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Autismus Erfahrung: In der anderen Welt

Viele Autist:innen spielen gern Videospiele oder begeben sich in irgendeine andere beliebige Welt, in der sie erfolgreich sein können. Und das macht Sinn. Denn als Autistin mache ich, wann immer ich aus meiner Welt in die Welt begebe, die ihr wohl als „echte“ Welt bezeichnen würdet, die Erfahrung, nicht hineinzupassen. Dementsprechend bleiben Erfolge aus. Und auch ein autistisches Gehirn reagiert positiv auf Erfolgserlebnisse.

In Videospielen wäre das zum Beispiel das Aufsteigen in Levels, das schaffen von schwierigen Stellen im Spiel. Nun, ich spiele nicht mehr so oft Videospiele. Aber auch bei Brettspielen oder Kartenspielen bin ich eine wahnsinnig schlechte Verliererin. Als Kind, Jugendliche endete ein Spiel, wenn ich verloren habe, stets in einem Wutausbruch. Inzwischen kann ich gut so tun, als ob ich verlieren könnte. Ich bin aber noch immer eine schlechte Gewinnerin.

Die eigene Welt ist nahezu perfekt eingerichtet und an die eigenen Bedürfnisse angepasst. Soziale Kontakte sind zwar wichtig, aber ich persönlich kann darauf weitestgehend verzichten. Eben weil alles da draußen irgendwie in einem sozialen Kontakt endet. Na, selbst einkaufen beinhaltet ein oder zwei ausgetauschte Worte.

In der eigenen Welt, oder eben in Videospielen, gibt es klare Regeln, es funktioniert dort so und nicht anders. Manches Videospiel könnte ich mit verbundenen Augen ohne Probleme durchspielen. Es funktioniert immer gleich. In dieser echten Welt verstehe ich gar nichts und das kann ich allenfalls gut vertuschen. Die Menschen darin verhalten sich wahnsinnig willkürlich.

Und als Autist hat man dann die niemals endende Aufgabe, im Kopf für jede Eventualität einen Plan zu haben. Das ist unfassbar anstrengend. Und nach außen wirkt man dann wieder meistens ganz normal. Was ebenfalls anstrengend ist. Menschen bewegen sich kreuz und quer, fühlen heute dies und morgen was ganz anderes. Dann ist wieder jemand sauer auf mich, weil ich irgendwas getan oder nicht getan habe. Und dann redet man mit jemandem, der sagt: „schau mir in die Augen, wenn ich mit dir rede.“ Und am Ende steht man als dummer Mensch da. Dabei funktioniert man einfach nur anders.

In dieser neurotypischen Welt kann ich mich sehr schwer selbst einschätzen. Da gehe ich generell vom Schlimmsten aus. Das ist kein schönes Gefühl. Ich verstehe nicht, was richtig oder falsch ist in der Kommunikation allgemein. Menschen senden Signale, die ich nicht verstehe. Und dann wieder ganz andere. (btw: ein eigens programmierter Roboter wär n toller Freund.)

Ein großer Teil dieser anderen Welt ist bei mir das Schreiben. Aber da hat jede/r Autist/in andere Vorlieben.

Menschen neigen in der Regel nicht dazu, Dinge ausführlich zu erklären, Dinge einfach zu sagen und schon gar nicht dazu, systematisch zu funktionieren. Sie sind eben willkürlich und meistens nicht 100% ehrlich. Es ist leichter in diese andere Welt zu gehen, statt in dieser „echten“ Welt, in der scheinbar nichts funktioniert. Und ich sage zwar, dass ich Menschen hasse, aber so richtig stimmt das nicht. Ich verstehe sie nur einfach meistens nicht, obwohl ich das gern würde. Und genauso hätte ich es manchmal gern, dass mich jemand wirklich begreift.

(Trotzdem habe ich die Schwächen ausgekundschaftet, falls mein Heimatplanet ein Raumschiff entsendet, das mich abholt. ;-))

Soziale Interaktionen sind also selten von Erfolg gekrönt. Und deshalb ist die eigene Welt so viel schöner. Nun, ob das so gesund ist? Ja und nein. Es kommt drauf an. Denn manchmal muss man in die „echte“ Welt, man muss dort funktionieren. Bei den einen klappt das besser, bei den anderen schlechter. Als jemand, der extrem viel in der eigenen Welt ist kann ich aber sagen, es ist nicht immer schön, dort sein zu müssen. Manchmal ist es einfach nur leichter – erfolgreicher. Für mich ist meine Welt eine echte Welt, die Welt da draußen gleicht eher einem Haufen von Falschheiten, einem Kasperletheater. Was anderes ist mir jedenfalls noch nicht langfristig begegnet.

