Autismus bei Erwachsenen

Wie kann ich mit einer autistischen Person umgehen?

Lernen: Informiere dich über die Autismus-Spektrum-Störung. Bücher, Internet, oder du fragst direkt die autistische Person. Nicht stereotypisieren. Jede autistische Person ist individuell.

Grenzen respektieren: Manche ertragen zum Beispiel keine Berührungen (und weitere Reize). Die Sinneseindrücke werden anders verarbeitet, dringen zum Teil ungefiltert ein. Vergewissere dich, zum Beispiel durch Fragen/vorherige Ankündigung, dass es in Ordnung ist, was du tust. Und sei nicht böse, wenn die autistische Person zurückschreckt oder sich zurückzieht, denn wenn sie dich mag, dann nicht vor dir, sondern vor dem Reiz. Meide Gruppen, viele (oder unangenehme) Reize, damit sich die autistische Person besser auf dich konzentrieren kann.

Erwartungshaltung emotionale Reaktionen: Die autistische Person möchte höchstwahrscheinlich alles richtig machen, weiß aber ggf. nicht, welche Reaktion/Handlung angemessen ist. (reagiert möglicherweise unangemessen oder gar nicht)

Sei nicht böse, wenn die autistische Person Probleme damit hat, verbal über Gefühle zu sprechen. Diese sind selten sachlich und logisch. Finde andere Wege, individuell. Schriftlich, per Mail, poetisch, in Bildern oder vielleicht sogar körperlich. Es gibt Autist:innen, die die Liebe in einer Partnerschaft an der Häufigkeit von Sex berechnen (als Beispiel). Es ist also vieles möglich.

Klare Sprache: Spreche deine Bedürfnisse oder deine Wünsche klar aus. Generell, sprich mit der autistischen Person, dann weißt du in der Regel, woran du bist (die autistische Person ist in der Regel direkt und ehrlich). Sei auch du ehrlich und direkt. Wenn du Hilfe benötigst, bitte sie darum und jammere nicht. Gib der autistischen Person Zeit für eine Antwort.

Autismus Erfahrung: zum „weiblichen Autismus“ in sexistischer Gesellschaft

Die Diagnosekriterien sind nicht abhängig vom Geschlecht. Die zentralen Kriterien, auch „Symptomtrias“ genannt, die immer gegeben sein müssen sind: Stereotypes und repetitives Verhalten/Bewegungen, eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit/Sprache, eingeschränkte soziale Interaktion/zwischenmenschliche Beziehungen.

Und das ist durchaus korrekt so, ebenfalls wissenschaftlich belegt. Gut und schlecht. Warum? Und warum werden Frauen dann seltener und oft erst spät diagnostiziert? Nun, weil Fachärzte (jetzt hackt sie wieder auf den Fachärzten herum ;-)) oftmals noch im Zeitalter von Hans Asperger feststecken. Denn selbstverständlich können (nicht müssen) diese drei Kriterien, welche erfüllt sein müssen, ganz unterschiedlich in Erscheinung treten. Und Frauen sind da schlichtweg unsichtbarer. Und das liegt am Frauenbild, an dem, was von Frau eben so verlangt wird. Klar, das Bild von der braven Hausfrau hinterm Herd ist nicht mehr so häufig präsent, aber das muss es auch gar nicht.

Es genügt, dass Mädchen eher wohlerzogen wirken müssen, während Jungs eben auch mal Jungs sein dürfen. Wenn ein Mädchen ausflippt, dann ist es ne kleine Zicke. Wenn ein Junge ausflippt, ist er eben ein Junge, der mal Junge sein darf. In Erziehungsthemen bin ich nicht allzu bewandert, das was ich aber am Rande so mitbekomme ist, dass sich dieses gerade hier und da ändert.

Die erwachsenen Frauen haben das aber noch so gelernt. Man nimmt zum Beispiel in Fachkreisen an, dass sich Spezialinteressen auf Naturwissenschaften beziehen (müssen), bzw. auf andere (typische) Männerdomänen (klassisch auch Programmierer, IT-ler). Und so könnte es zum Beispiel sein, dass eine Autistin den ganzen Tag näht, sich schminkt und die perfekte Bügelstrategie entwickelt. Klingt scherzhaft, ist aber absolut möglich. Weibliche Autisten sind häufig im künstlerischen Bereich anzutreffen, so auch ich. Wobei ich persönlich auch nicht an der typischen Naturwissenschaft vorbeigekommen bin. In unserer sexistischen Gesellschaft ist es aber eben oft noch so, dass Männer dieses ausleben können, frei darauf hinarbeiten können, auch beruflich, während Frauen lieber was anderes machen sollen. Am besten etwas, was Raum für Kinder lässt. Schließlich sind Frauen unterm Strich dafür da.

Ja, das erlebe ich oft. Geschockte Menschen, die es nicht verstehen können, dass ich kein Interesse daran habe, einen Stall voll Kinder zu hüten. Man ist als Frau tatsächlich ein bisschen weniger Wert.

Mir sind schon einige autistische Mütter begegnet, die ihre Kinder selbstverständlich lieben und sich gut um sie kümmern, aber kaum mehr Zeit mehr für sich selbst haben (und vielleicht für Interessen, die nicht „typisch weiblich“ sind. Für eine Autistin kann das sehr zermürbend sein. Und genau das interessiert dann kaum jemanden, denn sie hat ja ihren Soll erfüllt. Natürlich gibt es auch Autist:innen mit Kinderwunsch, vielleicht sogar als (weiteres untypisches) Spezialinteresse, und selbst für mich wär’s inzwischen wohl ok. Aber eben nur ok.

