Kurzprosa

kalte Tränen, Leben und Traum

Wenn ich dich nicht festhalten kann, dann die Halluzination. Zwischen der Leidenschaft, die um unsere Lippen tropft, über das Meer, welches wir mit unseren Zungen füllen, bis in die Gruft, in der wir gemeinsam in Vergessenheit geraten. Und ich schlafe, schlafe, schlafe in diesem kleinen Traum und falle auf die Knie vor schwermütigschlagender Distanz in meiner Brust. Das morsche Herz, es schlägt eisern am wolkenlosen Himmel und ersehnt in dieser zehrenden Seelendürre nichts mehr, als deinen warmen Regen. Selbst die Szenen in meinem Hirn starren nach einer Weile nur noch aus dem Fenster, wie sich nichts darin spiegelt. Ich bin unsichtbar wie der Wind ohne Blätter. Und dann schließe ich fester meine Augen und halte dich auf meinem unbeschriebenen Papier fest. Und ich schreibe eine endlose Geschichte über kalte Tränen, Leben und Traum…

Feuersbrunst

Mit morschem Herzschlag verliebte ich mich ins Feuer. Dieses einsam knisternde, das mystisch in sich tanzende, das Unberechenbar ausbrechende und wieder in sich zusammenfallende. Nicht nur, um meine Fingerspitzen daran zu erwärmen, so wie es alle Anderen taten, ehe sie für immer verschwanden. Ich wollte hineinspringen, gemeinsam mit diesem Feuer brennen, dieses Feuer sollte mich besitzen, damit ich es, wenn auch ich brenne, selbst zur größten Feuersbrunst werde, sie selbst besitze, uns besitze.

Der Gedanke, selbst wie alle Anderen zu verschwinden, zog schmerzhafter durch meine Gefäße, löste eine noch größere Furcht aus, als vor dem Feuer selbst. Und während ich dieses Feuer über Jahre hinweg beobachtete, versuchte es zu studieren, damit sein Ausbrechen berechenbar für mich würde, meinen Blick also vom tiefsten Kern nie abwandte, aber immer nur den Abschied empfand, entschied ich, mich dem Feuer zu nähern. Als meine Sicht, je näher ich dem Feuer kam, immer klarer wurde, bemerkte ich, dass ich diese wunderschöne Leidenschaft des Feuers, welche mich auf unerklärliche Weise von Beginn an magnetisch anzog, bereits vor langer Zeit auf ewig in sich zusammengefallen war. Was blieb ist das Gefühl von Abschied in einer Hand voll kalter Asche.

Mit morschem Herzschlag tat ich aber nicht etwa das, was all die Anderen taten, denn ich verliebte mich nicht nur in die Wärme. Ich verliebte mich in das nicht sichtbare, aber alles erfüllende Wesen des Feuers und ich wusste, dass selbst aus der kalten Asche, irgendwann ein Phönix emporsteigen kann. Also sank ich nieder, schenkte der Asche meine einzige Träne, grub mich darin ein, schlief und ersehnte die Feuersbrunst.

© Amy Herzog

Stillstand

Die siebenundzwölfzigste Kippe qualmt im Aschenbecher vor sich hin, AnnenMayKantereit Songs laufen im Hintergrund, die Sonne steht an irgendeinem Punkt, vielleicht aber auch der Mond. Die Blätter des Waldes atmen still, Wolken warten auf ihren Auftritt und selbst die Menschen bewegen sich in Zeitlupe in der Ferne. Und während ich seit Stunden aus dem Fenster starre, verliere ich mich selbst. Fühlt sich an wie Samstagabend. Immer die selben Menschen, die selben Songs, das selbe Gesöff. Und wenn dann alles anders ist, dann bleibe ich zu Haus. Wie viel Nichts kann ein Mensch ertragen, wie viele Scherben kann er tragen und wie lange kann der Mensch dann damit an einer leeren Haltestelle stehen und warten, auf einen Bus der, wenn man der elektronischen Anzeige glauben schenkt, verspätet bleibt. Ich weiß nicht mehr seit wann. Mein Ladekabel ist schon lange kaputt, irgendwann hat irgendwer daran gerissen und ich ließ es zu. Und während ich noch immer aus dem Fenster starre, hat die Musik unbemerkt ihren Klang verloren, nicht aber in meinem Kopf. Dort laufen die selben Fragen, Tag ein Tag aus. Fühlt sich an wie Samstagabends an dich denken. Wie kann so viel Nichts diesen Sturm entfachen? Wo ich doch gar nicht an dich denke. Hm?