Aber ich sehne mich zumindest nach dieser echten Welt, die beständig funktioniert (im Bezug auf Menschen und alles was einen Menschen ausmacht) und eine Sprache spricht, die ich verstehe. Ich könnte mir aber auch ein fliegendes Spaghettimonster wünschen. Ist ja quasi das Selbe. 😉

Autismus Erfahrung: Nonverbal

Sprechen, oder auch das Gesprochene von Anderen finde ich unfassbar kräftezehrend. Einem Gespräch zu folgen gelingt mir, je nach Thema, oftmals nur wenige Minuten am Stück. Es kommt immer darauf an, wie ich zu diesem Menschen stehe (ich habe nur zu wenigen Menschen einen Bezug, da brauche ich nicht mal eine Hand zum abzählen). Smalltalk ist dann noch mal schwieriger. Bei einem Gespräch innerhalb einer kleinen Gruppe (bis 4-5 Personen), kann ich gelegentliches Nicken beisteuern oder lächeln, wenn es die anderen tun. In mir verursacht das Ganze großes Chaos, Aufruhr. Bei fremden Menschen bin ich ganz raus.

Wenn ich mich so verhalten würde, wie es meine Natur vorgibt, würde ich den ganzen Tag hin- und her wippen und mich meinen 2 bis 3 größten Interessen zuwenden. Das zeigt mir jeden Tag, wie tief ich das Maskieren verinnerlicht habe. Zwar mache ich das recht viel, aber überwiegend, wenn ich allein bin. Und ich würde gar nicht reden.

Ich komme mir oft sogar dumm vor, wenn ich rede. Denn so wie ich rede, würde ich mich schriftlich nie ausdrücken. Wenn ich spontan reden (oder auch zuhören) muss, ist das wie eine Fremdsprache, die jemand anders, aber auch ich selbst spreche. Das, was ich denke, was ich schreiben würde, kommt aus meinem Mund aber im Vergleich eher gebrochen heraus, wenn es sich nicht gerade um eines meiner Interessen handelt (oder um antrainiertes).

Mein gewöhnlicher Alltag ist dementsprechend so nonverbal wie irgend möglich. Auch deshalb gefällt mir meine Arbeit allein im Nachtdienst. 90% schweigen und die übrigen 10% beinhalten eher kurze präzise Aussagen.

Gleichzeitig kann ich die nonverbale Sprache Anderer nur schlecht interpretieren, was die verbale Kommunikation wiederum sehr wichtig macht. Würden sich diese Anderen dann an kurze Sätze halten, würde es mir das Leben erleichtern und meine Energie sparen. Aber das ist oftmals nicht der Fall, weshalb ich Gesprächen eher ausweiche oder diese abbreche.

Es ist aber auch immer Tagesform abhängig, es kommt auf die Umgebung und den anderen Menschen an, auf mein Energielevel, die Situation, das Thema. Mit meinem Partner kann ich zum Beispiel relativ viel reden und gelegentlich sogar aufmerksam zuhören (erfordert aber sehr viel Anstrengung). An manchen Tagen rede ich möglichst gar nicht oder nur das Nötigste, manchmal bin ich nicht einmal in der Lage, eine Sprachnachricht anzuhören, geschweige denn eine zu versenden.

Nichtsdestotrotz habe ich ein hohes Mitteilungsbedürfnis, ich schreibe unfassbar viel, meistens schmerzen meine Hände davon (na ja und aufgrund meiner chronischen Erkrankung), aber das hält mich fast nie davon ab, zu schreiben. Am liebsten nur so für mich, denn mit anderen Menschen kommt wieder das Problem hinzu, dass ich ihr Verhalten, die Aussagen oder dieses „zwischen den Zeilen“ oft schlecht verstehe. Ein Fun Fact: Ich google meistens, wenn ich etwas davon nicht verstehe (kommt sehr oft vor) und vertraue dann einfach auf irgendwelche beliebigen „Brigitte“/“Cosmopolitan“ Ratgeber. So kann ich der Situation entgehen, eine Person fragen zu müssen, woraus sich ja schlimmstenfalls ein Gespräch ergeben könnte. Das schließt zwar die Individualität eines Menschen aus, nehme ich aber so hin. Hat bisher tatsächlich meistens gut geklappt.

Dennoch kann ich Gespräche auch genießen, schwer zu beschreiben, es kommt eben drauf an.

Ich nehme an, dass ich das Schreiben so bevorzuge, weil es im Vergleich sehr reizarm ist. Manchmal kann ich auch einfach nicht sprechen, nicht zuhören. Oft wird das dann mit Unhöflichkeit verwechselt. Denn die Menschen wissen meist, dass ich physiologisch durchaus in der Lage wäre, zu sprechen. Es wird dann gedacht „kann ich nicht bedeutet will ich nicht“. Dem ist aber nicht so. Oftmals handelt es sich tatsächlich um ein „nicht können“. Oder eben um das einsparen von Energie.

