Autismus Erfahrung

Autismus Erfahrung: Gastbeitrag meines Partners / zusammenleben mit einer autistischen Person

Kleines Vorwort von mir, der autistischen Person. 😉 Es folgt ein Beitrag meines Partners, den ich, man erkennt es gewiss am Schreibstil, nur sehr wenig bearbeitet habe. Nur mal hier und da n Komma verteilt, wo es mir hübsch erschien. Also keine Zensur. 😉 Komme mir ein bisschen vor, wie ein Monster. Aber n liebenswertes. Ich hab mich jedenfalls lieb, ha! Ich verlinke seinen Blog HIER, damit ihr ihn stalken oder persönlich bemitleiden könnt, wenn ihr wollt. Scherz. Nun zitiere ich noch Eric Cartman: „Ich habe die Regeln nicht gemacht, ich habe sie mir lediglich ausgedacht.“ und überlasse das Feld:


Zu Anfang weiß ich nicht, was ich schreiben soll, bzw. wie ich beginnen soll, wobei mir vorher zig Gedanken und Begebenheiten im Kopf herum geschwirrt sind. Nun denn, fangen wir einfach mal an.

Leute meiner Generation (60er) denken automatisch beim Wort Autist/in an den Film „Rain man“ mit Dustin Hoffman, der Ende der 80er Jahre den Autismus erstmalig weiten Teilen der Bevölkerung näher gebracht hat. Wobei natürlich nicht jeder Mensch der Autist ist automatisch eine Inselbegabung* hat, aber auch hier gibt es entsprechende Klischees.

Für jemanden, der bisher noch nie mit einem autistischen Menschen zu tun gehabt hat, geschweige denn mit jemand zusammen gelebt hat, kann das mitunter schon eine Art von Herausforderung sein, wobei ich dieses bitte grundsätzlich positiv verstanden haben möchte.

Es beginnt mit Kleinigkeiten bis hin zu Streitereien, die aufgrund von Missverständnissen oder einer jeweils anderen Sicht oder Bewertung des Vorgangs an sich, insbesondere am Anfang, häufig aufkommen können, was nicht ausschließt, dass auch nach Jahren des Zusammenlebens auf einmal ein Ereignis eintreten kann, was Ähnliches hervorruft.

Regel Nummer Eins im menschlichem Miteinander ist hier das Reden, das Zuhören, das Erklären und Regeln sind dazu da, um befolgt zu werden, denn nichts ist schwieriger für einen Menschen mit Autismus, wenn sich urplötzlich etwas ändert, etwas anderes ist und der Alltag anders verläuft. Sarkasmus und hintergründiger Humor sind lustig, aber wenn ich A sage und eigentlich B meine, dann noch mit C kokettiere, dann wird es sehr schwer mir zu folgen, also Finger weg davon. Das soll natürlich nicht heißen, dass jemand mit Autismus keinen Spaß versteht oder keinen Humor hat, aber direkt ist hier meist besser.

Im allgemeinen Gespräch passiert es mitunter, dass ich sage, dass ich etwas kenne oder etwas ähnlich empfinde oder erlebt habe, was dann vielleicht so aufgefasst werden kann, dass ich die Behinderung oder das Problem klein reden will, da ich es ja „kenne“. Das Problem hier ist, dass ich das Erlebte oder Gefühlte, das Erfahrene des autistisch veranlagten Menschen kaum nachvollziehen kann, daher versuche ich es mit angesprochenen Beispielen mir selbst bewusster werden zu lassen, oder meinem Partner damit zu zeigen, dass ich es im Ansatz begreife, was in keiner Weise eine Herabsetzung oder Verallgemeinerung sein soll, selbst wenn es der Partner in dem Moment so empfindet.

Daher wie oben bereits gesagt. Reden, Zuhören, Erklären, auch wenn sich natürlich in unserer Beziehung in den Jahren einiges einspielt und weniger Worte bedarf.

Es gibt Tage, da ist weniger mehr, daher ist es von Vorteil, in dem Gegenüber lesen zu können, sei es durch Körpersprache oder Ausdruck oder Wortwahl, selbst die Stimme an sich. Da werden keine Berührungen akzeptiert, da ist die Stimme zu laut, oder man ist am besten nicht da, denn selbst die körperliche Anwesenheit, auch in einem anderen Zimmer kann als störend, als Belastung empfunden werden. An diesen Tagen kann es Dir so vorkommen, als würdest Du in einem Minenfeld wandeln und wehe alles steht nicht an seinem gewohnten Platz oder es geschieht etwas Unvorhergesehenes, selbst wenn Du nichts dafür kannst. Dann ist Rot nicht Rot sondern Schwarz und Schwarz ist trotzdem zwischendurch falsch.

Manchmal bekommst Du etwas gesagt, das Dich verletzt, was Dein Gegenüber entweder nicht beabsichtigt hat, es als reine Tatsache ansieht (was mitunter auch so ist) und nicht verletzend gemeint hat oder die Aufnahme der Aussage bei Dir nicht mitbekommt, weil es ein Gefühl ist, welche DU empfindest, nicht Dein Partner. Mit der Zeit ist es zu verstehen, auch wenn es im Augenblick schmerzen kann.

Das hört sich vielleicht alles „schlimmer“ an, als es eigentlich ist, denn jeder von uns ist ein Mensch mit besonderen Fähigkeiten , Eigenarten, Eigenheiten oder Wesensmerkmalen, die wir am Partner lieben und JA, auch nach dem Wegfall der sprichwörtlichen „Rosaroten Brille“. Denn Du bist nun mit einem Menschen zusammen, der von Grund auf ehrlich ist, der Dir immer die Wahrheit sagt, der Dir nichts verschweigt und Dich so annimmt wie Du bist und dem Du garantiert einhundert Prozent vertrauen kannst und der Dir treu ist.

In dem Zusammenhang fällt mir ein Satz ein, warum die Menschen selten dass sagen was sie meinen und drum herum reden oder lügen – wie einfacher und direkter und ehrlicher wäre die Welt?
(Mitunter dann grausam – meine Meinung, auch wenn ich die Ansicht teile)

Wie ich die Partnerschaft, die „Beziehung“ oder das Zusammenleben auch bezeichnen mag, wenn ich jemals die Liebe beschreiben soll, dann ist es das, die Person mit der ich lachen und weinen kann, die von sich selber behauptet nicht romantisch zu sein und es doch in vielen kleinen Dingen ist, der ich absolut vertraue, die sich an alltäglichen Dingen begeistern kann, die mich jeden Tag aufs Neue berührt, die mich auch nach Jahren immer wieder überrascht, von der Du lernen kannst und die der Liebe eine eigene Definition gegeben hat – ebenso tiefgründig wie auch einfach und tausendfach fühlbar:

Ich hab Dich lieb… ♥

*noch einige kleine Anmerkungen von der autistischen Person: Eine Inselbegabung haben die wenigsten Autist:innen und nicht jede:r mit Inselbegabung ist Autist:in. Autismus kann von Minder- bis Hochbegabung vorliegen. Autist:innen haben ein oder mehrere Spezialinteressen, das kann jedes Thema betreffen.

Wie kann ich mit einer autistischen Person umgehen?

Lernen: Informiere dich über die Autismus-Spektrum-Störung. Bücher, Internet, oder du fragst direkt die autistische Person. Nicht stereotypisieren. Jede autistische Person ist individuell.

Grenzen respektieren: Manche ertragen zum Beispiel keine Berührungen (und weitere Reize). Die Sinneseindrücke werden anders verarbeitet, dringen zum Teil ungefiltert ein. Vergewissere dich, zum Beispiel durch Fragen/vorherige Ankündigung, dass es in Ordnung ist, was du tust. Und sei nicht böse, wenn die autistische Person zurückschreckt oder sich zurückzieht, denn wenn sie dich mag, dann nicht vor dir, sondern vor dem Reiz. Meide Gruppen, viele (oder unangenehme) Reize, damit sich die autistische Person besser auf dich konzentrieren kann.

Erwartungshaltung emotionale Reaktionen: Die autistische Person möchte höchstwahrscheinlich alles richtig machen, weiß aber ggf. nicht, welche Reaktion/Handlung angemessen ist. (reagiert möglicherweise unangemessen oder gar nicht)

Sei nicht böse, wenn die autistische Person Probleme damit hat, verbal über Gefühle zu sprechen. Diese sind selten sachlich und logisch. Finde andere Wege, individuell. Schriftlich, per Mail, poetisch, in Bildern oder vielleicht sogar körperlich. Es gibt Autist:innen, die die Liebe in einer Partnerschaft an der Häufigkeit von Sex berechnen (als Beispiel). Es ist also vieles möglich.

Klare Sprache: Spreche deine Bedürfnisse oder deine Wünsche klar aus. Generell, sprich mit der autistischen Person, dann weißt du in der Regel, woran du bist (die autistische Person ist in der Regel direkt und ehrlich). Sei auch du ehrlich und direkt. Wenn du Hilfe benötigst, bitte sie darum und jammere nicht. Gib der autistischen Person Zeit für eine Antwort.

Autismus Erfahrung: Pause bis November / Planung

Ich merke in letzter Zeit, dass es mich mehr und mehr auslaugt, darüber zu schreiben. Für den heutigen Beitrag habe ich einen halben Tag gebraucht, ich bin da sehr unkonzentriert. Parallel bearbeite ich weitere Themen, recherchiere ohne Punkt und Komma, tausche mich aus, befrage und höre nebenbei auch sehr viel in mich selbst hinein. Das wird anstrengend und das macht sich bemerkbar. Deshalb lege ich eine Pause bzgl. der Autismus Beiträge ein. Im November wird es weiter gehen.

Bis dahin werde ich die Beiträge durchsehen und diese übersichtlicher gestalten. Mir war zu Beginn nicht klar, dass es so viel werden würde und dass inzwischen auch einige Menschen über Google oder sonst wie auf meine Beiträge stoßen. Es fühlt sich gerade daher auch etwas gezwungen an. Und das möchte ich nicht. Dennoch finde ich das ganz toll und ich möchte weiterhin aufklären. Bzw. versuchen ein wenig zu erklären – aus meiner Sicht…ich bin ja nicht vom Fach. Und es handelt sich auch nicht um ein Spezialinteresse. Meine Erwartungen an mich selbst sind einfach immer so schrecklich hoch und dann werde ich mir selbst nicht gerecht.

Ich nenne weitere Themen, welche dann ab November hier zu finden sein werden.

  • Autistischer Burnout. Ein extrem breites Thema. Die Infos im Netz sind überwiegend Müll. Trotzdem eines der größten Themen und sehr wichtig. An dem Beitrag arbeite ich bereits seit mehreren Wochen und es nimmt kein Ende. 😉
  • Sexualidentität und Sexualität
  • Emotionale Nähe und Distanz
  • Ungesteuerte Stims
  • mögliche Psychische Erkrankungen (dazu wird es mehrere Beiträge geben)
  • Therapie
  • Suizidgedanken

An diesen Beiträgen arbeite ich bereits. Wenn euch weitere Bereiche interessieren, ungeklärte Fragen (da gibt’s keine dummen Fragen) bestehen, Unsicherheiten an euch selbst oder im Umgang mit Betroffenen oder schlichtes Interesse an irgendetwas besteht, schreibt mir dies gern über Insta (- über den öffentlichen „amygoesvegan_“, der andere Account ist privat und ich nehme dort derzeit keine Anfragen an) oder per Mail (per Mail dauert es länger mit einer Antwort)

Autismus Erfahrung: Routine und Struktur

Ein kurzer Beitrag zum Thema Routinen und Struktur – und wie das bei mir so ist.

Oft wird vermutet, dass Autist:innen eintönig sind, dass der Tagesablauf immer gleich ist, wegen der Routinen. Dem ist aber nicht so. Insbesondere dann nicht, wenn sich zum Autismus noch AD(H)S gesellt. Oder psychische Erkrankungen (Depressionen, PTBS, etc.) Vielen Autist:innen fällt es nicht schwer, Routinen zu entwickeln, meistens kommt das ganz von selbst. Sie sind da und dann wird das so gemacht. Und da sich das Leben bewegt, wandelt, bewegen sich auch die Routinen. Meist nicht so oft, weil Veränderungen nicht so leicht zu bewältigen sind, aber gelegentlich kommt das vor.

Routinen („Gewohnheiten“) bieten Sicherheit im Alltag und schützen vor einer Reizüberflutung. Wenn diese mal nicht eingehalten werden können, wird darauf unterschiedlich gestresst reagiert. Kommt da auch stark auf die Wichtigkeit der Routine an.

Sie haben jedoch im Grunde nicht viel mit der Struktur („Zusammensetzung aller Bestandteile“) im Alltag zu tun. Eine geordnete Struktur selbstständig zu entwickeln und auch ohne Unterstützung umzusetzen ist für die meisten Autist:innen oftmals unmöglich. Mir ist auf jeden Fall noch kein Autist begegnet, der das ohne fremde Hilfe reibungslos und langfristig geschafft hat. Trotzdem ist so etwas sehr wichtig – unter Einbindung der Routinen. Ein strukturierter Alltag kann zum Beispiel darin bestehen, immer zur Selben Zeit aufzustehen und zu Bett zu gehen. Und dazwischen eben die anfallenden Tätigkeiten – Beruf, Nahrungsaufnahme, Körperpflege, etc. zu festen Uhrzeiten. Manche können das mit Erinnerungstafeln, oder einer App.

Ich persönlich habe fast gar keine Struktur im Alltag, außer an den wenigen Tagen, an denen ich arbeite. Zwar stehe ich meist sehr früh auf und gehe spät zu Bett und mache oft die Selben Dinge, meinen Routinen und Interessen entsprechend, aber eine Struktur ist da nicht. Meist bin ich irgendwo auf nem anderen Stern. Das sorgt jedoch immer für einen gewissen Stresspegel. Ich bin jedoch ein Mensch, der sich kaum etwas sagen lässt, ein Freigeist, höflich ausgedrückt. Zu ehrlich, egoistisch und Arschloch mit viel Herz würde aber auch passen. Vielleicht weil ich sehr lange bevormundet und „unterdrückt“ wurde. Für die Dinge, die ich mag, hab ich quasi immer Pläne im Kopf, damit ich „spontan“ all die tollen Sachen tun könnte. Und wenn AD(H)S kickt, bin ich noch dazu sehr impulsiv. Für die Autistin in mir ist das alles sehr anstrengend, weshalb ich, wenn ich ein Smartphone wäre, immer nur so 10% geladen bin.

Eine vorgegebene Struktur würde mir also theoretisch helfen, wenn ich diese denn zulassen würde. Ich halte mich eben an meine kleinen Routinen und an sehr viel Zeit/Ruhe für mich.

Autismus Erfahrung: zum „weiblichen Autismus“ in sexistischer Gesellschaft

Die Diagnosekriterien sind nicht abhängig vom Geschlecht. Die zentralen Kriterien, auch „Symptomtrias“ genannt, die immer gegeben sein müssen sind: Stereotypes und repetitives Verhalten/Bewegungen, eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit/Sprache, eingeschränkte soziale Interaktion/zwischenmenschliche Beziehungen.

Und das ist durchaus korrekt so, ebenfalls wissenschaftlich belegt. Gut und schlecht. Warum? Und warum werden Frauen dann seltener und oft erst spät diagnostiziert? Nun, weil Fachärzte (jetzt hackt sie wieder auf den Fachärzten herum ;-)) oftmals noch im Zeitalter von Hans Asperger feststecken. Denn selbstverständlich können (nicht müssen) diese drei Kriterien, welche erfüllt sein müssen, ganz unterschiedlich in Erscheinung treten. Und Frauen sind da schlichtweg unsichtbarer. Und das liegt am Frauenbild, an dem, was von Frau eben so verlangt wird. Klar, das Bild von der braven Hausfrau hinterm Herd ist nicht mehr so häufig präsent, aber das muss es auch gar nicht.

Es genügt, dass Mädchen eher wohlerzogen wirken müssen, während Jungs eben auch mal Jungs sein dürfen. Wenn ein Mädchen ausflippt, dann ist es ne kleine Zicke. Wenn ein Junge ausflippt, ist er eben ein Junge, der mal Junge sein darf. In Erziehungsthemen bin ich nicht allzu bewandert, das was ich aber am Rande so mitbekomme ist, dass sich dieses gerade hier und da ändert.

Die erwachsenen Frauen haben das aber noch so gelernt. Man nimmt zum Beispiel in Fachkreisen an, dass sich Spezialinteressen auf Naturwissenschaften beziehen (müssen), bzw. auf andere (typische) Männerdomänen (klassisch auch Programmierer, IT-ler). Und so könnte es zum Beispiel sein, dass eine Autistin den ganzen Tag näht, sich schminkt und die perfekte Bügelstrategie entwickelt. Klingt scherzhaft, ist aber absolut möglich. Weibliche Autisten sind häufig im künstlerischen Bereich anzutreffen, so auch ich. Wobei ich persönlich auch nicht an der typischen Naturwissenschaft vorbeigekommen bin. In unserer sexistischen Gesellschaft ist es aber eben oft noch so, dass Männer dieses ausleben können, frei darauf hinarbeiten können, auch beruflich, während Frauen lieber was anderes machen sollen. Am besten etwas, was Raum für Kinder lässt. Schließlich sind Frauen unterm Strich dafür da.

Ja, das erlebe ich oft. Geschockte Menschen, die es nicht verstehen können, dass ich kein Interesse daran habe, einen Stall voll Kinder zu hüten. Man ist als Frau tatsächlich ein bisschen weniger Wert.

Mir sind schon einige autistische Mütter begegnet, die ihre Kinder selbstverständlich lieben und sich gut um sie kümmern, aber kaum mehr Zeit mehr für sich selbst haben (und vielleicht für Interessen, die nicht „typisch weiblich“ sind. Für eine Autistin kann das sehr zermürbend sein. Und genau das interessiert dann kaum jemanden, denn sie hat ja ihren Soll erfüllt. Natürlich gibt es auch Autist:innen mit Kinderwunsch, vielleicht sogar als (weiteres untypisches) Spezialinteresse, und selbst für mich wär’s inzwischen wohl ok. Aber eben nur ok.

Für männliche Diagnostiker, bzw. für Diagnostiker:innen, die sich am typischen (männlichen) Autismus orientieren, ist dieser weibliche Autismus eben aufgrund unserer sexistischen Gesellschaft oft nicht leicht zu erkennen. Weil es anders aussehen kann. Zum Beispiel statt „ausflippen/rumschreien“ (Jungs) „schweigen/Schüchternheit“ (Mädchen)

Trotzdem müssen die oben genannten Symptomtrias vorhanden sein. Wie auch immer sie in Erscheinung treten.

Autismus Erfahrung: In der anderen Welt

Viele Autist:innen spielen gern Videospiele oder begeben sich in irgendeine andere beliebige Welt, in der sie erfolgreich sein können. Und das macht Sinn. Denn als Autistin mache ich, wann immer ich aus meiner Welt in die Welt begebe, die ihr wohl als „echte“ Welt bezeichnen würdet, die Erfahrung, nicht hineinzupassen. Dementsprechend bleiben Erfolge aus. Und auch ein autistisches Gehirn reagiert positiv auf Erfolgserlebnisse.

In Videospielen wäre das zum Beispiel das Aufsteigen in Levels, das schaffen von schwierigen Stellen im Spiel. Nun, ich spiele nicht mehr so oft Videospiele. Aber auch bei Brettspielen oder Kartenspielen bin ich eine wahnsinnig schlechte Verliererin. Als Kind, Jugendliche endete ein Spiel, wenn ich verloren habe, stets in einem Wutausbruch. Inzwischen kann ich gut so tun, als ob ich verlieren könnte. Ich bin aber noch immer eine schlechte Gewinnerin.

Die eigene Welt ist nahezu perfekt eingerichtet und an die eigenen Bedürfnisse angepasst. Soziale Kontakte sind zwar wichtig, aber ich persönlich kann darauf weitestgehend verzichten. Eben weil alles da draußen irgendwie in einem sozialen Kontakt endet. Na, selbst einkaufen beinhaltet ein oder zwei ausgetauschte Worte.

In der eigenen Welt, oder eben in Videospielen, gibt es klare Regeln, es funktioniert dort so und nicht anders. Manches Videospiel könnte ich mit verbundenen Augen ohne Probleme durchspielen. Es funktioniert immer gleich. In dieser echten Welt verstehe ich gar nichts und das kann ich allenfalls gut vertuschen. Die Menschen darin verhalten sich wahnsinnig willkürlich.

Und als Autist hat man dann die niemals endende Aufgabe, im Kopf für jede Eventualität einen Plan zu haben. Das ist unfassbar anstrengend. Und nach außen wirkt man dann wieder meistens ganz normal. Was ebenfalls anstrengend ist. Menschen bewegen sich kreuz und quer, fühlen heute dies und morgen was ganz anderes. Dann ist wieder jemand sauer auf mich, weil ich irgendwas getan oder nicht getan habe. Und dann redet man mit jemandem, der sagt: „schau mir in die Augen, wenn ich mit dir rede.“ Und am Ende steht man als dummer Mensch da. Dabei funktioniert man einfach nur anders.

In dieser neurotypischen Welt kann ich mich sehr schwer selbst einschätzen. Da gehe ich generell vom Schlimmsten aus. Das ist kein schönes Gefühl. Ich verstehe nicht, was richtig oder falsch ist in der Kommunikation allgemein. Menschen senden Signale, die ich nicht verstehe. Und dann wieder ganz andere. (btw: ein eigens programmierter Roboter wär n toller Freund.)

Ein großer Teil dieser anderen Welt ist bei mir das Schreiben. Aber da hat jede/r Autist/in andere Vorlieben.

Menschen neigen in der Regel nicht dazu, Dinge ausführlich zu erklären, Dinge einfach zu sagen und schon gar nicht dazu, systematisch zu funktionieren. Sie sind eben willkürlich und meistens nicht 100% ehrlich. Es ist leichter in diese andere Welt zu gehen, statt in dieser „echten“ Welt, in der scheinbar nichts funktioniert. Und ich sage zwar, dass ich Menschen hasse, aber so richtig stimmt das nicht. Ich verstehe sie nur einfach meistens nicht, obwohl ich das gern würde. Und genauso hätte ich es manchmal gern, dass mich jemand wirklich begreift.

(Trotzdem habe ich die Schwächen ausgekundschaftet, falls mein Heimatplanet ein Raumschiff entsendet, das mich abholt. ;-))

Soziale Interaktionen sind also selten von Erfolg gekrönt. Und deshalb ist die eigene Welt so viel schöner. Nun, ob das so gesund ist? Ja und nein. Es kommt drauf an. Denn manchmal muss man in die „echte“ Welt, man muss dort funktionieren. Bei den einen klappt das besser, bei den anderen schlechter. Als jemand, der extrem viel in der eigenen Welt ist kann ich aber sagen, es ist nicht immer schön, dort sein zu müssen. Manchmal ist es einfach nur leichter – erfolgreicher. Für mich ist meine Welt eine echte Welt, die Welt da draußen gleicht eher einem Haufen von Falschheiten, einem Kasperletheater. Was anderes ist mir jedenfalls noch nicht langfristig begegnet.

Aber ich sehne mich zumindest nach dieser echten Welt, die beständig funktioniert (im Bezug auf Menschen und alles was einen Menschen ausmacht) und eine Sprache spricht, die ich verstehe. Ich könnte mir aber auch ein fliegendes Spaghettimonster wünschen. Ist ja quasi das Selbe. 😉

Autismus Erfahrung: Kurzfilm(e) zur autistischen Wahrnehmung

Ich richte diesen Beitrag vor allem an Menschen, die nicht autistisch sind. Ich halte es sehr einfach und kurz, ihr müsst nicht lesen, nur zuschauen. Es handelt sich um drei sehr kurze Kurzfilme. Ich küsse eure Herzen schon, wenn ihr nur ein Video anschaut. Wenn kurz hingeschaut wird. Wenn es nicht egal ist. Denn genau das ist oft das Gefühl. Egal zu sein.

Hier finde ich das Ende sehr einfühlsam. Die Wahrnehmung ist hier aber auch mit am besten dargestellt.
Hier kann man sehr gut sehen, weshalb so oft gesagt wird: „du siehst ja gar nicht autistisch aus“. Dabei ist es so unglaublich anstrengend, einen Tag, jeden Tag, irgendwie herumzukriegen. Autisten haben übrigens ein erhöhtes Risiko (6x so hoch) Suizidgedanken zu entwickeln.

Autisten sind nicht schlecht erzogen. Es ist einfach nur alles zu viel.

Ich brauche keine sozialen Kontakte. Ich bin viel glücklicher ohne. Bin glücklich in meiner Welt. Und genau das finde ich sehr traurig. Ich wäre gern sicher und zufrieden in der Welt da draußen.

Autismus Erfahrung: „Du siehst ja gar nicht autistisch aus.“ – Na irgendwie doch.

Diesen Satz hat jede/r Autist:in schon mal gehört. Genau so, oder in ähnlicher Form. Und darauf stellt sich dann die Frage, wie man denn autistisch aussieht?! Es ist eben eine Behinderung, die man nicht sehen kann. Und genau dazu ist mir eine Theorie eingefallen, weil ich Nachts offenbar nichts besseres zu tun habe, als darüber nachzudenken. 😉

Denn ich finde, man sieht sehr wohl autistisch aus. Damit ist nicht das Aussehen gemeint. Aber ein Mensch ist mehr, als sein Aussehen. Man besteht aus Mimik, Gestik, aus nonverbaler Kommunikation, na und auch aus verbaler Kommunikation. Man kleidet sich, man trägt seine Haare irgendwie, man bewegt sich durch den Alltag. Und man wirkt auf seine Umgebung, auf seine Mitmenschen. Und genau das ist der Punkt. Nicht nur andere Autisten erkennen häufig ihre „eigene Spezies“, auch die nicht autistischen Menschen da draußen erkennen uns. Erkennen uns als etwas, das irgendwie anders ist, anders funktioniert.

Ich erlebe es selbst häufig, höre das selbe aber auch oft von anderen Autist:innen: Wir können Menschen begeistern, faszinieren, oftmals in einem Bereich, in dem wir sehr gut sind. Meist dann ein Spezialinteresse betreffend. Nur dreht sich nicht jeder Kontakt ausschließlich um dieses Interesse. Die meisten Autist:innen haben Erfahrung damit, gemobbt zu werden (Schule oder Arbeitsplatz), irgendwo im Alltag schlecht behandelt zu werden, unfair, unverstanden/missverstanden. Oft ist es dann so, dass es dafür gar keinen genauen Grund gibt, oder man als Autist:in diesen nicht versteht.

Gewissermaßen sieht man also eben doch autistisch aus. „Du guckst aber böse“ – nein, ich konzentriere mich nicht auf meine Maske, sondern auf das, was du sagst oder auf das, was ich mache. „Dein Verhalten (oder das was du sagst) ist rücksichtslos/böse/nervig“ – nein, ich rede darüber, wie ich die Dinge wahrnehme. Aber du kannst mir deine Wahrnehmung erklären. (Dazu kommt es oftmals nicht, weil man nach meiner Erfahrung schnell ‚unten durch‘ ist). Geschlechterrollen ergeben für viele Autist:innen keinen Sinn, einige sind sogar nicht binär oder sonst wie Queer (dazu werde ich einen Beitrag schreiben). Äußerlichkeiten entsprechen oftmals nicht der Norm, dem, was der Gesellschaft gefällt oder was sie von einem erwartet.

Irgendwie fällt man auf, auf die ein oder andere Weise. Meine Behinderung wird für andere Menschen sichtbar, sobald ich den Mund aufmache und Wörter rauskommen, mich unmaskiert zeige, mich bewege, kommuniziere. Und sie eckt schnell an, sobald diese Wörter nicht mein Spezialinteresse betreffen. Dann braucht man dieses Fingerspitzengefühl, diese Empathie, die gar nicht so leicht zu erlernen ist. Im Allgemeinen ist das Verhalten, das Auftreten oft nicht der Norm entsprechend, nicht angebracht, unpassend, unhöflich, etc.