Für männliche Diagnostiker, bzw. für Diagnostiker:innen, die sich am typischen (männlichen) Autismus orientieren, ist dieser weibliche Autismus eben aufgrund unserer sexistischen Gesellschaft oft nicht leicht zu erkennen. Weil es anders aussehen kann. Zum Beispiel statt „ausflippen/rumschreien“ (Jungs) „schweigen/Schüchternheit“ (Mädchen)

Trotzdem müssen die oben genannten Symptomtrias vorhanden sein. Wie auch immer sie in Erscheinung treten.

Autismus Erfahrung: In der anderen Welt

Viele Autist:innen spielen gern Videospiele oder begeben sich in irgendeine andere beliebige Welt, in der sie erfolgreich sein können. Und das macht Sinn. Denn als Autistin mache ich, wann immer ich aus meiner Welt in die Welt begebe, die ihr wohl als „echte“ Welt bezeichnen würdet, die Erfahrung, nicht hineinzupassen. Dementsprechend bleiben Erfolge aus. Und auch ein autistisches Gehirn reagiert positiv auf Erfolgserlebnisse.

In Videospielen wäre das zum Beispiel das Aufsteigen in Levels, das schaffen von schwierigen Stellen im Spiel. Nun, ich spiele nicht mehr so oft Videospiele. Aber auch bei Brettspielen oder Kartenspielen bin ich eine wahnsinnig schlechte Verliererin. Als Kind, Jugendliche endete ein Spiel, wenn ich verloren habe, stets in einem Wutausbruch. Inzwischen kann ich gut so tun, als ob ich verlieren könnte. Ich bin aber noch immer eine schlechte Gewinnerin.

Die eigene Welt ist nahezu perfekt eingerichtet und an die eigenen Bedürfnisse angepasst. Soziale Kontakte sind zwar wichtig, aber ich persönlich kann darauf weitestgehend verzichten. Eben weil alles da draußen irgendwie in einem sozialen Kontakt endet. Na, selbst einkaufen beinhaltet ein oder zwei ausgetauschte Worte.

In der eigenen Welt, oder eben in Videospielen, gibt es klare Regeln, es funktioniert dort so und nicht anders. Manches Videospiel könnte ich mit verbundenen Augen ohne Probleme durchspielen. Es funktioniert immer gleich. In dieser echten Welt verstehe ich gar nichts und das kann ich allenfalls gut vertuschen. Die Menschen darin verhalten sich wahnsinnig willkürlich.

Und als Autist hat man dann die niemals endende Aufgabe, im Kopf für jede Eventualität einen Plan zu haben. Das ist unfassbar anstrengend. Und nach außen wirkt man dann wieder meistens ganz normal. Was ebenfalls anstrengend ist. Menschen bewegen sich kreuz und quer, fühlen heute dies und morgen was ganz anderes. Dann ist wieder jemand sauer auf mich, weil ich irgendwas getan oder nicht getan habe. Und dann redet man mit jemandem, der sagt: „schau mir in die Augen, wenn ich mit dir rede.“ Und am Ende steht man als dummer Mensch da. Dabei funktioniert man einfach nur anders.

In dieser neurotypischen Welt kann ich mich sehr schwer selbst einschätzen. Da gehe ich generell vom Schlimmsten aus. Das ist kein schönes Gefühl. Ich verstehe nicht, was richtig oder falsch ist in der Kommunikation allgemein. Menschen senden Signale, die ich nicht verstehe. Und dann wieder ganz andere. (btw: ein eigens programmierter Roboter wär n toller Freund.)

Ein großer Teil dieser anderen Welt ist bei mir das Schreiben. Aber da hat jede/r Autist/in andere Vorlieben.

Menschen neigen in der Regel nicht dazu, Dinge ausführlich zu erklären, Dinge einfach zu sagen und schon gar nicht dazu, systematisch zu funktionieren. Sie sind eben willkürlich und meistens nicht 100% ehrlich. Es ist leichter in diese andere Welt zu gehen, statt in dieser „echten“ Welt, in der scheinbar nichts funktioniert. Und ich sage zwar, dass ich Menschen hasse, aber so richtig stimmt das nicht. Ich verstehe sie nur einfach meistens nicht, obwohl ich das gern würde. Und genauso hätte ich es manchmal gern, dass mich jemand wirklich begreift.

(Trotzdem habe ich die Schwächen ausgekundschaftet, falls mein Heimatplanet ein Raumschiff entsendet, das mich abholt. ;-))

Soziale Interaktionen sind also selten von Erfolg gekrönt. Und deshalb ist die eigene Welt so viel schöner. Nun, ob das so gesund ist? Ja und nein. Es kommt drauf an. Denn manchmal muss man in die „echte“ Welt, man muss dort funktionieren. Bei den einen klappt das besser, bei den anderen schlechter. Als jemand, der extrem viel in der eigenen Welt ist kann ich aber sagen, es ist nicht immer schön, dort sein zu müssen. Manchmal ist es einfach nur leichter – erfolgreicher. Für mich ist meine Welt eine echte Welt, die Welt da draußen gleicht eher einem Haufen von Falschheiten, einem Kasperletheater. Was anderes ist mir jedenfalls noch nicht langfristig begegnet.

Aber ich sehne mich zumindest nach dieser echten Welt, die beständig funktioniert (im Bezug auf Menschen und alles was einen Menschen ausmacht) und eine Sprache spricht, die ich verstehe. Ich könnte mir aber auch ein fliegendes Spaghettimonster wünschen. Ist ja quasi das Selbe. 😉

Autismus Erfahrung: Kurzfilm(e) zur autistischen Wahrnehmung

Ich richte diesen Beitrag vor allem an Menschen, die nicht autistisch sind. Ich halte es sehr einfach und kurz, ihr müsst nicht lesen, nur zuschauen. Es handelt sich um drei sehr kurze Kurzfilme. Ich küsse eure Herzen schon, wenn ihr nur ein Video anschaut. Wenn kurz hingeschaut wird. Wenn es nicht egal ist. Denn genau das ist oft das Gefühl. Egal zu sein.

