen ist ein nicht so leichter Weg, eher ein Prozess…. zumal ja nciht die bloße Erkenntnis ausreicht „ich bin neurodivers!“ und dann ist alles klar… herauszufinden, in welchen Punkten Abweichung von der Norm stattfindet… inwieweit das jeweils relevant ist… evl für Probleme sorgt… oder vielleicht zu vernachlässigen und nciht wichtig ist… ist eine Menge Arbeit. Du scheinst da schon einen sehr weiten Weg gegangen zu sein.

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      3. Neurodiversität ist ein unendliches Spektrum, die angeführten Beispiele umfassen noch nicht mal einen Bruchteil der Oberfläche. Sich dort irgendwo zu einhundert Prozent einzuordnen, bedeutet einen Weg zu gehen, der zu Lebzeiten wohl kaum beschritten werden kann. Denn im gleichen Atemzug müssten sich auch alle anderen einordnen, selbst jene, die keine Ahnung haben. Der leichteste und zugleich schwerste, aber machbare Weg ist es, sich selbst zu lieben. Auch das, was man so dringend loswerden will. Klingt komisch, aber die Depressionen als einen eigenwilligen und zugleich merkwürdigen Freund zu betrachten, macht es leichter.

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      4. Da hast du recht, Amy… was meine Depressionen an solche angeht, hat mich dieser Umgang mit mir auch weitergebracht. Der Teilbereich Wahrnehmung ist trotzdem noch mal ein eigener… Manches davon habe ich reflektiert, mich damit beschäftigt… aber alleine schon die klare Erkenntnis „ich nehme wegen der Depressionen anders wahr, als die anderen Kinder“ ist ein großer Schritt. Um ehrlich zu sein, habe ich das nie so benannt.

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      5. Dieser Schritt klingt sehr schön und auch erleichternd zugleich. Zur veränderten Wahrnehmung mit/während/aufgrund von (chronischen/rezidivierenden) Depressionen gibt es sehr viele Bücher. Ob und wie gut diese sind, weiß ich leider nicht. Wenn man Literatur hinzuziehen möchte, ist es ratsam, zur neutralen Fachliteratur zu greifen. Ich denke aber, dass dort nicht mehr vieles steht, was du nicht bereits weißt, selbst wenn du manches davon noch nicht bewusst weißt. Aber auch diese Reise kann Spaß machen und die Aussicht ist es allemal wert. 🙂

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      6. Vielleicht eine gute Idee… danke für den Tipp… ich denke, die auseinandersetzung wäre ein guter schritt weiter. Es ist eh Zeit, mir wieder einige Gedanken zu machen. Eine ReHa wäre evl. fällig und langsam eine neue Therapie.

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  3. Die Sache mit den Blumen finde ich sehr interessant. Es ist doch so, dass man nur weil man in der Lage ist, die verschiedenen Ebenen wahrzunehmen noch nicht weiß, auf welcher sich das Gegenüber gerade befindet.

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  4. So ergeht es aber auch NT’s.
    Ich sage auch öfter mal dieses oder jenes gefällt mir, ohne es besitzen zu wollen.
    Mir reicht es oft schöne Dinge anzusehen, mich daran satt sehen, ich muss und will nicht ständig etwas kaufen. Aber der Gegenüber missversteht es oft, je nachdem wer mich begleitet kommen dann Sätze wie: Wo willst du es hinstellen, Hast du mal auf den Preis geschaut, Warum kaufst du es dir nicht einfach, Nicht schon wieder, usw…

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    1. Ein NT weiß jedoch intuitiv auf allen 4 Ebenen zu kommunizieren. Das dort auch Missverständnisse entstehen können ist klar (dies ist kein Modell speziell für Autist:innen). Autist:innen kommunizieren intuitiv aber nur auf der Sachebene. *kommunikation unter Neurodiversen bzw. Autisten.

      Dieses Modell zu beschreiben fiel mir bereits schwer (im Zuge meiner Ausbildung hatte ich einige Psychologie-Stunden, darunter auch dieses Thema), daher muss ich es wohl ein wenig erklären können. In der Kommunikation mit anderen Menschen ist es jedoch so, dass ich oft nicht verstehe, was der andere in diesem Moment meint, was er von mir will. (Wie eine fremde Sprache). Beziehe ich die Antworten auf die Sachebene, ergeben sie keinen Sinn.

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