Kurzgeschichte

Ficken kann jeder.

Es ist nicht schwer, auf einer Bananenschale auszurutschen, mit der Kleidung versehentlich an einem aus der Wand hervorstehenden Nagel hängenzubleiben, sodass diese vom Leib fällt, zufällig ein passendes Gegenstück in Fallrichtung liegen zu haben, im selben Moment durch das schlagartig ausgestoßene Adrenalin eine wie auch immer geartete körperliche Erregung zu spüren und letztendlich in einer vor sich hinschwitzenden, verknoteten Verbindung stecken zu bleiben, während auf und ab Bewegungen nur deshalb zustande kommen, weil man ja immerhin schon etwas älter ist und nicht mehr nur ein Versuch genügt, um aufzustehen.

Klar, immer wieder nett. Ach, ich habe gar nicht vorgestellt: Nett ist die kleine Schwester von Scheiße. Was? Ihr kennt euch schon? Nun gut.

Ja, jetzt kommt irgendeiner daher, der eine, der immer kommt, der, der sagt: „Wenn du Sex so scheiße findest, dann hast du noch keinen guten gehabt.“ Na, das ist der Selbe, der sich dann beweisen will. Danke, aber nein danke. Ein bisschen Selbstachtung habe ich dann doch noch. Willst du was abhaben?

Nun aber weiter im Text. Ja. Die bisherigen Zeilen hätte ich mir sparen können. Der Titel genügt vollkommen. Aber mal ehrlich, die Vorstellung mit der Bananenschale ist doch irgendwie so real wie witzig. Ich frage mich, wie viele Menschen heute Nacht ausrutschen. Mit Absicht. Und ein paar, die hinterher dem Alkohol die Schuld geben. Soviel kann ich gar nicht saufen, damit solche Menschen schön für mich werden, deshalb versuche ich es gar nicht erst.

Was ich mich wirklich frage ist, wann waren wir, wann warst du, das letzte mal Emotional vollständig nackt? Dein Körper mag aussehen wie er eben aussieht. Da scheißt doch der Hund drauf. Viel interessanter ist, wie deine nackte Seele aussieht. Zwei vollständig geöffnete Seelen die ficken. Seltsame Vorstellung oder? An zwei Körper zu denken ist leicht. Ficken ist leicht. Ich kann in meinen Browser random Buchstaben eintippen und lande garantiert auf irgendeiner Pornoseite. Oder ich schaue in meinen Verlauf. Alles nackte Körper. Alles so unfassbar banal, ermüdend und an Irrelevanz nicht zu übertreffen. Zwei fickende Körper, wow. Von mir aus auch drei, vier, oder auf wie viele man auch steht. Ist total Latte. (Hihi, Latte..)

Btw: Schaut euch nen Porno aus den Achtzigern, Neunzigern an. Das ist noch Humor.

Aber nun weiter. Habt ihr euch inzwischen die zwei nackten Seelen vorgestellt? Diese vollkommen offenen nackten Emotionen, wie sie sich miteinander Verbinden, die Farben aller Universen, verschmelzen, sich hingeben, selbstlos schenken und ohne Zeit und Raum für immer eng umschlungen miteinander, ineinander tanzen? Habt ihr das mal gesehen? Schon mal erlebt? Mal ganz ehrlich, sind ja hier in unseren Gedanken unter uns.

Also ich nicht. Meine Seele war noch nie nackt. Die behält immer wenigstens den Schlübber an. Und ich fühle mich wie ne Jungfrau. Weil ich, ICH, noch nie nackt war. Ich kann es mir nicht einmal vorstellen. Aber das, was ich mir unter diesen zwei nackten ewig fickenden Seelen vorstelle, das ist schon, nun, alles übertreffend. Ich denke aber auch, dass es kaum mehr Menschen gibt, die sich vollständig entkleiden können. Und wenn das so ist, wie ich mir das vorstelle, dann ist das absolut nachvollziehbar. Man stelle sich vor, man ist also Seelenjungfrau, so nenne ich das mal und dann traut man sich mal einfach, sich auszuziehen, so viel Eier muss man erst mal haben, aber man traut sich das dann mal. Na und dann verbinden sich diese eine Seele und diese andere nackte Seele. Und dann? Tut das weh? Ist das schön? Und die wichtigste Frage: kann man das ohne Kassenzettel zurückgeben? Nein?