Hier finde ich das Ende sehr einfühlsam. Die Wahrnehmung ist hier aber auch mit am besten dargestellt.
Hier kann man sehr gut sehen, weshalb so oft gesagt wird: „du siehst ja gar nicht autistisch aus“. Dabei ist es so unglaublich anstrengend, einen Tag, jeden Tag, irgendwie herumzukriegen. Autisten haben übrigens ein erhöhtes Risiko (6x so hoch) Suizidgedanken zu entwickeln.

Autisten sind nicht schlecht erzogen. Es ist einfach nur alles zu viel.

Ich brauche keine sozialen Kontakte. Ich bin viel glücklicher ohne. Bin glücklich in meiner Welt. Und genau das finde ich sehr traurig. Ich wäre gern sicher und zufrieden in der Welt da draußen.

Autismus Erfahrung: „Du siehst ja gar nicht autistisch aus.“ – Na irgendwie doch.

Diesen Satz hat jede/r Autist:in schon mal gehört. Genau so, oder in ähnlicher Form. Und darauf stellt sich dann die Frage, wie man denn autistisch aussieht?! Es ist eben eine Behinderung, die man nicht sehen kann. Und genau dazu ist mir eine Theorie eingefallen, weil ich Nachts offenbar nichts besseres zu tun habe, als darüber nachzudenken. 😉

Denn ich finde, man sieht sehr wohl autistisch aus. Damit ist nicht das Aussehen gemeint. Aber ein Mensch ist mehr, als sein Aussehen. Man besteht aus Mimik, Gestik, aus nonverbaler Kommunikation, na und auch aus verbaler Kommunikation. Man kleidet sich, man trägt seine Haare irgendwie, man bewegt sich durch den Alltag. Und man wirkt auf seine Umgebung, auf seine Mitmenschen. Und genau das ist der Punkt. Nicht nur andere Autisten erkennen häufig ihre „eigene Spezies“, auch die nicht autistischen Menschen da draußen erkennen uns. Erkennen uns als etwas, das irgendwie anders ist, anders funktioniert.

Ich erlebe es selbst häufig, höre das selbe aber auch oft von anderen Autist:innen: Wir können Menschen begeistern, faszinieren, oftmals in einem Bereich, in dem wir sehr gut sind. Meist dann ein Spezialinteresse betreffend. Nur dreht sich nicht jeder Kontakt ausschließlich um dieses Interesse. Die meisten Autist:innen haben Erfahrung damit, gemobbt zu werden (Schule oder Arbeitsplatz), irgendwo im Alltag schlecht behandelt zu werden, unfair, unverstanden/missverstanden. Oft ist es dann so, dass es dafür gar keinen genauen Grund gibt, oder man als Autist:in diesen nicht versteht.

Gewissermaßen sieht man also eben doch autistisch aus. „Du guckst aber böse“ – nein, ich konzentriere mich nicht auf meine Maske, sondern auf das, was du sagst oder auf das, was ich mache. „Dein Verhalten (oder das was du sagst) ist rücksichtslos/böse/nervig“ – nein, ich rede darüber, wie ich die Dinge wahrnehme. Aber du kannst mir deine Wahrnehmung erklären. (Dazu kommt es oftmals nicht, weil man nach meiner Erfahrung schnell ‚unten durch‘ ist). Geschlechterrollen ergeben für viele Autist:innen keinen Sinn, einige sind sogar nicht binär oder sonst wie Queer (dazu werde ich einen Beitrag schreiben). Äußerlichkeiten entsprechen oftmals nicht der Norm, dem, was der Gesellschaft gefällt oder was sie von einem erwartet.

Irgendwie fällt man auf, auf die ein oder andere Weise. Meine Behinderung wird für andere Menschen sichtbar, sobald ich den Mund aufmache und Wörter rauskommen, mich unmaskiert zeige, mich bewege, kommuniziere. Und sie eckt schnell an, sobald diese Wörter nicht mein Spezialinteresse betreffen. Dann braucht man dieses Fingerspitzengefühl, diese Empathie, die gar nicht so leicht zu erlernen ist. Im Allgemeinen ist das Verhalten, das Auftreten oft nicht der Norm entsprechend, nicht angebracht, unpassend, unhöflich, etc.

Die Leute denken wohl nicht „Ah, die ist autistisch“, sie denken eher, „die komische Person“ (etc.). Man sieht also irgendwie autistisch aus, obwohl man ja gar nicht autistisch aussieht. 😉

Autismus Erfahrung: Noch mal etwas zur Kommunikation (zwischen autistischer und nicht-autistischer Person)

Gestern habe ich etwas gesehen, das mir zuvor noch nie an mir oder an anderen aufgefallen ist. Ein Video. Es geht um die Kommunikation zwischen einer autistischen Person und einer nicht-autistischen Person. Ich habe mal reflektiert und festgestellt, dass mich das auch sehr häufig betrifft. Bisher hatte ich das gar nicht bewusst wahrgenommen.

Wenn mir eine nicht-autistische Person eine Frage stellt, antworte ich oft sehr ausufernd. Natürlich nur, wenn ich gut über die mir gestellte Frage informiert bin. Meistens handelt es sich um medizinische Fragen, die werden mir recht oft gestellt. Aber auch auf andere Fragen antworte ich offenbar oft zu ausführlich. Und manchmal bekomme ich als Reaktion so ein „war doch nur ne Frage.“ Oder das Sprichwort „musst doch nicht gleich krummer Hund zu mir sagen“ ist mir sehr bekannt. Ich bin dann eher irritiert, denn ich habe ganz normal geantwortet. Das Problem ist, wenn ich über etwas viel erzählen kann und es sich dann auch noch um ein Spezialinteresse handelt, maskiere ich kaum noch, die Stimme wird monoton und ich rede ohne Punkt und Komma. Ich will einfach alle Informationen herausgeben, die ich habe. Oft ist es so viel, dass ich Tage, gelegentlich sogar Wochen später das Thema aufgreife und meine Antwort ergänze.