Die Leute denken wohl nicht „Ah, die ist autistisch“, sie denken eher, „die komische Person“ (etc.). Man sieht also irgendwie autistisch aus, obwohl man ja gar nicht autistisch aussieht. 😉

Autismus Erfahrung: wütend und erschöpft.

Ich renne keinem Menschen hinterher. Und ich interpretiere nichts mehr. Außerdem frage ich nicht mehr. Ich bin das alles so unfassbar leid! Dieses ständige Schweigen anderer Menschen, dieses durch die Blume quasseln, während in mir ein einziger Widerspruch ankommt. Ich bin es so unfassbar leid! Das kann ich gar nicht deutlich genug machen. Ich mache das nicht mehr mit! Ständig sehe ich über solcherlei Dinge hinweg und denke, na ja, die sind eben so. Und ich nehme Menschen generell so, wie sie sind. Keine Frage. Nur muss ich mich nicht länger diesem Kreislauf aussetzen. Was zum Henker kann ich für die Unsicherheit von Anderen? Und haben die auch nur mal eine Sekunde darüber nachgedacht, was da helfen kann? Muss man denen alles vorkauen? Ich meine das ganz allgemein, trifft auf die meisten Menschen zu, mit denen ich im Leben Kontakt hatte. (Ich sollte meine Kontakte noch kritischer beäugen.) Selbstverständlich verstehe ich Unsicherheiten, ich verstehe Angst, verstehe Sorgen oder Bedenken. Jeder hat das. Aber dafür gibt es tatsächlich ein Rezept, welches immer funktioniert: Reden, direkt, kurz und möglicherweise sogar schmerzlos. Im Dialog mit mir eigentlich sogar immer schmerzlos, sofern man mit Ehrlichkeit umgehen kann.

Ich verstehe einfach nicht, warum Menschen nicht einfach ihren Mund aufmachen, direkt sagen, was sie beschäftigt (das Zwischenmenschliche betreffend). Klar, man möchte nicht alles sagen. Das muss und sollte man auch nicht. Aber diese wichtigen Dinge, die einen beschäftigen und zudem leicht gelöst werden könnten, wenn man sich nicht selbst im Weg stehen würde? Ich kann einfach nicht mehr darüber hinwegsehen, wenn Menschen von mir erwarten, dass ich ihre Gedanken lesen und korrekt interpretieren kann. Das alles macht mich schrecklich müde und wütend zugleich. Vermutlich verstehe ich auch einfach dieses ganze Konzept Kommunikation nicht. Die Kommunikation von nicht-autistischen Menschen. Ich verstehe es nicht und bin ganz umsonst wütend und erschöpft. Ich denke trotzdem, dass es unterm Strich sinnvoll ist, wenn mir das ganze einfach Piep-egal ist. Ich sage, was ich will, scheiße gelegentlich auf meine antrainierte Empathie und lasse die Menschen, wie sie sind. Ich renne niemandem hinterher, arbeite keine Fragenkataloge mehr ab, nur um zu erfahren, was man auch direkt hätte sagen können. Und ich interpretiere nichts mehr in widersprüchliches Verhalten hinein. Sollen die halt selbst damit klarkommen. Ich sehe nicht mehr darüber hinweg. Ich drehe mich um, damit man mir den Buckel runterrutschen kann. (Das war nett ausgedrückt, aber ich meine eigentlich das Ding mit am Arsch lecken).

Ich bin es so leid mir Gedanken zu machen, peinlichst genau darauf achten zu müssen, bloß alles „richtig“ zu machen, „richtig“ zu reagieren, obwohl ich gar nicht weiß, was in diesen individuellen Fällen „richtig“ ist. (S.o.) Ich bin einfach nur noch erschöpft davon.

Autismus Erfahrung: zum verzweifeln

Ich verzweifle ziemlich an der Kommunikation mit anderen Menschen. Genauer geht es mir hier um die Menge und zweitrangig auch um den Inhalt. Es ist mir noch nie passiert, obwohl ich grundsätzlich darauf hinweise, dass man mir sagt, wann ich zu viel oder zu wenig rede/erzähle/schreibe. (Nur das ich ständig ins Wort falle oder Menschen nicht ausreden lasse, das wird mir ab und zu gesagt) Und für mich da auf ein angemessenes Maß zu kommen, ist nahezu unmöglich, denn jeder Mensch definiert dieses „normal“ für sich anders. Nun kommunizieren die Menschen das aber nicht, nein, ich sollte das intuitiv wissen. Einen Scheiß weiß ich. Ja, mich macht das wütend. Weil es so leicht wäre, diese Barriere etwas zu erleichtern, indem man mir sagt, wie die Kommunikation angenehm empfunden wird.

Nun arbeite ich gerade daran, keine Fragen zu beantworten, wenn danach nicht gefragt wurde. Sprich: frei erzählen. Ich merke aber, dass auch das nicht gut zu sein scheint und es wirkt wohl desinteressiert, wenn man nicht frei erzählt (oder auch auf Fragen nur knapp antwortet). Dann ist man wütend (oder irgendwas) auf mich, obwohl ich gar nicht weiß, was ich überhaupt mache. Diese Direktheit/Ehrlichkeit ist aber auch nicht gut, selbst wenn ich sie versuche so emphatisch wie möglich zu verpacken. Da verstricke ich mich in Gedanken, zerdenke jedes Wort mehrfach und das, was dann dabei herauskommt, scheint auch oft falsch zu sein.

Ich bin im Grunde an einem Punkt, an dem ich gar nicht mehr mag, mit Menschen zu reden, weil man es ihnen ohnehin nicht recht machen kann. Was zu viel oder zu wenig ist begreife ich nicht. ‚Sag mir einfach was du hören willst, dann sage ich es dir.‘ Das scheint mir die leichteste Variante zu sein. Die ist aber auch nicht gut. Außerdem habe ich darauf keine Lust. Es kann doch nicht so schwer sein, direkt zu kommunizieren, was einem nicht passt. Das vermeidet Missverständnisse und man kann einen Mittelweg finden, den beide Kommunikationspartner gut finden (oder eben nicht).

Zweitrangig kommt dann noch zu viel oder zu wenig Information hinzu. Seien es nun persönliche oder nicht persönliche. Fragen werden nur extrem selten präzise gestellt und ich weiß kaum, was ich antworten soll. Das ist wie die Frage „wie geht’s dir?“ Ich kann sagen „gut“, oder einen zweistündigen Monolog halten.

Was aber auch noch etwas ist, das mich wütend stimmt. Menschen sind oftmals so verlogene Viecher. Sie erzählen keine Wahrheit und wollen keine Wahrheit hören. Wozu dann überhaupt reden? Ja, ich bin wirklich an einem Punkt, an dem ich mit niemandem mehr reden will, dieses ganze zwischenmenschliche ist das Kraftraubendste überhaupt. Ganz egal wie viel ich darüber lese und stets versuche korrekt (UND in meinem Sinne) zu reagieren, am Ende bleibt es individuell und ich mache gefühlt alles falsch. Den Quatsch kann ich mir sparen.

Autismus Erfahrung: Noch mal etwas zur Kommunikation (zwischen autistischer und nicht-autistischer Person)

Gestern habe ich etwas gesehen, das mir zuvor noch nie an mir oder an anderen aufgefallen ist. Ein Video. Es geht um die Kommunikation zwischen einer autistischen Person und einer nicht-autistischen Person. Ich habe mal reflektiert und festgestellt, dass mich das auch sehr häufig betrifft. Bisher hatte ich das gar nicht bewusst wahrgenommen.

Wenn mir eine nicht-autistische Person eine Frage stellt, antworte ich oft sehr ausufernd. Natürlich nur, wenn ich gut über die mir gestellte Frage informiert bin. Meistens handelt es sich um medizinische Fragen, die werden mir recht oft gestellt. Aber auch auf andere Fragen antworte ich offenbar oft zu ausführlich. Und manchmal bekomme ich als Reaktion so ein „war doch nur ne Frage.“ Oder das Sprichwort „musst doch nicht gleich krummer Hund zu mir sagen“ ist mir sehr bekannt. Ich bin dann eher irritiert, denn ich habe ganz normal geantwortet. Das Problem ist, wenn ich über etwas viel erzählen kann und es sich dann auch noch um ein Spezialinteresse handelt, maskiere ich kaum noch, die Stimme wird monoton und ich rede ohne Punkt und Komma. Ich will einfach alle Informationen herausgeben, die ich habe. Oft ist es so viel, dass ich Tage, gelegentlich sogar Wochen später das Thema aufgreife und meine Antwort ergänze.

Nun, und genau das kommt bei neurotypischen / nicht-autistischen Menschen manchmal nicht gut an. Meine Antwort wird so empfunden, als hätte ich mich durch die Frage angegriffen gefühlt (btw, ich nehme jede Frage gerne entgegen, nur brauche ich manchmal länger mit einer Antwort). Ich kann mich nicht daran erinnern, mich je durch eine Frage angegriffen gefühlt zu haben. Von offenkundig dummen Fragen bin ich jedoch gelegentlich genervt. Das sind dann so Fragen, für die ein wenig logisches Denken ausreicht, oder auch ein minimaler Blick in https://gidbf.com/

Das kommt aber sehr selten vor.

Neurotypische Menschen denken offenbar manchmal, dass ich mich mit einer Antwort quasi rechtfertige oder dass ich einfach klugscheiße. Kurze, oberflächliche Antworten scheinen besser anzukommen, aber sind die denn auch hilfreich? Dann hat man doch nicht viele Informationen. Ich verstehe das nicht. Wenn ich etwas wissen will, dann am liebsten alles und auf einmal. Und ich freue mich immer über Fragen, denn dadurch können sowohl Andere etwas neues erfahren, aber ich kann auch Lücken erkennen. Mein Partner fragte mich zum Beispiel gestern, was „sternum“ auf deutsch heißt. Das wusste ich mal, aber ich hatte es vergessen. Das war wieder ein kleiner Kurzschluss im Hirn. 😉 Hab natürlich umgehend nachgeschaut!

Okay, die Antworten sind nicht immer ausufernd, das Thema muss mich sehr interessieren und dann kommt es auch darauf an, wie viel Energie ich übrig habe. Aber sehr ausführliche Antworten kommen manchmal nicht gut an. Wieder was neues erfahren.

Ich mag trotzdem weiterhin persönliche oder allgemeine Fragen, am liebsten zu meinen Interessen. Und ich antworte weiterhin wie ich will. 😉

Autismus Erfahrung: Nonverbal

Sprechen, oder auch das Gesprochene von Anderen finde ich unfassbar kräftezehrend. Einem Gespräch zu folgen gelingt mir, je nach Thema, oftmals nur wenige Minuten am Stück. Es kommt immer darauf an, wie ich zu diesem Menschen stehe (ich habe nur zu wenigen Menschen einen Bezug, da brauche ich nicht mal eine Hand zum abzählen). Smalltalk ist dann noch mal schwieriger. Bei einem Gespräch innerhalb einer kleinen Gruppe (bis 4-5 Personen), kann ich gelegentliches Nicken beisteuern oder lächeln, wenn es die anderen tun. In mir verursacht das Ganze großes Chaos, Aufruhr. Bei fremden Menschen bin ich ganz raus.

Wenn ich mich so verhalten würde, wie es meine Natur vorgibt, würde ich den ganzen Tag hin- und her wippen und mich meinen 2 bis 3 größten Interessen zuwenden. Das zeigt mir jeden Tag, wie tief ich das Maskieren verinnerlicht habe. Zwar mache ich das recht viel, aber überwiegend, wenn ich allein bin. Und ich würde gar nicht reden.

Ich komme mir oft sogar dumm vor, wenn ich rede. Denn so wie ich rede, würde ich mich schriftlich nie ausdrücken. Wenn ich spontan reden (oder auch zuhören) muss, ist das wie eine Fremdsprache, die jemand anders, aber auch ich selbst spreche. Das, was ich denke, was ich schreiben würde, kommt aus meinem Mund aber im Vergleich eher gebrochen heraus, wenn es sich nicht gerade um eines meiner Interessen handelt (oder um antrainiertes).

Mein gewöhnlicher Alltag ist dementsprechend so nonverbal wie irgend möglich. Auch deshalb gefällt mir meine Arbeit allein im Nachtdienst. 90% schweigen und die übrigen 10% beinhalten eher kurze präzise Aussagen.

Gleichzeitig kann ich die nonverbale Sprache Anderer nur schlecht interpretieren, was die verbale Kommunikation wiederum sehr wichtig macht. Würden sich diese Anderen dann an kurze Sätze halten, würde es mir das Leben erleichtern und meine Energie sparen. Aber das ist oftmals nicht der Fall, weshalb ich Gesprächen eher ausweiche oder diese abbreche.

Es ist aber auch immer Tagesform abhängig, es kommt auf die Umgebung und den anderen Menschen an, auf mein Energielevel, die Situation, das Thema. Mit meinem Partner kann ich zum Beispiel relativ viel reden und gelegentlich sogar aufmerksam zuhören (erfordert aber sehr viel Anstrengung). An manchen Tagen rede ich möglichst gar nicht oder nur das Nötigste, manchmal bin ich nicht einmal in der Lage, eine Sprachnachricht anzuhören, geschweige denn eine zu versenden.

Nichtsdestotrotz habe ich ein hohes Mitteilungsbedürfnis, ich schreibe unfassbar viel, meistens schmerzen meine Hände davon (na ja und aufgrund meiner chronischen Erkrankung), aber das hält mich fast nie davon ab, zu schreiben. Am liebsten nur so für mich, denn mit anderen Menschen kommt wieder das Problem hinzu, dass ich ihr Verhalten, die Aussagen oder dieses „zwischen den Zeilen“ oft schlecht verstehe. Ein Fun Fact: Ich google meistens, wenn ich etwas davon nicht verstehe (kommt sehr oft vor) und vertraue dann einfach auf irgendwelche beliebigen „Brigitte“/“Cosmopolitan“ Ratgeber. So kann ich der Situation entgehen, eine Person fragen zu müssen, woraus sich ja schlimmstenfalls ein Gespräch ergeben könnte. Das schließt zwar die Individualität eines Menschen aus, nehme ich aber so hin. Hat bisher tatsächlich meistens gut geklappt.

Dennoch kann ich Gespräche auch genießen, schwer zu beschreiben, es kommt eben drauf an.

Ich nehme an, dass ich das Schreiben so bevorzuge, weil es im Vergleich sehr reizarm ist. Manchmal kann ich auch einfach nicht sprechen, nicht zuhören. Oft wird das dann mit Unhöflichkeit verwechselt. Denn die Menschen wissen meist, dass ich physiologisch durchaus in der Lage wäre, zu sprechen. Es wird dann gedacht „kann ich nicht bedeutet will ich nicht“. Dem ist aber nicht so. Oftmals handelt es sich tatsächlich um ein „nicht können“. Oder eben um das einsparen von Energie.

Mein Partner sagte jedoch mal, dass ich im Vergleich zu unseren Anfängen, inzwischen sehr viel rede. Wenn man jedoch zusammen lebt, muss man eben das ein oder andere besprechen. Und uns ist ja auch durchaus auf ehrliche Weise daran gelegen zu erfahren, wie es dem anderen so geht. (Diese Frage: wie geht’s dir“ mag ich aber nicht, 1. ist die meistens nicht ehrlich gemeint und mein „gut“ raubt unnötig Energie, 2. sollte die Frage doch ehrlich gemeint sein, könnte man diese auch präziser stellen…woher soll ich wissen, was die Person meint, wie soll es mir denn bei was wo gehen?!)

Autismus Erfahrung: Auto- und Fremdaggressives / (emotional) verletzendes Verhalten

Nur kurz zu physischen Verletzungen:

Es ist durchaus möglich, dass Autist:innen sich selbst und/oder andere körperlich verletzen könnten. Wie immer ist das individuell zu betrachten. Das geschieht niemals in böser Absicht, sondern resultiert meist aus einer Überreizung. Z.B. wenn ein Autist eine Berührung nicht möchte und dies, sofern möglich, auch schon verbal geäußert hat. Man könnte also sagen, dass dieses aggressive Verhalten sich selbst oder anderen gegenüber eine Schutzhandlung ist, eine Abwehrhandlung. Vor allem gegen das Aufzwingen von Reizen. Aber auch wenn etwas (aus der Wahrnehmung des Autisten) falsch gemacht wird, kann das zu aggressiven Handlungen führen. Das ist jedoch stets der letzte Ausweg, ein Versuch von Kommunikation, wenn jeder andere Versuch gescheitert ist. Häufig kommt dieses Verhalten während oder kurz vor einem Meltdown vor (z.B. auch um diesen zu verhindern).

Die Absicht ist dabei niemals, sich selbst oder andere ernsthaft zu verletzen. Ein Autist würde also nicht entspannt losgehen, sich gezielt ein großes Messer suchen und sich selbst oder jemand anderen damit abstechen. Das Verhalten ist affektiv. Sich selbst oder andere beißen, kratzen, stoßen, um sich schlagen, mit Gegenständen werfen, Gegenstände zerstören. Fremdaggressives Verhalten kommt deutlich seltener vor, als Autoaggressives. Es genügt im Grunde schon, ausreichend Abstand zu halten, wenn ein/e Autist:in derart Reizüberflutet ist.

Ich persönlich handle gar nicht Fremdaggressiv, weil ich gelernt habe, mir selbst den Abstand zu verschaffen. Und auch das Autoaggressive Verhalten konnte ich auf ein Minimum reduzieren. Darauf bin ich sogar recht stolz, denn in dieser Hinsicht bin ich sehr lange sehr schlecht mit mir selbst umgegangen. Hilfreich können verschiedene Stims sein. Für mich war auch eine Verhaltenstherapie hilfreich.

Unterm Strich sind Autist:innen vollkommen ungefährlich, sofern man ihren Bedürfnissen nachkommt. Bei Autist:innen, die nicht sprechen können, gestaltet sich das entsprechend schwierig. Als Faustregel kann man aber sagen, dass ein Bedürfnis in jedem Fall Ruhe / reizarme Umgebung ist.

Interessanter sind da die emotionalen Verletzungen.

Es ist ein Irrglaube, welcher von nicht-autistischen Menschen über Autist:innen angenommen wird, sie würden es nicht merken, wenn andere Menschen durch ihr Verhalten verletzt sind. Viele Autist:innen spüren dies sogar deutlich intensiver, als nicht-autistische Menschen. Es sind einfach nur die altbekannten Kommunikationsschwierigkeiten. Für Autist:innen ist es (unterschiedlich) schwer, die eigenen Emotionen/Gefühle, bzw. die der anderen Menschen zu interpretieren und dann auch noch zu verbalisieren. Nichts ist so schwer zu definieren wie Gefühle. Oft ergeben sie keinen Sinn, oder es ist das reinste Durcheinander. Falsche Höflichkeiten sind beliebt, für einen Autisten aber vollkommen nutzlos und fern jeder Logik (außer im Umgang mit Behörden vielleicht). Daher sage ich öfter mal Sachen, die verletzend sind. Dafür entschuldige ich mich aber auch nicht, weil ich es ja so gemeint habe.

Wenn ich zum Beispiel meinen Partner frage, ob mein Hintern fett in der Hose aussieht und er mit nein antwortet (obwohl es so ist), dann finde ich das unhöflich. Ist nur ein Beispiel, aber auch sehr klassisch unter Partnerschaften/Freundschaften. Es werden bevorzugt nette Dinge, als ehrliche gesagt. Und das verstehe ich überhaupt nicht. Ich war auch schon in diesen Mädels-Gruppen, wo dann auf Nachfrage hin alle sagten „dein Make-up sieht toll aus“ und sobald dieses Mädel nicht mehr da war, wurde darüber hergezogen. Anstatt zu sagen, dass der hellblaue Lidschatten bis unter die Augenbrauen geschmiert kacke aussieht, lässt man sie damit herumlaufen. Wozu? Damit auch andere was zu lachen haben? Ist es Neid? Gewiss manchmal. Ich denke, wenn jemand eine ehrliche Meinung haben möchte, sollte man diese auch sagen. Und genauso verhält es sich mit Gefühlen. Man kann nicht jeden Menschen toll finden, was bringen da vorgespielte Nettigkeiten? Selbst wenn man jemanden (oder auch sich selbst) verletzt, langfristig ist Ehrlichkeit doch hilfreich.

Andererseits verstehe ich aber auch nicht diese zahlreichen Hate-Kommentare, die selbstverständlich nur im Internet verfasst werden. Das sind dann die ungefragten Meinungen völlig fremder Menschen. Wie z.B. „deine Arme sind zu lang, das ist hässlich“. Ja, und jetzt? Das verletzt halt ggf. unnötig. Und oftmals frage ich mich da ernsthaft, wer hier wirklich die eingeschränkte Sozialkompetenz hat. Ich, als Autistin, oder die anderen, die sich mit so einem Bullshit die Zeit vertreiben. Btw. Ich hab noch nie einen Hate-Kommentar verfasst. Bin aber auch mit Komplimenten sehr sparsam – dafür sind sie absolut ehrlich gemeint.

Man muss (in diesem Fall Fremden) eben nicht alles sagen, was einem nicht gefällt. Wenn man aber gefragt wird, sollte man ehrlich und nach Möglichkeit sogar objektiv sein.

Wenn ich nun jemanden mit meinen Aussagen (oder oftmals auch mit meinem Schweigen) verletze, kann ich mir das zwar irgendwie denken, aber eben nicht genau definieren und folglich auch nicht entsprechend emphatisch darauf reagieren (weil dem verletzt sein andere Gefühle ähnlich sind). Ich fühle mich meistens überfordert und sage dann nichts. Was dann oftmals noch verletzender wirkt. Ja, so kann man Menschen vergraulen. 😉 Vereinfachen würde es die Kommunikation, wenn die andere Person ihre Gefühle selbst definiert (oder versucht zu erklären) und diese dann äußert. „Das was du gesagt/getan hast, hat mich verletzt“. Genaue Erklärung von dem, was verletzt hat, sollte beigefügt werden. So habe ich zum Beispiel die Möglichkeit zu sagen, warum ich etwas gesagt/getan habe, was eine Situation oftmals wieder auflockert. Ich erlebe es sehr häufig, dass Dinge, die ich sage/mache, fehlinterpretiert werden. Das macht eine offene Kommunikation so wichtig. Selbst wenn ich eine Sache so meinte, wie ich sie gesagt/getan habe, kann ich durchaus Mitgefühl empfinden. Oder eben einen Fehler eingestehen. Auch vom Mitgefühl wird häufig angenommen, dass Autist:innen dies nicht empfinden können. Das ist eben falsch. Das ein oder andere kommt vielleicht hölzern an, ist jedoch nicht böse gemeint.

Schwierig sind auch die eigenen Emotionen, von denen ich meist komplett überladen bin. Es fällt mir schwer, diese nonverbal zu zeigen. (echte Freude sieht man mir aber deutlich an :-)) Oftmals aber auch, sie überhaupt anzusprechen, eben weil das meiste davon nicht klar zu definieren ist. Was ist verletzt sein überhaupt und warum? Andere Gefühle liegen dem verletzt sein sehr nahe, weshalb ich oft gar nicht weiß, ob ich überhaupt verletzt bin. In der Therapie wurde ich tatsächlich häufig nach allen naheliegenden Gefühlen abgefragt und es hat ewig gedauert, da einen genauen Punkt in mir zu treffen, der zutrifft. So manche Zeit habe ich schweigend verbracht, weil Überforderung stets die Überschrift bildet. Ich bin selten durch andere Menschen verletzt. Meistens ist es Überforderung durch andere Gefühle. Ohne äußere Unterstützung kann es schnell so viel werden, dass man eben nur noch schweigen/sich zurückziehen kann.

Schwieriges Thema für mich, da verliere ich mich in Erklärungsversuchen.

Zusammenfassend: Offene und direkte Kommunikation und Unterstützung ist unabdingbar. In der Ausführung eigentlich nicht schwer.

Mein Partner tut sich da etwas schwer mit der direkten Kommunikation, trotzdem kommt es fast nie zu einem Streit und wenn, dann nur sehr kurz. Ich muss des Öfteren darauf hinweisen, in meine Aussagen nichts hinein zu interpretieren, aber das genügt dann auch. Ich sage auch sehr oft, dass ich etwas nicht böse meine. Ich bin zwar sehr kompliziert, würde aber sagen, wenn man das Ganze ein mal begriffen hat und damit umzugehen weiß, ist es relativ simpel. Wir reden zum Beispiel manchmal darüber, was wir gut oder schlecht (aneinander) finden. Kann ich jedem empfehlen (also auch nicht-autistischen Paaren/Freundschaften), da kommen oft Dinge zutage, die ich nicht mal im Ansatz vermutet hätte. Ein Gastbeitrag vom Partner wäre vielleicht mal interessant.

Autismus Erfahrung: Meltdown

Es tut sehr weh, seelisch/psychisch und körperlich, aus diesem Zustand auch nicht herauszukommen. Oft kann ich es inzwischen, wenn nicht verhindern, stark abmildern. Gut ist das nicht. Heute war es sehr anstrengend. Nicht nur für mich. Was wiederum von einem schlechten Gewissen begleitet wird. Denn niemand hat wirklich daran Schuld. Es ist, wie es ist. Ich bin eben so und kann mir auch nicht wünschen, dass ich anders wäre. Na ja, kann ich schon, bringt aber nichts. In letzter Zeit wünsche ich mir das aber öfter.

Nun, heute (Vormittag): Ein paar mal Türen knallen (ich musste in meinem Leben schon mehrere Türen ersetzen – die teuerste hat übrigens damals 800 Euro gekostet, eine Haustür). Dinge werfen, ich bemühe mich, nichts zu werfen, was zu Bruch gehen kann. Autoaggressiv, ich habe mir in die Hand gebissen, immerhin nicht wirklich verletzt, nur ein kleines Hämatom. Weinen. Und beinahe meine Kleidung zerrissen, konnte aber auch das unterdrücken. Fluchen, wildes Umherirren, weinen. Und schließlich im Bett aufgeben und warten, bis es sich löst.

Auslöser war meine gestörte Routine, dadurch, dass mein Partner heute Homeoffice hatte. Es bahnte sich bereits Nachts an, als ich um drei Uhr aufstand, um zu duschen, dann zwei Stunden Serie geschaut, dann wieder ins Bett. Normalerweise stehe ich gegen fünf Uhr auf und starte meine Routine. Heute blieb ich lange im Bett, um den Verlust meiner Routine quasi zunächst aus dem Weg zu gehen. Klappte natürlich nicht. Ich hatte meine Routine nicht, meinen Platz nicht, mein Alleinsein nicht. Das ist überhaupt kein Vorwurf und eigentlich wollte ich das nicht aufschreiben. Aber ich denke auch, dass es okay ist zu wissen, dass es nicht immer reibungslos läuft. Und es muss okay sein. Ich versuche mir selbst nicht böse zu sein.

Nun, die Glieder sind schwer, schmerzen, der Kopf weitestgehend leer, Kopfschmerzen. Erschöpfung. Dazu noch immer meine gestörte Routine, das ruiniert halt immer den ganzen Tag. Aber immerhin habe ich meinen Platz wieder. Trotzdem werde ich gleich duschen gehen. Das Bad ist irgendwie mein Lieblingsort und ich weiß, alle Welt redet von Wasser (bzw. Energie) sparen, aber darin bin ich sehr miserabel, schon seit ich denken kann.

Ich habe das Gefühl nun etwas zu brauchen, aber ich weiß nicht was. Irgendetwas, das meine Glieder trägt / im übertragenen Sinn, ohne mich weiter zu beschweren. Zugleich bin ich gerade nicht besonders zugänglich. Alles ist zu viel und zu wenig auf einmal. Weiß nicht, ob das jemand versteht. Ich nicht. Vielleicht würde auch das schon reichen. Jemand, der versteht. Da ist, ohne anwesend zu sein. Nah ist, ohne nah zu sein. Struggle neuerdings unheimlich mit mir selbst, will das Handtuch werfen, will nicht immer stark sein müssen, weil ich es nicht immer kann.

Habe neulich einen Spruch gelesen: Viele finden dich (in dem Wissen, dass du Autist:in bist) interessant, bis sie tatsächlich merken, dass du Autist:in bist.