Wow. Schon erschreckend. Na, ficken ist leicht, aber sich selbst wirklich auszuziehen erscheint unmöglich. Zumindest für die Meisten. Ein Hoch also auf die Bananenschalen, gähn.

kalte Tränen, Leben und Traum

Wenn ich dich nicht festhalten kann, dann die Halluzination. Zwischen der Leidenschaft, die um unsere Lippen tropft, über das Meer, welches wir mit unseren Zungen füllen, bis in die Gruft, in der wir gemeinsam in Vergessenheit geraten. Und ich schlafe, schlafe, schlafe in diesem kleinen Traum und falle auf die Knie vor schwermütigschlagender Distanz in meiner Brust. Das morsche Herz, es schlägt eisern am wolkenlosen Himmel und ersehnt in dieser zehrenden Seelendürre nichts mehr, als deinen warmen Regen. Selbst die Szenen in meinem Hirn starren nach einer Weile nur noch aus dem Fenster, wie sich nichts darin spiegelt. Ich bin unsichtbar wie der Wind ohne Blätter. Und dann schließe ich fester meine Augen und halte dich auf meinem unbeschriebenen Papier fest. Und ich schreibe eine endlose Geschichte über kalte Tränen, Leben und Traum…

Hass: Innerer Monolog (aus den Entwürfen ausgebuddelt)

Ich hasse die Menschen nicht. Zwar mag ich sie auch nicht sonderlich, aber ich kann behaupten, keinen einzigen Menschen zu hassen. Keinen einzigen. Manchmal frage ich mich, ob ich zu tiefem Hass überhaupt fähig bin. Was ich aber hasse – nein Hass ist eigentlich das falsche Wort. Was ich verachte, ja verachte, ist die Nähe die sie ständig wollen. Die Nähe, die sie immerzu suchen. Körperliche Nähe, Emotionale Nähe. Denn. All das kann zerstören und sie haben keine Ahnung. Sie können nicht damit umgehen. Sie können es nicht steuern. Nicht kontrollieren. Ich verachte es, wenn sie mich umarmen wollen, wenn sie mir nah sein wollen, wenn sie mich ergründen wollen. Wenn sie mir nah sein wollen.

Wie sie keine Ahnung haben, von der unberechenbaren Macht, die sie besitzen. Aber ob ich das an ihnen verachten kann? Darf? Nein. Das darf ich nicht. Es sind Menschen, sie sind menschlich. Das verachte ich an mir! Das muss ich an mir verachten. Meine Menschlichkeit. Ich verachte die Schwäche, die Schwäche diese Menschen letztendlich doch an mich heran zu lassen. Nicht alle, aber es kommt immer jemand, der die Schwäche blind nutzt. Und ich? Was passiert? Es ist meine Schuld. Ich lasse mich darauf ein. Immer mal wieder. Menschlich. Aber was bleibt mir sonst übrig?

Mir scheint das wie ein unfairer Kampf. Einer gegen alle. Oder zumindest gegen viele. Wie sollte ich allen Stand halten können? Wie sollte ich, wenn ich so geschwächt bin gegen die Stärke der Menschen Stand halten? Gegen ihr lebendig sein? Gegen ihre Energie, ihre Energie, die sie immer haben, immer so einfach bekommen können, nie muss es ihnen daran mangeln. Sie durchleiden das nicht, nein, sie sind einfach nur blind.

Wenn sie kommen und mich erfahren, mich ergründen wollen, haben sie Angst vor mir. Denn auch ich bin im Besitz dieser Macht. Als ob sie mich je vollständig ergründen könnten, als ob ich das je zulassen würde. Niemals reichte meine Schwäche aus, um sie so unglaublich nah an mich heran zu lassen. Ja unglaublich. Denn es wäre tatsächlich nicht zu glauben. Nein. Aber sie sehen die Oberfläche, sie spüren, das ich nicht wie sie bin. Und das macht ihnen Angst. Ich spüre ihre Angst. Sie geraten in eine Abwehrhaltung und wollen mich zerstören. Aus Angst ich könnte es mit ihnen zuerst machen. Diese blinden Narren! Wie könnte ich sie zerstören, wenn ich so geschwächt bin, wenn sie mich so geschwächt zurück lassen. Als wollte ich ihnen etwas antun. Als könnte ich das so schwach. Nein, ich kann nicht. Nicht ohne ihr Lebendig sein, nicht ohne, dass sie mich lebendig halten. Nicht ohne ihre Energie, nicht ohne ihr Blut. Ihre Liebe.