Nun, und genau das kommt bei neurotypischen / nicht-autistischen Menschen manchmal nicht gut an. Meine Antwort wird so empfunden, als hätte ich mich durch die Frage angegriffen gefühlt (btw, ich nehme jede Frage gerne entgegen, nur brauche ich manchmal länger mit einer Antwort). Ich kann mich nicht daran erinnern, mich je durch eine Frage angegriffen gefühlt zu haben. Von offenkundig dummen Fragen bin ich jedoch gelegentlich genervt. Das sind dann so Fragen, für die ein wenig logisches Denken ausreicht, oder auch ein minimaler Blick in https://gidbf.com/

Das kommt aber sehr selten vor.

Neurotypische Menschen denken offenbar manchmal, dass ich mich mit einer Antwort quasi rechtfertige oder dass ich einfach klugscheiße. Kurze, oberflächliche Antworten scheinen besser anzukommen, aber sind die denn auch hilfreich? Dann hat man doch nicht viele Informationen. Ich verstehe das nicht. Wenn ich etwas wissen will, dann am liebsten alles und auf einmal. Und ich freue mich immer über Fragen, denn dadurch können sowohl Andere etwas neues erfahren, aber ich kann auch Lücken erkennen. Mein Partner fragte mich zum Beispiel gestern, was „sternum“ auf deutsch heißt. Das wusste ich mal, aber ich hatte es vergessen. Das war wieder ein kleiner Kurzschluss im Hirn. 😉 Hab natürlich umgehend nachgeschaut!

Okay, die Antworten sind nicht immer ausufernd, das Thema muss mich sehr interessieren und dann kommt es auch darauf an, wie viel Energie ich übrig habe. Aber sehr ausführliche Antworten kommen manchmal nicht gut an. Wieder was neues erfahren.

Ich mag trotzdem weiterhin persönliche oder allgemeine Fragen, am liebsten zu meinen Interessen. Und ich antworte weiterhin wie ich will. 😉

Autismus Erfahrung: Nonverbal

Sprechen, oder auch das Gesprochene von Anderen finde ich unfassbar kräftezehrend. Einem Gespräch zu folgen gelingt mir, je nach Thema, oftmals nur wenige Minuten am Stück. Es kommt immer darauf an, wie ich zu diesem Menschen stehe (ich habe nur zu wenigen Menschen einen Bezug, da brauche ich nicht mal eine Hand zum abzählen). Smalltalk ist dann noch mal schwieriger. Bei einem Gespräch innerhalb einer kleinen Gruppe (bis 4-5 Personen), kann ich gelegentliches Nicken beisteuern oder lächeln, wenn es die anderen tun. In mir verursacht das Ganze großes Chaos, Aufruhr. Bei fremden Menschen bin ich ganz raus.

Wenn ich mich so verhalten würde, wie es meine Natur vorgibt, würde ich den ganzen Tag hin- und her wippen und mich meinen 2 bis 3 größten Interessen zuwenden. Das zeigt mir jeden Tag, wie tief ich das Maskieren verinnerlicht habe. Zwar mache ich das recht viel, aber überwiegend, wenn ich allein bin. Und ich würde gar nicht reden.

Ich komme mir oft sogar dumm vor, wenn ich rede. Denn so wie ich rede, würde ich mich schriftlich nie ausdrücken. Wenn ich spontan reden (oder auch zuhören) muss, ist das wie eine Fremdsprache, die jemand anders, aber auch ich selbst spreche. Das, was ich denke, was ich schreiben würde, kommt aus meinem Mund aber im Vergleich eher gebrochen heraus, wenn es sich nicht gerade um eines meiner Interessen handelt (oder um antrainiertes).

Mein gewöhnlicher Alltag ist dementsprechend so nonverbal wie irgend möglich. Auch deshalb gefällt mir meine Arbeit allein im Nachtdienst. 90% schweigen und die übrigen 10% beinhalten eher kurze präzise Aussagen.

Gleichzeitig kann ich die nonverbale Sprache Anderer nur schlecht interpretieren, was die verbale Kommunikation wiederum sehr wichtig macht. Würden sich diese Anderen dann an kurze Sätze halten, würde es mir das Leben erleichtern und meine Energie sparen. Aber das ist oftmals nicht der Fall, weshalb ich Gesprächen eher ausweiche oder diese abbreche.

Es ist aber auch immer Tagesform abhängig, es kommt auf die Umgebung und den anderen Menschen an, auf mein Energielevel, die Situation, das Thema. Mit meinem Partner kann ich zum Beispiel relativ viel reden und gelegentlich sogar aufmerksam zuhören (erfordert aber sehr viel Anstrengung). An manchen Tagen rede ich möglichst gar nicht oder nur das Nötigste, manchmal bin ich nicht einmal in der Lage, eine Sprachnachricht anzuhören, geschweige denn eine zu versenden.

Nichtsdestotrotz habe ich ein hohes Mitteilungsbedürfnis, ich schreibe unfassbar viel, meistens schmerzen meine Hände davon (na ja und aufgrund meiner chronischen Erkrankung), aber das hält mich fast nie davon ab, zu schreiben. Am liebsten nur so für mich, denn mit anderen Menschen kommt wieder das Problem hinzu, dass ich ihr Verhalten, die Aussagen oder dieses „zwischen den Zeilen“ oft schlecht verstehe. Ein Fun Fact: Ich google meistens, wenn ich etwas davon nicht verstehe (kommt sehr oft vor) und vertraue dann einfach auf irgendwelche beliebigen „Brigitte“/“Cosmopolitan“ Ratgeber. So kann ich der Situation entgehen, eine Person fragen zu müssen, woraus sich ja schlimmstenfalls ein Gespräch ergeben könnte. Das schließt zwar die Individualität eines Menschen aus, nehme ich aber so hin. Hat bisher tatsächlich meistens gut geklappt.

