Kurzgeschichte

weil.

weil gesehenes nicht ungesehen, gehörtes nicht ungehört und gelesenes nicht ungelesen gemacht werden kann. und ja, vielleicht habe ich schon ganz andere dinge ausgehalten, aushalten müssen. und manchmal auch schlicht und ergreifend überlebt. das bedeutet jedoch nicht, dass ich weniger schlimmes sehen, hören oder lesen kann, dass ich es ertragen kann, weil es ja weniger schlimm ist, weniger schlimm sein könnte, vermutlich weniger schlimm sein wird. das bedeutet nur, dass ich schon zu vieles ertragen konnte und nun kaum mehr etwas von mir übrig ist, was noch ertragen kann.

© Amy Herzog

Ich ziehe mich aus.

Vielleicht liebe ich auf eine verschrobene Art, die dann nur niemand schnallt, und gewiss war ich Menschen zu nahe, die ich nicht geliebt habe, wer war das nicht? Aber die wollen nur, dass man sich auszieht. Na, dann zieh dich aus! Zieh mich aus & zerbrich an meiner geschundenen Oberfläche! Zieh mich aus, bevor ich mich selbst ausziehe! Schicht für Schicht, langsam, bis auf die Tiefe. Ich kann mich gut ausziehen, langsam, bis du mich schön findest. Aber nein, das willst du nicht. Du willst mich ausziehen & dann meine Tiefe messen. Aber auch dein Schwanz kommt nicht tief genug & dann bist du ernüchtert, weil du nichts Schönes gefunden hast. Weil du nie etwas Schönes findest, wenn du nur mit deinem Schwanz misst. Ich aber kann mich ausziehen, langsam, Schicht für Schicht ablösen, kann mich auflösen, unsichtbar werden, schön werden. Irgendwie bin ich dann übrig & nicht zugleich. Und dann wird es überwältigend. Aber du kannst es nicht sehen.

Verspätet.

Wieder steige ich an irgendeinem Bahnhof aus, nur um auf den Nächsten Zug zu warten. Dann gleich, eine halbe Stunde später, fahre ich weiter zu dir und behaupte, der Zug habe sich verspätet. Dabei sind es die Gespräche zwischen den anderen Rauchern die warten. Ich aber warte nicht. Richtig. Ich warte nicht, obwohl ich auf den Nächsten Zug warte. Zwischen unverständlichen Durchsagen, langgezogenen Gesichtern und leeren Blicken kommt es mir nur in diesem Augenblick so vor, als würde ich auf nichts und niemanden warten, keine Sehnsucht verspüren, niemanden verlassen, niemanden besuchen und nichts vermissen. Ich sitze einfach nur da, lasse die Zeit Zeit sein und lausche den mal oberflächlichen, selten tiefsinnigen Gesprächen. Dann bin ich kurz glücklich, weil ich nicht selbst gerade so ein oberflächliches Gespräch führen muss. Die einfahrenden Züge und die Hetzerei um mich herum erinnern mich daran, dass ich selbst so oft ein Mensch bin, der rennt. Aber jetzt nicht. Jetzt sitze ich nur hier, schreibe und denke an nichts. An niemanden und nichts.

Starr

Ich kann nicht. Ich kann nicht mehr ehrlich schreiben. Ich bin gerade so … überlagert. Starre liegt auf verpassten Anrufen. Wen soll ich beeindrucken, bin ja doch nicht schön. WhatsApp Nachrichten als Ranking für Wichtigkeit. Dein Chat ist immer nur Nachts an oberster Stelle. Dann willst du mich wieder, obwohl mir die Mischung aus Nähe und Distanz unerträglich ist. Aber unter dir sind die meisten Nachrichten. Ich lese, durchaus, aber erkenne mich nicht darin wieder, weil ich verändert bin. Zuerst hatte ich es nicht gemerkt, aber nun ist da so ein Brennen zwischen meinen Eingeweiden. Natürlich könnte ich den Strom abstellen und damit auch die Frage, wie ich denn beeindrucken kann, wenn ich es doch offenkundig so dringend soll. Ich kann ignorieren. Oder so tun als ob. Stundenlang, Wochenlang, Jahrelang. Ich kann auch einfach nicht existieren. Existiere ich noch, wenn ich den Strom abstelle? Es ist mir zu kalt geworden in dieser Welt. Der Spruch „ein Mann sollte nicht schön sein, sondern einen großen Schw.. ein großes Herz haben!“ amüsiert mich inzwischen. Meine Temperatur habe ich angepasst, an diese kalte Welt. Jetzt, wo ich nicht mehr ehrlich schreiben kann. Wenn ich das täte, würde sie verbrennen. Dann würde ich verbrennen. Würde dich das beeindrucken? Verdammt, ich finde keine Worte. Ich kann nicht. Ich bin starr.

Wein um 21:00h

Oh ja, der ist trocken. Nun, laut Internet ist es in Perth gerade 21:00h, was, wie ich finde, die perfekte Uhrzeit für das größte Weinglas ist, das ich finden konnte, randvoll. Die Farben habe ich vorher gesehen. Erst lila, dann rot, orange durch die aufgequollenen Lider schleicht etwas Sonne auf mein nasses Gesicht. Ich fühle nichts, denke an nichts. Es tut einfach weh, irgendwas, nicht lokalisierbar, nicht näher definiert. Phantomschmerz. Vielleicht auch hormonell, bin ja ne Frau. Allein. Stundenlange peinliche Chats, in denen wir uns gegenseitig verarschen. Vielleicht verarsche auch nur ich. Was ist denn schon noch wahr. Mein Leben ist großartig. Na, sogar allabendlich ficken, damit ich einschlafen kann, kann ich. Hach, schlafen. Ist wie sterben, nur nicht lange genug. Oder einfach mal sein, spüren, existieren. Ich kann das. Leben. Ich habe keine Gefühle. Und wo liegt schon der Unterschied zwischen einem und zwei Gläsern Wein? Nur ein paar ausgetauschte Buchstaben, welche aber durchaus oft verwendet wurden. Recycling! Also gut für die Umwelt, ha! Ich frage einen der random Typen, weshalb er und die Anderen auf die kaputten, zerbrochenen Weiber stehen. Weil die leicht rumzukriegen sind, antwortet er. Klingt ehrlich. Und auch einleuchtend. Obwohl ich gerade auch bloß zu Zweien, naja sind wir ehrlich, zu Dreien ja sagen würde. Aber nur wenn sie nicht reden. Einer von ihnen hält mich für ne Schlampe. Das Wort ist so negativ behaftet, verstehe nicht warum. Nun, es stimmt auch nicht. In der heutigen Welt sowohl gut, als auch schlecht. Kalte, schnelle Fickereien sind die Norm und erinnert mehr an nen Porno, als an irgendwas Liebevolles, an Gefühle. Hab das Gefühl an dieser Stelle ne Definition für die beiden Worte einfügen zu müssen, weil das schließlich schon Fremdworte sind. Nun, ich bin da vollkommen unfähig. Ich frag mich, was aus der Zeit geworden ist, in der man sich noch wirklich für einen Menschen interessiert hat, nicht für den Pimmel, nicht für die Fotze. Und wie wäre es mit statt nem Dick-Pic mal ne MRT Aufnahme vom Hirn? Bin ja nur neugierig. Wann war man zuletzt „geil“ auf das Wesen eines Menschen, auf die Seele, auf das Herz? Nun, ich war noch nie aus einem anderen Grund „geil“, sofern ein Mindestmaß an Grips dabei ist. Aber…das ist schon lange nicht mehr die Norm. Und da soll man nicht bekloppt werden. Da soll man nicht schon um 15:00h das erste Weinglas weggekippt haben. Wie, frag ich rhetorisch, wie.

grau

Das Fremde kommt dir so warm vor, dass du den Winter im Beton nicht mehr sehen kannst. Glatt geschmirgeltes Grau aus deiner Sehnsucht in dein Bett. Ist nur nie genug und du wunderst dich warum. Milchglasaugen zum Abendbrot und Träume geben dir den letzten Halt. Die Liebe ist allenfalls ein Déjà-vu und irgendein Lächeln lebt in deiner Erinnerung. Was davon ist noch wahr? Und ist das noch ein Leben? Auch du bist schon lange nicht mehr offen, vielleicht warst du es auch nie wirklich. Offen sein bedeutet Scherben fressen und Blut scheißen. Das Fremde jedoch leckt sich wie ein Eis im Sommer, schmeckt nach Plastik, erfrischt trotzdem mal kurz. Vielleicht ein bisschen Hirnfrost für’s Gefühl, aber bitte nicht zu tief.

Kafka

Kafkas: „Von wo also ich es auch ansehe, immer wieder zeigt sich und dabei bleibe ich, dass, wenn ich mit der Hand auch nur ganz leicht diese kleine Sache verdeckt halte, ich noch sehr lange, ungestört von der Welt, mein bisheriges Leben ruhig werde fortsetzen dürfen, trotz allen Tobens der Frau.“ kommt einem kurzen Schulterzucken gleich, welches am Ende einer Geschichte statt des Weinens vollzogen wird. Nur ein Schulterzucken. Und all die Gedanken davor, so lange sie dir auch vorgekommen sein mögen, weil sie sich Wochen, ja sogar Monate hingezogen haben, machen nur einen Sekundenbruchteil vor seinem Schulterzucken aus. Man könnte auch sagen, dass ihr schon vor dem ersten Atemzug gestorben seid, weshalb du jetzt so um Luft ringst wie ein ertrinkender auf hoher See. Sie ist eben zu viel, während sie gleichzeitig zu wenig ist und würde sie die Mitte finden, wäre sie nicht mehr sie selbst und du könntest sie nicht mehr anschauen. Aber sie ist auch ein Mensch, was immer schwer einzugestehen ist, diese Menschlichkeit, diese Menschlichkeit, die zu viel liebt, viel mehr, als sie es je beschreiben könnte. Und dann ist es leicht sich einzureden, dass sie all das, oder zumindest einen Teil davon, nur vortäuscht. Denn wer zum Teufel, wer, könnte dich so sehr lieben und weshalb? Es ist nicht so, dass du nicht liebenswert wärest, das bist du, das weißt du, aber so sehr? Nein. Das hat dich dein bisheriges Leben nicht gelehrt und deshalb weißt du nicht zu weinen, nicht mehr zu denken und folglich auch nicht mehr zu reden. Und deshalb zuckst du mit den Schultern, während du den Anblick ihrer Tränen, in jeder glänzt diese überwältigende Liebe, schweigend so sehr genießt.

*Zitat aus: die kleine Frau

schlaf.

Alleine schlafen ist das Beste. Keiner da der warm ist, schwitzt, schnarcht, atmet und andere diverse Geräusche von sich gibt. Keiner da der stört. Und ist man irgendwann endlich eingeschlafen, kommt mitten in der Nacht irgendwer an und fummelt. Meinetwegen hängt man abends noch vor der Glotze, unterhält sich oder nicht und geht dann ins Bett. Dann hat man vielleicht noch den besten Sex mit dem Menschen, dem man sein Leben anvertraut. Und dann schläft man in diesen warmen Armen ein, lauscht in der Nacht immer mal wieder nach, ob dieser Mensch noch atmet oder drückt ihm ein Kissen aufs Gesicht, weil er schnarcht. Oder man bekommt den Lachflash des Todes, weil dieser Mensch den lautesten Furz ever abgelassen hat. Dieses gemeinsame schlafen ist besser, so viel besser.

Liebesschnipsel

[…] „Weil Liebe nicht einschränken, sondern wachsen will.“ „Würdest du dich bitte in mich verlieben?“ „Ich weiß nicht, ich habe gerade Angst.“ „Warum? Sind es Menschen, denen du egal bist?“ „Nun, warum ist überhaupt irgendwas?“ „Traurig.“ „Ja.“ „Und warum?“ „Weil Liebe nicht perfekt sein muss, sondern aufrichtig, weil sie eine Sicherheit bietet, die man sich nicht erst verdienen muss.“ „Du verwendest Liebe und Sicherheit im Selben Satz?“ „Ja.“ „Das ist naiv.“ „Vielleicht, aber meine Liebe ist auch eine Entscheidung zu bleiben, selbst wenn ich gehen muss.“ „Warum musst du gehen?“ „Hmm“ „Wie kann man zeitgleich so offen und verschlossen sein?“ „Jahrelange Übung.“ „Hm, würdest du dich bitte in mich verlieben?“ […]

sesshaft geworden

Du brauchst das Sesshafte, sagst du, ohne es laut auszusprechen, weil du sonst ganz aus dem Ruder läufst. Aber irgendwie, sag mal, irgendwie ist das Ganze auch ein falscher Film. Ein Remake, aus dem die guten Szenen herausgeschnitten wurden. Weil der ganze Suff, die tausend täglichen Tode nicht mehr tragbar waren. Weil du so nicht mehr tragbar warst. Für niemanden. Du brauchst es nicht laut auszusprechen, deine gelegentlichen Ausbrüche, die stets fruchtlos enden, genügen dir, nicht wahr? Mir genügen sie. Immer wieder diese kleinen Ausbrüche, gefolgt von tagelangem dahinvegetieren. Nicht mehr so offensichtlich, denn immerhin bist du sesshaft geworden. Du funktionierst. Meistens. Aber die Leidenschaft von damals, die ist weg. Das Wochenlange irgendwie am leben bleiben, das dir immer nur wie ein Augenblick vorkam, der in sich endlos erschien. Aber du bist sesshaft geworden, beinahe zum frommen Kirchgänger mutiert bist du. Und wenn du dann abends pünktlich dein Handwerk niederlegst, um dir die Zähne zu putzen, glotzt du dieser falschen Fratze in die Augen. Ich lebe, sagst du dir im Geiste. Irgendwie lebst du. Aber das Gefühl, wo ist das Gefühl dazu?

weil es sich bewährt hat.

