asperger

Autismus Erfahrung: Kurzfilm(e) zur autistischen Wahrnehmung

Ich richte diesen Beitrag vor allem an Menschen, die nicht autistisch sind. Ich halte es sehr einfach und kurz, ihr müsst nicht lesen, nur zuschauen. Es handelt sich um drei sehr kurze Kurzfilme. Ich küsse eure Herzen schon, wenn ihr nur ein Video anschaut. Wenn kurz hingeschaut wird. Wenn es nicht egal ist. Denn genau das ist oft das Gefühl. Egal zu sein.

Hier finde ich das Ende sehr einfühlsam. Die Wahrnehmung ist hier aber auch mit am besten dargestellt.
Hier kann man sehr gut sehen, weshalb so oft gesagt wird: „du siehst ja gar nicht autistisch aus“. Dabei ist es so unglaublich anstrengend, einen Tag, jeden Tag, irgendwie herumzukriegen. Autisten haben übrigens ein erhöhtes Risiko (6x so hoch) Suizidgedanken zu entwickeln.

Autisten sind nicht schlecht erzogen. Es ist einfach nur alles zu viel.

Ich brauche keine sozialen Kontakte. Ich bin viel glücklicher ohne. Bin glücklich in meiner Welt. Und genau das finde ich sehr traurig. Ich wäre gern sicher und zufrieden in der Welt da draußen.

Autismus Erfahrung: System

In der letzten Nacht habe ich mal wieder in eine meiner aktuell liebsten Serien reingeschaut. „The Good Doctor“, wer diese Serie gesehen hat, bitte nicht Spoilern, ich bin erst in Staffel 2.

Ich habe die Folge geschaut, in welcher der autistische Dr. Shaun Murphy mit seiner guten Freundin Lea zusammengezogen ist. Es gab den ersten Streit, Auslöser war eine verkehrt herum hängende Toilettenpapierrolle. Unweigerlich dachte ich dann an mein Umfeld und hatte etwas Mitgefühl, spürte aber auch große Dankbarkeit.

Würde mich selbst zwar für ziemlich flexibel halten (das kann ich nicht schreiben, ohne zu schmunzeln), aber die ein oder andere Eigenart habe ich gewiss. Na sagen wir, in meinem Rahmen bin ich Kompromissfähig, oder manchmal in der Lage, einfach wortlos wegzuschauen. Im Großen und Ganzen ist es aber sicher nicht immer leicht, mit mir zusammenzuleben. Zusammengefasst darf hier kaum etwas berührt, benutzt oder bewegt werden, ohne vorherige Ankündigung. Natürlich passiert das trotzdem ganz oft, was gelegentlich zu einem kleinen Streit führt. Oder sagen wir, ich werde dann ungemütlich. In diesem Sinne spüre ich Dankbarkeit für unfassbar viel Verständnis. Aber auch Mitgefühl, ein schlechtes Gewissen, wenn ich mal wieder einen Kurzschluss im Hirn habe, weil ne Tasse plötzlich im anderen/falschen Winkel steht. Naja, so ungefähr.

Als Kind/Jugendliche habe ich mein System, welches oftmals nur in meinem Kopf einen Sinn zu ergeben scheint, auch an fremden Orten durchsetzen wollen/es getan habe ohne zu fragen. In fremden Wohnungen, in Arztpraxen, in Geschäften, alles muss an seinem Platz sein. Dieses Verhalten kam oftmals nicht gut an, weshalb ich dieses zum Großteil (zumindest im Bezug auf fremde Wohnungen) abgelegt habe, obwohl der Drang selbstverständlich da ist. Sofern es meine Energie zulässt, sortiere ich aber noch in Geschäften, etc, wenn auch nur noch selten. Aufregen kann ich mich aber meist gut.

Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt darauf, wie das Zusammenleben der beiden weiterhin aussehen wird. 🙂

Autismus Erfahrung: Stimming

Eines meiner Lieblingsthemen, wohl weil es mich den ganzen Tag begleitet – manchmal merke ich es gar nicht, weil es unbewusst passiert. Vorweg sei gesagt, jeder Mensch, der (Dis-/Eu-) Stress empfindet, betreibt Stimming. Wer hat nicht schon mal das Etikett einer Flasche abgefummelt oder mit den Fingerspitzen auf dem Tisch herumgeklackert? Vielleicht auch mit den Beinen gewippt oder auf der Unterlippe herumgeknabbert. Das (und Ähnliches) sind normale Reaktionen auf eine Art Stress (Aufregung, Nervosität, etc.) Bei Autist:innen ist es etwas anders.

