Schreiben

kein bisschen

Ein bisschen
kann ich nicht lieben
nur ein bisschen kann ich nicht
von deinen Ammenmärchen
trinken, ich bin viel zu betrunken
für ein kleines bisschen

Wieder zwei Uhr Nachts
und tue, als könnt ich nicht hören
nicht mehr schreiben und nicht lesen
mein Sturm verlagert sich
und klopft an deine Jalousien

Selbst wenn’s ein bisschen
kaltes ficken vor meinem Ende
reichte ich dir doch immer wieder
kein bisschen meine Hände
und mein altes Herz

Nur ein bisschen
kann ich nicht lieben
ich bin viel zu betrunken
und werde immer weiter trinken
bis mich dieser Sturm erlöst

© Amy Herzog

(K)eine vermisste Person.

© Amy Herzog

match #5

Wieso wird immer gleich alles oberflächlich sexuell?
Ja kennenlernen. Männer ticken so.
Und was ist mit tiefen Gefühlen, was ist mit Verbundenheit?
Braucht man nicht für Sex, also willst du?
Wieso sollte ich denn schlechten Sex haben wollen?

© Amy Herzog

verletzen.

TW: Gewalt

Irgendwann drückte ich die Zigaretten,
die er auf meiner nackten Haut ausdrückte,
selbst aus, damit er es nicht tat.

Du denkst, du kannst mich verletzen?

-Nein.

© Amy Herzog

der rest von mir

wie lang der rest des lebens
die zeit ist nie genug
aber wärs für eine nacht
dann gehörte ich für immer dir

© Amy Herzog

w i e

Zeige mir w i e
SCHMERZhaft es sein kann
lass mich d e i n e n
Schmerz spüren
dein traumtötendes Leid
in verborgener Angst
und in zärtlichstiller Dunkelheit
wispere ich nah w i e
Hingebungsvoll meine Liebe ist

© Amy Herzog

blau.

Diese Begegnung
hat meinen Aggregatzustand
verändert. Meine Haut.
Ist so dünn. Und
ich schwitze blau,
während du auf der Oberfläche
schwimmst.

© Amy Herzog

Nacht

Schlafende Nacht:
dein roter Handabdruck
auf meinem Arsch
und die Zigarette danach
am offenen Fenster
des Nichtraucherhotels.
Endlich aufgewacht:
in deiner Nacht.

© Amy Herzog

‚diese sehnsucht begraben‘

© Amy Herzog

satt

unaussprechlich
dieser diffuse hunger
nach gefühl
atme ich dich ein
und halte die luft an
für immer
satt

© Amy Herzog

Keine Angst

© Amy Herzog

N U R Kunst.Blut.

© Amy Herzog

LICHT

dieses Umherschwirren
unberechenbar brechend in dir das
haltlose Flirren
und fühlloses Reißen
bittest nachts um Hilfe schr
ei Hertz schrei

zum Morgen (grau) en
tauen Tauben auf deinem Grab
wie wi ll st du, wie bewegst du
was im Innternen stirbt
immer Laternenindir

und ich brauche
doch LICHT Herz
LICHT LICHT LICHT L

© Amy Herzog

An meinen Winter

© Amy Herzog

Angst

© Amy Herzog

Kleben

© Amy Herzog

Wollen dann wieder Verbindung
nicht. und sehen sie nicht
dann doch unter keinem Umstand
in dieser abstrusen Stille
die wir geflissentlich ignorieren