Autismus Erfahrung: Hab mich das erste mal selbst beobachtet und bin geschockt.

Heute habe ich keine große Lust zu schreiben, zumindest nicht bisher. Aufgrund dessen habe ich gerade eine erste Probe durchlaufen. Und dabei ist etwas ganz anderes entstanden, als ich eigentlich wollte. Ich wollte nämlich ein erstes Probevideo drehen, schauen ob der Ton passt, meine Stimme. Die Stimmlage ist beim lesen eines Textes nur ein bisschen zu monoton, kann ich aber gelten lassen. Mit meiner übertriebenen Pingeligkeit und meinen stets hohen Erwartungen. Überraschend angenehm. Aber das verrückte kommt noch.

Ich startete die Kamera und wollte theoretisch direkt lesen, musste mich jedoch kurz daran gewöhnen. Was nicht schlimm ist, ich kann ja schneiden. Mit „kurz“ ist hier etwa eine halbe Stunde gemeint. Eine halbe Stunde, in der ich mich anschließend selbst sehen konnte. Und ich sehe es, das Verrückte. Meine Augen finde ich eigentlich recht annehmbar, im Gegensatz zum grottigen Rest halt. Aber die sind ganz besonders verrückt. Ich frage mich, warum sie mich frei laufen lassen. Sie, die mit den weichen Kuschelwänden und den liebhabenden Jäckchen. Meine Mimik entgleist komplett, sie macht was sie will. Es ist tatsächlich so gewesen, dass ich nach kurzer Zeit nicht mehr maskiert habe. Und das, obwohl ich annahm, dass ich es tue. Bzw. ich dachte gelegentlich gar nicht darüber nach. Was mir hier aber zeigte, dass Masking tatsächlich die volle Aufmerksamkeit benötigt. Sobald ich etwas anderes mache, kann ich nicht gut, oder gar nicht maskieren. Offensichtlich. Wieder was gelernt/über mich erfahren.

Von völliger Abwesenheit von Mimik, bis hin zur totalen Gesichtskirmes, war alles dabei, wechselte ständig und passte oft nicht zum gesagten. Meine bisherige Selbsteinschätzung war besser, als es der Realität entspricht.

Autist:innen haben ihre erlernte Mimik häufig aus Comics, Mangas, Animes oder Cartoons entnommen. Weil diese einfach deutlicher ist als die echte Mimik eines Menschen. Ich nahm halt an, dass ich mir inzwischen das eine oder andere auch von echten Personen abgeschaut habe. Es gibt da diesen Test, in welchem Autisten verschiedene Gesichtsausdrücke den Emotionen zuordnen müssen. Also Gesichter lesen (Psycho Physognomik). Darin bin ich überwiegend schlecht. Dabei wird darüber so viel über eine Persönlichkeit verraten. Große Freude, Wut, tiefe Trauer. Das bekomme ich noch hin. Aber flirten, Verspieltheit, Besorgnis, gelangweilt, usw. Kaum eine Chance, dass ich so etwas korrekt deute. Oder eben korrekt zeigen kann. – Mir wurde oft gesagt, dass mein Gesichtsausdruck böse, bzw. gelangweilt aussieht. Eben dann, wenn ich mich nicht darauf konzentriere.

Und um solcherlei Aussagen zu umgehen kommt nun unpassendes lächeln hinzu. Meine Augenbewegungen sind extrem schnell. Meine Augenbrauen ziehen sich hoch – was weiß ich warum. Weite Augen, ich wirke hektisch, dabei bin ich ganz und gar nicht hektisch. Ich kann nur langsames nicht leiden, weder bei mir, noch bei anderen. Trotzdem bin ich oft sehr langsam, weil mich ganz einfach vieles ablenkt. Wenn ich aber strukturiert bin, dann bin ich flott und produktiv. Die erste halbe Stunde in meinem Video habe ich aus Versehen recherchiert. Ich wurde durch einen Gedanken abgelenkt. Hatte aber im Hinterkopf, dass ich gerade den Ton prüfen will, weshalb ich redete. Nach einer Weile mit verschiedenen Dialekten. Zwischendurch Gesinge. Ich las etwas über Stentimplantation. Und meine Gesichtskirmes beinhaltete jeden Cartoon, den ich jemals gesehen hatte. Dazu das Wippen, vor zurück, von links nach rechts. Zwischendurch ein Händeflattern, zappeln, ständig zappeln, fummeln hier und fummeln da. Ich bin regelrecht erschrocken darüber, wie wenig ich das selbst wahrnehme, mich selbst wahrnehme.

Als ich dann aber endlich meinen Text las, war die Mimik nahezu stillgelegt. Vermutlich weil es mehr Konzentration erforderte und mir das Recherchieren leichter fällt. Ist ja alles in allem ein Thema, mit dem ich mich seit über zwanzig Jahren, nicht durchgehend, aber konstant beschäftige. Da geht mir das Herz auf und irgendwie sehe ich das auf dem Video. Auch wenn es verrückt aussieht. Aber inhaltlich bin ich zum Glück relativ gut aufgestellt.

Ich frage mich aber nun auch, wie ich damit überhaupt durch die Welt gehen kann und trotzdem ernst genommen werde. Die, die das nicht tun, die sortieren sich halt selbst aus. Aber im Groben komme ich gut durch. Muss nur kurz den Schock verarbeiten. Und mir überlegen, wie ich das trainieren könnte. Das, von dem ich dachte, ich hätte es bereits gut trainiert. Bin aber kein Mensch, der einfach so aufgibt, im Gegenteil. Oder ich akzeptiere es einfach und muss demnach viel weniger pingelig mit mir selbst sein.

Autismus Erfahrung: neue Situation, neuer Ort

Dass das potentiell problematisch ist, ist bekannt. Aber wie genau fühlt sich das an? Nun, inzwischen verplane ich mich ja selbst und ich begebe mich auch überwiegend nur in Situationen, die ich gut verplanen kann. Also in gar keine. 😀 Btw. Ich muss sehr oft über mich selbst lachen.

Aber ich habe eine Situation (ein Beispiel) aus meiner Schulzeit: neue Schule. Wegbeschreibung von Mama: „Du gehst hier raus, dann nach rechts bis zur großen Kreuzung, dann nur noch den Berg hoch, da kannst du auch mit dem Bus fahren. In der Schule musst du dich beim Sekretariat melden, die sagen dir dann, wo du hinmusst.“ Was ich verstanden habe: „Du musst morgen alleine an einen fernen, neuen Ort, du musst früh aufstehen und alles anders machen als sonst, spontan und schnell, denn du hast es sehr eilig. Dann kannst du hundert mal umsteigen, du kannst aber auch in die falsche Richtung gehen. Wenn du das Haus verlässt, triffst du auf einen Zauberer, der dir drei verzauberte Blüten gibt, diese musst du essen. Achte darauf, dass die zweite nicht orange ist, denn diese ist giftig. Sie führen dich weiter zum Unterschlupf der Teletubbies, Noo Noo saugt die blauen Bonbons von den Straßen. Dann zieh dir Schlittschuhe an, damit du an der dritten Eiche von links vorbeikommst, dort wartet ein Wildschwein, dem musst du das richtige Passwort nennen, um vorbeilaufen zu dürfen. Wenn du das geschafft hast, triffst du auf eine gesichtslose Menschenmasse, der du dich anschließt. Wenn du in der Schule angekommen bist, denk dran, dass du den Boden nicht berühren darfst, du versinkst sonst in Marshmallow. Und wenn du zu spät kommst, bewerfen dich alle mit Wasserbomben und du darfst nie wieder in dein Zimmer. Ach, vergiss die blaue Apfelsoße nicht, wenn du dir die Zähne löffelst.

  • Ich bin das erste halbe Jahr jeden Morgen eine halbe Stunde zu spät zum Unterricht erschienen. Ich war wohl pünktlich in der Schule, habe mich jedoch im Gebäude verlaufen. Der Eingang meiner Klasse war quasi gegenüber vom Haupteingang. Dazwischen war eine große Eingangshalle mit vielen Menschen, vielen Türen, vielen anderen Eindrücken und der ein oder anderen Treppe.

Dazu kommt die Gesichtsblindheit. „Triff diese eine Person, sie steht zwischen anderen Personen und/oder andere laufen dir über den Weg, du weißt nicht, was die Person für eine Kleidung trägt, ist ja auch egal, weil alle anderen das selbe tragen. Wenn du diese Person nicht direkt ansprichst, werden dich Spinnen von innen heraus auffressen.“

Autismus Erfahrung: Ich habe mich verliebt, aber … diese Veränderung …

Das ist so eine Sache, mit den Veränderungen. Ich habe mich spontan schock-verliebt. Es ergibt keinen Sinn, ist auch sonst nicht von Nutzen und es bedeutet Veränderung. Da ist die Freude groß und der Magen flau, aber nicht auf die Schmetterlings-Art, sondern auf die da-ist-eine-Veränderung-und-ich-muss-kotzen-Art. Aber wenn ich mir erst einmal etwas in den Kopf gesetzt habe, bekomme ich dies nur schwer wieder heraus.

Nun denkt nicht, dass ich von einem Menschen rede. Ich bin nicht religiös, aber um Gottes Willen. Ne, ich rede von einem neuen Smartphone. Es ist eigentlich nicht meine Art ein neues zu Kaufen, wenn das alte, das mit ca. zwei Jahren noch gar nicht soo alt ist, sich noch in einem Top Zustand befindet. Aber das neue ist grün, es glänzt und ja, keine Ahnung. Und es ist hübsch. Und es kann das, was mein altes auch kann – oder ein Tamagotchi mit Radiowecker. Nur dass es viel teurer ist. Und ein Teil von mir weiß, dass es genau so gute, wenn nicht sogar bessere, für ein drittel den Preises gibt. Aber…ja, da habe ich kein logisches Argument. Schrecklich. Gegen die Natur.

Dieses Neue Smartphone, welches ich gleich einrichten werde, sobald es in wenigen Minuten bei mir eintrifft, wird mich also in der kommenden Zeit extrem triggern. Ich werde es abstoßen und hassen. Und ich werde mir mein altes zurückwünschen. (Ohman…es trifft mich wirklich hart) Aber ich freue mich. Hmm. Irgendwie. Hmm. Auf jeden Fall bin ich gerade irgendwie krabbelig. Hmm.

Das Schutzfolie ablösen werde ich genießen. Ich mach’s langsam.

Wenn AD(H)S mit Autismus kollidiert…

Autismus Erfahrung: alle Karten auf dem Tisch

Ich habe gestern einen Gedanken gehört, den ich sehr teile. Demnach wäre es schön, wenn Menschen so eine Statusleiste über dem Kopf haben, wie bei Sims. Bedürfnisse werden angezeigt, darunter auch die sozialen. Was dem Menschen gefällt, was er braucht, was er sich wünscht, auch was ggf. von mir erwartet wird. Na, jeder der Sims kennt, weiß was ich meine. Ebenso sind dann auch die Absichten klar erkennbar. Denn bei Menschen ist es üblicherweise so, dass diese Informationen kaum geteilt werden, oder nicht der (ganzen) Wahrheit entsprechen. Darüber hinaus steht dort, in welcher Beziehung man zueinander steht. Dieses Konzept ist mir vollkommen schleierhaft. Ab wann ist man „Bekannt“ und ab wann „Freund“? Und welcher Art? Gibt es da ein einheitliches Punktesystem, von dem ich nichts weiß? Na ja, ich weiß natürlich, dass es das nicht gibt. Aber das sollte es geben.

Wenn mich Menschen nicht direkt abschrecken, dann spätestens nach einer Weile. Ich habe bisher nur einen Menschen kennengelernt, der mir quasi diese Statusleiste regelmäßig vorgetragen hat. Ein Mensch, bei dem ich das Gefühl bekomme, nicht nur ein Bruchteil davon zu erfahren. Und da muss ich sagen, wird es sogar mit anderen Autist:innen manchmal schwierig. Zwar erfährt man den Inhalt der Statusleiste, oft kommen jedoch persönliche Kommunikationsschwierigkeiten hinzu, was diese Leiste wiederum unvollständig zeigt. Ich selbst spreche mich davon auch nicht frei. Ich weiß sehr oft nicht, eben insbesondere bei sozialen/Gefühls-Angelegenheiten, wie ich etwas ausdrücken kann, damit es dem entspricht, wie ich es meine. Menschen interpretieren auch oft zu viel und sind es gewohnt, zwischen den Zeilen zu lesen.

Da bekomme ich wirklich Lust, mal wieder Sims zu spielen. Wobei ich da eh meist nur baue und einrichte.

Ich würde dennoch behaupten, dass ich inzwischen recht emphatisch wirken kann. Mitfühlend auf meine Art. Die meisten Informationen habe ich dafür aus dem Internet. Ich kann durchaus fühlen, was andere fühlen. Manchmal so stark, dass es mich / meine Gefühle verdrängt oder sich damit vermischt. Deshalb wurde auch ursprünglich gesagt, dass ich hochsensibel bin. Jedoch kann ich davon kaum etwas greifen, benennen oder deuten. Weshalb ich meistens einfach nur verwirrt bin und schweige. In einer Umgebung, in welcher sich mehrere Menschen aufhalten, wird es so richtig schwer. Aber wie gesagt, kann ich inzwischen gut so tun als ob. Und ich freue mich dann über einen Glückstreffer. Noch mehr freue ich mich aber, wenn mir direkt gesagt wird, was einen bewegt. Deshalb mag ich meinen sozialen Beruf, diese Menschen behalten selten etwas für sich. Und ich kann relativ leicht entsprechend reagieren.

Ich kann verstehen, dass die meisten es vermutlich nicht so toll fänden, wenn all ihre Bedürfnisse und Empfindungen offen für jeden sichtbar wären. Aber was genau daran so schlimm wäre, verstehe ich nicht. Ich meine, zwar wäre alles offenbart und nicht jedem gefällt dann, was dort offenbart wird. Aber man muss doch nicht jedem gefallen. Und immerhin gefällt man dann nur den Menschen, von denen man sehen würde, dann man ihnen auch gefällt. Niemand könnte mehr unbemerkt hinter dem Rücken lästern, alle Karten lägen stets offen. Selbst die peinlichen, unangenehmen. Nur schon mal überlegt, was einem selbst peinlich ist, könnte einem anderen gefallen? Na ja und der Rest lacht halt darüber, aber das könnte man dann ja auch sehen. Es gäbe nur noch gnadenlose Ehrlichkeit. Das würde unterm Strich jedem eine Menge Zeit einsparen. Denn selbst wenn nicht-Autist:innen diese Einschränkungen nicht haben, so können diese Menschen doch auch nicht alles erkennen. In dem Sinne von: jeder wird mal getäuscht (im positiven oder negativen). Nun…mit so einer Statusleiste nicht mehr.

Ich bin jedenfalls so weit, dass ich wohlüberlegt einigen Gedankengängen oder Gefühlen folgen kann und manchmal richtig darauf reagiere. Und die unzähligen Fragezeichen in meinem Kopf versuche ich bestmöglich zu verstecken. Halt bevor mich dieser Mensch dann vertreibt, bzw. meine damit einhergehende Überforderung.

Ich denke, zwischen den Zeilen steht hier ein Grund, weshalb ich kaum langfristige Kontakte pflege. Habe für dieses endlose rätselraten-Theater keine Energie.

Autismus Erfahrung: 5 Fragen – von übergriffig bis cringe.

Ich bin bereits seit einigen Jahren auf diversen Plattformen mit Autismus Content und im Austausch unterwegs und konnte dadurch einige Erfahrungen sammeln zwecks Fragen, die mir gestellt werden. Fünf Fragen, die mir sehr häufig gestellt wurden/werden, möchte ich gern vorstellen und auch, wie ich damit umgehe, denn die ein oder andere ist recht übergriffig (oder ich empfinde es so).

Die beliebteste Frage, beinahe ausnahmslos von Herren gestellt, lautet: Kannst du Sex haben?

Diese Frage ist im Kontext zur Behinderung zu verstehen. Diese Frage wird mir von völlig fremden Menschen gestellt, oftmals ist es das erste, was ich von ihnen lese. Nicht mal ein „Hey“. Würden mir diese Menschen diese Frage auch stellen, wenn ich vor ihnen stünde? Vermutlich nicht. Diese Frage wird nicht immer exakt so gestellt, aber eben so und sehr ähnlich. Generell gilt: Schwachsinnige Frage, übergriffig und unangebracht. Jeder Mensch kann Sex haben, wenn er im Besitz seiner geistigen Kräfte ist und somit auf seine Art einwilligen kann. Demnach haben Koma-Patienten keinen Sex. Und wir haben, denke ich, alle eine Schule besucht. Sex/Intimität kann auf verschiedenste Arten stattfinden. Die Frage: „Wie kannst du Sex haben?“, ist genauso übergriffig. Diese Fragen stellt man niemandem einfach so aus dem Nichts heraus. Auch nicht online. Und das mit dem „Anonym“ ist ein Irrglaube.

Zur Häufigkeit: Diese Fragen bekomme ich an manchen Tagen mehrfach gestellt.

Nun, ich bin da im Grunde recht aufgeschlossen und mache meine Antwort von der Fragestellung abhängig. Ein guter Einstieg ist da, dass sich der Fragesteller (mindestens) bewusst darüber zeigt, wie Privat diese Frage ist. Um es mit den Worten jedes Anwalts (bzw. Anwältin) zu sagen: „Ein klares, es kommt drauf an“. 🙂

99% werden direkt geblockt. Das wäre auch mein guter Rat. Am besten immer blocken.

Wenn ich gut gelaunt bin, antworte ich irgendeinen Blödsinn. Einem habe ich mal geantwortet: „Nein, aufgrund der fehlerhaften Verdrahtung im Gehirn ist meine Vagina verschlossen.“ Daraufhin fragte er, ob er ein Foto davon bekommen könne. Na ja. Habe das dann seither nicht mehr geantwortet. Und natürlich geblockt. Manchmal gibt’s aber auf ne dumme Frage ne dumme Antwort (bevor ich blocke). 😉

Was mich daran am meisten schockiert: Diese „erwachsenen“ Männer stellen solche Fragen auf Plattformen, wo auch sehr Minderjährige aktiv sind.

Die zweite – sehr nervige Frage ist: „Was ist deine Inselbegabung?“

Nun, es gibt weltweit ca. 100-150 bestätigte Savant’s. Ich bin keiner davon. Hätte ja sein können, ich weiß. Wenn ich aber darüber nachdenke, dass auch viele andere Autisten diese Frage gestellt bekommen…suchen die Leute gezielt so jemanden? Warum? Was erhoffen sie sich dadurch? Einfach komplett sinnlos. Ich persönlich finde die Frage zudem noch übergriffiger, als die Frage nach dem Sex. Mein (passwortgeschützter) Beitrag zum Thema Hochbegabung war der unangenehmste, den ich je verfasst habe, ich denke, das merkt man vielleicht auch. Fühlte sich an wie nackt durch die volle Innenstadt laufen…multipliziert mit 10. Soll schon was heißen – bei mir. Ich mag dieses Thema gar nicht und rede nicht darüber. Weiß der/die Fragesteller/in natürlich nicht. Wird trotzdem wahlweise geblockt oder ignoriert.

Dritte Frage ist: „Kannst du alleine Wohnen?“

Okay, die Frage geht schon in Ordnung. Gewiss aber nicht für jede/n Autist:in, denn mir sind einige bekannt, die gerne möchten, aber nicht oder noch nicht können. Und das streut natürlich Salz in eine Wunde. Ich beantworte diese Frage aber in der Regel. Und auch die Folgefragen, ob ich einen gesetzlichen Betreuer habe oder brauche. Oder ob ich selbst Verträge unterschreiben darf. Diese Fragen sind halt wirklich sehr cringe. 😀 Verstehe aber die Neugier. Ich bin mein eigener Boss beantwortet die Frage, oder? 😉

Vierte Frage bzw. dies ist eine Aussage: „Reiß dich doch mal zusammen, mir geht’s manchmal genau so“.

Ob nun Behinderung oder chronisch Krank – Ständig hört man solche Aussagen (ganz oft auch von „Fach“-Personal“). Mein Mittelfinger antwortet inzwischen. Punkt. Diese Aussage ist nicht okay, sofern du nicht ganz genau so betroffen bist! Sie redet Probleme klein. Und allgemein: Wie darf man es recht machen? An einem guten Tag ist man nicht Behindert genug, an einem schlechten zu behindert. Na wie gesagt – Mittelfinger. Ich lasse mir schon lange nichts mehr gefallen. Nun, ich bin natürlich nicht wirklich so unhöflich (ok, manchmal doch, aber nur wenn ich weiß, dass der andere es auch wirklich sehen oder hören kann) Also nicht online. Aber ich breche Aufklärungsversuche schnell ab und ignoriere. Dafür ist mir meine Energie zu wertvoll.

Die letzte Frage: Wurdest du als Kind geimpft? Hast du es mal mit dieser oder jener Ernährung probiert?

Für die Beantwortung dieser Frage müsste ich besoffen sein. Ja, solche „Lebensretter“ (erinnert mich n bisschen an Euthanasie, aber egal) tauchen immer mal wieder auf. Besonders gern bei Eltern, die Unterstützung suchen für ihr autistisches Kind. Großen Bogen drum machen und ans qualifizierte Autismus-Zentrum wenden. Zum Beispiel. Autismus ist eine anerkannte Behinderung und man wird damit geboren. Manche „Lebensretter“ fühlen sich einfach nur so berufen, vielleicht aus eigener Erfahrung mit ihrem eigenen Kind..oh man.. Oder mit finanzieller Absicht. Es gibt kein Heilmittel für Autismus – und wenn es eines gäbe, würde ich es niemals verwenden. Lieber hab ich nen Knall, es ist meiner, und meine diversen Probleme, als nicht mehr ich zu sein. Ich kann mich oft nicht leiden, aber ich lieb mich sehr.

Anhang zum (Autismus Erfahrung: (Schmerz-) Wahrnehmung)

Eine Woche ist vergangen, die Schonung habe ich so gut es mir mit Bewegungsdrang möglich war, vollzogen. Ibuprofen und Tramadol haben geholfen. Gestern brauchte ich beides nicht, heute auch nicht, da die Schmerzen erträglich sind. Die Mitte / Abdomen und Umgebung, nur eingeschränkt bewegen zu können, fiel und fällt mir schwer.

Aber ich bin auch ein wenig stolz auf mich! Denn, ganz artig, habe ich mich auf der Arbeit telefonisch gemeldet. Das braucht immer einige Stunden vor-mir-herschiebende- Vorlaufzeit und ein gutes Drehbuch.

Ein wenig Schonung konnte ich aber – mit Hilfe meiner Playstation – durchsetzen. Uncharted 3 durchgespielt. Ich mag darin das zum Teil zitierte Gedicht von T. S. Eliot (The Waste Land) Und ich habe herausgefunden, dass mir mein Smartphone anzeigt, wie die Dauer und Lautstärke der Kopfhörer-Nutzung ist. Durchschnittlich fast 10 Stunden täglich Musik auf 96 dB. Das ist sehr viel und natürlich viel zu laut. Hätte ich nicht erwartet. Aber nur so höre ich meinen Hörschaden auf dem rechten Ohr nicht. Der triggert mich nämlich sonst. Von rechts braucht man mich quasi nicht ansprechen, ich höre es schlecht oder gar nicht. Aber ich kann es ganz gut kaschieren. 🙂

Und ich habe eine tolle WhatsApp-Funktion entdeckt. Wenn man Chats ins Archiv klatscht, werden Nachrichten nicht mehr angezeigt, bis man eben das Archiv aufruft. Ich finde das sehr angenehm, weshalb die meisten Chats dort einen Platz gefunden haben und andere gewiss folgen werden.

Für heute Abend habe ich meinen Partner ins Autokino eingeladen – besser gesagt heute Nacht. Der Film startet um 0:45h und geht 120min. Das feeling wird mir sehr gefallen. Hab vergessen welcher Film es ist, irgendein Horrorfilm. Ist auch egal. Es geht mir eh nur um die Uhrzeit und um das Autokino. Dafür machen wir vorher Burger zum mitnehmen. Es gefällt mir, mich dann mit irgendwelchen bequemen Verrenkungen einzukuscheln.

Leider habe ich in der vergangenen Nacht sehr schlecht und unruhig geschlafen, komische Träume, stressbedingtes Sodbrennen, dazu die üblichen Reize, Gedanken. Ich hoffe trotzdem darauf, heute Nacht wach bleiben zu können.

Nun widme ich mich wieder meiner Playstation – aktuell Uncharted 2. Ein bisschen Zeit verplempern, einfach ablenken, das Nachdenken ein wenig herunterfahren, tut mir gerade gut.

Und natürlich habe ich recht viel geschrieben. Aber das ist keine neue Info. 🙂

Autismus Erfahrung: Hochbegabung

Der Beitrag ist etwas emotional- persönlich geworden, daher Passwortgeschützt. Zum lesen einfach kurz anfragen.

Dazu irgendwie passend ein Zitat von Schopenhauer:

„Zwischen dem Genie und dem Wahnsinn ist die Ähnlichkeit, dass sie in einer anderen Welt leben als der für alle vorhandenen.“

Das beschreibt so schön mein Inneres. 1% vom einen, 99% vom anderen. Ich weiß nicht, was was ist, aber das macht es interessant.

Autismus Erfahrung: erwünschte (affektive) Berührungen

Sowohl die funktionale (sozusagen eine notwendige) Berührung, als auch die affektive (eine emotionale) Berührung, werden im Allgemeinen als unangenehm empfunden. Jede Berührung bedeutet Stress aufgrund des Reizes und dem Problem der Reizfilterschwäche im autistischen Gehirn. In diesem Beitrag soll es vordergründig um die affektive Berührung gehen (aus meiner Erfahrung). Denn diese bringt nicht nur den Reiz der Berührung an sich mit, sondern auch die Emotionen einer oder mehrerer anderer Personen, zzgl. den eigenen.

Für mich sind diese Berührungen oft nur schwer zu ertragen. Sie lösen sowohl seelischen, als auch physischen Schmerz aus. Als Kind habe ich lange geschrien, mich versteckt oder bin ausgewichen. Aber als (unbekannt) autistisches Mädchen lernt man von seiner gesamten Umgebung, dass man nicht normal ist. Dies brachte mich weiter dazu, dass ich als Heranwachsende/junge Erwachsene auf (rückblickend betrachtet) sehr brutale Weise versucht habe, „normal“ zu sein/zu wirken, indem ich mich zu eben solchen Berührungen zwang. Menschen berühren, Berührungen zulassen. Es geht dabei nicht um Missbrauch, sondern um durchaus erwünschte Berührungen. Wenn ich darüber nachdenke, dann vermute ich, dass ich instinktiv versucht habe, affektive Berührungen in funktionale umzuwandeln. Hat natürlich nicht geklappt. Aus dieser Zeit habe ich lediglich gelernt, dass emotionale Berührungen niemals funktional (und gefühlskalt) sein sollten. Die zwischenzeitliche Gefühlstaubheit ist mir als ein willkommener Selbstschutz jedoch geblieben.

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, als mein Partner vor über sechs Jahren das erste mal meine Hand berührt hat. Ich meine, als erste Reaktion meine Hände weggezogen zu haben (korrigiere, wenn ich mich falsch erinnere :-)). Diese gewollte Berührung zog wie Stromschläge durch meinen gesamten Körper, ich zuckte innerlich (und vielleicht auch äußerlich) regelrecht zusammen. Es ist wie das schönste und schrecklichste Gefühl zugleich. Als wäre mein Körper in einen Nadelhaufen geworfen worden. Natürlich mochte ich ihn zu diesem Zeitpunkt bereits sehr. Zum Glück war er stets sehr Verständnisvoll und zeigte nötigen Respekt vor meinen Grenzen. Und vor allem Geduld. Bei unserem ersten Treffen, welches freundschaftlicher Natur war (obwohl ich ihn auch da schon mehr mochte), hatte ich kaum geredet. Er hat viel geredet, ich weiß jedoch nicht mehr worüber, denn ich war sehr mit meinen inneren Reizen überfordert. Nun, inzwischen bin ich ihm gegenüber überaus kommunikativ. 🙂 Und auch an seine Berührungen habe ich mich gewöhnt.

