Autismus-Spektrum-Störung

Autismus Erfahrung: Gastbeitrag meines Partners / zusammenleben mit einer autistischen Person

Kleines Vorwort von mir, der autistischen Person. 😉 Es folgt ein Beitrag meines Partners, den ich, man erkennt es gewiss am Schreibstil, nur sehr wenig bearbeitet habe. Nur mal hier und da n Komma verteilt, wo es mir hübsch erschien. Also keine Zensur. 😉 Komme mir ein bisschen vor, wie ein Monster. Aber n liebenswertes. Ich hab mich jedenfalls lieb, ha! Ich verlinke seinen Blog HIER, damit ihr ihn stalken oder persönlich bemitleiden könnt, wenn ihr wollt. Scherz. Nun zitiere ich noch Eric Cartman: „Ich habe die Regeln nicht gemacht, ich habe sie mir lediglich ausgedacht.“ und überlasse das Feld:


Zu Anfang weiß ich nicht, was ich schreiben soll, bzw. wie ich beginnen soll, wobei mir vorher zig Gedanken und Begebenheiten im Kopf herum geschwirrt sind. Nun denn, fangen wir einfach mal an.

Leute meiner Generation (60er) denken automatisch beim Wort Autist/in an den Film „Rain man“ mit Dustin Hoffman, der Ende der 80er Jahre den Autismus erstmalig weiten Teilen der Bevölkerung näher gebracht hat. Wobei natürlich nicht jeder Mensch der Autist ist automatisch eine Inselbegabung* hat, aber auch hier gibt es entsprechende Klischees.

Für jemanden, der bisher noch nie mit einem autistischen Menschen zu tun gehabt hat, geschweige denn mit jemand zusammen gelebt hat, kann das mitunter schon eine Art von Herausforderung sein, wobei ich dieses bitte grundsätzlich positiv verstanden haben möchte.

Es beginnt mit Kleinigkeiten bis hin zu Streitereien, die aufgrund von Missverständnissen oder einer jeweils anderen Sicht oder Bewertung des Vorgangs an sich, insbesondere am Anfang, häufig aufkommen können, was nicht ausschließt, dass auch nach Jahren des Zusammenlebens auf einmal ein Ereignis eintreten kann, was Ähnliches hervorruft.

Regel Nummer Eins im menschlichem Miteinander ist hier das Reden, das Zuhören, das Erklären und Regeln sind dazu da, um befolgt zu werden, denn nichts ist schwieriger für einen Menschen mit Autismus, wenn sich urplötzlich etwas ändert, etwas anderes ist und der Alltag anders verläuft. Sarkasmus und hintergründiger Humor sind lustig, aber wenn ich A sage und eigentlich B meine, dann noch mit C kokettiere, dann wird es sehr schwer mir zu folgen, also Finger weg davon. Das soll natürlich nicht heißen, dass jemand mit Autismus keinen Spaß versteht oder keinen Humor hat, aber direkt ist hier meist besser.

Im allgemeinen Gespräch passiert es mitunter, dass ich sage, dass ich etwas kenne oder etwas ähnlich empfinde oder erlebt habe, was dann vielleicht so aufgefasst werden kann, dass ich die Behinderung oder das Problem klein reden will, da ich es ja „kenne“. Das Problem hier ist, dass ich das Erlebte oder Gefühlte, das Erfahrene des autistisch veranlagten Menschen kaum nachvollziehen kann, daher versuche ich es mit angesprochenen Beispielen mir selbst bewusster werden zu lassen, oder meinem Partner damit zu zeigen, dass ich es im Ansatz begreife, was in keiner Weise eine Herabsetzung oder Verallgemeinerung sein soll, selbst wenn es der Partner in dem Moment so empfindet.

Daher wie oben bereits gesagt. Reden, Zuhören, Erklären, auch wenn sich natürlich in unserer Beziehung in den Jahren einiges einspielt und weniger Worte bedarf.

Es gibt Tage, da ist weniger mehr, daher ist es von Vorteil, in dem Gegenüber lesen zu können, sei es durch Körpersprache oder Ausdruck oder Wortwahl, selbst die Stimme an sich. Da werden keine Berührungen akzeptiert, da ist die Stimme zu laut, oder man ist am besten nicht da, denn selbst die körperliche Anwesenheit, auch in einem anderen Zimmer kann als störend, als Belastung empfunden werden. An diesen Tagen kann es Dir so vorkommen, als würdest Du in einem Minenfeld wandeln und wehe alles steht nicht an seinem gewohnten Platz oder es geschieht etwas Unvorhergesehenes, selbst wenn Du nichts dafür kannst. Dann ist Rot nicht Rot sondern Schwarz und Schwarz ist trotzdem zwischendurch falsch.

Manchmal bekommst Du etwas gesagt, das Dich verletzt, was Dein Gegenüber entweder nicht beabsichtigt hat, es als reine Tatsache ansieht (was mitunter auch so ist) und nicht verletzend gemeint hat oder die Aufnahme der Aussage bei Dir nicht mitbekommt, weil es ein Gefühl ist, welche DU empfindest, nicht Dein Partner. Mit der Zeit ist es zu verstehen, auch wenn es im Augenblick schmerzen kann.

Das hört sich vielleicht alles „schlimmer“ an, als es eigentlich ist, denn jeder von uns ist ein Mensch mit besonderen Fähigkeiten , Eigenarten, Eigenheiten oder Wesensmerkmalen, die wir am Partner lieben und JA, auch nach dem Wegfall der sprichwörtlichen „Rosaroten Brille“. Denn Du bist nun mit einem Menschen zusammen, der von Grund auf ehrlich ist, der Dir immer die Wahrheit sagt, der Dir nichts verschweigt und Dich so annimmt wie Du bist und dem Du garantiert einhundert Prozent vertrauen kannst und der Dir treu ist.

In dem Zusammenhang fällt mir ein Satz ein, warum die Menschen selten dass sagen was sie meinen und drum herum reden oder lügen – wie einfacher und direkter und ehrlicher wäre die Welt?
(Mitunter dann grausam – meine Meinung, auch wenn ich die Ansicht teile)

Wie ich die Partnerschaft, die „Beziehung“ oder das Zusammenleben auch bezeichnen mag, wenn ich jemals die Liebe beschreiben soll, dann ist es das, die Person mit der ich lachen und weinen kann, die von sich selber behauptet nicht romantisch zu sein und es doch in vielen kleinen Dingen ist, der ich absolut vertraue, die sich an alltäglichen Dingen begeistern kann, die mich jeden Tag aufs Neue berührt, die mich auch nach Jahren immer wieder überrascht, von der Du lernen kannst und die der Liebe eine eigene Definition gegeben hat – ebenso tiefgründig wie auch einfach und tausendfach fühlbar:

Ich hab Dich lieb… ♥

*noch einige kleine Anmerkungen von der autistischen Person: Eine Inselbegabung haben die wenigsten Autist:innen und nicht jede:r mit Inselbegabung ist Autist:in. Autismus kann von Minder- bis Hochbegabung vorliegen. Autist:innen haben ein oder mehrere Spezialinteressen, das kann jedes Thema betreffen.

Wie kann ich mit einer autistischen Person umgehen?

Lernen: Informiere dich über die Autismus-Spektrum-Störung. Bücher, Internet, oder du fragst direkt die autistische Person. Nicht stereotypisieren. Jede autistische Person ist individuell.

Grenzen respektieren: Manche ertragen zum Beispiel keine Berührungen (und weitere Reize). Die Sinneseindrücke werden anders verarbeitet, dringen zum Teil ungefiltert ein. Vergewissere dich, zum Beispiel durch Fragen/vorherige Ankündigung, dass es in Ordnung ist, was du tust. Und sei nicht böse, wenn die autistische Person zurückschreckt oder sich zurückzieht, denn wenn sie dich mag, dann nicht vor dir, sondern vor dem Reiz. Meide Gruppen, viele (oder unangenehme) Reize, damit sich die autistische Person besser auf dich konzentrieren kann.

Erwartungshaltung emotionale Reaktionen: Die autistische Person möchte höchstwahrscheinlich alles richtig machen, weiß aber ggf. nicht, welche Reaktion/Handlung angemessen ist. (reagiert möglicherweise unangemessen oder gar nicht)

Sei nicht böse, wenn die autistische Person Probleme damit hat, verbal über Gefühle zu sprechen. Diese sind selten sachlich und logisch. Finde andere Wege, individuell. Schriftlich, per Mail, poetisch, in Bildern oder vielleicht sogar körperlich. Es gibt Autist:innen, die die Liebe in einer Partnerschaft an der Häufigkeit von Sex berechnen (als Beispiel). Es ist also vieles möglich.

Klare Sprache: Spreche deine Bedürfnisse oder deine Wünsche klar aus. Generell, sprich mit der autistischen Person, dann weißt du in der Regel, woran du bist (die autistische Person ist in der Regel direkt und ehrlich). Sei auch du ehrlich und direkt. Wenn du Hilfe benötigst, bitte sie darum und jammere nicht. Gib der autistischen Person Zeit für eine Antwort.

Autismus Erfahrung: Routine und Struktur

Ein kurzer Beitrag zum Thema Routinen und Struktur – und wie das bei mir so ist.

Oft wird vermutet, dass Autist:innen eintönig sind, dass der Tagesablauf immer gleich ist, wegen der Routinen. Dem ist aber nicht so. Insbesondere dann nicht, wenn sich zum Autismus noch AD(H)S gesellt. Oder psychische Erkrankungen (Depressionen, PTBS, etc.) Vielen Autist:innen fällt es nicht schwer, Routinen zu entwickeln, meistens kommt das ganz von selbst. Sie sind da und dann wird das so gemacht. Und da sich das Leben bewegt, wandelt, bewegen sich auch die Routinen. Meist nicht so oft, weil Veränderungen nicht so leicht zu bewältigen sind, aber gelegentlich kommt das vor.

Routinen („Gewohnheiten“) bieten Sicherheit im Alltag und schützen vor einer Reizüberflutung. Wenn diese mal nicht eingehalten werden können, wird darauf unterschiedlich gestresst reagiert. Kommt da auch stark auf die Wichtigkeit der Routine an.

Sie haben jedoch im Grunde nicht viel mit der Struktur („Zusammensetzung aller Bestandteile“) im Alltag zu tun. Eine geordnete Struktur selbstständig zu entwickeln und auch ohne Unterstützung umzusetzen ist für die meisten Autist:innen oftmals unmöglich. Mir ist auf jeden Fall noch kein Autist begegnet, der das ohne fremde Hilfe reibungslos und langfristig geschafft hat. Trotzdem ist so etwas sehr wichtig – unter Einbindung der Routinen. Ein strukturierter Alltag kann zum Beispiel darin bestehen, immer zur Selben Zeit aufzustehen und zu Bett zu gehen. Und dazwischen eben die anfallenden Tätigkeiten – Beruf, Nahrungsaufnahme, Körperpflege, etc. zu festen Uhrzeiten. Manche können das mit Erinnerungstafeln, oder einer App.

Ich persönlich habe fast gar keine Struktur im Alltag, außer an den wenigen Tagen, an denen ich arbeite. Zwar stehe ich meist sehr früh auf und gehe spät zu Bett und mache oft die Selben Dinge, meinen Routinen und Interessen entsprechend, aber eine Struktur ist da nicht. Meist bin ich irgendwo auf nem anderen Stern. Das sorgt jedoch immer für einen gewissen Stresspegel. Ich bin jedoch ein Mensch, der sich kaum etwas sagen lässt, ein Freigeist, höflich ausgedrückt. Zu ehrlich, egoistisch und Arschloch mit viel Herz würde aber auch passen. Vielleicht weil ich sehr lange bevormundet und „unterdrückt“ wurde. Für die Dinge, die ich mag, hab ich quasi immer Pläne im Kopf, damit ich „spontan“ all die tollen Sachen tun könnte. Und wenn AD(H)S kickt, bin ich noch dazu sehr impulsiv. Für die Autistin in mir ist das alles sehr anstrengend, weshalb ich, wenn ich ein Smartphone wäre, immer nur so 10% geladen bin.

Eine vorgegebene Struktur würde mir also theoretisch helfen, wenn ich diese denn zulassen würde. Ich halte mich eben an meine kleinen Routinen und an sehr viel Zeit/Ruhe für mich.

Autismus Erfahrung: zum „weiblichen Autismus“ in sexistischer Gesellschaft

Die Diagnosekriterien sind nicht abhängig vom Geschlecht. Die zentralen Kriterien, auch „Symptomtrias“ genannt, die immer gegeben sein müssen sind: Stereotypes und repetitives Verhalten/Bewegungen, eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit/Sprache, eingeschränkte soziale Interaktion/zwischenmenschliche Beziehungen.

Und das ist durchaus korrekt so, ebenfalls wissenschaftlich belegt. Gut und schlecht. Warum? Und warum werden Frauen dann seltener und oft erst spät diagnostiziert? Nun, weil Fachärzte (jetzt hackt sie wieder auf den Fachärzten herum ;-)) oftmals noch im Zeitalter von Hans Asperger feststecken. Denn selbstverständlich können (nicht müssen) diese drei Kriterien, welche erfüllt sein müssen, ganz unterschiedlich in Erscheinung treten. Und Frauen sind da schlichtweg unsichtbarer. Und das liegt am Frauenbild, an dem, was von Frau eben so verlangt wird. Klar, das Bild von der braven Hausfrau hinterm Herd ist nicht mehr so häufig präsent, aber das muss es auch gar nicht.

Es genügt, dass Mädchen eher wohlerzogen wirken müssen, während Jungs eben auch mal Jungs sein dürfen. Wenn ein Mädchen ausflippt, dann ist es ne kleine Zicke. Wenn ein Junge ausflippt, ist er eben ein Junge, der mal Junge sein darf. In Erziehungsthemen bin ich nicht allzu bewandert, das was ich aber am Rande so mitbekomme ist, dass sich dieses gerade hier und da ändert.

Die erwachsenen Frauen haben das aber noch so gelernt. Man nimmt zum Beispiel in Fachkreisen an, dass sich Spezialinteressen auf Naturwissenschaften beziehen (müssen), bzw. auf andere (typische) Männerdomänen (klassisch auch Programmierer, IT-ler). Und so könnte es zum Beispiel sein, dass eine Autistin den ganzen Tag näht, sich schminkt und die perfekte Bügelstrategie entwickelt. Klingt scherzhaft, ist aber absolut möglich. Weibliche Autisten sind häufig im künstlerischen Bereich anzutreffen, so auch ich. Wobei ich persönlich auch nicht an der typischen Naturwissenschaft vorbeigekommen bin. In unserer sexistischen Gesellschaft ist es aber eben oft noch so, dass Männer dieses ausleben können, frei darauf hinarbeiten können, auch beruflich, während Frauen lieber was anderes machen sollen. Am besten etwas, was Raum für Kinder lässt. Schließlich sind Frauen unterm Strich dafür da.

Ja, das erlebe ich oft. Geschockte Menschen, die es nicht verstehen können, dass ich kein Interesse daran habe, einen Stall voll Kinder zu hüten. Man ist als Frau tatsächlich ein bisschen weniger Wert.