© Amy Herzog

Abgeflacht

© Amy Herzog

Deine Wohnung, meine Wohnung

Mir ist schlecht. Nah, das ist untertrieben. Mir ist kotzeübel. Und im Hals kratzt es ein klein wenig zugeschnürt. Vielleicht liegt es an Gefühlen, vielleicht aber auch an dem Teelöffel Bananeneis mit Nüssen, den ich gerade trotz Nussallergie gegessen habe. Ich bin eben mutig an den Stellen, die andere waghalsig nennen würden. Und die Gefühle sind doch ohnehin längst da angekommen, wo man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen kann. So ein Riesen Dreck! Und über den üblichen Wahnsinn hinaus. Ich frage nicht mehr warum, niemand fragt warum. Aber eine Sache kann ich sagen. Ich denke nämlich an deine Wohnung. Und an meine. Diese fünfundachtzig Quadratmeter sind halt total voll. Es ist nicht so, dass ich mich nicht trennen kann, ganz im Gegenteil, ich hake sowohl Dinge als auch Menschen sehr schnell ab. Trotzdem ist meine Wohnung voll, da gibt’s keine freie Ecke. Und irgendwie habe ich auch mehr Dinge, als Schränke. Und irgendwie ist das alles gerade auch nicht meines, na ja schon, aber irgendwie schwebt dieses Fernwehfremdgefühl über den Dingen. Idealerweise hätte meine Wohnung zwei kleine Zimmer. In dem einen läge eine Matratze auf dem Boden und vielleicht noch n Sitzsack, auf dem ich, na ja, sitzen kann und das andere Zimmer bräuchte einen großen Vorrat an Acrylfarbe und Luftballons. So ganz billige, die schnell reißen. Die würde ich mit der Farbe füllen, läge mich in die Mitte des Raumes auf den Boden und klatsche diese befüllten billig-Ballons an die Decke. Ein bisschen Farbe an der Decke, ein paar Spritzer an den Wänden und bunter Regen auf meinem Körper. Okay, ne Toilette wäre wohl auch noch gut. Oder wenigstens ein Eimer. Das würde ich dann meinem Improvisationstalent überlassen.

Und keine Menschen. Ah, Menschen, genau. Deine Wohnung. Deine Wohnung ist auch voll. Und ich bin da nicht so wie andere und schaue durch die Badezimmerschränke. Das interessiert mich nicht. Ich weiß, dass Menschen das tun, weil meine Dinge, die ich im Leben schon so in verschiedenen Badezimmerschränken verstaut hatte, sich quasi nach einem Besuch wie von selbst leicht bewegt hatten. Dabei ist da gar nichts interessantes. So das übliche. Schminke, die ich fast nie benutze, Wattestäbchen, die ich mir ins Ohr schiebe, obwohl man das nicht machen sollte – ich bin mir der Sinnlosigkeit und der möglichen Gesundheitsgefahr bewusst. Dann noch der Vorrat an Schwangerschaftstests, ja ehrlich. Halt nicht hinterfragen, auch ich frage nicht. Oh, und Klopapier, mein Verbrauch ist gigantisch. Das klingt jetzt so…nun…merkwürdig. Aber ich verschwende einfach nur gern diese eine Sache. Ne dumme Angewohnheit. Na und sonst ist da eben das Übliche. Da ich inzwischen höchstens ein oder zwei mal im Jahr Besuch habe, ist das jedoch total egal. Aber wieder zu deiner Wohnung. Denn viel Interessanter ist dein Bücherregal. Nicht zwangsläufig deine Bücher – ließ was du willst, aber was ist hinter deinen Büchern? Was ist ganz oben hinter deinen Büchern? Längst vergessenes, eingestaubtes? Was ist es? Ich mag mit meinen gelogenen 167 Zentimetern, die ich auf meinem Personalausweis aufrecht erhalte, die sich in Wahrheit aber auf 164 Zentimeter zurückgezogen haben, klein sein, trotzdem komme ich an diese Bücher da ganz oben heran. Vielleicht brauche ich einen Pfannenwender zum angeln. Selbst ist die Frau, ha! Deine Badezimmerschränke sind mir egal, ich suche nach dem kleinen, vergessenen, eingestaubten Geheimnis, das sich in deiner Wohnung befindet.

