Der Abend, der die Zeit stehen ließ

An diesem Abend, ich erinnere mich noch an das genaue Datum, die Stunde, die Minute, den präzisen Moment, da hast du die Zeit für mich angehalten. Wie sich das angefühlt hat, kann ich in Worten nicht ausdrücken. Wie sehr ich es auch versuche, nichts, nicht mal alle Worte zusammen beschreiben auch nur annähernd das Gefühl, dieser stehen gebliebenen Zeit. Ich würde den Atem anhalten, mir einen Strick fest um den Hals binden, damit du für dein nächstes Wort atmen kannst. Für dich wird es immer einfach nur atmen sein. Deine Uhr tickt weiter in deiner besten Zeit. Ich gönne es dir von Herzen – sagt man so. Hat so ein Satz überhaupt noch eine Bedeutung? Hat er die Bedeutung, die ich empfinde? Es genügt mir nicht.

So vieles sickert ungesehen, ungefühlt durch mein Hirn, diese scheiß Amnesie. Aber das hat sie mir nicht genommen, das wird sie mir nie nehmen können. Dieses Datum, dieser Abend. Nichts habe ich bisher so sehr analysiert wie dieses. Wieder und wieder habe ich jeden Moment auseinander genommen. Vermutlich ergibt es inzwischen das größte Puzzle der Welt. Hätte ich in einem anderen Takt geatmet, wäre dann alles anders? Habe ich überhaupt geatmet? Hätte ich atmen sollen? Hätte ich dich dann so gefühlt? Ich komme nicht weiter, was nicht bedeutet, dass ich feststecke. Wäre ich ein anderer Mensch, dann hätte ich dir einfach gesagt, wie toll du doch bist, so wie es alle anderen tun. Natürlich tun sie das, wie könnten sie auch anders. Und dann hätten wir gefickt. Das hätte mir gefallen, natürlich – als dieser andere Mensch. Da hätte ich es nicht bereut.

Aber ich bin nicht jemand anders. Ich passe nicht in diese plumpe Sammlung von Körperflüssigkeiten. Das ich anders fühle als andere, mag ich nicht gern beurteilen. Denn ich weiß nicht wie andere fühlen. Manchmal, wenn ich es will, spüre ich diese Verbindung, visualisierte Seelen, die miteinander tanzen, weinen, atmen, schreien, schweigen, schwitzen, in ihrer reinen und unschuldigen Form, frei von Urteil und Vorurteil, nur sein, einfach nur sein. Sich ineinander verknoten, ohne sich zu verlieren, sich verschweißen, ohne gefangen zu sein. Zu schweben und im Gleichklang zu fühlen, zu pulsieren, zu existieren. Und dann erscheint es mir, trotz allen Schweigens, wie eine Selbstverständlichkeit meine Augen zu schließen, in dieser Zeit stehen zu bleiben, ihr die Hand zu reichen, und den Atem anzuhalten.

Für diesen kurzen Moment bedingungsloser Intimität.

4 Kommentare

      1. Die Geschichte mit meinem Partner ist eine andere, auf jeden Fall eine lange Geschichte.

        Hab dir übrigens die Mail bzgl der Film-frage geschickt (an die Mail-Adresse, die mir hier angezeigt wird), ist sie angekommen?

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