Mir sind schon einige autistische Mütter begegnet, die ihre Kinder selbstverständlich lieben und sich gut um sie kümmern, aber kaum mehr Zeit mehr für sich selbst haben (und vielleicht für Interessen, die nicht „typisch weiblich“ sind. Für eine Autistin kann das sehr zermürbend sein. Und genau das interessiert dann kaum jemanden, denn sie hat ja ihren Soll erfüllt. Natürlich gibt es auch Autist:innen mit Kinderwunsch, vielleicht sogar als (weiteres untypisches) Spezialinteresse, und selbst für mich wär’s inzwischen wohl ok. Aber eben nur ok.

Für männliche Diagnostiker, bzw. für Diagnostiker:innen, die sich am typischen (männlichen) Autismus orientieren, ist dieser weibliche Autismus eben aufgrund unserer sexistischen Gesellschaft oft nicht leicht zu erkennen. Weil es anders aussehen kann. Zum Beispiel statt „ausflippen/rumschreien“ (Jungs) „schweigen/Schüchternheit“ (Mädchen)

Trotzdem müssen die oben genannten Symptomtrias vorhanden sein. Wie auch immer sie in Erscheinung treten.

Autismus Erfahrung: In der anderen Welt

Viele Autist:innen spielen gern Videospiele oder begeben sich in irgendeine andere beliebige Welt, in der sie erfolgreich sein können. Und das macht Sinn. Denn als Autistin mache ich, wann immer ich aus meiner Welt in die Welt begebe, die ihr wohl als „echte“ Welt bezeichnen würdet, die Erfahrung, nicht hineinzupassen. Dementsprechend bleiben Erfolge aus. Und auch ein autistisches Gehirn reagiert positiv auf Erfolgserlebnisse.

In Videospielen wäre das zum Beispiel das Aufsteigen in Levels, das schaffen von schwierigen Stellen im Spiel. Nun, ich spiele nicht mehr so oft Videospiele. Aber auch bei Brettspielen oder Kartenspielen bin ich eine wahnsinnig schlechte Verliererin. Als Kind, Jugendliche endete ein Spiel, wenn ich verloren habe, stets in einem Wutausbruch. Inzwischen kann ich gut so tun, als ob ich verlieren könnte. Ich bin aber noch immer eine schlechte Gewinnerin.

Die eigene Welt ist nahezu perfekt eingerichtet und an die eigenen Bedürfnisse angepasst. Soziale Kontakte sind zwar wichtig, aber ich persönlich kann darauf weitestgehend verzichten. Eben weil alles da draußen irgendwie in einem sozialen Kontakt endet. Na, selbst einkaufen beinhaltet ein oder zwei ausgetauschte Worte.

In der eigenen Welt, oder eben in Videospielen, gibt es klare Regeln, es funktioniert dort so und nicht anders. Manches Videospiel könnte ich mit verbundenen Augen ohne Probleme durchspielen. Es funktioniert immer gleich. In dieser echten Welt verstehe ich gar nichts und das kann ich allenfalls gut vertuschen. Die Menschen darin verhalten sich wahnsinnig willkürlich.

Und als Autist hat man dann die niemals endende Aufgabe, im Kopf für jede Eventualität einen Plan zu haben. Das ist unfassbar anstrengend. Und nach außen wirkt man dann wieder meistens ganz normal. Was ebenfalls anstrengend ist. Menschen bewegen sich kreuz und quer, fühlen heute dies und morgen was ganz anderes. Dann ist wieder jemand sauer auf mich, weil ich irgendwas getan oder nicht getan habe. Und dann redet man mit jemandem, der sagt: „schau mir in die Augen, wenn ich mit dir rede.“ Und am Ende steht man als dummer Mensch da. Dabei funktioniert man einfach nur anders.

In dieser neurotypischen Welt kann ich mich sehr schwer selbst einschätzen. Da gehe ich generell vom Schlimmsten aus. Das ist kein schönes Gefühl. Ich verstehe nicht, was richtig oder falsch ist in der Kommunikation allgemein. Menschen senden Signale, die ich nicht verstehe. Und dann wieder ganz andere. (btw: ein eigens programmierter Roboter wär n toller Freund.)

Ein großer Teil dieser anderen Welt ist bei mir das Schreiben. Aber da hat jede/r Autist/in andere Vorlieben.

Menschen neigen in der Regel nicht dazu, Dinge ausführlich zu erklären, Dinge einfach zu sagen und schon gar nicht dazu, systematisch zu funktionieren. Sie sind eben willkürlich und meistens nicht 100% ehrlich. Es ist leichter in diese andere Welt zu gehen, statt in dieser „echten“ Welt, in der scheinbar nichts funktioniert. Und ich sage zwar, dass ich Menschen hasse, aber so richtig stimmt das nicht. Ich verstehe sie nur einfach meistens nicht, obwohl ich das gern würde. Und genauso hätte ich es manchmal gern, dass mich jemand wirklich begreift.

(Trotzdem habe ich die Schwächen ausgekundschaftet, falls mein Heimatplanet ein Raumschiff entsendet, das mich abholt. ;-))

Soziale Interaktionen sind also selten von Erfolg gekrönt. Und deshalb ist die eigene Welt so viel schöner. Nun, ob das so gesund ist? Ja und nein. Es kommt drauf an. Denn manchmal muss man in die „echte“ Welt, man muss dort funktionieren. Bei den einen klappt das besser, bei den anderen schlechter. Als jemand, der extrem viel in der eigenen Welt ist kann ich aber sagen, es ist nicht immer schön, dort sein zu müssen. Manchmal ist es einfach nur leichter – erfolgreicher. Für mich ist meine Welt eine echte Welt, die Welt da draußen gleicht eher einem Haufen von Falschheiten, einem Kasperletheater. Was anderes ist mir jedenfalls noch nicht langfristig begegnet.

Aber ich sehne mich zumindest nach dieser echten Welt, die beständig funktioniert (im Bezug auf Menschen und alles was einen Menschen ausmacht) und eine Sprache spricht, die ich verstehe. Ich könnte mir aber auch ein fliegendes Spaghettimonster wünschen. Ist ja quasi das Selbe. 😉

Autismus Erfahrung: Kurzfilm(e) zur autistischen Wahrnehmung

Ich richte diesen Beitrag vor allem an Menschen, die nicht autistisch sind. Ich halte es sehr einfach und kurz, ihr müsst nicht lesen, nur zuschauen. Es handelt sich um drei sehr kurze Kurzfilme. Ich küsse eure Herzen schon, wenn ihr nur ein Video anschaut. Wenn kurz hingeschaut wird. Wenn es nicht egal ist. Denn genau das ist oft das Gefühl. Egal zu sein.

Hier finde ich das Ende sehr einfühlsam. Die Wahrnehmung ist hier aber auch mit am besten dargestellt.
Hier kann man sehr gut sehen, weshalb so oft gesagt wird: „du siehst ja gar nicht autistisch aus“. Dabei ist es so unglaublich anstrengend, einen Tag, jeden Tag, irgendwie herumzukriegen. Autisten haben übrigens ein erhöhtes Risiko (6x so hoch) Suizidgedanken zu entwickeln.

Autisten sind nicht schlecht erzogen. Es ist einfach nur alles zu viel.

Ich brauche keine sozialen Kontakte. Ich bin viel glücklicher ohne. Bin glücklich in meiner Welt. Und genau das finde ich sehr traurig. Ich wäre gern sicher und zufrieden in der Welt da draußen.

Autismus Erfahrung: „Du siehst ja gar nicht autistisch aus.“ – Na irgendwie doch.

Diesen Satz hat jede/r Autist:in schon mal gehört. Genau so, oder in ähnlicher Form. Und darauf stellt sich dann die Frage, wie man denn autistisch aussieht?! Es ist eben eine Behinderung, die man nicht sehen kann. Und genau dazu ist mir eine Theorie eingefallen, weil ich Nachts offenbar nichts besseres zu tun habe, als darüber nachzudenken. 😉

Denn ich finde, man sieht sehr wohl autistisch aus. Damit ist nicht das Aussehen gemeint. Aber ein Mensch ist mehr, als sein Aussehen. Man besteht aus Mimik, Gestik, aus nonverbaler Kommunikation, na und auch aus verbaler Kommunikation. Man kleidet sich, man trägt seine Haare irgendwie, man bewegt sich durch den Alltag. Und man wirkt auf seine Umgebung, auf seine Mitmenschen. Und genau das ist der Punkt. Nicht nur andere Autisten erkennen häufig ihre „eigene Spezies“, auch die nicht autistischen Menschen da draußen erkennen uns. Erkennen uns als etwas, das irgendwie anders ist, anders funktioniert.

Ich erlebe es selbst häufig, höre das selbe aber auch oft von anderen Autist:innen: Wir können Menschen begeistern, faszinieren, oftmals in einem Bereich, in dem wir sehr gut sind. Meist dann ein Spezialinteresse betreffend. Nur dreht sich nicht jeder Kontakt ausschließlich um dieses Interesse. Die meisten Autist:innen haben Erfahrung damit, gemobbt zu werden (Schule oder Arbeitsplatz), irgendwo im Alltag schlecht behandelt zu werden, unfair, unverstanden/missverstanden. Oft ist es dann so, dass es dafür gar keinen genauen Grund gibt, oder man als Autist:in diesen nicht versteht.

Gewissermaßen sieht man also eben doch autistisch aus. „Du guckst aber böse“ – nein, ich konzentriere mich nicht auf meine Maske, sondern auf das, was du sagst oder auf das, was ich mache. „Dein Verhalten (oder das was du sagst) ist rücksichtslos/böse/nervig“ – nein, ich rede darüber, wie ich die Dinge wahrnehme. Aber du kannst mir deine Wahrnehmung erklären. (Dazu kommt es oftmals nicht, weil man nach meiner Erfahrung schnell ‚unten durch‘ ist). Geschlechterrollen ergeben für viele Autist:innen keinen Sinn, einige sind sogar nicht binär oder sonst wie Queer (dazu werde ich einen Beitrag schreiben). Äußerlichkeiten entsprechen oftmals nicht der Norm, dem, was der Gesellschaft gefällt oder was sie von einem erwartet.

Irgendwie fällt man auf, auf die ein oder andere Weise. Meine Behinderung wird für andere Menschen sichtbar, sobald ich den Mund aufmache und Wörter rauskommen, mich unmaskiert zeige, mich bewege, kommuniziere. Und sie eckt schnell an, sobald diese Wörter nicht mein Spezialinteresse betreffen. Dann braucht man dieses Fingerspitzengefühl, diese Empathie, die gar nicht so leicht zu erlernen ist. Im Allgemeinen ist das Verhalten, das Auftreten oft nicht der Norm entsprechend, nicht angebracht, unpassend, unhöflich, etc.

Die Leute denken wohl nicht „Ah, die ist autistisch“, sie denken eher, „die komische Person“ (etc.). Man sieht also irgendwie autistisch aus, obwohl man ja gar nicht autistisch aussieht. 😉

Autismus Erfahrung: zum verzweifeln

Ich verzweifle ziemlich an der Kommunikation mit anderen Menschen. Genauer geht es mir hier um die Menge und zweitrangig auch um den Inhalt. Es ist mir noch nie passiert, obwohl ich grundsätzlich darauf hinweise, dass man mir sagt, wann ich zu viel oder zu wenig rede/erzähle/schreibe. (Nur das ich ständig ins Wort falle oder Menschen nicht ausreden lasse, das wird mir ab und zu gesagt) Und für mich da auf ein angemessenes Maß zu kommen, ist nahezu unmöglich, denn jeder Mensch definiert dieses „normal“ für sich anders. Nun kommunizieren die Menschen das aber nicht, nein, ich sollte das intuitiv wissen. Einen Scheiß weiß ich. Ja, mich macht das wütend. Weil es so leicht wäre, diese Barriere etwas zu erleichtern, indem man mir sagt, wie die Kommunikation angenehm empfunden wird.

Nun arbeite ich gerade daran, keine Fragen zu beantworten, wenn danach nicht gefragt wurde. Sprich: frei erzählen. Ich merke aber, dass auch das nicht gut zu sein scheint und es wirkt wohl desinteressiert, wenn man nicht frei erzählt (oder auch auf Fragen nur knapp antwortet). Dann ist man wütend (oder irgendwas) auf mich, obwohl ich gar nicht weiß, was ich überhaupt mache. Diese Direktheit/Ehrlichkeit ist aber auch nicht gut, selbst wenn ich sie versuche so emphatisch wie möglich zu verpacken. Da verstricke ich mich in Gedanken, zerdenke jedes Wort mehrfach und das, was dann dabei herauskommt, scheint auch oft falsch zu sein.

Ich bin im Grunde an einem Punkt, an dem ich gar nicht mehr mag, mit Menschen zu reden, weil man es ihnen ohnehin nicht recht machen kann. Was zu viel oder zu wenig ist begreife ich nicht. ‚Sag mir einfach was du hören willst, dann sage ich es dir.‘ Das scheint mir die leichteste Variante zu sein. Die ist aber auch nicht gut. Außerdem habe ich darauf keine Lust. Es kann doch nicht so schwer sein, direkt zu kommunizieren, was einem nicht passt. Das vermeidet Missverständnisse und man kann einen Mittelweg finden, den beide Kommunikationspartner gut finden (oder eben nicht).

Zweitrangig kommt dann noch zu viel oder zu wenig Information hinzu. Seien es nun persönliche oder nicht persönliche. Fragen werden nur extrem selten präzise gestellt und ich weiß kaum, was ich antworten soll. Das ist wie die Frage „wie geht’s dir?“ Ich kann sagen „gut“, oder einen zweistündigen Monolog halten.

Was aber auch noch etwas ist, das mich wütend stimmt. Menschen sind oftmals so verlogene Viecher. Sie erzählen keine Wahrheit und wollen keine Wahrheit hören. Wozu dann überhaupt reden? Ja, ich bin wirklich an einem Punkt, an dem ich mit niemandem mehr reden will, dieses ganze zwischenmenschliche ist das Kraftraubendste überhaupt. Ganz egal wie viel ich darüber lese und stets versuche korrekt (UND in meinem Sinne) zu reagieren, am Ende bleibt es individuell und ich mache gefühlt alles falsch. Den Quatsch kann ich mir sparen.

Autismus Erfahrung: Noch mal etwas zur Kommunikation (zwischen autistischer und nicht-autistischer Person)

Gestern habe ich etwas gesehen, das mir zuvor noch nie an mir oder an anderen aufgefallen ist. Ein Video. Es geht um die Kommunikation zwischen einer autistischen Person und einer nicht-autistischen Person. Ich habe mal reflektiert und festgestellt, dass mich das auch sehr häufig betrifft. Bisher hatte ich das gar nicht bewusst wahrgenommen.

Wenn mir eine nicht-autistische Person eine Frage stellt, antworte ich oft sehr ausufernd. Natürlich nur, wenn ich gut über die mir gestellte Frage informiert bin. Meistens handelt es sich um medizinische Fragen, die werden mir recht oft gestellt. Aber auch auf andere Fragen antworte ich offenbar oft zu ausführlich. Und manchmal bekomme ich als Reaktion so ein „war doch nur ne Frage.“ Oder das Sprichwort „musst doch nicht gleich krummer Hund zu mir sagen“ ist mir sehr bekannt. Ich bin dann eher irritiert, denn ich habe ganz normal geantwortet. Das Problem ist, wenn ich über etwas viel erzählen kann und es sich dann auch noch um ein Spezialinteresse handelt, maskiere ich kaum noch, die Stimme wird monoton und ich rede ohne Punkt und Komma. Ich will einfach alle Informationen herausgeben, die ich habe. Oft ist es so viel, dass ich Tage, gelegentlich sogar Wochen später das Thema aufgreife und meine Antwort ergänze.