Dennoch kann ich Gespräche auch genießen, schwer zu beschreiben, es kommt eben drauf an.

Ich nehme an, dass ich das Schreiben so bevorzuge, weil es im Vergleich sehr reizarm ist. Manchmal kann ich auch einfach nicht sprechen, nicht zuhören. Oft wird das dann mit Unhöflichkeit verwechselt. Denn die Menschen wissen meist, dass ich physiologisch durchaus in der Lage wäre, zu sprechen. Es wird dann gedacht „kann ich nicht bedeutet will ich nicht“. Dem ist aber nicht so. Oftmals handelt es sich tatsächlich um ein „nicht können“. Oder eben um das einsparen von Energie.

Mein Partner sagte jedoch mal, dass ich im Vergleich zu unseren Anfängen, inzwischen sehr viel rede. Wenn man jedoch zusammen lebt, muss man eben das ein oder andere besprechen. Und uns ist ja auch durchaus auf ehrliche Weise daran gelegen zu erfahren, wie es dem anderen so geht. (Diese Frage: wie geht’s dir“ mag ich aber nicht, 1. ist die meistens nicht ehrlich gemeint und mein „gut“ raubt unnötig Energie, 2. sollte die Frage doch ehrlich gemeint sein, könnte man diese auch präziser stellen…woher soll ich wissen, was die Person meint, wie soll es mir denn bei was wo gehen?!)

Autismus Erfahrung: Auto- und Fremdaggressives / (emotional) verletzendes Verhalten

Nur kurz zu physischen Verletzungen:

Es ist durchaus möglich, dass Autist:innen sich selbst und/oder andere körperlich verletzen könnten. Wie immer ist das individuell zu betrachten. Das geschieht niemals in böser Absicht, sondern resultiert meist aus einer Überreizung. Z.B. wenn ein Autist eine Berührung nicht möchte und dies, sofern möglich, auch schon verbal geäußert hat. Man könnte also sagen, dass dieses aggressive Verhalten sich selbst oder anderen gegenüber eine Schutzhandlung ist, eine Abwehrhandlung. Vor allem gegen das Aufzwingen von Reizen. Aber auch wenn etwas (aus der Wahrnehmung des Autisten) falsch gemacht wird, kann das zu aggressiven Handlungen führen. Das ist jedoch stets der letzte Ausweg, ein Versuch von Kommunikation, wenn jeder andere Versuch gescheitert ist. Häufig kommt dieses Verhalten während oder kurz vor einem Meltdown vor (z.B. auch um diesen zu verhindern).

Die Absicht ist dabei niemals, sich selbst oder andere ernsthaft zu verletzen. Ein Autist würde also nicht entspannt losgehen, sich gezielt ein großes Messer suchen und sich selbst oder jemand anderen damit abstechen. Das Verhalten ist affektiv. Sich selbst oder andere beißen, kratzen, stoßen, um sich schlagen, mit Gegenständen werfen, Gegenstände zerstören. Fremdaggressives Verhalten kommt deutlich seltener vor, als Autoaggressives. Es genügt im Grunde schon, ausreichend Abstand zu halten, wenn ein/e Autist:in derart Reizüberflutet ist.

Ich persönlich handle gar nicht Fremdaggressiv, weil ich gelernt habe, mir selbst den Abstand zu verschaffen. Und auch das Autoaggressive Verhalten konnte ich auf ein Minimum reduzieren. Darauf bin ich sogar recht stolz, denn in dieser Hinsicht bin ich sehr lange sehr schlecht mit mir selbst umgegangen. Hilfreich können verschiedene Stims sein. Für mich war auch eine Verhaltenstherapie hilfreich.

Unterm Strich sind Autist:innen vollkommen ungefährlich, sofern man ihren Bedürfnissen nachkommt. Bei Autist:innen, die nicht sprechen können, gestaltet sich das entsprechend schwierig. Als Faustregel kann man aber sagen, dass ein Bedürfnis in jedem Fall Ruhe / reizarme Umgebung ist.

Interessanter sind da die emotionalen Verletzungen.

Es ist ein Irrglaube, welcher von nicht-autistischen Menschen über Autist:innen angenommen wird, sie würden es nicht merken, wenn andere Menschen durch ihr Verhalten verletzt sind. Viele Autist:innen spüren dies sogar deutlich intensiver, als nicht-autistische Menschen. Es sind einfach nur die altbekannten Kommunikationsschwierigkeiten. Für Autist:innen ist es (unterschiedlich) schwer, die eigenen Emotionen/Gefühle, bzw. die der anderen Menschen zu interpretieren und dann auch noch zu verbalisieren. Nichts ist so schwer zu definieren wie Gefühle. Oft ergeben sie keinen Sinn, oder es ist das reinste Durcheinander. Falsche Höflichkeiten sind beliebt, für einen Autisten aber vollkommen nutzlos und fern jeder Logik (außer im Umgang mit Behörden vielleicht). Daher sage ich öfter mal Sachen, die verletzend sind. Dafür entschuldige ich mich aber auch nicht, weil ich es ja so gemeint habe.

Wenn ich zum Beispiel meinen Partner frage, ob mein Hintern fett in der Hose aussieht und er mit nein antwortet (obwohl es so ist), dann finde ich das unhöflich. Ist nur ein Beispiel, aber auch sehr klassisch unter Partnerschaften/Freundschaften. Es werden bevorzugt nette Dinge, als ehrliche gesagt. Und das verstehe ich überhaupt nicht. Ich war auch schon in diesen Mädels-Gruppen, wo dann auf Nachfrage hin alle sagten „dein Make-up sieht toll aus“ und sobald dieses Mädel nicht mehr da war, wurde darüber hergezogen. Anstatt zu sagen, dass der hellblaue Lidschatten bis unter die Augenbrauen geschmiert kacke aussieht, lässt man sie damit herumlaufen. Wozu? Damit auch andere was zu lachen haben? Ist es Neid? Gewiss manchmal. Ich denke, wenn jemand eine ehrliche Meinung haben möchte, sollte man diese auch sagen. Und genauso verhält es sich mit Gefühlen. Man kann nicht jeden Menschen toll finden, was bringen da vorgespielte Nettigkeiten? Selbst wenn man jemanden (oder auch sich selbst) verletzt, langfristig ist Ehrlichkeit doch hilfreich.

