Fallender Winter

Die Fahrt fühlte
Winter
Regen an den Scheiben
Tränen zählen
endlos schleifendes blau
zwischen Bahnsteig & endlich
wieder Luft
so viel, zu viel grau

Aber Wärmender
& glänzend braune Augen
überdecken die eingegangene Welt
in der nichts & niemand
den Anderen hält

Wenn auch nur einen Moment
er fällt, der Winter
er fällt

© Amy Herzog

Eispalast

Tränen im Eispalast
& zitterndes Seidenpapier hält stand
Kälte & Angst
küsst noch jede Scherbe in dir
das tiefe Loch
deiner brüchigen Wand

Nur wann, wann
fällt’s
in die Unendlichkeit hinein
wann – fragst du
& kein Weg mehr zurück
wann wird’s dein
Ende sein

Wann

© Amy Herzog

Nähe oder auch

diese Nähe
in deinen Worten
oder
auch Bedrängnis
Gier & Lust aus dem Schweiß
deiner zitternden Poren

ich ertrage nicht, was so schwer
in den Bildern schlafloser
Nächte liegt
Seiltanz zwischen
dir & dem,

was von mir übrig ist

ich schlucke deine
meine unsere
Tiefe
& die Welt
in der wir überkochen
jetzt

 © Amy Herzog

Mehr.

Atmen, stöhnen, spüren
tief verbunden – tiefer sein
intensiv berühren starke Hände
heiße Haut
Gedankenlosigkeit
verzehrt
Sehnsucht trieft, bettelt, kratzt
fleht nach mehr
mehr wollen
mehr

© Amy Herzog

Brennen

Beichte #8

Okay, zwei peinliche Dinge. Ich, dat dunkle Ding, höre echt gern Country& kann sogar Line Dance. Und ich zocke gerade echt viel Minecraft, töte aber keine Hühner, Schafe und Schweine, weil die niedlich sind. Kühe werden geschlachtet.

Beichte #7

Beneide Menschen, die alles mögliche vergessen. Die dementsprechend auch nicht so viel nachdenken und jeden Gedanken, gefühlt tausende Gedanken zeitgleich, jede Begebenheit zerhackstückeln und analysieren. „Ich habs vergessen“ ist meine beliebteste Lüge.

halbwahrheit

wenn ich sagen würde
- mein Herz sei gebrochen
käme es mir vor wie die halbe Wahrheit

Und für die ganze Wahrheit 
fehlen mir die Worte

© Amy Herzog

Weltschmerz

Es ist eher Weltschmerz. Oberflächlichkeit. Zu Grunde gerichtete Leidenschaft. Überall brennt es, aber Feuer ist es nicht. Die Liebe ist zur Lüge mutiert und suhlt sich in Sexapps. Bestätigung in flachen Gewässern. Die Wahrheit ist nicht genug. Nacktes wird aufgeteilt in rosig und grau, wie die Fleischtheke im Supermarkt. Alles eine Frage der Beleuchtung, nicht mehr des Gefühls. Wohin ich auch sehe, das Fleisch ist tot. Alle schauen sich um, aber niemand sieht verdammt nochmal hin! Was bleibt ist dieser abgestandene, hingepisste Gestank von Sehnsucht, die wir uns nicht mehr über die Lippen zu treten wagen. Angst. Angst. Angst.

ROSENTOD

Von dir geht aus -
Blühen & leises umschmeicheln
sanft & sehnen! zu Ich
geronnen - auf deiner weichen Haut

Nur das abweisende Weiß deiner Augen
dünnt mein Wasser / Wunden
Blut & Sickergruben
vom Dorn zur Rose, Kopf & Liebe &
/-Ich / verglüht
& stirbt im stillen Ende

den dürstenden Tot.

© Amy Herzog

Vielleicht

Vielleicht muss es so weh tun, damit die Echtheit sichtbar wird…?

© Amy Herzog

Sag nichts;
dein Herz gibt den Beat
rote Lippen & Kuss
& blute dich aus
nicht weil ich will – nur weil ich muss
die Gefühle sind taub
& ich weine die letzte Träne
zum stillen Applaus
in den Staub

© Amy Herzog

Beichte #6

Ich sage nichts, es steht auch nirgendwo geschrieben, es ist nur in meinem Kopf & allenfalls meine Augen starren es Nachts hinter eine undurchsichtige Wolkenbank.

eins

Du 
nackt in mir
& Seeleneins
geworden
wir

© Amy Herzog

Regen

Regen.
      .
       .
        