Nun, und genau das kommt bei neurotypischen / nicht-autistischen Menschen manchmal nicht gut an. Meine Antwort wird so empfunden, als hätte ich mich durch die Frage angegriffen gefühlt (btw, ich nehme jede Frage gerne entgegen, nur brauche ich manchmal länger mit einer Antwort). Ich kann mich nicht daran erinnern, mich je durch eine Frage angegriffen gefühlt zu haben. Von offenkundig dummen Fragen bin ich jedoch gelegentlich genervt. Das sind dann so Fragen, für die ein wenig logisches Denken ausreicht, oder auch ein minimaler Blick in https://gidbf.com/

Das kommt aber sehr selten vor.

Neurotypische Menschen denken offenbar manchmal, dass ich mich mit einer Antwort quasi rechtfertige oder dass ich einfach klugscheiße. Kurze, oberflächliche Antworten scheinen besser anzukommen, aber sind die denn auch hilfreich? Dann hat man doch nicht viele Informationen. Ich verstehe das nicht. Wenn ich etwas wissen will, dann am liebsten alles und auf einmal. Und ich freue mich immer über Fragen, denn dadurch können sowohl Andere etwas neues erfahren, aber ich kann auch Lücken erkennen. Mein Partner fragte mich zum Beispiel gestern, was „sternum“ auf deutsch heißt. Das wusste ich mal, aber ich hatte es vergessen. Das war wieder ein kleiner Kurzschluss im Hirn. 😉 Hab natürlich umgehend nachgeschaut!

Okay, die Antworten sind nicht immer ausufernd, das Thema muss mich sehr interessieren und dann kommt es auch darauf an, wie viel Energie ich übrig habe. Aber sehr ausführliche Antworten kommen manchmal nicht gut an. Wieder was neues erfahren.

Ich mag trotzdem weiterhin persönliche oder allgemeine Fragen, am liebsten zu meinen Interessen. Und ich antworte weiterhin wie ich will. 😉

Autismus Erfahrung: Auto- und Fremdaggressives / (emotional) verletzendes Verhalten

Nur kurz zu physischen Verletzungen:

Es ist durchaus möglich, dass Autist:innen sich selbst und/oder andere körperlich verletzen könnten. Wie immer ist das individuell zu betrachten. Das geschieht niemals in böser Absicht, sondern resultiert meist aus einer Überreizung. Z.B. wenn ein Autist eine Berührung nicht möchte und dies, sofern möglich, auch schon verbal geäußert hat. Man könnte also sagen, dass dieses aggressive Verhalten sich selbst oder anderen gegenüber eine Schutzhandlung ist, eine Abwehrhandlung. Vor allem gegen das Aufzwingen von Reizen. Aber auch wenn etwas (aus der Wahrnehmung des Autisten) falsch gemacht wird, kann das zu aggressiven Handlungen führen. Das ist jedoch stets der letzte Ausweg, ein Versuch von Kommunikation, wenn jeder andere Versuch gescheitert ist. Häufig kommt dieses Verhalten während oder kurz vor einem Meltdown vor (z.B. auch um diesen zu verhindern).

Die Absicht ist dabei niemals, sich selbst oder andere ernsthaft zu verletzen. Ein Autist würde also nicht entspannt losgehen, sich gezielt ein großes Messer suchen und sich selbst oder jemand anderen damit abstechen. Das Verhalten ist affektiv. Sich selbst oder andere beißen, kratzen, stoßen, um sich schlagen, mit Gegenständen werfen, Gegenstände zerstören. Fremdaggressives Verhalten kommt deutlich seltener vor, als Autoaggressives. Es genügt im Grunde schon, ausreichend Abstand zu halten, wenn ein/e Autist:in derart Reizüberflutet ist.

Ich persönlich handle gar nicht Fremdaggressiv, weil ich gelernt habe, mir selbst den Abstand zu verschaffen. Und auch das Autoaggressive Verhalten konnte ich auf ein Minimum reduzieren. Darauf bin ich sogar recht stolz, denn in dieser Hinsicht bin ich sehr lange sehr schlecht mit mir selbst umgegangen. Hilfreich können verschiedene Stims sein. Für mich war auch eine Verhaltenstherapie hilfreich.

Unterm Strich sind Autist:innen vollkommen ungefährlich, sofern man ihren Bedürfnissen nachkommt. Bei Autist:innen, die nicht sprechen können, gestaltet sich das entsprechend schwierig. Als Faustregel kann man aber sagen, dass ein Bedürfnis in jedem Fall Ruhe / reizarme Umgebung ist.

Interessanter sind da die emotionalen Verletzungen.

Es ist ein Irrglaube, welcher von nicht-autistischen Menschen über Autist:innen angenommen wird, sie würden es nicht merken, wenn andere Menschen durch ihr Verhalten verletzt sind. Viele Autist:innen spüren dies sogar deutlich intensiver, als nicht-autistische Menschen. Es sind einfach nur die altbekannten Kommunikationsschwierigkeiten. Für Autist:innen ist es (unterschiedlich) schwer, die eigenen Emotionen/Gefühle, bzw. die der anderen Menschen zu interpretieren und dann auch noch zu verbalisieren. Nichts ist so schwer zu definieren wie Gefühle. Oft ergeben sie keinen Sinn, oder es ist das reinste Durcheinander. Falsche Höflichkeiten sind beliebt, für einen Autisten aber vollkommen nutzlos und fern jeder Logik (außer im Umgang mit Behörden vielleicht). Daher sage ich öfter mal Sachen, die verletzend sind. Dafür entschuldige ich mich aber auch nicht, weil ich es ja so gemeint habe.

Wenn ich zum Beispiel meinen Partner frage, ob mein Hintern fett in der Hose aussieht und er mit nein antwortet (obwohl es so ist), dann finde ich das unhöflich. Ist nur ein Beispiel, aber auch sehr klassisch unter Partnerschaften/Freundschaften. Es werden bevorzugt nette Dinge, als ehrliche gesagt. Und das verstehe ich überhaupt nicht. Ich war auch schon in diesen Mädels-Gruppen, wo dann auf Nachfrage hin alle sagten „dein Make-up sieht toll aus“ und sobald dieses Mädel nicht mehr da war, wurde darüber hergezogen. Anstatt zu sagen, dass der hellblaue Lidschatten bis unter die Augenbrauen geschmiert kacke aussieht, lässt man sie damit herumlaufen. Wozu? Damit auch andere was zu lachen haben? Ist es Neid? Gewiss manchmal. Ich denke, wenn jemand eine ehrliche Meinung haben möchte, sollte man diese auch sagen. Und genauso verhält es sich mit Gefühlen. Man kann nicht jeden Menschen toll finden, was bringen da vorgespielte Nettigkeiten? Selbst wenn man jemanden (oder auch sich selbst) verletzt, langfristig ist Ehrlichkeit doch hilfreich.

Andererseits verstehe ich aber auch nicht diese zahlreichen Hate-Kommentare, die selbstverständlich nur im Internet verfasst werden. Das sind dann die ungefragten Meinungen völlig fremder Menschen. Wie z.B. „deine Arme sind zu lang, das ist hässlich“. Ja, und jetzt? Das verletzt halt ggf. unnötig. Und oftmals frage ich mich da ernsthaft, wer hier wirklich die eingeschränkte Sozialkompetenz hat. Ich, als Autistin, oder die anderen, die sich mit so einem Bullshit die Zeit vertreiben. Btw. Ich hab noch nie einen Hate-Kommentar verfasst. Bin aber auch mit Komplimenten sehr sparsam – dafür sind sie absolut ehrlich gemeint.

Man muss (in diesem Fall Fremden) eben nicht alles sagen, was einem nicht gefällt. Wenn man aber gefragt wird, sollte man ehrlich und nach Möglichkeit sogar objektiv sein.

Wenn ich nun jemanden mit meinen Aussagen (oder oftmals auch mit meinem Schweigen) verletze, kann ich mir das zwar irgendwie denken, aber eben nicht genau definieren und folglich auch nicht entsprechend emphatisch darauf reagieren (weil dem verletzt sein andere Gefühle ähnlich sind). Ich fühle mich meistens überfordert und sage dann nichts. Was dann oftmals noch verletzender wirkt. Ja, so kann man Menschen vergraulen. 😉 Vereinfachen würde es die Kommunikation, wenn die andere Person ihre Gefühle selbst definiert (oder versucht zu erklären) und diese dann äußert. „Das was du gesagt/getan hast, hat mich verletzt“. Genaue Erklärung von dem, was verletzt hat, sollte beigefügt werden. So habe ich zum Beispiel die Möglichkeit zu sagen, warum ich etwas gesagt/getan habe, was eine Situation oftmals wieder auflockert. Ich erlebe es sehr häufig, dass Dinge, die ich sage/mache, fehlinterpretiert werden. Das macht eine offene Kommunikation so wichtig. Selbst wenn ich eine Sache so meinte, wie ich sie gesagt/getan habe, kann ich durchaus Mitgefühl empfinden. Oder eben einen Fehler eingestehen. Auch vom Mitgefühl wird häufig angenommen, dass Autist:innen dies nicht empfinden können. Das ist eben falsch. Das ein oder andere kommt vielleicht hölzern an, ist jedoch nicht böse gemeint.

Schwierig sind auch die eigenen Emotionen, von denen ich meist komplett überladen bin. Es fällt mir schwer, diese nonverbal zu zeigen. (echte Freude sieht man mir aber deutlich an :-)) Oftmals aber auch, sie überhaupt anzusprechen, eben weil das meiste davon nicht klar zu definieren ist. Was ist verletzt sein überhaupt und warum? Andere Gefühle liegen dem verletzt sein sehr nahe, weshalb ich oft gar nicht weiß, ob ich überhaupt verletzt bin. In der Therapie wurde ich tatsächlich häufig nach allen naheliegenden Gefühlen abgefragt und es hat ewig gedauert, da einen genauen Punkt in mir zu treffen, der zutrifft. So manche Zeit habe ich schweigend verbracht, weil Überforderung stets die Überschrift bildet. Ich bin selten durch andere Menschen verletzt. Meistens ist es Überforderung durch andere Gefühle. Ohne äußere Unterstützung kann es schnell so viel werden, dass man eben nur noch schweigen/sich zurückziehen kann.

Schwieriges Thema für mich, da verliere ich mich in Erklärungsversuchen.

Zusammenfassend: Offene und direkte Kommunikation und Unterstützung ist unabdingbar. In der Ausführung eigentlich nicht schwer.

Mein Partner tut sich da etwas schwer mit der direkten Kommunikation, trotzdem kommt es fast nie zu einem Streit und wenn, dann nur sehr kurz. Ich muss des Öfteren darauf hinweisen, in meine Aussagen nichts hinein zu interpretieren, aber das genügt dann auch. Ich sage auch sehr oft, dass ich etwas nicht böse meine. Ich bin zwar sehr kompliziert, würde aber sagen, wenn man das Ganze ein mal begriffen hat und damit umzugehen weiß, ist es relativ simpel. Wir reden zum Beispiel manchmal darüber, was wir gut oder schlecht (aneinander) finden. Kann ich jedem empfehlen (also auch nicht-autistischen Paaren/Freundschaften), da kommen oft Dinge zutage, die ich nicht mal im Ansatz vermutet hätte. Ein Gastbeitrag vom Partner wäre vielleicht mal interessant.

Autismus Erfahrung: neue Situation, neuer Ort

Dass das potentiell problematisch ist, ist bekannt. Aber wie genau fühlt sich das an? Nun, inzwischen verplane ich mich ja selbst und ich begebe mich auch überwiegend nur in Situationen, die ich gut verplanen kann. Also in gar keine. 😀 Btw. Ich muss sehr oft über mich selbst lachen.

Aber ich habe eine Situation (ein Beispiel) aus meiner Schulzeit: neue Schule. Wegbeschreibung von Mama: „Du gehst hier raus, dann nach rechts bis zur großen Kreuzung, dann nur noch den Berg hoch, da kannst du auch mit dem Bus fahren. In der Schule musst du dich beim Sekretariat melden, die sagen dir dann, wo du hinmusst.“ Was ich verstanden habe: „Du musst morgen alleine an einen fernen, neuen Ort, du musst früh aufstehen und alles anders machen als sonst, spontan und schnell, denn du hast es sehr eilig. Dann kannst du hundert mal umsteigen, du kannst aber auch in die falsche Richtung gehen. Wenn du das Haus verlässt, triffst du auf einen Zauberer, der dir drei verzauberte Blüten gibt, diese musst du essen. Achte darauf, dass die zweite nicht orange ist, denn diese ist giftig. Sie führen dich weiter zum Unterschlupf der Teletubbies, Noo Noo saugt die blauen Bonbons von den Straßen. Dann zieh dir Schlittschuhe an, damit du an der dritten Eiche von links vorbeikommst, dort wartet ein Wildschwein, dem musst du das richtige Passwort nennen, um vorbeilaufen zu dürfen. Wenn du das geschafft hast, triffst du auf eine gesichtslose Menschenmasse, der du dich anschließt. Wenn du in der Schule angekommen bist, denk dran, dass du den Boden nicht berühren darfst, du versinkst sonst in Marshmallow. Und wenn du zu spät kommst, bewerfen dich alle mit Wasserbomben und du darfst nie wieder in dein Zimmer. Ach, vergiss die blaue Apfelsoße nicht, wenn du dir die Zähne löffelst.

  • Ich bin das erste halbe Jahr jeden Morgen eine halbe Stunde zu spät zum Unterricht erschienen. Ich war wohl pünktlich in der Schule, habe mich jedoch im Gebäude verlaufen. Der Eingang meiner Klasse war quasi gegenüber vom Haupteingang. Dazwischen war eine große Eingangshalle mit vielen Menschen, vielen Türen, vielen anderen Eindrücken und der ein oder anderen Treppe.

Dazu kommt die Gesichtsblindheit. „Triff diese eine Person, sie steht zwischen anderen Personen und/oder andere laufen dir über den Weg, du weißt nicht, was die Person für eine Kleidung trägt, ist ja auch egal, weil alle anderen das selbe tragen. Wenn du diese Person nicht direkt ansprichst, werden dich Spinnen von innen heraus auffressen.“

Autismus Erfahrung: soziale Interaktion (Fragen)

Ich dachte gerade an eine total banale Situation auf der Arbeit, welche auch schon zwei Monate zurückliegt. Kurze Beschreibung: Ich machte Übergabe nach einem Nachtdienst mit einem Kollegen. Dieser sagte zu Beginn, dass er zwei Wochen Urlaub hatte und demnach wissen wollte, was im Groben in diesem Zeitraum gewesen ist. Darauf entgegnete ich, dass ich ebenfalls die erste Nacht hatte und davor ebenfalls zwei Wochen nicht da war und daher nicht allzu viel weitergeben kann. Er fragte ob ich auch Urlaub gehabt hätte, jedoch hatte ich einfach nur frei. Weiter fragte er, ob ich denn irgendwo gewesen wäre (ich nehme an, dass er meinte, ob ich verreist bin). Ich sagte nein. Und nun, zwei Monate später fällt mir ein, dass es höflich gewesen wäre zu fragen, ob, wo und wie er denn seinen Urlaub verbracht hatte.

Solche Kleinigkeiten beschäftigen mich tatsächlich, ganz zu schweigen von den Dingen (bezogen auf Menschen), die mich tatsächlich interessieren, diese Dinge beschäftigen mich nämlich nahezu endlos.

