Nähe

Eng umschlungen
und wie wir
ineinander Flüsse finden
fließen, atmen, stöhnen, schreien
wo münden wir
ins Meer?
und wo fängst du mich ein
so nackter Körper, sag
wann schwitzen wir uns aus
atmen uns‘re eigene Welt
und Seelennähe tief?

© Amy Herzog

Tief!

warte

Warte nur
auf jede Nacht
damit mich deine Haut
wieder bedeckt

©  Amy Herzog

Zwei cl

blättere
durch deine Knochen
– suche
unverhüllte Zeilen
Fleisch
und zwei cl zu viel

offen!

als wären wir
für eine nie endende Sekunde
tiefgründig

© Amy Herzog

Kann nicht

kann nicht sprechen
weil meine Gedanken wild
umhertanzen
mich nicht bewegen
weil mein Körper unkontrolliert
erzittert und bebt
und ich kann nicht atmen
weil mein um sich schlagendes Herz
so viel Raum einfordert

© Amy Herzog

irgendwie.

irgendwie nah
und fern
etwas will und
und das andere stellen wir
in den weg
und haben angst
davor
nicht so hoch klettern zu können
und die aussicht zu
verpassen und
uns

© Amy Herzog

Zeitumstellung

© Amy Herzog

Bereit.

Zugfahrtmelancholie

Morgengrauentau tropft Tränen
starre zu wenig aus dem
Fenster
und schreibe
Gefühle auf Durchreise
in Arme fallen
und zurückgelassen bleiben
Zugfahrtmelancholie
zerrt mich in ein Buch weil
ich nicht wissen will
wohin ich
denke
aber ich bringe
warme Brötchen mit

© Amy Herzog

irgendwie

Damit ich aus deinem Sichtfeld
verschwinde
legst du mich in eine Kiste
gleich neben den Satz
den du dich nicht auszusprechen traust
und verschlingst den Schlüssel
weil du Angst davor hast
dass es irgendwann weh tut
aber in deinem Bauch
bleibt es warm

© Amy Herzog

90°

zwischen zwei Atemzügen
ziehe ich Rot
auf meiner Wüste nach
so wie du mit einem kleinen
Kuss
meine Stille
durchbrochen hast
verfalle ich
dir im Winkel von 90°
und dufte wie
frisch gemähter Rasen
nach lang ersehntem Regentag

© Amy Herzog

Antarktis

als ich unsere
Nacht
aus deinen Augen trank
glänzte die Trauer
darin
Jahrzehnte
drückten sich
aus deinen müden Poren
und dein Atem
schmeckte mir wie ein warmer Kakao
nach dem durchqueren
der Antarktis

© Amy Herzog

die nächste Frau (drabble)

Unsere auffallend zufällige Begegnung auf der Party wird mit einer mehrjährigen Haftstrafe enden. Mord ist verboten, ich weiß das. Du auch? Ich wage es nicht zu fragen, ob du schon jemanden getötet hast, ich spüre es. Die Frage ist, wie vielen hast du schon einen Pfeil durchs Herz gejagt und was waren deine Motive? Letztendlich sind es immer die Frauen in deinem Leben. Statt dich selbst, hast du sie getötet. Ich sehe es in deinen Augen. Noch nicht, aber es ist, als bereitet sich dein Blick darauf vor. Ich schlage vor, wir lieben uns, bis zu deinem Nächsten ungeklärten Fall.

*Beitrag zum Drabble-Dienstag mit Lyrix, in freundlicher Vertretung von Grinsekatz. 100 Wörter mit den drei vorgegebenen Worten: Party, Verbot, Pfeil.