Das Thema Reizüberflutung kam bereits des Öfteren zur Sprache, jedoch noch nicht in einem gesonderten Beitrag. Das sollte ich bei Zeiten nachholen. Nun, es kam dennoch sehr häufig in anderen Beiträgen vor, weil die Reizüberflutung ein zentrales Problem bei Autismus darstellt. Die Frage dabei ist, wie wird das kompensiert? Und da kommt das Stimming ins Spiel.

Stimming ist so individuell unter Autist:innen, wie die Menschen selbst. Sprich: da hat jeder so seine Vorlieben und Gewohnheiten, bzw. Erprobtes.

Was ist Stimming für Autist:innen? Autist:innen stehen nicht immer, aber die meiste Zeit unter Stress aufgrund von permanenten Reizen, welche ungefiltert eindringen. Von meiner Seite aus kann ich sagen, dass das für mich normal ist – kenne mich ja nicht anders. Ich stehe also nicht den ganzen Tag da und denke „was hab ich wieder Stress“. Das sage ich höchstens dann, wenn mein Stresslevel ungewöhnlich und auffallend hoch ist. Ich kann also sehr lange gelassen sein, oder zumindest so wirken. Das war natürlich nicht immer so, ich denke das bringt die Lebenserfahrung und die Erfahrung, mit sich selbst. Aber zurück: Stimming ist selbst stimulierendes Verhalten.

Klassisch motorische Handlungen wie das Hin- und Herschaukeln, das Händeflattern (ganz oft bei Freude), verschiedenes lautieren, schaukeln in Embryonalstellung. Manche berichten davon, manchmal dabei in einer Art Trance zu sein.

Die verschiedenen Arten von Stimming finden über die Sinnesorgane statt. Also sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken und auch das Gleichgewicht. Dazu wenige Beispiele, die Auswahl ist da sehr breit gefächert.

Visuell:

  • Objekte anstarren (Kennt ihr diese kleinentanzenden Solar-Wackel-Figuren? Hab so ne Eule auf meinem Schreibtisch stehen, die finde ich sehr toll.)
  • Licht an und aus schalten (gleichzeitig Akustisch – klicken)
  • Handbewegungen/Zittern/Finger bewegen beobachten
  • Schatten, Bilder, Lichtpunkte,
  • Sekundenzeiger verfolgen
  • etc.

Akustisch:

  • Geräusche (selbst erzeugte wie summen, brummen, knurren, etc. oder bestimmte Musik, Klänge)
  • Klopf und Klick Geräusche
  • wiederholen von Sprache – Gedichte, Songtexte, Film/Serie (sehr häufig höre ich stundenlang den selben Song)

Taktil:

  • Dinge berühren (bestimmte Stoffe, das Haustier, in der Natur Gras/Bäume, etc.)
  • mit den Fingern tippen
  • kratzen (hätte gern nen Kratzbaum in Menschengröße)
  • monotone Handbewegungen

Geruchs- und Geschmackssinn:

  • an verschiedenen Dingen/Personen riechen (könnte halt alles mögliche sein) ich dachte lange Zeit, dass es normal ist, Streichhölzer anzuzünden, nur um die Flamme dann auszupusten, um zu schnüffeln. 😀
  • Dinge in den Mund stecken
  • lecken, trinken oder essen, Zähne putzen

Vestibulär:

  • wippen
  • auf einem Bein stehen oder hocken
  • schaukeln
  • drehen (dazu habe ich eine sehr lustige Geschichte aus meiner Kindheit, darin komme ich, eine Barbie und eine Öl-Duftkerze vor)

Ich persönlich betreibe Stimming sehr viel über meine Finger (taktil, visuell, akustisch)

  • malen (nicht immer mit Sinn, einfach nur so kritzeln, weil der glitzernde Edding zum Beispiel gefällt, (auch riecht), das kratzige Geräusch.
  • Zettel zerreißen, in immer kleinere Stückchen
  • Musik hören (sehr oft eine bestimmte Playlist, oder über Stunden den selben Song)
  • an knisternden Dingen herumspielen
  • und vieles mehr, je nachdem was sich um mich herum befindet
  • uvm.