        Jede Nacht - 
        dieser verätzende Regen 
        auf meiner Haut
        & vor sich hinneigendes kleines
Herz 
        

Und Träume. . . 
          Träume 
        vom roten Luftballon,
        der sich hinter den dichten Wolken       verliert 
        & dann sich selbst/
        verstummt - 
        & von einem einsam 
verlassenen Greis 
        zwischen Trümmern & Zeit 
        in einem Schwarzweißfilm gezeichnet & 
        - bevor ich mit 
stolperndem Herzschlag erwache - von dir.
     Von dir. 
            Von d
                 i
                  r
                   .
                    .
                     .
        
        Und vom Regen -
        ätzend 
        Scherben im Asphalt
& rote Augen, Wangenknochen 
               nass & Nebel 
   
        Regen. 
        Regen. . . . . . . . . . . . . . . 


© Amy Herzog

.

Entgleiten

Es kommt dir vor wie die totale Kontrolle, wie viele kleine Erfolge, die sich aneinanderreihen. Und du bildest dir ein, dass es leicht ist, während dir die Stimme in deinem Kopf laufend dein Versagen vorhält. Nicht direkt, nein, sie klingt sarkastisch. „Toll, konntest du ausnahmsweise mal etwas richtig machen“. Unweigerlich denkst du darüber nach, dass du es hättest besser machen können, mehr hättest tun können. Letztendlich ist es nie genug, diese vielen kleinen Erfolge, die in Wahrheit gar keine sind. Eigentlich weißt du das. Eigentlich weißt du, dass das, was du euphemistisch „stark“ nennst, schwach ist. Aber dann ist es wiederum okay einen Moment lang schwach zu sein. Als sei das Ganze für eine gute Sache und selbst der Moment wird zum sehr dehnbaren Begriff. Und während du dich in deiner totalen Kontrolle suhlst & deine vielen kleinen Erfolge notierst, entgleitet alles, entgleitest du.

Wenn Liebe Kunst wäre

Mein Herz schlägt
noch, ja, aber:
die Geschichte hat keinen Saum
nur eiternder Abszess – wann blutest du
aus mir heraus?

Dem Kinderreim
raubt es mittendrin die Luft
und den Verstand!

Und dann soll das Kunst sein:
künstlerische Freiheit
& dann schaue ich dir, wie in einer schnulzigen Seifenoper
mit leicht sehnsüchtigem Blick hinterher,
während ich in Wahrheit
nur gehe

(In mir tobend, implodierend
da ist kein Blick – das ist nur Kunst
wenn Liebe Kunst wäre.
)

© Amy Herzog

Beichte #4

Mein Innen dringt nicht mehr über meine Lippen. Aber man sieht es inzwischen meinen Augen an. Ich verberge sie hinter drei Schichten Mascara oder einer Sonnenbrille.

Vom weinenden Schwanz

In deinem Herz das
Kriegsgebiet
farblos deiner Worte folgend
wie verbranntes Gras
aus deinem Mund hervorquillt
& könntest wohl den Mond berühren
wärst du nicht so
ausgelöscht

Deine Lippen kippen
aus dem Nichts ins Hassenswerte &
nur die heimlichen
Screenshots
von ihr
lassen deinen Schwanz noch
die Wahrheit weinen

© Amy Herzog

Angst.

Angst.

Angst den Moment zu verpassen. Stundenlang nur weißes Blatt & die Wahrheit schweigt sich tiefer und immer tiefer nach innen. Angst davor, dass es verschwindet & Angst, dass es bleibt. Gelähmt. Weil ich es nicht mehr fühlen will & aufschreiben, rausschreien zugleich. Und dann bin ich Lüge und lächle mich raus.

Angst.