Hat sich all die Jahre bewährt. So zu sein. So wie du. Es hält die Menschen auf Abstand. Die kommen gerade nah genug, um etwas Zeit totzuschlagen. Dann flüchten sie ganz von selbst. Vor dir. Dann redest du dir ein, dass das gut ist. Keine Enden. Keine Enttäuschungen. Kein wilder Regen in dir. Du schaltest die Musik und eine Wildrosenduftkerze an und den ganzen Scheiß um dich herum aus. Und dann liebst du die Sehnsucht. Liebst die Träume in der Nacht, selbst wenn sie schlecht sind. Weil es sich all die Jahre bewährt hat. So zu sein. Und die meiste Zeit glaubst du dir, dass dir das Außen egal ist, du hast dein Innen, dein chaotisches, zerrissenes Innen. Die gewohnten Geräusche, die sonst niemand hört. Die meiste Zeit glaubst du dir. Weil es sich bewährt hat.

Deine Arroganz.

Ich mag deine Arroganz, sie lässt mich lächeln. Ja, das ist nur eine deiner liebreizenden Charaktereigenschaften und damit meine ich selbstverständlich deine angeknackste Psyche, die die Weiber auf Abstand halten, sie aus deinem Bett vertreiben sollen. Aber mich juckt das nicht. Ich mag das. Denn ich bin da neulich so nem Typen begegnet, der kam mir nahe, es war unangenehm. Nah, so nah, dass ich seinen Schwanzabdruck noch an meinem rechten Unterarm spüre. Er war auch Arrogant, die ganze Zeit. Aber er hatte es nicht drauf. Er hatte es einfach nicht, obwohl er es hätte haben müssen. Er hätte es drauf haben müssen, verdammt! Der Typ geht mir nicht aus dem Kopf! Ich bin noch immer so angewidert und eigentlich mag ich ja auch das irgendwie. Aber so nicht! Dieser Geist war so leer, der Schock steht mir noch ins Gesicht geschrieben. Ein Gutes hatte dieser Typ jedoch, ich konnte erkennen. Erkennen, dass ich deine Arroganz mag.

Gedanken denken.

Das erste, was ich bei Menschen höre, ist ein Dialekt. Mag er noch so unauffällig sein, ich höre ihn heraus. Ich mag Dialekte, deshalb. Ich habe zwar nen Sprachfehler, aber keinen Dialekt…glaube ich. Aber meine Gedanken denke ich im Dialekt, meistens berlinerisch. Irgendwie wird dann alles so lockerflockig. Und wenn ich es witzig brauche, steige ich auf sächsisch um. Find ich einfach total knorke. Darüber komme ich auf das, worauf ich eigentlich hinaus will. Denken. Denken andere Menschen auch so? Denken sie gefühlt tausend Dinge gleichzeitig? In Bildern? In gesprochener Sprache? Und führen sie auch ominöse Selbstgespräche? Man sagte mir, ich müsse mir erst Gedanken machen, wenn ich mir selbst antworte. Na was soll ich da sagen. Ich antworte mir ständig selbst. Wär doch anstrengend, wenn ich allein irgendwelche Menschen analysieren würde. Da mache ich das gedanklich lieber zu zweit. Ich kann da nichts machen, mein Gehirn steht auf analysieren. Es tut das einfach. Machen das andere Menschen auch? Und was ich mich auch frage, denn das habe ich auf irgendeinem Bildchen als Spruch gelesen: denken Menschen an jemanden zurück, wenn man an diesen Menschen sehr viel denkt? Zum Beispiel denke ich an einen Menschen sehr oft, denke aber auch, dass dieser Mensch sich wahrscheinlich nicht mal mehr an mich erinnert. Wäre doch irgendwie schön, wenn dieser Mensch genau das Selbe denkt. Ein bisschen traurig auch, weil es nur Gedanken sind. Kein beisammen sein. Aber wenn ich das auf sächsisch denke, wird’s schon wieder witzig. Ein freudiges Hoch auf unsere Dialekte. Ich find‘ sie alle toll.

Wen würden wir ohne Körper ficken?

Es tut mir nicht leid, was ich hier schreibe. Denn ich nenne das Kleingeist. Menschen, die sich an Fleisch aufgeilen. Also nicht das tierische, was auf’m Grill landet, sondern das Menschenfleisch zum bespielen. Bisschen Smalltalk und dann weg mit den Klamotten. Seltsame Vorstellung. Für mich abstoßend. Ich denke einfach nicht körperlich. Und da frage ich mich, würden wir plötzlich alle keinen Körper mehr haben, oder alle exakt den Selben, mit wem würden die genannten Kleingeister dann noch ficken? Ja, ich bin vom Schönheitsideal und dieser Oberflächlichkeit hart abgefuckt. Kann ich selbst nicht mithalten? Auch ja. Bin ich deshalb vielleicht hart abgefuckt? Vielleicht. Kann ich nicht beurteilen, weil ich nie einen anderen Körper hatte. Wäre ich im Inneren trotzdem der selbe Mensch, die selbe Seele? Ja. Wäre ich deshalb genauso abgefuckt? Mit Sicherheit.

Mir tun solche Menschen irgendwie leid. Ich fände es sehr einsam, die vielleicht nicht. Das weiß ich nicht. Ich komme selten langfristig mit solchen Menschen ins Gespräch. Die flüchten vor mir. Was praktisch ist, denn ich brauche so etwas nicht. Ich habe lieber eine wunderschöne Seele in meiner Nähe, als fünf Fleischhaufen in meinem Bett. Was fänden die Menschen eigentlich schön, wenn wir keine Körper (oder alle exakt den Selben Körper) hätten? Wie würde die Seele aussehen? Nun, ich stehe überhaupt gar nicht auf Kleingeister. Das ist nun quasi Oberflächlichkeit auf Seelenart. Nur ist im Grunde niemand wirklich nur Oberflächlich. Es ist bloß (für einige Menschen) einfacher einen schönen Körper zu sehen, als sich einer schönen Seele zu öffnen.

Wir kommen so nicht auf die Welt. Wir verlernen es nur, leben, werden verletzt, enttäuscht, geben auf. Und dann stürzt man sich auf den nächstbesten Körper und nennt das Nähe.

PS: Die Frage: „Was ist dein Typ?“ finde ich sehr merkwürdig. Bezieht sich eigentlich auf’s Aussehen. Schon klar. Hab nur keinen. Ich weiß, viele sagen das so daher…weshalb es kaum Bedeutung hat, wenn man es tatsächlich ernst meint, dass einem Körperlichkeiten egal sind. Das gibt doch irgendwie auch zu denken. Diese Bedeutungslosigkeit.

…das erinnert mich: hab früher gerne die Seelen der Menschen gemalt. Sollte ich mal wieder machen. 🙂

Schon wieder Liebe, immer Liebe.

Ich habe mal wieder, wie so oft, über die Liebe nachgedacht. Liebe soll ein schönes Gefühl sein, aber irgendwie ist sie, wenn sie da ist, einfach nur da. Diese Vertrautheit, Loyalität und im besten Fall auch die Ehrlichkeit. Und was da sonst noch so dazugehört. Aber erst wenn es schmerzt, so sehr, dass du dich wimmernd auf dem Badezimmerboden wiederfindest, den Tod herbei sehnend, dann muss es Liebe gewesen sein. Und dann ist es so, als würdest du den schönen Teil überspringen.

Verliebt war ich nie, nein. Dieses blinde Idealisieren durch die rosarote Brille. Schmetterlinge, weil der Mensch perfekt ist. Würg. Der Mensch ist nicht perfekt. Man blendet lediglich die Fehler aus, während der Andere alles daran setzt, diese zu verbergen. Aber ich bin ein Mensch, der ständig und alles beobachtet, analysiert und aus den kleinen beliebten Lügen eine Wahrheit formt. Eine hübsche Fassade geht mir ehrlich am Arsch vorbei. Ich betrachte das Gruselkabinett im Inneren, den angesammelten Messimüll, der mit einem freundlichen Lächeln überdeckt wird, während die Haustür nur einen Spalt weit geöffnet wird.

Auf dem Badezimmerboden, oder dem nächsten Boden, auf dem ich zusammenbrechen konnte, da lag ich bereits das ein oder andere Mal. Eigentlich lag ich da nur ein Mal so intensiv sterbend, um ehrlich zu sein. Und hätte mich niemand aufgehoben, läge ich da vielleicht noch heute, wartend auf den Tod. Nun, so sehr kann ich offenbar lieben. Fragezeichen. Ich weiß zwar nicht, was das ist, weil es einfach nur da ist, aber als es meinen Körper aufgefressen hat, wusste ich, dass das wohl Liebe gewesen sein muss. Aber das ist doch nicht erstrebenswert. Nicht so. Und niemandem würde es je wieder gelingen, so tief in mich einzudringen, sagte ich mir seinerzeit.

Gleichzeitig ist da die Sehnsucht in mir, dieses Gefühl, genau diese Intensität als das zu empfinden, was die Liebe angeblich sein soll. Schön. Ich würde also gerne schön auf dem Badezimmerboden zusammenbrechen. So, oder so ähnlich. Ob es das gibt, oder ob das nur eine Sehnsucht ist, die immer Sehnsucht bleiben wird, weiß ich nicht. Aber ich werde es irgendwann auf irgendeine Art herausfinden.

Flüchtig

„Wie geht es dir?“ Fragt er. Ich überlege kurz. „Irgendwie ist doch alles flüchtig.“ Er überlegt. „Wie lange kennen wir uns jetzt?“ Darauf erwartet er keine Antwort. „Wir sind nicht flüchtig!“ Sagt er weiter. Es sollte mich wohl beruhigen, dabei bin ich ruhig. „Aber wir hatten auch nie Zeit, stehen zu bleiben.“ Sage ich. Er atmet laut in den Hörer. Vielleicht findet er es traurig, vielleicht lag es an der Traurigkeit, die auf meiner Stimme liegt, vielleicht an der Kälte. „Du bist so weit weg von dir wie nie zuvor.“ „Ja.“ Ich habe gehofft, er merkt nicht, dass ich seine Frage nicht beantwortet habe, den Menschen fällt das gar nicht auf. Weil ihnen die Antwort egal ist. „Wie geht es dir? – habe ich dich gefragt.“ Dann mache ich dieses Spielchen eben mit. „Gut, und dir?“ „Warum lügst du?“ Was für eine dumme Frage. „Was willst du hören?“ Darauf erwarte ich keine Antwort. „Ich bin flüchtig, weil alles irgendwie flüchtig ist.“ Wieder Stille. „Ich ertrage diese Flüchtigkeit nicht mehr, ich nehme sie lediglich hin.“ Irgendwie wird es gerade angenehm schwer, dieses Gespräch und die Luft. „Und deshalb flüchtest du vor dir?“ „Nein, ich flüchte, weil nichts in mir flüchtig ist.“ Das passt nicht in diese flüchtige und im Grunde Gefühlstote kalte Welt. „Sollen wir darüber gemeinsam schweigen?“ „Ja.“

Ficken kann jeder.

Es ist nicht schwer, auf einer Bananenschale auszurutschen, mit der Kleidung versehentlich an einem aus der Wand hervorstehenden Nagel hängenzubleiben, sodass diese vom Leib fällt, zufällig ein passendes Gegenstück in Fallrichtung liegen zu haben, im selben Moment durch das schlagartig ausgestoßene Adrenalin eine wie auch immer geartete körperliche Erregung zu spüren und letztendlich in einer vor sich hinschwitzenden, verknoteten Verbindung stecken zu bleiben, während auf und ab Bewegungen nur deshalb zustande kommen, weil man ja immerhin schon etwas älter ist und nicht mehr nur ein Versuch genügt, um aufzustehen.

Klar, immer wieder nett. Ach, ich habe gar nicht vorgestellt: Nett ist die kleine Schwester von Scheiße. Was? Ihr kennt euch schon? Nun gut.

Ja, jetzt kommt irgendeiner daher, der eine, der immer kommt, der, der sagt: „Wenn du Sex so scheiße findest, dann hast du noch keinen guten gehabt.“ Na, das ist der Selbe, der sich dann beweisen will. Danke, aber nein danke. Ein bisschen Selbstachtung habe ich dann doch noch. Willst du was abhaben?

Nun aber weiter im Text. Ja. Die bisherigen Zeilen hätte ich mir sparen können. Der Titel genügt vollkommen. Aber mal ehrlich, die Vorstellung mit der Bananenschale ist doch irgendwie so real wie witzig. Ich frage mich, wie viele Menschen heute Nacht ausrutschen. Mit Absicht. Und ein paar, die hinterher dem Alkohol die Schuld geben. Soviel kann ich gar nicht saufen, damit solche Menschen schön für mich werden, deshalb versuche ich es gar nicht erst.

