Autismus Erfahrung: Von Liebe und Partnerschaft

Die meisten Autist:innen wünschen sich eine Partnerschaft, so wie sich auch die meisten anderen nicht-autistischen Menschen eine Partnerschaft wünschen. Der eine früher, der andere später, die einen Monogam, andere sind da aufgeschlossener. Partnerschaft ist also auch unter oder mit Autist:innen individuell, wie bei jedem anderen Menschen.

Die Schwierigkeit, eine:n Partner:in zu finden, besteht zunächst in der Kommunikation. Ich hatte bereits ein paar mehrjährige Partnerschaften und kann bei keiner genau sagen, wie diese überhaupt zustande gekommen sind. Gelegentlich scheint da das bekannte Fremdsprachenproblem kein großes Problem zu sein. Ich habe jedenfalls keine Ahnung, wie eine Kommunikation stattfindet, wenn es gezielt um die Partnersuche geht. Und was ist überhaupt Liebe?! Liebe ist für mich (meine Wahrnehmung) ein sehr schwaches Wort, obwohl ich es in meiner Schreiberei häufig verwende. Das ist aber etwas anderes. Aber das sollte ich wohl erklären.

Mit Liebe werfen Menschen um sich und oft wird es auch dazu verwendet, Menschen zu bewegen. Ich bewege mich aber lieber selbst. Liebe soll in der Theorie bedingungslos sein, ist aber oftmals mit Gegenleistungen verbunden. Für ein „ich liebe dich“ gibt es einen Kuss. Und dann ist da noch dieses „für immer und ewig“, welches eine Dauer von wenigen Stunden bis zum tot umfassen kann. Liebe ist ein so großes Wort, dass es geradezu danach schreit, ausgenutzt zu werden. Sage ich jemandem, dass ich ihn liebe, bekomme ich dafür dieses oder jenes. Ich sage nicht, dass das immer so ist, aber für mich gibt es passendere Bezeichnungen, jemandem meine Zuneigung auszudrücken.

„Du nervst zwar meistens, aber nicht so sehr wie alle anderen.“ – Wer würde so einen Satz verwenden, um zu lügen? Kann mir nicht vorstellen, dass der Satz empfohlen wird, um anderen Liebe zu zeigen bzw. diese vorzutäuschen, um irgendwelche ominösen Ziele zu verfolgen. „Ich mag dich“, finde ich auch noch gut. Nicht so gut wie den anderen Satz, aber besser als „ich liebe dich“. Außerdem ist er vielseitig nutzbar. Man kann ihn sagen, ohne sich selbst zu sehr zu offenbaren. Aber eben doch, um eine allgemeine Zuneigung auszudrücken, welche nicht auf einer Gegenleistung beruhen muss. Ich mag zum Beispiel auch sehr gern Aufläufe – man sieht es mir an. Könnte jeden Tag Brokkoliauflauf essen – ok, Brokkoli liebe ich wohl. 😀

„Ich liebe dich“, ist oft an Bedingungen geknüpft. Und diese Bedingungen gefallen mir gar nicht. Entweder wird man ausgenutzt, oder man wird eingesperrt (überspitzt dargestellt). Und plötzlich ist man nicht mehr nur ich, sondern ein wir. Da ich aber bereits Beziehungen hatte, war ich natürlich schon des Öfteren ein „wir“. Aber besonders angenehm finde ich das nicht. Dieses „wir“ besteht dann aus Zusammenlegungen und Kompromissen – und Gegenleistungen. Die wenigsten Menschen rechnen bewusst so, das ist mir klar. Und eine Beziehung kann sehr schön sein, auch das ist mir klar. Menschen, die sich in einer rundum glücklichen Beziehung befinden, arbeiten gewiss auch gern daran, dass diese Beziehung glücklich bleibt. (Ich hingegen frage mich, wo bei all der Arbeit der Lohn bleibt – bitte sagt nicht, dass der Lohn die Liebe ist, die ich dann zurückbekomme…so als Gegenleistung). Sollte das Ganze aber länger halten, wird daraus sogar eine Verpflichtung. Puuh. Das ist mir beim schreiben schon zu anstrengend.