Geist

Immer dein Geist
gleitet im Vollmondlicht vorüber

(kurze Kohärenz vor meinen Lidern)

& Liebe, Liebe, Goldrand, Lüge
– wieder Friedhof, Trauerweide, Nebel
erwidern meinen Blick gen Innen
löst sich ICH im Exil auf

bevor wir uns leben
sammelt sich deine bittere Kälte
Geist, im Schatten
& die Welt – warum auch nicht
stirbt den ersehnten

Gnadentod

welcome to reality

© Amy Herzog

Tagtraum

Tagtraum sehnt &
ich will dich
in drei, nein zwei Flaschen Wein
weil eine ist schon tot
immer befreien
aber wir
liegen dann getrennt & träumen
was wäre wenn oder
auch Nacht &
zerfallen dann / ertränken den Traum
in einer Tragödie am Tartarus
bis der Tagtraum
wieder..
‚Ach‘

© Amy Herzog

Juten Rutsch!

Hab ick schon ein inner Krone? Nein. Aber gleich. Vielleicht. Nun, wünsch allen nen guten Rutsch. Macht euch schöne Gedanken und lasst die übrigen zurück. Macht, wonach sich‘s Herz sehnt. Seid ehrlich zu euch selbst und macht’s beste draus. Und alle die noch an Wunder glauben: ihr habt schon einen inner Krone. Na, bis nächstes Jahr. Haha. Hahahahah. (Seit Tagen höre ich mir die „nächstes Jahr“ Witze an. Oh man.)

Was wollt ich sagen? Ach ja. Juten Rutsch!

Beichte #3

Ich „stalke“ schon seit langem niemanden großartig im Internet. Das ist nächtlich nicht wirklich interessant.

Viel interessanter ist es sich selbst zu stalken. Und das habe ich inzwischen sehr gut drauf. Fun fact dazu: man wird überwiegend von den Leuten „heimlich“ gestalkt, die einen meiden, nicht leiden können, usw.

Unvollendet still.

Eine unvollendete Version einer Person, die sich im winterlichen Morgengrauen mit ner qualmenden Kippe auf den Lippen an die Balkonbrüstung einer Berliner Altbauwohnung eines Typen lehnt, dessen Namen ich mir nicht merken kann. Dazu eine Prada Cateye Sonnenbrille, roten Lippenstift und einen abgetragenen Poncho vom Flohmarkt um meinen frierenden Leib gewickelt. Irgendwie ist das dann so weit entfernt, wenn die aufgequollenen Augen verdeckt sind. Ein paar Tränen findet der Typ sicherlich nice, aber wochenlanges Geflenne, welches ich im konstanten Vollsuff zu ertränken versucht habe, hinterließ dann doch zu viel Tod in der Tiefe. Ich weiß auch nicht. Irgendwer hat das halbe Drehbuch verbrannt. Vielleicht war’s scheiße, vielleicht zu wahr um schön zu sein, ich weiß nicht. Aber irgendwas wäre es gewesen. Irgendwas. Und während ich die sieben oder acht Stockwerke auf die Menschenleere Seitenstraße hinunterschaue denke ich, dass in den meisten Köpfen der Tod die ultimative Flucht darstellt. In meinem Kopf ist es aber die Stille. Ich mein, wer gießt hier die vor sich hin sterbende Palme, wenn er im Urlaub ist? Und bügelt er seine Wäsche oder kommen ihm Unebenheiten gerade gelegen? Die Abwesenheit, während man selbst jedoch anwesend ist, diese Stille. Diese verdammte Stille, kurz bevor ein Wort gesprochen werden könnte. Nur könnte. Ja, das ist die ultimative Flucht. Ich mein, auf die ein oder andere Art wird doch immer gestorben. Und dann wird ein Weilchen getrauert oder auch nicht. Dennoch ist es unspektakulär tot zu sein. Nur um was trauert man, wenn es einfach nur still ist? All diese hättes, müsstes, könntes, solltes, wolltes im Morgengrauen. Schweben da so ziellos umher und ich weiß noch immer nicht, wie ich den Typen ansprechen soll, ohne einen völlig abnormen Satzbau zu kreieren, der meinen Hirnfrost schlecht kaschiert.

Beichte #1

Sie sucht nach ihm in den Armen fremder Männer.

© Amy Herzog

abgestandener Geist.

Ach, deine zitternde Stimme
abgestandener Geist
und beißender Geruch vom Untergang
wenn du kommst.
Ja, ich weiß, wie es klingt & schreit
verflossene aus dem Bett.
Ach, immer,
bleibt dir nur ein Stein
von selbst zu zweit noch zu allein
in deinem Schuh
& eine Narbe auf dem Herz.
liegt genau da
Wo mein erkalteter Schatten
‚was wir nie hatten‘
genauso zitternd neben dir kniet.