Was ich mich wirklich frage ist, wann waren wir, wann warst du, das letzte mal Emotional vollständig nackt? Dein Körper mag aussehen wie er eben aussieht. Da scheißt doch der Hund drauf. Viel interessanter ist, wie deine nackte Seele aussieht. Zwei vollständig geöffnete Seelen die ficken. Seltsame Vorstellung oder? An zwei Körper zu denken ist leicht. Ficken ist leicht. Ich kann in meinen Browser random Buchstaben eintippen und lande garantiert auf irgendeiner Pornoseite. Oder ich schaue in meinen Verlauf. Alles nackte Körper. Alles so unfassbar banal, ermüdend und an Irrelevanz nicht zu übertreffen. Zwei fickende Körper, wow. Von mir aus auch drei, vier, oder auf wie viele man auch steht. Ist total Latte. (Hihi, Latte..)

Btw: Schaut euch nen Porno aus den Achtzigern, Neunzigern an. Das ist noch Humor.

Aber nun weiter. Habt ihr euch inzwischen die zwei nackten Seelen vorgestellt? Diese vollkommen offenen nackten Emotionen, wie sie sich miteinander Verbinden, die Farben aller Universen, verschmelzen, sich hingeben, selbstlos schenken und ohne Zeit und Raum für immer eng umschlungen miteinander, ineinander tanzen? Habt ihr das mal gesehen? Schon mal erlebt? Mal ganz ehrlich, sind ja hier in unseren Gedanken unter uns.

Also ich nicht. Meine Seele war noch nie nackt. Die behält immer wenigstens den Schlübber an. Und ich fühle mich wie ne Jungfrau. Weil ich, ICH, noch nie nackt war. Ich kann es mir nicht einmal vorstellen. Aber das, was ich mir unter diesen zwei nackten ewig fickenden Seelen vorstelle, das ist schon, nun, alles übertreffend. Ich denke aber auch, dass es kaum mehr Menschen gibt, die sich vollständig entkleiden können. Und wenn das so ist, wie ich mir das vorstelle, dann ist das absolut nachvollziehbar. Man stelle sich vor, man ist also Seelenjungfrau, so nenne ich das mal und dann traut man sich mal einfach, sich auszuziehen, so viel Eier muss man erst mal haben, aber man traut sich das dann mal. Na und dann verbinden sich diese eine Seele und diese andere nackte Seele. Und dann? Tut das weh? Ist das schön? Und die wichtigste Frage: kann man das ohne Kassenzettel zurückgeben? Nein?

Wow. Schon erschreckend. Na, ficken ist leicht, aber sich selbst wirklich auszuziehen erscheint unmöglich. Zumindest für die Meisten. Ein Hoch also auf die Bananenschalen, gähn.

Ein Wunsch.

„Normal“ ist ein dehnbarer Begriff, schon klar. Soll nicht heißen, dass ich nicht normal bin, für meine Verhältnisse. Aber ich funktioniere eben anders. Das ist halt so. Aber das ist nicht der springende Punkt (ich, die nun an einen Punkt denkt, der auf und ab springt). Ich wäre gern in der Lage, die Sprache sprechen zu können, die von den meisten Menschen selbstverständlich gesprochen wird. Die wissen, wie man sich verhalten muss, wie man wann fühlen muss, was man sagen muss, sagen darf. Die wissen, was richtig ist, was falsch ist. Die wissen, was angebracht ist und was nicht. Wenn ich dann über Menschen nachdenke: „Ähm … [maximal verwirrendes Zeug einfügen] … ach egal.“ Und dann mache ich was interessanteres. Und doch, am Ende des Tages habe ich stets einen Teil der Fehler in und an mir gefunden, die ich eben so finden konnte. Ob das dann wirklich Fehler sind, weiß ich nicht. Muss ich mich entschuldigen, wenn ja, bei wem? Habe ich was falsches gesagt, getan, mich falsch gekleidet, bewegt, geatmet?

Diese Welt ist so unfassbar oberflächlich, alles muss perfekt sein, obwohl nichts perfekt ist. Es wird bewertet, ich werde bewertet, nur nach welchen Kriterien? Geht es ums Äußere? Da bin ich raus. Geht es ums Innere? Da bin ich auch raus. Am Ende nehme ich, ganz im Sinne meiner nicht vorhandenen Herzgesundheit, den ganzen Zirkus einfach hin. Eine andere Autistin gab mir mal den Ratschlag: „Betrachte Menschen wie Hunde.“ Das klingt erst mal fies, funktioniert in der Praxis aber manchmal recht gut. In diesem Wirrwarr aus ‚zu viel‘ und ‚zu wenig‘ (irgendein Oberpromathematiker kann das bestimmt definieren, ich gehöre nicht dazu) finde ich mich nicht zurecht. Ich lebe so vor mich hin und mache dabei mehr Fehler, als ich finden kann. Weil für andere irgendwas „normal“ ist, worüber ich nicht mal im Ansatz nachdenke. Und dann sagen die, ich wäre kompliziert. Scheiße, die sind kompliziert. Nichts für ungut. Ich weiß nicht, was normal ist, was richtig ist, aber wenn es eine Pille gäbe, die mich das für einen Moment wissen lässt, so wie die es intuitiv wissen, dann würde ich sie schlucken und nicht mal den Beipackzettel lesen.

Das wäre ein Wunsch.

stillstand

Dann ist da plötzlich diese Sehnsucht, die du dir so lange nicht erlaubt hast, weil du der Angst geglaubt hast. Und du glaubst ihr noch. Zwar stellt sie sich dir in den Weg, aber sie hilft dir auch, Nachts besser zu schlafen, während dich die Sehnsucht mit weit geöffneten Augen an die Decke starren lässt, irgendwo ins Leere, aber doch in eine Richtung, die dir eine Wahrheit über dich erzählt. Die große Wahrheit, diese diffuse, die erst dann wirklich wahr wird, wenn du sie aussprichst, wenn du sie jemandem erzählst. Nur ist da deine Angst, an die du mit Leibeskräften glaubst, an der du dich festkrallst, damit sie mit dir davonrennt, immer nur weiter rennt. Leben ist Bewegung, sagst du dir, Stillstand keine Option. Dann ist da plötzlich diese Sehnsucht, die große Wahrheit in dir, die Schweigende und du bist müde. Und das erste mal willst du stehen bleiben, durchatmen. Weil stehen bleiben vielleicht doch nicht so schlimm ist, wie die Angst.

Fragen

Immer wieder fragst du mich, wie ich das mache, wie ich mich so parasitär in den Tiefen deiner Gedanken niederlassen, darin winden und räkeln kann. Und dann kniest du metaphorisch den ganzen Tag nieder, hin- und hergerissen, erschöpft, ängstlich, dann wieder voller Vertrauen, Stärke und Liebe. Siehst mich in deinen Träumen, fühlst meine Berührung in jedem Atemzug. Dann denkst du, zu viel, zu wenig, verwirrt und klar, versuchst dich auf deine Arbeit zu konzentrieren, bist aber gar nicht da. Nur dieses Zehren in dir, selbst wenn es nur ein flüchtiger Blick ist, den ich dir schenke. Immer wieder fragst du mich, mit welchem Zauber ich dich belegt habe, dieses wohlwollende Gift. Dann willst du, dass es verschwindet, ein Flehen in die Nacht, was immer es ist und zugleich willst du in mir verschwinden, mein sein und nie wieder danach fragen.

© Amy Herzog

Nicht binär.

Du schaust dir die Hemden im Bekleidungsgeschäft an, selbstverständlich in der Herrenabteilung, weil du dich dort wohl fühlst. Aber du kaufst keines. Und dann machst du so „Frauensachen“, weil sie sagen, dass du als Frau weiblicher sein musst. Immerhin hättest du doch Titten und Arsch zum vorzeigen.

M.

Er denkt, dass ich notleidend wäre. Eine Frau in Nöten sozusagen. M. Und irgendwie bin ich das ja auch. Nun, meine kaputte Waschmaschine, die du dir anschauen möchtest, würde auch morgen noch ein undefinierbares Geräusch von sich geben und heute Abend werde ich sie sicher nicht mehr brauchen. Was ich aber brauche bist du, M. Dir das direkt zu sagen kommt aber nicht in Frage! Und deshalb ist meine Waschmaschine kaputt, heute, fast schon mitten in der Nacht. Und weil ich eine Frau in Nöten bin, fährst du die sechzig Kilometer, um dir dieses Geräusch morgen anzuhören, dann, wenn ich die Waschmaschine tatsächlich irgendwie brauche. Für den Moment, M., brauche ich dich. Nähe. Körper. Wärme. Und du bist da.

kalte Tränen, Leben und Traum

Wenn ich dich nicht festhalten kann, dann die Halluzination. Zwischen der Leidenschaft, die um unsere Lippen tropft, über das Meer, welches wir mit unseren Zungen füllen, bis in die Gruft, in der wir gemeinsam in Vergessenheit geraten. Und ich schlafe, schlafe, schlafe in diesem kleinen Traum und falle auf die Knie vor schwermütigschlagender Distanz in meiner Brust. Das morsche Herz, es schlägt eisern am wolkenlosen Himmel und ersehnt in dieser zehrenden Seelendürre nichts mehr, als deinen warmen Regen. Selbst die Szenen in meinem Hirn starren nach einer Weile nur noch aus dem Fenster, wie sich nichts darin spiegelt. Ich bin unsichtbar wie der Wind ohne Blätter. Und dann schließe ich fester meine Augen und halte dich auf meinem unbeschriebenen Papier fest. Und ich schreibe eine endlose Geschichte über kalte Tränen, Leben und Traum…

An meinen Winter

© Amy Herzog

Deine Wohnung, meine Wohnung

Mir ist schlecht. Nah, das ist untertrieben. Mir ist kotzeübel. Und im Hals kratzt es ein klein wenig zugeschnürt. Vielleicht liegt es an Gefühlen, vielleicht aber auch an dem Teelöffel Bananeneis mit Nüssen, den ich gerade trotz Nussallergie gegessen habe. Ich bin eben mutig an den Stellen, die andere waghalsig nennen würden. Und die Gefühle sind doch ohnehin längst da angekommen, wo man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen kann. So ein Riesen Dreck! Und über den üblichen Wahnsinn hinaus. Ich frage nicht mehr warum, niemand fragt warum. Aber eine Sache kann ich sagen. Ich denke nämlich an deine Wohnung. Und an meine. Diese fünfundachtzig Quadratmeter sind halt total voll. Es ist nicht so, dass ich mich nicht trennen kann, ganz im Gegenteil, ich hake sowohl Dinge als auch Menschen sehr schnell ab. Trotzdem ist meine Wohnung voll, da gibt’s keine freie Ecke. Und irgendwie habe ich auch mehr Dinge, als Schränke. Und irgendwie ist das alles gerade auch nicht meines, na ja schon, aber irgendwie schwebt dieses Fernwehfremdgefühl über den Dingen. Idealerweise hätte meine Wohnung zwei kleine Zimmer. In dem einen läge eine Matratze auf dem Boden und vielleicht noch n Sitzsack, auf dem ich, na ja, sitzen kann und das andere Zimmer bräuchte einen großen Vorrat an Acrylfarbe und Luftballons. So ganz billige, die schnell reißen. Die würde ich mit der Farbe füllen, läge mich in die Mitte des Raumes auf den Boden und klatsche diese befüllten billig-Ballons an die Decke. Ein bisschen Farbe an der Decke, ein paar Spritzer an den Wänden und bunter Regen auf meinem Körper. Okay, ne Toilette wäre wohl auch noch gut. Oder wenigstens ein Eimer. Das würde ich dann meinem Improvisationstalent überlassen.

Und keine Menschen. Ah, Menschen, genau. Deine Wohnung. Deine Wohnung ist auch voll. Und ich bin da nicht so wie andere und schaue durch die Badezimmerschränke. Das interessiert mich nicht. Ich weiß, dass Menschen das tun, weil meine Dinge, die ich im Leben schon so in verschiedenen Badezimmerschränken verstaut hatte, sich quasi nach einem Besuch wie von selbst leicht bewegt hatten. Dabei ist da gar nichts interessantes. So das übliche. Schminke, die ich fast nie benutze, Wattestäbchen, die ich mir ins Ohr schiebe, obwohl man das nicht machen sollte – ich bin mir der Sinnlosigkeit und der möglichen Gesundheitsgefahr bewusst. Dann noch der Vorrat an Schwangerschaftstests, ja ehrlich. Halt nicht hinterfragen, auch ich frage nicht. Oh, und Klopapier, mein Verbrauch ist gigantisch. Das klingt jetzt so…nun…merkwürdig. Aber ich verschwende einfach nur gern diese eine Sache. Ne dumme Angewohnheit. Na und sonst ist da eben das Übliche. Da ich inzwischen höchstens ein oder zwei mal im Jahr Besuch habe, ist das jedoch total egal. Aber wieder zu deiner Wohnung. Denn viel Interessanter ist dein Bücherregal. Nicht zwangsläufig deine Bücher – ließ was du willst, aber was ist hinter deinen Büchern? Was ist ganz oben hinter deinen Büchern? Längst vergessenes, eingestaubtes? Was ist es? Ich mag mit meinen gelogenen 167 Zentimetern, die ich auf meinem Personalausweis aufrecht erhalte, die sich in Wahrheit aber auf 164 Zentimeter zurückgezogen haben, klein sein, trotzdem komme ich an diese Bücher da ganz oben heran. Vielleicht brauche ich einen Pfannenwender zum angeln. Selbst ist die Frau, ha! Deine Badezimmerschränke sind mir egal, ich suche nach dem kleinen, vergessenen, eingestaubten Geheimnis, das sich in deiner Wohnung befindet.