Andererseits verstehe ich aber auch nicht diese zahlreichen Hate-Kommentare, die selbstverständlich nur im Internet verfasst werden. Das sind dann die ungefragten Meinungen völlig fremder Menschen. Wie z.B. „deine Arme sind zu lang, das ist hässlich“. Ja, und jetzt? Das verletzt halt ggf. unnötig. Und oftmals frage ich mich da ernsthaft, wer hier wirklich die eingeschränkte Sozialkompetenz hat. Ich, als Autistin, oder die anderen, die sich mit so einem Bullshit die Zeit vertreiben. Btw. Ich hab noch nie einen Hate-Kommentar verfasst. Bin aber auch mit Komplimenten sehr sparsam – dafür sind sie absolut ehrlich gemeint.

Man muss (in diesem Fall Fremden) eben nicht alles sagen, was einem nicht gefällt. Wenn man aber gefragt wird, sollte man ehrlich und nach Möglichkeit sogar objektiv sein.

Wenn ich nun jemanden mit meinen Aussagen (oder oftmals auch mit meinem Schweigen) verletze, kann ich mir das zwar irgendwie denken, aber eben nicht genau definieren und folglich auch nicht entsprechend emphatisch darauf reagieren (weil dem verletzt sein andere Gefühle ähnlich sind). Ich fühle mich meistens überfordert und sage dann nichts. Was dann oftmals noch verletzender wirkt. Ja, so kann man Menschen vergraulen. 😉 Vereinfachen würde es die Kommunikation, wenn die andere Person ihre Gefühle selbst definiert (oder versucht zu erklären) und diese dann äußert. „Das was du gesagt/getan hast, hat mich verletzt“. Genaue Erklärung von dem, was verletzt hat, sollte beigefügt werden. So habe ich zum Beispiel die Möglichkeit zu sagen, warum ich etwas gesagt/getan habe, was eine Situation oftmals wieder auflockert. Ich erlebe es sehr häufig, dass Dinge, die ich sage/mache, fehlinterpretiert werden. Das macht eine offene Kommunikation so wichtig. Selbst wenn ich eine Sache so meinte, wie ich sie gesagt/getan habe, kann ich durchaus Mitgefühl empfinden. Oder eben einen Fehler eingestehen. Auch vom Mitgefühl wird häufig angenommen, dass Autist:innen dies nicht empfinden können. Das ist eben falsch. Das ein oder andere kommt vielleicht hölzern an, ist jedoch nicht böse gemeint.

Schwierig sind auch die eigenen Emotionen, von denen ich meist komplett überladen bin. Es fällt mir schwer, diese nonverbal zu zeigen. (echte Freude sieht man mir aber deutlich an :-)) Oftmals aber auch, sie überhaupt anzusprechen, eben weil das meiste davon nicht klar zu definieren ist. Was ist verletzt sein überhaupt und warum? Andere Gefühle liegen dem verletzt sein sehr nahe, weshalb ich oft gar nicht weiß, ob ich überhaupt verletzt bin. In der Therapie wurde ich tatsächlich häufig nach allen naheliegenden Gefühlen abgefragt und es hat ewig gedauert, da einen genauen Punkt in mir zu treffen, der zutrifft. So manche Zeit habe ich schweigend verbracht, weil Überforderung stets die Überschrift bildet. Ich bin selten durch andere Menschen verletzt. Meistens ist es Überforderung durch andere Gefühle. Ohne äußere Unterstützung kann es schnell so viel werden, dass man eben nur noch schweigen/sich zurückziehen kann.

Schwieriges Thema für mich, da verliere ich mich in Erklärungsversuchen.

Zusammenfassend: Offene und direkte Kommunikation und Unterstützung ist unabdingbar. In der Ausführung eigentlich nicht schwer.

Mein Partner tut sich da etwas schwer mit der direkten Kommunikation, trotzdem kommt es fast nie zu einem Streit und wenn, dann nur sehr kurz. Ich muss des Öfteren darauf hinweisen, in meine Aussagen nichts hinein zu interpretieren, aber das genügt dann auch. Ich sage auch sehr oft, dass ich etwas nicht böse meine. Ich bin zwar sehr kompliziert, würde aber sagen, wenn man das Ganze ein mal begriffen hat und damit umzugehen weiß, ist es relativ simpel. Wir reden zum Beispiel manchmal darüber, was wir gut oder schlecht (aneinander) finden. Kann ich jedem empfehlen (also auch nicht-autistischen Paaren/Freundschaften), da kommen oft Dinge zutage, die ich nicht mal im Ansatz vermutet hätte. Ein Gastbeitrag vom Partner wäre vielleicht mal interessant.

Autismus Erfahrung: Hilfsmittel

Ich möchte über meine Erfahrung/mein Erleben, aber auch über ein paar Allgemeine Dinge schreiben. Auch wenn es mir gerade nicht möglich erscheint, wirklich alles in diesen Beitrag zu bekommen. Vermutlich denke ich gerade an die Hälfte nicht, aber der Beitrag ist ja nicht in Stein gemeißelt. 🙂

Aber nun zur Sache…

Die sensorischen Reize abzuschirmen gelingt mir in einem verhältnismäßig kleinen Ausmaß.

Die Umgebung muss so reizarm wie möglich gestaltet sein. Bzw. mit Dingen, die stimulieren.