Simulationen

Dann lebst du
in Simulationen
weil die echte Nähe
so nah kommen kann
und du fürchtest
ein mal zu oft
daran zu sterben

© Amy Herzog

in die See

Geh mit mir
in die nächstgelegene See
und drück mich
runter
ich will Farben
und das Paradies schmecken
bis meine Augen
in deinen verschwinden

© Amy Herzog

Lust auf:

Lust auf verbotene Gespräche unterm Vollmond. Auf Sand im Bett und Wasser zwischen der Haut. Auf Liebe ohne ersichtlichen Grund und fremde Geräusche, die nach Zuhause klingen. Darauf, die Unvollkommenheit festzuhalten und zu viel Menschlichkeit zu schmecken. Und auf das Gegenteil in jeder Sekunde. Auf Dinge, die niemand erwartet hat und auf Konsequenzen, über die man einfach lacht. Tiefsinn und Ewigkeit in jedem Atemzug und Sex, als würde er die ganze Welt retten. Lust auf Sein und nicht Sein, auf neue Definitionen, die niemand ausspricht. Verlieren und wiederfinden. Auf dumme Ideen, Enthusiasmus, Leichtsinn, und auf Gefühle, die in den Geschichtsbüchern stehen werden.

© Amy Herzog

immer die bekloppten –

Es sind immer die Bekloppten –
Überseereisen. Nähe, Niagarafälle,
und weiter in den Marianengraben,
dann wieder über Distanzen wundern.
Utopien werden nach dem zweiten
Kaffee ausgeschissen. Klasse Dünger.
Mein Geschmack war schon immer
verkalkt – beantrage Stent.

Wasser

in dir
bin ich pulsierendes Wasser
irgendwo
flussauf- und abwärts
beständig
nah

© Amy Herzog

Nähe. (Drabble Dienstag)

Angestaute Sehnsucht. Die Jahre. Das Leben. Die gottverdammte Liebe. Wir. Was ist das? Fragen wir noch schweigend aus Angst, so tief verankert. Dann vertrauen wir einfach so. Warum? Weil wir nicht wissen was passiert. Und dann lassen wir ab, lassen los und geben uns hin.

Ein bisschen Polizei
verbotenes
in uns
für das wir nicht belangt werden
weil der Blaulichtschimmer am Sternenhimmel
die Geister hypnotisiert.
Und Glühwürmchen tanzen in den Sinnen.
Ein Geheimnis weht
durch’s Getreidefeld bei Nacht
und wir fangen an
wie Betrunkene zu reden.
Fast wie Sex
tiefer
nur an Orte
in die übersprudelnde Quelle
unserer eingestaubten
Wahrheit.

© Amy Herzog

*Beitrag zum Drabble-Dienstag mit Lyrix, in freundlicher Vertretung von Grinsekatz. 100 Wörter mit den drei vorgegebenen Worten: Polizei, Getreide, Quelle.

weil es sich bewährt hat.

Hat sich all die Jahre bewährt. So zu sein. So wie du. Es hält die Menschen auf Abstand. Die kommen gerade nah genug, um etwas Zeit totzuschlagen. Dann flüchten sie ganz von selbst. Vor dir. Dann redest du dir ein, dass das gut ist. Keine Enden. Keine Enttäuschungen. Kein wilder Regen in dir. Du schaltest die Musik und eine Wildrosenduftkerze an und den ganzen Scheiß um dich herum aus. Und dann liebst du die Sehnsucht. Liebst die Träume in der Nacht, selbst wenn sie schlecht sind. Weil es sich all die Jahre bewährt hat. So zu sein. Und die meiste Zeit glaubst du dir, dass dir das Außen egal ist, du hast dein Innen, dein chaotisches, zerrissenes Innen. Die gewohnten Geräusche, die sonst niemand hört. Die meiste Zeit glaubst du dir. Weil es sich bewährt hat.

trink

Komm,
und trink dich taumelnd
in mein Weltmeer
so komm,
und trink aus Lenden,
Lust und uns
mein ganzes Herz
leer

© Amy Herzog

die Luftpolsterfolie zum Frühstück
knallt lauter
wenn wir zu zweit davon essen.

© Amy Herzog

sehe dich

so tief in dir
ver
borgen
schwerklar
die Phantasie nur wo
ist dein Leben
und wann kommst du
heraus

sag mir
was passiert ist
hier
und ich sehe
dich an

© Amy Herzog

Wenn ich an dich denke.

Wenn ich an dich denke, dann auch an den Wald, die Sehnsucht, an stundenlange Nächte, an den Regen, an schwebendes Fühlen, an unser Schweigen und an die unzähligen Worte dazwischen. Und wenn ich mir deine nächsten Worte aussuchen dürfte, würde ich die wählen, die du mir bisher verschwiegen hast.

risiko

Es veränderte den Luftdruck
augenblicklich
wenn wir uns offen lägen
und könnten nicht mehr atmen
ohne Kuss.