Ich hingegen habe vorgesorgt. Kein Geheimnis zu finden. Meine Wohnung ist mir fremd. Und das, was ich zu verbergen habe, habe ich so gut vergraben, dass nicht mal ich selbst es wiederfinde. Ich denke trotzdem gern an deine Wohnung zurück, vielleicht gerade wegen dieser kleinen eingestaubten Geheimnisse und all den Dingen, von denen du dich nicht trennen konntest. Wie gern würde ich dich manchmal einfach gern fest packen und einfach mitnehmen. Diese Seite kennst du noch nicht an mir, ja. Diese Seite, die einfach so verschwindet und nur das Nötigste dabei hat. Nun, aber wirklich das Nötigste. Und das bist dann eben du. Tun wir so, als könnten wir ewig leben, aus Containern essen und am Strand schlafen. Aber die Gedanken schweifen ab, muss am flauen Magen liegen, der immer noch kotzeübel vor sich hin krächzt. Nicht wegen der Gefühle, nein, nein, nein, es liegt am Bananeneis. Und vielleicht auch an der Schlager-CD, an die ich gerade denke, die in deinem CD-Regal steht. So richtig verirrt. Ich weiß, du kannst dich nicht trennen. Aber wenn du sie nicht entsorgst, wird sie mir eines Tages versehentlich aus der Hand fallen und sich in vielen kleinen Splittern in deinen Holzdielen verankern. Und ich räume das sicher nicht auf.

Aber was erzähle ich da. Hab dich doch auch schon entsorgt. Ich behaupte nicht, dass es leicht ist, sich zu trennen, aber man wird kalt. Irgendwann wird man kalt. Und dann bin ich eben zu diesem kalten Ding geworden, das einfach so alles und jeden entsorgt. Wenn es dir hilft nachts besser zu schlafen, dann denke das von mir. Du hast vermutlich recht. Im Bezug auf dich? Nein. Es tut weh, unfassbar weh. Normalerweise überwinden wir den Schmerz, oder wir schaffen Raum dafür. Aber du, du tust so unfassbar weh, dass ich diesen Schmerz wie Bleikugeln an meinen Fußknöcheln hinter mir herziehe. So schwer, dass sich mir jede Zeitrechnung entzieht. Manchmal weiß ich nicht mal, welches Jahr wir gerade haben. Es ist eben vollkommen unbedeutend geworden, seitdem du nicht mehr da bist. Alles ist bedeutungslos geworden, alles so leicht zu entsorgen, alles so fremd. Aber Gefühl? Du denkst an Kälte? Du willst Gefühl? Die Waghalsigkeit ist nur die Spitze, diese Gefühle, die hier überall verteilt sind und diese Wohnung füllen, diese Gefühle kann ich meistens nicht ertragen. So schrecklich, dass ich vor dem einschlafen nicht etwa an dich denke, sondern etwas anderes, etwas schändliches.

Und dann wache ich morgens auf und denke als erstes an dich. Ich weiß nicht, ob das kalt ist. Ob das bedeutet, dass ich auch dich wirklich entsorgt habe. Ich denke nicht. Was denkst du?

Liebeserklärung

Als Kind, ich war gerade mal drei Jahre alt, meinten die anderen Mütter mit ihren gleichaltrigen zu meiner Mutter, ihr Kind, ich, müsse mit den Anderen spielen. Sozialverhalten und so. Wir setzten uns alle in einen Kreis. Ich stand auf, ging in die Mitte des Kreises und sagte meiner Mutter laut, dass ich sie hasse. Dann ging ich weg. Wahre Geschichte. Ich habe Menschen noch nie ertragen, schon gar nicht die gleichaltrigen. Und das werde ich auch nie. Ich weiß, wie man Menschen vertreibt. Instinkt oder Reflex oder beides und so. Die flüchten von selbst. Aber wenn dieses überaus seltene Phänomen stattfindet, dass ich einen Menschen zwar meistens nicht ertrage, aber ein bisschen dann schon, kommt das meiner größtmöglichen Liebeserklärung gleich. Aufrichtig, ehrlich, aus tiefster Seele, auf Ewig und mit all meinen überschwappenden Gefühlen, die kaum ein Mensch erträgt.

Statt zu lieben
halte ich dich aus 
Und du? 

Unzusammenhängend

Alle elf Minuten verliebt sich jemand über […]. Sie ist schneller. Sie muss schneller sein. Die „das war knapp“-Momente häufen sich. Vor dem überqueren einer Straße hat sie aufgehört nach links oder wenigstens nach rechts zu schauen.

⁃ wie hat es sich angefühlt über dich zu schreiben? Komplett eskaliert. Schon vor Sonnenaufgang.

Sie hat aufgehört Fragen zu stellen. Diese Gleichgültigkeit berührt sie tiefer, als jeder Schwanz. Nur wenn sie mal wieder ein Buch liest fragt sie sich, bei welchen Worten der Autor wohl nackt war, als er sie geschrieben hat. Beim lesen fühlen sie sich nackt an.

⁃ bei acht von zehn Worten bin ich nackt. Bei den übrigen töte ich etwas in mir.

Und dann wieder diese Massenpsychose. Der eine sagt, sie ist nicht schön, der andere sagt, sie ist nicht klug. Dabei ist sie einfach nur nicht Frau genug. Benimmt sich brav wie ein Mensch, der nicht weint und stattdessen eine raucht.

⁃ könnte ich mich heute selbst vergessen, schenkte ich dir meine Haut.

Alle elf Minuten schlägt ihr jemand auf den Kopf. Beim letzten Mal ist es durch ihre Kehle gerutscht und unzusammenhängend im Herz gelandet. Direkt zwischen Mittelfinger und ficken. [hier ein poetisches Happy End einfügen]

© Amy Herzog

Wo

WO. IST. DIE. WÄRME. Fragst du jeden Abend bis zum Mond, dein fragen hallt zurück. Die Schlampen in deinem Bett lenken dich schon lange nicht mehr so gut vom Leben ab, wie es mal war. Am Ende des Tages schmiegst du dich an deine überschwappende Sehnsucht. WO. IST. DIESER. KÖRPER. Der sich an deinen drückt, als gäbe es nur dich. Als wärst du der wichtigste Mensch. Du nimmst diesen Körper mit all deinen Sinnen in dir auf, nimmst sie auf, umfasst sie mit deinen Armen so fest, dass es deinen inneren Tod besiegt. WO. IST. DAS. LEBEN. Das alltägliche, das in sich außergewöhnlich ist. Nicht frei von Hemmung, Angst, Schmerz und Zwang. Aber über allem schwebend, leicht. Losgelöst in absolut offenliegenden Herzen. OFFEN. Aufgefangen von der Weichheit ihrer Haut, gebettet im leidenschaftlichen Kuss. Nicht dieses abschlabbern. Diesen Kuss, der nach Vertrauen schmeckt. WO. IST. DIE. LIEBE. Die dir einfach nur die Hand hält, ganz egal wer du bist. Die dich überwältigt, dich am Boden hält, die höchsten Wellen schlägt, ohne dich zu ertränken. Die dich endlich wieder fühlen lässt, mit all deinen Sinnen funkenschlagend. WO? Vielleicht fragst du noch ein mal.

Der Tröster

Die einen stopfen sich mit Schokolade voll, die Anderen stürzen sich in ihre Arbeit, wieder Andere schauen einen traurigen Liebesfilm nach dem anderen, heulen Rotz und Wasser und die Übrigen betrinken sich, bis es vorbei ist. Sie bevorzugt das nächstbeste Bett eines schlappschwänzigen Langweilers. Nah, das klingt so abwertend. Sagen wir, sie bevorzugt das nächstbeste Bett eines Trösters, der sich eigentlich sogar sehr oft als total netter, ja nahezu rundum perfekter Typ entpuppt. Zu nett, zu gutaussehend, zu erfolgreich und dazu noch zu gut im Bett. Und dann geht er, als wäre das nicht alles schon mehr als genug, auch noch so achtsam und liebevoll mit ihrer zerbrochenen Seele um. Perfekt für die Zukunft. Nur nicht für ihre. Für sie ist er der perfekte Tröster, noch perfekter, als der Tröster davor. Dann geht man eben einen kleinen Weg gemeinsam. Und jedes mal denkt sie sich, eine andere Frau wird ein tolles Leben mit ihm führen, während sie sich auf ihr Magnetherz verlässt, das Arschlöcher magisch anzieht. Es ist immer ein noch größeres Arschloch, als das Arschloch davor. Ein perfekter innerer Tanz aus Distanz und Enthusiasmus. Ein auf und ab, hin- und hergerissen. Sie mag eben keine Schokolade und geweint hat sie schon lange nicht mehr. Nur denkt sie darüber auch nie abwertend, sie ist nie gelangweilt. Diese großen und immer größer werdenden Gefühle, die diese Arschlöcher auslösen, die sind es. Ja, selbst dann, wenn sie wieder im Bett des Nächsten Trösters aufwacht, hallen diese großen Gefühle noch lange nach, diese Sehnsucht und der Wunsch nach ein kleines bisschen Leben spüren. Und dann dieses luftschlossartige innere Verzehren, das dauerhaft an ihrem Herzen zieht. Immer stärker, wenn diese großen Gefühle nach und nach vom Tröster verschluckt werden, eines Tages doch noch dieses größte Arschloch von allen zu finden und endlich anzukommen.

Da ist keine Bedeutung.

Es ist traurig, aber mir fällt keine Geschichte dazu ein. Da ist keine Bedeutung. Nur so viele Enden, die meine Sehnsucht im Keim ersticken. Und dann sterbe ich im Kopf vor mich hin. Vielleicht liegt es an der Schriftfarbe, hier in meinem Word Dokument schwarz auf weiß, vielleicht an meinem ausdruckslosen Gesicht. Ich könnte die Schriftfarbe ändern, weiß, damit ich die Gedanken, die ich gar nicht denke schreiben, aber nicht lesen kann. Und dabei setze ich ein Lächeln aufs Gesicht, damit die Geschichte, die mir nicht einfällt, glücklich wirkt. Und dann sterbe ich im Kopf vor mich hin. Es ist peinlich, wie offen ich zu sein scheine, nur nicht mehr für mich selbst. Diese ca. 1230cm³ haben mich herausgeworfen, hab wohl Unfrieden gestiftet. Aber dafür jeden anderen Menschen einfach so hereinzulassen schien vernünftig zu sein. Wenn ich darüber nachdenken könnte, würde ich das anders sehen. Interessant ist es aber, einen Text so derart langweilig und ermüdend zu schreiben, aber irgendwo doch ein Wenig Bedeutung einzubauen, die dann niemand mehr liest. Wenn da nur Bedeutung wäre. Da ist keine Bedeutung. Die Frage ist, wo. Denn in meinem Kopf läuft irgendeine Party, ich bin ausgeladen. Die Musik ist laut, jemand pisst an die Wand, eine andere kotzt in die Ecke und niemand hält ihre Haare zurück, es wird gesoffen und ich darf dann hinterher zum aufräumen wieder rein. Sicher finde ich keine Bedeutung, irgendwo da draußen, wo ich suche. Und irgendwie suche ich ja auch gar nicht. Ich stehe einfach nur dumm grinsend in der Gegend herum, finde das ganze nicht traurig, beobachte diese vielen Enden und den Sonnenuntergang. Hier draußen ist es still oder fast still. Niemand redet, niemand fühlt. Ein Hund bellt, der Wind weht sanft durch die Blätter und ein kleines Kind schreit laut. Könnte ich noch etwas fühlen, wäre ich gleichermaßen belustigt und genervt. Möglicherweise bin ich selbst gegangen. Diese offenen Fenster und Türen, diese laute Musik, das kotzen und pissen und mittendrin ich. Dieses Ich, das zu viel denkt, zu viel fühlt und beim Nächsten Ende womöglich doch noch traurig wäre. Was sag ich, natürlich wäre ich traurig und natürlich fiele mir dann eine Geschichte ein, die mich nach dem letzten Satz wieder sterben ließe. Es macht Sinn, gegangen zu sein. Hier draußen ist es still. Da ist keine Bedeutung in dieser belanglosen und simplen Taubheit. Da ist keine Zeit, keine Erinnerung, keine Zukunft. Nur eine leere Hülle, verschlungen vom Nichts. Und nichts kommt mir hier nahe. Hier draußen, der Freie Fall und der Stillstand zugleich, alles wird verschluckt. Die Geschichte, die mir dazu nicht einfällt, die letzten Spuren einer Sehnsucht, die unscheinbaren Gefühlsflecken, die sich nach dem Reiben meiner Augen in den Ärmeln meines Pullovers eingetrocknet haben, all diese Enden und selbst die Farbe meiner Schrift.

Da ist keine Bedeutung.