Trotzdem stelle ich fast nie Fragen. Dabei ist es gar nicht so, dass ich keine Fragen hätte. Ich habe sogar sehr viele Fragen, an und über alles mögliche, wieder betreffend der Menschen oder Themen, die mich interessieren. Alles in allem platzt mein Kopf vor Fragen. Früher habe ich des Öfteren die Fragen direkt gestellt, die mir in den Sinn kamen. Das wurde mir aber irgendwie ausgetrieben. Stattdessen bin ich so gut in Recherche geworden, dass ich den Zweitnamen deines Hamsters kenne, den du dir in drei Jahren kaufst. Nur so als Beispiel. Trotzdem habe ich eine Menge Fragen, die ich nie gestellt habe bzw. nie stellen werde. Es ist auch mit Abstand der chaotischste Bereich in meinem Kopf. Eine spontane Frage davon könnte ich nicht stellen.

Sehr selten ergeben sich Situationen, die es mir erlauben, eine dazu passende Frage zu stellen, die dann zufällig eine der Fragen ist, die ich mir so oder so ähnlich ohnehin gestellt habe.

Was ich ebenfalls sehr gerne mache: Fragen stellen, wie bei einem Idiotentest. Noch seltener die Gelegenheit. Aber es ist sehr aufschlussreich, Fragen öfter zu stellen, anders zu stellen und die Antworten miteinander zu vergleichen. Ich glaube dabei nicht, dass ich bewusst angelogen werde, aber ich weiß, dass sich Emotionen und Erinnerungen gerne vermischen und ein Bild verfälschen. Daher ist es immer spannend, Antworten zu vergleichen. Darüber hinaus verschweigen einige Menschen ihre tiefen Empfindungen, spielen Empfindungen nur vor und/oder nichts davon passt zu den Aussagen oder Handlungen. Ich finde das sehr verwirrend. Ich komme mir also grundsätzlich verarscht vor. Es fühlt sich an, als könnte ich Menschen sehr detailliert lesen (ich wurde früher als „Gedankenleserin“ bezeichnet, es war beleidigend gemeint), andererseits kann ich kaum etwas davon bewusst entschlüsseln. Und das Ganze ergibt einen schweigsamen Superschurken mit einem gigantischen Fragenbrei.

Ich mag es jedoch, wenn mir Fragen gestellt werden. Denn welche Fragen sich mein Gegenüber stellen könnte, weiß ich fast nie. Nur bei meinem Partner sind diese inzwischen manchmal sehr vorhersehbar. 🙂 Die meisten Menschen kennen jedoch diese Grenze, nicht allzu direkte Fragen zu stellen. Ich erkenne keine Grenze, wenn sie mir nicht aufgezeigt wird, ebenfalls ein Grund, weshalb ich einfach keine der Fragen stelle. Der Vorteil, wenn mir Fragen gestellt werden ist der, dass ich diese oder eine ähnliche Frage zurückstellen könnte. Sofern sie mir spontan in den Sinn kommt…und eben nicht erst Monate oder Jahre später.

Autismus Erfahrung: 5 Fragen – von übergriffig bis cringe.

Ich bin bereits seit einigen Jahren auf diversen Plattformen mit Autismus Content und im Austausch unterwegs und konnte dadurch einige Erfahrungen sammeln zwecks Fragen, die mir gestellt werden. Fünf Fragen, die mir sehr häufig gestellt wurden/werden, möchte ich gern vorstellen und auch, wie ich damit umgehe, denn die ein oder andere ist recht übergriffig (oder ich empfinde es so).

Die beliebteste Frage, beinahe ausnahmslos von Herren gestellt, lautet: Kannst du Sex haben?

Diese Frage ist im Kontext zur Behinderung zu verstehen. Diese Frage wird mir von völlig fremden Menschen gestellt, oftmals ist es das erste, was ich von ihnen lese. Nicht mal ein „Hey“. Würden mir diese Menschen diese Frage auch stellen, wenn ich vor ihnen stünde? Vermutlich nicht. Diese Frage wird nicht immer exakt so gestellt, aber eben so und sehr ähnlich. Generell gilt: Schwachsinnige Frage, übergriffig und unangebracht. Jeder Mensch kann Sex haben, wenn er im Besitz seiner geistigen Kräfte ist und somit auf seine Art einwilligen kann. Demnach haben Koma-Patienten keinen Sex. Und wir haben, denke ich, alle eine Schule besucht. Sex/Intimität kann auf verschiedenste Arten stattfinden. Die Frage: „Wie kannst du Sex haben?“, ist genauso übergriffig. Diese Fragen stellt man niemandem einfach so aus dem Nichts heraus. Auch nicht online. Und das mit dem „Anonym“ ist ein Irrglaube.

Zur Häufigkeit: Diese Fragen bekomme ich an manchen Tagen mehrfach gestellt.

Nun, ich bin da im Grunde recht aufgeschlossen und mache meine Antwort von der Fragestellung abhängig. Ein guter Einstieg ist da, dass sich der Fragesteller (mindestens) bewusst darüber zeigt, wie Privat diese Frage ist. Um es mit den Worten jedes Anwalts (bzw. Anwältin) zu sagen: „Ein klares, es kommt drauf an“. 🙂

99% werden direkt geblockt. Das wäre auch mein guter Rat. Am besten immer blocken.

Wenn ich gut gelaunt bin, antworte ich irgendeinen Blödsinn. Einem habe ich mal geantwortet: „Nein, aufgrund der fehlerhaften Verdrahtung im Gehirn ist meine Vagina verschlossen.“ Daraufhin fragte er, ob er ein Foto davon bekommen könne. Na ja. Habe das dann seither nicht mehr geantwortet. Und natürlich geblockt. Manchmal gibt’s aber auf ne dumme Frage ne dumme Antwort (bevor ich blocke). 😉

Was mich daran am meisten schockiert: Diese „erwachsenen“ Männer stellen solche Fragen auf Plattformen, wo auch sehr Minderjährige aktiv sind.

Die zweite – sehr nervige Frage ist: „Was ist deine Inselbegabung?“

Nun, es gibt weltweit ca. 100-150 bestätigte Savant’s. Ich bin keiner davon. Hätte ja sein können, ich weiß. Wenn ich aber darüber nachdenke, dass auch viele andere Autisten diese Frage gestellt bekommen…suchen die Leute gezielt so jemanden? Warum? Was erhoffen sie sich dadurch? Einfach komplett sinnlos. Ich persönlich finde die Frage zudem noch übergriffiger, als die Frage nach dem Sex. Mein (passwortgeschützter) Beitrag zum Thema Hochbegabung war der unangenehmste, den ich je verfasst habe, ich denke, das merkt man vielleicht auch. Fühlte sich an wie nackt durch die volle Innenstadt laufen…multipliziert mit 10. Soll schon was heißen – bei mir. Ich mag dieses Thema gar nicht und rede nicht darüber. Weiß der/die Fragesteller/in natürlich nicht. Wird trotzdem wahlweise geblockt oder ignoriert.

Dritte Frage ist: „Kannst du alleine Wohnen?“

Okay, die Frage geht schon in Ordnung. Gewiss aber nicht für jede/n Autist:in, denn mir sind einige bekannt, die gerne möchten, aber nicht oder noch nicht können. Und das streut natürlich Salz in eine Wunde. Ich beantworte diese Frage aber in der Regel. Und auch die Folgefragen, ob ich einen gesetzlichen Betreuer habe oder brauche. Oder ob ich selbst Verträge unterschreiben darf. Diese Fragen sind halt wirklich sehr cringe. 😀 Verstehe aber die Neugier. Ich bin mein eigener Boss beantwortet die Frage, oder? 😉

Vierte Frage bzw. dies ist eine Aussage: „Reiß dich doch mal zusammen, mir geht’s manchmal genau so“.

Ob nun Behinderung oder chronisch Krank – Ständig hört man solche Aussagen (ganz oft auch von „Fach“-Personal“). Mein Mittelfinger antwortet inzwischen. Punkt. Diese Aussage ist nicht okay, sofern du nicht ganz genau so betroffen bist! Sie redet Probleme klein. Und allgemein: Wie darf man es recht machen? An einem guten Tag ist man nicht Behindert genug, an einem schlechten zu behindert. Na wie gesagt – Mittelfinger. Ich lasse mir schon lange nichts mehr gefallen. Nun, ich bin natürlich nicht wirklich so unhöflich (ok, manchmal doch, aber nur wenn ich weiß, dass der andere es auch wirklich sehen oder hören kann) Also nicht online. Aber ich breche Aufklärungsversuche schnell ab und ignoriere. Dafür ist mir meine Energie zu wertvoll.

Die letzte Frage: Wurdest du als Kind geimpft? Hast du es mal mit dieser oder jener Ernährung probiert?

Für die Beantwortung dieser Frage müsste ich besoffen sein. Ja, solche „Lebensretter“ (erinnert mich n bisschen an Euthanasie, aber egal) tauchen immer mal wieder auf. Besonders gern bei Eltern, die Unterstützung suchen für ihr autistisches Kind. Großen Bogen drum machen und ans qualifizierte Autismus-Zentrum wenden. Zum Beispiel. Autismus ist eine anerkannte Behinderung und man wird damit geboren. Manche „Lebensretter“ fühlen sich einfach nur so berufen, vielleicht aus eigener Erfahrung mit ihrem eigenen Kind..oh man.. Oder mit finanzieller Absicht. Es gibt kein Heilmittel für Autismus – und wenn es eines gäbe, würde ich es niemals verwenden. Lieber hab ich nen Knall, es ist meiner, und meine diversen Probleme, als nicht mehr ich zu sein. Ich kann mich oft nicht leiden, aber ich lieb mich sehr.

Autismus Erfahrung: erwünschte (affektive) Berührungen

Sowohl die funktionale (sozusagen eine notwendige) Berührung, als auch die affektive (eine emotionale) Berührung, werden im Allgemeinen als unangenehm empfunden. Jede Berührung bedeutet Stress aufgrund des Reizes und dem Problem der Reizfilterschwäche im autistischen Gehirn. In diesem Beitrag soll es vordergründig um die affektive Berührung gehen (aus meiner Erfahrung). Denn diese bringt nicht nur den Reiz der Berührung an sich mit, sondern auch die Emotionen einer oder mehrerer anderer Personen, zzgl. den eigenen.

Für mich sind diese Berührungen oft nur schwer zu ertragen. Sie lösen sowohl seelischen, als auch physischen Schmerz aus. Als Kind habe ich lange geschrien, mich versteckt oder bin ausgewichen. Aber als (unbekannt) autistisches Mädchen lernt man von seiner gesamten Umgebung, dass man nicht normal ist. Dies brachte mich weiter dazu, dass ich als Heranwachsende/junge Erwachsene auf (rückblickend betrachtet) sehr brutale Weise versucht habe, „normal“ zu sein/zu wirken, indem ich mich zu eben solchen Berührungen zwang. Menschen berühren, Berührungen zulassen. Es geht dabei nicht um Missbrauch, sondern um durchaus erwünschte Berührungen. Wenn ich darüber nachdenke, dann vermute ich, dass ich instinktiv versucht habe, affektive Berührungen in funktionale umzuwandeln. Hat natürlich nicht geklappt. Aus dieser Zeit habe ich lediglich gelernt, dass emotionale Berührungen niemals funktional (und gefühlskalt) sein sollten. Die zwischenzeitliche Gefühlstaubheit ist mir als ein willkommener Selbstschutz jedoch geblieben.

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, als mein Partner vor über sechs Jahren das erste mal meine Hand berührt hat. Ich meine, als erste Reaktion meine Hände weggezogen zu haben (korrigiere, wenn ich mich falsch erinnere :-)). Diese gewollte Berührung zog wie Stromschläge durch meinen gesamten Körper, ich zuckte innerlich (und vielleicht auch äußerlich) regelrecht zusammen. Es ist wie das schönste und schrecklichste Gefühl zugleich. Als wäre mein Körper in einen Nadelhaufen geworfen worden. Natürlich mochte ich ihn zu diesem Zeitpunkt bereits sehr. Zum Glück war er stets sehr Verständnisvoll und zeigte nötigen Respekt vor meinen Grenzen. Und vor allem Geduld. Bei unserem ersten Treffen, welches freundschaftlicher Natur war (obwohl ich ihn auch da schon mehr mochte), hatte ich kaum geredet. Er hat viel geredet, ich weiß jedoch nicht mehr worüber, denn ich war sehr mit meinen inneren Reizen überfordert. Nun, inzwischen bin ich ihm gegenüber überaus kommunikativ. 🙂 Und auch an seine Berührungen habe ich mich gewöhnt.

Trotzdem sind diese mit großem Stress verbunden. Und man kann es sich tatsächlich so vorstellen, dass er mich vor den meisten emotionalen Berührungen fragt, ob ich diese zulassen möchte und hört auf, wenn ich diese nicht mehr ertrage. (Hab halt echt den besten Mann der Welt, um mal eben anzugeben!)

Affektive Berührungen sind Teil der nonverbalen Kommunikation. Diese ist ohnehin für mich schwierig zu deuten. Und wenn dann auch noch die Berührung eines Menschen nicht zu seinen Emotionen passt, bin ich zusätzlich sehr verwirrt. Ja, so etwas kommt vor. Es gibt zum Beispiel Menschen, die Emotionen vortäuschen, um an ihre Ziele – in dem Fall emotionale Berührungen – zu kommen. Das kenne ich aus meiner Vergangenheit.

Unterm Strich kann man sagen, je emotionaler eine Berührung ist, desto intensiver nehme ich sie wahr/empfinde ich sie. Diese muss zusätzlich auf Ehrlichkeit/Vertrauen und sehr offener/direkter (verbaler) Kommunikation aufbauen.

Kommt es nun zu solch einer Berührung (in Form von Hände halten, einem Kuss oder einer Umarmung – darüber hinaus lasse ich hier außen vor), die von mir erwünscht ist, ist diese dennoch so extrem intensiv, dass ich sie nicht lange ertrage, Pausen brauche oder manchmal auch einfach den damit einhergehenden Schmerz genieße. Es hängt stark davon ab, wie vielen (und wie intensiven) Reizen ich davor bereits ausgesetzt war. An gewöhnlichen Tagen dauert so eine Berührung aber selten länger als wenige Sekunden.

Das genaue Gefühl ist sehr schwer zu beschreiben, da ich selbstverständlich keinen Vergleich zum nicht-autistischen Empfinden habe. Und nur aus Büchern kann man eben nicht alles lernen.

Darüber hinaus kommt es darauf an, wie diese Berührungen ausgeführt werden. Und auch meine Berührungen (die Intensität) sind manchmal nur schwer steuerbar. Man kann es sowohl scherzhaft verstehen, als aus ernst nehmen, dass ich andere Menschen schon aussehen lassen habe, als hätten sie mit einem riesigen Waschbär gekämpft. Liebe mit Gefühl, um es liebevoll wirken zu lassen. Besser ertragen kann ich sehr intensive/feste Berührungen. Sanft/zart triggert mich hingegen so sehr, dass ich umgehend zurückschrecke. Ich empfinde diese ohne Ausnahme als extrem unangenehm. Ich Vermute, dass dieses mit dem vegetativen Nervensystem zusammenhängt. Sehr festes umfassen des Körpers beruhigt dieses. (Zum Beispiel bei Angstzuständen). Ich habe natürlich keine Angst vor Berührung, dennoch durchlebt mein Körper diesen extremen Stresslevel. Wenn der Körper sehr fest umschlossen wird, beruhigt es also gleichzeitig auch. Ich nehme an, dass ich es deshalb allgemein als angenehmer empfinde.

