fragen

Fragen

Wer hat dir das erste Mal dein Herz gebrochen? Und warum war es das letzte Mal gebrochen? Hast du es verschwiegen? Warum? Hast du dich schon mal vollkommen angenommen gefühlt, vollständig sicher in einem anderen Menschen? Warst du schon mal glücklich und bist du es noch? Wie viele Wünsche hast du dir bereits erfüllt und waren sie dir wichtig? Welche Sehnsucht hast du dir das letzte Mal verboten und warum hast du sie nicht vergessen? Belügst du dich manchmal selbst? Warum? Wann hast du das letzte Mal geweint, ohne den genauen Grund zu kennen? Wovon handelte dein letzter Albtraum? Hast du einen Wunsch, den du dir bewusst nicht erfüllst, weil du Angst hast, du könntest alles was damit zusammenhängt, verlieren? An was denkst du morgens als erstes und an was, bevor du einschläfst? Bist du dort angekommen, wo du ankommen wolltest? Wann hast du das letzte Mal etwas vollkommen anderes getan? Und wann warst du das letzte Mal absolut ehrlich? Was ist deine größte Angst? Welches Gefühl hast du jetzt gerade, welches du keinem verraten kannst? Warum nicht? Wenn du eine (legale) Sache tun könntest, die nicht länger als fünf Minuten dauert und du könntest sie anschließend ungeschehen machen, welche Sache wäre das? Warum würdest du sie ungeschehen machen wollen? An was denkst du, wenn du nachts nicht schlafen kannst? Und bist du manchmal wütend, ohne es zu sagen? Wann das letzte Mal? Und warum?

Fragen

Immer wieder fragst du mich, wie ich das mache, wie ich mich so parasitär in den Tiefen deiner Gedanken niederlassen, darin winden und räkeln kann. Und dann kniest du metaphorisch den ganzen Tag nieder, hin- und hergerissen, erschöpft, ängstlich, dann wieder voller Vertrauen, Stärke und Liebe. Siehst mich in deinen Träumen, fühlst meine Berührung in jedem Atemzug. Dann denkst du, zu viel, zu wenig, verwirrt und klar, versuchst dich auf deine Arbeit zu konzentrieren, bist aber gar nicht da. Nur dieses Zehren in dir, selbst wenn es nur ein flüchtiger Blick ist, den ich dir schenke. Immer wieder fragst du mich, mit welchem Zauber ich dich belegt habe, dieses wohlwollende Gift. Dann willst du, dass es verschwindet, ein Flehen in die Nacht, was immer es ist und zugleich willst du in mir verschwinden, mein sein und nie wieder danach fragen.

© Amy Herzog

ewige Nächte

kippe Benzodiazepine auf mein Bauchgefühl
bis mein Kopf in den Seilen hängt
sehe rosige Wangen und tropfenden Mond
es duftet nach zeitlosen Laken, Staub und Hunger
der mich durch ewige Nächte gleiten kann
und ich traue mich nicht zu fragen
ob die Ewigkeit ein Ende kennt
denn wohin mich auch die Seile tragen
ernährt mich dieser Mond in jedem Kuss

© Amy Herzog

Autismus Erfahrung: soziale Interaktion (Fragen)

Ich dachte gerade an eine total banale Situation auf der Arbeit, welche auch schon zwei Monate zurückliegt. Kurze Beschreibung: Ich machte Übergabe nach einem Nachtdienst mit einem Kollegen. Dieser sagte zu Beginn, dass er zwei Wochen Urlaub hatte und demnach wissen wollte, was im Groben in diesem Zeitraum gewesen ist. Darauf entgegnete ich, dass ich ebenfalls die erste Nacht hatte und davor ebenfalls zwei Wochen nicht da war und daher nicht allzu viel weitergeben kann. Er fragte ob ich auch Urlaub gehabt hätte, jedoch hatte ich einfach nur frei. Weiter fragte er, ob ich denn irgendwo gewesen wäre (ich nehme an, dass er meinte, ob ich verreist bin). Ich sagte nein. Und nun, zwei Monate später fällt mir ein, dass es höflich gewesen wäre zu fragen, ob, wo und wie er denn seinen Urlaub verbracht hatte.

Solche Kleinigkeiten beschäftigen mich tatsächlich, ganz zu schweigen von den Dingen (bezogen auf Menschen), die mich tatsächlich interessieren, diese Dinge beschäftigen mich nämlich nahezu endlos.

Trotzdem stelle ich fast nie Fragen. Dabei ist es gar nicht so, dass ich keine Fragen hätte. Ich habe sogar sehr viele Fragen, an und über alles mögliche, wieder betreffend der Menschen oder Themen, die mich interessieren. Alles in allem platzt mein Kopf vor Fragen. Früher habe ich des Öfteren die Fragen direkt gestellt, die mir in den Sinn kamen. Das wurde mir aber irgendwie ausgetrieben. Stattdessen bin ich so gut in Recherche geworden, dass ich den Zweitnamen deines Hamsters kenne, den du dir in drei Jahren kaufst. Nur so als Beispiel. Trotzdem habe ich eine Menge Fragen, die ich nie gestellt habe bzw. nie stellen werde. Es ist auch mit Abstand der chaotischste Bereich in meinem Kopf. Eine spontane Frage davon könnte ich nicht stellen.

Sehr selten ergeben sich Situationen, die es mir erlauben, eine dazu passende Frage zu stellen, die dann zufällig eine der Fragen ist, die ich mir so oder so ähnlich ohnehin gestellt habe.