© Amy Herzog

Du, kratziger Pullover.

  
Ruhe
          rau
     in mir kratziger 
Pullover 
                    - lass mich! 
     lass mir doch bitte, lass mir 

             meine Ruh'...

& komm, nein geh, nein 
                                          warte! 
Es kratzt, das du, es ist -
      aber ich spüre dich, geh bitte, geh. 
Und lass mir 
           lass mich, ich sein 
                                             & Ruh' 
Ach...du. Immer du. 

© Amy Herzog

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und ich ziehe mal Bilanz.

In den vergangenen Tagen hatte ich in den Nächten, haha, viel Zeit Gedichte zu lesen. Und dabei fiel mir auf, dass die Meisten davon handeln, dass jemand jemanden vermisst. Gar nicht mal so häufig Verstorbene, nein, die Gedichte richteten sich oftmals an lebende Personen. Eines herzzerreißender als das Andere. Jaja, Weihnachten, das Fest der Liebe. Aber irgendwie dann auch das Fest, an dem viele sich einsam fühlen und Menschen schrecklich vermissen. Und: wie sollte es anders sein, dachte ich viel darüber nach, was, oder besser gesagt wer mir denn so fehlt. So sehr, dass auch ich ein herzzerreißendes Gedicht darüber herausschmettern kann. Na, was soll ich sagen, ich habe nichts geschrieben.

Stattdessen habe ich darüber nachgedacht, wofür ich sehr dankbar bin. Dieses Jahr hat mich oftmals an meine Grenzen gebracht, und oft auch weit über meine Grenzen hinaus. Das ist nicht spurlos an mir vorüber gegangen. Ich bin wahnsinnig ausgelaugt und dachte oft darüber nach, mit niemandem mehr reden zu wollen. Oft wurde mir alles zu viel. Und schlimme Gedanken zogen ein.

Dabei habe ich nüchtern betrachtet keine schlechte Erfahrung gemacht. Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt und das geht jeden Tag so weiter. Innerhalb meiner Möglichkeiten natürlich. Was für mich viel ist, ist für die Meisten vermutlich wenig. Aber im Vergleich zu gar keinen Begegnungen, gar keinem Kontakt zu Außenwelt, habe ich mich sehr weit aus dem Fenster gelehnt und bin das ein oder andere mal sogar herausgeklettert. Und mein Fazit davon wäre, dass ich sehr gute Erfahrungen mitnehme und einige Menschen davon auch mit ins neue Jahr, und dann habe ich lehrreiche Erfahrungen gemacht. Nun. Ich lerne generell gern. Das verbuche ich also schweren Herzens unter positiven Erfahrungen. Aber unterm Strich waren es dann doch zu viele Menschen, die sich an meiner nicht vorhandenen Menschenkenntnis vorbeigemogelt haben. Ein Versuch war es allemal wert. Ich bleibe dann dabei…ich hasse Menschen. xD

Ich habe gelernt, oder zumindest im Ansatz geschnallt, dass ich mich nicht scheiße behandeln lassen muss. Diesen roten Faden in meinem Leben würde ich dann mal endlich durchschnippeln. Denn es ist nicht normal schlecht behandelt zu werden. Das passt wunderbar zu meiner Fähigkeit, Menschen so mir nichts dir nichts aus meinem Leben zu entfernen. Damit habe ich selbstverständlich bereits begonnen, aber das Jahr ist noch nicht zu Ende und ich sortiere weiter aus. Diesen Rat kann ich nur jedem geben, der solch ein trauriges Gedicht geschrieben hat. Es ist okay zu vermissen, aber es ist nicht okay sich scheiße behandeln zu lassen. Niemand hat das verdient. Ihr seid nicht zu wenig für solche Menschen, denn diese Menschen sind euch nicht gewachsen. So sieht’s mal aus. Wählerisch sein und einige entfernen tut langfristig gut.

Dieses Jahr hat mich wieder etwas stärker gemacht.