Bevor ich aber nun zur negativ-Nase werde, spinne ich dieses Beziehungs-Dings mal weiter, obwohl man mich nun für Beziehungsunfähig halten könnte (wäre nicht schlimm, ich sehe mich selbst so – im Bezug auf diese normalen Beziehungen)

Nehme ich mal also mal an, dass diese anfänglichen Kommunikationsschwierigkeiten vor einer Beziehung irgendwie umgangen werden und es dann in eine Beziehung übergeht. Da bleibt dann dieses Problem weiter bestehen und als Bonus gibt es weitere Schwierigkeiten obendrauf. Kurz und Knapp würde ich aber sagen, dass es keine bzw. weniger Schwierigkeiten gäbe, wenn ich weiterhin so leben könnte, wie eine alleinstehende Person. Aber so läuft das nun mal nicht (warum nicht, ist mir schleierhaft – Steuererleichterung ist ja wohl kein Argument mehr).

  • Diese Schwierigkeiten fangen schon beim schlafen an: der/die Partner:in will kuscheln, will daneben liegen, schnarcht, atmet, schwitzt, ist warm oder kalt, bewegt sich, steht auf, usw. Das alles sind Reize, die natürlich auch während man als Autist:in schläft (oder versucht zu schlafen), ungefiltert eindringen, nebst den anderen Reizen wie Sturm, eine anders blubbernde Heizung/also ungewohnte/untypische Geräusche, die Party beim Nachbarn, etc. Die Qualität des Schlafes ist gestört.
  • Weiter geht es mit den Routinen – diese müssen in Kompromissen angepasst werden, manchmal sogar ausgelassen werden, sie sind durch die Anwesenheit ggf. gestört. Und im Grunde ist dann der ganze Tag im Eimer für einen autistischen Menschen.
  • Berührungen und Zuwendung: In einer Beziehung ganz normal und individuell. In einer Beziehung mit einer autistischen Person anders und auch individuell. Der eine Autist mag mehr, der andere weniger. Zu erkennen, was und wann der/die Partner:in etwas davon braucht, ist oftmals ausgeschlossen (zumindest bei mir, ich erkenne es nicht). Direkte, offene Kommunikation ist unabdingbar für die Dinge, die normalerweise intuitiv passieren. Berührungen finden bestenfalls nicht einfach so statt, sondern nach vorheriger Absprache.
  • Die gemeinsame Bleibe: manche Dinge müssen so passieren, aussehen oder irgendwo einen festen Platz haben, das ergibt für den Partner nicht immer Sinn. Ja, selbstverständlich haben auch nicht-autistische Menschen solcherlei Marotten, dennoch ist das nicht das Selbe! Für mich endet es in totaler Reizüberflutung, wenn Dinge (z.B.) an meinem Schreibtisch, einfach bewegt oder gar entfernt werden. Selbst wenn es nur eine leere Flasche ist. Das ganze ist unsagbar anstrengend und muss auch wieder durch Stimming kompensiert werden. Darüber hinaus verstärkt das mein Verlangen nach Rückzug.
  • Womit man beim nächsten wäre, dem Rückzug. Davon brauchen autistische Menschen in der Regel sehr viel, manchmal so viel, dass es für einen nicht-autistischen Partner zu viel ist. Womit dann die Bedürfnisse des anderen zu kurz kommen. Nehmen wir aber an, der Partner kommuniziert seine Bedürfnisse klar – und als Autistin gehe ich den Kompromiss ein, dann bedeutet auch das wieder erhöhter Stress.
  • Weiter geht es mir gängigen/alltäglichen Dingen wie das TV-Programm, die Ernährung, der Urlaub, usw. Autist:innen halten sich in der Regel an Bekanntes und lassen sich im Vergleich selten auf Neues ein. Sollte also Kochen nicht gerade ein Spezialinteresse sein, wie fändest du es dann, ständig die Selben Nahrungsmittel zu essen, die auch immer gleich schmecken, aufgrund von den selben verwendeten Gewürzen? Und macht es dir etwas aus, eine Serie zum zwanzigsten mal zu schauen? Und sofern Urlaub möglich ist, würden dir dann immer die selben Orte gefallen? Ich glaube das Problem ist klar.
  • Und bei Familienfeiern, geplanten/ungeplanten Geschenken geht es weiter.

Das ist wieder so eine Liste, die ewig weitergehen könnte, aber da der Beitrag sich nun schon zwei Din-A 4 Seiten nähert (nach Möglichkeit gehe ich nicht über diese zwei hinaus), gehe ich weiter.