© Amy Herzog

Schönheit

173 Wörter und ich weigere mich seit Tagen diesen Text zu kürzen. Nun, also eigentlich sollte das mein Text zum Drabble-Dienstag sein und das mit den drei Worten: Baum, Springbrunnen und Krug, hat ja auch gut geklappt. Aber auf 100 Worte kürzen…nein. 140 Worte wären machbar, macht aber keinen Unterschied, daher lasse ich das so stehen. Hier also mein Text, nicht zum Drabble-Dienstag.

Schönheit

Wenn du der große Baum auf dem Mohnfeld wärest, spränge ich über deinen Schatten und ließe dich in den Weiten zurück. Du aber bist der Springbrunnen auf dem Kirchplatz, mitten in der überfüllten Altstadt, zu viel Wasser. Viele Menschen stehen um dich herum, bewundern aber nur deine Schönheit, wie sie in der Sonne glitzert, und manch einer verliert sich selbst in deinen Tiefen und ertrinkt vor lauter Sehnsucht. Ich jedoch schaue weg. Und wenn es Nacht wird, so stehe ich noch immer am Rand des Kirchplatzes und lausche hinter deine Schönheit und spüre die Rufe jener, die sich tief in dir verloren haben. Beinahe bedeckt ihr Summen, wie du auch mich aus der Ferne zu ertränken versuchst. Doch so rettet mir jener Krug das Leben, der in meiner Brust schlägt. Und ich fülle ihn mit deinen Worten und dem, was hinter deiner Schönheit liegt. Deine glitzernde Oberfläche und alles andere lasse ich zurück. Und so nehme ihn mit in ein Zuhause, welches das viele Wasser all die Jahrzehnte ungesehen und nur schweigend ersehnte.

© Amy Herzog

Dreißig Stunden, Ende offen.

Würde mich nicht als müde beschreiben. Eher als betrunken. Nein, ich habe keinen Alkohol getrunken. Ich bin einfach nur seit 30 Stunden wach. Naja, nicht ganz. Irgendwann gestern Nachmittag habe ich ne Stunde gedöselt, wollte wenigstens ein wenig auf den Nachtdienst vorbereitet sein. Und mir war klar, dass ich heute so müde sein würde, dass ich entweder der Ohnmacht nahe ins Bett falle, oder mit lauter Musik auf den Ohren abdrehe. Interessant, dass es letzteres wurde, manchmal weiß ich nicht, woher die Energie kommt. Und mein Verstand fühlt sich messerscharf an, ist aber vermutlich genauso weitreichend, wie der einer Fliege. Aber die Hemmschwelle sinkt – wie bei betrunkenen. Aber keine Sorge, das sage ich mir selbst, ich plaudere keine Geheimnisse aus. Zumindest nicht mehr als sonst. Ich weiß, dass es reicht, wenn ich dir hier schreibe: wenn du meine Gedanken fühlen könntest, dann… Ja, das genügt völlig. Wobei ich nun für deine Gedanken nicht verantwortlich bin. Es sind deine Phantasien. Und ich fühle deine Gedanken. Lass mich dir einen guten Rat geben: Leg noch ein, zwei drauf, dann treffen unsere Gedanken aufeinander. Bis dahin, Kuss.

