Autismus: Overload, Meltdown, Shutdown und die Löffel-Theorie

In diesem Beitrag geht es um Overload, Meltdown und Shutdown. Eigentlich hatte ich geplant, jedes Thema in einem eigenen Beitrag zu bearbeiten. Da diese aber oftmals im engen Zusammenhang zueinander stehen, kommt hier nun eine Zusammenfassung. Da sich im Internet viele dieser Erklärungen auf Kinder (manchmal auch nur auf männliche Kinder) beziehen (weil das Wissen über Autismus bei den meisten Menschen bei „Hans“ Asperger stehen geblieben ist), geht es hier speziell um Erwachsene (‚biologische‘ Männer UND Frauen). Natürlich kann sich das bei Kindern dennoch ähnlich äußern, dazu habe ich jedoch kaum etwas gelesen.

Wie immer gilt: Alles kann – nichts muss. Jeder ist individuell. Sicherlich habe ich im Folgenden auch nicht jeden Aspekt berücksichtigt, sonst würde daraus ein Buch werden. Es handelt sich also um einen groben Überblick.

Vorab würde ich gern etwas über die Löffel-Theorie von Christine Miserandino schreiben. Wem diese bekannt ist, kann den folgenden Absatz überspringen. Zur Geschichte reicht kurzes googeln.

Die Theorie besagt, dass gesunde Menschen an einem Tag unbegrenzt Löffel (die für Energie stehen) zur Verfügung haben. Chronisch Kranke bzw. Menschen mit Behinderung haben, je nach Behinderung/Ausprägung eine begrenzte Anzahl von Löffeln. In dieser Theorie wurden 12 Löffel genommen. Diese Löffel müssen sehr gut verplant werden, denn man „muss ja heutzutage ein funktionierendes Mitglied der Gesellschaft sein“. Ich bin also im Bett und ein neuer Tag startet:

  1. Löffel – Aufstehen
  2. Löffel – Ausziehen
  3. Löffel – Duschen
  4. Löffel – Abtrocknen
  5. Löffel – Kleidung auswählen
  6. Löffel – Anziehen
  7. Löffel – Haare machen
  8. Löffel – Aufräumtätigkeiten
  9. Löffel – Kaffee machen
  10. Löffel – Essen bereiten
  11. Löffel – Essen und trinken
  12. Löffel – Tasche für die Arbeit packen

Hab zwar keine Löffel mehr, muss trotzdem arbeiten. Und nun? Und was ist mit meinen Interessen? Und dem Haushalt? Einkaufen? Haustiere versorgen? Und trinken? Essen? Und, und, und… Und wenn die Routine gestört ist, oder der Schlaf von schlechter Qualität war, sind es nicht mal 12 Löffel. Ich denke, dass diese Theorie gut in das folgende Thema passt.

Overload: Reizüberflutung

Unsere Umgebung, und daher unser Inneres, ist ständigen Reizen ausgesetzt. Normalerweise werden Reize, die nicht wichtig sind, automatisch ausgeblendet. Und auch Reize, die man nicht so leicht ausblenden kann, wie zum Beispiel lautes Bohren, sehr kaltes Wetter, etc. werden in der Regel so verarbeitet, dass sie den Alltag nicht lange beeinträchtigen. Ich bewundere Menschen, die am Nachmittag noch die Energie haben, zu Kochen, sich mit Freunden zu beschäftigen, usw.