Dabei sind sie es, die mir etwas antun. Und sie wissen nie, was sie tun. Sie haben keine Ahnung. Sie sind blind. Sie nutzen ihre Stärke, ohne es zu wissen. Mit verbundenen Augen laufen sie durch die Welt und haben keine Ahnung von der Macht,  die sie besitzen. Die Macht andere zu zerstören. Und sie nutzen sie nicht mal richtig. So unwissend und wahllos. Aber unberechenbar. Ja, unberechenbar.. Ich muss dieses Risiko eingehen, jedes Mal muss ich dieses Risiko eingehen, muss sie an mich heranlassen. Ich bin auf sie angewiesen. Ich bin menschlich.

Angewiesen auf ihr Leben. Aber ich kann das nicht mehr. Ich bin geschwächt, wurde zerfetzt. Ein Mensch hat es geschafft. Und er hat keine Ahnung, dieser blinde Mensch. Und selbst diesen Menschen kann ich nicht hassen. Ich kann ihn ums verrecken nicht hassen! Ich kann ihn nur begehren. Diesen Menschen.

Angewiesen bin ich darauf, dass sie Leben! Ich brauche ihre Kraft, ihre Energie, um selbst aufrecht stehen zu können. Brauche es, um sie zu Manipulieren und für meine Zwecke zu nutzen. Brauche es um stark zu bleiben. Brauche ihr Leben, ihre Liebe, ihr Blut. Ein ewiger Kreislauf. Und niemals darf ich schwach werden. Niemals darf ich sie in mich hineingreifen lassen, immer muss ich ihnen die Nähe vorspielen. Sie müssen mir nah sein und sie müssen mir egal sein. Ich darf sie nicht hassen! Sie müssen mir egal sein! Wie kann das gehen, wenn ich schwach bin, wie?

Wie diese Menschen ihre Kraft haben, das habe ich nicht. Wie sollte ich also fair gegen sie kämpfen können? Wie sollte ich hinterlistig und unfair an ihr Leben kommen und selbst stark zu sein? Ich muss stark sein, obwohl ich es nicht bin. Wie soll das nur gehen..

In Wahrheit machen mir die Menschen nur Angst. Große Angst. Manchmal gar panisch. Und aus dieser Angst halte ich mich fern von ihrem Lebendig sein, werde schwächer und schwächer. Und schwach bin ich ihnen schutzlos ausgeliefert. Das macht mir nur Angst. Ein Kreislauf, aus dem es kein Entkommen gibt? Wie sollte ich meine Stärke zurück bekommen, ohne wieder zerfetzt zu werden? Wie? Ich brauche einen schwachen Menschen. Eine schwache, kleine, bemitleidenswerte Zapfsäule, die mir meine Stärke zurück gibt.

Es braucht nur einen Menschen, einmal einen Menschen, einen schwachen Menschen, den ich für meine Zwecke nutzen kann! Den ich benutzen kann um wieder Teil des Kreislaufs zu werden. Um nicht mehr zerfetzt zu sein, um keine Angst mehr haben zu müssen, um endlich wieder stark sein zu können. Einen schwachen Menschen, der gegen meine Schwäche schon nicht mehr ankommt. Einen Menschen, der schon zerstört ist. Einen der am Boden liegt. Mit einem Bein im Grabe, gerade noch stark genug um mich zu stärken.

Diesem zerstörten lebendigen Menschen die letzte Kraft entnehmen und sie für mich nutzen. Und er muss mir egal sein, er darf mir nicht Leid tun. Ich darf kein Mitgefühl kennen. Ich muss es vergessen. Es gibt kein Mitgefühl! Ich muss diesen zerstörten Menschen endgültig und kaltblütig vernichten, zurück lassen und weiter stark werden. Wieder stark werden.

Ich habe mich schwächen lassen von diesem Menschen und schwebe außerhalb des Kreislaufs, nie wieder darf mir das passieren.

Nie wieder!