Abschiedsbrief

Triggerwarnung: Suizid*

Was ich in so einen Abschiedsbrief schreiben würde, in so einen unumkehrbaren, einen endgültigen? Nach zwanzig Jahren, die mich diese Frage schon beschäftigt, müsste ich das wissen. In dieser Zeit hätte ich sogar einige schreiben müssen, manch einer wäre sogar gerechtfertigt gewesen, wenn auch das Sterben so lang dauern kann und das tatsächliche tot sein manchmal nur von kurzer Dauer ist. Glück im Unglück, wenn man so will. Inzwischen denke ich das, ja. Nicht, weil ich mir darüber weniger Gedanken mache, vielmehr weil ich Organspenderin bin. Ein Selbstmord würde meine Organe vernichten. Nun, das bräuchte jedoch nicht in einem Abschiedsbrief stehen, denn Organe zu erhalten bedeutet weiterzuleben. Nur was würde ich nun in so einen Abschiedsbrief schreiben? Und an wen wäre er adressiert? Und warum? Ich sollte die Antworten kennen und es ist beinahe schändlich, sie nicht zu kennen. Möglicherweise…wen ich so liebe? Nun, was würden diese Menschen, die ich liebe, auf diesen Brief antworten? So eine Antwort habe ich tatsächlich mal erhalten, aber nicht auf einen Abschiedsbrief. Ein Beamter, der mich geradewegs in die Klapse fuhr meinte, wenn ich diese Menschen doch lieben würde, dann hätte ich sie angerufen, statt die allseits bekannte eins eins null. Ich musste widersprechen. Es war nicht die Liebe, die mich bei diesem letzten Mal davon abgehalten hatte, diesem Leben ein Ende zu setzen, denn an sie konnte ich weder denken, noch konnte ich sie empfinden. Es war etwas anderes, ein Sekundenbruchteil, der mich die eins eins null hatte wählen lassen. Ich spürte nichts weiter als tiefe Entspannung, als ich diese Nummer wählte. Die vollkommene Klarheit. Da war nichts mehr. Nicht mal mehr etwas, das mir hätte egal sein können. Der Beamte, nun, eigentlich waren es zwei, sie stellten leise Musik an. Ich schwieg. Sie redeten, aber ich hatte nichts mehr zu sagen. Ich war tatsächlich zu Ende, so viel mehr, als bei den Malen davor. Die Male, in denen ich mich nicht für den Notruf entschieden hatte. Wieso also bei diesem letzten Mal? Ich fragte den Beamten, der neben mir saß, nach einer Zigarette. Na ja, er rauchte nicht und irgendwie war er auch nicht auf meiner vollkommen leeren Welle. Aber der Fahrende hatte welche dabei. Er hielt an und stieg aus, öffnete meine Tür und hielt mir die geöffnete Schachtel entgegen. Der Andere schaute etwas verdutzt. Ich stieg aus und wir setzten uns an den Straßenrand. Der Andere blieb stehen und redete irgendwas über Funk. Der Fahrende, ich habe keine Ahnung wie die beiden hießen, redete mit mir. Er fragte mich, wie es denn nun weitergehen sollte. Und irgendwas war da zwischen der Leere. Ein kleiner Fleck auf der Klarheit. Eine Erinnerung an die andere Seite. Und die leise Musik. Außerdem mochte ich sein After Shave. Die meisten Männer riechen – na ja, so nach Junggeselle. Als hätten sie sich das Zeug unter der Dusche einfach über den Kopf gekippt, die ganze Flasche. Aber er nicht. Es duftete sehr dezent. Nun, erst mal in die Klapse. Die Leere betäuben mit noch mehr Leere in Tablettenform. Wenn die wissen, dass man sich umbringen will, bekommt man immerhin direkt das gute Zeug. Und wenn es gut läuft, lebt man nach zwei verschwundenen Tagen das Leben weiter. Aber zurück zur Frage. Ich denke meine Antwort lautet: gar nichts. Es wäre ein nie abgeschicktes leeres Blatt Papier. Ohne Briefkuvert, ohne Marke. Das ist die unumkehrbare Endgültigkeit. Jedes Wort in so einem Brief würde dieser widersprechen.

*Nein, ich hege keine Suizidgedanken/Absichten. Ist vermutlich wichtig zu erwähnen bei dem Text!

Ich möchte noch einen Tipp anhängen, falls jemand therapeutische Hilfe sucht, aber keinen niedergelassenen findet und man eben die üblichen Wege bereits ausgeschöpft hat. Ist ja ein recht großes Problem, diese Wartelisten, falls es überhaupt eine Liste gibt. Fragt bei einem „Ausbildungszentrum für Psychotherapie“ nach (einfach googeln, welches das Nächste ist). Dort kann man, sofern die freie Kapazität vorhanden ist, von einem Therapeuten in Ausbildung betreut werden, was dann vom Ausbilder überwacht wird.

Geben.

Ich lasse mich nicht in deine Schublade stecken, nicht in dein Konzept einrahmen. Vergiss es, dass ich Sonntags nach der Kirche mit dir und deiner Familie in entspannt-steifer Atmosphäre lieb lächelnd Torte esse und träume nicht mal von unseren Urlauben mit den Kinderchen auf’m Rücksitz. Ich bin die Droge, vor der dich deine Eltern gewarnt haben, dein schlechter Einfluss. Die, die mitten in der Nacht auf dem Friedhof nach neuen Ideen gräbt und die Schule noch mal besucht, nur um wieder mit dem Lehrer ins Bett zu steigen, oder auf den Schreibtisch. Und der zweiwöchige Filmriss endet mit drei Gummienten, einem großen Brandloch auf deiner Couch und nem negativen Schwangerschaftstest im Mülleimer. Danach gestehe ich eine Straftat, die du begangen hast und lebe auf der Flucht. Nur immer, wenn mich die Inspiration küsst, besuche ich dich und unterstütze deine Sucht. Berechenbar unberechenbar. Ich passe nicht in dein gutbürgerliches Leben, aber ich bin dein treuer Wolf für die Zukunft, das bin ich, das kann ich geben.

Der fehlerhafte Mensch

Könntest drüber nachdenken, krampfhaft versuchen es herauszufinden, aber du kannst es auch lassen. Irgendwas ist immer falsch, vielleicht nur ein kleiner Teil, vielleicht ein bisschen von allem, wer weiß das schon. Du nimmst einfach alles, das spart Zeit. Rennst dann trotzdem lachend in die Kreissäge und redest dir ein, dachtest lange Zeit tatsächlich, glaubtest daran, du würdest drauf stehen, auf diesen Schmerz, aber dem ist nicht so, oder? Ganz im Gegenteil. Aber so die Art Menschen, die selbst mit ihren Fehlern perfekt sind, die es mit diesen einfach nur von Grund auf fehlerhaften Menschen selten gut meinen, die geben sich paradoxerweise große Mühe, die Größte. Irgendwie anders. Intensiver, tiefgehender. Eben bevor sie einen unsanft in den Müll werfen, in die Wüste schicken oder auch in einer Autopresse verschwinden lassen. Vom Gefühl her tut sich da nichts, bei der Art der Entsorgung. So von Grund auf fehlerhafte Menschen, oder diese, die den Fehler nicht nur bei sich selbst suchen, sondern ihn auch stets finden, fallen bevorzugt darauf rein. Wobei „drauf reinfallen“ so negativ klingt. Sagen wir, sie sind geblendet von ihrer eigenen Gutgläubigkeit, von ihrer Hoffnung. Beides sorgt dafür, dass dieses Muster, wenn auch mit den Jahren stetig fallend, eisern stand hält. Es wird seltener, ja, vielleicht lässt du, du von Grund auf fehlerhafter Mensch, nicht mehr jeden ach so perfekten Menschen in dich hinein. Bekanntlich bestätigen jedoch Ausnahmen die Regel. Und irgendetwas muss dich ja schließlich von Zeit zu Zeit auf dein fehlerhaftes Dasein hinweisen.

Eine Schlampe

Gott hat mir den Rücken gekehrt. Ich bin eine Schlampe. An meinen Fingern, an meinen schreibenden Fingern, klebt dein Schwanzgeschmack. Er hinterlässt seine Spuren. Nicht auf meiner Tastatur, nun, möglicherweise auch dort, aber viel mehr auf meinen Gedankensträhnen. Ich weiß, ich muss mir die Haare bürsten. All diese Knoten, all deine hinterlassenen Nester und dieser weiche Körper, in dem du geschwommen bist. Jetzt, wo ich deine Aufmerksamkeit habe, denke ich zu viel nach, über Brombeeren. Mit jeder gebürsteten Strähne fallen sie zu Boden. Du zerquetscht sie beim hinausgehen. Ich fühle dir hinterher. Und du denkst nur so: „Hä“. Ich bin eine Schlampe. Ich fühle mich wie der umgekippte Sack Reis, nur ein bisschen weniger relevant. Die Tasten kleben an meinen Fingern, sind damit verwachsen, vielleicht klebe ich auch an ihnen, dabei bin ich keine Schriftstellerin, werde ich nie sein. Gott sieht mich nicht. Hinge ich tot über’m Zaun, fiele es ihm nicht auf. Und dir auch nicht. Ich reibe mir den herausgequetschten Brombeersaft, welcher meinen teuren Boden versaut hat, auf meine nackte Haut. Er ist noch warm. Von dir. Er ist noch warm. Und ich fühle dir immer weiter nach, wie weit du dich auch entfernst. Du hast mich natürlich schon vergessen, die Schlampe, du hast mich nie erfahren. Diese Reproduktion meiner Selbst. Und nun bin ich nicht mehr ich, denn ich kann mein Spiegelbild nicht ertragen. Diese frisch gebürsteten Haare ekeln mich so an. Als hätte es mir nichts bedeutet. Als hätte es nichts bedeutet. Wenn es auch nur eine Sekunde lang so wäre, würde ich mir selbst den Rücken kehren müssen, so wie Gott, so wie du. Diese Reproduktion aber verteilt den Schwanzgeschmack auf der Tastatur, damit du mir bleibst, in meinen Worten tropfst, in mir verwest. Deine zertretenen Brombeeren jucken auf meiner Haut. Ich friere. Ich schwitze, ich tropfe, ich bin nackt und allein. Ich bin tot. Und du denkst nichts. Nichts. Gar nichts. Oder irgendwas. Kratze mir unter der Dusche das Lila von der Haut. Die Reste meiner Erinnerung verfangen sich unter meinen Fingernägeln. Gott war nie da. Du auch nicht. Ich bin eine Schlampe. Ich schreibe Lila.

Gefühle

Gefühle. Man kann sie nicht nicht wegwünschen, man kann sich auch nicht selbst belügen. Vielleicht kann man anderen sagen, es wäre nicht von Bedeutung. Und jedes Mal, wenn man das sagt, reißt man eine neue kleine Wunde auf. Sie sind da, einfach nur da. Folgen keiner Regel und keiner Logik. Nur ihrer eigenen. Sie ändern sich, passen sich an und man hat kein Mitspracherecht. Sie folgen sich selbst, ihrer Sehnsucht. Man kann nicht atmen, dieser kleine große Teil kann nicht atmen. Irgendwann kommt man an einen Punkt, da ist es okay. Man resigniert, gibt auf, nimmt hin. Man sieht ein, dass man sich nicht wehren kann. Und dann fühlt man halt. Es wirkt ruhig.

Hass: Innerer Monolog (aus den Entwürfen ausgebuddelt)

Ich hasse die Menschen nicht. Zwar mag ich sie auch nicht sonderlich, aber ich kann behaupten, keinen einzigen Menschen zu hassen. Keinen einzigen. Manchmal frage ich mich, ob ich zu tiefem Hass überhaupt fähig bin. Was ich aber hasse – nein Hass ist eigentlich das falsche Wort. Was ich verachte, ja verachte, ist die Nähe die sie ständig wollen. Die Nähe, die sie immerzu suchen. Körperliche Nähe, Emotionale Nähe. Denn. All das kann zerstören und sie haben keine Ahnung. Sie können nicht damit umgehen. Sie können es nicht steuern. Nicht kontrollieren. Ich verachte es, wenn sie mich umarmen wollen, wenn sie mir nah sein wollen, wenn sie mich ergründen wollen. Wenn sie mir nah sein wollen.

Wie sie keine Ahnung haben, von der unberechenbaren Macht, die sie besitzen. Aber ob ich das an ihnen verachten kann? Darf? Nein. Das darf ich nicht. Es sind Menschen, sie sind menschlich. Das verachte ich an mir! Das muss ich an mir verachten. Meine Menschlichkeit. Ich verachte die Schwäche, die Schwäche diese Menschen letztendlich doch an mich heran zu lassen. Nicht alle, aber es kommt immer jemand, der die Schwäche blind nutzt. Und ich? Was passiert? Es ist meine Schuld. Ich lasse mich darauf ein. Immer mal wieder. Menschlich. Aber was bleibt mir sonst übrig?

Mir scheint das wie ein unfairer Kampf. Einer gegen alle. Oder zumindest gegen viele. Wie sollte ich allen Stand halten können? Wie sollte ich, wenn ich so geschwächt bin gegen die Stärke der Menschen Stand halten? Gegen ihr lebendig sein? Gegen ihre Energie, ihre Energie, die sie immer haben, immer so einfach bekommen können, nie muss es ihnen daran mangeln. Sie durchleiden das nicht, nein, sie sind einfach nur blind.

Wenn sie kommen und mich erfahren, mich ergründen wollen, haben sie Angst vor mir. Denn auch ich bin im Besitz dieser Macht. Als ob sie mich je vollständig ergründen könnten, als ob ich das je zulassen würde. Niemals reichte meine Schwäche aus, um sie so unglaublich nah an mich heran zu lassen. Ja unglaublich. Denn es wäre tatsächlich nicht zu glauben. Nein. Aber sie sehen die Oberfläche, sie spüren, das ich nicht wie sie bin. Und das macht ihnen Angst. Ich spüre ihre Angst. Sie geraten in eine Abwehrhaltung und wollen mich zerstören. Aus Angst ich könnte es mit ihnen zuerst machen. Diese blinden Narren! Wie könnte ich sie zerstören, wenn ich so geschwächt bin, wenn sie mich so geschwächt zurück lassen. Als wollte ich ihnen etwas antun. Als könnte ich das so schwach. Nein, ich kann nicht. Nicht ohne ihr Lebendig sein, nicht ohne, dass sie mich lebendig halten. Nicht ohne ihre Energie, nicht ohne ihr Blut. Ihre Liebe.

