Autismus Erfahrung: 5 Fragen – von übergriffig bis cringe.

Ich bin bereits seit einigen Jahren auf diversen Plattformen mit Autismus Content und im Austausch unterwegs und konnte dadurch einige Erfahrungen sammeln zwecks Fragen, die mir gestellt werden. Fünf Fragen, die mir sehr häufig gestellt wurden/werden, möchte ich gern vorstellen und auch, wie ich damit umgehe, denn die ein oder andere ist recht übergriffig (oder ich empfinde es so).

Die beliebteste Frage, beinahe ausnahmslos von Herren gestellt, lautet: Kannst du Sex haben?

Diese Frage ist im Kontext zur Behinderung zu verstehen. Diese Frage wird mir von völlig fremden Menschen gestellt, oftmals ist es das erste, was ich von ihnen lese. Nicht mal ein „Hey“. Würden mir diese Menschen diese Frage auch stellen, wenn ich vor ihnen stünde? Vermutlich nicht. Diese Frage wird nicht immer exakt so gestellt, aber eben so und sehr ähnlich. Generell gilt: Schwachsinnige Frage, übergriffig und unangebracht. Jeder Mensch kann Sex haben, wenn er im Besitz seiner geistigen Kräfte ist und somit auf seine Art einwilligen kann. Demnach haben Koma-Patienten keinen Sex. Und wir haben, denke ich, alle eine Schule besucht. Sex/Intimität kann auf verschiedenste Arten stattfinden. Die Frage: „Wie kannst du Sex haben?“, ist genauso übergriffig. Diese Fragen stellt man niemandem einfach so aus dem Nichts heraus. Auch nicht online. Und das mit dem „Anonym“ ist ein Irrglaube.

Zur Häufigkeit: Diese Fragen bekomme ich an manchen Tagen mehrfach gestellt.

Nun, ich bin da im Grunde recht aufgeschlossen und mache meine Antwort von der Fragestellung abhängig. Ein guter Einstieg ist da, dass sich der Fragesteller (mindestens) bewusst darüber zeigt, wie Privat diese Frage ist. Um es mit den Worten jedes Anwalts (bzw. Anwältin) zu sagen: „Ein klares, es kommt drauf an“. 🙂

99% werden direkt geblockt. Das wäre auch mein guter Rat. Am besten immer blocken.

Wenn ich gut gelaunt bin, antworte ich irgendeinen Blödsinn. Einem habe ich mal geantwortet: „Nein, aufgrund der fehlerhaften Verdrahtung im Gehirn ist meine Vagina verschlossen.“ Daraufhin fragte er, ob er ein Foto davon bekommen könne. Na ja. Habe das dann seither nicht mehr geantwortet. Und natürlich geblockt. Manchmal gibt’s aber auf ne dumme Frage ne dumme Antwort (bevor ich blocke). 😉

Was mich daran am meisten schockiert: Diese „erwachsenen“ Männer stellen solche Fragen auf Plattformen, wo auch sehr Minderjährige aktiv sind.

Die zweite – sehr nervige Frage ist: „Was ist deine Inselbegabung?“

Nun, es gibt weltweit ca. 100-150 bestätigte Savant’s. Ich bin keiner davon. Hätte ja sein können, ich weiß. Wenn ich aber darüber nachdenke, dass auch viele andere Autisten diese Frage gestellt bekommen…suchen die Leute gezielt so jemanden? Warum? Was erhoffen sie sich dadurch? Einfach komplett sinnlos. Ich persönlich finde die Frage zudem noch übergriffiger, als die Frage nach dem Sex. Mein (passwortgeschützter) Beitrag zum Thema Hochbegabung war der unangenehmste, den ich je verfasst habe, ich denke, das merkt man vielleicht auch. Fühlte sich an wie nackt durch die volle Innenstadt laufen…multipliziert mit 10. Soll schon was heißen – bei mir. Ich mag dieses Thema gar nicht und rede nicht darüber. Weiß der/die Fragesteller/in natürlich nicht. Wird trotzdem wahlweise geblockt oder ignoriert.

Dritte Frage ist: „Kannst du alleine Wohnen?“

Okay, die Frage geht schon in Ordnung. Gewiss aber nicht für jede/n Autist:in, denn mir sind einige bekannt, die gerne möchten, aber nicht oder noch nicht können. Und das streut natürlich Salz in eine Wunde. Ich beantworte diese Frage aber in der Regel. Und auch die Folgefragen, ob ich einen gesetzlichen Betreuer habe oder brauche. Oder ob ich selbst Verträge unterschreiben darf. Diese Fragen sind halt wirklich sehr cringe. 😀 Verstehe aber die Neugier. Ich bin mein eigener Boss beantwortet die Frage, oder? 😉

Vierte Frage bzw. dies ist eine Aussage: „Reiß dich doch mal zusammen, mir geht’s manchmal genau so“.

Ob nun Behinderung oder chronisch Krank – Ständig hört man solche Aussagen (ganz oft auch von „Fach“-Personal“). Mein Mittelfinger antwortet inzwischen. Punkt. Diese Aussage ist nicht okay, sofern du nicht ganz genau so betroffen bist! Sie redet Probleme klein. Und allgemein: Wie darf man es recht machen? An einem guten Tag ist man nicht Behindert genug, an einem schlechten zu behindert. Na wie gesagt – Mittelfinger. Ich lasse mir schon lange nichts mehr gefallen. Nun, ich bin natürlich nicht wirklich so unhöflich (ok, manchmal doch, aber nur wenn ich weiß, dass der andere es auch wirklich sehen oder hören kann) Also nicht online. Aber ich breche Aufklärungsversuche schnell ab und ignoriere. Dafür ist mir meine Energie zu wertvoll.