Memoiren einer Mätresse

Einundzwanzig Uhr im Winter, stehe an der Bushaltestelle. Gegenüber im Rewe kaufen Menschen noch ein, und ich überlege, denn ich müsste auch einkaufen. Zu Hause im Kühlschrank wartet nur noch ein angebrochenes Glas Marmelade und eine halbe Packung Mehl steht im Schrank. Aber ich bin zu erschöpft von der Arbeit, von meinem Leben. Dann gibt es eben wieder Pfannkuchen ohne Ei, ohne Milch, ohne Zucker, ohne Salz. Ich hätte ohnehin nur noch fünf Euro, die ich doch lieber in die Zigaretten danach investiere.

Mein Geld für diesen Monat habe ich vor wenigen Tagen beinahe restlos aufgebraucht, um ihm etwas bieten zu können, als würde es etwas nützen. Mehl mit Wasser in einer beschichteten Pfanne, garniert mit feinster billig Marmelade. Etwas, worauf ich mich freuen kann, sofern ich meine Endhaltestelle nicht verschlafe. Komische Gestalten laufen in der schwach beleuchteten Laternendunkelheit an mir vorbei, aber ich spüre keine Angst. Mir ist nur kalt und ich bin so müde. Und was soll schon passieren. Ich nehme es, wie es kommt. Was passiert, passiert und was nicht passiert, passiert eben nicht. Im Moment weiß ich nicht, ob ich mich wehren würde. Mir ist alles egal, ich will nur schlafen.

Endlich kommt der Bus, um diese Zeit zum Glück nicht mehr so voll. Ich mache mir gern Gedanken über die Menschen, die dort sitzen. Sind sie glücklich? Wie definieren sie Glück? Hat der Mann mit der großen roten Nase ein Alkoholproblem, oder ist ihm auch nur kalt? Kommen die zwei Jugendlichen in ein warmes zu Hause oder liegt ihre Zukunft bereits in Scherben? Und die wichtigste aller Fragen: Hat hier schon mal jemand einen Mord begangen? Der schicken Lady, die im Bus etwas fehl am Platz scheint, der würde ich es zutrauen. Vielleicht nicht mit einem Messer. Eher so nach dem Motto: es war ein Unfall. Ganz so als hätte sie nicht gewusst, dass man dem achtzigjährigen Millionär keinen Fisch zum essen serviert, den sie zuvor Wochenlang hinterm Trockner gelagert hat. Immerhin halten mich die Gedanken wach. Und wie immer, würde ich gerne auf dem hüpfenden Sitz des Busfahrers sitzen. Dieses auf und ab Gewippe wirkt geradezu hypnotisch.

Einundzwanzig Uhr fünfundvierzig, Endhaltestelle. Fast vierhundert Schritte bis in die beste Dachgeschosswohnung, die ich für einen kleinen Preis auftreiben konnte. Dreißig Quadratmeter, aber sie gehören mir. Besser als das Leben zuvor ist sie allemal. Eingerichtet mit dem Geld, welches ich mühsam zusammenkratzen konnte. Schön ausdrücken kann ich es mit minimalistisch und nachhaltig kreativ zusammengewürfelt, aus gebrauchten Möbeln. Viele Menschen wissen gar nicht zu schätzen, dass sie eine Einbauküche, eine Waschmaschine und weiteren Luxus ganz selbstverständlich in ihrer Wohnung stehen haben. Immerhin lerne ich hier gerade fürs Leben. Um weiter positiv zu bleiben.

Angekommen begrüßen mich meine Katzen, immerhin sie haben Essen, welches sie nun bekommen. Das ist das Wichtigste. Klamotten abwerfen, die Mehlpampe…ich meine die Pfannkuchen anrühren und die Marmelade drauf klatschen. Und mit einem mal sieht das Katzenfutter ungewöhnlich lecker aus. Aber ich muss mich beeilen. Nicht etwa weil ich müde bin, naja schon, aber hauptsächlich, weil ich den Haushalt noch gemacht haben muss, damit für morgen alles perfekt ist. Oder besser gesagt, möglichst perfekt wirkt. Duschen gehe ich nicht mehr, das dauert mir heute zu lange. Dreiundzwanzig Uhr, das Bett ruft sehnlichst, ich rufe zurück. Es bleibt mir nicht mal Zeit für meine tiefe Traurigkeit. Den Wecker auf halb zwei, viertel vor zwei und zwei Uhr gestellt, denn ich darf nicht verschlafen.