Also angenommen diese/r nicht-autistische Partner:in hat mit all diesen Dingen kein Problem. Wie sieht das in der Praxis langfristig aus? Nun, entweder ist der/die Partner:in sehr verständnisvoll und stellt ggf. manchmal die eigenen Bedürfnisse hinten an (so wie es auch die/der autistische Partner:in tun müsste – das ist dann der Kompromiss), oder die Beziehung wird nicht lange halten. Oder der/die Partnerin ist ähnlich gestrickt, oder möchte gar keine gemeinsame Behausung. Das würde Probleme minimieren. Oder beide Partner sind autistisch und können sich dementsprechend leichter verständigen.

Dazu sei gesagt, dass Autist:innen in der Regel sehr loyal sind. Wenn ich zum Beispiel jemanden mag und diese Person nie schlecht zu mir war, mag ich diese Person selbst dann noch, wenn schon Jahrelang kein Kontakt mehr besteht. Was mich noch mal auf das Thema Liebe und mögen/nicht nerven zurückbringt. Jemanden zu mögen hat für mich mehr Gewicht, weil das eher Bedingungslos ist. Ich bin nicht sicher, ob ich das gut erklärt habe. Mir ist also egal, ob ich das selbe Gefühl zurückerhalte. Wenn man es aber zurückerhält, kann man eher davon ausgehen, dass es ehrlich gemeint ist. Und da ich generell Probleme damit habe, Menschen einzuschätzen, ist mir das so lieber. Außerdem lasse ich Menschen nur ungern in meine Gefühlswelt schauen (sagt die, die Gedichte schreibt). Mögen kann so alles sein, von ok bis super toll. Aber das ist dabei gar nicht wichtig – weil es ohnehin bedingungslos ist. Liebe aber muss supergroß sein. Das erwartet man im Normalfall. Dazu habe ich das Wort Liebe aber schon zu oft als Lüge gesehen (nein, ich war nicht persönlich betroffen).

Menschen sprechen oft von Liebe und zeigen dann, dass sie es nicht so meinten. Nicht so, wie es gemeint sein sollte. Das Wort Liebe wird zu leichtfertig benutzt. Das stört mich daran.

Wenn Interesse daran besteht, kann ich gesondert auch noch das Thema Autismus und Sex/Sexualität erläutern. Dazu gibt es ein paar allgemeine Informationen, die jeder googeln kann, aber da steht meiner Meinung nach eine Menge Blödsinn, wenn ich meine eigenen Erfahrungen betrachte und jene anderer Autist:innen, mit denen ich mich über die Jahre ausgetauscht habe. Da dieses Thema aber bei vielen Menschen ein Tabu-Thema ist, würde ich das nur machen, wenn es gewünscht wird. Für mich ist das ein Thema wie jedes Andere.

EDIT: So im Nachhinein fällt mir auf, dass ich das ganze möglicherweise etwas madig geredet habe. Ein Fakt ist aber, das trotz alle dem, so eine Beziehung sehr aufregend und erfüllend sein kann. 🙂 Autismus sollte also dahingehend niemanden abschrecken. Wenn man sich sehr gut verständigen kann, ist alles halb so wild. 🙂

13 Kommentare

    1. Bei solch langfristigen Beziehungen wird es wohl etwas seltener, als zum Beginn einer Beziehung 🙂 Aber generell ist das auch bei Paaren möglich, die ihr Leben miteinander verbringen.

      Von der Umgebung könnte ich mir aber komische Fragen vorstellen, denn so Fragen wie „wann heiratet ihr endlich“, „wann kommt das erste Kind“ u. Ä. sind ja bereits sehr geläufig. Wenn ein Paar dann auch noch nicht zusammenlebt, dann wäre es eine Frage mehr (oder mehrere Fragen)

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  1. Wenn ich das so lese, dann ist mein erster Gedanke dieser:
    Ein Autist, eine Autistin braucht nen Partner, der bereit ist, überwiegend die Kompromisse zu tragen und nichts „mal eben so und/oder spontan geschehen kann“.
    Ist natürlich schwierig solch einen Partner/in zu finden.

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      1. Das erinnert mich gerade an eines meiner Lieblingszitate von Homer Simpson „Ich habe drei Kinder und kein Geld. Warum kann ich nicht keine Kinder haben und drei Geld?“ 🤣

        Naja man kann nie wissen, aber solange man vergeben ist/zusammen lebt, braucht man sich da zum Glück auch keine Gedanken drum machen 😊

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      2. Drei Geld klingt auch nicht schlecht 😆

        Das stimmt. Da brauch man sich keine Gedanken machen.
        BTW: Seid ihr beide Autisten oder nur du? Wenn ich das richtig irgendwo gelesen hatte, lebst du ja nicht allein oder täusch ich mich da?

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