Dabei sind sie es, die mir etwas antun. Und sie wissen nie, was sie tun. Sie haben keine Ahnung. Sie sind blind. Sie nutzen ihre Stärke, ohne es zu wissen. Mit verbundenen Augen laufen sie durch die Welt und haben keine Ahnung von der Macht,  die sie besitzen. Die Macht andere zu zerstören. Und sie nutzen sie nicht mal richtig. So unwissend und wahllos. Aber unberechenbar. Ja, unberechenbar.. Ich muss dieses Risiko eingehen, jedes Mal muss ich dieses Risiko eingehen, muss sie an mich heranlassen. Ich bin auf sie angewiesen. Ich bin menschlich.

Angewiesen auf ihr Leben. Aber ich kann das nicht mehr. Ich bin geschwächt, wurde zerfetzt. Ein Mensch hat es geschafft. Und er hat keine Ahnung, dieser blinde Mensch. Und selbst diesen Menschen kann ich nicht hassen. Ich kann ihn ums verrecken nicht hassen! Ich kann ihn nur begehren. Diesen Menschen.

Angewiesen bin ich darauf, dass sie Leben! Ich brauche ihre Kraft, ihre Energie, um selbst aufrecht stehen zu können. Brauche es, um sie zu Manipulieren und für meine Zwecke zu nutzen. Brauche es um stark zu bleiben. Brauche ihr Leben, ihre Liebe, ihr Blut. Ein ewiger Kreislauf. Und niemals darf ich schwach werden. Niemals darf ich sie in mich hineingreifen lassen, immer muss ich ihnen die Nähe vorspielen. Sie müssen mir nah sein und sie müssen mir egal sein. Ich darf sie nicht hassen! Sie müssen mir egal sein! Wie kann das gehen, wenn ich schwach bin, wie?

Wie diese Menschen ihre Kraft haben, das habe ich nicht. Wie sollte ich also fair gegen sie kämpfen können? Wie sollte ich hinterlistig und unfair an ihr Leben kommen und selbst stark zu sein? Ich muss stark sein, obwohl ich es nicht bin. Wie soll das nur gehen..

In Wahrheit machen mir die Menschen nur Angst. Große Angst. Manchmal gar panisch. Und aus dieser Angst halte ich mich fern von ihrem Lebendig sein, werde schwächer und schwächer. Und schwach bin ich ihnen schutzlos ausgeliefert. Das macht mir nur Angst. Ein Kreislauf, aus dem es kein Entkommen gibt? Wie sollte ich meine Stärke zurück bekommen, ohne wieder zerfetzt zu werden? Wie? Ich brauche einen schwachen Menschen. Eine schwache, kleine, bemitleidenswerte Zapfsäule, die mir meine Stärke zurück gibt.

Es braucht nur einen Menschen, einmal einen Menschen, einen schwachen Menschen, den ich für meine Zwecke nutzen kann! Den ich benutzen kann um wieder Teil des Kreislaufs zu werden. Um nicht mehr zerfetzt zu sein, um keine Angst mehr haben zu müssen, um endlich wieder stark sein zu können. Einen schwachen Menschen, der gegen meine Schwäche schon nicht mehr ankommt. Einen Menschen, der schon zerstört ist. Einen der am Boden liegt. Mit einem Bein im Grabe, gerade noch stark genug um mich zu stärken.

Diesem zerstörten lebendigen Menschen die letzte Kraft entnehmen und sie für mich nutzen. Und er muss mir egal sein, er darf mir nicht Leid tun. Ich darf kein Mitgefühl kennen. Ich muss es vergessen. Es gibt kein Mitgefühl! Ich muss diesen zerstörten Menschen endgültig und kaltblütig vernichten, zurück lassen und weiter stark werden. Wieder stark werden.

Ich habe mich schwächen lassen von diesem Menschen und schwebe außerhalb des Kreislaufs, nie wieder darf mir das passieren.

Nie wieder!

Wir sind nicht zu Ende

Heute habe ich unterschrieben. Vom Gefühl her war es vergleichbar mit dem unterschreiben beim Paketboten. Nicht etwa für ein Paket mit ersehntem Inhalt. Eher so, als wäre in dem Paket nur heiße Luft. Ja, so fühlte es sich heute an, dieses Dokument zu unterschreiben. Gleichzeitig so, als hätte ich einer Hinrichtung zugestimmt. Meiner Hinrichtung. Bereitwillig. Und dabei habe ich auch noch verkrampft gelächelt. Mit meinen Gedanken war ich bei dir, bin ich bei dir. Nur deshalb konnte ich heute lächeln. Mein Brief an dich beinhaltet das erste Mal keine Einleitung. Kein ‚Hallo‘, kein ‚Guten Abend‘, kein ‚mein Liebster‘. Das wäre…unpassend. Aber du weißt, was ich denke. Und ich weiß, was du denkst. Nur hat niemand etwas gesagt. War das der Fehler? Nun habe ich Schwarzwälderkirschtorte in meinen Zahnzwischenräumen. Er mag sie. Ich mag sie nicht. Du auch nicht. Bei uns würde es nun reichlich Met geben und dazu Bratwürstchen im stehen. Und – es wird dich überraschen – für dich hätte ich ein Kleid getragen. Mittelalter, klar oder? Ich mache mir Gedanken. Bin ich eine Betrügerin? Ich glaube nicht. Nicht für ihn. Hab ja keinen Sex. Und meine Gefühle sind ihm egal. Das ich dich liebe spielt keine Rolle. Und das, was uns verbindet, würde er in tausend Jahren nicht verstehen. Er ist ein Schwanzdenker. Du nicht. Du ganz und gar nicht. Ich hatte erwartet, dass es sich anders anfühlen würde. Jetzt, wo ich unterschrieben habe. Stattdessen denke ich an dich. Schreibe dir einen Brief. Ich denke, dass ich ihn auch liebe. Nicht, weil er so ist, wie er ist. Obwohl er so ist, wie er ist. Und ich schreibe dir nun auch kein Ende. Denn wir sind nicht zu Ende, werden wir nie sein. Dieses Dokument ist wertlos.

Für Niemand.

Ich bin nicht das, was du dir erschaffen willst. Ich bin ich. Ich bin eine Frau, zumindest im biologischen Sinn. Unterdurchschnittlich schön. Und der Körper, nur eine Massenkarambolage auf der Grundlage von jahrzehntelangem Selbsthass. Männer denken, sie können Frauen benutzen. Ich denke nicht. Und dann suchen sie eine Muse. Ich bin nicht deine Muse. Ich bin ich. Deinen Liebesbrief lasse ich im Zug liegen, damit ihn irgendjemand liest. Ich tue dir den Gefallen, obwohl ich mit mir selbst beschäftigt bin. Ich schreibe. Schreibe in mich. In mein dunkles Inneres mit schwarzer Tinte, damit du meinen Brief nicht lesen kannst. Und ich wälze mich nackt im Schnee, bevor ich an deine Tür klopfe. Unterstreiche meine dick-gedruckte Kälte im CAPS LOCK, während ich kursiv empfinde. Mit einem Lächeln begrüße ich dich, tue belesen und spreize die Beine. Seestern. Vergiss nicht, ein Kissen unter meinen Arsch zu schieben, ich will deine Höhenangst spüren. Ich will dein Fallen hören. Schiebe dich tief in mich und lies mich. Lies rücksichtslos meine Dunkelheit und ich diktiere dir meinen Schmerz dich zu lieben. Du berührst das, was du dir erschaffen willst. Aber ich bin ich. Zu komplex, dann noch verschwiegen. Ich berühre nichts. Dein Liebesbrief ist genauso weit weg wie ich. Du bist niemand. Ich bin wie du. Mir ist heiß geworden unter deinem schweren, nassen Körper. Ich will Schnee. Ich bin nicht deine Muse. Ich bin eine Frau. Ich bin ich. Ich bin nicht das, was du dir erschaffen wolltest. Ich löse mich auf.

Fotografie

Hoch über mir hängt ein ausgeblichenes Foto von dem Menschen, der ich gern wäre, mit wem ich sein könnte, wie es sein kann, alles so abstrakt. Auf meinem Tisch ein schnelles Essen, ohne Liebe zubereitet. Trotzdem nährt es den müden Kadaver, das muss es ja schließlich. Leben muss, Körper muss, ich muss. Heute dies, morgen das. Und das Lächeln, das ich mir angetrunken habe, nicht zu vergessen. Bin es leid, diese Angst haben, leid, sie allein zu haben, einfach nicht mehr darüber zu reden, weil ich sie niemandem zumuten will. Ach, was rede ich, niemand könnte mich tragen. Schon gar nicht dieser Mensch, diese zwei Menschen auf meinem Foto. Ich bin es leid, das schön reden, das Betäuben, diese angstverseuchte Ödnis. Diesen Abklatsch meiner Selbst. Den tagtäglichen Anfang und das Ende, das mir hinterher hechtet. Und all das, was ich niemanden sehen lasse. Niemanden sehen lassen kann. Diese Angst, diese verdammte Angst, die mir nach all dem guten zureden, in meinen täglichen Enden im Wege steht. Jeden Menschen vertreibt. Bin es leid zu flüchten, vor mir, vor dir. Mich hinter meiner Fassade zu verstecken. Nur die Tür habe ich schon lange aus den Augen verloren. Und die Anderen, ihnen genügt die Oberfläche. Das tragbare. Sie denken, ich spiele mit ihnen, dabei spiele ich mit mir, nur um mich zu bewegen, um kurz etwas zu fühlen um dann wieder allein und banal zu sterben. Dieser elendig-gewohnte Kreislauf, diese Sicherheit, die mir am Ende des Tages nichts gibt. Und meine wahren Träume finde ich erst im Bett. Ja, schlafen kann ich gut. Ich muss. Im Traum habe ich keine Angst. Im Traum sehe ich diese Fotografie. Im Traum fühle ich sie, lebe ich sie. Und dann präsentiere ich, frisch und munter ausgeschlafen diesen strahlenden Menschen, diesen starken Menschen, der Angst davor hat, gerettet zu werden und sich gleichzeitig nichts sehnlicher wünscht als das. Aber ich rede es gut. Ich bin happy.

Kopfschmerz.

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann wäre dieser ohne Rücksicht auf Verluste. Ein mal bitte das Gehirn auslöschen. Nein, nicht töten. Nur den Inhalt, die Festplatte löschen. Schade um manches, vermutlich schade um alles. Aber die Ruhe muss wundervoll sein. Wenn der Schmerz nachlässt. Und alles, was diesen Schmerz einst gefüttert hat, allenfalls als Déjà-vu in Erscheinung tritt. Die Gedanken tatsächlich still sind und Gleichgültigkeit der Wahrheit entspricht. Aber nein, so läuft es nicht. Dinge, die etwas bedeuten, werden weiterhin etwas bedeuten. Manchmal eben Schmerz. Man muss ihn aushalten und hoffen, dass er vielleicht doch irgendwann verschwindet. Mit so einer Festplatte, die nichts löscht und über unbegrenzten Speicherplatz verfügt, ist das nicht leicht. Ja, ich weiß, man kann nie genug Speicher haben. Trotzdem wäre ich gern eines dieser einfachen Mädchen, die ich aus der Schulzeit kannte. Immer hübsch zurechtgemacht, finden ihren Mann und das perfekte Kleid, kaufen ein Haus und gebären ein paar Kinder. Wenn ich an sie denke, sitzen sie auf mit einem Eistee auf der Veranda und erfreuen sich an ihrem Leben. Eine gute Nacht Geschichte zum Abend und dann noch ein Eis vor dem Fernseher. Für sie ist es das größte. Na ja, ich gehörte nie dazu. Ich brauche keinen perfekten Mann, trage kein Kleid und möchte keine Kinder. Btw.: Wenn man in den dreißigern ist, wird man dauernd ungefragt darauf aufmerksam gemacht, dass sich die Fruchtbarkeit dem Ende zuneigt. Dieser Hinweis geht einher mit der Frage, ob ich denn einsam sterben wollen würde. Ja man, das ist der Traum. Es fehlen nur noch sehr viele Katzen. Na und okay, die Veranda wäre auch schon nice. Ich denke nach. Tag und Nacht. Es hört nicht auf. Alles auf einmal, nichts wird vergessen. Und um dem zu entgehen, häufe ich mehr Wissen hinein, lese, recherchiere. Nun, um dieses gesammelte Wissen wäre es schade. Was ich gern löschen würde, sind die Dinge, die mich bewegen, die manchmal so weh tun, dass es…Nun, wie wenn sich heißes Wasser kurz kalt auf der Haut anfühlt. Nennt sich paradoxes Kälteempfinden. Meine Gedanken sind in diesem Sinne auch oft paradox. Auf der einen Seite logisch, zielführend. Auf der anderen Seite tut es eigentlich überwiegend weh. Für so etwas hat irgendein Mensch Schätzungen zufolge 10.000 v. Chr. den Alkohol entdeckt. Und der hat sich bis heute mit größter Beliebtheit durchgesetzt. Gewiss nicht nur um Party zu machen. Ne, wir können damit für kurze Zeit den Schmerz lindern. Irgendwer hat auch noch Promethazin erfunden, ein paar Tropfen dazu und der Abend kann gerettet werden. Aber eben nur der Abend. Löschen erscheint mir zukunftsorientierter. Und da ich ausschließlich zukunftsorientiert denke, denn alles andere verschwendet meine Zeit, schließe ich die alkoholische Lösung aus. Außerdem wirke ich nüchtern schon besoffen genug. Ich hab auch mal gekifft. Nein, nicht auf ne süchtige Art und Weise, nur in der Jugend mal so ausprobiert. Was man halt so macht. Ich habe es sogar mal geschafft, ein mal versehentlich an einer Crack-Pfeife zu ziehen. War sehr unspektakulär, ich wusste damals aber auch nicht, was dieses kleine Ding überhaupt ist, das man mir hingehalten hatte. Ich war halt sehr blauäugig. Aber die Pflänzchen waren toll. Selber Effekt wie Alkohol, nur ohne Übelkeit. Na ja, soviel zu den kleineren Jugendsünden. Aber auch das hier führt zu nichts. Ich könnte weitere, alternative Wünsche notieren, aber auch die führen zu nichts. Man kann eben nur darauf warten, dass der Schmerz nachlässt. Viel länger als ein ganzes Leben kann es nicht dauern.

