stillstand

stillstand

Dann ist da plötzlich diese Sehnsucht, die du dir so lange nicht erlaubt hast, weil du der Angst geglaubt hast. Und du glaubst ihr noch. Zwar stellt sie sich dir in den Weg, aber sie hilft dir auch, Nachts besser zu schlafen, während dich die Sehnsucht mit weit geöffneten Augen an die Decke starren lässt, irgendwo ins Leere, aber doch in eine Richtung, die dir eine Wahrheit über dich erzählt. Die große Wahrheit, diese diffuse, die erst dann wirklich wahr wird, wenn du sie aussprichst, wenn du sie jemandem erzählst. Nur ist da deine Angst, an die du mit Leibeskräften glaubst, an der du dich festkrallst, damit sie mit dir davonrennt, immer nur weiter rennt. Leben ist Bewegung, sagst du dir, Stillstand keine Option. Dann ist da plötzlich diese Sehnsucht, die große Wahrheit in dir, die Schweigende und du bist müde. Und das erste mal willst du stehen bleiben, durchatmen. Weil stehen bleiben vielleicht doch nicht so schlimm ist, wie die Angst.

Meine Enden

Habe meine Enden gesehen, dem Tod persönlich die Hand gereicht, ihn umarmt. Er macht mir keine Angst. Nicht so, wie die Lebenden, diese lebenden, erbarmungslos unterkühlten Wesen, diese Lebenden. Für ihn habe ich die Wohnung geputzt. Habe mich frisiert, die Nägel lackiert. Ja, sogar den Kühlschrank gefüllt. Habe die Sonne ein letztes Mal auf mein Gesicht scheinen lassen und sie genossen. Habe mich von ihr verabschiedet. Und schaute nicht zurück.

Da war keine Trauer, keine Verzweiflung, keine Wut, kein Gefühl, kein Schmerz, ja nicht mal die Liebe. Weder Kälte noch Wärme. Es war völliger Stillstand. Ruhe. Ruhe vor dem Sturm. Kein Ende sollte mein Ende sein. Als hätte der Tod nicht nur das, was ich gesehen hatte, in meinen Augen gesehen, sondern auch das, was ich noch sehen muss, bevor er mir das Ende gewährt. Was ich sehen muss, das weiß ich nicht. Vieles habe ich seither gesehen. Und in meinen Augen kann man es lesen. Eine Bibliothek, die das Mark in den Knochen verbrennt, sobald man sie betritt. Meine Fragen, diese vielen Fragen, sie werden leiser mit der Zeit, mit dem, was ich sehe. Nur was ich noch sehen muss, diese Frage steht oben. Sehen oder Fühlen. Erleben. Wie viele Enden noch. Oder liegt darin ein Anfang?

Es ist nicht der Tod, der mir Angst macht. Es sind die Lebenden und das was ich noch von ihnen sehen muss. Und das, was es noch mit mir machen wird, wie es meine Augen verändern wird, wie sie mir die Pigmente aus den Augen ziehen. Verblassen. Wieder etwas heller sind sie, die Augen. Und die Seele voll Furchen. Ich höre das Lachen, es ist nicht so, dass ich es nicht hören würde. Ich ignoriere es nur schlicht und ergreifend. Und es ist nicht so, dass ich nicht hinschauen würde. Ich schaue nur lieber Richtung Sonne, falls ich mich verabschieden muss, dann von ihr.