Autismus Erfahrung: Stimming

Eines meiner Lieblingsthemen, wohl weil es mich den ganzen Tag begleitet – manchmal merke ich es gar nicht, weil es unbewusst passiert. Vorweg sei gesagt, jeder Mensch, der (Dis-/Eu-) Stress empfindet, betreibt Stimming. Wer hat nicht schon mal das Etikett einer Flasche abgefummelt oder mit den Fingerspitzen auf dem Tisch herumgeklackert? Vielleicht auch mit den Beinen gewippt oder auf der Unterlippe herumgeknabbert. Das (und Ähnliches) sind normale Reaktionen auf eine Art Stress (Aufregung, Nervosität, etc.) Bei Autist:innen ist es etwas anders.

Das Thema Reizüberflutung kam bereits des Öfteren zur Sprache, jedoch noch nicht in einem gesonderten Beitrag. Das sollte ich bei Zeiten nachholen. Nun, es kam dennoch sehr häufig in anderen Beiträgen vor, weil die Reizüberflutung ein zentrales Problem bei Autismus darstellt. Die Frage dabei ist, wie wird das kompensiert? Und da kommt das Stimming ins Spiel.

Stimming ist so individuell unter Autist:innen, wie die Menschen selbst. Sprich: da hat jeder so seine Vorlieben und Gewohnheiten, bzw. Erprobtes.

Was ist Stimming für Autist:innen? Autist:innen stehen nicht immer, aber die meiste Zeit unter Stress aufgrund von permanenten Reizen, welche ungefiltert eindringen. Von meiner Seite aus kann ich sagen, dass das für mich normal ist – kenne mich ja nicht anders. Ich stehe also nicht den ganzen Tag da und denke „was hab ich wieder Stress“. Das sage ich höchstens dann, wenn mein Stresslevel ungewöhnlich und auffallend hoch ist. Ich kann also sehr lange gelassen sein, oder zumindest so wirken. Das war natürlich nicht immer so, ich denke das bringt die Lebenserfahrung und die Erfahrung, mit sich selbst. Aber zurück: Stimming ist selbst stimulierendes Verhalten.

Klassisch motorische Handlungen wie das Hin- und Herschaukeln, das Händeflattern (ganz oft bei Freude), verschiedenes lautieren, schaukeln in Embryonalstellung. Manche berichten davon, manchmal dabei in einer Art Trance zu sein.

Die verschiedenen Arten von Stimming finden über die Sinnesorgane statt. Also sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken und auch das Gleichgewicht. Dazu wenige Beispiele, die Auswahl ist da sehr breit gefächert.

Visuell:

  • Objekte anstarren (Kennt ihr diese kleinentanzenden Solar-Wackel-Figuren? Hab so ne Eule auf meinem Schreibtisch stehen, die finde ich sehr toll.)
  • Licht an und aus schalten (gleichzeitig Akustisch – klicken)
  • Handbewegungen/Zittern/Finger bewegen beobachten
  • Schatten, Bilder, Lichtpunkte,
  • Sekundenzeiger verfolgen
  • etc.

Akustisch:

  • Geräusche (selbst erzeugte wie summen, brummen, knurren, etc. oder bestimmte Musik, Klänge)
  • Klopf und Klick Geräusche
  • wiederholen von Sprache – Gedichte, Songtexte, Film/Serie (sehr häufig höre ich stundenlang den selben Song)

Taktil:

  • Dinge berühren (bestimmte Stoffe, das Haustier, in der Natur Gras/Bäume, etc.)
  • mit den Fingern tippen
  • kratzen (hätte gern nen Kratzbaum in Menschengröße)
  • monotone Handbewegungen

Geruchs- und Geschmackssinn:

  • an verschiedenen Dingen/Personen riechen (könnte halt alles mögliche sein) ich dachte lange Zeit, dass es normal ist, Streichhölzer anzuzünden, nur um die Flamme dann auszupusten, um zu schnüffeln. 😀
  • Dinge in den Mund stecken
  • lecken, trinken oder essen, Zähne putzen

Vestibulär:

  • wippen
  • auf einem Bein stehen oder hocken
  • schaukeln
  • drehen (dazu habe ich eine sehr lustige Geschichte aus meiner Kindheit, darin komme ich, eine Barbie und eine Öl-Duftkerze vor)

Ich persönlich betreibe Stimming sehr viel über meine Finger (taktil, visuell, akustisch)

  • malen (nicht immer mit Sinn, einfach nur so kritzeln, weil der glitzernde Edding zum Beispiel gefällt, (auch riecht), das kratzige Geräusch.
  • Zettel zerreißen, in immer kleinere Stückchen
  • Musik hören (sehr oft eine bestimmte Playlist, oder über Stunden den selben Song)
  • an knisternden Dingen herumspielen
  • und vieles mehr, je nachdem was sich um mich herum befindet
  • uvm.

Das Händeflattern mache ich auch manchmal, oder mit den Handflächen auf die Oberschenkel klatschen, allgemein Händeklatschen. Wippen mit dem ganzen Körper oder mit den Beinen, im Bett liegend hin und her schaukeln, usw.

Wenn ich nicht allein bin, unterdrücke ich diese Dinge manchmal, das eine mehr, das andere weniger. Das konnte ich bisher nur schlecht ablegen, weshalb ich meinen Stresslevel dann schlechter regulieren kann.

Auch in der Schule ist mir das sehr schwer gefallen, ich litt quasi unter ständigen Kopfschmerzen. Still sitzen war ne Pflichtübung. Die Geräuschkulisse, die ich von ca. dreißig weiteren Schüler:innen im Rücken hatte, war aber offenbar ok. 😉 War keine leichte Zeit.

3 Kommentare

  1. Wieder ein toller Beitrag zum Autismus Thema.

    Stimming ist für mich eine praktische Sache, so halte ich es länger in Umgebungen aus, die mich sonst in kürzester Zeit unfassbar stressen würden. Stichwort: Overload, oder Übereizung.

    Meine liebsten Stimming Tools sind meine beiden Fidget Cubes.

    Sollte ich die mal nicht zur Hand haben wippe ich entweder auf den Zehen auf und ab, oder spiele mit Magneten herum. Bei stärkerem Stress kratze ich auch gerne mal auf meinen Handinnenflächen herum.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..