Das Händeflattern mache ich auch manchmal, oder mit den Handflächen auf die Oberschenkel klatschen, allgemein Händeklatschen. Wippen mit dem ganzen Körper oder mit den Beinen, im Bett liegend hin und her schaukeln, usw.

Wenn ich nicht allein bin, unterdrücke ich diese Dinge manchmal, das eine mehr, das andere weniger. Das konnte ich bisher nur schlecht ablegen, weshalb ich meinen Stresslevel dann schlechter regulieren kann.

Auch in der Schule ist mir das sehr schwer gefallen, ich litt quasi unter ständigen Kopfschmerzen. Still sitzen war ne Pflichtübung. Die Geräuschkulisse, die ich von ca. dreißig weiteren Schüler:innen im Rücken hatte, war aber offenbar ok. 😉 War keine leichte Zeit.

Autismus Erfahrung: Die eigene Spezies erkennen

Einer schlechten Angewohnheit ist es geschuldet, dass ich nun spontan diesen Beitrag verfasse. Denn wie an jedem Morgen schaue ich, noch bevor ich aufstehe, erst mal durch mein Smartphone. Ich muss ja wissen, was es neues gibt. Und etwas altes/bekanntes/neues habe ich tatsächlich gefunden. Und dann hatte ich dieses seltene Zugehörigkeitsgefühl. Diesen Aha-Effekt. Und das Gefühl, nicht so fremd zu sein. Und Facebook bekam auch wieder einen Sinn, denn das nutze ich nur für die Autist:innen Gruppen.

Und dort wurde in einem Austausch thematisiert, dass man als Autist:in, die „eigene Spezies“ erkennt. Man ist ja häufig und automatisch damit beschäftigt, andere Menschen zu scannen. Und das meiste ist, für mich zumindest, ziemlich weird. Wie wenn man in ein fremdes Land, mit unbekannter Kultur/Gebräuchen, unbekannter Sprache kommt. Und selbst wenn man um Hilfe bitten will, kann dies niemand verstehen, weil du halt Außerirdisch sprichst. Du bist komisch für sie, und sie sind komisch für dich.

Und dann ist dazwischen ein Mensch ohne Mimik (oder mit erkennbarer Maske), einer, der anders läuft, sich anders bewegt, als die anderen, anders guckt als die anderen. Sich auf irgendeine andere Art anders verhält. Vielleicht nicht so wie ich, aber so, dass ich es verstehe. Nur weil ich zum Beispiel viele Worte spreche, bedeutete es ja nicht, dass ich zu jedem Zeitpunkt alle Worte spreche. Und manche spreche ich gar nicht, obwohl ich sie kenne. Natürlich muss das nicht immer ein/e diagnostiziert/e Autist:in sein. Es genügt, wenn die Person irgendwo auf dem Spektrum zu sein scheint.

Ich kann dieses „anders“ nicht wirklich beschreiben/definieren/festlegen, denn jede/r Autist:in ist individuell. Aber als ich dieses „die eigene Spezies erkennen“ gelesen habe, sind mir direkt einige Beispiele eingefallen von Menschen, die ich kannte/kenne, aber auch von fremden Menschen, die ich nur kurz mal gesehen habe. Und selbst für die Online-Welt fällt mir spontan jemand ein. Dies rein am schriftlichen zu erkennen finde ich sehr schwer, aber nicht unmöglich. Das ist, so finde ich, stark abhängig von der Selbst-Beschreibung. Aber vieles findet inzwischen ja auch über eine Sprachnachricht/Videochat-Funktion statt.

Bisher habe ich darauf nie bewusst geachtet, obwohl es mir durchaus aufgefallen ist. In Zukunft werde ich aber wohl dann, wenn sich die Gelegenheit bietet, bewusst daran denken. 🙂

Autismus: Overload, Meltdown, Shutdown und die Löffel-Theorie

In diesem Beitrag geht es um Overload, Meltdown und Shutdown. Eigentlich hatte ich geplant, jedes Thema in einem eigenen Beitrag zu bearbeiten. Da diese aber oftmals im engen Zusammenhang zueinander stehen, kommt hier nun eine Zusammenfassung. Da sich im Internet viele dieser Erklärungen auf Kinder (manchmal auch nur auf männliche Kinder) beziehen (weil das Wissen über Autismus bei den meisten Menschen bei „Hans“ Asperger stehen geblieben ist), geht es hier speziell um Erwachsene (‚biologische‘ Männer UND Frauen). Natürlich kann sich das bei Kindern dennoch ähnlich äußern, dazu habe ich jedoch kaum etwas gelesen.