Trotzdem sind diese mit großem Stress verbunden. Und man kann es sich tatsächlich so vorstellen, dass er mich vor den meisten emotionalen Berührungen fragt, ob ich diese zulassen möchte und hört auf, wenn ich diese nicht mehr ertrage. (Hab halt echt den besten Mann der Welt, um mal eben anzugeben!)

Affektive Berührungen sind Teil der nonverbalen Kommunikation. Diese ist ohnehin für mich schwierig zu deuten. Und wenn dann auch noch die Berührung eines Menschen nicht zu seinen Emotionen passt, bin ich zusätzlich sehr verwirrt. Ja, so etwas kommt vor. Es gibt zum Beispiel Menschen, die Emotionen vortäuschen, um an ihre Ziele – in dem Fall emotionale Berührungen – zu kommen. Das kenne ich aus meiner Vergangenheit.

Unterm Strich kann man sagen, je emotionaler eine Berührung ist, desto intensiver nehme ich sie wahr/empfinde ich sie. Diese muss zusätzlich auf Ehrlichkeit/Vertrauen und sehr offener/direkter (verbaler) Kommunikation aufbauen.

Kommt es nun zu solch einer Berührung (in Form von Hände halten, einem Kuss oder einer Umarmung – darüber hinaus lasse ich hier außen vor), die von mir erwünscht ist, ist diese dennoch so extrem intensiv, dass ich sie nicht lange ertrage, Pausen brauche oder manchmal auch einfach den damit einhergehenden Schmerz genieße. Es hängt stark davon ab, wie vielen (und wie intensiven) Reizen ich davor bereits ausgesetzt war. An gewöhnlichen Tagen dauert so eine Berührung aber selten länger als wenige Sekunden.

Das genaue Gefühl ist sehr schwer zu beschreiben, da ich selbstverständlich keinen Vergleich zum nicht-autistischen Empfinden habe. Und nur aus Büchern kann man eben nicht alles lernen.

Darüber hinaus kommt es darauf an, wie diese Berührungen ausgeführt werden. Und auch meine Berührungen (die Intensität) sind manchmal nur schwer steuerbar. Man kann es sowohl scherzhaft verstehen, als aus ernst nehmen, dass ich andere Menschen schon aussehen lassen habe, als hätten sie mit einem riesigen Waschbär gekämpft. Liebe mit Gefühl, um es liebevoll wirken zu lassen. Besser ertragen kann ich sehr intensive/feste Berührungen. Sanft/zart triggert mich hingegen so sehr, dass ich umgehend zurückschrecke. Ich empfinde diese ohne Ausnahme als extrem unangenehm. Ich Vermute, dass dieses mit dem vegetativen Nervensystem zusammenhängt. Sehr festes umfassen des Körpers beruhigt dieses. (Zum Beispiel bei Angstzuständen). Ich habe natürlich keine Angst vor Berührung, dennoch durchlebt mein Körper diesen extremen Stresslevel. Wenn der Körper sehr fest umschlossen wird, beruhigt es also gleichzeitig auch. Ich nehme an, dass ich es deshalb allgemein als angenehmer empfinde.

Abschließend sei gesagt, dass das Ganze in jeder Minute und in jeder Situation sehr individuell zu betrachten ist. Eine vertrauensvolle, kommunikative Beziehung ist für mich (inzwischen) daher unabdingbar, um überhaupt emotionale Berührungen zulassen zu können. Ich verlasse mich auf die Reaktionen meines Körpers und akzeptiere diese und meine Grenzen. Das war ein langer Weg bis dahin, die „Reflexe“ nicht zu unterdrücken und (erwünschte) Berührungen nicht einfach geschehen zu lassen, aber er war etwas lehrreich.

Autismus Erfahrung: Schmerz (-Wahrnehmung)

Obwohl die Wahrnehmung in nahezu allen Bereichen erhöht ist (Stichpunkt: Reizfilterschwäche), ist die eigene Körperwahrnehmung oft gestört. So auch meine. Die Selbsteinschätzung ist da sehr schlecht. Ich bin da vergleichbar mit einer Katze: Schmerzen/Unwohlsein sind für die Besitzer oft erst dann erkennbar, wenn es der Katze extrem schlecht geht und selbst dann zeigen sich manchmal nur kleinste Verhaltensauffälligkeiten. So ist das bei mir. Wenn ich sage, dass es mir nicht gut geht, bin ich im Grunde schon scheintot. Bis dahin ist es eine Mischung aus nicht wahrnehmen, nicht zuordnen können, nicht wahrhaben wollen/ignorieren.

Ich versuche mich an sichtbaren/spürbaren zu orientieren. Abtasten, Vitalwerte, Hautveränderungen in Form von Rötung, Schwellung, etc, Veränderung bzgl. Ausscheidungen. Damit ich bei einem Arztbesuch mehr sagen kann als „durch den Körper wanderndes Unwohlsein mit Druckgefühlen, die auch Schmerz sein könnten“. Zumal ich Schmerz erst dann wahrnehme, wenn ich ihn quasi sehen kann.

Bei Autist:innen ist das sehr unterschiedlich. Manche sind sehr Schmerzempfindlich, andere reagieren kaum bis gar nicht auf Schmerzreize. Es gibt auch Autist:innen, die sogar beim Haareschneiden Schmerzen empfinden, obwohl das eigentlich aufgrund von nicht vorhandenen Schmerzrezeptoren nicht möglich ist. Trotzdem ist Schmerz generell ernstzunehmen! Ebenfalls braucht es einen sehr kompetenten Arzt, denn Symptome müssen oft explizit erfragt werden. In meinem Fall ist das nicht so. Ich bemühe mich, mit einem perfekt vorbereitetem Vortrag dort zu erscheinen. Ich bin eben sehr gern vorbereitet.

Abseits von diesem Thema hatte ich daher, so denke ich, auch den Ruf einer „Mutti“ in meiner ehemaligen Klasse an der Pflegeschule. Was immer jemand brauchte, es war in meiner Tasche. Und wenn es nicht da war, konnte ich es sehr schnell auftreiben. Es passiert also selten, dass ich in so spontane Situationen gerate/mich begebe, dass ich nicht für alle Eventualitäten gewappnet wäre.

Nun, so auch beim Arzt. Witzigerweise kommt da auch immer mein Bestreben auf, bei Prüfungen eine 1 zu erzielen. Ich versuche also so gesund wie möglich aufzutreten. Mein Arzt weiß das zum Glück und kann mich inzwischen sehr gut einschätzen. Mich, die Katze. 😉 Mein Benotungssystem ist halt etwas anders. Ne 1 ist okay, ne 2 ist ne 4 und ab einer 3 sind es nur noch 6en. Ich habe in der Pflegeschule ein mal ne 3 auf einer Klausur gehabt, das Thema war mir Latte, die Klausur auch, das Thema weiß ich aber noch und inzwischen würde es eine 1 geben. War mit mir selbst beschäftigt. Als mir die Dozentin diese aber mit den Worten „sehr gute Leistung“ wiedergegeben hatte, wollte ich ihr gern die Augen auskratzen. 😉 Zum Glück war das die einzige 3. (Wenn man mündlich benotete Gruppengespräche nicht mitzählt..)

Ich finde das deshalb so interessant, weil die Wahrnehmung durch äußere Reize so hoch ist, dass ich diese meist kaum ertrage und selbst gewollte Reize nur funktionieren, wenn ich meine natürliche Reaktion unterdrücke. (Vergleichbar (nicht gleichzusetzen!) mit dem unterdrücken von Tics bei Tourette, unfassbar anstrengend, auszehrend und ja, auch in gewisser Weise schmerzhaft). Bei diesem inneren Schmerz-Reiz diese Wahrnehmung aber auf ganzer Linie versagt. Wobei es mir bei bekannten Schmerzen deutlich leichter fällt, diese genau zu benennen. Klassisch zum Beispiel Unterleibschmerzen. Aber selbst da müssen die Schmerzen schon sehr stark sein, bevor ich diese kundtue.

Das könnte aber auch an meinem Partner liegen, welcher sich dann um mich „kümmern“ will. Nun, ich betüddel gern, aber ich werde nicht gern umsorgt. Mir reicht es, in mein Loch zu krabbeln und vor mich hin zu leiden. Und da mein Kreislauf schon eine ganze Weile nicht mehr so ganz da ist, werde ich das nun auch tun. Auf diesen Beitrag hatte ich dennoch Lust, oder einfach nur den Drang etwas zu schreiben.

Autismus Erfahrung: 5 Dinge, die andere in den Wahnsinn treiben

Dazu habe ich meine Mutter gefragt. Ihre erste Reaktion war „wo soll ich da anfangen“…na das fängt ja gut an. 😉 Sie hat auf jeden Fall sehr viel gesagt, aber auch, dass sie mich lieb hat. 😀 Fünf Dinge habe ich herausgepickt.

  • ich muss immer etwas in der Hand haben, gestalten, fummeln, schnippeln, werkeln, etc.
  • ich lasse Menschen selten zu Wort kommen, aussprechen und schalte auf Durchzug, wenn mich etwas nicht interessiert.
  • ich bin offenbar sehr dominant. Dinge laufen so, wie ich das will, oder gar nicht. Nach meinem System, meiner Logik, daran ist kaum zu rütteln. (ich finde ja, dass ich sehr kompromissbereit sein kann und dominant bin ich eigentlich auch nicht)
  • wenn ich etwas suche, möchte, brauche, oder etwas für mich falsch ist, dann gebe ich keine Ruhe, bis es richtig ist. (In dem Zusammenhang: meine Hausschuhe mussten vor einigen Wochen im Müll landen, die Selben gibt es nicht mehr zu kaufen. Daher habe ich nun keine und es frisst mein Hirn jeden Tag.)
  • ich bin oft unpünktlich, wenn es kein wichtiger Termin ist. Das liegt ganz einfach daran, dass ein bisschen AD(H)S kickt, mich lenken viele spaßigere Dinge ab und wenn ich keine Deadline habe, dann achte ich nicht auf die Uhrzeit. Ich weiß nie wie spät es ist, welches Datum wir haben oder den Wochentag. Meine Routinen sind an keine feste Uhrzeit gebunden, mehr an Situationen, ungefähre Tageszeiten und die Routinen sind in sich fest.

Aber ja, sie hat mich wohl lieb. Immerhin durfte ich als Kind die Wände bemalen, was wohl auch nicht üblich ist.

Autismus Erfahrung: Rückzug, Shutdown und die Einsamkeit darin.

Eigentlich hatte ich meinen PC bereits heruntergefahren, mich ins Bett gelegt und die Wolken angestarrt, die heute Nachmittag schöner waren. Meine Gedanken sind nahezu leer und ich halte mich an Dinge, die logisch sind, die ich gern mag. Aktuell recherchiere ich wieder viel im Bereich der Kardiologie, man will ja auf dem aktuellen Stand sein. Oder ich möchte das zumindest. Neben der Geschichte, der Chirurgie, der Anatomie, der Physiologie und der Pathologie interessiert mich auch die Forschung. Aber das tut im Grunde gerade nichts zur Sache.

Ich lag also schon (und wieder) im Bett und dachte darüber nach, ob ich mich eventuell im Shutdown bzw. Overload befinde. Aber an und für sich bin ich relativ entspannt. Ich glaube, dass es mehr so ein „danach“ ist, nur ohne Meltdown, was ja durchaus vorkommt. (Es fühlt sich intensiver an, langanhaltender ist es auch!) Im Moment kann ich den Grund aber ziemlich genau benennen, bzw. mein Innenleben beschreiben. Nicht gut, nicht detailliert, aber im Groben. Und auch die Auswirkungen. Ich dachte, das halte ich einfach mal schriftlich fest.

Körperliche Symptome sind übrigens Müdigkeit, Sodbrennen (das habe ich relativ häufig, auch wenn ich „unbemerkt“ unter großem Stress stehe) und leichte Kopfschmerzen.

Ich fühle mich im Moment sehr Gefühlskalt. Gespräche, Berührungen oder Gesellschaft fallen mir gerade ganz besonders schwer, auch mit meinen nächsten Bezugspersonen. Ich kann darüber ein wenig sprechen mit anderen Autist:innen, aber auch das ist schwierig. Jedoch stoße ich da auf Verständnis (und ein nachempfinden können!).

Meine Gefühle folgen keiner Logik, nichts davon kann ich kategorisieren. Wenn ich es beschreibe, dann fühlt es sich von der Menge her an, wie alle Pi-Nachkommastellen. Und jede einzelne davon trägt noch mal so viele Fragen mit sich herum. Keine davon kann ich klar erfassen. Mein System ist heruntergefahren und läuft auf Notstrom. Alles ist auf ein Minimum reduziert, abgesehen von meinen Interessen. Ich kann dann sehr abweisend sein, bemühe mich jedoch, das nicht so zu zeigen. Das ist unfassbar anstrengend (Gruß an mein Sodbrennen).

Ich bin wohl daran gewöhnt, mich in meiner Welt irgendwie einsam zu fühlen, aber im Moment ist es ganz besonders schlimm. Gegen so etwas hilft keine Umarmung (ganz im Gegenteil) und von den meisten Menschen auch kein lieb gemeintes Wort. Von den zwei, drei Autist:innen, mit denen ich sehr engen Kontakt pflege, da helfen die ein oder anderen Worte. Sie wissen was zu tun ist, wir unterstützen uns gegenseitig, wenn unser System nicht mehr funktioniert, damit notwendiges (essen und so) erledigt wird.

Es tut etwas weh, noch weniger zugänglich zu sein, als üblich. Sagen (verbal äußern) kann ich das in diesem Moment nicht. Die meiste Zeit fühle ich so unzählig, dass es kalt wird. Aber ich kann es gerade schreiben.

Nachtrag: die Wolken finde ich wieder schöner.

Autismus Erfahrung: 5 Dinge, über die ich herausgefunden habe, dass sie nicht für jeden so ganz normal sind

  1. meine App-Icons nach 1. Farben, 2. alphabetisch und nach 3. Buchstabenanzahl sortieren, gar nicht so einfach, weil sich die Farben gelegentlich ändern, ich Apps hinzufüge oder lösche.
  2. Speisen vorzugsweise nach Konsistenz und Struktur, statt nach Geschmack auswählen. Ich mag weiches essen. Stückchen oder Körner mag ich gar nicht, die muss ich pürieren oder sehr gut verstecken/einweichen, wenn möglich. Meist umgehe ich solche Speisen jedoch.
  3. Alles mögliche berühren, oder eben nicht berühren, wenn ich bereits herausgefunden habe, dass es mir nicht gefällt. Ich mag am liebsten flauschiges, raues und kratziges.
  4. Mich mit „Kleinigkeiten“ gedanklich wochenlang, zum Teil jahrelang beschäftigen.
  5. In meine Interessen deutlich mehr Zeit investieren, als in Menschen. Für Menschen habe ich an guten Tagen vielleicht 10% meiner Zeit übrig.

Autismus Erfahrung: Einkaufen

Allein war ich schon ewig nicht mehr Einkaufen. Unterm Strich ist das gut.

Heute steht noch ein Einkauf an, da es mir aktuell sehr schwer fällt, eine Liste zu schreiben, wird es nur ein kleiner Einkauf fürs Wochenende. Geplant habe ich im Kopf drei Geschäfte, aber die Planung klappt meist nicht. Edeka geht noch, Kaufland ist Horror, bei DM gibt’s am Ende gerne ne kleine Belohnung, aber DM fällt meist weg. Aus irgendeinem Grund kaufe ich gern Lidschatten Paletten, obwohl ich mich fast nie schminke. Vertrage das Zeug einfach nicht auf meiner Lupus-Haut.

Den Einkauf gehe ich nach Möglichkeit so an, dass ich nicht hin- und her bzw. kreuz und quer durch den Laden muss. Selbst wenn aber mal etwas vergessen wurde, habe ich eine zuverlässige Begleitung. Da klappt auch meist das Menschen fern halten.

Die riesige Auswahl überfordert mich extrem. Seit der veganen Ernährung ist das Angebot deutlich geschrumpft, das erleichtert mir das Prozedere. Trotzdem sind mir die Eindrücke zu viel. Die Menschen haben es eilig, drängeln, starren, das grelle Licht flackert, irgendwas summt, irgendwas piept, Gerede, Gerüche, Radio oder Werbung, hier läuft das eine, in der anderen Ecke etwas anderes, ich höre beides. Habe zwar ein geschädigtes Gehör, aber um das wahrzunehmen, taugt es noch.

Danach bin ich meist auf zurückgezogen, im Shutdown. Manchmal mag ich danach aber auch menschlichen Kontakt in Form von Gesprächen oder einfach Gesellschaft. Berührungen sind ja im Allgemeinen eher schwierig.

An der Kasse, oder beim Einpacken ins Auto, da habe ich aber mein System. Wenn die Energie es zulässt, kann ich dieses auch umsetzen.

Mein Inneres versucht sich schon seit gestern davor zu drücken, ja, seitdem beschäftigt mich das pausenlos…draußen ist doof, ich mag den, der drinnen erfunden hat.

Autismus Erfahrung. Lästig sein/werden. „zu viel sein“

Nach meinem Empfinden ist das eine Erfahrung, die ich schon länger nicht gemacht habe, was ganz einfach daran liegt, dass ich die Kapazität für meinen inneren Kreis auf ein Minimum beschränkt habe. Was aber nicht nur an meiner begrenzten Energie liegt, sondern gewiss auch daran, abgestoßen zu werden. (Ausgehend davon, dass ich nicht maskiere)

Wenn ich mich mit einer Person sehr wohl fühle, oder in einer Situation, dann bin ich meist „zu viel“. Zu schnell reden. Nicht zuhören, stattdessen lauter werden, wenn die andere Person etwas sagen möchte. Ich merke es selten, wann ein Gespräch beginnt, wann ich dran bin mit reden und wann ein Gespräch beendet ist. Und auch meine Themen sind begrenzt. Angenommen eine Person klagt über Bauchschmerzen, dann kommt man kurz von Hölzchen auf Stöckchen, darauf folgend ein zweistündiger Monolog über Ausscheidungen meinerseits. Also nicht über meine Ausscheidungen, sondern über das Thema allgemein. Nur so als Beispiel. Das lässt sich auch auf andere Themen anwenden.

Ich merke es dann nicht, wenn ein Thema unangenehm ist, oder ich zu viel rede. Okay, die gängigen Tabu-Themen sind mir schon bewusst, aber gerade über die weiß ich einiges. Alternativ gibt es einen Vortrag über (für mich) interessante geschichtliche Personen oder Ereignisse, womit ich mein Gegenüber dann ins Koma versetze.

Dabei habe ich eigentlich nichts dagegen, wenn mir mal jemand nen Vortrag hält. Ich liebe es, neues zu lernen über Themen, die mich interessieren.

Dazu kommt meine Direktheit. Ich sage Dinge, die ggf. verletzend sein könnten oder unangenehm. Auch das merke ich selten, weil für mich ein Thema wie’s Andere ist. Oder es ergibt für mich keinen Sinn, die Unwahrheit zu sagen.

Zu viel fühlen. Und das auch nicht verstecken. Oder gar nichts fühlen und auch das nicht verstecken.

Zu aufgedreht, zu laut, zu leise, zu vorhersehbar oder zu unberechenbar.

Manchmal kommt noch ne Comic-artige Mimik dazu.

Zu Flummi-artig aufgedreht.

Zu intensiv. Zu durcheinander. Zu melancholisch.

Zu viele Fragen. Manchmal auch die selben Fragen. Kann ja sein, dass die Antwort eine andere ist. Zu viele Aussagen.

Dieses „zu viel“ fällt mir schwer zu beschreiben. Aber nehmen wir nur mal dieses Blog. Ich schreibe unfassbar viel. Vielleicht landen 10% davon hier. Oder auch inhaltlich. Ja, mir wurde schon mitgeteilt, dass irgendetwas zu viel ist. Zu viele Buchstaben, zu unpassende Gefühle, was auch immer. Inzwischen habe ich zwei weitere Blogs.

Zu viel Leidenschaft für etwas, oder gar keine. Zu viel Freiheitsliebe. Einfach zu viel. Und ganz oft ist es auch mir zu viel. Aber ich kann ja schlecht vor mir selbst davonlaufen. Und ich sehe es nicht ein, mich mit Medikamenten ruhig zu stellen, um anderen in den Kram zu passen.

Zu viel mit anderen Dingen beschäftigt.

Die Erfahrung hat das im Groben und Ganzen auch geregelt. Ich habe ein System. Schweigen. Klappt nicht immer, aber meist. Das System hat eine Schwäche, denn selbstverständlich rennt mir niemand hinterher – und so wurde das gewiss das ein oder andere Mal aufgefasst. Merke ich zwar nichts von, aber ist über die Jahre bestimmt mal vorgekommen. Damit beschäftige ich mich aber gedanklich nicht, weil es mir egal geworden ist.

Alles in allem – zu viel.

Der frühe Vogel :-)

Mein Morgen beginnt, sofern ich um diese Zeit allein bin, immer zwischen 5h und 5:30h. Selbst wenn ich erst kurz zuvor ins Bett gegangen bin. Manchmal nervt dieser innere Wecker, weil zwei Stunden Schlaf nicht viel sind. Andererseits ist er sinnvoll zwecks Routinen. Beim ersten Blick in den Spiegel sah ich dieses resting bitch face, welches Autist:innen nachgesagt wird, wie ich kürzlich von einer Bekannten erfahren habe. Innerlich musste ich kurz schmunzeln. Nun weiß ich wie es ist, wenn andere meinen Gesichtsausdruck unpassend finden.

Ein wenig fleißig war ich aber auch schon, nicht in Form von Arbeit. Ich versuche seit einer Weile an meinem Sprachfehler zu arbeiten mit diversen Zungen- und Sprachübungen. Bisher bin ich nicht überzeugt, weil ich finde, dass wenn ich bewusst darauf achte, ich noch merkwürdiger klinge. Und wenn ich nicht darauf achte, ist der Sprachfehler halt da. Manche mögen so etwas ja. Mich nervt es sehr, das hält mich meist vom vorlesen ab, denn bei einer Aufnahme nehme ich meinen Sprachfehler ganz besonders wahr.

Darüber hinaus habe ich schon ein wenig gesungen, dabei übe ich derzeit gezielt, die Luft auf der Stimme zu kontrollieren. Das klappt aber schon recht gut. Nur so zum Spaß, nur so für mich, Musik ist mir ein Pflaster. Obwohl ich es wohl nicht mehr brauche. Wie sagte man mir neulich…ich sei sehr stark geworden durch meine Lebenserfahrungen. Dem kann ich beipflichten.

Menschen überraschen mich kaum noch mit den Dingen, die sie sagen oder machen. Einiges finde ich wahrscheinlich nicht gut, aber selbst vom Abschaum bin ich nicht mehr überrascht. Obwohl ich sie eher schlecht durchschauen kann. Manchmal ist es, als könne ich Gefühle lesen, dann wieder gar nicht. Ist aber auch nicht schlimm. Im Allgemeinen kann ich mich bei Menschen daran halten…bei Hufgeräuschen nicht an Zebra oder Esel denken, sondern an Pferd. Simpel.

Ein, wie ich finde, sehr schönes Lied noch zum Abschluss.

Autismus Erfahrung: System

In der letzten Nacht habe ich mal wieder in eine meiner aktuell liebsten Serien reingeschaut. „The Good Doctor“, wer diese Serie gesehen hat, bitte nicht Spoilern, ich bin erst in Staffel 2.

Ich habe die Folge geschaut, in welcher der autistische Dr. Shaun Murphy mit seiner guten Freundin Lea zusammengezogen ist. Es gab den ersten Streit, Auslöser war eine verkehrt herum hängende Toilettenpapierrolle. Unweigerlich dachte ich dann an mein Umfeld und hatte etwas Mitgefühl, spürte aber auch große Dankbarkeit.

Würde mich selbst zwar für ziemlich flexibel halten (das kann ich nicht schreiben, ohne zu schmunzeln), aber die ein oder andere Eigenart habe ich gewiss. Na sagen wir, in meinem Rahmen bin ich Kompromissfähig, oder manchmal in der Lage, einfach wortlos wegzuschauen. Im Großen und Ganzen ist es aber sicher nicht immer leicht, mit mir zusammenzuleben. Zusammengefasst darf hier kaum etwas berührt, benutzt oder bewegt werden, ohne vorherige Ankündigung. Natürlich passiert das trotzdem ganz oft, was gelegentlich zu einem kleinen Streit führt. Oder sagen wir, ich werde dann ungemütlich. In diesem Sinne spüre ich Dankbarkeit für unfassbar viel Verständnis. Aber auch Mitgefühl, ein schlechtes Gewissen, wenn ich mal wieder einen Kurzschluss im Hirn habe, weil ne Tasse plötzlich im anderen/falschen Winkel steht. Naja, so ungefähr.

Als Kind/Jugendliche habe ich mein System, welches oftmals nur in meinem Kopf einen Sinn zu ergeben scheint, auch an fremden Orten durchsetzen wollen/es getan habe ohne zu fragen. In fremden Wohnungen, in Arztpraxen, in Geschäften, alles muss an seinem Platz sein. Dieses Verhalten kam oftmals nicht gut an, weshalb ich dieses zum Großteil (zumindest im Bezug auf fremde Wohnungen) abgelegt habe, obwohl der Drang selbstverständlich da ist. Sofern es meine Energie zulässt, sortiere ich aber noch in Geschäften, etc, wenn auch nur noch selten. Aufregen kann ich mich aber meist gut.

Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt darauf, wie das Zusammenleben der beiden weiterhin aussehen wird. 🙂

Autismus Erfahrung: Hilfsmittel

Ich möchte über meine Erfahrung/mein Erleben, aber auch über ein paar Allgemeine Dinge schreiben. Auch wenn es mir gerade nicht möglich erscheint, wirklich alles in diesen Beitrag zu bekommen. Vermutlich denke ich gerade an die Hälfte nicht, aber der Beitrag ist ja nicht in Stein gemeißelt. 🙂

Aber nun zur Sache…

Die sensorischen Reize abzuschirmen gelingt mir in einem verhältnismäßig kleinen Ausmaß.

Die Umgebung muss so reizarm wie möglich gestaltet sein. Bzw. mit Dingen, die stimulieren.

  1. zum Beispiel bleiben Dinge an ihrem festen Platz (trotzdem muss ich relativ häufig etwas suchen)
  2. Einstellungen von Geräten müssen beibehalten oder immer auf die selbe Art verändert werden.
  3. Menschen sind auf die nötigsten zu reduzieren, am liebsten bin ich allein
  4. Umgebungsgeräusche sind ebenfalls auf ein Minimum zu reduzieren

Mein Kopfhörer ist mir da (zu Hause) eine große Hilfe, sehr oft höre ich über Stunden das selbe Lied, oder eine bestimmte Playlist.

Ausgehen ist kaum möglich, während 2G noch galt fand ich Kino aber wieder toll, alternativ Autokino. Aber mal eben spontan in ein Restaurant oder ein Cafe gehen, nein. Ich habe mich viele Jahre zu solchen Dingen gezwungen, das Ergebnis sind psychische Erkrankungen, die vermeidbar gewesen wären.

Draußen ist mir der Kopfhörer keine große Hilfe, denn die akustischen Reize damit auszublenden wirkt eher gefährlich. Durch die übrigen Reize kann ich schlechter sehen, besonders bei grellem Licht. Manchmal habe ich Situationen, in denen ich fast nichts mehr sehen kann, dadurch verliere ich die Orientierung. Besonders gefährlich ist das aufgrund von Straßenverkehr, da hatte ich bisher schon sehr oft sehr viel Glück. Dahingehend fühle ich mich aber sicherer, wenn ich akustische Reize wahrnehme, um entgegenkommende Autos wenigstens hören zu können (neben dem Fühlen der Vibration)
Eine Sonnenbrille wäre da eine Lösung, diese Veränderung mag ich jedoch gar nicht.