  1. zum Beispiel bleiben Dinge an ihrem festen Platz (trotzdem muss ich relativ häufig etwas suchen)
  2. Einstellungen von Geräten müssen beibehalten oder immer auf die selbe Art verändert werden.
  3. Menschen sind auf die nötigsten zu reduzieren, am liebsten bin ich allein
  4. Umgebungsgeräusche sind ebenfalls auf ein Minimum zu reduzieren

Mein Kopfhörer ist mir da (zu Hause) eine große Hilfe, sehr oft höre ich über Stunden das selbe Lied, oder eine bestimmte Playlist.

Ausgehen ist kaum möglich, während 2G noch galt fand ich Kino aber wieder toll, alternativ Autokino. Aber mal eben spontan in ein Restaurant oder ein Cafe gehen, nein. Ich habe mich viele Jahre zu solchen Dingen gezwungen, das Ergebnis sind psychische Erkrankungen, die vermeidbar gewesen wären.

Draußen ist mir der Kopfhörer keine große Hilfe, denn die akustischen Reize damit auszublenden wirkt eher gefährlich. Durch die übrigen Reize kann ich schlechter sehen, besonders bei grellem Licht. Manchmal habe ich Situationen, in denen ich fast nichts mehr sehen kann, dadurch verliere ich die Orientierung. Besonders gefährlich ist das aufgrund von Straßenverkehr, da hatte ich bisher schon sehr oft sehr viel Glück. Dahingehend fühle ich mich aber sicherer, wenn ich akustische Reize wahrnehme, um entgegenkommende Autos wenigstens hören zu können (neben dem Fühlen der Vibration)
Eine Sonnenbrille wäre da eine Lösung, diese Veränderung mag ich jedoch gar nicht.

Gegen Berührungen kann lange/dicke Kleidung etwas helfen. Niemand mag gern von Unbekannten in Intimzonen berührt werden (neben den Geschlechtsorganen und dem Gesäß ist zum Beispiel auch das Gesicht eine Intimzone)

Für mich ist alles Intimzone, (ganz besonders Blickkontakt). Dagegen kann eine Warnweste helfen mit entsprechendem Aufdruck, nicht berührt werden zu wollen. Mir persönlich war das etwas zu viel, weshalb ich es mit einem Magnetbutton versucht habe. Der ist leider völlig sinnlos. Im Geschäft wurde ich daher schon des Öfteren für einen Ladendieb gehalten, weil ich ewig in der Gegend herumstehen muss, bis dort, wo ich hin möchte, keiner mehr steht.

Seit Corona ist ein kurzes Husten sehr effektiv. Selbstverständlich ohne die Hand (oder den Ellenbogen, mit dem sich die Menschen dann berühren) nicht vor den Mund halten. Die meisten Menschen springen instinktiv weg. Ein bisschen lustig ist es auch. Wenn man das nicht möchte kann man aber auch sagen „ich fühle mich so komisch, muss wohl mal nen Coronatest machen“. Sofern man sprechen kann, ist auch das hilfreich. Zu erwähnen, dass man Pflegekraft ist, war zu Beginn der Pandemie auch sehr effektiv.

Stimming welcher Art auch immer kann ebenfalls lindern.

Sehr verständnisvolle Bezugspersonen sind extrem wichtig für alle anfallenden Situationen.

Natürlich gibt es auch positive Berührungen (entweder von einem Menschen, den man mag, oder eine Berührung die notwendig ist, zum Beispiel medizinisch), welche jedoch ebenfalls eine unterschiedlich hohe Reizüberflutung nach sich ziehen. Wahrung der Grenzen und Respekt sind da sehr wichtig. Die Menschen kann man sich glücklicherweise oftmals aussuchen. Am leichtesten erklären kann ich das mit einem Beispiel. Auf eine gewünschte Umarmung folgt eine Ruhephase, manchmal von mehreren Stunden. Berührungen, auch positive, werden extrem intensiv wahrgenommen, oftmals fühlt es sich an wie Stromschläge, die durch den Körper preschen. Die Erschöpfung dürfte verständlich sein. Und so ist auch die zufällige Berührung im Bus, in der Stadt oder sonst wo, ein enorm großer Eingriff in den Körper.

Weiter zum Thema Schlaf. Um Unruhe zu vermeiden kann eine Gewichtsdecke helfen. Diese fördert die eigene Körperwahrnehmung und mindert Schlafstörungen. Sie wirkt sich auf die Muskeln, die Gelenke, etc. aus. Mir sagt sie nicht zu, habe bisher aber nie mit einer solchen geschlafen. Wäre ja auch wieder eine Veränderung, also schlecht. 😀 Trotzdem kann ich relativ gut schlafen und zwar mit Gronkh. Da lasse ich nen Livestream laufen. Die Stimme hat wohl etwas beruhigendes. (Als ich ihm das mal erzählt habe, hat er es als Kompliment aufgefasst) Darüber hinaus kann hochdosiertes Melatonin helfen (das ist verschreibungspflichtig), in geringeren Mengen jedoch auch als Tablette oder Tee in der Drogerie zu kaufen. Bevor man zu (Schlaf-)Medikamenten greift, lohnt es sich, dieses auszuprobieren.

Zum Thema Ernährung. Ich bin ein sehr schlechter Esser und ein noch schlechterer Trinker. (Aber Hauptsache bei der Arbeit gute Ratschläge diesbezüglich verteilen:D) Ach, nicht nur bei der Arbeit. Zu Hause/in meinem Umfeld auch. Aber da gibt es mehrere Hilfsmittel, auf diesen Ohren bin ich jedoch bisher taub, sprich – bei mir funktionieren diese Dinge nicht. Da die Wahrnehmung gestört ist, werden diese Dinge einfach vergessen. Ich habe es mal mit laminierten Karten Probiert (liegen aber nur in einer Schublade)..hier als Bild – wenn jemand Interesse daran hat, der möge mir schreiben, ich schicke sie gern kostenlos zu. Diese sind vor allem dazu da, um die Ernährung vielseitiger zu gestalten.