© Amy Herzog

Das alte Spiel

© Amy Herzog

Nichts auf meinen Lippen

Nichts auf meinen Lippen
und in meinen Händen nur Staub
aus grauem Herz
und zwischen.Menschlichkeit
mein Puls flüstert müde
in knisternd streichelndem Herbstlaub
ein Blatt halte ich
und gieße dich darin auf
wie den Tee vor der Dunkelheit
damit ein bisschen Wärme
aus meinem Mund
und Glassplitter in meine Ferse
fällt und fließt und sticht
ich wünsche wieder
nichts auf meinen Lippen
und einmal nur ein kleines Herz
das nicht so klirrend bricht

© Amy Herzog

Zeitlos

Die Kreuze im Kalender reduzieren sich. Weder kennt sie den genauen Tag, noch das Jahr. Und die Uhrzeit? Nun, es ist Nacht, es ist immer Nacht. Diese verregnet kalte, in der sie einsam vor einem leeren Blatt sitzt, der Vollmond scheint durch’s Dachlukenfenster und sie spürt einen Windhauch von Inspiration. Irgendwo ersehnt irgendwer das Selbe. Dann begegnen sie sich in dieser dunklen Wohnung, aus Distanz wird Nähe. Sie setzt ihre Kopfhörer ab, schließt ihre Augen in die echte Welt und genießt die Liebe und warmen Atem in ihrem Nacken. Wenn sie ihre Augen wieder öffnet, blutet Tinte auf ihr Papier.

*Beitrag zum Drabble-Dienstag mit Lyrix, in freundlicher Vertretung von Grinsekatz. 100 Wörter mit den drei vorgegebenen Worten: Kreuz, Kopfhörer, Dachluke.

warmer Regen

Wenn ein Sturm heraufzieht
singe ich dem Regen
mein Herz
das wirklich wahre
und sende dir jede Träne
in leichten Wolken
so sei in tausend warmen Tropfen
mein Lied dann deinem
kalten Herzen nahe

© Amy Herzog

Kaltgeworden

Dann sitze ich dir im Wohnzimmer gegenüber, zwischen uns eine brennende Kerze. Ich lausche deiner Stimme und betäube deine Fragen. Irgendwann fragst du, weshalb ich mich verändert habe, unerreichbar geworden bin, mich dir nicht öffne, nicht mehr antworte. Ich schaue dich mit ausdruckslosem Blick an, ziehe an meiner Zigarette, halte kurz inne. Dann frage ich, ob es dich interessiert, was ich zu sagen habe, oder ob du nur ficken willst. Du schweigst, dein Blick wird leer oder traurig. Das ist die Antwort, sage ich dir, stehe auf, lege meine Kleidung ab und nichts als meine kalte Haut auf dein Bett.

(Ein Drabble)

© Amy Herzog

Halber Mensch (drabble Dienstag)

Btw: es war dieses Mal wirklich nicht leicht diese drei Worte in meinem Stil/Geschmack/Gefühl unterzubringen. Drabble aus 100 Worten, drei vorgegebene Worte: Einheit, Hydraulik, Visum. Aktuell von Grinsekatz.

Halber Mensch

An guten Tagen bin ich dieser halbe Mensch, an anderen Tagen das, was davon übrig ist. Dann kommst du mir näher und willst diese Einheit sehen, diesen Menschen fühlen, der ich nicht bin. Ein hydraulisches rein raus, das mich vervollständigen soll und irgendwie tut es das ja auch für diesen kurzen Moment, wenn du mir so nahe bist. Wie du aus meinem schweigenden Gefäß kostest, randüberlaufend mit allem, was ich für dich empfinde und wie es deine Augen strahlen und deinen Körper zittern lässt. Ich weiß nicht, was es ist, aber du verlängerst mein Visum und ich finde es heraus.

Zufall

Wir schreiben dann so
zufällig
irgendwie flüssig
ausgeatmet
und in deinem Bett
dann endlich wieder fest
so nahverbunden
wie wir uns einatmen
merkwürdig
diese zufälligen
Worte

© Amy Herzog

Splitter

© Amy Herzog

M.