Wie immer gilt: Alles kann – nichts muss. Jeder ist individuell. Sicherlich habe ich im Folgenden auch nicht jeden Aspekt berücksichtigt, sonst würde daraus ein Buch werden. Es handelt sich also um einen groben Überblick.

Vorab würde ich gern etwas über die Löffel-Theorie von Christine Miserandino schreiben. Wem diese bekannt ist, kann den folgenden Absatz überspringen. Zur Geschichte reicht kurzes googeln.

Die Theorie besagt, dass gesunde Menschen an einem Tag unbegrenzt Löffel (die für Energie stehen) zur Verfügung haben. Chronisch Kranke bzw. Menschen mit Behinderung haben, je nach Behinderung/Ausprägung eine begrenzte Anzahl von Löffeln. In dieser Theorie wurden 12 Löffel genommen. Diese Löffel müssen sehr gut verplant werden, denn man „muss ja heutzutage ein funktionierendes Mitglied der Gesellschaft sein“. Ich bin also im Bett und ein neuer Tag startet:

  1. Löffel – Aufstehen
  2. Löffel – Ausziehen
  3. Löffel – Duschen
  4. Löffel – Abtrocknen
  5. Löffel – Kleidung auswählen
  6. Löffel – Anziehen
  7. Löffel – Haare machen
  8. Löffel – Aufräumtätigkeiten
  9. Löffel – Kaffee machen
  10. Löffel – Essen bereiten
  11. Löffel – Essen und trinken
  12. Löffel – Tasche für die Arbeit packen

Hab zwar keine Löffel mehr, muss trotzdem arbeiten. Und nun? Und was ist mit meinen Interessen? Und dem Haushalt? Einkaufen? Haustiere versorgen? Und trinken? Essen? Und, und, und… Und wenn die Routine gestört ist, oder der Schlaf von schlechter Qualität war, sind es nicht mal 12 Löffel. Ich denke, dass diese Theorie gut in das folgende Thema passt.

Overload: Reizüberflutung

Unsere Umgebung, und daher unser Inneres, ist ständigen Reizen ausgesetzt. Normalerweise werden Reize, die nicht wichtig sind, automatisch ausgeblendet. Und auch Reize, die man nicht so leicht ausblenden kann, wie zum Beispiel lautes Bohren, sehr kaltes Wetter, etc. werden in der Regel so verarbeitet, dass sie den Alltag nicht lange beeinträchtigen. Ich bewundere Menschen, die am Nachmittag noch die Energie haben, zu Kochen, sich mit Freunden zu beschäftigen, usw.

Menschen mit einer Reizfilterschwäche können wenig bis gar nichts ausblenden. Man stellt sich vor Auto zu fahren. Man ist konzentriert und kommt wie mit einem Tunnelblick plötzlich irgendwo an. Wenn aber keine Reize gefiltert werden sieht man: Strich, Strich, Strich, Baum, Baum, Vogel, Wolke, Wolke, Auto, Kennzeichen lesen, noch eins, noch eins, noch eins, fünfzig Meter links ist dieses, 50 Meter rechts jenes, bunte Schilder, Lichter, ein Graffiti, Müll, Müll, Müll, der eine Telefoniert, Bilder auf LKW’s, Regen, Sonne, ein Brummen, es ruckelt…Naja, und gefühlt tausend weitere Reize Das alles passiert gleichzeitig in jeder Sekunde. Irgendwo hat man auch noch Platz für eigene Gedanken, für Pläne, für Eventualitäten. Das bezieht sich auf jede Situation am Tag. Auf alle Sinneseindrücke! Dies bedeutet ständiger Stress.

Gerade beim hoch-funktionalem Autismus, werden daraus resultierende Probleme/Einschränkungen oftmals nicht ernst genommen. Dabei ist der einzige Unterschied zum niedrig-funktionalem, dass diese besser Maskieren können (was zusätzlich eine große Anstrengung erfordert). Ich halte nichts von der Kategorisierung hoch und niedrig. Der einen Gruppe wird Unterstützung verwehrt (weil Probleme nicht leicht sichtbar sind), der anderen die gezielte Förderung (weil Fähigkeiten nicht gesehen werden/die Menschen stark unterschätzt werden)

(mögliche) Symptome:

Das übliche wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Bauchschmerzen, Unwohlsein.

