Fühllos

Verfall

Überall pulsiert das Leben
– nur meine Augen
so trocken wie die letzte Ernte
aus Kiesgruben Dürre
gefühlte Liebe
oder den glänzenden Schimmer
des langsamen Verfalls
dann wieder kalt
& unter der Sonne eines Fremden
haucht der Wind einer Blüte
noch etwas Leben ein

© Amy Herzog

kleines Herz

Schreie, kleines Herz
& kalte Haut
verdrängtes lieben, Eis und Staub

Zwischen vertrockneter Tinte
& dem rasenden Puls im Schreibmaschinenrhythmus
brechen Äste & Wolken starren mich ins Leere
selbst wenn ich noch tief ersehne
schreie ich den Wald
& blaue Venen

Verdrängtes lieben, Eis und Staub
schrei‘ lauter, Herz
sei endlich taub

© Amy Herzog

ewig regen, ewig leben

Regen schnürt die Erde
sagt Welt
& hält sich fest
an dir
weil sonst nichts lebt, sagst du

Du hältst den Drink
schweigender Mann hinter verregnetem Fenster
lebst die Leere durch den Tag
& ein schlaffes Herz
in die Nacht

Wir werden ewig leben
Regen
Regen
Regen

© Amy Herzog

Entgleiten

Es kommt dir vor wie die totale Kontrolle, wie viele kleine Erfolge, die sich aneinanderreihen. Und du bildest dir ein, dass es leicht ist, während dir die Stimme in deinem Kopf laufend dein Versagen vorhält. Nicht direkt, nein, sie klingt sarkastisch. „Toll, konntest du ausnahmsweise mal etwas richtig machen“. Unweigerlich denkst du darüber nach, dass du es hättest besser machen können, mehr hättest tun können. Letztendlich ist es nie genug, diese vielen kleinen Erfolge, die in Wahrheit gar keine sind. Eigentlich weißt du das. Eigentlich weißt du, dass das, was du euphemistisch „stark“ nennst, schwach ist. Aber dann ist es wiederum okay einen Moment lang schwach zu sein. Als sei das Ganze für eine gute Sache und selbst der Moment wird zum sehr dehnbaren Begriff. Und während du dich in deiner totalen Kontrolle suhlst & deine vielen kleinen Erfolge notierst, entgleitet alles, entgleitest du.

Zu viel ich

© Amy Herzog

Leere

ein Entgleiten auf der Eisbahn
voll von Verliebten
im Zauber des Weihnachtsmarktes
liege in zerbrechlicher Mitte
und sehe das buntflimmernde Licht
Vorträge wehen zwischen kahlen Bäumen
mein Schweigen aber sitzt so tief
wie der Schmerz
der mir im Treiben um mich
die Leere im Ich zeigt

© Amy Herzog

ich bin nicht mehr

Stehe unter Scheinwerfern
auf einer Bühne
so gigantisch
dass mich niemand sehen kann
ohrenbetäubende Schreie
übertönen meine greifende Hand
die Seelenstücke
ziehen gebrochen an Gondeln vorbei
ins Schlachthaus

Dieser tief verankerte
täglich neue Wurzeln schlagende
mit Spinnweben fixierte
Harz tropfende
im Mondlicht schimmernde
stumm vibrierende
zerfressende
alles umgebende

In der Kälte
tropft es im Rhythmus
meines verschollenen Herzens
auf nassen Beton
aber ich bin nicht mehr
nicht mal mehr Geschichte

© Amy Herzog

Beerdigung

sehnsucht liebt leben 
leben stirbt
und ich spiele auf der beerdigung 
die hauptrolle 
dabei kannte ich leben nicht 
die sehnsucht legt sich in hoffnungslose arme 
und weint bitterlich 
mir hingegen wird einfach nur kalt 

© Amy Herzog

Kaltes Herz


Suche nichts, mein Liebster
was nicht gefunden werden kann
kein Kompass ist dein
und die Sternbilder blenden
mein Herz in der Truhe
am Grund des tiefschwarzen
schimmert nur an der Oberfläche
anmutig salzigblautürkis
dein Herz aber muss schweigend still
zwischen den Welten verloren
gehen, leiden, enden
wenn’s mein erkaltetes Herz
schlagend finden will

© Amy Herzog

liegen

46/79
scheintot
aber mein Puls kämpft
mit Extrasystolen ums lieben
und wenn’s verschwiegen
ein Ende finden kann
dann bleibe ich
endlich
liegen

© Amy Herzog

Randnotiz

ich genieße es
weil es mein Hirn vereinnahmt
alles andere sickert
das Schmerzende aber strömt
in Wasserfällen
hinaus

es wird kalt

© Amy Herzog