Denn um drei Uhr kommt er. Und ich muss vorher noch duschen, um ihm frisch fertiggemacht, glücklich wirkend den Kaffee zu servieren, den ich auch kaufe, obwohl ich ihn nicht trinke. Ich bin so dumm, so dumm, so unglaublich dumm. Aber es lohnt sich.

Drei Stunden später stehe ich völlig ermattet auf, springe unter die Dusche, erledige letzte Handgriffe in der Wohnung und stehe ihm zur Verfügung, mit allem, was er will. Der beste Sex, den jemals jemand gehabt hat, ist keine Belohnung für mich, obgleich seine Begierde bis in meine tiefsten Ängste vorzudringen vermag und sie für einen kurzen Moment sanft in Sicherheit küsst. Ich spüre Verzweiflung, mein gebrochenes Herz und meine zerfleischte Seele, die ich nicht herauslassen darf in der dringenden Hoffnung, dass er dieses mal bei mir bleibt. Es geht mir um den Moment danach, in dem er glücklich ist und seine Augen mich anschauen, als wäre ich die einzige für ihn. Fast so, als hätte ich eine Prüfung bestanden, nur bekomme ich keine Urkunde, sondern einen Stempel aufgedrückt. Mätresse.

Fünf Uhr, er geht. Wie immer. Ernüchterung. Und ich gehe noch mal duschen, wasche mir den Dreck ab und warte auf die Arbeit. Weinen kann ich schon lange nicht mehr, nur noch so in mich hinein. Was sollte es auch nützen, heute Abend werde ich es wieder eilig haben, werde wieder drei Stunden schlafen und ihm wieder den Kaffee servieren. Vielleicht bleibt er ja morgen bei mir. Vielleicht. Es tut weh ihn so bedingungslos zu lieben, doch ich tue es. Ich bin einfach nur müde, so unglaublich müde.

Er und Sie (Part 1)

Triggerwarnung: Sexuelle Inhalte. Wer so etwas nicht lesen mag, der möge diesen Beitrag dezent überlesen.

Es liegt außerhalb ihrer Vorstellungskraft, wie sehr er sie begehrt, wie tief er ihre Nähe einatmen möchte, einatmen muss, als würde sie ihn vor dem ertrinken retten und mit dem ersten Atemzug blickte er in ihre Augen. Als wollte er in seinem gesamten Leben nichts anderes mehr sehen und alles andere davor vergessen, während sich ihr Duft um seinen Körper schmiegt und seine Sinne in entfernte Dimensionen manövriert. Doch das alles spielt sich nur in seiner Phantasie ab, diese Welt, die sie nicht zu erahnen vermag, gleichzeitig ist sie ihm die schönste, die, in der er ankommen und sich fallen lassen kann. Und sie ist darin seine Sicherheit, ihr sanfter Schoß, in der für ihn so unsicheren und schnelllebigen echten Welt. Nur fragt er sich dann: „was ist schon echt?“ In seinen Gedanken sieht er sie jeden Tag, wohin er auch schaut, sieht er ihre Augen vor seinem Inneren. Wir begehren, was wir täglich sehen. Wie jeden Tag flüchtet er vor dem Licht, dunkelt seine Wohnung mit Jalousien und zündet eine Kerze an, um sich weiter in seiner Welt zu laben.

Obwohl seine amourösen Gedanken schnell zu kochen beginnen, als er sie auf seinem Bett liegen sieht, atmet er tief durch und lässt sich Zeit. Denn Zeit ist hier in seiner Welt ein so weit dehnbarer Begriff, dass er bedeutungslos wird. Selbst im Schein seiner Kerze kann er ihre Augen leuchten sehen und als er ihr endlich wieder näher kommt, sich neben sie auf sein Bett setzt, kann er bis hinter ihre Augen, direkt in ihre Seele blicken. Und ankommen. Alles was ihm bis dahin ein Geheimnis war, liegt nun offen in seiner Brust. Wie eine Flutwelle trifft es ihn, überrollt ihn, macht ihn schwach, obwohl er stark sein wollte. „Wir haben Zeit“, flüstert er sich selbst immer wieder zu, während er leicht zu schwitzen beginnt und dieser Schweiß einen dünnen Film aus purer Leidenschaft auf ihm hinterlässt.