Gegen Berührungen kann lange/dicke Kleidung etwas helfen. Niemand mag gern von Unbekannten in Intimzonen berührt werden (neben den Geschlechtsorganen und dem Gesäß ist zum Beispiel auch das Gesicht eine Intimzone)

Für mich ist alles Intimzone, (ganz besonders Blickkontakt). Dagegen kann eine Warnweste helfen mit entsprechendem Aufdruck, nicht berührt werden zu wollen. Mir persönlich war das etwas zu viel, weshalb ich es mit einem Magnetbutton versucht habe. Der ist leider völlig sinnlos. Im Geschäft wurde ich daher schon des Öfteren für einen Ladendieb gehalten, weil ich ewig in der Gegend herumstehen muss, bis dort, wo ich hin möchte, keiner mehr steht.

Seit Corona ist ein kurzes Husten sehr effektiv. Selbstverständlich ohne die Hand (oder den Ellenbogen, mit dem sich die Menschen dann berühren) nicht vor den Mund halten. Die meisten Menschen springen instinktiv weg. Ein bisschen lustig ist es auch. Wenn man das nicht möchte kann man aber auch sagen „ich fühle mich so komisch, muss wohl mal nen Coronatest machen“. Sofern man sprechen kann, ist auch das hilfreich. Zu erwähnen, dass man Pflegekraft ist, war zu Beginn der Pandemie auch sehr effektiv.

Stimming welcher Art auch immer kann ebenfalls lindern.

Sehr verständnisvolle Bezugspersonen sind extrem wichtig für alle anfallenden Situationen.

Natürlich gibt es auch positive Berührungen (entweder von einem Menschen, den man mag, oder eine Berührung die notwendig ist, zum Beispiel medizinisch), welche jedoch ebenfalls eine unterschiedlich hohe Reizüberflutung nach sich ziehen. Wahrung der Grenzen und Respekt sind da sehr wichtig. Die Menschen kann man sich glücklicherweise oftmals aussuchen. Am leichtesten erklären kann ich das mit einem Beispiel. Auf eine gewünschte Umarmung folgt eine Ruhephase, manchmal von mehreren Stunden. Berührungen, auch positive, werden extrem intensiv wahrgenommen, oftmals fühlt es sich an wie Stromschläge, die durch den Körper preschen. Die Erschöpfung dürfte verständlich sein. Und so ist auch die zufällige Berührung im Bus, in der Stadt oder sonst wo, ein enorm großer Eingriff in den Körper.

Weiter zum Thema Schlaf. Um Unruhe zu vermeiden kann eine Gewichtsdecke helfen. Diese fördert die eigene Körperwahrnehmung und mindert Schlafstörungen. Sie wirkt sich auf die Muskeln, die Gelenke, etc. aus. Mir sagt sie nicht zu, habe bisher aber nie mit einer solchen geschlafen. Wäre ja auch wieder eine Veränderung, also schlecht. 😀 Trotzdem kann ich relativ gut schlafen und zwar mit Gronkh. Da lasse ich nen Livestream laufen. Die Stimme hat wohl etwas beruhigendes. (Als ich ihm das mal erzählt habe, hat er es als Kompliment aufgefasst) Darüber hinaus kann hochdosiertes Melatonin helfen (das ist verschreibungspflichtig), in geringeren Mengen jedoch auch als Tablette oder Tee in der Drogerie zu kaufen. Bevor man zu (Schlaf-)Medikamenten greift, lohnt es sich, dieses auszuprobieren.

Zum Thema Ernährung. Ich bin ein sehr schlechter Esser und ein noch schlechterer Trinker. (Aber Hauptsache bei der Arbeit gute Ratschläge diesbezüglich verteilen:D) Ach, nicht nur bei der Arbeit. Zu Hause/in meinem Umfeld auch. Aber da gibt es mehrere Hilfsmittel, auf diesen Ohren bin ich jedoch bisher taub, sprich – bei mir funktionieren diese Dinge nicht. Da die Wahrnehmung gestört ist, werden diese Dinge einfach vergessen. Ich habe es mal mit laminierten Karten Probiert (liegen aber nur in einer Schublade)..hier als Bild – wenn jemand Interesse daran hat, der möge mir schreiben, ich schicke sie gern kostenlos zu. Diese sind vor allem dazu da, um die Ernährung vielseitiger zu gestalten.

Auch der Handywecker oder eine Eieruhr bringen in diesem Fall nichts, kann aber generell eine Hilfe sein. Menschen, die mich sehr stark damit nerven können helfen zu trinken. Am meisten geholfen hat mir mein letzter Krankenhausaufenthalt. Meist spüre ich Durst erst in Form von Schwindel, in diesem Fall war es zu spät und ich bin ohnmächtig geworden. Da ich mich gleichzeitig auch verletzt habe, bin ich ins Krankenhaus, was im Allgemeinen ein etwas traumatisches Erlebnis war. (Die Ärztin war aber sehr lieb und einfühlsam, sie schien sich etwas im Umgang mit Autisten auszukennen) Auch Notizzettel oder Erinnerungskarten können helfen.

Meine Ernährung ist weiterhin sehr einseitig (was natürlich super gut zur veganen Ernährung passt – nicht) Wobei sich das seit der Ernährungsumstellung stark gebessert hat. Da habe ich es mit meinem Insta Account versucht, um da jedoch der großen Eintönigkeit zu entgehen, zeige ich einfach nicht alles, was ich esse. Und das ich immer die selben Gewürze verwende, lasse ich ebenfalls außen vor. 😉 Trotzdem hat mir der Austausch dort etwas geholfen, manchmal etwas neues zu probieren. Hilfreich finde ich (Ernährungsform egal), sich an Nährstoffen zu orientieren, diese zu dokumentieren. An guten Tagen erreiche ich da das meiste. In der Küche allgemein hilft mir eine Abschaltautomatik an Backofen und Herd.

Der Hai aus Findet Nemo würde sagen: Der Klassiker, Verdrängung 😀

Planung ist das halbe Leben (manchmal lebe ich in der anderen Hälfte und erhalte die Quittung dafür)

Zur Einhaltung von Routinen, die elementar für einen möglichst guten Tag sind, ist der Wecker bzw. ein Timer eine große Hilfe. Ich habe über 150 eingestellte Weckzeiten, die ich aber nur nach Bedarf nutze. Meistens weiß ich nicht, wie spät es ist, oder welchen Tag wir haben. Trotzdem freue ich mich, wenn ich beinahe täglich auf die Uhr schaue, die dann meinen Geburtstag anzeigt (obwohl ich meinen Geburtstag an sich gar nicht mag. Das ich mir in dem betreffenden Monat den ganzen Monat Urlaub genommen habe, ist Beweisstück A). Eine bestimmte Abfolge von Musik kann helfen, Zeiten einzuschätzen.
Weiterhin hilft es, wenn man sein Umfeld an seine Routinen anpasst. Falls das nicht möglich ist, dann eben umgekehrt. Ein simpler Tagesplan kann ebenfalls helfen, die Struktur beizubehalten. In Form von Worten und/oder Piktogrammen. Präzise Absprachen können hilfreich sein.

Wenn man zum Beispiel auf ein Paket oder einen Besucher wartet, welcher um 15 Uhr eintreffen soll, dann wartet ein Autist schon drei Stunden vorher am Fenster und gedanklich bereits mehrere Tage. Abweichungen führen zu noch größerer Unruhe. Dieses Problem habe ich, da wo ich wohne, nicht mehr, der Concierge fängt 24/7 alles ab.

Zum Abschluss reihe ich noch ein Paar Hilfen auf.
– Falls Probleme beim Telefonieren bestehen: Es ist nicht schlimm, einen Anruf nicht anzunehmen. Ein kleines „Drehbuch“ mit allen Eventualitäten schafft Abhilfe, dann kann man zurückrufen. Ich habe mir da angewöhnt, ganze Sätze aufzuschreiben und abzulesen. Manchen reichen Stichpunkte.
– Außenstehende aufklären. Selbst im Job kann das hilfreich sein und ich werde nicht weniger qualifiziert behandelt aufgrund meiner Behinderung. Im schlimmsten Fall schützt das vor einem autistischen Burnout. (dazu mache ich gewiss auch noch einen Beitrag)
– Draußen kann es helfen, Schritte oder andere Dinge zu zählen.
– Vibrierendes Kissen (ähnliche Wirkung wie die Gewichtsdecke)
– Behindertenausweis/Nachteilausgleich
– Auch Medikamente/Psychopharmaka können helfen. Dabei ist unbedingt zu berücksichtigen, sich an einen Arzt/Ärztin zu wenden, der sich sehr gut mit Autismus auskennt. Medikamente können intensiver oder weniger intensiv als gewöhnlich wirken. Zuvor ggf. Baldrian ausprobieren.
– Spezielle Autismus-Therapie, bezogen auf spät-diagnostizierte. Autismus-Zentren gibt es in sehr vielen Städten und die ein oder anderen helfen sogar per Insta, wie ich erfahren konnte. (Abstand nehmen von ABA)
– Trigger (die zu einem Meltdown führen) vermeiden.
– Kommunikation – nicht immer klappt das verbal. Mir helfen Stofftiere, aber auch Bildkarten, spezielle Handzeichen können helfen.
– Wenn Kopfhörer keine Option sind (weil Musik evtl. überfordernd wirkt), können auch normale Ohrstöpsel helfen, die gibt’s in zahlreichen Ausführungen.
– Ein Assistenzhund (wird leider oft nicht übernommen, wenn keine Epilepsie besteht, trotzdem einen versuch wert) Mir helfen oft meine flauschigen Katzen 🙂
– Stimming Toys hier und da verteilen und Rückzugsmöglichkeiten schaffen bzw. einfordern.

Ergänzt gern in den Kommentaren, was euch so hilft.

PS: Manche (offizielle) Hilfsmittel können von der KK übernommen werden.

Autismus Erfahrung: Google Suchanfragen

Ich beantworte (aus meiner Erfahrung) Google Suchanfragen, die mir angezeigt werden, wenn ich das nachfolgend Dick-Gedruckte in die Suchleiste eingebe. Finde das recht amüsant 🙂

Können Autisten
…lieben: Ja, sehr viel und unterschiedlich.
…lügen: Ja, wenn es der eigenen Logik entspricht, meistens ist es aber sinnlos.
…weinen: Selbstverständlich. Weniger aus Trauer, meistens bei Ungerechtigkeit/Unfairness, Wut.
…lachen: Ja, das antrainierte nervige grinsen, aber auch echtes Lachen aufgrund von Freude oder einem Witz.
…sprechen: Generell, ja. Situativ, schlecht.
…Gefühle erkennen: wenn ich die Person sehr gut kenne oft. Manchmal aber nicht.
…sprechen lernen: Ja.
…alleine leben: Ja.
…eine Beziehung führen: Ja.

Haben Autisten
…Gefühle: Ne Menge.
…Mitgefühl: Wenn es angebracht ist und ich ein Gefühl nachempfinden kann.
…sexuelle Bedürfnisse: Ja. Hat jeder Mensch auf individuelle Weise – bis zum tot.
…Angst: Vor Spinnen sehr heftig zum Beispiel.
…Empathie: Im Beruf ja, privat könnte ich evtl. manchmal hölzern oder gar verletzend sein, wenn ich Gefühle nicht erkenne. Das ist dann das Salz, welches man sprichwörtlich in die Wunde streut.
…Freunde: Ich nicht, habe aber auch nicht wirklich das Bedürfnis. Würde mich eh nicht so drum kümmern, wie es evtl. erforderlich wäre.
…Zwänge: Wenn damit eine Zwangsstörung gemeint ist: Nein.
…Fantasie: Ja.
…ein Gewissen: Das schlechte Gewissen habe ich oft.
…eine geringere Lebenserwartung: Aufgrund von Stress möglich.

Wollen Autisten
…Freunde: s.o.
Warum … nicht angefasst werden: Aufgrund des Reizes. Manchmal ist dieser Reiz jedoch erwünscht. Das sage ich in dem Fall.
…sprechen: Ja.
…Kinder: Ich ließe mit mir sprechen. Mein Wunsch ist es jedoch nicht.

Merken Autisten
…dass sie anders sind: Ja, das hat man mich deutlich spüren lassen.

Sind Autisten
…schlau: auf meinen Interessengebieten ja. Allgemeinbildung nicht so. Ich habe eine sehr schnelle Auffassungsgabe und häufig eine sehr gute Merkfähigkeit. Der IQ sagt nichts über tatsächliche Intelligenz aus.
…behindert: Ja, Autismus ist eine Behinderung.
…intelligent: s.o.
…hochbegabt: Unter allen Autist:innen ist alles dabei.
…egoistisch: Manchmal ja.
…schüchtern: Sobald ich eine Person gut kenne nicht.
…geistig Behindert: das kann zusätzlich vorhanden sein, ja. Bei mir nicht.
…vergesslich: Abgesehen von meiner dissoziativen Amnesie gar nicht. Da fehlen mir ein paar Begebenheiten aus einem Zeitraum von ca. 5 Jahren. Diese kommen nur langsam wieder zurück und mittlerweile habe ich mich damit abgefunden. Ich suche jedoch mindestens ein mal am Tag mein Handy und darf dann oftmals die ganze Wohnung danach absuchen.

Müssen Autisten
…arbeiten: Ja, hab noch keinen gefunden, der das für mich tut. 😉 Ich gehe aber gern arbeiten, weil es Unabhängigkeit ermöglicht. Auf diese Möglichkeit lege ich größten Wert.
…Medikamente nehmen: Wenn ich krank bin, selten. Habe genug Psychopharmaka gefuttert, davon halte ich ganz weiten Abstand.
…Mundschutz tragen: Ja, am Anfang ist mir das sehr schwer gefallen. Zum einen wegen dem Reiz in meinem Gesicht. Aber auch, weil sich nicht alle an die Pflichten gehalten haben. Das hat mich oft aus der Bahn geworfen. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt.

Machen Autisten
…Geräusche: Welcher Art? Generell, ja.

Wenn ihr spezifische Fragen habt, lasst mir diese gern per Mail (oder Insta) zukommen. Falls sich die Gelegenheit eröffnet, würde ich dazu einen Beitrag erstellen. Es gibt keine unerlaubten Fragen.

Autismus Erfahrung: Von Liebe und Partnerschaft

Die meisten Autist:innen wünschen sich eine Partnerschaft, so wie sich auch die meisten anderen nicht-autistischen Menschen eine Partnerschaft wünschen. Der eine früher, der andere später, die einen Monogam, andere sind da aufgeschlossener. Partnerschaft ist also auch unter oder mit Autist:innen individuell, wie bei jedem anderen Menschen.

Die Schwierigkeit, eine:n Partner:in zu finden, besteht zunächst in der Kommunikation. Ich hatte bereits ein paar mehrjährige Partnerschaften und kann bei keiner genau sagen, wie diese überhaupt zustande gekommen sind. Gelegentlich scheint da das bekannte Fremdsprachenproblem kein großes Problem zu sein. Ich habe jedenfalls keine Ahnung, wie eine Kommunikation stattfindet, wenn es gezielt um die Partnersuche geht. Und was ist überhaupt Liebe?! Liebe ist für mich (meine Wahrnehmung) ein sehr schwaches Wort, obwohl ich es in meiner Schreiberei häufig verwende. Das ist aber etwas anderes. Aber das sollte ich wohl erklären.

Mit Liebe werfen Menschen um sich und oft wird es auch dazu verwendet, Menschen zu bewegen. Ich bewege mich aber lieber selbst. Liebe soll in der Theorie bedingungslos sein, ist aber oftmals mit Gegenleistungen verbunden. Für ein „ich liebe dich“ gibt es einen Kuss. Und dann ist da noch dieses „für immer und ewig“, welches eine Dauer von wenigen Stunden bis zum tot umfassen kann. Liebe ist ein so großes Wort, dass es geradezu danach schreit, ausgenutzt zu werden. Sage ich jemandem, dass ich ihn liebe, bekomme ich dafür dieses oder jenes. Ich sage nicht, dass das immer so ist, aber für mich gibt es passendere Bezeichnungen, jemandem meine Zuneigung auszudrücken.

„Du nervst zwar meistens, aber nicht so sehr wie alle anderen.“ – Wer würde so einen Satz verwenden, um zu lügen? Kann mir nicht vorstellen, dass der Satz empfohlen wird, um anderen Liebe zu zeigen bzw. diese vorzutäuschen, um irgendwelche ominösen Ziele zu verfolgen. „Ich mag dich“, finde ich auch noch gut. Nicht so gut wie den anderen Satz, aber besser als „ich liebe dich“. Außerdem ist er vielseitig nutzbar. Man kann ihn sagen, ohne sich selbst zu sehr zu offenbaren. Aber eben doch, um eine allgemeine Zuneigung auszudrücken, welche nicht auf einer Gegenleistung beruhen muss. Ich mag zum Beispiel auch sehr gern Aufläufe – man sieht es mir an. Könnte jeden Tag Brokkoliauflauf essen – ok, Brokkoli liebe ich wohl. 😀

„Ich liebe dich“, ist oft an Bedingungen geknüpft. Und diese Bedingungen gefallen mir gar nicht. Entweder wird man ausgenutzt, oder man wird eingesperrt (überspitzt dargestellt). Und plötzlich ist man nicht mehr nur ich, sondern ein wir. Da ich aber bereits Beziehungen hatte, war ich natürlich schon des Öfteren ein „wir“. Aber besonders angenehm finde ich das nicht. Dieses „wir“ besteht dann aus Zusammenlegungen und Kompromissen – und Gegenleistungen. Die wenigsten Menschen rechnen bewusst so, das ist mir klar. Und eine Beziehung kann sehr schön sein, auch das ist mir klar. Menschen, die sich in einer rundum glücklichen Beziehung befinden, arbeiten gewiss auch gern daran, dass diese Beziehung glücklich bleibt. (Ich hingegen frage mich, wo bei all der Arbeit der Lohn bleibt – bitte sagt nicht, dass der Lohn die Liebe ist, die ich dann zurückbekomme…so als Gegenleistung). Sollte das Ganze aber länger halten, wird daraus sogar eine Verpflichtung. Puuh. Das ist mir beim schreiben schon zu anstrengend.

Bevor ich aber nun zur negativ-Nase werde, spinne ich dieses Beziehungs-Dings mal weiter, obwohl man mich nun für Beziehungsunfähig halten könnte (wäre nicht schlimm, ich sehe mich selbst so – im Bezug auf diese normalen Beziehungen)

Nehme ich mal also mal an, dass diese anfänglichen Kommunikationsschwierigkeiten vor einer Beziehung irgendwie umgangen werden und es dann in eine Beziehung übergeht. Da bleibt dann dieses Problem weiter bestehen und als Bonus gibt es weitere Schwierigkeiten obendrauf. Kurz und Knapp würde ich aber sagen, dass es keine bzw. weniger Schwierigkeiten gäbe, wenn ich weiterhin so leben könnte, wie eine alleinstehende Person. Aber so läuft das nun mal nicht (warum nicht, ist mir schleierhaft – Steuererleichterung ist ja wohl kein Argument mehr).

  • Diese Schwierigkeiten fangen schon beim schlafen an: der/die Partner:in will kuscheln, will daneben liegen, schnarcht, atmet, schwitzt, ist warm oder kalt, bewegt sich, steht auf, usw. Das alles sind Reize, die natürlich auch während man als Autist:in schläft (oder versucht zu schlafen), ungefiltert eindringen, nebst den anderen Reizen wie Sturm, eine anders blubbernde Heizung/also ungewohnte/untypische Geräusche, die Party beim Nachbarn, etc. Die Qualität des Schlafes ist gestört.
  • Weiter geht es mit den Routinen – diese müssen in Kompromissen angepasst werden, manchmal sogar ausgelassen werden, sie sind durch die Anwesenheit ggf. gestört. Und im Grunde ist dann der ganze Tag im Eimer für einen autistischen Menschen.
  • Berührungen und Zuwendung: In einer Beziehung ganz normal und individuell. In einer Beziehung mit einer autistischen Person anders und auch individuell. Der eine Autist mag mehr, der andere weniger. Zu erkennen, was und wann der/die Partner:in etwas davon braucht, ist oftmals ausgeschlossen (zumindest bei mir, ich erkenne es nicht). Direkte, offene Kommunikation ist unabdingbar für die Dinge, die normalerweise intuitiv passieren. Berührungen finden bestenfalls nicht einfach so statt, sondern nach vorheriger Absprache.
  • Die gemeinsame Bleibe: manche Dinge müssen so passieren, aussehen oder irgendwo einen festen Platz haben, das ergibt für den Partner nicht immer Sinn. Ja, selbstverständlich haben auch nicht-autistische Menschen solcherlei Marotten, dennoch ist das nicht das Selbe! Für mich endet es in totaler Reizüberflutung, wenn Dinge (z.B.) an meinem Schreibtisch, einfach bewegt oder gar entfernt werden. Selbst wenn es nur eine leere Flasche ist. Das ganze ist unsagbar anstrengend und muss auch wieder durch Stimming kompensiert werden. Darüber hinaus verstärkt das mein Verlangen nach Rückzug.
  • Womit man beim nächsten wäre, dem Rückzug. Davon brauchen autistische Menschen in der Regel sehr viel, manchmal so viel, dass es für einen nicht-autistischen Partner zu viel ist. Womit dann die Bedürfnisse des anderen zu kurz kommen. Nehmen wir aber an, der Partner kommuniziert seine Bedürfnisse klar – und als Autistin gehe ich den Kompromiss ein, dann bedeutet auch das wieder erhöhter Stress.
  • Weiter geht es mir gängigen/alltäglichen Dingen wie das TV-Programm, die Ernährung, der Urlaub, usw. Autist:innen halten sich in der Regel an Bekanntes und lassen sich im Vergleich selten auf Neues ein. Sollte also Kochen nicht gerade ein Spezialinteresse sein, wie fändest du es dann, ständig die Selben Nahrungsmittel zu essen, die auch immer gleich schmecken, aufgrund von den selben verwendeten Gewürzen? Und macht es dir etwas aus, eine Serie zum zwanzigsten mal zu schauen? Und sofern Urlaub möglich ist, würden dir dann immer die selben Orte gefallen? Ich glaube das Problem ist klar.
  • Und bei Familienfeiern, geplanten/ungeplanten Geschenken geht es weiter.

Das ist wieder so eine Liste, die ewig weitergehen könnte, aber da der Beitrag sich nun schon zwei Din-A 4 Seiten nähert (nach Möglichkeit gehe ich nicht über diese zwei hinaus), gehe ich weiter.

Also angenommen diese/r nicht-autistische Partner:in hat mit all diesen Dingen kein Problem. Wie sieht das in der Praxis langfristig aus? Nun, entweder ist der/die Partner:in sehr verständnisvoll und stellt ggf. manchmal die eigenen Bedürfnisse hinten an (so wie es auch die/der autistische Partner:in tun müsste – das ist dann der Kompromiss), oder die Beziehung wird nicht lange halten. Oder der/die Partnerin ist ähnlich gestrickt, oder möchte gar keine gemeinsame Behausung. Das würde Probleme minimieren. Oder beide Partner sind autistisch und können sich dementsprechend leichter verständigen.

Dazu sei gesagt, dass Autist:innen in der Regel sehr loyal sind. Wenn ich zum Beispiel jemanden mag und diese Person nie schlecht zu mir war, mag ich diese Person selbst dann noch, wenn schon Jahrelang kein Kontakt mehr besteht. Was mich noch mal auf das Thema Liebe und mögen/nicht nerven zurückbringt. Jemanden zu mögen hat für mich mehr Gewicht, weil das eher Bedingungslos ist. Ich bin nicht sicher, ob ich das gut erklärt habe. Mir ist also egal, ob ich das selbe Gefühl zurückerhalte. Wenn man es aber zurückerhält, kann man eher davon ausgehen, dass es ehrlich gemeint ist. Und da ich generell Probleme damit habe, Menschen einzuschätzen, ist mir das so lieber. Außerdem lasse ich Menschen nur ungern in meine Gefühlswelt schauen (sagt die, die Gedichte schreibt). Mögen kann so alles sein, von ok bis super toll. Aber das ist dabei gar nicht wichtig – weil es ohnehin bedingungslos ist. Liebe aber muss supergroß sein. Das erwartet man im Normalfall. Dazu habe ich das Wort Liebe aber schon zu oft als Lüge gesehen (nein, ich war nicht persönlich betroffen).

Menschen sprechen oft von Liebe und zeigen dann, dass sie es nicht so meinten. Nicht so, wie es gemeint sein sollte. Das Wort Liebe wird zu leichtfertig benutzt. Das stört mich daran.

Wenn Interesse daran besteht, kann ich gesondert auch noch das Thema Autismus und Sex/Sexualität erläutern. Dazu gibt es ein paar allgemeine Informationen, die jeder googeln kann, aber da steht meiner Meinung nach eine Menge Blödsinn, wenn ich meine eigenen Erfahrungen betrachte und jene anderer Autist:innen, mit denen ich mich über die Jahre ausgetauscht habe. Da dieses Thema aber bei vielen Menschen ein Tabu-Thema ist, würde ich das nur machen, wenn es gewünscht wird. Für mich ist das ein Thema wie jedes Andere.

EDIT: So im Nachhinein fällt mir auf, dass ich das ganze möglicherweise etwas madig geredet habe. Ein Fakt ist aber, das trotz alle dem, so eine Beziehung sehr aufregend und erfüllend sein kann. 🙂 Autismus sollte also dahingehend niemanden abschrecken. Wenn man sich sehr gut verständigen kann, ist alles halb so wild. 🙂

Autismus Erfahrung: Stimming

Eines meiner Lieblingsthemen, wohl weil es mich den ganzen Tag begleitet – manchmal merke ich es gar nicht, weil es unbewusst passiert. Vorweg sei gesagt, jeder Mensch, der (Dis-/Eu-) Stress empfindet, betreibt Stimming. Wer hat nicht schon mal das Etikett einer Flasche abgefummelt oder mit den Fingerspitzen auf dem Tisch herumgeklackert? Vielleicht auch mit den Beinen gewippt oder auf der Unterlippe herumgeknabbert. Das (und Ähnliches) sind normale Reaktionen auf eine Art Stress (Aufregung, Nervosität, etc.) Bei Autist:innen ist es etwas anders.

Das Thema Reizüberflutung kam bereits des Öfteren zur Sprache, jedoch noch nicht in einem gesonderten Beitrag. Das sollte ich bei Zeiten nachholen. Nun, es kam dennoch sehr häufig in anderen Beiträgen vor, weil die Reizüberflutung ein zentrales Problem bei Autismus darstellt. Die Frage dabei ist, wie wird das kompensiert? Und da kommt das Stimming ins Spiel.

Stimming ist so individuell unter Autist:innen, wie die Menschen selbst. Sprich: da hat jeder so seine Vorlieben und Gewohnheiten, bzw. Erprobtes.

Was ist Stimming für Autist:innen? Autist:innen stehen nicht immer, aber die meiste Zeit unter Stress aufgrund von permanenten Reizen, welche ungefiltert eindringen. Von meiner Seite aus kann ich sagen, dass das für mich normal ist – kenne mich ja nicht anders. Ich stehe also nicht den ganzen Tag da und denke „was hab ich wieder Stress“. Das sage ich höchstens dann, wenn mein Stresslevel ungewöhnlich und auffallend hoch ist. Ich kann also sehr lange gelassen sein, oder zumindest so wirken. Das war natürlich nicht immer so, ich denke das bringt die Lebenserfahrung und die Erfahrung, mit sich selbst. Aber zurück: Stimming ist selbst stimulierendes Verhalten.

Klassisch motorische Handlungen wie das Hin- und Herschaukeln, das Händeflattern (ganz oft bei Freude), verschiedenes lautieren, schaukeln in Embryonalstellung. Manche berichten davon, manchmal dabei in einer Art Trance zu sein.

Die verschiedenen Arten von Stimming finden über die Sinnesorgane statt. Also sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken und auch das Gleichgewicht. Dazu wenige Beispiele, die Auswahl ist da sehr breit gefächert.

Visuell:

  • Objekte anstarren (Kennt ihr diese kleinentanzenden Solar-Wackel-Figuren? Hab so ne Eule auf meinem Schreibtisch stehen, die finde ich sehr toll.)
  • Licht an und aus schalten (gleichzeitig Akustisch – klicken)
  • Handbewegungen/Zittern/Finger bewegen beobachten
  • Schatten, Bilder, Lichtpunkte,
  • Sekundenzeiger verfolgen
  • etc.