Nun habe ich an Weihnachten also niemanden vermisst. Und die Menschen, an die ich gedacht habe, sind aktuell in meinem Leben und ich muss sie nicht vermissen. Sie tun mir gut und ich fühle mich nicht schlecht. Ich hatte also gute Laune und ständig ein Lied auf den Lippen. 🙂

Meine Ziele sind, dass ich so bleibe, wie ich bin. Und damit meine ich, diese blöde Maske, welche die meisten Menschen lieber sehen, wieder abzulegen. Denn ich habe unfassbar oft maskiert, habe mich angepasst höflich verhalten und habe versucht es jedem Recht zu machen. Davon wäre wohl jeder erschöpft, dafür muss man nicht autistisch sein. Letztendlich hatte ich das Gefühl so falsch zu sein, wie man nur falsch sein kann. Dieses Gefühl war sehr belastend. Jeden Gedanken, jede Handlung und sich selbst siebenundzwölfzig mal umzudrehen und doch immer nur Falsches an und in sich zu finden. Und am liebsten die Türen abzuschließen und nie wieder ans Tageslicht treten. Was natürlich ebenso falsch gewesen wäre, aber manchmal erschien mir das ein bisschen weniger falsch als alles Andere. Das ganze hat ebenfalls zu hoher Autoaggressivität geführt, welche ich manchmal nicht unterdrücken konnte. So vollkommen reizüberflutend war manches. Was ne Logik.

Ich bin also dankbar für die tollen Menschen, die sich auf irgendeine Art in mein Leben geschmuggelt haben, für interessante Gespräche, für Dinge, die mich weiterbringen, und für große Akzeptanz – hier insbesondere von meinem Partner. Ich liebe, was ich tue, meinen Brotjob, aber vor allem meine Schreiberei – und dahingehend bin ich für’s neue Jahr hochmotiviert, was ich ja dann und wann bereits erwähnt habe. Spruchreif ist da jedoch nichts, denn ich stehe immer wieder vor Entscheidungen…und ach, nun ja, ein andermal. 🙂

Mehr Achtsamkeit also, Grenzen durchsetzen, die Maske wieder ablegen, Rückschläge akzeptieren, aber den Fortschritt leben. Ich freue mich auf das neue Jahr. 🙂

Beerdigung

Eingestaubtes Atmen
weht den Wind
einer Beerdigung durch mein Haar
das Warten fällt bewusstlos
& krallt sich an mir fest
wie das abgestandene Wasser
verdursteter Rosen
schwebt die flüsternde Frage
ob du noch kommst
aus dem Schatten der letzten Reihe
bis ins Grab

© Amy Herzog

Es liegt nicht an dir, es liegt an mir.

Es liegt nicht an dir, es liegt an mir. Das ist eben mein Talent. Menschen vertreiben. Mit dem was ich tue, wie ich mich bewege, was ich ausstrahle, mit meinem Duft, mit dem was ich sage, aber vor allem mit dem, was ich empfinde, mit den Gefühlen, die ich ausbreite wie eine zuckerwatteweiche Schneedecke über der Stadt. Wenn es einen roten Faden gibt, dann diesen & wenn du einen Schuldigen suchst, dann schau mich an. Dabei ist es gar nicht mal das schlechteste Talent, das man haben kann. Es hält die Arschlochmenschen fern und ich habe meine Ruhe. Manchmal kommt dennoch die Sehnsucht auf, ausnahmsweise einen Menschen nicht vertreiben zu wollen & dann will ich alles richtig machen, wo ich doch genau weiß, dass alles nur falsch sein kann, weil es das immer war. Und dann tue ich einen Moment lang so, als wüsste ich das nicht, tue so, als wäre ich ein Mensch, der dieses Talent nicht besitzt. Nur um wieder an dem Punkt zu landen, an dem ich genau weiß, dass es nicht an dir, sondern an mir liegt. Und eigentlich habe ich dann wieder meine wohlverdiente Ruhe.

Gelesen: Kafka

Zum Text: Hier

Nachruf

Dinge werden uninteressant, stauben in den Ecken ein, geraten in Vergessenheit oder gehen sie kaputt, ohne dass wir es merken. Manchmal ersetzen wir die Dinge und manchmal sind diese Dinge unwiederbringlich, nicht zu ersetzen und wir müssen loslassen, müssen vergessen, wir dürfen, können uns nur noch daran erinnern. Und manchmal, den Einzelnen betrifft das vielleicht nicht allzu oft im Leben, trifft all das auf einen Menschen zu. Auf einen Menschen, der unwiederbringlich irgendwo ist, nur nicht mehr bei uns. Einen Menschen der, bevor man ihm alles gesagt hat, was man ihm so gern gesagt hätte, einfach so weg ist. Ob nun verbrannt, verrottend unter der Erde, umherschwebend, im Himmel oder wo auch immer wir die Verstorbenen sehen möchten, er ist dennoch nicht mehr erreichbar. Keine Stimme im Ohr, kein Anruf, kein vibrierendes Handy, kein Brief, keine Postkarte und auch keine einsame Taube, die eine Notiz durch Wind und Wetter fliegt.