Er denkt, dass ich notleidend wäre. Eine Frau in Nöten sozusagen. M. Und irgendwie bin ich das ja auch. Nun, meine kaputte Waschmaschine, die du dir anschauen möchtest, würde auch morgen noch ein undefinierbares Geräusch von sich geben und heute Abend werde ich sie sicher nicht mehr brauchen. Was ich aber brauche bist du, M. Dir das direkt zu sagen kommt aber nicht in Frage! Und deshalb ist meine Waschmaschine kaputt, heute, fast schon mitten in der Nacht. Und weil ich eine Frau in Nöten bin, fährst du die sechzig Kilometer, um dir dieses Geräusch morgen anzuhören, dann, wenn ich die Waschmaschine tatsächlich irgendwie brauche. Für den Moment, M., brauche ich dich. Nähe. Körper. Wärme. Und du bist da.

Deine Kalliope

Dein hungriger Geist
so leergefühlt
wie ein einsam erfrorener Vogel
der vom Ast fiel

Wie treiben deine lauen Funken und
im Wellenschlag ertrunkene
Leidenschaft
verloren in der Nacht
und unsichtbar durch den Tag
über deiner ängstlichen Hülle nur eine
flackernde Glühbirne
die ihrer eigenen lauten Sehnsucht
vor deiner im Sterben lag

Mein hungriger Geist
so leergeküsst
nur lass mich schwimmen
im Kerzenschein durch die Vollmondnacht
und wie mein Leib aus Schmerz
die Kunst erschafft
lass mich die deine ewige
Kalliope sein

© Amy Herzog

[hier aussagekräftigen titel einfügen]

© Amy Herzog

roter Schwan

Mein roter Schwan
ich brenne
löcher in meine weiße Haut
und werde Asche
ohne dich
trinke bodenloses Herz
aus deiner Seele
und werde
ich

© Amy Herzog

(K)eine vermisste Person.

© Amy Herzog

der rest von mir

wie lang der rest des lebens
die zeit ist nie genug
aber wärs für eine nacht
dann gehörte ich für immer dir

© Amy Herzog

w i e

Zeige mir w i e
SCHMERZhaft es sein kann
lass mich d e i n e n
Schmerz spüren
dein traumtötendes Leid
in verborgener Angst
und in zärtlichstiller Dunkelheit
wispere ich nah w i e
Hingebungsvoll meine Liebe ist

© Amy Herzog

Nacht

Schlafende Nacht:
dein roter Handabdruck
auf meinem Arsch
und die Zigarette danach
am offenen Fenster
des Nichtraucherhotels.
Endlich aufgewacht:
in deiner Nacht.

© Amy Herzog

LICHT

dieses Umherschwirren
unberechenbar brechend in dir das
haltlose Flirren
und fühlloses Reißen
bittest nachts um Hilfe schr
ei Hertz schrei

zum Morgen (grau) en
tauen Tauben auf deinem Grab
wie wi ll st du, wie bewegst du
was im Innternen stirbt
immer Laternenindir