Abschließend sei gesagt, dass das Ganze in jeder Minute und in jeder Situation sehr individuell zu betrachten ist. Eine vertrauensvolle, kommunikative Beziehung ist für mich (inzwischen) daher unabdingbar, um überhaupt emotionale Berührungen zulassen zu können. Ich verlasse mich auf die Reaktionen meines Körpers und akzeptiere diese und meine Grenzen. Das war ein langer Weg bis dahin, die „Reflexe“ nicht zu unterdrücken und (erwünschte) Berührungen nicht einfach geschehen zu lassen, aber er war etwas lehrreich.

Autismus Erfahrung: kleiner Ausflug zur Kommunikation

Eigentlich schreibe ich gerade an einem ganz anderen Thema, dieses Gedicht inspirierte mich jedoch zu einem kurzen Ausflug zum Thema Kommunikation.

Dazwischen...

Ich lese Wörter und verstehe, 
was ungesagt dazwischen steht, 
das was gemeint, nicht angesprochen, 
doch unverkennbar eingenäht.

Es ist mitunter klar ersichtlich, 
das andere dann wohl verdeckt, 
in der Metapher liegt die Wahrheit, 
egal wie gut sie sich versteckt.

Ich liebe Worte wie die Sprache, 
zum einen blumig, manchmal platt, 
die Höhen, Tiefen eines Ausdrucks, 
sie schauen wohl auf Dich herab...

© Maccabros 02./03.08.2022

Das ist so ziemlich die Antwort auf die Frage: Was ist das Problem (in der Kommunikation) zwischen Autist:innen und nicht-Autist:innen. Die Kommunikation von Autist:innen kann verbal und nonverbal sein, aber sie ist gewiss immer direkt. Wie immer bestätigen Ausnahmen die Regel, ich bin jedoch keine Ausnahme.

Die Frage, die ich mir grundsätzlich stelle ist, ergibt es Sinn, was ich sage, oder dass ich etwas sage? Bringt es mir oder der anderen Person einen Nutzen? Oder ist es Zeitverschwendung? Ich hasse Zeitverschwendung. Womöglich schadet es mir, etwas zu sagen? Wie/Was ist der langfristige Sinn?

Wenn ich also meine Frage mit einem begründeten ‚ja‘ beantworten kann, dann sage ich direkt, was ich sagen möchte. (Ich habe zwar auch Schwierigkeiten, richtige Worte zu finden und verliere mich daher oftmals in Erklärungen, dennoch meine ich das was ich sage.) Da steht nichts zwischen den Zeilen. Es gibt keinen Grund etwas anderes hineinzuinterpretieren. Auch dann nicht, wenn ich schweige. Denn wenn ich schweige, dann nur, weil ich diese Frage mit ’nein‘ beantwortet habe (Das kommt bei mir eher selten vor, meistens beschäftigen mich keine sinnlosen Gedanken). Sinn ergibt dann nur noch das, was ich eigentlich hätte sagen wollen, abzuhaken. Und ich verschwende keinen weiteren Gedanken daran.

Wenn ich etwas nicht sagen möchte, sage ich aber immerhin, dass ich etwas nicht sagen möchte.

Denn einen Sinn ergibt es ja bereits, wenn es mich, mein Empfinden oder was auch immer, erleichtert. Wenn ich jedoch dahingehend kein Bedürfnis habe, ist selbst der kleinste Sinn hinfällig. Mein Schweigen bedeutet also nichts. Man könnte auch sagen, dass mir Betreffendes egal ist.

Es steht nichts ungesagt dazwischen, es ist nur das gemeint, was gesagt wird/wurde. Nichts verdecktes. Keine Metaphern.

Niemand hat einen Nutzen davon, wenn Kommunikation schweigend oder durch eine Blume stattfindet.

Selbst wenn das ein oder andere Gesagte einen selbst, oder andere verletzt.

Ich bin jedoch bemüht, sensible Themen möglichst emphatisch zu besprechen. Mich jedoch in Euphemismen zu verlieren, habe ich nahezu komplett abgelegt. Eine Weile lang habe ich mich damit sehr intensiv beschäftigt. Bringt aber nichts.

Mir ist klar, dass nicht-Autisten sehr häufig so kommunizieren, wie im Gedicht beschrieben. Äußerst anstrengend. Ich tue mir selbst den Gefallen und verstehe ausschließlich das, was gesagt wurde. Ich lege zunächst meist nur wenig Bedeutung in die Worte und warte ab, ob sie der Wahrheit entsprechen (das offenbart sich meistens recht schnell). Und Schweigen hat für mich gar keine Bedeutung. Unterm Strich liegt in der Kommunikation viel Unwahrheit und viel Nichts. Es bleibt oft nervtötend und anstrengend.

Autismus Erfahrung: Schmerz (-Wahrnehmung)

Obwohl die Wahrnehmung in nahezu allen Bereichen erhöht ist (Stichpunkt: Reizfilterschwäche), ist die eigene Körperwahrnehmung oft gestört. So auch meine. Die Selbsteinschätzung ist da sehr schlecht. Ich bin da vergleichbar mit einer Katze: Schmerzen/Unwohlsein sind für die Besitzer oft erst dann erkennbar, wenn es der Katze extrem schlecht geht und selbst dann zeigen sich manchmal nur kleinste Verhaltensauffälligkeiten. So ist das bei mir. Wenn ich sage, dass es mir nicht gut geht, bin ich im Grunde schon scheintot. Bis dahin ist es eine Mischung aus nicht wahrnehmen, nicht zuordnen können, nicht wahrhaben wollen/ignorieren.

Ich versuche mich an sichtbaren/spürbaren zu orientieren. Abtasten, Vitalwerte, Hautveränderungen in Form von Rötung, Schwellung, etc, Veränderung bzgl. Ausscheidungen. Damit ich bei einem Arztbesuch mehr sagen kann als „durch den Körper wanderndes Unwohlsein mit Druckgefühlen, die auch Schmerz sein könnten“. Zumal ich Schmerz erst dann wahrnehme, wenn ich ihn quasi sehen kann.

Bei Autist:innen ist das sehr unterschiedlich. Manche sind sehr Schmerzempfindlich, andere reagieren kaum bis gar nicht auf Schmerzreize. Es gibt auch Autist:innen, die sogar beim Haareschneiden Schmerzen empfinden, obwohl das eigentlich aufgrund von nicht vorhandenen Schmerzrezeptoren nicht möglich ist. Trotzdem ist Schmerz generell ernstzunehmen! Ebenfalls braucht es einen sehr kompetenten Arzt, denn Symptome müssen oft explizit erfragt werden. In meinem Fall ist das nicht so. Ich bemühe mich, mit einem perfekt vorbereitetem Vortrag dort zu erscheinen. Ich bin eben sehr gern vorbereitet.

Abseits von diesem Thema hatte ich daher, so denke ich, auch den Ruf einer „Mutti“ in meiner ehemaligen Klasse an der Pflegeschule. Was immer jemand brauchte, es war in meiner Tasche. Und wenn es nicht da war, konnte ich es sehr schnell auftreiben. Es passiert also selten, dass ich in so spontane Situationen gerate/mich begebe, dass ich nicht für alle Eventualitäten gewappnet wäre.

Nun, so auch beim Arzt. Witzigerweise kommt da auch immer mein Bestreben auf, bei Prüfungen eine 1 zu erzielen. Ich versuche also so gesund wie möglich aufzutreten. Mein Arzt weiß das zum Glück und kann mich inzwischen sehr gut einschätzen. Mich, die Katze. 😉 Mein Benotungssystem ist halt etwas anders. Ne 1 ist okay, ne 2 ist ne 4 und ab einer 3 sind es nur noch 6en. Ich habe in der Pflegeschule ein mal ne 3 auf einer Klausur gehabt, das Thema war mir Latte, die Klausur auch, das Thema weiß ich aber noch und inzwischen würde es eine 1 geben. War mit mir selbst beschäftigt. Als mir die Dozentin diese aber mit den Worten „sehr gute Leistung“ wiedergegeben hatte, wollte ich ihr gern die Augen auskratzen. 😉 Zum Glück war das die einzige 3. (Wenn man mündlich benotete Gruppengespräche nicht mitzählt..)

Ich finde das deshalb so interessant, weil die Wahrnehmung durch äußere Reize so hoch ist, dass ich diese meist kaum ertrage und selbst gewollte Reize nur funktionieren, wenn ich meine natürliche Reaktion unterdrücke. (Vergleichbar (nicht gleichzusetzen!) mit dem unterdrücken von Tics bei Tourette, unfassbar anstrengend, auszehrend und ja, auch in gewisser Weise schmerzhaft). Bei diesem inneren Schmerz-Reiz diese Wahrnehmung aber auf ganzer Linie versagt. Wobei es mir bei bekannten Schmerzen deutlich leichter fällt, diese genau zu benennen. Klassisch zum Beispiel Unterleibschmerzen. Aber selbst da müssen die Schmerzen schon sehr stark sein, bevor ich diese kundtue.

Das könnte aber auch an meinem Partner liegen, welcher sich dann um mich „kümmern“ will. Nun, ich betüddel gern, aber ich werde nicht gern umsorgt. Mir reicht es, in mein Loch zu krabbeln und vor mich hin zu leiden. Und da mein Kreislauf schon eine ganze Weile nicht mehr so ganz da ist, werde ich das nun auch tun. Auf diesen Beitrag hatte ich dennoch Lust, oder einfach nur den Drang etwas zu schreiben.

Autismus Erfahrung: Skurrile Spezialinteressen

Ja, solche gibt es auch. Häufig werden sie nicht als solche erkannt, weil es ebenso eine Vorliebe sein kann. Bei Autist:innen kann das jedoch reichlich ausufern. Natürlich gibt es auch nicht-autistische Menschen mit Sammelleidenschaft. 🙂

Zum Beispiel eine Farbe. Jeder hat wohl so seine Lieblingsfarben. Sollte es sich aber um ein Spezialinteresse handeln, trägt nahezu alles diese Farbe. Dinge werden gekauft, weil sie in dieser Farbe sind. Die Wohnung, die Kleidung, selbst die Haare werden in diese eine Farbe getaucht. Vom Duschgel, über den Toaster, bis hin zur Bettwäsche und über den Löffel. Alles muss diese Farbe beinhalten.

Auch das Sammeln von Dingen, ob nun Figuren, Streichholzschachteln oder Nagellacke. Man kann schließlich alles sammeln, nicht nur sinnvolles/lehrreiches.

Bei mir waren es schon einige Dinge im Laufe meines Lebens. Zuletzt habe ich mich von meiner Glubschiesammlung getrennt. Sehr schweren Herzens, denn sie mussten, bis auf wenige Ausnahmen, allesamt im Bett aufgereiht sein. Nun, ich habe nen Partner. Es wär wohl komisch gewesen, den Kerl zu entfernen, um die Glubschiesammlung zu erweitern. Ich habe also einen auf erwachsen gemacht und die Tierchen verkauft. Das Blut aus meinem Herzen fließt noch immer. Aber, wie das so ist, es gibt sinnvolleres.

Meine Eulen sind aber noch in jeder Ecke meiner Wohnung aufzufinden, in allen möglichen Formen und Farben. Eigentlich müsste ich mal alle zusammensuchen, aufreihen und fotografieren. Vielleicht mache ich das mal nachträglich. Bin jedoch ganz glücklich, wenn sie an ihren Plätzen bleiben. Ich kaufe zwar nur noch selten neue, aber trennen kann ich mich auch nicht.

Ich liebe darüber hinaus Übertöpfe. Solche, die nicht aussehen wie alle anderen. Und statt Blumen freue ich mich riesig über einen weiteren Kaktus. Aber auch diese Sammlung ist überschaubar, weil es mir eben gefallen muss. Meistens bekomme ich diese Dinge geschenkt.

Eine Sache wäre da noch…Die ist offengestanden schon etwas peinlich. Trotzdem teile ich sie mal, eigentlich wollte ich das nicht. Nun, ich habe ein Stofftier. Eine Ente. Sie ist nicht nur ein Mittel der Kommunikation für mich, ich würde sie auch als Spezialinteresse bezeichnen. Dieses Tier hat inzwischen eine komplett eigene und extrem detaillierte Persönlichkeit und auch eine eigene Stimme. Selbstverständlich verstelle ich meine Stimme. Manchmal habe ich die Sorge, dass meine Stimme einfach so bleibt, so quietschig. Niemand würde mich noch ernst nehmen, so auf Helium. Für meine Arbeit ist sie allerdings praktisch. Wenn ein/e Bew. schlechte Laune hat, kann ich mit dieser Stimme die Stimmung direkt erhellen. 🙂

So etwas kommt bei Autist:innen häufiger vor, bzw. ist es mir schon häufig begegnet. Ja, es haben sich schon lange Gespräche ergeben, die die Stofftiere geführt haben.

Nun, da kann man jetzt denken, was man will. Garantiert bin ich aber irrer, als man es sich vorstellen kann. Dafür kann ich bei ner Wassermelone anklopfen, um den Reifegrad zu prüfen. Ha!

Nun, ich sammle auch noch andere (theoretisch sinnlose) Dinge, aber nicht viele und auch nicht allzu ausufernd. Ich bin wählerisch. 🙂

  • Als nächsten Beitrag würde ich gerne etwas über die Synästhesie (Link führt zum Wiki-Eintrag) schreiben. Ein paar wenige zusammengefasste Fakten, wie ich das gemerkt habe und was genau ich damit so machen kann (ich bin Synästhetikerin). Hat nichts mit Autismus zu tun, ist eher ein sinnloses Talent, trotzdem irgendwie spaßig. Dazu gerne mal eure (vor)Namen oder die Namen eurer Freunde etc. in die Kommentare schreiben. 🙂 Oder Lieblingsworte (Sprache egal), Zahlen (z.B. Geburtsdaten oder so) oder ein bestimmtes Lied. Das wäre ein wenig persönlicher. 🙂

Autismus Erfahrung: 5 Dinge, über die ich herausgefunden habe, dass sie nicht für jeden so ganz normal sind

  1. meine App-Icons nach 1. Farben, 2. alphabetisch und nach 3. Buchstabenanzahl sortieren, gar nicht so einfach, weil sich die Farben gelegentlich ändern, ich Apps hinzufüge oder lösche.
  2. Speisen vorzugsweise nach Konsistenz und Struktur, statt nach Geschmack auswählen. Ich mag weiches essen. Stückchen oder Körner mag ich gar nicht, die muss ich pürieren oder sehr gut verstecken/einweichen, wenn möglich. Meist umgehe ich solche Speisen jedoch.
  3. Alles mögliche berühren, oder eben nicht berühren, wenn ich bereits herausgefunden habe, dass es mir nicht gefällt. Ich mag am liebsten flauschiges, raues und kratziges.
  4. Mich mit „Kleinigkeiten“ gedanklich wochenlang, zum Teil jahrelang beschäftigen.
  5. In meine Interessen deutlich mehr Zeit investieren, als in Menschen. Für Menschen habe ich an guten Tagen vielleicht 10% meiner Zeit übrig.