aneinander vorbei

Ja, vielleicht ist sie naiv, vielleicht vergibt sie viel zu viele Chancen an Menschen, die es nicht einmal bemerken. Während die letzte Chance gerade erst den Weg in den Abfall findet, fliegt die Nächste schon hinterher. Und so langsam spürt sie, dass ihr die Chancen ausgehen. Jedes Mal ein Stück Seele herausschneiden, es hübsch verpacken, so tun, als machte es ihr nichts aus und die neue Chance überreichen. Das wäre nur halb so schlimm, wenn diese Menschen es wenigstens verdient hätten. Wenn er all diese Chancen verdienen würde. Ne, das wäre ja nur halb so zerfleischend. Und wenn sie dann doch irgendwann weiterzieht, versucht, das was noch von ihr übrig ist, das durchlöcherte, verdreckte, zerfledderte Stückchen Seele irgendwie zu flicken, dann nennt er sie Nutte. Komisch, ein Mann muss nicht einmal zerfleddert sein, um sich ebenso zu verhalten. Und er ist dann ein toller Hecht. Ne. Für sie nicht. Für sie ist er ausgelutscht. Verbraucht. Für sie ist er eine Nutte. Noch dazu eine eifersüchtige Nutte. Immerhin genügt ihm der Gedanke, sein Gedanke als Beweis dafür, dass sie sich in den Armen eines anderen Mannes trösten lassen würde. Selbst wenn dies nicht der Wahrheit entspricht. Sein Urteil steht fest. Und um sich von dieser Eifersucht abzulenken, lässt er sich trösten. Ja. Sie gibt ihm zu viele Chancen, jeden Tag redet sie sich gut zu, während sie sich bemüht, es nicht zu tun. Aber sie sieht über all das hinweg. Sie sieht in seine gute Seele. Mit jeder neuen Chance. Mit jedem Stück neuer Seele. Ja, sie ist naiv. Aber er, er ist vollständig gedankenlos.

Obskures Einhorn

Ich bin Realistin. Ja, auch Pessimistin. Vielleicht sogar ein bisschen Optimistin, gelegentlich, wenn sich die Gelegenheit bietet. Wenn ich etwas erwarte, dann zugleich alles und nichts. Murphys Law nicht zu vergessen, sogar bevorzugt im Fokus stehend. Das verhindert nicht den Schmerz, aber man kann sich selbst guten Gewissens sagen: „Ich hab’s dir ja gesagt“. Und da würde ich gern sagen, dass mich nie etwas überraschen kann, aber selten passiert das doch. Es passiert eben viel, das ist immer so, bei jedem. Es ist immer viel passiert, die Geschichte, die wir kurz halten wollen, ist in Wahrheit immer lang. Und dann gibt es diese Menschen, da findet die Geschichte weder Anfang noch Ende. Das sind diese Geschichten, über die man nicht spricht. Nicht etwa weil man es nicht möchte, sondern weil sie nicht erzählt werden können. Was auch immer diese Geschichte aber gewesen sein mag, sie ist es, die uns ausmacht. Die Dinge, die in keinem Albtraum vorkommen, die Wahrheit, aus der man nicht so einfach aufwachen kann. Daraus sind wir entstanden. Wir, die Menschen mit den endlosen Geschichten.

Und trotzdem, selbst wenn wir nicht über diese Vergangenheit sprechen wollen, weil wir sie verdrängen, vielleicht noch verarbeiten, oder sie einfach nichts mehr in der Gegenwart und der Zukunft zur Sache tut, sie macht uns dennoch aus. Wir sind das Resultat aus dieser Geschichte, aus unserer, ich aus meiner. Und manchmal wird man der verschlossenste Mensch, dem man begegnen kann. Nur damit dieses albträumen ein Ende findet, damit Ruhe einkehrt, Verlässlichkeit in einer Welt, in der nichts wirklich sicher ist. Unweigerlich wird jeder Mensch einem Test unterzogen. Nein, nicht mit Papier und Kugelschreiber. Viel härter ist dieser Test. Er testet jedes Wort, jeden Atemzug, jede Regung, dieser Mensch wird durchleuchtet, wieder und wieder, jede Handlung wird hinterfragt. Jede Sekunde wird beurteilt. Der Test startet sofort und endet, wenn ein Bestehen ausgeschlossen werden kann. Und dieser Test wird nicht wiederholt.

Denn damit sich diese Menschen, wenn auch nur für die Gegenwart und die Zukunft wahrhaftig öffnen, braucht es ein Testergebnis von 100%. Was, wie soll es anders sein, vollkommen unrealistisch ist in dieser Welt, in der gar nichts sicher ist, mal abgesehen von der Unsicherheit. Fair ist dieser Test auch nicht. Es werden keine Fragen gestellt, keine wichtigen. Jemand sagte mir mal „Lass die Menschen reden, sie erzählen ihre Geschichte“. Nun, die Geschichte ist irrelevant. Aber das, was die Geschichte aus diesen Menschen gemacht hat, das ist wichtig. Und sie leben es, zeigen es, strahlen es aus. Ich bin nicht sicher, wie ich bei all diesen Tests abschließe. Es kommt ja niemand daher und erfragt sein Ergebnis, so auch ich nicht. Aber ich denke man merkt es, wenn man bestanden haben sollte. Nicht jeder Mensch braucht diese 100%. Aber diese Menschen mit den nie enden wollenden Geschichten, diesen Albträumen, sie brauchen diese 100%. Wie gesagt, bin ich aber auch Realistin und lasse auch 99% noch durch. Nicht so ganz geöffnet, aber sehr viel.

Eine Sache, die ich dabei nicht zugeben mag, die aber bei diesen Menschen mit den nicht enden wollenden Geschichten durchaus häufiger vorkommt ist, dass sie Träumer sind, irgendwo versteckt, in der Nacht, im Hinterkopf, in der Stille, in der Einsamkeit. Es sind die zerbrochenen Menschen, die Stärksten der Starken. Und ich glaube an echte Magie, an das Unrealistische, an diese 100%, an die wirklich wahre Liebe, an Bedingungslosigkeit, an verwandte Seelen, an das Gute und an die beständige Ewigkeit. Ja, das ist das Selbe wie an die Existenz von Einhörnern zu glauben. Besonders, wenn der Test so gnadenlos hart ist, wie meiner es ist. Aber es handelt sich dabei nur um ein Geheimnis. Ich bin also eine Realistin die stets alles erwartet, erfahrungsgemäß Murphys Law, das Unerwartete, das zu erwartende.

Und dieses obskure Einhorn.

Romantik

Höre die Romantik im Herbstlaub knistern, bin nur nicht romantisch, liegt mir nicht. Bin eher so die tragische, mit dem Sinn fürs Absurde. Die dummen Ideen? Ja, die kommen meist von mir. Hinter dem bisschen Grips steht eben doch jener verrückte Professor, der täglich ein neues Monster erschafft. Und wenn die Uhr nicht mal mehr im Schein einer kleinen Kerze zu sehen ist, dann ist die Nacht tief genug für eben dieses Monster. Romantisch wird es dann nicht, das Laub, das bis zum Sonnenuntergang noch romantisch knisterte, klebt in der feuchten Nachtluft am Asphalt, die wenigen einsamen Seelen, die dann noch unterwegs sind, rutschen allenfalls darauf aus und belustigen mich, bis der letzte den Weg in seine verflossenen Träume gefunden hat. Für mich wird es dann aber interessant. Dinge passieren, die nicht passieren sollten. Dinge werden gesagt, die im Licht zu ehrlich wären. Und Dinge werden getan, die ganze Leben bewegen, verändern können. Und dann gibt es kein Zurück mehr. Ob der Nächste Tag verregnet sein wird, oder das Absurde doch ein Happy End schreibt, tja, das kommt drauf an.

Angst

In letzter Zeit bist abgelenkt von deinen Gedanken, versuchst sie zu verdrängen, dich in Kunst zu flüchten, in Musik und in deine Arbeit, eine klare Sicht behalten ist die Hauptsache, sagst du dir immer wieder, willst stark sein, dein Kopf sieht das anders, sieht in deiner Hauptsache nur noch eine unbedeutende Nebensache. Deine Bemühungen nur, um dich am Ende wieder in diesen Gedanken zu verlieren, welche dir jeden Tag, den ganzen Tag im Hinterkopf klemmen, fast wie ein Parasit. Diese Gedankenöffnung voll Lust und Tiefe, aber dann diese Gedanken, die du nie wieder fühlen wolltest, weil sie dir einmal zu viel beinahe das Leben gekostet hätten. Du hast Angst, du bist erwachsen, aber du fühlst dich wie ein Kind, das niemand sieht, bist allein mit diesen Gedanken, der Angst. Nein, sagst du dir immer wieder, NEIN! Jetzt wird gearbeitet. Und heute Abend trinkst du dich in den Schlaf und hoffst, in deinen Träumen nicht zu denken, nicht zu fühlen. Hoffst, dort die Angst nicht zu verlieren, die Erde unter deinen Füßen, die dir, wenn du wach bist, sowohl das Leben rettet, als auch nimmt. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Es ist zwar kein Drabble (das hatte ich bereits geschrieben), trotzdem sind dort die aktuellen drei Worte von Lyrix untergebracht 🙂 Nur so aus Spaß an der Freud.

Dein sein.

Ich kann diesen Mord verstehen. Es musste ja so kommen, denke ich in den letzten Minuten meines Lebens, während es nach und nach dunkler und leichter in mir wird. Das Blut, mein Blut, welches sich in einer dunkel-dickflüssigen Lache um mich herum ausbreitet, kann ich sehen, aber nicht mehr fühlen. Nicht die Wärme, auch nicht die Nässe. Mein regungsloser Körper ist nicht mehr, nicht mal mehr kalt. Und nachdem ich all die Jahre selbst unter den zahlreichen Betten verflossener Liebhaber mit einem Messer gelegen hatte, wartend auf die Gelegenheit ihnen dieses Messer in die Brust zu stechen, sie aufzuschlitzen, um ihnen das Herz zu entnehmen, es einzulegen in Formaldehyd, damit es für immer mein sein würde, war es der einzig logische Weg, dass einer von ihnen mir nun den Garaus macht, sich das traut, was ich nur stillschweigend lebte. Noch dazu hat er, unwissend darüber, dass ich eine Weile auch unter seinem Bett lag, nicht nur sein Leben gerettet, sondern vor allem das seiner Brüder. Ich jammere also nicht herum, ziehe keine schmerzverzerrte Fratze, sondern blicke starr, mit glänzenden, erwartungsvollen Augen in die Augen meines Mörders. Und ich kann diesen Mord verstehen. Ihm wollte ich mein Herz entziehen, er wollte, dass es für immer ihm gehört. Und gleich wird es vorbei sein, ich werde vorbei sein, gleich bin ich dein.