und ich brauche
doch LICHT Herz
LICHT LICHT LICHT L

© Amy Herzog

An meinen Winter

© Amy Herzog

Angst

© Amy Herzog

Kleben

© Amy Herzog

Abgeflacht

© Amy Herzog

Deine Wohnung, meine Wohnung

Mir ist schlecht. Nah, das ist untertrieben. Mir ist kotzeübel. Und im Hals kratzt es ein klein wenig zugeschnürt. Vielleicht liegt es an Gefühlen, vielleicht aber auch an dem Teelöffel Bananeneis mit Nüssen, den ich gerade trotz Nussallergie gegessen habe. Ich bin eben mutig an den Stellen, die andere waghalsig nennen würden. Und die Gefühle sind doch ohnehin längst da angekommen, wo man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen kann. So ein Riesen Dreck! Und über den üblichen Wahnsinn hinaus. Ich frage nicht mehr warum, niemand fragt warum. Aber eine Sache kann ich sagen. Ich denke nämlich an deine Wohnung. Und an meine. Diese fünfundachtzig Quadratmeter sind halt total voll. Es ist nicht so, dass ich mich nicht trennen kann, ganz im Gegenteil, ich hake sowohl Dinge als auch Menschen sehr schnell ab. Trotzdem ist meine Wohnung voll, da gibt’s keine freie Ecke. Und irgendwie habe ich auch mehr Dinge, als Schränke. Und irgendwie ist das alles gerade auch nicht meines, na ja schon, aber irgendwie schwebt dieses Fernwehfremdgefühl über den Dingen. Idealerweise hätte meine Wohnung zwei kleine Zimmer. In dem einen läge eine Matratze auf dem Boden und vielleicht noch n Sitzsack, auf dem ich, na ja, sitzen kann und das andere Zimmer bräuchte einen großen Vorrat an Acrylfarbe und Luftballons. So ganz billige, die schnell reißen. Die würde ich mit der Farbe füllen, läge mich in die Mitte des Raumes auf den Boden und klatsche diese befüllten billig-Ballons an die Decke. Ein bisschen Farbe an der Decke, ein paar Spritzer an den Wänden und bunter Regen auf meinem Körper. Okay, ne Toilette wäre wohl auch noch gut. Oder wenigstens ein Eimer. Das würde ich dann meinem Improvisationstalent überlassen.

Und keine Menschen. Ah, Menschen, genau. Deine Wohnung. Deine Wohnung ist auch voll. Und ich bin da nicht so wie andere und schaue durch die Badezimmerschränke. Das interessiert mich nicht. Ich weiß, dass Menschen das tun, weil meine Dinge, die ich im Leben schon so in verschiedenen Badezimmerschränken verstaut hatte, sich quasi nach einem Besuch wie von selbst leicht bewegt hatten. Dabei ist da gar nichts interessantes. So das übliche. Schminke, die ich fast nie benutze, Wattestäbchen, die ich mir ins Ohr schiebe, obwohl man das nicht machen sollte – ich bin mir der Sinnlosigkeit und der möglichen Gesundheitsgefahr bewusst. Dann noch der Vorrat an Schwangerschaftstests, ja ehrlich. Halt nicht hinterfragen, auch ich frage nicht. Oh, und Klopapier, mein Verbrauch ist gigantisch. Das klingt jetzt so…nun…merkwürdig. Aber ich verschwende einfach nur gern diese eine Sache. Ne dumme Angewohnheit. Na und sonst ist da eben das Übliche. Da ich inzwischen höchstens ein oder zwei mal im Jahr Besuch habe, ist das jedoch total egal. Aber wieder zu deiner Wohnung. Denn viel Interessanter ist dein Bücherregal. Nicht zwangsläufig deine Bücher – ließ was du willst, aber was ist hinter deinen Büchern? Was ist ganz oben hinter deinen Büchern? Längst vergessenes, eingestaubtes? Was ist es? Ich mag mit meinen gelogenen 167 Zentimetern, die ich auf meinem Personalausweis aufrecht erhalte, die sich in Wahrheit aber auf 164 Zentimeter zurückgezogen haben, klein sein, trotzdem komme ich an diese Bücher da ganz oben heran. Vielleicht brauche ich einen Pfannenwender zum angeln. Selbst ist die Frau, ha! Deine Badezimmerschränke sind mir egal, ich suche nach dem kleinen, vergessenen, eingestaubten Geheimnis, das sich in deiner Wohnung befindet.

Ich hingegen habe vorgesorgt. Kein Geheimnis zu finden. Meine Wohnung ist mir fremd. Und das, was ich zu verbergen habe, habe ich so gut vergraben, dass nicht mal ich selbst es wiederfinde. Ich denke trotzdem gern an deine Wohnung zurück, vielleicht gerade wegen dieser kleinen eingestaubten Geheimnisse und all den Dingen, von denen du dich nicht trennen konntest. Wie gern würde ich dich manchmal einfach gern fest packen und einfach mitnehmen. Diese Seite kennst du noch nicht an mir, ja. Diese Seite, die einfach so verschwindet und nur das Nötigste dabei hat. Nun, aber wirklich das Nötigste. Und das bist dann eben du. Tun wir so, als könnten wir ewig leben, aus Containern essen und am Strand schlafen. Aber die Gedanken schweifen ab, muss am flauen Magen liegen, der immer noch kotzeübel vor sich hin krächzt. Nicht wegen der Gefühle, nein, nein, nein, es liegt am Bananeneis. Und vielleicht auch an der Schlager-CD, an die ich gerade denke, die in deinem CD-Regal steht. So richtig verirrt. Ich weiß, du kannst dich nicht trennen. Aber wenn du sie nicht entsorgst, wird sie mir eines Tages versehentlich aus der Hand fallen und sich in vielen kleinen Splittern in deinen Holzdielen verankern. Und ich räume das sicher nicht auf.