Mein Partner sagte jedoch mal, dass ich im Vergleich zu unseren Anfängen, inzwischen sehr viel rede. Wenn man jedoch zusammen lebt, muss man eben das ein oder andere besprechen. Und uns ist ja auch durchaus auf ehrliche Weise daran gelegen zu erfahren, wie es dem anderen so geht. (Diese Frage: wie geht’s dir“ mag ich aber nicht, 1. ist die meistens nicht ehrlich gemeint und mein „gut“ raubt unnötig Energie, 2. sollte die Frage doch ehrlich gemeint sein, könnte man diese auch präziser stellen…woher soll ich wissen, was die Person meint, wie soll es mir denn bei was wo gehen?!)

über-irdisch

Wie einst tiefrot
leuchtende Lebensenergie
meine blassen Lippen benetzte
stiegen wir aus unseren schweren
nassen Körpern empor

Keine irdische Schrift könnte
wollte unsere Sprache
verstehen, beschreiben, fühlen,
niemand wird sie je begreifen
sie sind alle zu laut

Wie unsere Seelen aber fließen
wenn alles schweigt
erhöre ich in meinen Tiefen
deinen sehnenden Ruf

Und fühle ich auch nur
dein Blut in meinen kalten Venen
hält mich die Wärme fest
und ich spreche dir die Sprache
die du nur für uns erschufst

© Amy Herzog

Autismus: Starren, glotzen, gaffen und Echolalie

Ein Thema, welches ich nun hier im Blog aufnehmen möchte, ist das Starren. Das wie, warum und dass dieses Verhalten, wie ich finde, der Echolalie gar nicht so unähnlich ist. Streng genommen habe ich dann schon zwei Themen, die ich kurz zusammenfassen möchte, bzw. aus meiner Erfahrung berichten möchte. Anzumerken ist hier, dass nicht jede/r Autist:in so ist. Jeder ist schließlich individuell. Und nicht jede/r, der das auch ein bisschen kennt, ist gleich Autist:in.

Wie bei allen anderen Bereichen hat dazu auch ein Austausch mit meiner Mutter stattgefunden, da sie sich an Begebenheiten erinnert, für die ich vor vielen Jahren noch zu klein war. Die Erinnerungen an mich als Kind (von Geburt bis 10. Lebensjahr) sind eher wage und oberflächlich. Doch im Bezug auf das Thema „Starren“, konnte mir meine Mutter eine Auffälligkeit berichten, die sehr häufig vorgekommen ist. Damals wie heute habe ich den direkten Kontakt zu anderen Menschen, wenn möglich, gemieden.
Ich konnte nichts mit ihnen anfagen, und sie nicht mit mir. Das liegt ganz einfach daran, dass die Menschensprache (bewusst verbal und unbewusst/teilbewusst nonverbal) grundverschieden ist.
Ob nun Kinder oder Erwachsene, die wenigsten nutzen eine direkte Kommunikation weitestgehend ohne Mimik und Gestik.

Oftmals wird auch etwas gesagt, was nicht zur Körpersprache passt. (Lächeln, obwohl man traurig ist…ich bin nicht böse sagen, obwohl man sauer ist…usw) Während bereits Kinder diese Sprachen sehr gut sprechen bzw. sehr schnell lernen (intuitiv) (dabei aber immer noch ehrlicher sind, als Erwachsene, finde ich), habe ich gar nichts gesprochen. Ich fand es aber faszinierend, all das zu lernen. Und so war es, dass ich, wann immer ich konnte, Menschen angestarrt habe. Das Auffällige war nicht das Starren an sich, sondern dass die (zu 99% fremden) Menschen darauf oftmals (negativ) reagiert haben. Ich habe das nicht wahrgenommen.

Für mich waren das Reaktionen, wie jede andere Reaktion. Und für mich zunächst auch nicht zuzuordnen. Die Reaktion war einfach nur da, ich habe diese nicht bewertet. Das besonders Auffällige war jedoch, dass die Menschen teils sehr böse reagiert haben. Sie haben zum Beispiel angedroht, ob ich geschlagen werden möchte, sollte ich damit nicht aufhören. Dies weiß ich nur aus der Erzählung meiner Mutter. Sie hat natürlich dafür gesorgt, dass ich nicht geschlagen werde und aufhöre den betreffenden Menschen anzustarren.