Menschen mit einer Reizfilterschwäche können wenig bis gar nichts ausblenden. Man stellt sich vor Auto zu fahren. Man ist konzentriert und kommt wie mit einem Tunnelblick plötzlich irgendwo an. Wenn aber keine Reize gefiltert werden sieht man: Strich, Strich, Strich, Baum, Baum, Vogel, Wolke, Wolke, Auto, Kennzeichen lesen, noch eins, noch eins, noch eins, fünfzig Meter links ist dieses, 50 Meter rechts jenes, bunte Schilder, Lichter, ein Graffiti, Müll, Müll, Müll, der eine Telefoniert, Bilder auf LKW’s, Regen, Sonne, ein Brummen, es ruckelt…Naja, und gefühlt tausend weitere Reize Das alles passiert gleichzeitig in jeder Sekunde. Irgendwo hat man auch noch Platz für eigene Gedanken, für Pläne, für Eventualitäten. Das bezieht sich auf jede Situation am Tag. Auf alle Sinneseindrücke! Dies bedeutet ständiger Stress.

Gerade beim hoch-funktionalem Autismus, werden daraus resultierende Probleme/Einschränkungen oftmals nicht ernst genommen. Dabei ist der einzige Unterschied zum niedrig-funktionalem, dass diese besser Maskieren können (was zusätzlich eine große Anstrengung erfordert). Ich halte nichts von der Kategorisierung hoch und niedrig. Der einen Gruppe wird Unterstützung verwehrt (weil Probleme nicht leicht sichtbar sind), der anderen die gezielte Förderung (weil Fähigkeiten nicht gesehen werden/die Menschen stark unterschätzt werden)

(mögliche) Symptome:

Das übliche wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Bauchschmerzen, Unwohlsein.

  • Chronischer Stress (geminderte Lebenserwartung)
  • Verlust der Sinne (zum Beispiel verschwommene Sicht oder Mutismus, …)
  • Wahrnehmungseinschränkung (Bedürfnisse wie Durst, Hunger, Schmerz, Toilette, Müdigkeit, Hitze/Kälte, etc. werden nicht oder nicht korrekt wahrgenommen)
  • Burn-Out, Agoraphobie, soziale Phobie, Depressionen, Panikstörung, und weitere psychische Erkrankungen

Wirklich helfen kann da nur eines: Rückzug.

  • Das ist in einigen Fällen nicht möglich. Daher gibt es noch diverse Hilfsmittel beim Stimming (da muss man herausfinden, was helfen könnte), Geräusch-unterdrückende Kopfhörer, Sonnenbrille…
  • Wenn es jedoch zum Äußersten kommt, dann gerät man in einen Meltdown.

Meltdown – Kernschmelze (nicht zu verwechseln mit einem Wutausbruch)

Während eines Meltdowns ist man in der Regel nicht oder nur sehr eingeschränkt zugänglich für äußere Einflüsse. Die Umgebung und der Betroffene muss diese Situation aushalten. Der Körper entlädt sich schlagartig von angestauten Reizen. Die Anspannung geht über jedes Ziel hinaus. Dies äußert sich sehr unterschiedlich.

Weinen, schreien, schlagen, kratzen, boxen, etc.. Nur selten ist man anderen gegenüber aggressiv (zum Beispiel, wenn man den Betroffenen mit weiteren reizen belastet). Es wirkt wie ein Wutanfall oder ein hysterischer Anfall. Das ist es jedoch nicht. Der Betroffene denkt in diesem Moment nicht darüber nach, was ihm hilft. Die Handlungen sind Reflexartig. Die Dauer beschränkt sich in der Regel auf einige Minuten.

Trotzdem kann man in diesem Moment helfen! Reize reduzieren, autoaggressives Verhalten umleiten (Stoff zerreißen, weiche Gegenstände zum schlagen, etc.) In manchen Fällen kann man auch kurze Fragen stellen, manchmal können sich Betroffene noch ein wenig äußern. Man kann Anteil nehmen. Abstand halten und trotzdem da sein. Nicht auslachen oder anstarren. Auch kann es helfen, den Betroffenen sehr fest zu umarmen (ist jedoch mit Vorsicht zu genießen) Dabei muss möglichst viel Körperoberfläche umfasst werden. Das Nervensystem fährt dadurch herunter und der Betroffene entspannt sich wieder.

