Was bleibt ist die Kunst

Du warst nicht mehr jung, aber so richtig alt warst du auch nicht. Auf jeden Fall warst du zu jung für das Ende, aber Krebs kennt eben kein Alter. Viel hast du darüber nicht erzählt, höchstens mal beiläufig erwähnt, wie eine kleingedruckte Randnotiz. Wir redeten über Mythen, über Blut und Geschichte und Kunst. Und irgendwann redeten wir nicht über das Ende selbst, sondern über ein Leben im Ende. Und wie es ist, dieses in völliger Einsamkeit zu erleben. Trotz allem warst du der glücklichste Mensch, den ich kennenlernen durfte. Und nach all den vielen Jahren denke ich immer noch beinahe jeden Tag an dich, obwohl ich dich kaum kannte. Ein Künstler warst du, und so wie du es wolltest, lebt deine Kunst weiter. Wenn ich also sage, dass ich noch immer an dich denke, dann denke ich zum Beispiel an dieses große Gemälde, das du geschaffen hast. Vermutlich landete dies nach dem Ausräumen deiner Wohnung in irgendeinem Container. Und wer weiß, bestenfalls wurde daraus ein Blatt Papier, auf das ich morgen schreibe. Oder aber es landete als recyceltes Toilettenpapier in irgendeinem Klärwerk. Manchmal wünschte ich, ich hätte noch eine Fotografie von deinem Gemälde, um es der Welt zu zeigen. Aber es existiert nur noch in meinem Kopf. Und beinahe täglich gehe ich daran vorbei und lasse mich davon überwältigen. Wie grau-grün-schwarz-rot-Töne ineinander verschwimmen und eine starke Gestalt vor dem Ende zeichnen, nackt, als hättest du die Ehrlichkeit und die Wahrheit neu erschaffen. Ein aufrechter Mensch in gebückter Haltung. Ob du dich wohl selbst porträtiert hast? Ein Jammerlappen warst du jedenfalls nie, selbst dann nicht, als der Krebs dich mehr und mehr fraß. Durchlöchert war dein Leib, deine Seele aber schwebte stolz über allem. Und so redeten wir weiter über Kunst, über das Leben und über die Selbstverständlichkeit. Nach einem Sinn hast du nie gesucht, hast ihn nicht gebraucht. Und obwohl wir nie über das Ende selbst geredet haben, so spürte ich, als deine Worte immer mehr wurden, dass es irgendwann mitten im Satz enden würde. Und so war es dann auch. Plötzlich warst du weg. Doch gefehlt hast du mir seither an keinem einzigen Tag. Manch einer fände das töricht, du aber würdest sagen, dass das Leben weiter geht. Und so ist nun auch. Das Leben geht weiter, so wie dein Gemälde weiter lebt. Und es lebt wahrhaftig, wenn ich daran vorbeigehe und kurz innehalte, lebt es mehr als zu deinen Lebzeiten. Ich glaube, damit hättest du leben können. Und ich habe zu danken, dafür, dass ich dich begleiten durfte.

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