Das war und ist jedoch meine Art zu lernen bzw. möglichst angepasst in der Gesellschaft zu leben. Denn mit den Jahren habe ich verstanden, wenn mir jemand (auffällig) etwas böses wollte. Böse Hintergedanken zu erkennen fällt mir hingegen bis heute sehr schwer.

Man kann sich das vorstellen wie ein Mensch, der in ein Löwengehege geworfen wird. Man möchte nicht gefressen werden. Also kopiert man das Verhalten der Löwen zu 100%. Je mehr Löwen, desto mehr Kopien müssen angefertigt werden. Ist man am Ende noch man selbst? Nein. Aber man wird vielleicht irgendwann akzeptiert oder geht unsichtbar in der Masse unter. Man wird nicht gefressen. Ich wurde jedoch sehr lange zumindest angeknabbert (gemobbt). Verstanden habe ich das nie – bis heute nicht. Denn ich kann mich nicht daran erinnern, besonders unhöflich gewesen zu sein, oder jemandem geschadet zu haben.

Inzwischen kann man sich das das Innere meines Kopfes vorstellen, wie einen unendlichen Raum mit unzähligen Aktenschränken. Die Kopien sind nahezu grenzenlos und täglich kommen neue hinzu. Unter Menschen würde ich allenfalls noch naiv und introvertiert wirken. Dabei entspricht das eigentlich nicht meiner Persönlichkeit. In meinen 30 Jahren ist es bisher – immerhin – zwei mal vorgekommen, dass sich jemand die Mühe gemacht hat, sofern eine Basissymphatie meinerseits besteht, mich kennenzulernen. Sonst hat es niemand über eine meiner Kopien gewagt. Vermutlich nicht mal die Kopie erkannt. Aber darüber bin ich nicht traurig. Meine Persönlichkeit redet zum Beispiel sehr gerne und sehr viel. In dem Zusammenhang – auch ein Symptom (kann man das so sagen?) von Autismus: Ich weiß fast nie, wann ein Gespräch beginnt und wann es aufhört. Auch nicht, wann ich dran bin mit reden. Ich falle also sehr
oft ins Wort, wie mir des Öfteren gesagt wird. Beim letzten Bewerbungsgespräch ist es mir sogar selbst aufgefallen, der Chef kam kaum zu Wort. Und wenn der andere einfach lauter wird, dann werde ich automatisch noch lauter. (Hab den Job trotzdem bekommen :-))

Über ein Thema, welches mich interessiert, kann ich sehr lange Monologe halten. Und ich interessiere mich auch für geschichtliche Fakten (besonders im Zusammenhang mit Pflege und Medizin), die heute wohl die meisten Menschen nicht mehr interessiert. Zum Beispiel die Frage, wie und weshalb Menschen im Mittelalter in recht kurzen Betten geschlafen haben. Aber auch über anderes unnützes Wissen (aus unterschiedlichen Themenbereichen) könnte ich aufklären, wenn sich die Gelegenheit bietet. Meistens rede ich aber nur so mit mir selbst. Im Geiste natürlich, damit’s nicht ganz bescheuert, sondern eher verträumt wirkt.

Bevor ich weiter von Hölzchen auf Stöckchen komme, berichte ich noch kurz über die am Anfang erwähnte Echolalie. Meist bei frühkindlichen Autisten/verzögerter Sprachentwicklung. Davon war ich nicht betroffen, denn ich habe verhältnismäßig früh gesprochen und auch als ich das lesen gelernt habe, habe ich alles Gelesen, was lesbar war. Das war also soweit in der Norm. An mir selbst fällt mir das eher im Erwachsenenalter auf. Das Nachahmen von Worten und Geräuschen/Lauten. Das stereotype Wiederholen von Worten. Für kleine Kinder ist das ganz normal. Später macht man das für gewöhnlich nicht mehr. Aber auch das ist für mich auch eine Art der Kopie. Kopie vom Tonfall zum Beispiel. Also nicht nur wie (z.B.) Wut aussieht, sondern auch wie sie klingt. Und das mit allen Gefühlen und alles eventuellen Situationen.

Das alles ist eine nie endende Arbeit und ein grenzenloser Bedarf an Kopierpapier. 🙂

Träume beweinen.

Wolltest du einmal meine Sprache lesen,
dann würdest du meine Träume verstehen,
und würden dann meine Worte verstanden,
würden sie nicht mit dem Restwind verwehen.

Wolltest du einmal zu den Sternen blicken,
könntest du meine Fragen dort sehen,
sie strahlen und schreien bei Tag und Nacht,
doch möchtest du an ihnen nur vorbei gehen.

Wolltest du einmal meine Liebe hören,
und dich nicht verhüllen im Schweigen,
dann könnten wir mit den Träumen reisen,
und ich müsste sie nicht weiter beweinen.

 

© Amy Herzog (17.12.2015)