Die letzte Frage: Wurdest du als Kind geimpft? Hast du es mal mit dieser oder jener Ernährung probiert?

Für die Beantwortung dieser Frage müsste ich besoffen sein. Ja, solche „Lebensretter“ (erinnert mich n bisschen an Euthanasie, aber egal) tauchen immer mal wieder auf. Besonders gern bei Eltern, die Unterstützung suchen für ihr autistisches Kind. Großen Bogen drum machen und ans qualifizierte Autismus-Zentrum wenden. Zum Beispiel. Autismus ist eine anerkannte Behinderung und man wird damit geboren. Manche „Lebensretter“ fühlen sich einfach nur so berufen, vielleicht aus eigener Erfahrung mit ihrem eigenen Kind..oh man.. Oder mit finanzieller Absicht. Es gibt kein Heilmittel für Autismus – und wenn es eines gäbe, würde ich es niemals verwenden. Lieber hab ich nen Knall, es ist meiner, und meine diversen Probleme, als nicht mehr ich zu sein. Ich kann mich oft nicht leiden, aber ich lieb mich sehr.

7 Kommentare

  1. Interessanter Beitrag.

    Für mich ist ein Savant beispielsweise was anderes als jemand, der eine Inselbegabung hat. Und auch „Hochbegabung“ sehe auch noch als etwas anderes an als Inselbegabung und auch das, was ein Savant kann/ausmacht.

    Ich würde bspw. sagen, dass viele Autisten eine Inselbegabung haben: bspw. Fremdsprechen, gutes Auskennen in Sachen Fauna und Flora etc. pp. Ein Savant macht das auf einem ganz anderem Level, vermute ich. Ich bin (natürlich) keiner, deswegen kann ich nur Vermutungen anstellen.

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    1. In der Literatur wird ein Savant häufig mit der Inselbegabung in Verbindung gebracht. Wobei Inselbegabung auch nicht mit einem Spezialinteresse verwechselt werden sollte. Die Übergänge können zuweilen aber sehr fließend sein, dem kann ich zustimmen.

      Hochbegabung bzw. ein eidetisches Gedächtnis (auch das wird gelegentlich mit Savants in Verbindung gebracht), hat damit nichts zu tun, finde ich. Einem Savanten fliegen die Informationen ja geradewegs zu, oftmals auf ein Thema beschränkt. Die Autist:innen, die ich kenne, interessieren sich durchaus vielseitiger (dazu zähle ich mich selbst auch), wenn auch intensiv und speziell.

      Autisten haben sehr oft ein oder mehrere Spezialinteressen, angepasst an ihre intelligenzbezogenen Möglichkeiten.

      Von Menschen, die sich gar nicht damit auskennen, wird es eben häufig in Verbindung gebracht. Savant = Autist (oder umgekehrt), dabei hat das eine mit dem Anderen im Grunde nichts zu tun. Etwa die Hälfte aller bekannten Savanten liegt ebenfalls im Autismus-Spektrum. Die andere Hälfte aber eben nicht. Für die wenigen Savanten, die bekannt sind, ist die Hälfte viel. Für alle Autist:innen (auf alle Autist:innen umgerechnet), ist diese Zahl jedoch sehr klein.

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      1. Ja, ich weiß. Als Autist kenne ich das natürlich. Auch diese Vorurteile oder den seltsamen Vorstellungen.

        Mein Kommentar stellt nur meine Interpretation dar. Nicht mehr, nicht weniger.

        Das Inselbegabungen und Spezialinteressen bzw. die jeweiligen Grenzen fließend sind, vergesse ich häufig. Erklärt aber, warum ich mir schwertue, meine Interessen dem einen oder anderen Begriff zuzuordnen, bspw. wenn ich von professionellen Menschen danach gefragt werde. Vielleicht auch, weil ich wenig Selbstwert/Selbstbewusstsein habe und es mir schwerfällt mich auf „so einem Level“ zu sehen. Ich interessiere mich einfach dafür. Wenn ich das alles und mehr selbstzuordnen könnte, bräuchte ich wahrscheinlich die professionelle Unterstützung in vielen Bereichen nicht. 😉 danke für die Antwort.

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      2. Den mangelnden Selbstwert bzw. das mangelnde Selbstbewusstsein (gar nicht mal nur auf eine Intelligenzleistung bezogen) kann ich gut nachempfinden, auch die (negativen) Auswirkungen/selbst wenn diese natürlich individuell sind. Für mich ist es unfassbar peinlich, daher maskiere ich das so gut es geht und rede, wenn möglich, nicht darüber. Dazu die Angst, dass Menschen dann irgendwas „besonderes“ erwarten und von mir ist halt nicht viel zu erwarten. Bin einfach froh, wenn der Tag überstanden ist. Ich wünsche dir alles Gute dafür, dass dich die Unterstützung weiter bringt!

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  2. Danke für den spannenden Beitrag. Diese Fragen werden von jedem Autisten natürlich immer anders aufgenommen. Entscheidend ist,wie du bereits angemerkt hast, wer wie oft und wann einer dieser Fragen stellt.

    Alleine wohnen ist für mich machbar. Ich muss mir halt jeden Tag eine Liste für die nächsten Tage zusammenstellen. Sonst klappt kaum etwas. Nur das Nötigste. Was halt nicht optimal ist auf Dauer.

    „Es geht jedem manchmal so, stell dich nicht so an.“ Ist so ein Satz wo ich mit meinem Gegenüber gerne meinen Körper tauschen würde. Nach 10 min gibt er mir den freiwillig retour.

    Kein Autist sagt einfach so aus Spaß, dass es ihm/ihr mies geht, oder gewisse Dinge anders oder gar nicht klappen.

    Da merkt man halt wieder, wie sehr sich Menschen eigentlich füreinander interessieren.

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