Und er denkt an all die Fragen, die sich nun aus seinem Wissen ergeben, das offen in seiner Brust liegt. Alles hat er von ihr, doch er will mehr, immer tiefer in sie hinein blicken. Sogleich denkt er an die Gespräche, saugt jedes Wort ihrer Stimme in sich ein, unersättlich kommt er ihr immer näher, bis sie in seiner Phantasie im Kusse verstummt. Erst ihre weichen Lippen, dann über die Wange an ihren Hals. Kaum traut er sich, sie zu entkleiden, viel zu schnell würde seine Phantasie in der Realität enden. Seine kochenden Gedanken sind längst verdampft, der Körper ist willig und sein Geist noch schwächer. All die angestauten Jahrzehnte versetzen seinen Körper in Anspannung. Wo er gerade noch alle Zeit hatte, hat er plötzlich keine mehr übrig, als er ihr mit zwei, drei ruckartigen Handgriffen die Kleidung vom Leib reißt.

Mit einem mal küsst er in seinem Gefühl alles zugleich, jeden Zentimeter ihres Körpers, ihrer zarten jungen Haut, seine Gedanken kommen nicht mehr hinterher. Und in einem Atemzug sind all seine Fragen beantwortet, jedes Haar, jedes Zeichen ihrer Zeit, mit allem was auf ihrer Haut geschrieben steht, begehrt er sie bis tief in ihre Seele. Seinen Körper stülpt er über ihren, umklammert ihn, vergräbt seinen Kopf in ihren Haaren und will sie nie wieder loslassen. Seine Schwäche ist verflogen, die Zeit flog mit, all seine Bedürfnisse liegen in diesem Moment, den er sich seit Jahrzehnten ersehnt. Endlich kann er fallen und endlich fällt er tief in sie hinein, immer tiefer, immer fester stößt er sie und krallt sich weiter fest. Ob er nur in seiner Phantasie, oder auch in echt stöhnt, ist völlig unerheblich. Die Lust fließt aus seinen Poren und verbindet sich mit ihrer. Mit jedem Stoß lauscht er mit seinem Ohr nahe an ihren Lippen ihrem leisen Stöhnen nach.

Immer schwerer fällt ihm das Atmen, die schnelllebige Welt da draußen hat er aus seinem Gedächtnis gestrichen, seine Welt dreht sich schneller. Berauscht von ihrem Meer der Sehnsucht entlädt er sich in ihr, um sie zu stillen und um gemeinsam mit ihr in die Weiten der Ewigkeit zu treiben. Langsam wird er müde, doch er lässt sie nicht los, im Gegenteil, er krallt sich noch fester, denn zu groß ist seine Angst, dass jetzt, wo er seine Begierde genährt hat, seine geliebte Phantasie, sie, mit einem mal verschwindet. Während er sie fest umklammert schläft er in den salzigen Spuren ihrer Leidenschaft behutsam ein. Eine Hand streichelt durch sein Haar und der Wind imitiert ihren Atem. Das erste mal kann er beruhigt einschlafen, denn er ist angekommen, endlich angekommen.

Suche nach Land (Drabble-Dienstag)

Lyrix hat die Drabble-Parade wieder wachgerüttelt und ich mache sehr gerne mit. Ein Drabble besteht aus genau einhundert Worten, in denen drei Worte vorkommen müssen. An diesem Drabble-Dienstag sind es die Worte: Auge, Frage und Magnet.

Suche nach Land

Eine Frage lässt mich nicht einschlafen. Die Ungesagte, im Raum schwebende, die ziellos an die Decke starrt, dann wieder gen Himmel, in den Sternen suchend. So bleibt mein Auge zu viel Meer und deines das Land, schlafend unter einer dichten Nebeldecke. Treibe ohne Kompass übers Wasser mit einem Magnet in meiner Seele und der Sehnsucht im Hirn. Dein Hafen ist zum greifen nah, fände ich ein Wort. Schöpfe Nacht um Nacht die Hoffnung aus meinem Schiff, möchte nicht ertrinken. Noch nicht. Erst wenn ich einschlafe, kann ich es sehen. Dieses große Nichts, das Bilder malt, in denen wir leben können.