Auch der Handywecker oder eine Eieruhr bringen in diesem Fall nichts, kann aber generell eine Hilfe sein. Menschen, die mich sehr stark damit nerven können helfen zu trinken. Am meisten geholfen hat mir mein letzter Krankenhausaufenthalt. Meist spüre ich Durst erst in Form von Schwindel, in diesem Fall war es zu spät und ich bin ohnmächtig geworden. Da ich mich gleichzeitig auch verletzt habe, bin ich ins Krankenhaus, was im Allgemeinen ein etwas traumatisches Erlebnis war. (Die Ärztin war aber sehr lieb und einfühlsam, sie schien sich etwas im Umgang mit Autisten auszukennen) Auch Notizzettel oder Erinnerungskarten können helfen.

Meine Ernährung ist weiterhin sehr einseitig (was natürlich super gut zur veganen Ernährung passt – nicht) Wobei sich das seit der Ernährungsumstellung stark gebessert hat. Da habe ich es mit meinem Insta Account versucht, um da jedoch der großen Eintönigkeit zu entgehen, zeige ich einfach nicht alles, was ich esse. Und das ich immer die selben Gewürze verwende, lasse ich ebenfalls außen vor. 😉 Trotzdem hat mir der Austausch dort etwas geholfen, manchmal etwas neues zu probieren. Hilfreich finde ich (Ernährungsform egal), sich an Nährstoffen zu orientieren, diese zu dokumentieren. An guten Tagen erreiche ich da das meiste. In der Küche allgemein hilft mir eine Abschaltautomatik an Backofen und Herd.

Der Hai aus Findet Nemo würde sagen: Der Klassiker, Verdrängung 😀

Planung ist das halbe Leben (manchmal lebe ich in der anderen Hälfte und erhalte die Quittung dafür)

Zur Einhaltung von Routinen, die elementar für einen möglichst guten Tag sind, ist der Wecker bzw. ein Timer eine große Hilfe. Ich habe über 150 eingestellte Weckzeiten, die ich aber nur nach Bedarf nutze. Meistens weiß ich nicht, wie spät es ist, oder welchen Tag wir haben. Trotzdem freue ich mich, wenn ich beinahe täglich auf die Uhr schaue, die dann meinen Geburtstag anzeigt (obwohl ich meinen Geburtstag an sich gar nicht mag. Das ich mir in dem betreffenden Monat den ganzen Monat Urlaub genommen habe, ist Beweisstück A). Eine bestimmte Abfolge von Musik kann helfen, Zeiten einzuschätzen.
Weiterhin hilft es, wenn man sein Umfeld an seine Routinen anpasst. Falls das nicht möglich ist, dann eben umgekehrt. Ein simpler Tagesplan kann ebenfalls helfen, die Struktur beizubehalten. In Form von Worten und/oder Piktogrammen. Präzise Absprachen können hilfreich sein.

Wenn man zum Beispiel auf ein Paket oder einen Besucher wartet, welcher um 15 Uhr eintreffen soll, dann wartet ein Autist schon drei Stunden vorher am Fenster und gedanklich bereits mehrere Tage. Abweichungen führen zu noch größerer Unruhe. Dieses Problem habe ich, da wo ich wohne, nicht mehr, der Concierge fängt 24/7 alles ab.

Zum Abschluss reihe ich noch ein Paar Hilfen auf.
– Falls Probleme beim Telefonieren bestehen: Es ist nicht schlimm, einen Anruf nicht anzunehmen. Ein kleines „Drehbuch“ mit allen Eventualitäten schafft Abhilfe, dann kann man zurückrufen. Ich habe mir da angewöhnt, ganze Sätze aufzuschreiben und abzulesen. Manchen reichen Stichpunkte.
– Außenstehende aufklären. Selbst im Job kann das hilfreich sein und ich werde nicht weniger qualifiziert behandelt aufgrund meiner Behinderung. Im schlimmsten Fall schützt das vor einem autistischen Burnout. (dazu mache ich gewiss auch noch einen Beitrag)
– Draußen kann es helfen, Schritte oder andere Dinge zu zählen.
– Vibrierendes Kissen (ähnliche Wirkung wie die Gewichtsdecke)
– Behindertenausweis/Nachteilausgleich
– Auch Medikamente/Psychopharmaka können helfen. Dabei ist unbedingt zu berücksichtigen, sich an einen Arzt/Ärztin zu wenden, der sich sehr gut mit Autismus auskennt. Medikamente können intensiver oder weniger intensiv als gewöhnlich wirken. Zuvor ggf. Baldrian ausprobieren.
– Spezielle Autismus-Therapie, bezogen auf spät-diagnostizierte. Autismus-Zentren gibt es in sehr vielen Städten und die ein oder anderen helfen sogar per Insta, wie ich erfahren konnte. (Abstand nehmen von ABA)
– Trigger (die zu einem Meltdown führen) vermeiden.
– Kommunikation – nicht immer klappt das verbal. Mir helfen Stofftiere, aber auch Bildkarten, spezielle Handzeichen können helfen.
– Wenn Kopfhörer keine Option sind (weil Musik evtl. überfordernd wirkt), können auch normale Ohrstöpsel helfen, die gibt’s in zahlreichen Ausführungen.
– Ein Assistenzhund (wird leider oft nicht übernommen, wenn keine Epilepsie besteht, trotzdem einen versuch wert) Mir helfen oft meine flauschigen Katzen 🙂
– Stimming Toys hier und da verteilen und Rückzugsmöglichkeiten schaffen bzw. einfordern.

Ergänzt gern in den Kommentaren, was euch so hilft.

PS: Manche (offizielle) Hilfsmittel können von der KK übernommen werden.