  • Chronischer Stress (geminderte Lebenserwartung)
  • Verlust der Sinne (zum Beispiel verschwommene Sicht oder Mutismus, …)
  • Wahrnehmungseinschränkung (Bedürfnisse wie Durst, Hunger, Schmerz, Toilette, Müdigkeit, Hitze/Kälte, etc. werden nicht oder nicht korrekt wahrgenommen)
  • Burn-Out, Agoraphobie, soziale Phobie, Depressionen, Panikstörung, und weitere psychische Erkrankungen

Wirklich helfen kann da nur eines: Rückzug.

  • Das ist in einigen Fällen nicht möglich. Daher gibt es noch diverse Hilfsmittel beim Stimming (da muss man herausfinden, was helfen könnte), Geräusch-unterdrückende Kopfhörer, Sonnenbrille…
  • Wenn es jedoch zum Äußersten kommt, dann gerät man in einen Meltdown.

Meltdown – Kernschmelze (nicht zu verwechseln mit einem Wutausbruch)

Während eines Meltdowns ist man in der Regel nicht oder nur sehr eingeschränkt zugänglich für äußere Einflüsse. Die Umgebung und der Betroffene muss diese Situation aushalten. Der Körper entlädt sich schlagartig von angestauten Reizen. Die Anspannung geht über jedes Ziel hinaus. Dies äußert sich sehr unterschiedlich.

Weinen, schreien, schlagen, kratzen, boxen, etc.. Nur selten ist man anderen gegenüber aggressiv (zum Beispiel, wenn man den Betroffenen mit weiteren reizen belastet). Es wirkt wie ein Wutanfall oder ein hysterischer Anfall. Das ist es jedoch nicht. Der Betroffene denkt in diesem Moment nicht darüber nach, was ihm hilft. Die Handlungen sind Reflexartig. Die Dauer beschränkt sich in der Regel auf einige Minuten.

Trotzdem kann man in diesem Moment helfen! Reize reduzieren, autoaggressives Verhalten umleiten (Stoff zerreißen, weiche Gegenstände zum schlagen, etc.) In manchen Fällen kann man auch kurze Fragen stellen, manchmal können sich Betroffene noch ein wenig äußern. Man kann Anteil nehmen. Abstand halten und trotzdem da sein. Nicht auslachen oder anstarren. Auch kann es helfen, den Betroffenen sehr fest zu umarmen (ist jedoch mit Vorsicht zu genießen) Dabei muss möglichst viel Körperoberfläche umfasst werden. Das Nervensystem fährt dadurch herunter und der Betroffene entspannt sich wieder.

Darauf folgt häufig ein Shutdown – Abschalten (nicht zwangsläufig nach einem Meltdown, oftmals auch direkt nach dem Overload)

Der Betroffene ist dann meist nicht mehr ansprechbar und zieht sich zurück. Die Umwelt wird kaum bis gar nicht mehr wahrgenommen. Dabei spielt es keine Rolle, was an diesem Tag noch wichtig gewesen wäre. Man zieht sich komplett in sich zurück. Die Dauer ist hier deutlich länger von einigen Stunden bis hin zu einigen Wochen. Die Ausprägung ist wieder sehr unterschiedlich. Im schlimmsten Fall nehmen Betroffene kein Bedürfnis mehr wahr. Auch keine Schmerzreize. Sehr plump ausgedrückt könnte man sagen, dass Betroffene dabei, während sie in Urin und Kot liegend in einer Decke eingewickelt sind, verhungern und verdursten (können). Das wäre jedoch der schlimmste Fall und bedarf natürlich sofortiger Unterstützung.

Zum Schluss möchte ich noch meine (eine) persönliche Erfahrung bzgl. Meltdown und Shutdown anhängen.