© Amy Herzog

gute Nacht

Es ist dunkel, ruhig, endlich Nacht, endlich nackt. Aus der Ferne tönen die Autos der suchenden, der flüchtenden und der ankommenden Menschen. Klingt wie Meeresrauschen direkt unter deinem Fenster, in einer Flasche voll betäubender Substanz, einem leeren Blatt Papier und dem Flimmern deines Bildschirms. Und wieder atmen. Schon wieder atmen. Eine Kerze schenkt dir die Wärme, in der du dich so geborgen fühlst. Die Illusion schluckst du runter, ertränkst sie. Schwitzt und blutest auf dein Papier, denkst an Wünsche, gedenkst der Träume, mit einem Kuss an jedes deiner Geheimnisse. Für jedes Wort die passende Verkleidung. Buntes Treiben in deinem Kopf und Karneval in deinem Herzen. Selbst die Schmerzen tanzen mit. Alter Mann wird wieder jung. Finger gleiten über deine Tastatur, erst langsam, behutsam, dann immer schneller. Du willst schweben, schreibst darüber und schwebst. Du lebst. Legst alles ab, nichts nimmst du mit, was so schwer auf deinen Schultern lastet. Frei, endlich frei. Raum und Zeit verbrennen in einer handvoll Staub. Im Takt deiner tickenden Uhr steigst du höher, immer höher. Ersehnst diesen kurzen Moment, in dem fallen wie das fliegen der Vögel ist.

Du bemerkst nicht mal, dass es hell wird. Du hörst aber die Vögel zwitschern und plötzlich hörst du auf zu schreiben. Hörst ihnen zu und kannst den Liedern lauschen, die dir weh tun. Den Duft deines Lieblingsparfums auf der leeren Bettseite, die tiefe Vertrautheit. Du hörst klimperndes Geschirr in deiner Küche und das Summen deiner Kaffeemaschine. Dann näherkommende leise Schritte. Und den Duft von frischen Brötchen am Morgen mit einer Tasse voll Liebe über deinem Bett. Wie du als Kind an Weihnachten gelächelt hast, so lächelst du gerade. Und du windest dich in dem Moment, der dich für immer fest umarmt. Aus der Ferne bellt ein Hund. Dabei bist du doch ein Katzen-Mensch. Schlägst die Augen auf, dein Bildschirm flimmert noch immer kaltes Licht. Du liest in deiner Seele und blickst tief in die sonst so verborgene Wahrheit deiner Existenz. Mit zeilenlangem Herzschlag durch die Nacht, wünscht du dir dein Ende. Aber der Morgen ist da, die Flasche leer, wankst zum Spiegel und kannst wie immer keinen Blick hinein wagen. Kramst deine Maske aus der obersten Schublade und lebst dich glücklich durch den Tag. Niemand sagt dir guten Morgen, niemand „richtiges“. Schaltest aber deinen Bildschirm noch aus bevor du deinen Koffer nimmst und gehst. „Bis heute Abend“, sagst du, wohl wissend, dass er dich wieder zum Atmen zwingen wird.

Stimme zum Text: Gelesen – (du)Gedankenblabla.

Hier gibt es dann mal die erste kleine „Lesung“, wenn man so will. Eine kleine Audioaufnahme. Diesen Text [(du)Gedankenblabla.] habe ich gewählt, weil der liebe Autor und Blogger Mic diesen Wunsch als Kommentar geäußert hat.

Seid bitte, bitte, ganz doll feste nachsichtig, wenn euch die kleinen Texthänger auffallen. 😛

Zwei Tage lang habe ich daran schweißtreibend gewerkelt, dachte zuweilen, dass ich weder lesen noch schreiben kann. Ich brauchte verdammt viele Versuche, bis es für mich nicht perfekt, aber akzeptabel war. Ich kann nicht mehr und glaube, dass ich eine Phobie gegen das Lesen entwickelt habe. 😀

Es war echt.. intensiv. 🙂

Schwierig daran war, oder so empfand ich es, den Wechsel der Emotionen. In der einen Sekunde hätte ich weinen müssen, in der nächsten schon wieder schreien vor Wut. Am Ende blieb mir doch nur das kraftlose Hinnehmen all dieser Gedanken.
Ich bin auch noch etwas krank, meine Stimme nach all dem Lesen ist etwas heiser, denke aber, dass es hier echt passend war.