Autismus Erfahrung: Hilfsmittel

Ich möchte über meine Erfahrung/mein Erleben, aber auch über ein paar Allgemeine Dinge schreiben. Auch wenn es mir gerade nicht möglich erscheint, wirklich alles in diesen Beitrag zu bekommen. Vermutlich denke ich gerade an die Hälfte nicht, aber der Beitrag ist ja nicht in Stein gemeißelt. 🙂

Aber nun zur Sache…

Die sensorischen Reize abzuschirmen gelingt mir in einem verhältnismäßig kleinen Ausmaß.

Die Umgebung muss so reizarm wie möglich gestaltet sein. Bzw. mit Dingen, die stimulieren.

  1. zum Beispiel bleiben Dinge an ihrem festen Platz (trotzdem muss ich relativ häufig etwas suchen)
  2. Einstellungen von Geräten müssen beibehalten oder immer auf die selbe Art verändert werden.
  3. Menschen sind auf die nötigsten zu reduzieren, am liebsten bin ich allein
  4. Umgebungsgeräusche sind ebenfalls auf ein Minimum zu reduzieren

Mein Kopfhörer ist mir da (zu Hause) eine große Hilfe, sehr oft höre ich über Stunden das selbe Lied, oder eine bestimmte Playlist.

Ausgehen ist kaum möglich, während 2G noch galt fand ich Kino aber wieder toll, alternativ Autokino. Aber mal eben spontan in ein Restaurant oder ein Cafe gehen, nein. Ich habe mich viele Jahre zu solchen Dingen gezwungen, das Ergebnis sind psychische Erkrankungen, die vermeidbar gewesen wären.

Draußen ist mir der Kopfhörer keine große Hilfe, denn die akustischen Reize damit auszublenden wirkt eher gefährlich. Durch die übrigen Reize kann ich schlechter sehen, besonders bei grellem Licht. Manchmal habe ich Situationen, in denen ich fast nichts mehr sehen kann, dadurch verliere ich die Orientierung. Besonders gefährlich ist das aufgrund von Straßenverkehr, da hatte ich bisher schon sehr oft sehr viel Glück. Dahingehend fühle ich mich aber sicherer, wenn ich akustische Reize wahrnehme, um entgegenkommende Autos wenigstens hören zu können (neben dem Fühlen der Vibration)
Eine Sonnenbrille wäre da eine Lösung, diese Veränderung mag ich jedoch gar nicht.

Gegen Berührungen kann lange/dicke Kleidung etwas helfen. Niemand mag gern von Unbekannten in Intimzonen berührt werden (neben den Geschlechtsorganen und dem Gesäß ist zum Beispiel auch das Gesicht eine Intimzone)

Für mich ist alles Intimzone, (ganz besonders Blickkontakt). Dagegen kann eine Warnweste helfen mit entsprechendem Aufdruck, nicht berührt werden zu wollen. Mir persönlich war das etwas zu viel, weshalb ich es mit einem Magnetbutton versucht habe. Der ist leider völlig sinnlos. Im Geschäft wurde ich daher schon des Öfteren für einen Ladendieb gehalten, weil ich ewig in der Gegend herumstehen muss, bis dort, wo ich hin möchte, keiner mehr steht.

Seit Corona ist ein kurzes Husten sehr effektiv. Selbstverständlich ohne die Hand (oder den Ellenbogen, mit dem sich die Menschen dann berühren) nicht vor den Mund halten. Die meisten Menschen springen instinktiv weg. Ein bisschen lustig ist es auch. Wenn man das nicht möchte kann man aber auch sagen „ich fühle mich so komisch, muss wohl mal nen Coronatest machen“. Sofern man sprechen kann, ist auch das hilfreich. Zu erwähnen, dass man Pflegekraft ist, war zu Beginn der Pandemie auch sehr effektiv.

Stimming welcher Art auch immer kann ebenfalls lindern.

Sehr verständnisvolle Bezugspersonen sind extrem wichtig für alle anfallenden Situationen.

Natürlich gibt es auch positive Berührungen (entweder von einem Menschen, den man mag, oder eine Berührung die notwendig ist, zum Beispiel medizinisch), welche jedoch ebenfalls eine unterschiedlich hohe Reizüberflutung nach sich ziehen. Wahrung der Grenzen und Respekt sind da sehr wichtig. Die Menschen kann man sich glücklicherweise oftmals aussuchen. Am leichtesten erklären kann ich das mit einem Beispiel. Auf eine gewünschte Umarmung folgt eine Ruhephase, manchmal von mehreren Stunden. Berührungen, auch positive, werden extrem intensiv wahrgenommen, oftmals fühlt es sich an wie Stromschläge, die durch den Körper preschen. Die Erschöpfung dürfte verständlich sein. Und so ist auch die zufällige Berührung im Bus, in der Stadt oder sonst wo, ein enorm großer Eingriff in den Körper.

Weiter zum Thema Schlaf. Um Unruhe zu vermeiden kann eine Gewichtsdecke helfen. Diese fördert die eigene Körperwahrnehmung und mindert Schlafstörungen. Sie wirkt sich auf die Muskeln, die Gelenke, etc. aus. Mir sagt sie nicht zu, habe bisher aber nie mit einer solchen geschlafen. Wäre ja auch wieder eine Veränderung, also schlecht. 😀 Trotzdem kann ich relativ gut schlafen und zwar mit Gronkh. Da lasse ich nen Livestream laufen. Die Stimme hat wohl etwas beruhigendes. (Als ich ihm das mal erzählt habe, hat er es als Kompliment aufgefasst) Darüber hinaus kann hochdosiertes Melatonin helfen (das ist verschreibungspflichtig), in geringeren Mengen jedoch auch als Tablette oder Tee in der Drogerie zu kaufen. Bevor man zu (Schlaf-)Medikamenten greift, lohnt es sich, dieses auszuprobieren.

Zum Thema Ernährung. Ich bin ein sehr schlechter Esser und ein noch schlechterer Trinker. (Aber Hauptsache bei der Arbeit gute Ratschläge diesbezüglich verteilen:D) Ach, nicht nur bei der Arbeit. Zu Hause/in meinem Umfeld auch. Aber da gibt es mehrere Hilfsmittel, auf diesen Ohren bin ich jedoch bisher taub, sprich – bei mir funktionieren diese Dinge nicht. Da die Wahrnehmung gestört ist, werden diese Dinge einfach vergessen. Ich habe es mal mit laminierten Karten Probiert (liegen aber nur in einer Schublade)..hier als Bild – wenn jemand Interesse daran hat, der möge mir schreiben, ich schicke sie gern kostenlos zu. Diese sind vor allem dazu da, um die Ernährung vielseitiger zu gestalten.

Auch der Handywecker oder eine Eieruhr bringen in diesem Fall nichts, kann aber generell eine Hilfe sein. Menschen, die mich sehr stark damit nerven können helfen zu trinken. Am meisten geholfen hat mir mein letzter Krankenhausaufenthalt. Meist spüre ich Durst erst in Form von Schwindel, in diesem Fall war es zu spät und ich bin ohnmächtig geworden. Da ich mich gleichzeitig auch verletzt habe, bin ich ins Krankenhaus, was im Allgemeinen ein etwas traumatisches Erlebnis war. (Die Ärztin war aber sehr lieb und einfühlsam, sie schien sich etwas im Umgang mit Autisten auszukennen) Auch Notizzettel oder Erinnerungskarten können helfen.

Meine Ernährung ist weiterhin sehr einseitig (was natürlich super gut zur veganen Ernährung passt – nicht) Wobei sich das seit der Ernährungsumstellung stark gebessert hat. Da habe ich es mit meinem Insta Account versucht, um da jedoch der großen Eintönigkeit zu entgehen, zeige ich einfach nicht alles, was ich esse. Und das ich immer die selben Gewürze verwende, lasse ich ebenfalls außen vor. 😉 Trotzdem hat mir der Austausch dort etwas geholfen, manchmal etwas neues zu probieren. Hilfreich finde ich (Ernährungsform egal), sich an Nährstoffen zu orientieren, diese zu dokumentieren. An guten Tagen erreiche ich da das meiste. In der Küche allgemein hilft mir eine Abschaltautomatik an Backofen und Herd.

Der Hai aus Findet Nemo würde sagen: Der Klassiker, Verdrängung 😀

Planung ist das halbe Leben (manchmal lebe ich in der anderen Hälfte und erhalte die Quittung dafür)

Zur Einhaltung von Routinen, die elementar für einen möglichst guten Tag sind, ist der Wecker bzw. ein Timer eine große Hilfe. Ich habe über 150 eingestellte Weckzeiten, die ich aber nur nach Bedarf nutze. Meistens weiß ich nicht, wie spät es ist, oder welchen Tag wir haben. Trotzdem freue ich mich, wenn ich beinahe täglich auf die Uhr schaue, die dann meinen Geburtstag anzeigt (obwohl ich meinen Geburtstag an sich gar nicht mag. Das ich mir in dem betreffenden Monat den ganzen Monat Urlaub genommen habe, ist Beweisstück A). Eine bestimmte Abfolge von Musik kann helfen, Zeiten einzuschätzen.
Weiterhin hilft es, wenn man sein Umfeld an seine Routinen anpasst. Falls das nicht möglich ist, dann eben umgekehrt. Ein simpler Tagesplan kann ebenfalls helfen, die Struktur beizubehalten. In Form von Worten und/oder Piktogrammen. Präzise Absprachen können hilfreich sein.

Wenn man zum Beispiel auf ein Paket oder einen Besucher wartet, welcher um 15 Uhr eintreffen soll, dann wartet ein Autist schon drei Stunden vorher am Fenster und gedanklich bereits mehrere Tage. Abweichungen führen zu noch größerer Unruhe. Dieses Problem habe ich, da wo ich wohne, nicht mehr, der Concierge fängt 24/7 alles ab.

Zum Abschluss reihe ich noch ein Paar Hilfen auf.
– Falls Probleme beim Telefonieren bestehen: Es ist nicht schlimm, einen Anruf nicht anzunehmen. Ein kleines „Drehbuch“ mit allen Eventualitäten schafft Abhilfe, dann kann man zurückrufen. Ich habe mir da angewöhnt, ganze Sätze aufzuschreiben und abzulesen. Manchen reichen Stichpunkte.
– Außenstehende aufklären. Selbst im Job kann das hilfreich sein und ich werde nicht weniger qualifiziert behandelt aufgrund meiner Behinderung. Im schlimmsten Fall schützt das vor einem autistischen Burnout. (dazu mache ich gewiss auch noch einen Beitrag)
– Draußen kann es helfen, Schritte oder andere Dinge zu zählen.
– Vibrierendes Kissen (ähnliche Wirkung wie die Gewichtsdecke)
– Behindertenausweis/Nachteilausgleich
– Auch Medikamente/Psychopharmaka können helfen. Dabei ist unbedingt zu berücksichtigen, sich an einen Arzt/Ärztin zu wenden, der sich sehr gut mit Autismus auskennt. Medikamente können intensiver oder weniger intensiv als gewöhnlich wirken. Zuvor ggf. Baldrian ausprobieren.
– Spezielle Autismus-Therapie, bezogen auf spät-diagnostizierte. Autismus-Zentren gibt es in sehr vielen Städten und die ein oder anderen helfen sogar per Insta, wie ich erfahren konnte. (Abstand nehmen von ABA)
– Trigger (die zu einem Meltdown führen) vermeiden.
– Kommunikation – nicht immer klappt das verbal. Mir helfen Stofftiere, aber auch Bildkarten, spezielle Handzeichen können helfen.
– Wenn Kopfhörer keine Option sind (weil Musik evtl. überfordernd wirkt), können auch normale Ohrstöpsel helfen, die gibt’s in zahlreichen Ausführungen.
– Ein Assistenzhund (wird leider oft nicht übernommen, wenn keine Epilepsie besteht, trotzdem einen versuch wert) Mir helfen oft meine flauschigen Katzen 🙂
– Stimming Toys hier und da verteilen und Rückzugsmöglichkeiten schaffen bzw. einfordern.

Ergänzt gern in den Kommentaren, was euch so hilft.

PS: Manche (offizielle) Hilfsmittel können von der KK übernommen werden.

Autismus Erfahrung: Google Suchanfragen

Ich beantworte (aus meiner Erfahrung) Google Suchanfragen, die mir angezeigt werden, wenn ich das nachfolgend Dick-Gedruckte in die Suchleiste eingebe. Finde das recht amüsant 🙂

Können Autisten
…lieben: Ja, sehr viel und unterschiedlich.
…lügen: Ja, wenn es der eigenen Logik entspricht, meistens ist es aber sinnlos.
…weinen: Selbstverständlich. Weniger aus Trauer, meistens bei Ungerechtigkeit/Unfairness, Wut.
…lachen: Ja, das antrainierte nervige grinsen, aber auch echtes Lachen aufgrund von Freude oder einem Witz.
…sprechen: Generell, ja. Situativ, schlecht.
…Gefühle erkennen: wenn ich die Person sehr gut kenne oft. Manchmal aber nicht.
…sprechen lernen: Ja.
…alleine leben: Ja.
…eine Beziehung führen: Ja.

Haben Autisten
…Gefühle: Ne Menge.
…Mitgefühl: Wenn es angebracht ist und ich ein Gefühl nachempfinden kann.
…sexuelle Bedürfnisse: Ja. Hat jeder Mensch auf individuelle Weise – bis zum tot.
…Angst: Vor Spinnen sehr heftig zum Beispiel.
…Empathie: Im Beruf ja, privat könnte ich evtl. manchmal hölzern oder gar verletzend sein, wenn ich Gefühle nicht erkenne. Das ist dann das Salz, welches man sprichwörtlich in die Wunde streut.
…Freunde: Ich nicht, habe aber auch nicht wirklich das Bedürfnis. Würde mich eh nicht so drum kümmern, wie es evtl. erforderlich wäre.
…Zwänge: Wenn damit eine Zwangsstörung gemeint ist: Nein.
…Fantasie: Ja.
…ein Gewissen: Das schlechte Gewissen habe ich oft.
…eine geringere Lebenserwartung: Aufgrund von Stress möglich.

Wollen Autisten
…Freunde: s.o.
Warum … nicht angefasst werden: Aufgrund des Reizes. Manchmal ist dieser Reiz jedoch erwünscht. Das sage ich in dem Fall.
…sprechen: Ja.
…Kinder: Ich ließe mit mir sprechen. Mein Wunsch ist es jedoch nicht.

Merken Autisten
…dass sie anders sind: Ja, das hat man mich deutlich spüren lassen.

Sind Autisten
…schlau: auf meinen Interessengebieten ja. Allgemeinbildung nicht so. Ich habe eine sehr schnelle Auffassungsgabe und häufig eine sehr gute Merkfähigkeit. Der IQ sagt nichts über tatsächliche Intelligenz aus.
…behindert: Ja, Autismus ist eine Behinderung.
…intelligent: s.o.
…hochbegabt: Unter allen Autist:innen ist alles dabei.
…egoistisch: Manchmal ja.
…schüchtern: Sobald ich eine Person gut kenne nicht.
…geistig Behindert: das kann zusätzlich vorhanden sein, ja. Bei mir nicht.
…vergesslich: Abgesehen von meiner dissoziativen Amnesie gar nicht. Da fehlen mir ein paar Begebenheiten aus einem Zeitraum von ca. 5 Jahren. Diese kommen nur langsam wieder zurück und mittlerweile habe ich mich damit abgefunden. Ich suche jedoch mindestens ein mal am Tag mein Handy und darf dann oftmals die ganze Wohnung danach absuchen.