Das Einzige was uns bleibt, sind die Erinnerungen, welche, insofern sie schön sind, gar nicht traurig sind. Wenn man nicht darüber nachdenkt, dass uns dieser Mensch nie wieder begegnen wird. Selbst wenn uns dieser Verlust einer tatsächlichen Anwesenheit nur selten betrifft, so ist der Tod, das Sterben, allgegenwärtig. Nicht aufzuhalten. Hinauszuzögern, ja manchmal. Aber der Tod ist unsterblich und letztendlich auch durch nichts und niemanden zu verhindern. Eine gewisse Machtlosigkeit liegt darin, vielleicht fühlen wir sie, vielleicht auch die Erleichterung. Der Trauer sind da keine Grenzen gesetzt. Aber der Erinnerung auch nicht. Und so ist da eben doch noch eine Stimme im Ohr, ein Lächeln, eine Berührung, eine Liebe, die niemals genommen werden kann, selbst wenn das Leben mitten im Satz endet.

Musik: Monteverdi 2. Buch Madrigal Dolcissimi legami

Dolcissimi legami
di parole amorose,
che mi legò da scherz’e non mi scioglie.
Così egli dunque scherz’e così coglie?
Così l’alme legate
sono ne le catene insidiose?
Almen chi sì m’allaccia
mi leg’ancor fra quelle dolci braccia

Suche.

In schneebedeckten Nächten
glatte Straßen, Leere
schreit im Wind
und zeigt mir jede Flocke
das weiße deiner Augen eine lägst
verstorbene Welt.

& so trauere ich
um dich
in jedem schweren Stiefelabdruck meiner Selbst
auf dem Weg der Existenz
& lausche dem Flüstern des Windes
zwischen Laternen

Und suche nach Leben darin.

© Amy Herzog

Messlatte.

Die Körper tun noch, was sie tun sollen
& Hosen denken grenzdebil
Köpfe in die Seile

Wie eine einsame Kugel
am Christbaum
baumelt
behält jede kleine Lüge ihre
Daseinsberechtigung

Und die Menschen klammern sich
an begehrenswerte Rollen
die noch nicht
um den Sinn des Lebens trauern.

© Amy Herzog

Authentizität

Tatsächlich steht hier niemand auf Authentizität. Du redest über mich hinweg & ich über dich. Wir über uns. Als stünden wir mit einer Kamera vor unserem Gespräch und riefen uns laut -Cheese- zu. Und dann sitzen wir da, die Schultern zurück, den Bauch rein, die Mundwinkel nach oben & in der Stille schleicht die Hoffnung herum, dass wir nicht sehen, was wir w i r k l i c h denken. Dabei will ich wissen, was du in den langen Pausenblöcken denkst. In den Minuten, die mir wie ganze Nächte vorkommen, wenn du mich nur anstarrst und atmest, wenn du deine Hände langsam aneinander reibst und deine Zunge zwischen deinen zusammengepressten Lippen entlanggleitet. Statt zu fragen, was du w i r k l i c h denkst, lächle ich und starre zurück, weil ich das Bild von uns nicht ruinieren möchte. In meinen Gedanken schreibe ich derweil einen langen melodramatischen Brief über die Unerträglichkeit von Nähe und Distanz. Mein Blick schweift ins Leere ab, das Lächeln schwindet einer Wahrheit. Ich lösche ihn wieder, stehe auf und gehe auf den Balkon, lehne mich an die Brüstung, schaue in die Ferne und rauche eine Zigarette. Ich bin authentisch und denke an n i c h t s.

Falsch.

Kilometer zwischen Worten
stolpern, stoßen
Weichzeichnerwahn & Realität
eingeatmet
(dich) und Windstille
Küsse falsch
gelegen & Morgen danach
so tun als ob
und dann liegt alles
brach

© Amy Herzog