Aber was erzähle ich da. Hab dich doch auch schon entsorgt. Ich behaupte nicht, dass es leicht ist, sich zu trennen, aber man wird kalt. Irgendwann wird man kalt. Und dann bin ich eben zu diesem kalten Ding geworden, das einfach so alles und jeden entsorgt. Wenn es dir hilft nachts besser zu schlafen, dann denke das von mir. Du hast vermutlich recht. Im Bezug auf dich? Nein. Es tut weh, unfassbar weh. Normalerweise überwinden wir den Schmerz, oder wir schaffen Raum dafür. Aber du, du tust so unfassbar weh, dass ich diesen Schmerz wie Bleikugeln an meinen Fußknöcheln hinter mir herziehe. So schwer, dass sich mir jede Zeitrechnung entzieht. Manchmal weiß ich nicht mal, welches Jahr wir gerade haben. Es ist eben vollkommen unbedeutend geworden, seitdem du nicht mehr da bist. Alles ist bedeutungslos geworden, alles so leicht zu entsorgen, alles so fremd. Aber Gefühl? Du denkst an Kälte? Du willst Gefühl? Die Waghalsigkeit ist nur die Spitze, diese Gefühle, die hier überall verteilt sind und diese Wohnung füllen, diese Gefühle kann ich meistens nicht ertragen. So schrecklich, dass ich vor dem einschlafen nicht etwa an dich denke, sondern etwas anderes, etwas schändliches.

Und dann wache ich morgens auf und denke als erstes an dich. Ich weiß nicht, ob das kalt ist. Ob das bedeutet, dass ich auch dich wirklich entsorgt habe. Ich denke nicht. Was denkst du?

nacht.tanz.anziehung

Der erste Wind
am Abend haucht mir ein
ich ziehe hin
du hältst mich an
ich verrückt
und du bist zu kaputt
lass uns über die Nähe tanzen
zusammenfestgedrückt
unter den Augen
zahlloser Glühwürmchen

© Amy Herzog

Wo

WO. IST. DIE. WÄRME. Fragst du jeden Abend bis zum Mond, dein fragen hallt zurück. Die Schlampen in deinem Bett lenken dich schon lange nicht mehr so gut vom Leben ab, wie es mal war. Am Ende des Tages schmiegst du dich an deine überschwappende Sehnsucht. WO. IST. DIESER. KÖRPER. Der sich an deinen drückt, als gäbe es nur dich. Als wärst du der wichtigste Mensch. Du nimmst diesen Körper mit all deinen Sinnen in dir auf, nimmst sie auf, umfasst sie mit deinen Armen so fest, dass es deinen inneren Tod besiegt. WO. IST. DAS. LEBEN. Das alltägliche, das in sich außergewöhnlich ist. Nicht frei von Hemmung, Angst, Schmerz und Zwang. Aber über allem schwebend, leicht. Losgelöst in absolut offenliegenden Herzen. OFFEN. Aufgefangen von der Weichheit ihrer Haut, gebettet im leidenschaftlichen Kuss. Nicht dieses abschlabbern. Diesen Kuss, der nach Vertrauen schmeckt. WO. IST. DIE. LIEBE. Die dir einfach nur die Hand hält, ganz egal wer du bist. Die dich überwältigt, dich am Boden hält, die höchsten Wellen schlägt, ohne dich zu ertränken. Die dich endlich wieder fühlen lässt, mit all deinen Sinnen funkenschlagend. WO? Vielleicht fragst du noch ein mal.