Was ich ebenfalls sehr gerne mache: Fragen stellen, wie bei einem Idiotentest. Noch seltener die Gelegenheit. Aber es ist sehr aufschlussreich, Fragen öfter zu stellen, anders zu stellen und die Antworten miteinander zu vergleichen. Ich glaube dabei nicht, dass ich bewusst angelogen werde, aber ich weiß, dass sich Emotionen und Erinnerungen gerne vermischen und ein Bild verfälschen. Daher ist es immer spannend, Antworten zu vergleichen. Darüber hinaus verschweigen einige Menschen ihre tiefen Empfindungen, spielen Empfindungen nur vor und/oder nichts davon passt zu den Aussagen oder Handlungen. Ich finde das sehr verwirrend. Ich komme mir also grundsätzlich verarscht vor. Es fühlt sich an, als könnte ich Menschen sehr detailliert lesen (ich wurde früher als „Gedankenleserin“ bezeichnet, es war beleidigend gemeint), andererseits kann ich kaum etwas davon bewusst entschlüsseln. Und das Ganze ergibt einen schweigsamen Superschurken mit einem gigantischen Fragenbrei.

Ich mag es jedoch, wenn mir Fragen gestellt werden. Denn welche Fragen sich mein Gegenüber stellen könnte, weiß ich fast nie. Nur bei meinem Partner sind diese inzwischen manchmal sehr vorhersehbar. 🙂 Die meisten Menschen kennen jedoch diese Grenze, nicht allzu direkte Fragen zu stellen. Ich erkenne keine Grenze, wenn sie mir nicht aufgezeigt wird, ebenfalls ein Grund, weshalb ich einfach keine der Fragen stelle. Der Vorteil, wenn mir Fragen gestellt werden ist der, dass ich diese oder eine ähnliche Frage zurückstellen könnte. Sofern sie mir spontan in den Sinn kommt…und eben nicht erst Monate oder Jahre später.

rhetorisch

Von Zeit zu Zeit, genau genommen mindestens einmal täglich, frage ich mich, was Menschen davon abhält, ehrlich und direkt zu sein. Ist es Angst? Angst sich oder Andere zu verletzen? Angst vor Zurückweisung, vor Ablehnung oder vor Konsequenzen? Hilft es langfristig sich selbst und/oder andere zu belügen oder Dinge zu verschweigen? Und ist das nicht furchtbar anstrengend und mühsam? Denken Menschen in der Regel nicht langfristig? Verdammt, ich weiß sogar schon, wie meine Beerdigung ablaufen soll. Wer hat dieses „zwischen den Zeilen“ erfunden? Für die Lyrik mag das nett sein, aber darüber hinaus… Ich habe sehr oft das Gefühl, dass jeder von jedem erwartet, Gedanken lesen zu können, während jeder weiß, dass es keiner kann. Es verschwendet Zeit und Energie.

Deswegen mag ich meine Katzen von allen am liebsten. Sie sind ehrlich, meist ohne, manchmal mit Krallen.

Niemand

Niemand will dem anderen hinterherrennen. Nicht, weil der andere es nicht wert wäre, sondern weil ich ein Niemand bin. Und gewiss rennt mir niemand hinterher, nicht weil ich es nicht wert wäre, sondern weil auch du ein Niemand bist. Verirre mich im Labyrinth von endlosen Selbstgesprächen, hänge mich an Fragen auf und gebe mir selbst die Antworten, die nicht mal Google gefunden hätte. Und dann stehe ich morgens auf und stelle fest, dass reflektieren ein Euphemismus für wiederkäuen ist, schleppe mich in eine Welt voller Niemande, rege mich wieder darüber auf, dass jeder lächelt und nickt, aber keiner mehr die Wahrheit spricht. Am Ende des Tages bin ich müde von der Ignoranz, von deiner, von meiner. Aber ich bade nicht in meiner Sickergrube aus Selbstmitleid. Bevor ich dem Irrsinn gänzlich verfalle schalte ich das Licht aus. Auf meinem verirrten Weg stolpere ich über nichts und sammle fleißig weitere Fragen, die niemanden interessieren. Und ja, vielleicht bist du kein Niemand. Vielleicht bist du für mich nur so leichter zu tragen. Aber das wird hier niemals jemand fragen.

Scherben

wie ich irrte
mich in den Gesängen
waren sie doch lieblich
zart – so folgten Schritte
schleichend durch die Scherben
deines Herzens – über Schnitte
brach mir Bein und Seele
schreibst du heiter
über deine Leere

schreitest weiter
und ich trage diese
schwere deines Herzens
wie mich Hoffnung trägt
und lauschend deinem Klang
wartend an warmen Sommer-
tagen, ersehne deine fragen
wie Jahrelang ein Herz
solch große Scherben
tragen kann

© Amy Herzog

Sternenwege..

Unter abertausend hellen Sternen,
da reise ich durch viele kleine Zellen,
und lausche tief in eine dunkle Stund,
welch Sehnsuchtsfragen sie mir stellen.

Unterm Monde scheine ich zu klein,
so unsichtbar bin ich doch in der Zeit,
doch auch in diesen Zellen stets allein,
als wär der Weg zum Traume viel zu weit.

Unter abertausend hellen Sternen,
da lausche ich auch deinem Atem hier,
im hellen Schein erspüre ich den Weg,
zum Traum aus meinen Zellen zum Wir.

© Amy Herzog

 

Zu spät…

Zur falschen Zeit, mitten im Herbst,
verschlug es mich zum falschen Ort,
nun frag ich mich, wieso, weshalb,
war ich nicht schon viel früher dort.

Hab ich die Jahre wohl verpasst,
und ließ den Sommer lange leiden,
nun kann ich mich darüber ärgern,
oder sogar in Tränen kleiden.

Doch was nützt das alles schon,
wo mich der Wind nun richtig trägt,
wo ich nun bin, da bin ich nun,
traurig, nur leider viel zu spät.

 

© Amy Herzog