Schwanken

Ich schwanke. Schwanke noch ein wenig vor mich hin, etwas vor und wieder zurück. Hin und her. Newtonpendel. Mit jedem Stoß ein Seufzen, das du nicht hörst. Versuche Zweifel durch ein Nadelöhr zu schieben, aber selbst wenn ich damit jede Wunde, die du öffnest, verschließen könnte, wäre der Faden viel zu aussichtslos. Solange ich dich aber vor mir herschiebe, schwebt die Leichtigkeit in Gewitterwolken. Unwetter droht, bellt, aber kann nicht beißen. Und solange kann ich dich festhalten. Wenn das bedeutet, dass ich mir Blutergüsse in die Unterlippe zeichne, statt dich zu küssen, dann wähle ich die Last auf meinem Körper dich vor mir herzuschieben und in Seekrankheit zu leben. Und wenn ich regne, dann leise in der Sommernacht, damit dich der Morgen mit saftigen Wiesen und getrocknetem Beton begrüßt. Dann schaue ich wieder zu lange aus dem Fenster, beobachte die Lebenden, ein Vorbeiziehen und die Jahreszeiten. Es dauert eine Ewigkeit über deine Gedankenlosigkeit nachzudenken, während dein Lachen mein Ohr bluten lässt. Ohne Rücksicht auf Verluste. Du hast ihn kennengelernt, den Verlust, er hat dir die Menschlichkeit genommen, die ich gesucht habe. Aber nicht das gebrochene Herz. Nicht die Angst vor dem inneren Tod. Und nicht das Ziel, das hinter dem Winter ruht. Ohne Handschuhe berühre ich es. Und was mir der Verlust aus blauen Fingerspitzen zieht, ist das Gefühl. Mein Gefühl. Mich. Alles was mich schützt, mich ausmacht, was ich mühsam gefunden und gesammelt habe. Die zerkratzte Oberfläche lässt er mir, damit es in jeder Wunde brennt. Es brennt. Und ist es das Wert? Sag, ist es das Wert, dich nicht mehr mit dieser Leichtigkeit vor mir herzuschieben? Ist es das? Es ist bunt, es ist hell, wild, große Gefühle und Sex. Die Wahrheit jedoch steht in den Spuren im Schnee. Und dann neue Hämatome. Ich möchte sie zählen, aber ich schwanke. Ich schwebe. Ich schwanke.

Entscheidungen

Das Leben besteht aus einer Aneinanderreihung kleiner Entscheidungen. Ja oder Nein. Viel oder wenig. An oder aus. Klein oder groß. Die meisten davon sind nicht von belang, wir leben damit, leben so vor uns hin, fließen und nehmen, sind glücklich oder nicht. Und wenn es uns nicht gefällt, entscheiden wir neu. Das meiste ist wie ein Stück Schokolade, eine kurze Freude wird zur Gewohnheit, gerät in Vergessenheit. Es lebt der Moment. Niemand von uns wird sich auf dem Sterbebett daran erinnern, dass er Maurer statt Maler wurde. Es ist so. Und niemand wird sich daran erinnern, ob man das Licht an oder ausgeschaltet hat.

Wenn wir aber dem Tod ins Auge blicken, dann denken wir an die wirklich wichtigen Entscheidungen. Nehmen wir an, dieser Tag ist heute, genau jetzt. Und wir denken an Wahrheit oder Lüge, an Liebe oder Hass, an einen Schritt nach vorn oder zurück. An Leben oder sterben. Hast du dich heute schon entschieden? Und war es dir wichtig, wirklich wichtig? Nicht immer haben wir Einfluss auf die wirklich wichtigen Entscheidungen. Aber wenn doch, dann entscheide. Jetzt!

Wertschätzung und Liebe

Ich habe über die Wertschätzung nachgedacht. Über Vertrauen und wie immer, über die Liebe, von der ich noch immer nicht genau weiß, was sie eigentlich ist. Ich würde gern sagen, dass ich die ach so magischen drei Worte nur wenige Male gesagt habe, aber das kann ich nicht. Ich habe diese Worte nicht zu vielen Menschen gesagt, aber zu diesen wenigen dann doch des Öfteren. Noch häufiger wohl das Bekannte „ich dich auch“. Warum? Nun ja, weil man das eben so sagt. Wie oft habe ich es aber in dem Moment, in dem ich es gesagt habe, auch wirklich so gemeint? Wenn ich meine neusten Gedanken dazu miteinbeziehe – noch nie. Durchaus habe ich es gefühlt und hätte ich diese drei Worte dann gesagt, dann hätte ich sie auch so gemeint. Das ist bisher aber nicht vorgekommen.

Gerne betrachte ich Menschen nicht im Gesamtbild, sondern zerteile sie wie ein Puzzle und betrachte dann jedes einzelne Stück. Und dann sehe ich die schönen Farben der Seele, das was zu bewundern ist, ja auch was zu begehren ist, aber auch die Abgründe und dann kommen noch die ganz tiefen Abgründe, da wo die Leichen ruhen. Dazu fällt mir ein recht oberflächlicher aktueller Trend aus dem Netz ein, welcher ungefähr so aussieht: „Er/Sie ist eine 10 von 10, hat aber (ich nehme mal ein Beispiel, das die meisten Menschen abschrecken dürfte) die Neigung, sich mit Exkrementen einzureiben. Was wird dann aus der 10 von 10? 10 von 10 ist schließlich perfekt. Und das war nur ein Beispiel. Wir alle haben Eigenschaften, die aus unserer 10 von 10 eine, sagen wir, 5 von 10 machen könnte.

Und dann kommt mein Gedanke an die Wertschätzung ins Spiel. Mein genanntes Beispiel würde, sofern ich diesen Menschen wertschätze, tatsächlich eine 10 von 10 bleiben. Was nicht bedeutet, dass ich diese Neigung teile (oder eben nicht zwangsläufig jeden anderen Abgrund), ebenso, wie nicht jeder andere Mensch meine Abgründe teilt. Ich sehe das sehr simpel. Hätte ich diesen Menschen, diese 10 von 10, dann würde ich ganz offen darüber sprechen wollen, so wie ich immer über alles offen sprechen können möchte (ist vielleicht einer meiner Abgründe). Vertrauen. Und postwendend den Vorschlag unterbreiten, dieses Bedürfnis doch einfach bei einem anderen Menschen zu befriedigen. Denn wer bin ich schon, jedem Abgrund, jeder Sehnsucht eines Menschen gerecht werden zu können? Das würde nicht nur meiner 10 von 10 die Freiheit nehmen, sondern auch mir. Und ich mag meine Freiheit.

Vielleicht ein Beispiel, mit dem die meisten besser zurecht kommen: Sie/Er hat kein Auto. Ist tatsächlich für einige ein no go. Ist ja auch nicht so, dass es Öffis gibt, welche, zumindest in der Stadt, alle 5 Minuten fahren. Oder diese Wahnsinns-Erfindung: Gehen. (Im kostenlosen Upgrade-Tarif ist sogar Rennen enthalten).

Nun, aber so schnell kann bei einer 10 von 10 der Wert sinken. Und was bleibt? Oberflächlichkeit? Ein bisschen Begierde, ein bisschen Bewunderung. Vielleicht sogar ein bisschen „ich liebe dich“. Hashtag: Kompromiss. Und dann. Vielleicht ein bisschen Mensch-besitzen, Mensch-erziehen. Dann sehe ich wieder Menschen, die ihrem Partner das Geld einteilen. Was bin ich, deine Mama? Ich sage nicht, dass es nicht gut gehen kann, mit all diesen Kompromissen, mit diesem „dieses und jenes musst du ändern, damit du eine 10 von 10 für mich bist“. Als ein von Haus aus manipulativer Mensch, spreche ich mich davon nicht frei. Es ist wohl menschlich, den tollsten Menschen an sich anpassen zu wollen, damit er der Tollste bleibt. Unterm Strich ist es halt nur ein Kuhfladen mit Glitzer drauf.

Das Ergebnis dieser Gedanken ist, dass sich „Vertrauen/Ehrlichkeit/Direktheit“ den ersten Platz nun mit der Wertschätzung teilt. Um mir irgendwann die Frage zu beantworten, was nun eigentlich diese Liebe ist. Sprich: Wenn für mich eine 10 von 10 in ihrem Wert sinkt, kann ich diesen Menschen auch nicht lieben. Wenn ich diesen Menschen verändern muss, anpassen, oder der Mensch das Gefühl hat, nicht über alles sprechen zu können (-Konsequenzen fürchten muss), dann kann die Liebe nicht so echt sein. Wenn nicht ausnahmslos jeder Abgrund, jede Freiheit (von beiden bzw. mehreren) gelebt werden kann, dann kann die Liebe nicht für die Ewigkeit sein. Mir ist klar, dass die meisten Menschen anderer Meinung sind, ich lebe zwar hinterm Mond, habe aber trotzdem ein W-lan Kabel. 😉

Wie immer bleibt das Gefühl in mir zurück, es nicht so erklärt zu haben, wie ich es empfinde und so viele Worte in mir zurückbleiben, die ich dazu noch habe, aber einfach nicht ausdrücken kann. Aber auch das Gefühl, dass es mir ziemlich egal ist. Am Ende eines Tages machen wir ja doch alle, was wir wollen, und sind, wie wir sind. Oder beinahe, der Wertstabilität wegen. Ich lerne noch.

PS: Es geht mir hier nicht um Akzeptanz oder das bloße Hinnehmen (das wär ja wieder nur ein Kompromiss). Es geht mir darum, die dreckigsten Leichen zum einen so zu belassen, belassen zu wollen (auf Gegenseitigkeit beruhend) und sie wertzuschätzen. Und ich meine damit auch nicht die kleinen Macken, die man am anderen Lieben kann. Irgendwie komme ich damit dieser, meiner Definition von echter Liebe ein Stück näher.

Laufe halt auch nicht ganz rund, mit all meinen Abgründen. Aber das ist ja kein Geheimnis.

Männer.

Es ist die Jagt, bei euch Männern, der Nervenkitzel, von kurzweilig zu kurzweilig und so akrobatisch und breitbeinig wie möglich, zwischendurch eine kalte Dusche und dann die Nächste Bestätigung. Wenn ihr mich fragt, langweilig, so langweilig, dass ich bei den wenigen Worten schon drei mal eingeschlafen bin. Wenn ich solche Männer sehe, dann sehe ich gleichzeitig Kindergartenkinder, die sich um ein Spielzeug streiten. Und ich schaue weg, bevor ich ein weiteres Mal einschlafe und ziehe es vor, eine Dokumentation über das Herstellungsverfahren von Pappkartons zu sehen. Wenn ich aber einen Mann sehe, der nach einem langen Tag nichts mehr ersehnt, als die Umarmung einer Frau, wenn er nach Hause kommt, die ihn stinkend genauso liebt, wie frisch geduscht, dann sehe ich einen Mann. Und wenn dieser Mann, wenn er morgens aufwacht, nichts weiter sehen möchte, als diese Frau im Bett, die er so sehr liebt, dass er sie trotz jedem inneren Drang nicht küsst, nur damit sie beruhigt weiterschlafen kann, dann sehe ich einen Mann. Dieser Mann, der seine Empfindungen nicht sagen und nicht beweisen muss, weil er sie in jedem Moment zeigt, dann sehe ich diesen Mann. Wenn Dinge, die niemals selbstverständlich sein werden, gleichzeitig selbstverständlich sind. Und wenn der Sex nicht mehr und nicht weniger ist, als ein fleischgewordenes Bildnis tiefster Verbundenheit von Gefühlen, für die es keine Worte gibt, von einem ganz und gar anvertrautem Leben. Dann sehe ich einen Mann. Und wenn ich diesen Mann jetzt anrufen würde, müsste ich ihm nur sagen dass ich ihn brauche und er würde jede rote Ampel überfahren, jede Geschwindigkeit brechen, jede Verantwortung stehen oder liegen lassen. Er wäre sofort bei mir. Und ich bin hellwach, wenn ich diesen Mann sehe.

*zensiert*

Lange Zeit habe ich mich davor gedrückt, die Wahrheit auch nur ansatzweise zu denken, geschweige denn sie aufzuschreiben oder sie jemandem anzuvertrauen. Aber dir kann ich sie schreiben, wobei ich selbst da all mein Mut brauche. Das Problem ist nur, ich habe keinen Mut. Trotzdem werde ich es dir es dir anvertrauen. Ich muss. Ich werde es dir schreiben, unverblümt, werde ich es dir so schreiben, wie es ist. Wie ich fühle. Die Wahrheit. Und ich werde es niemandem sonst schreiben und schon gar nicht erzählen, ich werde nie wieder so sehr daran denken, wie in diesem Moment, wenn ich es dir gleich schreibe. Fühlen werde ich all das, was ich dir schreibe, natürlich weiterhin. Warum ich es dir jetzt schreiben muss, obwohl ich den Mut nicht habe, fragst du dich? Weil ich es fast nicht mehr sehen, die Worte nicht mehr greifen kann. Und es gräbt sich immer tiefer in mich hinein, bis ich es gar nicht mehr sehen kann. Aber ich werde es dir schreiben, damit ich mich, wenn ich den Mut finde, irgendwann daran erinnern kann. Ich werde für das nun folgende nicht viele Worte benötigen, nur eine Kraft, die sie tragen kann. Und ich werde dir diese Worte schreiben, bis mir die Tränen kommen. Denn erst dann kannst du wirklich die Wahrheit lesen.

*zensiert*

(weil blutig geschrieben)

Jetzt, wo ich weine, finde ich es praktisch vor dem unscharf flimmernden Bildschirm schreiben zu können, denn ich muss weder ihn, noch die Tastatur sehen können. Erleichtert bin ich nicht, aber nun kennst du die Wahrheit und wenn es so weit ist, kannst du dich für mich daran erinnern. Ich schaue nach draußen, während ich schreibe, es ist dunkel, vielleicht ist der Mond am Himmel, vielleicht auch nicht. Die Grillen singen wieder ihr Lied, der Rest der Welt schläft noch oder schon. Es fühlt sich so an, als würde ich nicht allein schweigen. Weinen. Leise. Und dabei nicht atmen. Mich in Zeitlupe bewegen. Ich stelle mir vor, dass irgendjemand, in genau dem selben Moment das selbe fühlt wie ich, in ein Tagebuch schreibt, es vor aller Welt zensiert und nichts weiter zu sagen hat, aber dennoch gern darüber reden würde.

*Zensierter Tagebucheintrag unbekannten Datums