Müssen Autisten
…arbeiten: Ja, hab noch keinen gefunden, der das für mich tut. 😉 Ich gehe aber gern arbeiten, weil es Unabhängigkeit ermöglicht. Auf diese Möglichkeit lege ich größten Wert.
…Medikamente nehmen: Wenn ich krank bin, selten. Habe genug Psychopharmaka gefuttert, davon halte ich ganz weiten Abstand.
…Mundschutz tragen: Ja, am Anfang ist mir das sehr schwer gefallen. Zum einen wegen dem Reiz in meinem Gesicht. Aber auch, weil sich nicht alle an die Pflichten gehalten haben. Das hat mich oft aus der Bahn geworfen. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt.

Machen Autisten
…Geräusche: Welcher Art? Generell, ja.

Wenn ihr spezifische Fragen habt, lasst mir diese gern per Mail (oder Insta) zukommen. Falls sich die Gelegenheit eröffnet, würde ich dazu einen Beitrag erstellen. Es gibt keine unerlaubten Fragen.

Autismus Erfahrung: Von Liebe und Partnerschaft

Die meisten Autist:innen wünschen sich eine Partnerschaft, so wie sich auch die meisten anderen nicht-autistischen Menschen eine Partnerschaft wünschen. Der eine früher, der andere später, die einen Monogam, andere sind da aufgeschlossener. Partnerschaft ist also auch unter oder mit Autist:innen individuell, wie bei jedem anderen Menschen.

Die Schwierigkeit, eine:n Partner:in zu finden, besteht zunächst in der Kommunikation. Ich hatte bereits ein paar mehrjährige Partnerschaften und kann bei keiner genau sagen, wie diese überhaupt zustande gekommen sind. Gelegentlich scheint da das bekannte Fremdsprachenproblem kein großes Problem zu sein. Ich habe jedenfalls keine Ahnung, wie eine Kommunikation stattfindet, wenn es gezielt um die Partnersuche geht. Und was ist überhaupt Liebe?! Liebe ist für mich (meine Wahrnehmung) ein sehr schwaches Wort, obwohl ich es in meiner Schreiberei häufig verwende. Das ist aber etwas anderes. Aber das sollte ich wohl erklären.

Mit Liebe werfen Menschen um sich und oft wird es auch dazu verwendet, Menschen zu bewegen. Ich bewege mich aber lieber selbst. Liebe soll in der Theorie bedingungslos sein, ist aber oftmals mit Gegenleistungen verbunden. Für ein „ich liebe dich“ gibt es einen Kuss. Und dann ist da noch dieses „für immer und ewig“, welches eine Dauer von wenigen Stunden bis zum tot umfassen kann. Liebe ist ein so großes Wort, dass es geradezu danach schreit, ausgenutzt zu werden. Sage ich jemandem, dass ich ihn liebe, bekomme ich dafür dieses oder jenes. Ich sage nicht, dass das immer so ist, aber für mich gibt es passendere Bezeichnungen, jemandem meine Zuneigung auszudrücken.

„Du nervst zwar meistens, aber nicht so sehr wie alle anderen.“ – Wer würde so einen Satz verwenden, um zu lügen? Kann mir nicht vorstellen, dass der Satz empfohlen wird, um anderen Liebe zu zeigen bzw. diese vorzutäuschen, um irgendwelche ominösen Ziele zu verfolgen. „Ich mag dich“, finde ich auch noch gut. Nicht so gut wie den anderen Satz, aber besser als „ich liebe dich“. Außerdem ist er vielseitig nutzbar. Man kann ihn sagen, ohne sich selbst zu sehr zu offenbaren. Aber eben doch, um eine allgemeine Zuneigung auszudrücken, welche nicht auf einer Gegenleistung beruhen muss. Ich mag zum Beispiel auch sehr gern Aufläufe – man sieht es mir an. Könnte jeden Tag Brokkoliauflauf essen – ok, Brokkoli liebe ich wohl. 😀

„Ich liebe dich“, ist oft an Bedingungen geknüpft. Und diese Bedingungen gefallen mir gar nicht. Entweder wird man ausgenutzt, oder man wird eingesperrt (überspitzt dargestellt). Und plötzlich ist man nicht mehr nur ich, sondern ein wir. Da ich aber bereits Beziehungen hatte, war ich natürlich schon des Öfteren ein „wir“. Aber besonders angenehm finde ich das nicht. Dieses „wir“ besteht dann aus Zusammenlegungen und Kompromissen – und Gegenleistungen. Die wenigsten Menschen rechnen bewusst so, das ist mir klar. Und eine Beziehung kann sehr schön sein, auch das ist mir klar. Menschen, die sich in einer rundum glücklichen Beziehung befinden, arbeiten gewiss auch gern daran, dass diese Beziehung glücklich bleibt. (Ich hingegen frage mich, wo bei all der Arbeit der Lohn bleibt – bitte sagt nicht, dass der Lohn die Liebe ist, die ich dann zurückbekomme…so als Gegenleistung). Sollte das Ganze aber länger halten, wird daraus sogar eine Verpflichtung. Puuh. Das ist mir beim schreiben schon zu anstrengend.

Bevor ich aber nun zur negativ-Nase werde, spinne ich dieses Beziehungs-Dings mal weiter, obwohl man mich nun für Beziehungsunfähig halten könnte (wäre nicht schlimm, ich sehe mich selbst so – im Bezug auf diese normalen Beziehungen)

Nehme ich mal also mal an, dass diese anfänglichen Kommunikationsschwierigkeiten vor einer Beziehung irgendwie umgangen werden und es dann in eine Beziehung übergeht. Da bleibt dann dieses Problem weiter bestehen und als Bonus gibt es weitere Schwierigkeiten obendrauf. Kurz und Knapp würde ich aber sagen, dass es keine bzw. weniger Schwierigkeiten gäbe, wenn ich weiterhin so leben könnte, wie eine alleinstehende Person. Aber so läuft das nun mal nicht (warum nicht, ist mir schleierhaft – Steuererleichterung ist ja wohl kein Argument mehr).

  • Diese Schwierigkeiten fangen schon beim schlafen an: der/die Partner:in will kuscheln, will daneben liegen, schnarcht, atmet, schwitzt, ist warm oder kalt, bewegt sich, steht auf, usw. Das alles sind Reize, die natürlich auch während man als Autist:in schläft (oder versucht zu schlafen), ungefiltert eindringen, nebst den anderen Reizen wie Sturm, eine anders blubbernde Heizung/also ungewohnte/untypische Geräusche, die Party beim Nachbarn, etc. Die Qualität des Schlafes ist gestört.
  • Weiter geht es mit den Routinen – diese müssen in Kompromissen angepasst werden, manchmal sogar ausgelassen werden, sie sind durch die Anwesenheit ggf. gestört. Und im Grunde ist dann der ganze Tag im Eimer für einen autistischen Menschen.
  • Berührungen und Zuwendung: In einer Beziehung ganz normal und individuell. In einer Beziehung mit einer autistischen Person anders und auch individuell. Der eine Autist mag mehr, der andere weniger. Zu erkennen, was und wann der/die Partner:in etwas davon braucht, ist oftmals ausgeschlossen (zumindest bei mir, ich erkenne es nicht). Direkte, offene Kommunikation ist unabdingbar für die Dinge, die normalerweise intuitiv passieren. Berührungen finden bestenfalls nicht einfach so statt, sondern nach vorheriger Absprache.
  • Die gemeinsame Bleibe: manche Dinge müssen so passieren, aussehen oder irgendwo einen festen Platz haben, das ergibt für den Partner nicht immer Sinn. Ja, selbstverständlich haben auch nicht-autistische Menschen solcherlei Marotten, dennoch ist das nicht das Selbe! Für mich endet es in totaler Reizüberflutung, wenn Dinge (z.B.) an meinem Schreibtisch, einfach bewegt oder gar entfernt werden. Selbst wenn es nur eine leere Flasche ist. Das ganze ist unsagbar anstrengend und muss auch wieder durch Stimming kompensiert werden. Darüber hinaus verstärkt das mein Verlangen nach Rückzug.
  • Womit man beim nächsten wäre, dem Rückzug. Davon brauchen autistische Menschen in der Regel sehr viel, manchmal so viel, dass es für einen nicht-autistischen Partner zu viel ist. Womit dann die Bedürfnisse des anderen zu kurz kommen. Nehmen wir aber an, der Partner kommuniziert seine Bedürfnisse klar – und als Autistin gehe ich den Kompromiss ein, dann bedeutet auch das wieder erhöhter Stress.
  • Weiter geht es mir gängigen/alltäglichen Dingen wie das TV-Programm, die Ernährung, der Urlaub, usw. Autist:innen halten sich in der Regel an Bekanntes und lassen sich im Vergleich selten auf Neues ein. Sollte also Kochen nicht gerade ein Spezialinteresse sein, wie fändest du es dann, ständig die Selben Nahrungsmittel zu essen, die auch immer gleich schmecken, aufgrund von den selben verwendeten Gewürzen? Und macht es dir etwas aus, eine Serie zum zwanzigsten mal zu schauen? Und sofern Urlaub möglich ist, würden dir dann immer die selben Orte gefallen? Ich glaube das Problem ist klar.
  • Und bei Familienfeiern, geplanten/ungeplanten Geschenken geht es weiter.

Das ist wieder so eine Liste, die ewig weitergehen könnte, aber da der Beitrag sich nun schon zwei Din-A 4 Seiten nähert (nach Möglichkeit gehe ich nicht über diese zwei hinaus), gehe ich weiter.

Also angenommen diese/r nicht-autistische Partner:in hat mit all diesen Dingen kein Problem. Wie sieht das in der Praxis langfristig aus? Nun, entweder ist der/die Partner:in sehr verständnisvoll und stellt ggf. manchmal die eigenen Bedürfnisse hinten an (so wie es auch die/der autistische Partner:in tun müsste – das ist dann der Kompromiss), oder die Beziehung wird nicht lange halten. Oder der/die Partnerin ist ähnlich gestrickt, oder möchte gar keine gemeinsame Behausung. Das würde Probleme minimieren. Oder beide Partner sind autistisch und können sich dementsprechend leichter verständigen.

Dazu sei gesagt, dass Autist:innen in der Regel sehr loyal sind. Wenn ich zum Beispiel jemanden mag und diese Person nie schlecht zu mir war, mag ich diese Person selbst dann noch, wenn schon Jahrelang kein Kontakt mehr besteht. Was mich noch mal auf das Thema Liebe und mögen/nicht nerven zurückbringt. Jemanden zu mögen hat für mich mehr Gewicht, weil das eher Bedingungslos ist. Ich bin nicht sicher, ob ich das gut erklärt habe. Mir ist also egal, ob ich das selbe Gefühl zurückerhalte. Wenn man es aber zurückerhält, kann man eher davon ausgehen, dass es ehrlich gemeint ist. Und da ich generell Probleme damit habe, Menschen einzuschätzen, ist mir das so lieber. Außerdem lasse ich Menschen nur ungern in meine Gefühlswelt schauen (sagt die, die Gedichte schreibt). Mögen kann so alles sein, von ok bis super toll. Aber das ist dabei gar nicht wichtig – weil es ohnehin bedingungslos ist. Liebe aber muss supergroß sein. Das erwartet man im Normalfall. Dazu habe ich das Wort Liebe aber schon zu oft als Lüge gesehen (nein, ich war nicht persönlich betroffen).

Menschen sprechen oft von Liebe und zeigen dann, dass sie es nicht so meinten. Nicht so, wie es gemeint sein sollte. Das Wort Liebe wird zu leichtfertig benutzt. Das stört mich daran.

Wenn Interesse daran besteht, kann ich gesondert auch noch das Thema Autismus und Sex/Sexualität erläutern. Dazu gibt es ein paar allgemeine Informationen, die jeder googeln kann, aber da steht meiner Meinung nach eine Menge Blödsinn, wenn ich meine eigenen Erfahrungen betrachte und jene anderer Autist:innen, mit denen ich mich über die Jahre ausgetauscht habe. Da dieses Thema aber bei vielen Menschen ein Tabu-Thema ist, würde ich das nur machen, wenn es gewünscht wird. Für mich ist das ein Thema wie jedes Andere.

EDIT: So im Nachhinein fällt mir auf, dass ich das ganze möglicherweise etwas madig geredet habe. Ein Fakt ist aber, das trotz alle dem, so eine Beziehung sehr aufregend und erfüllend sein kann. 🙂 Autismus sollte also dahingehend niemanden abschrecken. Wenn man sich sehr gut verständigen kann, ist alles halb so wild. 🙂

Autismus Erfahrung: Stimming

Eines meiner Lieblingsthemen, wohl weil es mich den ganzen Tag begleitet – manchmal merke ich es gar nicht, weil es unbewusst passiert. Vorweg sei gesagt, jeder Mensch, der (Dis-/Eu-) Stress empfindet, betreibt Stimming. Wer hat nicht schon mal das Etikett einer Flasche abgefummelt oder mit den Fingerspitzen auf dem Tisch herumgeklackert? Vielleicht auch mit den Beinen gewippt oder auf der Unterlippe herumgeknabbert. Das (und Ähnliches) sind normale Reaktionen auf eine Art Stress (Aufregung, Nervosität, etc.) Bei Autist:innen ist es etwas anders.

Das Thema Reizüberflutung kam bereits des Öfteren zur Sprache, jedoch noch nicht in einem gesonderten Beitrag. Das sollte ich bei Zeiten nachholen. Nun, es kam dennoch sehr häufig in anderen Beiträgen vor, weil die Reizüberflutung ein zentrales Problem bei Autismus darstellt. Die Frage dabei ist, wie wird das kompensiert? Und da kommt das Stimming ins Spiel.

Stimming ist so individuell unter Autist:innen, wie die Menschen selbst. Sprich: da hat jeder so seine Vorlieben und Gewohnheiten, bzw. Erprobtes.

Was ist Stimming für Autist:innen? Autist:innen stehen nicht immer, aber die meiste Zeit unter Stress aufgrund von permanenten Reizen, welche ungefiltert eindringen. Von meiner Seite aus kann ich sagen, dass das für mich normal ist – kenne mich ja nicht anders. Ich stehe also nicht den ganzen Tag da und denke „was hab ich wieder Stress“. Das sage ich höchstens dann, wenn mein Stresslevel ungewöhnlich und auffallend hoch ist. Ich kann also sehr lange gelassen sein, oder zumindest so wirken. Das war natürlich nicht immer so, ich denke das bringt die Lebenserfahrung und die Erfahrung, mit sich selbst. Aber zurück: Stimming ist selbst stimulierendes Verhalten.

Klassisch motorische Handlungen wie das Hin- und Herschaukeln, das Händeflattern (ganz oft bei Freude), verschiedenes lautieren, schaukeln in Embryonalstellung. Manche berichten davon, manchmal dabei in einer Art Trance zu sein.

Die verschiedenen Arten von Stimming finden über die Sinnesorgane statt. Also sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken und auch das Gleichgewicht. Dazu wenige Beispiele, die Auswahl ist da sehr breit gefächert.

Visuell:

  • Objekte anstarren (Kennt ihr diese kleinentanzenden Solar-Wackel-Figuren? Hab so ne Eule auf meinem Schreibtisch stehen, die finde ich sehr toll.)
  • Licht an und aus schalten (gleichzeitig Akustisch – klicken)
  • Handbewegungen/Zittern/Finger bewegen beobachten
  • Schatten, Bilder, Lichtpunkte,
  • Sekundenzeiger verfolgen
  • etc.