Akustisch:

  • Geräusche (selbst erzeugte wie summen, brummen, knurren, etc. oder bestimmte Musik, Klänge)
  • Klopf und Klick Geräusche
  • wiederholen von Sprache – Gedichte, Songtexte, Film/Serie (sehr häufig höre ich stundenlang den selben Song)

Taktil:

  • Dinge berühren (bestimmte Stoffe, das Haustier, in der Natur Gras/Bäume, etc.)
  • mit den Fingern tippen
  • kratzen (hätte gern nen Kratzbaum in Menschengröße)
  • monotone Handbewegungen

Geruchs- und Geschmackssinn:

  • an verschiedenen Dingen/Personen riechen (könnte halt alles mögliche sein) ich dachte lange Zeit, dass es normal ist, Streichhölzer anzuzünden, nur um die Flamme dann auszupusten, um zu schnüffeln. 😀
  • Dinge in den Mund stecken
  • lecken, trinken oder essen, Zähne putzen

Vestibulär:

  • wippen
  • auf einem Bein stehen oder hocken
  • schaukeln
  • drehen (dazu habe ich eine sehr lustige Geschichte aus meiner Kindheit, darin komme ich, eine Barbie und eine Öl-Duftkerze vor)

Ich persönlich betreibe Stimming sehr viel über meine Finger (taktil, visuell, akustisch)

  • malen (nicht immer mit Sinn, einfach nur so kritzeln, weil der glitzernde Edding zum Beispiel gefällt, (auch riecht), das kratzige Geräusch.
  • Zettel zerreißen, in immer kleinere Stückchen
  • Musik hören (sehr oft eine bestimmte Playlist, oder über Stunden den selben Song)
  • an knisternden Dingen herumspielen
  • und vieles mehr, je nachdem was sich um mich herum befindet
  • uvm.

Das Händeflattern mache ich auch manchmal, oder mit den Handflächen auf die Oberschenkel klatschen, allgemein Händeklatschen. Wippen mit dem ganzen Körper oder mit den Beinen, im Bett liegend hin und her schaukeln, usw.

Wenn ich nicht allein bin, unterdrücke ich diese Dinge manchmal, das eine mehr, das andere weniger. Das konnte ich bisher nur schlecht ablegen, weshalb ich meinen Stresslevel dann schlechter regulieren kann.

Auch in der Schule ist mir das sehr schwer gefallen, ich litt quasi unter ständigen Kopfschmerzen. Still sitzen war ne Pflichtübung. Die Geräuschkulisse, die ich von ca. dreißig weiteren Schüler:innen im Rücken hatte, war aber offenbar ok. 😉 War keine leichte Zeit.

Autismus Erfahrung: Roomtour

Der Titel ist sowohl zutreffend, als auch irreführend. Ich zeige euch nicht die Räumlichkeiten, in denen ich lebe, sondern die Räumlichkeiten, die in mir leben, worin ich lebe. Diese Idee finde ich sowohl spannend, denn ich habe Gelegenheit, selbst mal genauer hinzuschauen, als auch bereits im Vorfeld frustrierend, weil ich weiß, dass ich es unmöglich schaffen kann, alles zu zeigen, bzw. in diesem Fall zu beschreiben. Hab da oben nämlich keine Kamera. Darüber hinaus mag ich es überhaupt nicht, Menschen, mit Ausnahme von mir, dort oben durchlatschen zu lassen. Daher bitte ich euch die Handys auszuschalten, die Schuhe auszuziehen und in die bereitgestellten flauschigen Häschenpantoffel zu steigen. Und nicht reden, leiser atmen und vor allem nichts anfassen!

Durch eine große, schwere, alte Holztür gelangt ihr in den Flur, einen unendlich langen Flur, links und rechts an den Wänden hängen alte Gemälde, keine wertvollen, irgendwer hatte sie weggeworfen und ich habe sie vom Sperrmüll gerettet. Schwache Flammen von Kerzen an den Wänden sorgen gerade so eben für ausreichend Licht, um euch angemessen begrüßen zu können. In gleichbleibenden Abständen führen Türen in meine zahlreichen Zimmer. Dieser Flur hat kein richtiges Ende, was wie ein Ende erscheint ist nur die Dunkelheit, die sich von euch entfernt, je näher ihr dieser kommt. Beachtet nicht das kleine süß-lächelnde Mädchen mit engelsgleichem Gesicht und goldenen Löckchen im weißen Nachthemd und einem großen Fleischermesser in der Hand. Sie wird euch höchstwahrscheinlich nichts tun, sie summt nur die Tetris Melodie.

Wir gehen vorbei in den ersten Raum. Er ist der größte von allen und der, der mir am wenigsten bedeutet. In ihm ist es laut und schrill, skurril und alles redet in verschiedenen Sprachen durcheinander. Er speichert jeden Tag, in jeder Sekunde alles, was mich umgibt, überall fliegt nutzloses Zeug in der Gegend herum, Notizzettel regnen von der Decke, Garfield tanzt zu „Hey Mama“ und schmeißt alles um, in der Ecke sitzt Hannibal Lecter und bereitet sich in tiefer Entspannung seine Leibspeise zu. Im Hintergrund laufen die Top 1.000 schlechtesten Lieder, dessen Texte ich aus irgendeinem Grund auswendig mitsinge…“Maschendrahtzaun in the morning“ (nur damit ihr auch etwas davon habt). Dieser Raum ist schrill, er glitzert ohne System, er ist laut und unordentlich, geradezu verdreckt mit dem Müll der ganzen Welt. Schlechte Nachrichten stapeln sich entlang der Wände bis an die Decke, auch sie verschwindet im dunkeln ohne Ende. Für dieses grenzenlos-gnadenlose Messi-Erlebnis sollte ich Eintritt verlangen. Wer jedoch auf einen übriggebliebenen Legostein tritt und stürzt, der braucht nicht zu zahlen…mein Lachkrampf ist ausreichend.

Jeder darf sich nun einen der kleinen Äffchen mit Becken greifen und mitnehmen. Wie ihr seht habe ich genug davon. Und nach der überwältigenden, Luft-raubenden, ungefilterten Reizüberflutung habt ihr ein Souvenir verdient. Ach, und ich hoffe ihr stellt euch das ganze im Stil von MTV Cribs vor…würde mich dann fancy und important fühlen. Bitte keine Zwischenfragen nach einem Getränk, einer Toilette oder einem Sitzplatz. Solche Dinge gibt’s hier nicht. Naja, einen Stuhl gibt es vielleicht. Geht einfach in den eben grob gesehenen Raum zurück, irgendwo müsste da ne verrückte Olle sitzen, die den ganzen Tag TikTok Videos guckt und dabei hektisch herumzappelt. Manche verfolgen ja das Motto: Lieber schlecht gesessen, als gut gestanden. Die Tour geht trotzdem weiter.

Ein wenig den Flur hinunter wird hart gearbeitet. Fließbänder laufen den ganzen Tag, um sie herum kaum zählbare Mitarbeiter, ein rennen und treiben und kein freier Tag in Sicht. Wer sich ihnen anschließen möchte muss produktiv sein und das 24/7. Das Arbeitsschutzgesetz kennt hier zum Glück niemand. Aufregend ist anders, ich weiß, in all der Hektik herrscht Monotonie. Also weiter, im Nächsten Raum müssen wir sehr leise sein! Den Zustand des Raumes kann ich vor dem betreten nie so richtig einschätzen. Er ist ebenfalls riesig und scheint ungeordnet, überall liegen Zettel herum, aber sollte die geschundene Seele darin in guter Verfassung sein, könnt ihr sie ansprechen, doch mit euch reden wird sie niemals. Noch nie hat sie ihr Schweigen gebrochen. Es duftet nach Liebe, nach Sehnsucht, nach Kummer und amouröse Gedanken schweben an der Decke. In den Ecken tun sich finstere Abgründe auf und an der Bar gibt es Cocktails mit Schirmchen und Blut. Manchmal hört man diese Seele atmen, trotz der stickigen Luft, immer dann, wenn sie von einer Muse geküsst wird, sie durchströmt, mit ihr tanzt, sie streichelt und einen weiteren Kratzer hinterlässt. Ganz kurz duftet es dann nach Glückseligkeit und ein weiterer Zettel ist zum abtippen bereit. Den Teil erledige ich dann…irgendetwas muss ich ja auch tun, zumindest wirke ich dann so beschäftigt. Aber kommt weiter, die Seele beginnt zu schluchzen und ich möchte nicht ertrinken.

Vor dem Nächsten Raum braucht ihr keine Angst zu haben, nur weil ein Skelett vor der Tür steht. Ihr könnt es gern betrachten, mir jedoch ist es egal. Solltet ihr euch für Humanmedizin interessieren, dann kommt gern mit herein. Keine Sorge, die offene Leiche ist fiktiv und fast vollständig. Die Leber fehlt…gewiss war Lecter wieder hier. Nun ja, egal. Hier drin befindet sich mein wertvollster Besitz. Die unvollständige Geschichte bahnbrechender Erfindungen und Entdeckungen von Apparaturen und Medikamenten, die uns bestenfalls das Leben etwas verlängern. Bücherweise Anatomie, Physiologie und Pathologie, die ich seit der Kindheit aufsauge. Ein kleines Bisschen Psychologie ist wohl auch irgendwo dazwischen. Nur das Skelett steht halt draußen und begnügt sich mit dem Nötigsten. Also weiter.

Es werden keine Raumanzüge benötigt und trotzdem können wir nach den Sternen greifen, durch Galaxien schweben und schwarze Löcher aus nächster Nähe vom Ereignishorizont aus betrachten. Wem die Lichtjahre zu weit entfernt sind, der möge sich auf den Boden setzen und nach einer beliebigen Doku fragen, ich erzähle sie euch. Wem mein Gerede auf den Keks geht, der greife nach meiner Zeitschriften-Sammlung, bitte vorsichtig, die kosten um die fünfzehn Euro das Stück, ich will keine Eselsohren sehen. Die Suche nach meinem Heimatplaneten wird vermutlich bis in die Ewigkeit dauern.

Im Nächsten Raum bleibt ihr am besten dicht hinter mir. Die Zombies sind schnell und wie man sich denken kann, sind die recht bissig. Das hier ist keine Einbildung, es ist Realität! Na ja, zumindest ist mein Plan für eine Realität mit Zombies konzipiert. Von Werbung bzgl. „Zuflucht“ möchte ich absehen. Mein Plan benötigt zwar einige andere Menschen, aber ich bin sicher, die kommen auch so. Ich möchte so wenig wie möglich von den bösen Lebenden anziehen. Die guten Übriggebliebenen dürfen eintreten. Hier ist genug Platz und es gibt viel Arbeit. Und ihr seid ja gerade auch da. Und wenn das hier fertig ist, da uns die Besorgung benötigter Dinge leicht erschwert wird, wird es eine Weile dauern, aber dann haben wir Strom aus Solarenergie, wir bekommen Wasser und stellen unsere Nahrung selbst her. Denn irgendwann wird es nichts mehr zum plündern geben. Daher liegt der Fokus von Anfang an auf der Selbstversorgung. Das Schwierigste war das Waffenproblem, ist aber gelöst. Alles andere war schnell zu erlernen. Nun, das reicht, ist schließlich mein Plan, davon verrate ich nichts. Von dieser Welt freue ich mich über jeden luziden Traum. Aber ich verstehe schon, schnell wieder raus hier. Ist ja auch nur so für den sehr unwahrscheinlichen Fall.

Beim rausgehen bitte die plüschigen Häschenpantoffel austauschen und die mit zermatschtem Zombiehirn in den Müllsack, danke.

Nun, die vor uns liegenden Zimmer sind nicht allzu groß. Darin sind Persönlichkeiten, die mich interessieren…die meisten sind schon lange tot. Sehr viel Geschichte, allgemeines Geschichtswissen, interessante fun facts. Geschichte der schwarzen Menschen, Sklaverei, Kolonialismus, NS-Zeit, ein wenig Mittelalter, und worüber ich noch so ständig stolpere. Halten wir es hier kurz, es sind halt ein paar Bibliotheken.

Die übrigen Raume sehen nicht mehr allzu spannend aus. Decken hohe Schränke, schmale Gänge, alles voller kategorisierter Akten, randvoll mit den Informationen, die meine Arbeiter für wichtig befinden, auf ewig archiviert. Bitte nur nichts anfassen oder gar austauschen, das führt zu nem Kurzschluss im System. Und immer bei der Gruppe bleiben, das hier ist ein Labyrinth. Ich führe euch da durch und hoffe, ihr könnt in den Pantoffeln wandern. Die Zeit können wir nutzen um zu quatschen. Ich rede und ihr hört zu. Diese kleine Führung fiel mir alles andere als leicht, wenn man bedenkt, dass ich euch gerade mal einen winzigen Teil der Oberfläche gezeigt habe und ich selbst alles auf einmal und immer zur selben Zeit sehe. (Das erklärt das Mädchen am Anfang). Während mein Messi-Raum immer größer wird, pausenlos. Ich glaube meinen Heimatplaneten erkenne ich daran, dass es dort keine Farben gibt, keinen Müll und der Austausch ist auf das Nötigste reduziert, es gibt nur eine kleine Auswahl an Nahrungsmitteln, alles ist einheitlich und eintönig. Ich habe keine Ahnung wie es in anderen Gehirnen aussieht und ich will es auch gar nicht mehr wissen, denn das würde auch nur wieder in meinen Akten landen. Um es mit Murtaugh zu sagen: „Ich bin zu alt für diesen Scheiß“.

Manchmal wünsche ich mir, die richtige Verbindung zu finden, die im autistischen Hirn falsch verkabelt wurde (kann ich meiner Mutter wohl die Schuld dafür geben?) Will nicht sagen, dass es in anderen autistischen Hirnen auch so aussieht, bzw. wie in diesem Fall ein kleiner Teil der Oberfläche, das hier ist eben meine Beschreibung. Und inzwischen bin ich reichlich müde, daher bitte ich euch, eure Souvenirs einzustecken, die Pantoffel dürft ihr auch behalten. Normalerweise lese ich die Texte noch mal durch, aber dieses mal ist mir nicht danach, von daher dürfen Unstimmigkeiten und Fehler auch behalten werden. Wobei ich mir schon ein wenig wünsche, dass niemand bis zum Schluss gelesen hat. Denn obwohl es nur ein bisschen Oberfläche war, ist das Gefühl von nackt mitten am Tag im Einkaufszentrum stehen definitiv da. Egal, da vorne seht ihr das kleine Mädchen…geht einfach wortlos daran vorbei und schließt die Tür, wenn ihr draußen seid. Auf nimmer wiedersehen, also hier oben.

Autismus Erfahrung: 10 Literaturempfehlungen

Literaturempfehlungen für erwachsene Frauen, aber auch für alle anderen. 🙂

Die Liste ist klein, aber mal mehr und mal weniger fein. Man muss einfach bedenken, dass die meisten Bücher Autismus im Kindes-Alter beschreiben – und dazu wird noch immer sehr häufig von (Fach)-Menschen angenommen, dass Autismus bei Mädchen/Frauen nicht oder nur sehr selten vorkommt. Die Forschung und darauf aufbauend das Wissen und die Sensibilisierung hat höflich ausgedrückt Nachholbedarf. Die Lieste (für erwachsene betroffene Frauen) kann gern in den Kommentaren ergänzt werden.

Die Preise beziehen sich auf Neu-Preise.

Interessantes:

1. Wer sich für die Geschichte von Euthanasie in der NS-Zeit und die Geschichte der Autismusdiagnose interessiert, dem empfehle ich „Aspergers Kinder – Die Geburt des Autismus im Dritten Reich“ von Edith Sheffer. Manches klingt sehr voreingenommen, die Meinung über Hans Asperger stand gefühlt schon fest, bevor mit den Recherchen begonnen wurde. Man kann dieses Buch aber wunderbar nutzen, um sich anderweitig tiefer zu informieren, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Er trat der NSDAP nicht bei, war jedoch daran beteiligt, autistische/behinderte Kinder zu kategorisieren. In wieweit er nun für den Tod von (zu dieser Zeit unbrauchbaren) Kindern verantwortlich war, oder eben für das Überleben „Genialer Kinder“, bleibt umstritten.

ISBN: 978-3593509433 Preis: 29,95€

2. Als Ergänzung zur Entstehung der Diagnose „Geniale Störung“ von Steve Silberman

ISBN: 978-3832198459 Preis: 28,00€

Hilfreiches und Wissenswertes:

1. Die vielen Farben des Autismus (Spektrum, Ursachen,Diagnose,Therapie und Beratung) von Dr. med. Thomas Girsberger. Es gibt mehrere Auflagen, ich selbst habe die 5., aktualisierte Auflage.

Kurz und knackig ein Paar Fakten, leicht verständlich und es wird sogar auf die Schwierigkeiten bei Frauen eingegangen, wenn ich da auch eine Aussage auf Seite 98 ergänzen würde. („… Defizite bei Mädchen mit Asperger-Syndrom in der Regel etwas weniger ausgeprägt als bei Jungen. Mädchen neigen eher dazu, andere Mädchen in ihrer Umgebung genau zu beobachten und deren Verhalten, von dem sie ja wissen, dass es anstrebenswert gilt, nachzuahmen und zu kopieren.“) Ja, das stimmt. Die Begründung fehlt mir dann aber. Denn sie neigen nicht einfach so dazu, die Gesellschaft spielt eine große Rolle! Während Jungs „kleine Schlingel“ sein dürfen, müssen Mädchen immer brav sein. Oder mussten es zumindest, als die bedürfnisorientierte Erziehung noch nicht so modern war, wie sie es heute ist. Im gesamten aber sehr lesenswert und auch ein kleiner Hoffnungsträger, dass nicht alle Mediziner die Augen verschließen, sobald es um Autismus bei Frauen geht. Zum Teil wird das sogar kritisiert/für bedenklich befunden. Darüber hinaus finden sich aber auch nützliche Tipps für den Alltag, nicht ausschließlich, aber überwiegend für Kinder und Jugendliche. Aber doch so, dass man durchaus auch als Erwachsener das ein oder andere für sich nutzen kann. Ein dünnes Buch mit sehr viel Inhalt!

ISBN: 978-3170387003 Preis: 29,00€

2. Autismus – (m)eine andere Wahrnehmung von Gee Vero.

Eine Autistin, die im Alter von 38 Jahren diagnostiziert wurde.

Nicht alles empfinde ich genau so, Menschen sind eben individuell. Dieses Buch ist jedoch ein muss für jede erwachsene weibliche Autistin – und auch für deren Angehörige. Als Autistin wird man schon vom ersten Satz abgeholt und durch das ganze Buch mitgenommen. Außerdem gefällt mir die Schriftgröße und der Zeilenabstand. Ich hatte kaum Probleme damit, die selbe Zeile wieder und wieder zu lesen und brauchte dabei auch kein Lesezeichen als Hilfsmittel. Ihre Beschreibung der autistischen Wahrnehmung, ihrer persönlichen Wahrnehmung hat mir dabei geholfen, mich selbst besser wahrzunehmen und auch meine zahlreich vorhandenen Eigenarten zu akzeptieren und sogar an mir zu mögen. Die Autorin hat weitere Bücher veröffentlicht.

ISBN: 978-1784079734 Preis: ca. 27€

3. Autismus und Wahrnehmung – Eine Welt aus Farben und Details von Christoph Müller

Ein wissenschaftliches Buch über den Kenntnisstand zur visuellen Wahrnehmung. (Aus dem Jahre 2007, dennoch interessant) Zwar über Kinder, aber das stört hier gar nicht, denn es handelt sich ja nicht um ein Selbsthilfe-Buch oder Ähnliches.

ISBN: 978-3828894235 Preis: 24,90

4. Eine Welt – zwei Wahrnehmungen. Wie Autisten die Welt erleben und was sie darüber denken.

Autoren sind Guido Kopp und Katrin Moser

Wieder zu empfehlen für Frauen! Es bietet sowohl persönliche Sichtweisen, als auch wissenschaftliche Anteile.

ISBN: ‎978-3662606933 Preis: 27,99€

5. Anders sein – Asperger-Syndrom und Hochfunktionaler Autismus im Erwachsenenalter – Ein Ratgeber von Kai Vogeley .. ich habe davon die erste Auflage.

Nun, es ist, was es ist. Ein Ratgeber, für mich persönlich inhaltlich kein hilfreicher Ratgeber. Sehr viel Thema auf wenigen Seiten. Problemorientiert. Inhalt, naja, teilweise bedenklich. Für grobe Informationen völlig ausreichend, wer mehr zu ausgewählten Themen wissen will, findet hier jedoch sehr viel Inspiration. Wenn man so gar nicht weiß, wonach man suchen soll. Die Überschriften empfinde ich dahingehend als hilfreich. Manchmal fragte ich mich aber, wer genau das Problem hat? Der Autist oder die Umgebung. Ich jedenfalls leide nicht darunter „Small-Talk“ nicht besonders gut zu beherrschen und habe auch nicht das Bedürfnis dies therapieren zu lassen.

ISBN: 978-3621279338 Preis: 32,95€

6. Autismus – Das Selbsthilfebuch von Silke Lipinski

Sehr gut für Anfänger und (Selbst-)Hilfesuchende. Und gewiss auch hilfreich. Wenn man sich jedoch bereits intensiver mit der Thematik auseinandergesetzt hat, ist vieles bereits bekannt.

ISBN: 978-3867391726 Preis:17,00€

7. In mir ist es laut und Bunt von Arthur Fleischmann mit Carly Fleischmann

Nun, das ist die Geschichte von der autistischen Tochter Carly und ihrem Vater. An sich gut zu lesen. Grausam aber auch, denn die Tochter wird von klein auf von einem Therapeuten zum Nächsten geschliffen. Und ganz hoch im Kurs steht die ABA-Therapie, mit welcher Autist:innen leider immer noch gequält werden. Natürlich ist es verständlich, seinem Kind helfen zu wollen. Aber da gibt es geeignetere Therapie-Ansätze, sofern eine Autismus-Therapie überhaupt nötig ist.

Ihre Sicht gefällt mir sehr gut.

ISBN: 978-3453640498 Preis: (Gebraucht) 3,19€

8. Aspergirls von Rudy Simone

Als autistische Frau/Jugendliche muss man quasi darüber stolpern. Schließlich spricht uns der Titel schon direkt an. Ich habe meine Ausgabe gebraucht gekauft und das beste darin ist – der/die Vorbesitzer/in hat jede Menge Anmerkungen hinterlassen. 😀 Das Buch beinhaltet sehr viele „Fakten“, die als allgemeingültig dargestellt werden, ohne es zu sein. Ich habe mich darin genauso oft wieder erkannt, wie eben gar nicht. Lesenswert ist es aber.

ISBN: 978-3407859464 Preis: 19,95€

Eine sinnlose Information zum Schluss – während ich diesen Beitrag verfasste, betrieb mitten auf meinem PC-Bildschirm eine dicke Fliege Körperpflege. Ich finde Körperpflege wichtig und gut, daher ließ ich sie in ruhe machen.

Autismus Erfahrung: Gedanken, Gefühle, Handlungen und Absichten einschätzen

Vorweg möchte ich eine einfache Erklärung von Neurotypisch und Neurodivers anbringen.

Neurodiversität ist im Grunde alles, was von einer neurokognitiven Norm abweicht. Menschen mit (rezidivierender) Depression, mit Zwangsstörungen, Borderline, Bipolare Menschen, Hochbegabung, Synästhesie, Schizophrenie, Lernschwächen, AD(H)S und Autismus, und vieles mehr. Das Ganze ist ein riesiges Spektrum (natürlich nicht alles auf dem selben Spektrum)

Und neurotypisch ist eben das, was nicht von der Norm abweicht. Wenn man so will, ein netteres Wort für „normal“ (ein durchschnittlich funktionierendes Gehirn). Aber „normal“ ist ja das Gegenteil von „unnormal“ und das ist Ableismus. Gerade bei Einschränkungen und Behinderungen, die man nicht sehen kann, werden einem diese klein-geredet oder gar abgesprochen.

Das klassische Beispiel ist der Mensch im Rollstuhl: niemand sagt „na steh doch einfach auf“, anders herum wird gesagt, wenn der Mensch aus dem Rollstuhl aufsteht „wie, du kannst aufstehen/laufen?“ Beides nicht ok.

Zu einem Menschen mit Zwangsstörung sagt man aber auch nicht (als Beispiel) „dann kontrolliere doch einfach nicht ne Stunde lang, ob der Herd aus ist“, man sagt aber auch nicht „ach, hihi, da bin ich auch oft unsicher“ (das ist klein-reden von Problemen). Und es war noch keinem Menschen mit Depressionen eine Hilfe, wenn man ihm sagt „geh öfter spazieren, und lache auch mal öfter“. Genau so können Menschen die lachen Depressionen haben. Und so weiter.

Ja, das sind für einige Menschen nun vermutlich selbstverständliche Dinge, aber im Alltag merkt ein Betroffener, dass diese Dinge eben nicht selbstverständlich sind. An dieser Stelle kann sich jeder, ob Neurotypisch oder Neurodivers, ab und zu selbst reflektieren. Fehler sind nicht schlimm, sie so zu belassen schon.

In beiden Fällen sind Menschen individuell mit Stärken und Schwächen.

Nun aber zum eigentlichen Thema: Gedanken, Gefühle, Handlungen und Absichten (eines Anderen) einschätzen (können). Ein eher persönlicher Beitrag. Mit Triggerwarnung: Häusliche Gewalt

Aufgrund der allgemeinen Fremdsprache, von der Autist:innen mal mehr und mal weniger umgeben sind, (welche im gestrigen Thema „Kommunikation“ etwas behandelt wurde), ist es eingeschränkt, diese „gute Menschenkenntnis“ zu besitzen. Inzwischen, Aufgrund von Erfahrungen, besteht meine Menschenkenntnis aus einer Skepsis aus Prinzip. Das war aber nicht immer so, daher wühle ich ein wenig mehr in meiner Jugendzeit herum.

Wenn mich das durchgehende Mobbing in der Schulzeit eins gelehrt hat, dann so angepasst wie möglich zu sein. Das hat nicht so gut geklappt. Daher habe ich es später mit der Unsichtbarkeit versucht. Das habe ich inzwischen perfektioniert. Vor vielen Jahren ging das tatsächlich sogar schon mal so weit, dass mich das Einwohnermeldeamt nicht fand – nein, ich war nicht obdachlos. Ich musste ehemalige Adressen aus meinem Kopf kramen, (wir sind sehr oft umgezogen) an die ich mich kaum noch erinnern konnte. Hat dann aber geklappt. Aber zurück zum anpassen.

Ich erinnere mich, dass ich sehr oft in der Klasse saß, mich langweilte und dann die Personen beobachtete. Zwischenzeitlich war ich bekannt, als die gruselige Gedankenleserin. Das war aber nur ein kleiner Grund für das Mobbing. Denn abseits davon, hatte ich damals noch kein Problem damit, die Menschen einfach so anzusprechen. Und ich sprach ehrlich aus, was ich dachte. Ich fragte sie zum Beispiel, ob sie etwas bedrückt. Die Reaktionen darauf waren nicht positiv. Ich denke, dass ich einfach nur lernen wollte, wie ich die Mimik einordnen kann. Irgendwann ließ ich das bleiben bei diesen Personen. Ich beobachtete aber dennoch immer weiter. Und die Mädchen, die immer eine Freundin oder einen Freund bei sich hatten, diese Mädchen, auf die man gewartet hat, die, die interessant waren, sich interessant für alle anderen gemacht haben, die hatten immer einen Jungen an ihrer Seite. Es ging meist um die neuste Mode, (in dem Punkt habe ich aufgegeben, bevor ich begonnen habe) um die besten neuartigen Geräte, die zu der Zeit auf dem Markt waren (Nokia war noch beliebt und der Discman erfüllte seinen Zweck, sofern man regungslos dastand). Aber das Wichtigste waren die Jungs. Am besten jede Woche einen neuen. Von ein paar Ausnahmen mal abgesehen, die immer nur Jungs von außerhalb hatten, oder eine längere Beziehung, wo man sich dann gegenseitig mit ewiger Liebe zugesülzt hat. Letzteres wurde natürlich beneidet.