Darauf folgt häufig ein Shutdown – Abschalten (nicht zwangsläufig nach einem Meltdown, oftmals auch direkt nach dem Overload)

Der Betroffene ist dann meist nicht mehr ansprechbar und zieht sich zurück. Die Umwelt wird kaum bis gar nicht mehr wahrgenommen. Dabei spielt es keine Rolle, was an diesem Tag noch wichtig gewesen wäre. Man zieht sich komplett in sich zurück. Die Dauer ist hier deutlich länger von einigen Stunden bis hin zu einigen Wochen. Die Ausprägung ist wieder sehr unterschiedlich. Im schlimmsten Fall nehmen Betroffene kein Bedürfnis mehr wahr. Auch keine Schmerzreize. Sehr plump ausgedrückt könnte man sagen, dass Betroffene dabei, während sie in Urin und Kot liegend in einer Decke eingewickelt sind, verhungern und verdursten (können). Das wäre jedoch der schlimmste Fall und bedarf natürlich sofortiger Unterstützung.

Zum Schluss möchte ich noch meine (eine) persönliche Erfahrung bzgl. Meltdown und Shutdown anhängen.

Mein vorletzter Meltdown war an einer extrem vollen Bushaltestelle zu Beginn der Corona Pandemie. Ich befand mich in einer Prüfungsphase und hatte bis dahin einen sehr anstrengenden Tag, es war ca. 16 Uhr. Zusätzliche Reize waren die neuen und ständig wechselnden Maßnahmen. Auch die Maske im Gesicht war ein ständiger Reiz (inzwischen bin ich daran gewöhnt). Ich habe jedoch die Maßnahme verstanden und auch für richtig befunden. Nun war es an dieser Bushaltestelle so, dass kaum einer Abstand gehalten hat und viele auch keine Maske trugen, obwohl beides zu diesem Zeitpunkt eine Regel war. Ich habe dieses Verhalten nicht verstanden und bewegte mich mit jeder weiteren Sekunde näher Richtung Meltdown. In diesem Zusammenhang berichten Betroffene hinterher manchmal von Scham und Schuldgefühl – das habe ich anschließend auch empfunden.

Ich spürte natürlich, was sich anbahnte, konnte dies aber nicht verhindern. Unter starken Schmerzen versuchte ich so lange wie möglich den Meltdown zu unterdrücken. Ich begann schlussendlich zu weinen – an einer vollen Bushaltestelle – niemand hat geholfen. Es wurde gestarrt, als wäre ich eine verrückte. Dies hat den Moment deutlich verschlimmert. Ich kratze meine Finger auf und hielt die Situation aus. Zur genauen Dauer kann ich nichts sagen. Als ich im Bus war hat es irgendwann aufgehört. Sehr geschwächt machte ich mich weiter auf den Heimweg und war anschließend einige Stunden nicht zu gebrauchen.

Meine Shutdown-Erfahrungen beziehen sich meist auf einige Stunden. Hilfreich ist es, wenn ich Essen und Trinken am Bett habe. Oftmals ist dies aber nicht mehr nötig, weil ich inzwischen sehr stark auf mich achte und diese Situation meist nur noch sehr abgeschwächt ein oder zwei Stunden anhält.

Mein größeres Problem ist die Selbstwahrnehmung während einer Hyperfokussierung.

Zu diesem Thema bald mehr.

Ein Kommentar

  1. Das liest sich heftig.
    Da habe ich bei meinen HSP doch einen einigermaßen funktionierenden Reizfilter.
    Bei mir äußerst es sich in Erschöpfung. Zu viele Menschen, zu laute Geräusche und lange Autofahrten – selbst als Beifahrer, erschöpfen ungemein. Sonst hilft es mir einen sehr strukturierten Alltag zu führen. Struktur und Rituale helfen gut und sicher durch den Alltag zu kommen.
    Danke für die ausführliche Beschreibung Amy.

    Gefällt 1 Person

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