Was man nicht hören kann, sind die Fünftausend Lachanfälle, die ich dazwischen immer und immer wieder hatte. Ich hoffe zumindest, dass man das nicht hören kann. 😉

Was ich aber hervorheben kann, auch wenn das, man glaubt es kaum, echt anstrengend war: es hat mir Riesen Spaß gemacht! Und ich freue mich demnach sehr, wenn in Zukunft öfter mal der Wunsch nach etwas gelesenem geäußert wird. Also nur zu, liebe Leser! Alles was auf meinem Blog zu finden ist, kann auch gelesen werden.

Wie das so ist, gefällt einem die eigene Stimme nie so recht, deshalb überlasse ich euch nun einfach wortlos meinem Werk und hoffe natürlich, es gefällt euch.

Erfordert schon ein wenig Mut, das so zu präsentieren..hui. 🙂

Trunken von zeitloser Lust…

Ermüdet liege ich auf dem Rücken und starre in die Dunkelheit. Streichelnd fahre ich mit meiner rechten Hand an meinen Hals, schließe meine Augen, denke kurz an dich und schlafe schließlich weich ummantelt unter meiner warmen Decke ein. Deine behutsam klingende Stimme flüstert mit dem kühlen Wind, der durch das geöffnete Fenster leise säuselt, sanft erregende Worte an meinem Körper vorbei und hinterlässt eine Gänsehaut. Gelüstig wandert die gerade so eben wahrnehmbare Wärme deiner Hände über mein Negligé an meinem Busen entlang, über meine Rippen, bis hin zu meinem Bauch. Beinahe kann ich auf meiner Haut spüren wie meine Sehnsucht gestillt wird. Was bleibt, ist der Hunger nach deinen Küssen, nach deinen warmen Lippen auf meinen. Der tiefe Hunger nach deiner Haut, deiner Wärme, deiner Nähe, deinen Fängen, deinen Schmerzen, der gestillt zu werden vermag. Und ich falle tiefer in die Dunkelheit, deine Stimme kommt mir näher, so nahe, dass sie bleibt.

An meinem Körper wird es wärmer, jetzt, wo du dich über mich lehnst und mein Negligé energisch nach oben ziehst. Näher drückst du dich an mich heran, unsere Konturen verschmelzen im Wasser meiner Lust. Angenehm feuchte Küsse wandern an meinem Bauchnabel umher, ehe sie langsam meinen Venushügel erreichen und meinen Körper zitternd erbeben lassen. Als seist du wohlwollendes Gift, erschlafft mein Körper, wird mein Kopf schwerer. Ich falle mit deinen Berührungen in einen Strudel voll Sinnlichkeit, mein rasender Atem trocknet meine zitternden Lippen. Die Zeit bleibt für mich stehen, vergeht ohne mich, ohne uns, du lässt sie vom Wind forttragen, umfasst mit deinen wärmenden Händen meine Hüften, drückst mich immer näher an deinen konturlosen Körper, bis ich vollends darin, in dir, verschwinde.

Trunken von zeitloser Lust gleitet deine Zunge tiefer den Hügel hinab und trinkt. Nichts um mich herum nehme ich noch wahr, verliere mich beinahe in dir, in meiner Leidenschaft, greife mit letzten Kräften in meine Decke, versuche mich zu halten, ehe ich mich am Ende ganz und gar verliere. Doch du bist stärker, fasst immer fester zu und ein leises Stöhnen rauscht noch aus meiner Kehle, als sich deine Fingerspitzen in meinem Fleisch vergraben. Verschmolzen sind wir, schwimmen in unseren zarten Schweißtropfen der Lust, ertrinken im zeitlosen Stöhnen, kein Schrei nach Hilfe vermag ich zu geben, kein Halten an meiner Decke kann noch geschehen. Dein Gift durchströmt mich, uns, wir.

Wir sind eines, ich bin zu schwach, dem Ende zu nahe, erreichen aus stöhnenden Geigen, knallenden Feuerwerken, den stummen Schreien, das Ende des Strudels und ich falle ins Schwarz, schreie noch „Nein!“, doch kein Laut übertönt deine Stimme, öffne die Augen und erwache aus meinem Traum, starrend in die Dunkelheit, alles ist ruhig.