Irgendwann hatte ich dann auch einen Jungen von außerhalb und verbrachte meine Wochenenden dort. Und ich tat das, was erwartet wurde. Ging auf Partys, trank, rauchte, und darunter waren auch Dinge, die ich öffentlich gar nicht erwähnen mag. All das war „normal“ für mich. Ich war außerhalb, niemand wusste, dass ich anders war. Und viele Jahre war es ebenfalls normal für mich, seelische und körperliche Wunden hinter einem glücklichen Lächeln zu verstecken. Ich war Ende dreizehn/Anfang vierzehn. Aber ich konnte mich gelegentlich genauso interessant machen, wie die anderen Mädchen, wenn auch nur für kurze Momentaufnahmen.

Ich nahm an, dass Zwang und Gewalt hinter verschlossenen Türen, manchmal bis zur Bewusstlosigkeit etwas ist, was in einer Beziehung ganz normal ist. Und ebenso normal, diese bestmöglich vor allen zu verbergen, denn das taten die Anderen auch, so nahm ich es an. Niemand sprach darüber. Alles war immer toll, also war es das bei mir auch. Ich sah die Menschen immer nur händchenhaltend verliebt. Und so sah ich eben auch aus. Es war auch normal, mein Geld immer an diesen Jungen abzugeben und selbst nicht viel zu Essen. Es war normal, all das zu tun, was von mir erwartet wurde, was die anderen auch taten, oder womit ich sie vermeintlich beeindrucken konnte. Ob nun in der Schule (das klappte eher nicht), oder eben außerhalb, wo es meist gut klappte.

Als dieser Partner nach zwei Jahren endlich die Beziehung beendete, freute ich mich wie nie zuvor. Gelernt hatte ich leider nur das, was ich bis dahin eben gelernt hatte. Denn bei meinem Exmann, mit dem ich kurz darauf eine Beziehung einging, war es wohl noch schlimmer. Dass das nicht normal ist erfuhr ich erst, als ich bereits erwachsen war. Eine Sachbearbeiterin fragte mich nach meiner Ehe und wollte mich in ein Frauenhaus stecken – mehrfach. Sie war die erste Person, die mich gezielt fragte und die mir daraufhin sagte, dass das nicht normal ist und mir auch beantwortete, was genau nicht normal ist und wie es eigentlich sein sollte. Ich selbst habe diese geballte Normalität nie in Frage gestellt. Ich fragte mich allenfalls, weshalb andere Menschen das so erstrebenswert finden.

Damit schließe ich nicht aus, dass das auch nicht-autistischen Menschen passiert. Würde jedoch die Behauptung in den Raum werfen, dass das im allgemeinen nicht als „normal“ angesehen wird, sondern die Tatsache (zum Beispiel aufgrund von Emotionaler oder Finanzieller Abhängigkeit) eher verdrängt wird. Das macht es weder leichter/schwerer und auch nicht besser/schlechter. Aber hier geht es eben um meine autistische Wahrnehmung.

Nun, was im allgemeinen „Naiv“ genannt wurde, stellte sich als autistisch heraus. Inzwischen habe ich erfahren, dass häusliche Gewalt bei Autist:innen relativ häufig passiert. Bis heute empfinde ich das im Übrigen nicht als schlimm, denn es war ja normal. Am Ende war es sogar normal, sterben zu wollen.

Und auch heute habe ich noch Probleme, Menschen einzuschätzen. Fragen wie: was machst du, warum gehst du, wohin, was machst du da, warum machst du das, was fühlst du, etc…Ich glaube, wenn ich hier zu Hause jedes mal nen Euro bezahlen müsste, wenn ich das Frage oder gar hinterher laufe, um zu gucken, dann würde ich sehr schnell, sehr viel Geld ausgeben. Aber diese Fragen habe ich mir einfach angewöhnt, weil ich eben andernfalls überhaupt nicht einschätzen kann und dies dann mit großem Stress und Unsicherheit einhergeht.

Wie sich das im Alltag bemerkbar macht, kann ich kaum sagen, weil ich mich dazu viel zu selten in solche Situationen begebe. Damals wurde es wohl zum Teil sehr gefährlich, aber heute bin ich eben skeptisch. Halte Abstand, beobachte und muss nicht mehr dazu gehören.

EDIT: Nach dem Besprechen mit einer meiner Bezugspersonen komme ich zu der Entscheidung, hier die Kommentare auszustellen.

Autismus Erfahrung: Kommunikation

Zur Kommunikation gibt es wahnsinnig viel zu sagen. Ich finde, darin unterscheiden sich Autist:innen mit am häufigsten – von nicht sprechen bis hin zu viel sprechen, oder eben non-verbale Kommunikation ist alles dabei. Nur gar nicht kommunizieren geht nicht 🙂

Einen gemeinsamen Nenner kann ich jedoch spontan nennen – die direkte Kommunikation. Oder im Fall von dem Vier-Seiten-Modell (von Friedemann Schulz von Thun) die Sachebene. Wenn sich zwei Autist:innen miteinander unterhalten, kommen dementsprechend kaum Probleme auf, sofern sie sich, wie in der Regel zu erwarten, auf der Sachebene unterhalten. Neurotypische Menschen (NT’s) sprechen – und und vor allem verstehen – meist auf den übrigen drei Ebenen (Selbstauskunft, Appell, Beziehungsebene).

Ich versuche ein kleines Beispiel, die Erklärung fällt mir jedoch schwer.

Ich gehe mit einem NT an einem Blumenladen vorbei und sehe Blumen, die ich schön finde.

Ich sage: Die Blumen sind schön.

Und dies meine ich nur auf der Sachebene, davon ist generell auszugehen.

Ein NT versteht ggf.:

Die Sachebene „Die Blumen sind schön.“

Der Appell „Schenke mir die Blumen!“

Die Beziehungsebene „Du schenkst mir zu selten Blumen“

Die Selbstauskunft: „Ich bekomme selten Blumen“

Der NT geht los und kauft die Blumen, möglicherweise sogar genervt oder mit einem schlechten Gewissen?!

Ich bin sehr unsicher, ob das so korrekt ist. Aber es dürfte klar sein, was gemeint ist. Fachkundige unter euch dürfen aber gern korrigieren.

Wie liefe die Kommunikation besser ab? Nun, ganz einfach. Die Sachebene ist generell anzunehmen. Wollte ich also die Blumen, die mir gefallen, haben wollen, dann würde ich sagen „Ich kaufe mir diese Blumen“ – auch das ist wieder über die verschiedenen Kanäle zu verstehen. Oder ich sage/frage „möchtest du mir gern diese Blumen schenken?“ – und wieder, es kann anders verstanden werden. Unterm Strich meint ein:e Autist:in ganz einfach nur das, was sie/er sagt – und nichts anderes.

Wobei auch da – Sarkasmus und Ironie kann durchaus antrainiert sein – es bleibt spannend. 🙂

Als Nächstes hätten wir Redewendungen – das ein oder andere habe ich mir antrainiert, Sinn ergibt es jedoch oft nicht. Wieder ein Beispiel: „Der Fisch stinkt vom Kopf her“. Damit ist gemeint, dass die Führungsperson, zum Beispiel einer Firma nicht gut ist und daher das Unternehmen nicht gut funktioniert. Na, und warum sagt man das dann nicht? So genau weiß ich das nicht, ich vermute aber, dass es einfach nicht so ehrlich/böse?/direkt klingt. Aber wäre mit Ehrlichkeit nicht jedem mehr geholfen, als die Miesere hinter einem Sprichwort zu verstecken?!

Andererseits verwende ich mache sogar selbst – habe sie mir angewöhnt. Jacke wie Hose, Die Katze im Sack, Durch die Blume sagen, etc. Wenn ich jedoch darüber nachdenke, folgt auf eine Redewendung immer die Erklärung meinerseits. Und woher kommt eigentlich „Butter bei die Fische?“, das verwende ich des Öfteren – schaue gleich mal nach. Wikipedia klärt auf. 😀

Nun geht es weiter zu Kommunikationsschwierigkeiten – dabei kann ich nur von mir Sprechen. Denn dabei sind Autist:innen sehr unterschiedlich. Die einen sind, wie oben genannt, nonverbal, andere Plaudern sich die Seele aus dem Leib. Ich würde sagen, dass ich zu beiden Seiten gehöre. Bei Menschen, die ich sehr gut kenne/meine direkten Bezugspersonen (sind 2), kann ich sehr viel und sehr lange reden, ebenso ein Gespräch am laufen halten. Ich bekomme jedoch des Öfteren die Beschwerde, dass ich keinen zu Wort kommen lasse/es schwierig ist, gegen mich anzureden. Aber da sieht man, wie kommunikativ ich bin. 🙂 Bei Fremden jedoch bin ich meist nonverbal bzw. habe ich auch selektiven Mutismus. Schriftlich kann ich jedoch sehr aktiv sein, auch bei Fremden, manchmal sogar sehr gerne bei Fremden.

Ein Gespräch am laufen zu halten oder zu beginnen fällt mir jedoch immens schwer. Meist habe ich eine Menge fragen, sofern mich die Person interessiert. Hat dann aber wieder was von Kreuzverhör. Dann gibt’s noch die Alternative: „Wie geht’s dir – gut und dir – mir auch – was machst du – nichts und du – auch nichts. Manchmal bekommt man daraufhin ein Dickpic, was ich damit soll, weiß ich auch nicht. Hab mehr Penisse gesehen, als ich zählen kann (also nicht privat, sondern beruflich). Unterm Strich nutze ich sehr sehr gerne die blockieren-Funktion. Ich hasse Zeitverschwendung, obwohl ich sie in den Augen anderer vermutlich selbst betreibe.

Mit mir ins Gespräch zu kommen kann also sehr schwer sein und manchmal tut mir das auch weh. Denn es ist sehr selten, dass ich eine Person mag. Umso mehr freue ich mich jedoch, wenn jemand die Zügel in die Hand nimmt (das ist auch eine Redewendung, gell?!) und sich durch mein Schweigen durch quält. Fragen bekomme ich gerne gestellt und da habe ich im Grunde keine Tabu’s, will sagen, ein Thema ist wie’s Andere. So etwas empfinde ich aber als optimal. Ich kann eine Frage ausführlich beantworten und kann sogar eine Gegenfrage stellen. Nach meiner Erfahrung entsteht dies nur, wenn man sich gegenseitig mag. So zumindest mein Empfinden. Oder die andere Person ist ebenfalls sehr introvertiert – das ist dann wohl Pech für beide.

Kommunikation findet jedoch, wenn es nicht gerade nur schriftlich ist, überwiegend über die Körpersprache statt, Mimik, Gestik, oder der Tonfall.

Auch Autist:innen kommunizieren so nach Außen. Wenn ich etwas deutlich nicht möchte, dann sieht man das, wenn ich angespannt bin auch, oder auch, wenn ich mich sehr freue. Wie das aussehen kann, ist von Mensch zu Mensch individuell. Das Lesen jener Sprachen ist dann wieder schwieriger. Wenn die Mimik des Anderen ernst aussieht, mit heruntergezogenen Augenbrauen könnte das vieles sein. Hält er mich für dumm? Ist er sauer? Hat er eine Frage? Oder Bauchschmerzen? Komischerweise kann ich diese Dinge im Berufsleben, wenn nicht intuitiv antrainiert, dann eben durch Abfragen der Möglichkeiten oder durchgehen der Lösungswege. Im Privatleben schaue ich den Leuten oft nicht ins Gesicht, dadurch sind Personen auch eher geneigt zu sagen, was sie gerade nur zeigen. Nun ja, und die mit denen ich engen Kontakt pflege, kennen mich dahingehend ja auch schon.

Sicherlich lässt sich noch viel mehr zu diesem Thema sagen/schreiben, für heute jedoch soll’s das gewesen sein.

Demnächst weiter wird es gehen mit einem Thema, welches an dieses anknüpft: Gedanken, Gefühle, Handlungen und Absichten einschätzen können

Autismus Erfahrung: Hyperfokus

Zunächst: Obwohl das Wort selbsterklärend ist – was ist das? „einen nicht selektiv steuerbaren, Flow-ähnlichen und stimulusabhängigen Zustand erhöhter Konzentration.“ Mal aus adhspedia geklaut (LINK) Fand ich recht treffend, der Rest des Artikels ist meiner Meinung nach zum Teil mit Vorsicht zu genießen.

Ich beschreibe lieber in meinen Worten, wie das für mich ist, und wie sich das bei mir äußert, auch welche Probleme sich dadurch ergeben können.

Wann sich also so ein Hyperfokus ergibt, ist nicht bewusst steuerbar, auch nicht (immer), worauf sich das Interesse bezieht. Es beginnt mit einem Auslöser und endet in einer nicht enden wollenden Recherche. Die meisten Menschen googeln mal kurz etwas, klicken vielleicht auf die ersten drei Seiten der Suchergebnisse. Im Hyperfokus klicke ich auf alle Seiten, daraus ergeben sich neue Suchanfragen, die ich ebenfalls alle durchsuche, und so weiter. Bis die Informationssammlung vorhanden ist, die angestrebt wurde. Natürlich weiß ich das bei neuen Themen nicht, daher dauert so ein Hyperfokus gern mehrere Stunden. Der „Hunger“ ist quasi kaum zu stillen.

Oftmals stürzt sich der Hyperfokus aber auf bereits vorhandene Interessen. Da es in diesem Blog um’s schreiben geht, nehme ich das auch als Beispiel. Sehr oft schreibe ich, ohne direkt Hyper-Fokussiert zu sein. Mindestens genau so oft schreibe ich aber im Hyperfokus. Meist gibt es auch da einen Auslöser, einen Impuls, eine Inspiration, ein Gefühl. Und nicht immer schreibe ich dann tatsächlich. Manchmal endet das ganze in einer Ansammlung von Stichworten und Notizen. Man kann sich das dann so vorstellen, dass ich stundenlang (ja, manchmal so ca. 6 Stunden) Zombieartig auf den Bildschirm starre und allenfalls gelegentlich die Maus bewege, damit dieser nicht aus geht. Im Kopf passiert hingegen so schnell, so viel, dass ich nie alles mitschreiben könnte.

Zusammenfassend kann man sagen, dass es einen Auslöser gibt, ein roter Faden, mit oftmals unzähligen Abzweigungen und einer riesigen Informationsflut. Mein Speicher ist das gute alte Gehirn, mein Gedankenpalast mit ganz vielen zweckgebundenen Räumen.

Manchmal mache ich „da oben“ mehrere Dinge Parallel, was die Unmöglichkeit des Aufschreibens unterstreicht.

Meine Umwelt nehme ich dabei fast gar nicht wahr. Obwohl der Hyperfokus an sich sehr kräftezehrend ist, ist es andererseits entspannend, mal nicht die ganze Umwelt gleichzeitig ungefiltert in sich zu spüren. Selbstverständlich dringt diese trotzdem ein. Das Endergebnis ist Erschöpfung, Müdigkeit, Stress, Kopfschmerzen, etc.

Störungen sind dennoch möglich und sowohl zu empfehlen, als auch nicht zu empfehlen. Denn ein heraus reißen löst definitiv sehr schlechte Laune aus. Ich bin dann sehr genervt und bei dem, was ich dann alternativ tun soll, nur halbherzig bei der Sache. Der Kopf versucht quasi im Hyperfokus zu bleiben und sich gegen die Störung zu wehren. Manche Störung ist jedoch wichtig, und wenn ich nicht gerade genervt bin, weiß ich das auch. Denn man könnte ja mal wieder etwas essen, trinken oder zur Toilette gehen. Ihr möchtet an dieser Stelle nicht wissen, wann ich das letzte mal getrunken habe. 😉 Ich mach’s gleich, Moment. 🙂

Ich habe mich in meinen eigenen Worten absichtlich so ausgedrückt, dass ein Hyperfokus „meist“ nicht steuerbar ist, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass dieser Zustand auch steuerbar ist. Zum Beispiel, wenn ich weiß, wann und wie lange ich alleine sein werde, stehe ich extra früh auf, erledige meine Routinen, und bin dann bereit für den Hyperfokus. Nicht immer kommt es dazu, manchmal mache ich auch gern ganz andere Dinge, aber wenn es dazu kommt, weiß ich auch sehr genau, wann ich wieder raus kommen muss.

Nochmal zusammenfassend ist diese Zeit sehr produktiv, die Leistungsfähigkeit scheint unbegrenzt.

Probleme können in allen Bereichen des Lebens auftreten – sprich, nicht nur essen und trinken. Auch Termine wahrzunehmen, Abmachungen einzuhalten (was üblicherweise ein großes Bedürfnis ist!) oder auch einer Arbeit nachzugehen kann ggf. problematisch werden. Da ich diese potentiellen „Störungen“ in meinem Leben auf ein Minimum reduziert habe, bin ich davon nicht besonders betroffen. Sehr oft halte ich aber zum Beispiel nicht das ein, was ich mir selbst vorgenommen habe. Weshalb ein schlechtes Gewissen mein ständiger Begleiter ist.

Zwei weitere Themen sind geplant und werden vermutlich heute oder morgen abgetippt.

Bei weiteren Fragen oder Anregungen zu Themen, gerne in die Kommentare oder so. 🙂

Autismus Erfahrung: Kleine Auswahl von Gedanken und meiner Wahrnehmung.

  • Ich verstehe es nicht, wenn du mich sehen möchtest, denn ich schaue dich eh nicht an. Und wenn ich dich anschaue, dann nur, weil es die Gepflogenheit verlangt. Doch dann kann ich dir nicht adäquat zuhören und demzufolge auch nicht auf das antworten, was du gesagt hast.
  • In der Schule habe ich gelernt, dass Schweigen wie Unwissenheit bewertet wird. Nicht nur von Lehrern.
  • Ich verstehe es nicht, wenn du etwas sagst, aber etwas anderes meinst. Auch nicht, wenn du etwas sagst und es nicht so meinst. Dies ist meistens der Fall. Menschen sagen oft Dinge, ihre Handlung passt jedoch nicht zum Gesagten.
  • Wenn ich etwas sage, dann meine ich es so. Dem musst du nicht zustimmen, du musst dies auch nicht erwidern, wenn es nicht ehrlich gemeint ist. Denn dann halte ich dich für einen Lügner. Und das zerstört das Vertrauen. Das Infragestellen meiner Aussage ist unnötig.
  • Ich erkenne keine Flirt-Versuche/Annäherungs-Versuche, und dementsprechend erkenne ich es nicht, wenn ich diese zurückweise. Auch wenn du verletzt bist, ohne es verbal mitzuteilen, erkenne ich es oftmals nicht. Manchmal fühle ich mich dann unfair behandelt.
  • Mit Unfairness kann ich generell nur sehr schlecht bzw. nicht umgehen.
  • Ich bin nicht naiv. Ich verstehe bloß deine Sprache nicht.
  • Wenn du etwas sagst, die Aussage aber nicht zum Handeln passt, beschäftigt mich dies teils Wochenlang und ich versuche die Situation zu analysieren.
  • Ich bin am liebsten für mich allein, nicht immer aber gern ohne soziale Kontakte. Der direkte Kontakt ergibt für mich nur dann Sinn, wenn man gemeinsam etwas unternehmen möchte. Darüber hinaus empfinde ich jedwedes Gespräch in schriftlicher Form als angenehm und kann sehr lange und ausführliche Mails (oder Briefe) schreiben. Leider sucht dies kaum noch jemand.
  • Ich entschuldige mich sehr oft, weil ich entsprechend oft das Gefühl habe, etwas falsch gemacht zu haben.
  • Mit einer Geräuschkulisse kann erschöpfe ich sehr schnell, je nach Geräusch macht es mich aggressiv/sehr angespannt. Misophonie.
  • Ich erkenne sehr schlecht bekannte Gesichter, insbesondere in Menschenmassen.
  • Ich wünsche mir in deutschen Supermärkten eine „Stille Stunde“, welche es nach meinem derzeitigen Kenntnisstand bereits in zwei Supermärkten in NRW gibt. Ich freue mich über diesen kleinen Fortschritt.
  • Ich habe viele kleine Routinen, denen ich nachgehen kann, wenn ich allein bin. Wenn ich nicht allein bin, bin ich zumeist angespannter.
  • Ich mag die Bezeichnungen „Spezialinteresse oder Sonderinteresse“ nicht. Weil Menschen oft denken, dass dies eine Besonderheit ist. Tatsächlich ist es oftmals nur ein intensives Interesse, dem man gehäuft nachgeht. Dies muss nichts herausragendes sein. Meine zwei Lieblings-Interessen (eines davon ist das Schreiben, trotz Legasthenie) erfüllen keinen sinnvollen Zweck für die Gesellschaft. (Die anderen „sinnvollen“ auch nicht, es macht mir einfach Spaß)
  • Ich mag auch die Bezeichnungen Niedrig – und Hoch funktional nicht.
  • Autism Speaks ist eine Organisation, die Ableismus fördert. Und die ABA-Therapie ist barbarisch. (meine Persönliche Meinung) Leider wird diese Therapie auch in Deutschland unwissenden und hilfesuchenden Eltern als Hilfe angedreht.
  • Ich habe Probleme damit, regelmäßig zu trinken. Meistens merke ich es daran, dass mir sehr schwindelig wird, neulich auch an anhaltender Tachykardie. Im letzten Jahr bin ich ohnmächtig zusammengebrochen.
  • Mit zu Pflegenden Menschen kann ich sehr gut umgehen, ich vermute, weil dies eines meiner Interessen ist. Ich habe dafür ein besonderes Gespür und kann ich akuten Situationen sehr ruhig bleiben.
  • Ich verstehe den Sinn von „Schönheit“ nicht. Ich finde wenn, dann das Innere eines Menschen schön. Wie die Person aussieht, beachte ich nicht bewertend. Ich finde aber an jeder Person etwas schönes. (Äußerlich) Meistens mag ich längere Haare.
  • Bei Tieren kann ich die Mimik sehr gut lesen. (Intuitiv)
  • Ich bin nicht besonders Schmerzempfindlich, weshalb ich nur selten zum Arzt gehe, aufgrund von körperlichen Beschwerden. Meist war der Grund psychische Überlastung.
  • Ich bin jedoch sehr Berührungsempfindlich und mag es nicht, wenn mich Menschen ungefragt anfassen.
  • Manchmal schäme ich mich Autistin zu sein. Ich begebe mich nur selten in soziale Situationen, zum Beispiel beim Einkauf. Oft kann ich nicht die gesamte Liste abarbeiten. Allein einkaufen kann ich noch schlechter. Da kam es sehr oft vor, dass ich (zum Beispiel) nur zwei oder drei von zehn Nahrungsmitteln gekauft habe. Das Grelle Licht, die große Auswahl und die anderen Menschen, außerdem auch die vielen Geräusche überfordern mich und ich bin sehr schnell Reizüberflutet. Dann verdrehe ich mein Handgelenk so, dass es weh tut. (Ein angewöhnter automatischer Stim) Dies habe ich schon oft von anderen Autist:innen gelesen. Ich vermute, weil dies unauffälliger ist, als im Geschäft zusammenzubrechen.
  • Ich weiß gern den Grund oder die Ursache von etwas, damit es mir Logisch erscheint. Wenn ich etwas nicht verstehe, dann habe ich ein Problem. Als Kind war man in diesem Fall ein schlecht erzogenes Kind. (Beurteilung des Verhaltens anderer Menschen)
  • Ich lächle sehr oft, inzwischen stört mich das, weil es unnötig anstrengt. Dies habe ich mir angewöhnt, weil mir Menschen seit ich mich erinnern kann gesagt haben, dass ich böse schaue und lächeln solle.
  • Im Hyperfokus nehme ich meine Umwelt kaum wahr. (Stichwort: Trinken vergessen)

Autismus Erfahrung: Die eigene Spezies erkennen

Einer schlechten Angewohnheit ist es geschuldet, dass ich nun spontan diesen Beitrag verfasse. Denn wie an jedem Morgen schaue ich, noch bevor ich aufstehe, erst mal durch mein Smartphone. Ich muss ja wissen, was es neues gibt. Und etwas altes/bekanntes/neues habe ich tatsächlich gefunden. Und dann hatte ich dieses seltene Zugehörigkeitsgefühl. Diesen Aha-Effekt. Und das Gefühl, nicht so fremd zu sein. Und Facebook bekam auch wieder einen Sinn, denn das nutze ich nur für die Autist:innen Gruppen.

Und dort wurde in einem Austausch thematisiert, dass man als Autist:in, die „eigene Spezies“ erkennt. Man ist ja häufig und automatisch damit beschäftigt, andere Menschen zu scannen. Und das meiste ist, für mich zumindest, ziemlich weird. Wie wenn man in ein fremdes Land, mit unbekannter Kultur/Gebräuchen, unbekannter Sprache kommt. Und selbst wenn man um Hilfe bitten will, kann dies niemand verstehen, weil du halt Außerirdisch sprichst. Du bist komisch für sie, und sie sind komisch für dich.

Und dann ist dazwischen ein Mensch ohne Mimik (oder mit erkennbarer Maske), einer, der anders läuft, sich anders bewegt, als die anderen, anders guckt als die anderen. Sich auf irgendeine andere Art anders verhält. Vielleicht nicht so wie ich, aber so, dass ich es verstehe. Nur weil ich zum Beispiel viele Worte spreche, bedeutete es ja nicht, dass ich zu jedem Zeitpunkt alle Worte spreche. Und manche spreche ich gar nicht, obwohl ich sie kenne. Natürlich muss das nicht immer ein/e diagnostiziert/e Autist:in sein. Es genügt, wenn die Person irgendwo auf dem Spektrum zu sein scheint.

Ich kann dieses „anders“ nicht wirklich beschreiben/definieren/festlegen, denn jede/r Autist:in ist individuell. Aber als ich dieses „die eigene Spezies erkennen“ gelesen habe, sind mir direkt einige Beispiele eingefallen von Menschen, die ich kannte/kenne, aber auch von fremden Menschen, die ich nur kurz mal gesehen habe. Und selbst für die Online-Welt fällt mir spontan jemand ein. Dies rein am schriftlichen zu erkennen finde ich sehr schwer, aber nicht unmöglich. Das ist, so finde ich, stark abhängig von der Selbst-Beschreibung. Aber vieles findet inzwischen ja auch über eine Sprachnachricht/Videochat-Funktion statt.

Bisher habe ich darauf nie bewusst geachtet, obwohl es mir durchaus aufgefallen ist. In Zukunft werde ich aber wohl dann, wenn sich die Gelegenheit bietet, bewusst daran denken. 🙂

Autismus: Overload, Meltdown, Shutdown und die Löffel-Theorie

In diesem Beitrag geht es um Overload, Meltdown und Shutdown. Eigentlich hatte ich geplant, jedes Thema in einem eigenen Beitrag zu bearbeiten. Da diese aber oftmals im engen Zusammenhang zueinander stehen, kommt hier nun eine Zusammenfassung. Da sich im Internet viele dieser Erklärungen auf Kinder (manchmal auch nur auf männliche Kinder) beziehen (weil das Wissen über Autismus bei den meisten Menschen bei „Hans“ Asperger stehen geblieben ist), geht es hier speziell um Erwachsene (‚biologische‘ Männer UND Frauen). Natürlich kann sich das bei Kindern dennoch ähnlich äußern, dazu habe ich jedoch kaum etwas gelesen.

Wie immer gilt: Alles kann – nichts muss. Jeder ist individuell. Sicherlich habe ich im Folgenden auch nicht jeden Aspekt berücksichtigt, sonst würde daraus ein Buch werden. Es handelt sich also um einen groben Überblick.

Vorab würde ich gern etwas über die Löffel-Theorie von Christine Miserandino schreiben. Wem diese bekannt ist, kann den folgenden Absatz überspringen. Zur Geschichte reicht kurzes googeln.