© Amy Herzog

Was auch immer, irgendwann (Drabble-Dienstag)

Wieder Drabble-Dienstag von Lyrix. Ein Drabble besteht aus genau einhundert Worten, in denen drei Worte vorkommen müssen. An diesem Drabble-Dienstag sind es die Worte: Strick(en), Tick(en), Fick(en).

Vielleicht bleibt dies nicht das einzige Drabble für heute, mal schauen. 🙂

Was auch immer, irgendwann

Irgendwann sitzen wir uns in diesem schwach beleuchteten Raum gegenüber. Über uns baumelt eine einsame Glühbirne, die an der kahlen Wand unseren Strick im Schatten zeichnet. Die Worte waren alle gesagt, zogen sich im Nachgang aber noch prickelnd über unsere Haut. Und unser Schweigen ist nun auch so laut. Die Uhr tickt uns in Sekundenbruchteilen durch das, was vor uns liegt. In unseren Gedanken ficken wir schon seit Jahren. Und doch sind wir nicht müde, nein. Wir sitzen nur da und starren uns gegenseitig an. Irgendwann würden wir aufstehen und was dann passiert, versickert am Morgen danach ewig im Grundwasser.

© Amy Herzog

Vorspiel

Deine Stimme umgarnt meine Sinne wie in Rauch getaucht. Bewusst wahrnehmen kann ich nur das ticken der Uhr, aber nicht die Zeit, die uns davonrennt. Einfach alles ist stehen geblieben, selbst mein Atem, wenn du mir nahe bist, obwohl du mir ferner nicht sein könntest. Ich weiß, was du weißt, und weiß es nicht. Aber ich weiß, was ich denke…und denke es nicht. Ich denke, ich wüsste gerne mehr. Ein stummer Schatten tänzelt umher, ergreift meine Seelenhand, ich greife zurück. Dort, wo Glück und Verderben so nahe beieinander liegen, dass ich keines davon zuordnen kann, nichts davon trennen kann. Das macht es so aufregend, zu meinem persönlichen Abenteuer. Und du bist mittendrin. Aber keine Sorge, noch ist es nicht schlimm, noch ist nur Vorspiel. Und nun ja, ich finde ja, dass wenn man weiß, wie es geht, kann es schnell gehen. Aber vielleicht änderst du meine Meinung und erweiterst meinen Horizont. Und wer weiß, wie lange es gehen kann und wie lange es noch gut ist. Im Zweifel nehme ich dich mit ins Grab, denn eines weiß ich sicher. Selbst dort wirst du mein Herz noch höher schlagen lassen und meine Sinne in eine fremde, in deine Welt versetzen können.

© Amy Herzog

Liebeskummer

Würde Liebeskummer im Supermarktregal liegen, würdest du ihn für jeden Preis kaufen. Und doch wäre er dir nie genug, sogar stehlen würdest du ihn in allen Formen und Farben willst du ihn nicht nur besitzen, du willst ihn in dir aufnehmen, aufsaugen wie ein Schwamm, du willst zu ihm werden, dich verwandeln und leben wie er leidet. Wo immer du einen gebrochenen Menschen siehst und siehst, wie er sich quält, willst du die Tränen sammeln und kategorisieren und ihm die Qualen nehmen, sie ihm entreißen. Nicht um etwas gutes zu tun, denn ein Gutmensch warst du noch nie, du willst diesen Liebeskummer einfach nur für dich ganz allein. Du willst der ewig einsam Liebende sein, der Schweigende, der besonnen vor sich hin neigende, während du innerlich den Boden verlierst. Schweben willst du, fühlen willst du die meterhohen Wellen, die gegen dein scharfkantiges Herz preschen. Du willst der sein, der stets das begehrt, was er verliert oder gar nie bekommt. Tag für Tag gräbst du dein Innerstes tiefer und tiefer, Höhle um Höhle, schmale Gänge, die ins Nichts führen, ein Labyrinth trifft auf das Nächste. So tief, dass dich niemand wirklich sehen kann, und vor allem tief genug, dass dein geliebter Kummer auf ewig Konserviert bleibt. Die Liebe aber schwimmt auf der Oberfläche, hübsch angerichtet und wirkt einladend auf jeden, der sie braucht. Nacht um Nacht verteilst du deine Liebe, schickst sie über jede Entfernung schweigend per Express durch den Wind. Und wenn du dann jemanden liebst, dann bricht ein neuer Tag an und du gräbst weiter für deinen geliebten Schmerz, der dir das Leben einhaucht und dir dein ersehntes letztes Lächeln schenkt.

