Deine Wohnung, meine Wohnung

Mir ist schlecht. Nah, das ist untertrieben. Mir ist kotzeübel. Und im Hals kratzt es ein klein wenig zugeschnürt. Vielleicht liegt es an Gefühlen, vielleicht aber auch an dem Teelöffel Bananeneis mit Nüssen, den ich gerade trotz Nussallergie gegessen habe. Ich bin eben mutig an den Stellen, die andere waghalsig nennen würden. Und die Gefühle sind doch ohnehin längst da angekommen, wo man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen kann. So ein Riesen Dreck! Und über den üblichen Wahnsinn hinaus. Ich frage nicht mehr warum, niemand fragt warum. Aber eine Sache kann ich sagen. Ich denke nämlich an deine Wohnung. Und an meine. Diese fünfundachtzig Quadratmeter sind halt total voll. Es ist nicht so, dass ich mich nicht trennen kann, ganz im Gegenteil, ich hake sowohl Dinge als auch Menschen sehr schnell ab. Trotzdem ist meine Wohnung voll, da gibt’s keine freie Ecke. Und irgendwie habe ich auch mehr Dinge, als Schränke. Und irgendwie ist das alles gerade auch nicht meines, na ja schon, aber irgendwie schwebt dieses Fernwehfremdgefühl über den Dingen. Idealerweise hätte meine Wohnung zwei kleine Zimmer. In dem einen läge eine Matratze auf dem Boden und vielleicht noch n Sitzsack, auf dem ich, na ja, sitzen kann und das andere Zimmer bräuchte einen großen Vorrat an Acrylfarbe und Luftballons. So ganz billige, die schnell reißen. Die würde ich mit der Farbe füllen, läge mich in die Mitte des Raumes auf den Boden und klatsche diese befüllten billig-Ballons an die Decke. Ein bisschen Farbe an der Decke, ein paar Spritzer an den Wänden und bunter Regen auf meinem Körper. Okay, ne Toilette wäre wohl auch noch gut. Oder wenigstens ein Eimer. Das würde ich dann meinem Improvisationstalent überlassen.

Und keine Menschen. Ah, Menschen, genau. Deine Wohnung. Deine Wohnung ist auch voll. Und ich bin da nicht so wie andere und schaue durch die Badezimmerschränke. Das interessiert mich nicht. Ich weiß, dass Menschen das tun, weil meine Dinge, die ich im Leben schon so in verschiedenen Badezimmerschränken verstaut hatte, sich quasi nach einem Besuch wie von selbst leicht bewegt hatten. Dabei ist da gar nichts interessantes. So das übliche. Schminke, die ich fast nie benutze, Wattestäbchen, die ich mir ins Ohr schiebe, obwohl man das nicht machen sollte – ich bin mir der Sinnlosigkeit und der möglichen Gesundheitsgefahr bewusst. Dann noch der Vorrat an Schwangerschaftstests, ja ehrlich. Halt nicht hinterfragen, auch ich frage nicht. Oh, und Klopapier, mein Verbrauch ist gigantisch. Das klingt jetzt so…nun…merkwürdig. Aber ich verschwende einfach nur gern diese eine Sache. Ne dumme Angewohnheit. Na und sonst ist da eben das Übliche. Da ich inzwischen höchstens ein oder zwei mal im Jahr Besuch habe, ist das jedoch total egal. Aber wieder zu deiner Wohnung. Denn viel Interessanter ist dein Bücherregal. Nicht zwangsläufig deine Bücher – ließ was du willst, aber was ist hinter deinen Büchern? Was ist ganz oben hinter deinen Büchern? Längst vergessenes, eingestaubtes? Was ist es? Ich mag mit meinen gelogenen 167 Zentimetern, die ich auf meinem Personalausweis aufrecht erhalte, die sich in Wahrheit aber auf 164 Zentimeter zurückgezogen haben, klein sein, trotzdem komme ich an diese Bücher da ganz oben heran. Vielleicht brauche ich einen Pfannenwender zum angeln. Selbst ist die Frau, ha! Deine Badezimmerschränke sind mir egal, ich suche nach dem kleinen, vergessenen, eingestaubten Geheimnis, das sich in deiner Wohnung befindet.

Ich hingegen habe vorgesorgt. Kein Geheimnis zu finden. Meine Wohnung ist mir fremd. Und das, was ich zu verbergen habe, habe ich so gut vergraben, dass nicht mal ich selbst es wiederfinde. Ich denke trotzdem gern an deine Wohnung zurück, vielleicht gerade wegen dieser kleinen eingestaubten Geheimnisse und all den Dingen, von denen du dich nicht trennen konntest. Wie gern würde ich dich manchmal einfach gern fest packen und einfach mitnehmen. Diese Seite kennst du noch nicht an mir, ja. Diese Seite, die einfach so verschwindet und nur das Nötigste dabei hat. Nun, aber wirklich das Nötigste. Und das bist dann eben du. Tun wir so, als könnten wir ewig leben, aus Containern essen und am Strand schlafen. Aber die Gedanken schweifen ab, muss am flauen Magen liegen, der immer noch kotzeübel vor sich hin krächzt. Nicht wegen der Gefühle, nein, nein, nein, es liegt am Bananeneis. Und vielleicht auch an der Schlager-CD, an die ich gerade denke, die in deinem CD-Regal steht. So richtig verirrt. Ich weiß, du kannst dich nicht trennen. Aber wenn du sie nicht entsorgst, wird sie mir eines Tages versehentlich aus der Hand fallen und sich in vielen kleinen Splittern in deinen Holzdielen verankern. Und ich räume das sicher nicht auf.

Aber was erzähle ich da. Hab dich doch auch schon entsorgt. Ich behaupte nicht, dass es leicht ist, sich zu trennen, aber man wird kalt. Irgendwann wird man kalt. Und dann bin ich eben zu diesem kalten Ding geworden, das einfach so alles und jeden entsorgt. Wenn es dir hilft nachts besser zu schlafen, dann denke das von mir. Du hast vermutlich recht. Im Bezug auf dich? Nein. Es tut weh, unfassbar weh. Normalerweise überwinden wir den Schmerz, oder wir schaffen Raum dafür. Aber du, du tust so unfassbar weh, dass ich diesen Schmerz wie Bleikugeln an meinen Fußknöcheln hinter mir herziehe. So schwer, dass sich mir jede Zeitrechnung entzieht. Manchmal weiß ich nicht mal, welches Jahr wir gerade haben. Es ist eben vollkommen unbedeutend geworden, seitdem du nicht mehr da bist. Alles ist bedeutungslos geworden, alles so leicht zu entsorgen, alles so fremd. Aber Gefühl? Du denkst an Kälte? Du willst Gefühl? Die Waghalsigkeit ist nur die Spitze, diese Gefühle, die hier überall verteilt sind und diese Wohnung füllen, diese Gefühle kann ich meistens nicht ertragen. So schrecklich, dass ich vor dem einschlafen nicht etwa an dich denke, sondern etwas anderes, etwas schändliches.

Und dann wache ich morgens auf und denke als erstes an dich. Ich weiß nicht, ob das kalt ist. Ob das bedeutet, dass ich auch dich wirklich entsorgt habe. Ich denke nicht. Was denkst du?

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