Mein vorletzter Meltdown war an einer extrem vollen Bushaltestelle zu Beginn der Corona Pandemie. Ich befand mich in einer Prüfungsphase und hatte bis dahin einen sehr anstrengenden Tag, es war ca. 16 Uhr. Zusätzliche Reize waren die neuen und ständig wechselnden Maßnahmen. Auch die Maske im Gesicht war ein ständiger Reiz (inzwischen bin ich daran gewöhnt). Ich habe jedoch die Maßnahme verstanden und auch für richtig befunden. Nun war es an dieser Bushaltestelle so, dass kaum einer Abstand gehalten hat und viele auch keine Maske trugen, obwohl beides zu diesem Zeitpunkt eine Regel war. Ich habe dieses Verhalten nicht verstanden und bewegte mich mit jeder weiteren Sekunde näher Richtung Meltdown. In diesem Zusammenhang berichten Betroffene hinterher manchmal von Scham und Schuldgefühl – das habe ich anschließend auch empfunden.

Ich spürte natürlich, was sich anbahnte, konnte dies aber nicht verhindern. Unter starken Schmerzen versuchte ich so lange wie möglich den Meltdown zu unterdrücken. Ich begann schlussendlich zu weinen – an einer vollen Bushaltestelle – niemand hat geholfen. Es wurde gestarrt, als wäre ich eine verrückte. Dies hat den Moment deutlich verschlimmert. Ich kratze meine Finger auf und hielt die Situation aus. Zur genauen Dauer kann ich nichts sagen. Als ich im Bus war hat es irgendwann aufgehört. Sehr geschwächt machte ich mich weiter auf den Heimweg und war anschließend einige Stunden nicht zu gebrauchen.

Meine Shutdown-Erfahrungen beziehen sich meist auf einige Stunden. Hilfreich ist es, wenn ich Essen und Trinken am Bett habe. Oftmals ist dies aber nicht mehr nötig, weil ich inzwischen sehr stark auf mich achte und diese Situation meist nur noch sehr abgeschwächt ein oder zwei Stunden anhält.

Mein größeres Problem ist die Selbstwahrnehmung während einer Hyperfokussierung.

Zu diesem Thema bald mehr.

Autismus: Das Grundschulzeugnis und die uninteressanten Bücher

Lang, lang ist’s her und dennoch ergab sich vorhin die Gelegenheit mit meiner Mutter über meine Grundschulzeit zu sprechen. Und da fanden wir so einiges auf dem Zeugnis der dritten Klasse. Naja, das übliche, ich rede nicht und kann nicht mit Menschen. (Auf dieserlei Dinge gehe ich in einem anderen Beitrag genauer ein)

Aber das war gar nicht so interessant. Viel mehr die Tatsache, dass ich angeblich nicht gut mit meinen Schulmaterialien umgegangen sei. Daran konnte ich mich so gar nicht erinnern, weil ich mit den mir ausgeliehenen Dingen üblicherweise gut umgehe. Aber meine Mutter erinnerte sich sehr gut.

Die Bücher habe ich immer sehr schnell durchgearbeitet und somit wurden diese Bücher für mich langweilig. Das war aber kein Grund für mich, diese einfach beiseite zu legen. Ich begann zu basteln. Sie also wieder interessant zu gestalten. Das ist wohl so schlecht angekommen, dass es sogar im Zeugnis vermerkt wurde. Ich habe meiner Mutter darauf entgegnet, dass es wohl kaum meine Schuld war, dass der Unterricht und die damit verbundenen Materialien zu langweilig gestaltet wurden. Das ganze kann ich natürlich nur mit einem schmunzeln sagen.

Aber sie sagte mir auch, dass ich heute immer noch so bin. Zum Verständnis: wir Telefonieren immer per Video, daher sieht sie, was ich so mache. Und sie sagte mir, dass ich immer irgendetwas in der Hand habe und irgendwas gestalte. Oftmals nicht kreativ, sondern einfach nur mit den Dingen, die ich so um mich herum finde. Es hilft mir, mich besser konzentrieren zu können. Und beeinflussen kann ich das kaum. Es passiert einfach. Einen größeren Sinn gibt es da nicht.

Außer jemand erkennt den sinn darin zum Beispiel Verpackungsmüll klein zu schneiden, alles mögliche zu bemalen, Zettelchen zu falten, eine Tube Flüssigkleber zu entleren, nur um zu schauen, wie schnell das dann trocknet. Es werden Dinge gestapelt und alles hat irgendwie seinen Platz. Andere würden sagen, ein Schreibtisch mit Müllhaufen. Für mich hat da alles seinen Platz und einen Sinn.

Daraus ergeben sich stets ‚was wäre wenn‘ Fragen. Aber diese nun noch zu stellen wäre in meinem Fall nun wirklich Sinnlos. Aber für die Kinder von heute können wir sie stellen.