Wünsche (Drabble-Dienstag)

Wieder Drabble-Dienstag von Lyrix. Ein Drabble besteht aus genau einhundert Worten, in denen drei Worte vorkommen müssen. An diesem Drabble-Dienstag sind es die Worte: Mond, Würfel, Taschenlampe.

Wünsche

Schon lange sind die Batterien meiner Taschenlampe leer. Und ich bin nicht gewillt neue einzulegen. Denn sind meine Wünsche erst sichtbar, kann ich sie nicht einfach zurück nehmen. Nur hoffen, dass der Schmerz nachlässt. Was wie eine Entscheidung wirkt, sind eher gefallene Würfel. Es sind keine alltäglichen Wünsche, die man sich erfüllt, um die Illusion vom Glück zu erschaffen. Es sind verborgene, nicht auszusprechende, die nicht greifbaren, weil sie verloren gehen könnten. Die an der dunklen Seite des Mondes schlafen. Die nie da gewesenen, die aber mein schönstes Lächeln hervorbringen, bis der Vollmond hell erstrahlt und mein wahres Gesicht entblößt.

© Amy Herzog

Mee(h)r

Ich habe dir alles verraten. Nun weißt du alles. Und nichts. Wie kann das sein, fragst du dich? Nun. Die Antwort findest du unter einer Steppdecke. Als wenn du dann noch eine Antwort bräuchtest. Wenn Schweiß aus unseren Poren tropft, schwimmen wir in unserem Meer. Und auf hoher See ist der Rest der Zeit bedeutungslos. Wir lassen alles an Land. Alles was wir wissen. Erst dann werden wir uns unserer Sterblichkeit bewusst. Und der vertanen Sekunden. Den letzten Atemzug schenken wir uns im Kusse hin- und her. Kein Blinzeln, denn die Sterne funkeln uns in die Ewigkeit. Dort, wo wir das wahrhaftige Leben atmen können. Den Gedanken an plump dahinsickernden Sex kannst du dir aber schenken. Ich weiß, alle Macht der Gewohnheit. Aber wenn wir die Steppdecke danach waschen, sollte mehr übrig sein als dein übliches nuttengetränktes Taschentuch. Und nun frag, die Uhr tickt – mehr haben wir nicht zu verlieren.

© Amy Herzog

Suche nach Land (Drabble-Dienstag)

Lyrix hat die Drabble-Parade wieder wachgerüttelt und ich mache sehr gerne mit. Ein Drabble besteht aus genau einhundert Worten, in denen drei Worte vorkommen müssen. An diesem Drabble-Dienstag sind es die Worte: Auge, Frage und Magnet.

Suche nach Land

Eine Frage lässt mich nicht einschlafen. Die Ungesagte, im Raum schwebende, die ziellos an die Decke starrt, dann wieder gen Himmel, in den Sternen suchend. So bleibt mein Auge zu viel Meer und deines das Land, schlafend unter einer dichten Nebeldecke. Treibe ohne Kompass übers Wasser mit einem Magnet in meiner Seele und der Sehnsucht im Hirn. Dein Hafen ist zum greifen nah, fände ich ein Wort. Schöpfe Nacht um Nacht die Hoffnung aus meinem Schiff, möchte nicht ertrinken. Noch nicht. Erst wenn ich einschlafe, kann ich es sehen. Dieses große Nichts, das Bilder malt, in denen wir leben können.

© Amy Herzog