Die Theorie besagt, dass gesunde Menschen an einem Tag unbegrenzt Löffel (die für Energie stehen) zur Verfügung haben. Chronisch Kranke bzw. Menschen mit Behinderung haben, je nach Behinderung/Ausprägung eine begrenzte Anzahl von Löffeln. In dieser Theorie wurden 12 Löffel genommen. Diese Löffel müssen sehr gut verplant werden, denn man „muss ja heutzutage ein funktionierendes Mitglied der Gesellschaft sein“. Ich bin also im Bett und ein neuer Tag startet:

  1. Löffel – Aufstehen
  2. Löffel – Ausziehen
  3. Löffel – Duschen
  4. Löffel – Abtrocknen
  5. Löffel – Kleidung auswählen
  6. Löffel – Anziehen
  7. Löffel – Haare machen
  8. Löffel – Aufräumtätigkeiten
  9. Löffel – Kaffee machen
  10. Löffel – Essen bereiten
  11. Löffel – Essen und trinken
  12. Löffel – Tasche für die Arbeit packen

Hab zwar keine Löffel mehr, muss trotzdem arbeiten. Und nun? Und was ist mit meinen Interessen? Und dem Haushalt? Einkaufen? Haustiere versorgen? Und trinken? Essen? Und, und, und… Und wenn die Routine gestört ist, oder der Schlaf von schlechter Qualität war, sind es nicht mal 12 Löffel. Ich denke, dass diese Theorie gut in das folgende Thema passt.

Overload: Reizüberflutung

Unsere Umgebung, und daher unser Inneres, ist ständigen Reizen ausgesetzt. Normalerweise werden Reize, die nicht wichtig sind, automatisch ausgeblendet. Und auch Reize, die man nicht so leicht ausblenden kann, wie zum Beispiel lautes Bohren, sehr kaltes Wetter, etc. werden in der Regel so verarbeitet, dass sie den Alltag nicht lange beeinträchtigen. Ich bewundere Menschen, die am Nachmittag noch die Energie haben, zu Kochen, sich mit Freunden zu beschäftigen, usw.

Menschen mit einer Reizfilterschwäche können wenig bis gar nichts ausblenden. Man stellt sich vor Auto zu fahren. Man ist konzentriert und kommt wie mit einem Tunnelblick plötzlich irgendwo an. Wenn aber keine Reize gefiltert werden sieht man: Strich, Strich, Strich, Baum, Baum, Vogel, Wolke, Wolke, Auto, Kennzeichen lesen, noch eins, noch eins, noch eins, fünfzig Meter links ist dieses, 50 Meter rechts jenes, bunte Schilder, Lichter, ein Graffiti, Müll, Müll, Müll, der eine Telefoniert, Bilder auf LKW’s, Regen, Sonne, ein Brummen, es ruckelt…Naja, und gefühlt tausend weitere Reize Das alles passiert gleichzeitig in jeder Sekunde. Irgendwo hat man auch noch Platz für eigene Gedanken, für Pläne, für Eventualitäten. Das bezieht sich auf jede Situation am Tag. Auf alle Sinneseindrücke! Dies bedeutet ständiger Stress.

Gerade beim hoch-funktionalem Autismus, werden daraus resultierende Probleme/Einschränkungen oftmals nicht ernst genommen. Dabei ist der einzige Unterschied zum niedrig-funktionalem, dass diese besser Maskieren können (was zusätzlich eine große Anstrengung erfordert). Ich halte nichts von der Kategorisierung hoch und niedrig. Der einen Gruppe wird Unterstützung verwehrt (weil Probleme nicht leicht sichtbar sind), der anderen die gezielte Förderung (weil Fähigkeiten nicht gesehen werden/die Menschen stark unterschätzt werden)

(mögliche) Symptome:

Das übliche wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Bauchschmerzen, Unwohlsein.

  • Chronischer Stress (geminderte Lebenserwartung)
  • Verlust der Sinne (zum Beispiel verschwommene Sicht oder Mutismus, …)
  • Wahrnehmungseinschränkung (Bedürfnisse wie Durst, Hunger, Schmerz, Toilette, Müdigkeit, Hitze/Kälte, etc. werden nicht oder nicht korrekt wahrgenommen)
  • Burn-Out, Agoraphobie, soziale Phobie, Depressionen, Panikstörung, und weitere psychische Erkrankungen

Wirklich helfen kann da nur eines: Rückzug.

  • Das ist in einigen Fällen nicht möglich. Daher gibt es noch diverse Hilfsmittel beim Stimming (da muss man herausfinden, was helfen könnte), Geräusch-unterdrückende Kopfhörer, Sonnenbrille…
  • Wenn es jedoch zum Äußersten kommt, dann gerät man in einen Meltdown.

Meltdown – Kernschmelze (nicht zu verwechseln mit einem Wutausbruch)

Während eines Meltdowns ist man in der Regel nicht oder nur sehr eingeschränkt zugänglich für äußere Einflüsse. Die Umgebung und der Betroffene muss diese Situation aushalten. Der Körper entlädt sich schlagartig von angestauten Reizen. Die Anspannung geht über jedes Ziel hinaus. Dies äußert sich sehr unterschiedlich.

Weinen, schreien, schlagen, kratzen, boxen, etc.. Nur selten ist man anderen gegenüber aggressiv (zum Beispiel, wenn man den Betroffenen mit weiteren reizen belastet). Es wirkt wie ein Wutanfall oder ein hysterischer Anfall. Das ist es jedoch nicht. Der Betroffene denkt in diesem Moment nicht darüber nach, was ihm hilft. Die Handlungen sind Reflexartig. Die Dauer beschränkt sich in der Regel auf einige Minuten.

Trotzdem kann man in diesem Moment helfen! Reize reduzieren, autoaggressives Verhalten umleiten (Stoff zerreißen, weiche Gegenstände zum schlagen, etc.) In manchen Fällen kann man auch kurze Fragen stellen, manchmal können sich Betroffene noch ein wenig äußern. Man kann Anteil nehmen. Abstand halten und trotzdem da sein. Nicht auslachen oder anstarren. Auch kann es helfen, den Betroffenen sehr fest zu umarmen (ist jedoch mit Vorsicht zu genießen) Dabei muss möglichst viel Körperoberfläche umfasst werden. Das Nervensystem fährt dadurch herunter und der Betroffene entspannt sich wieder.

Darauf folgt häufig ein Shutdown – Abschalten (nicht zwangsläufig nach einem Meltdown, oftmals auch direkt nach dem Overload)

Der Betroffene ist dann meist nicht mehr ansprechbar und zieht sich zurück. Die Umwelt wird kaum bis gar nicht mehr wahrgenommen. Dabei spielt es keine Rolle, was an diesem Tag noch wichtig gewesen wäre. Man zieht sich komplett in sich zurück. Die Dauer ist hier deutlich länger von einigen Stunden bis hin zu einigen Wochen. Die Ausprägung ist wieder sehr unterschiedlich. Im schlimmsten Fall nehmen Betroffene kein Bedürfnis mehr wahr. Auch keine Schmerzreize. Sehr plump ausgedrückt könnte man sagen, dass Betroffene dabei, während sie in Urin und Kot liegend in einer Decke eingewickelt sind, verhungern und verdursten (können). Das wäre jedoch der schlimmste Fall und bedarf natürlich sofortiger Unterstützung.

Zum Schluss möchte ich noch meine (eine) persönliche Erfahrung bzgl. Meltdown und Shutdown anhängen.

Mein vorletzter Meltdown war an einer extrem vollen Bushaltestelle zu Beginn der Corona Pandemie. Ich befand mich in einer Prüfungsphase und hatte bis dahin einen sehr anstrengenden Tag, es war ca. 16 Uhr. Zusätzliche Reize waren die neuen und ständig wechselnden Maßnahmen. Auch die Maske im Gesicht war ein ständiger Reiz (inzwischen bin ich daran gewöhnt). Ich habe jedoch die Maßnahme verstanden und auch für richtig befunden. Nun war es an dieser Bushaltestelle so, dass kaum einer Abstand gehalten hat und viele auch keine Maske trugen, obwohl beides zu diesem Zeitpunkt eine Regel war. Ich habe dieses Verhalten nicht verstanden und bewegte mich mit jeder weiteren Sekunde näher Richtung Meltdown. In diesem Zusammenhang berichten Betroffene hinterher manchmal von Scham und Schuldgefühl – das habe ich anschließend auch empfunden.

Ich spürte natürlich, was sich anbahnte, konnte dies aber nicht verhindern. Unter starken Schmerzen versuchte ich so lange wie möglich den Meltdown zu unterdrücken. Ich begann schlussendlich zu weinen – an einer vollen Bushaltestelle – niemand hat geholfen. Es wurde gestarrt, als wäre ich eine verrückte. Dies hat den Moment deutlich verschlimmert. Ich kratze meine Finger auf und hielt die Situation aus. Zur genauen Dauer kann ich nichts sagen. Als ich im Bus war hat es irgendwann aufgehört. Sehr geschwächt machte ich mich weiter auf den Heimweg und war anschließend einige Stunden nicht zu gebrauchen.

Meine Shutdown-Erfahrungen beziehen sich meist auf einige Stunden. Hilfreich ist es, wenn ich Essen und Trinken am Bett habe. Oftmals ist dies aber nicht mehr nötig, weil ich inzwischen sehr stark auf mich achte und diese Situation meist nur noch sehr abgeschwächt ein oder zwei Stunden anhält.

Mein größeres Problem ist die Selbstwahrnehmung während einer Hyperfokussierung.

Zu diesem Thema bald mehr.

Autismus: Grenzen

Wenn ich mich über diverse Kanäle mit anderen Autist:innen austausche, komme ich immer wieder mit dem Thema ‚Grenzen‘ in Kontakt. Ob es die Grenze ist, etwas nicht zu können und es trotzdem tun zu müssen, weil es erwartet wird. Oder etwas tun oder zulassen zu müssen, obwohl man es nicht möchte (zum Beispiel gesellschaftliche Anlässe). Oder aber Routinen brechen zu müssen, weil man heutzutage schließlich spontan und flexibel zu sein hat. Oder man muss körperliche Berührungen zulassen, weil die andere Person das so möchte (und diese möchte man ggf. nicht enttäuschen) oder für die Person selbst ist es nicht schlimm (zum Beispiel Berührungen im Bus oder an der Supermarktkasse)

Autist:innen sind dann nicht selten sehr Reizüberflutet und melden sich mit verzweifelten Worten. „Ich habe wieder unangemessen reagiert“ „Mir wurde gesagt, dass ich übertreibe“ „Ich habe einfach mitgemacht, konnte es jedoch nicht gut und wurde deshalb ausgelacht“ Die Liste könnte lang sein und kann manchmal sogar darin enden, dass man sich selbst dafür hasst, dass man ist, wie man ist. Und wenn dieses Karussell sich über Jahre im Kreis dreht, können daraus Krankheiten entstehen, die vermeidbar gewesen wären. Ich selbst habe verschiedene Traumata und chronische Depressionen in fast 30 Jahren angesammelt, weil ich meine Grenzen nicht durchgesetzt habe.

Therapeutische Hilfe ist in diesen Fällen so selten, wie ein sechser im Lotto. Und fachgerechte Hilfe, auf Autismus spezalisiert, ist so selten, dass es mir allenfalls als Gerücht bekannt ist.

Während eines autistischen Burnouts war ich selbst auf Therapeuten-Suche. Und wie nicht anders zu erwarten: ich habe keinen gefunden. Und das, obwohl ich nicht gerade dörflich Lebe. Ich habe also in einem großen Umkreis gesucht und ungefähr 100 Therapeuten kontaktiert. Zum Gespräch eingeladen wurde ich von einem. Dieser war sehr nett und das Gespräch ist mir angenehm in Erinnerung geblieben. Leider hatte dieser nicht die Kapazitäten, die ich gebraucht hätte. Er konnte mir 10 Stunden anbieten. Wir waren uns einig, dass das nichts bringt. Von Autismus hatte er gar keine Ahnung. Das war für mich jedoch nicht schlimm, und auch keine Überraschung. Ich konnte ihm einiges erklären und er meinte zum Schluss, dass er dies sehr interessant findet und sich weiter belesen wird.

Das Gespräch war also gut, doch die Aussicht für mich natürlich schlecht.

Ich weiß nicht genau wann, aber irgendwann habe ich es aufgegeben. Selbst dieser dinglichkeits-Code war ein Witz. Dieser brachte mir eine akut-Stunde ein. Das Gespräch war nach einer viertel Stunde vorbei. Vom Gefühl her war das eher eine Lücke im Terminplan, die (finanziell gesehen) gefüllt werden sollte.

Meine Psychiaterin war dann…ach, da mag ich gar nichts drüber sagen. Ein mal im Monat habe ich da gesessen, ihr gesagt, dass es mir besser geht, mit den Pillen, die sie mir verschrieben hat. Und das wars. Die einzige Schwirigkeit bestand darin, die Beipackzettel auswendig zu lernen und immer genau zu wissen, wann ich wohl ein neues Rezept brauche von den Tabletten, die ich nicht genommen habe. Denn auch imaginäre Tabletten müssen weniger werden. Und die zahlreichen Nebenwirkungen sind selbstverständlich nach und nach verschwunden. Man, konnte ich eine Show abziehen.

Trotzdem war ich ohne fachliche Unterstützung nicht untätig. Und das Thema Grenzen spielt hier eine zentrale Rolle. Denn ich habe nie auf meine Grenzen Rücksicht genommen. Erst dann, wenn ich vor lauter Depressionen manchmal Monatelang nicht mehr aus dem Bett kam. Ich war schon so weit zu denken, dass das eben zu mir gehört und dass ich eben so bin. Aber das stimmte nicht. Natürlich habe ich diverse Traumata erlebt (darauf möchte ich im öffentlichen Raum nicht näher eingehen) und auch die Depressionen werden vermutlich nie gänzlich verschwinden. Es gibt immer Momente, in denen ich einfach zu viel Nachdenke. Aber es geht mir inzwischen deutlich besser! Und ein wichtiger Grund dafür ist, dass ich meine Grenzen kennengelernt habe und auch gelernt habe, diese umzusetzen.

Es gibt Menschen, denen kann man das direkt sagen. Es gibt aber auch Menschen, die die Grenzen lächerlich finden. (Zum Beispiel wenn man bei einer Feier eben nicht tanzen möchte) Für letztere kann ich die gute alte Ausrede empfehlen. Mal kurz aufs Klo, mit Übelkeit an die Luft, etc. Für andere Menschen mag das eine Kleinigkeit sein, für manch eine:n Autisten/Autistin bedeutet es, im Anschluss mit einem Overload oder einem Shutdown die nächsten Stunden verbringen zu müssen. Oder im schlimmsten Fall einem (nicht mehr zu unterdrückendem) Meltdown, womit man so ziemlich alle Blicke auf sich zieht.

(Zum Thema Meltdown, Shutdown und Overload wird es noch Beiträge geben)

Dann gibt es aber die wirklich wichtigen Grenzen. Und da ist es wichtig zu wissen, dass man es niemandem recht machen muss, ausser sich selbst. Man muss keine Berührungen ertragen, Gespräche führen, wenn andere sie führen wollen, einspringen, mehr Arbeiten, als es möglich ist. Und man muss auch nicht an privaten Veranstaltungen teilnehmen, wenn man genau weiß, dass die Aktivitäten dort nicht auf die Bedürfnisse angepasst werden. Man will auch nicht ständig mit einer Hinweis-Plakette herumlaufen, auf der steht, dass man autistisch ist. (Klappt eh nicht, hab’s versucht. Beachtet kein Mensch. Gebt also in dieser Sache kein Geld aus)

Ich habe gelernt zu sagen, wenn ich etwas nicht will. Und wenn man das erst mal gelernt hat, fällt einem auf, dass viele Menschen keine Grenzen respektieren. Aber dann werde ich lauter. Und wenn es sein muss, dann werde ich auch frech. Und nein, ich arbeite keine 40 Stunden Woche. Mein (jetziger)Arbeitgeber ist da auch sehr Rücksichtsvoll und geht auf meine Bedürfnisse ein, die die Behinderung mit sich bringt. Manchmal werde ich von Kolleg:innen noch gefragt, weshalb ich denn so und so arbeite, ob ich das wegen einem Stall voll Kinder machen würde (denn das könnten sie verstehen) Aber nein, ich habe kein Problem mehr damit zuzugeben, dass ich Grenzen habe. Ich tue das also nur für mich. (Witzigerweise habe ich diese seinerzeit sogar im Anschreiben benannt, um mir selbst den Gefallen zu tun. Welcher zukünftige Arbeitgeber liest nicht gern von Grenzen 😉 Nun ja, dieser war auf jeden Fall begeistert)

Auch mit meinem Körper muss ich nicht das machen oder zulassen, was andere von mir erwarten. Meine kleinen Routinen sind ebenfalls wichtig. Ich habe gelernt, für mich selbst einzustehen! Grenzen sind wichtig, davon hängt ab, ob die Psyche gesund oder wenigstens stabil ist, oder nicht. Und wenn andere Menschen das nicht verstehen, dann erkläre ich es gern. Und wenn sie es nicht verstehen wollen, dann halt nicht: Tschüss.

Und wenn du deine Grenzen überschreitest (ob autistisch oder nicht), weil du denkst, dass du das musst, dann gebe ich dir den Rat:

N‘ Scheiss musst du. Deine Grenzen und Bedürfnisse sind wichtig! Und über alles Weitere kann man reden.

Autismus: Starren, glotzen, gaffen und Echolalie

Ein Thema, welches ich nun hier im Blog aufnehmen möchte, ist das Starren. Das wie, warum und dass dieses Verhalten, wie ich finde, der Echolalie gar nicht so unähnlich ist. Streng genommen habe ich dann schon zwei Themen, die ich kurz zusammenfassen möchte, bzw. aus meiner Erfahrung berichten möchte. Anzumerken ist hier, dass nicht jede/r Autist:in so ist. Jeder ist schließlich individuell. Und nicht jede/r, der das auch ein bisschen kennt, ist gleich Autist:in.

Wie bei allen anderen Bereichen hat dazu auch ein Austausch mit meiner Mutter stattgefunden, da sie sich an Begebenheiten erinnert, für die ich vor vielen Jahren noch zu klein war. Die Erinnerungen an mich als Kind (von Geburt bis 10. Lebensjahr) sind eher wage und oberflächlich. Doch im Bezug auf das Thema „Starren“, konnte mir meine Mutter eine Auffälligkeit berichten, die sehr häufig vorgekommen ist. Damals wie heute habe ich den direkten Kontakt zu anderen Menschen, wenn möglich, gemieden.
Ich konnte nichts mit ihnen anfagen, und sie nicht mit mir. Das liegt ganz einfach daran, dass die Menschensprache (bewusst verbal und unbewusst/teilbewusst nonverbal) grundverschieden ist.
Ob nun Kinder oder Erwachsene, die wenigsten nutzen eine direkte Kommunikation weitestgehend ohne Mimik und Gestik.

Oftmals wird auch etwas gesagt, was nicht zur Körpersprache passt. (Lächeln, obwohl man traurig ist…ich bin nicht böse sagen, obwohl man sauer ist…usw) Während bereits Kinder diese Sprachen sehr gut sprechen bzw. sehr schnell lernen (intuitiv) (dabei aber immer noch ehrlicher sind, als Erwachsene, finde ich), habe ich gar nichts gesprochen. Ich fand es aber faszinierend, all das zu lernen. Und so war es, dass ich, wann immer ich konnte, Menschen angestarrt habe. Das Auffällige war nicht das Starren an sich, sondern dass die (zu 99% fremden) Menschen darauf oftmals (negativ) reagiert haben. Ich habe das nicht wahrgenommen.

Für mich waren das Reaktionen, wie jede andere Reaktion. Und für mich zunächst auch nicht zuzuordnen. Die Reaktion war einfach nur da, ich habe diese nicht bewertet. Das besonders Auffällige war jedoch, dass die Menschen teils sehr böse reagiert haben. Sie haben zum Beispiel angedroht, ob ich geschlagen werden möchte, sollte ich damit nicht aufhören. Dies weiß ich nur aus der Erzählung meiner Mutter. Sie hat natürlich dafür gesorgt, dass ich nicht geschlagen werde und aufhöre den betreffenden Menschen anzustarren.

Das war und ist jedoch meine Art zu lernen bzw. möglichst angepasst in der Gesellschaft zu leben. Denn mit den Jahren habe ich verstanden, wenn mir jemand (auffällig) etwas böses wollte. Böse Hintergedanken zu erkennen fällt mir hingegen bis heute sehr schwer.

Man kann sich das vorstellen wie ein Mensch, der in ein Löwengehege geworfen wird. Man möchte nicht gefressen werden. Also kopiert man das Verhalten der Löwen zu 100%. Je mehr Löwen, desto mehr Kopien müssen angefertigt werden. Ist man am Ende noch man selbst? Nein. Aber man wird vielleicht irgendwann akzeptiert oder geht unsichtbar in der Masse unter. Man wird nicht gefressen. Ich wurde jedoch sehr lange zumindest angeknabbert (gemobbt). Verstanden habe ich das nie – bis heute nicht. Denn ich kann mich nicht daran erinnern, besonders unhöflich gewesen zu sein, oder jemandem geschadet zu haben.

Inzwischen kann man sich das das Innere meines Kopfes vorstellen, wie einen unendlichen Raum mit unzähligen Aktenschränken. Die Kopien sind nahezu grenzenlos und täglich kommen neue hinzu. Unter Menschen würde ich allenfalls noch naiv und introvertiert wirken. Dabei entspricht das eigentlich nicht meiner Persönlichkeit. In meinen 30 Jahren ist es bisher – immerhin – zwei mal vorgekommen, dass sich jemand die Mühe gemacht hat, sofern eine Basissymphatie meinerseits besteht, mich kennenzulernen. Sonst hat es niemand über eine meiner Kopien gewagt. Vermutlich nicht mal die Kopie erkannt. Aber darüber bin ich nicht traurig. Meine Persönlichkeit redet zum Beispiel sehr gerne und sehr viel. In dem Zusammenhang – auch ein Symptom (kann man das so sagen?) von Autismus: Ich weiß fast nie, wann ein Gespräch beginnt und wann es aufhört. Auch nicht, wann ich dran bin mit reden. Ich falle also sehr
oft ins Wort, wie mir des Öfteren gesagt wird. Beim letzten Bewerbungsgespräch ist es mir sogar selbst aufgefallen, der Chef kam kaum zu Wort. Und wenn der andere einfach lauter wird, dann werde ich automatisch noch lauter. (Hab den Job trotzdem bekommen :-))

Über ein Thema, welches mich interessiert, kann ich sehr lange Monologe halten. Und ich interessiere mich auch für geschichtliche Fakten (besonders im Zusammenhang mit Pflege und Medizin), die heute wohl die meisten Menschen nicht mehr interessiert. Zum Beispiel die Frage, wie und weshalb Menschen im Mittelalter in recht kurzen Betten geschlafen haben. Aber auch über anderes unnützes Wissen (aus unterschiedlichen Themenbereichen) könnte ich aufklären, wenn sich die Gelegenheit bietet. Meistens rede ich aber nur so mit mir selbst. Im Geiste natürlich, damit’s nicht ganz bescheuert, sondern eher verträumt wirkt.

Bevor ich weiter von Hölzchen auf Stöckchen komme, berichte ich noch kurz über die am Anfang erwähnte Echolalie. Meist bei frühkindlichen Autisten/verzögerter Sprachentwicklung. Davon war ich nicht betroffen, denn ich habe verhältnismäßig früh gesprochen und auch als ich das lesen gelernt habe, habe ich alles Gelesen, was lesbar war. Das war also soweit in der Norm. An mir selbst fällt mir das eher im Erwachsenenalter auf. Das Nachahmen von Worten und Geräuschen/Lauten. Das stereotype Wiederholen von Worten. Für kleine Kinder ist das ganz normal. Später macht man das für gewöhnlich nicht mehr. Aber auch das ist für mich auch eine Art der Kopie. Kopie vom Tonfall zum Beispiel. Also nicht nur wie (z.B.) Wut aussieht, sondern auch wie sie klingt. Und das mit allen Gefühlen und alles eventuellen Situationen.

Das alles ist eine nie endende Arbeit und ein grenzenloser Bedarf an Kopierpapier. 🙂

Einsiedler

Dieses dicke Freundschaftsding verstehe ich nicht. Ich bin gern allein in meiner Welt. Draußen muss ich so tun als ob, Maske auf und wie die Pinguine aus Madagascar „lächeln und winken“ – funktionieren im Rädchen der Gesellschaft. „Wie gehts dir…gut und dir…mir auch…was machst du…nichts und du…ehrliche Antwort? Zeit verschwenden“ Ich bin weiterhin bemüht, diese schlechte Angewohnheit abzulegen. Vermutlich mag ich eine Sache an dir, vielleicht auch zwei, aber der Rest interessiert mich vermutlich nicht. Ist nicht persönlich gemeint. Ich kanns eben einfach nicht. Über den Rest müsste ich hinwegsehen. Macht das jemanden zum Freund? Ich respektiere dich und bin höflich, wenn du es auch bist. Mit unfairness kann ich nicht umgehen. Als Freund hat man die Verpflichtung sich zu melden. Da hört’s schon auf bei mir. Wenn ich in meiner Welt bin, dann kann mir niemand auf den Sack gehen, weil ich nicht mal wahrnehme, dass jemand existiert. Wie soll ich dann einen freundschaftlichen Kontakt pflegen. Keine Zeit. Der Vorteil ist, dass nahezu niemand etwas mit so einem Menschen anfangen kann. Und sind wir somit am Ende nicht beide zufrieden?

Wenn ich nicht leben müsste um zu leben, würde ich meine Wohnung nie verlassen und wäre der glücklichste Einsiedler der Welt.

Autismus: Das Grundschulzeugnis und die uninteressanten Bücher

Lang, lang ist’s her und dennoch ergab sich vorhin die Gelegenheit mit meiner Mutter über meine Grundschulzeit zu sprechen. Und da fanden wir so einiges auf dem Zeugnis der dritten Klasse. Naja, das übliche, ich rede nicht und kann nicht mit Menschen. (Auf dieserlei Dinge gehe ich in einem anderen Beitrag genauer ein)

Aber das war gar nicht so interessant. Viel mehr die Tatsache, dass ich angeblich nicht gut mit meinen Schulmaterialien umgegangen sei. Daran konnte ich mich so gar nicht erinnern, weil ich mit den mir ausgeliehenen Dingen üblicherweise gut umgehe. Aber meine Mutter erinnerte sich sehr gut.

Die Bücher habe ich immer sehr schnell durchgearbeitet und somit wurden diese Bücher für mich langweilig. Das war aber kein Grund für mich, diese einfach beiseite zu legen. Ich begann zu basteln. Sie also wieder interessant zu gestalten. Das ist wohl so schlecht angekommen, dass es sogar im Zeugnis vermerkt wurde. Ich habe meiner Mutter darauf entgegnet, dass es wohl kaum meine Schuld war, dass der Unterricht und die damit verbundenen Materialien zu langweilig gestaltet wurden. Das ganze kann ich natürlich nur mit einem schmunzeln sagen.

Aber sie sagte mir auch, dass ich heute immer noch so bin. Zum Verständnis: wir Telefonieren immer per Video, daher sieht sie, was ich so mache. Und sie sagte mir, dass ich immer irgendetwas in der Hand habe und irgendwas gestalte. Oftmals nicht kreativ, sondern einfach nur mit den Dingen, die ich so um mich herum finde. Es hilft mir, mich besser konzentrieren zu können. Und beeinflussen kann ich das kaum. Es passiert einfach. Einen größeren Sinn gibt es da nicht.

Außer jemand erkennt den sinn darin zum Beispiel Verpackungsmüll klein zu schneiden, alles mögliche zu bemalen, Zettelchen zu falten, eine Tube Flüssigkleber zu entleren, nur um zu schauen, wie schnell das dann trocknet. Es werden Dinge gestapelt und alles hat irgendwie seinen Platz. Andere würden sagen, ein Schreibtisch mit Müllhaufen. Für mich hat da alles seinen Platz und einen Sinn.

Daraus ergeben sich stets ‚was wäre wenn‘ Fragen. Aber diese nun noch zu stellen wäre in meinem Fall nun wirklich Sinnlos. Aber für die Kinder von heute können wir sie stellen.