Akustisch:

  • Geräusche (selbst erzeugte wie summen, brummen, knurren, etc. oder bestimmte Musik, Klänge)
  • Klopf und Klick Geräusche
  • wiederholen von Sprache – Gedichte, Songtexte, Film/Serie (sehr häufig höre ich stundenlang den selben Song)

Taktil:

  • Dinge berühren (bestimmte Stoffe, das Haustier, in der Natur Gras/Bäume, etc.)
  • mit den Fingern tippen
  • kratzen (hätte gern nen Kratzbaum in Menschengröße)
  • monotone Handbewegungen

Geruchs- und Geschmackssinn:

  • an verschiedenen Dingen/Personen riechen (könnte halt alles mögliche sein) ich dachte lange Zeit, dass es normal ist, Streichhölzer anzuzünden, nur um die Flamme dann auszupusten, um zu schnüffeln. 😀
  • Dinge in den Mund stecken
  • lecken, trinken oder essen, Zähne putzen

Vestibulär:

  • wippen
  • auf einem Bein stehen oder hocken
  • schaukeln
  • drehen (dazu habe ich eine sehr lustige Geschichte aus meiner Kindheit, darin komme ich, eine Barbie und eine Öl-Duftkerze vor)

Ich persönlich betreibe Stimming sehr viel über meine Finger (taktil, visuell, akustisch)

  • malen (nicht immer mit Sinn, einfach nur so kritzeln, weil der glitzernde Edding zum Beispiel gefällt, (auch riecht), das kratzige Geräusch.
  • Zettel zerreißen, in immer kleinere Stückchen
  • Musik hören (sehr oft eine bestimmte Playlist, oder über Stunden den selben Song)
  • an knisternden Dingen herumspielen
  • und vieles mehr, je nachdem was sich um mich herum befindet
  • uvm.

Das Händeflattern mache ich auch manchmal, oder mit den Handflächen auf die Oberschenkel klatschen, allgemein Händeklatschen. Wippen mit dem ganzen Körper oder mit den Beinen, im Bett liegend hin und her schaukeln, usw.

Wenn ich nicht allein bin, unterdrücke ich diese Dinge manchmal, das eine mehr, das andere weniger. Das konnte ich bisher nur schlecht ablegen, weshalb ich meinen Stresslevel dann schlechter regulieren kann.

Auch in der Schule ist mir das sehr schwer gefallen, ich litt quasi unter ständigen Kopfschmerzen. Still sitzen war ne Pflichtübung. Die Geräuschkulisse, die ich von ca. dreißig weiteren Schüler:innen im Rücken hatte, war aber offenbar ok. 😉 War keine leichte Zeit.

Autismus Erfahrung: Kommunikation

Zur Kommunikation gibt es wahnsinnig viel zu sagen. Ich finde, darin unterscheiden sich Autist:innen mit am häufigsten – von nicht sprechen bis hin zu viel sprechen, oder eben non-verbale Kommunikation ist alles dabei. Nur gar nicht kommunizieren geht nicht 🙂

Einen gemeinsamen Nenner kann ich jedoch spontan nennen – die direkte Kommunikation. Oder im Fall von dem Vier-Seiten-Modell (von Friedemann Schulz von Thun) die Sachebene. Wenn sich zwei Autist:innen miteinander unterhalten, kommen dementsprechend kaum Probleme auf, sofern sie sich, wie in der Regel zu erwarten, auf der Sachebene unterhalten. Neurotypische Menschen (NT’s) sprechen – und und vor allem verstehen – meist auf den übrigen drei Ebenen (Selbstauskunft, Appell, Beziehungsebene).

Ich versuche ein kleines Beispiel, die Erklärung fällt mir jedoch schwer.

Ich gehe mit einem NT an einem Blumenladen vorbei und sehe Blumen, die ich schön finde.

Ich sage: Die Blumen sind schön.

Und dies meine ich nur auf der Sachebene, davon ist generell auszugehen.

Ein NT versteht ggf.:

Die Sachebene „Die Blumen sind schön.“

Der Appell „Schenke mir die Blumen!“

Die Beziehungsebene „Du schenkst mir zu selten Blumen“

Die Selbstauskunft: „Ich bekomme selten Blumen“

Der NT geht los und kauft die Blumen, möglicherweise sogar genervt oder mit einem schlechten Gewissen?!

Ich bin sehr unsicher, ob das so korrekt ist. Aber es dürfte klar sein, was gemeint ist. Fachkundige unter euch dürfen aber gern korrigieren.

Wie liefe die Kommunikation besser ab? Nun, ganz einfach. Die Sachebene ist generell anzunehmen. Wollte ich also die Blumen, die mir gefallen, haben wollen, dann würde ich sagen „Ich kaufe mir diese Blumen“ – auch das ist wieder über die verschiedenen Kanäle zu verstehen. Oder ich sage/frage „möchtest du mir gern diese Blumen schenken?“ – und wieder, es kann anders verstanden werden. Unterm Strich meint ein:e Autist:in ganz einfach nur das, was sie/er sagt – und nichts anderes.

Wobei auch da – Sarkasmus und Ironie kann durchaus antrainiert sein – es bleibt spannend. 🙂

Als Nächstes hätten wir Redewendungen – das ein oder andere habe ich mir antrainiert, Sinn ergibt es jedoch oft nicht. Wieder ein Beispiel: „Der Fisch stinkt vom Kopf her“. Damit ist gemeint, dass die Führungsperson, zum Beispiel einer Firma nicht gut ist und daher das Unternehmen nicht gut funktioniert. Na, und warum sagt man das dann nicht? So genau weiß ich das nicht, ich vermute aber, dass es einfach nicht so ehrlich/böse?/direkt klingt. Aber wäre mit Ehrlichkeit nicht jedem mehr geholfen, als die Miesere hinter einem Sprichwort zu verstecken?!

Andererseits verwende ich mache sogar selbst – habe sie mir angewöhnt. Jacke wie Hose, Die Katze im Sack, Durch die Blume sagen, etc. Wenn ich jedoch darüber nachdenke, folgt auf eine Redewendung immer die Erklärung meinerseits. Und woher kommt eigentlich „Butter bei die Fische?“, das verwende ich des Öfteren – schaue gleich mal nach. Wikipedia klärt auf. 😀

Nun geht es weiter zu Kommunikationsschwierigkeiten – dabei kann ich nur von mir Sprechen. Denn dabei sind Autist:innen sehr unterschiedlich. Die einen sind, wie oben genannt, nonverbal, andere Plaudern sich die Seele aus dem Leib. Ich würde sagen, dass ich zu beiden Seiten gehöre. Bei Menschen, die ich sehr gut kenne/meine direkten Bezugspersonen (sind 2), kann ich sehr viel und sehr lange reden, ebenso ein Gespräch am laufen halten. Ich bekomme jedoch des Öfteren die Beschwerde, dass ich keinen zu Wort kommen lasse/es schwierig ist, gegen mich anzureden. Aber da sieht man, wie kommunikativ ich bin. 🙂 Bei Fremden jedoch bin ich meist nonverbal bzw. habe ich auch selektiven Mutismus. Schriftlich kann ich jedoch sehr aktiv sein, auch bei Fremden, manchmal sogar sehr gerne bei Fremden.

Ein Gespräch am laufen zu halten oder zu beginnen fällt mir jedoch immens schwer. Meist habe ich eine Menge fragen, sofern mich die Person interessiert. Hat dann aber wieder was von Kreuzverhör. Dann gibt’s noch die Alternative: „Wie geht’s dir – gut und dir – mir auch – was machst du – nichts und du – auch nichts. Manchmal bekommt man daraufhin ein Dickpic, was ich damit soll, weiß ich auch nicht. Hab mehr Penisse gesehen, als ich zählen kann (also nicht privat, sondern beruflich). Unterm Strich nutze ich sehr sehr gerne die blockieren-Funktion. Ich hasse Zeitverschwendung, obwohl ich sie in den Augen anderer vermutlich selbst betreibe.

Mit mir ins Gespräch zu kommen kann also sehr schwer sein und manchmal tut mir das auch weh. Denn es ist sehr selten, dass ich eine Person mag. Umso mehr freue ich mich jedoch, wenn jemand die Zügel in die Hand nimmt (das ist auch eine Redewendung, gell?!) und sich durch mein Schweigen durch quält. Fragen bekomme ich gerne gestellt und da habe ich im Grunde keine Tabu’s, will sagen, ein Thema ist wie’s Andere. So etwas empfinde ich aber als optimal. Ich kann eine Frage ausführlich beantworten und kann sogar eine Gegenfrage stellen. Nach meiner Erfahrung entsteht dies nur, wenn man sich gegenseitig mag. So zumindest mein Empfinden. Oder die andere Person ist ebenfalls sehr introvertiert – das ist dann wohl Pech für beide.

Kommunikation findet jedoch, wenn es nicht gerade nur schriftlich ist, überwiegend über die Körpersprache statt, Mimik, Gestik, oder der Tonfall.

Auch Autist:innen kommunizieren so nach Außen. Wenn ich etwas deutlich nicht möchte, dann sieht man das, wenn ich angespannt bin auch, oder auch, wenn ich mich sehr freue. Wie das aussehen kann, ist von Mensch zu Mensch individuell. Das Lesen jener Sprachen ist dann wieder schwieriger. Wenn die Mimik des Anderen ernst aussieht, mit heruntergezogenen Augenbrauen könnte das vieles sein. Hält er mich für dumm? Ist er sauer? Hat er eine Frage? Oder Bauchschmerzen? Komischerweise kann ich diese Dinge im Berufsleben, wenn nicht intuitiv antrainiert, dann eben durch Abfragen der Möglichkeiten oder durchgehen der Lösungswege. Im Privatleben schaue ich den Leuten oft nicht ins Gesicht, dadurch sind Personen auch eher geneigt zu sagen, was sie gerade nur zeigen. Nun ja, und die mit denen ich engen Kontakt pflege, kennen mich dahingehend ja auch schon.

Sicherlich lässt sich noch viel mehr zu diesem Thema sagen/schreiben, für heute jedoch soll’s das gewesen sein.

Demnächst weiter wird es gehen mit einem Thema, welches an dieses anknüpft: Gedanken, Gefühle, Handlungen und Absichten einschätzen können

Autismus Erfahrung: Hyperfokus

Zunächst: Obwohl das Wort selbsterklärend ist – was ist das? „einen nicht selektiv steuerbaren, Flow-ähnlichen und stimulusabhängigen Zustand erhöhter Konzentration.“ Mal aus adhspedia geklaut (LINK) Fand ich recht treffend, der Rest des Artikels ist meiner Meinung nach zum Teil mit Vorsicht zu genießen.

Ich beschreibe lieber in meinen Worten, wie das für mich ist, und wie sich das bei mir äußert, auch welche Probleme sich dadurch ergeben können.

Wann sich also so ein Hyperfokus ergibt, ist nicht bewusst steuerbar, auch nicht (immer), worauf sich das Interesse bezieht. Es beginnt mit einem Auslöser und endet in einer nicht enden wollenden Recherche. Die meisten Menschen googeln mal kurz etwas, klicken vielleicht auf die ersten drei Seiten der Suchergebnisse. Im Hyperfokus klicke ich auf alle Seiten, daraus ergeben sich neue Suchanfragen, die ich ebenfalls alle durchsuche, und so weiter. Bis die Informationssammlung vorhanden ist, die angestrebt wurde. Natürlich weiß ich das bei neuen Themen nicht, daher dauert so ein Hyperfokus gern mehrere Stunden. Der „Hunger“ ist quasi kaum zu stillen.

Oftmals stürzt sich der Hyperfokus aber auf bereits vorhandene Interessen. Da es in diesem Blog um’s schreiben geht, nehme ich das auch als Beispiel. Sehr oft schreibe ich, ohne direkt Hyper-Fokussiert zu sein. Mindestens genau so oft schreibe ich aber im Hyperfokus. Meist gibt es auch da einen Auslöser, einen Impuls, eine Inspiration, ein Gefühl. Und nicht immer schreibe ich dann tatsächlich. Manchmal endet das ganze in einer Ansammlung von Stichworten und Notizen. Man kann sich das dann so vorstellen, dass ich stundenlang (ja, manchmal so ca. 6 Stunden) Zombieartig auf den Bildschirm starre und allenfalls gelegentlich die Maus bewege, damit dieser nicht aus geht. Im Kopf passiert hingegen so schnell, so viel, dass ich nie alles mitschreiben könnte.

Zusammenfassend kann man sagen, dass es einen Auslöser gibt, ein roter Faden, mit oftmals unzähligen Abzweigungen und einer riesigen Informationsflut. Mein Speicher ist das gute alte Gehirn, mein Gedankenpalast mit ganz vielen zweckgebundenen Räumen.

Manchmal mache ich „da oben“ mehrere Dinge Parallel, was die Unmöglichkeit des Aufschreibens unterstreicht.

Meine Umwelt nehme ich dabei fast gar nicht wahr. Obwohl der Hyperfokus an sich sehr kräftezehrend ist, ist es andererseits entspannend, mal nicht die ganze Umwelt gleichzeitig ungefiltert in sich zu spüren. Selbstverständlich dringt diese trotzdem ein. Das Endergebnis ist Erschöpfung, Müdigkeit, Stress, Kopfschmerzen, etc.

Störungen sind dennoch möglich und sowohl zu empfehlen, als auch nicht zu empfehlen. Denn ein heraus reißen löst definitiv sehr schlechte Laune aus. Ich bin dann sehr genervt und bei dem, was ich dann alternativ tun soll, nur halbherzig bei der Sache. Der Kopf versucht quasi im Hyperfokus zu bleiben und sich gegen die Störung zu wehren. Manche Störung ist jedoch wichtig, und wenn ich nicht gerade genervt bin, weiß ich das auch. Denn man könnte ja mal wieder etwas essen, trinken oder zur Toilette gehen. Ihr möchtet an dieser Stelle nicht wissen, wann ich das letzte mal getrunken habe. 😉 Ich mach’s gleich, Moment. 🙂

Ich habe mich in meinen eigenen Worten absichtlich so ausgedrückt, dass ein Hyperfokus „meist“ nicht steuerbar ist, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass dieser Zustand auch steuerbar ist. Zum Beispiel, wenn ich weiß, wann und wie lange ich alleine sein werde, stehe ich extra früh auf, erledige meine Routinen, und bin dann bereit für den Hyperfokus. Nicht immer kommt es dazu, manchmal mache ich auch gern ganz andere Dinge, aber wenn es dazu kommt, weiß ich auch sehr genau, wann ich wieder raus kommen muss.

Nochmal zusammenfassend ist diese Zeit sehr produktiv, die Leistungsfähigkeit scheint unbegrenzt.

Probleme können in allen Bereichen des Lebens auftreten – sprich, nicht nur essen und trinken. Auch Termine wahrzunehmen, Abmachungen einzuhalten (was üblicherweise ein großes Bedürfnis ist!) oder auch einer Arbeit nachzugehen kann ggf. problematisch werden. Da ich diese potentiellen „Störungen“ in meinem Leben auf ein Minimum reduziert habe, bin ich davon nicht besonders betroffen. Sehr oft halte ich aber zum Beispiel nicht das ein, was ich mir selbst vorgenommen habe. Weshalb ein schlechtes Gewissen mein ständiger Begleiter ist.

Zwei weitere Themen sind geplant und werden vermutlich heute oder morgen abgetippt.

Bei weiteren Fragen oder Anregungen zu Themen, gerne in die Kommentare oder so. 🙂