Ich hingegen habe vorgesorgt. Kein Geheimnis zu finden. Meine Wohnung ist mir fremd. Und das, was ich zu verbergen habe, habe ich so gut vergraben, dass nicht mal ich selbst es wiederfinde. Ich denke trotzdem gern an deine Wohnung zurück, vielleicht gerade wegen dieser kleinen eingestaubten Geheimnisse und all den Dingen, von denen du dich nicht trennen konntest. Wie gern würde ich dich manchmal einfach gern fest packen und einfach mitnehmen. Diese Seite kennst du noch nicht an mir, ja. Diese Seite, die einfach so verschwindet und nur das Nötigste dabei hat. Nun, aber wirklich das Nötigste. Und das bist dann eben du. Tun wir so, als könnten wir ewig leben, aus Containern essen und am Strand schlafen. Aber die Gedanken schweifen ab, muss am flauen Magen liegen, der immer noch kotzeübel vor sich hin krächzt. Nicht wegen der Gefühle, nein, nein, nein, es liegt am Bananeneis. Und vielleicht auch an der Schlager-CD, an die ich gerade denke, die in deinem CD-Regal steht. So richtig verirrt. Ich weiß, du kannst dich nicht trennen. Aber wenn du sie nicht entsorgst, wird sie mir eines Tages versehentlich aus der Hand fallen und sich in vielen kleinen Splittern in deinen Holzdielen verankern. Und ich räume das sicher nicht auf.

Aber was erzähle ich da. Hab dich doch auch schon entsorgt. Ich behaupte nicht, dass es leicht ist, sich zu trennen, aber man wird kalt. Irgendwann wird man kalt. Und dann bin ich eben zu diesem kalten Ding geworden, das einfach so alles und jeden entsorgt. Wenn es dir hilft nachts besser zu schlafen, dann denke das von mir. Du hast vermutlich recht. Im Bezug auf dich? Nein. Es tut weh, unfassbar weh. Normalerweise überwinden wir den Schmerz, oder wir schaffen Raum dafür. Aber du, du tust so unfassbar weh, dass ich diesen Schmerz wie Bleikugeln an meinen Fußknöcheln hinter mir herziehe. So schwer, dass sich mir jede Zeitrechnung entzieht. Manchmal weiß ich nicht mal, welches Jahr wir gerade haben. Es ist eben vollkommen unbedeutend geworden, seitdem du nicht mehr da bist. Alles ist bedeutungslos geworden, alles so leicht zu entsorgen, alles so fremd. Aber Gefühl? Du denkst an Kälte? Du willst Gefühl? Die Waghalsigkeit ist nur die Spitze, diese Gefühle, die hier überall verteilt sind und diese Wohnung füllen, diese Gefühle kann ich meistens nicht ertragen. So schrecklich, dass ich vor dem einschlafen nicht etwa an dich denke, sondern etwas anderes, etwas schändliches.

Und dann wache ich morgens auf und denke als erstes an dich. Ich weiß nicht, ob das kalt ist. Ob das bedeutet, dass ich auch dich wirklich entsorgt habe. Ich denke nicht. Was denkst du?

Nachtwach

die Nacht vergisst
zu atmen,
ich tue es ihr gleich.
was ist hier geschehen?
na, wieder Nacht, wieder wach.
kalt, dann voll, dann wieder schwach.
schwarzer Äther lacht
und mein Kaffee schmeckt alt.
ahnungslosigkeit windet sich raus,
klarheit will nicht gelingen.
den letzten Gedanken habe ich verworfen,
war Romantik, war verdorben.
lasse mir das Falsche chirurgisch entfernen,
und wenn der Morgen flüstert
stricke ich mir aus übrigen Spinnweben
einen passenden Strick.

© Amy Herzog

Du, ich, die ganze Welt


Du, ich, die ganze Welt
fühlt luftleer
schreit und schweigt
in unendlich vielen Puzzlespielen
jedes mit unzähligen Teilen
auf engstem Raum
in mir.

Ich sortiere
das meiste Fehlt
du, ich, die ganze Welt
fühlt erdrückt
und fällt
mir aus dem Schoß
ins Meer.

© Amy Herzog

match #3

„Was findest du anziehend?“
„Intelligenz und eine ichhabeschonmaljemandenumgebracht-Ausstrahlung.“
„Ich meine äußerlich.“
„Ist das nicht zu weit entfernt?“
„Wenn wir kuscheln nicht, sind nur zwei Kilometer.“
„Ziemlich weit.“

© Amy Herzog

/

Du gibst mir … Schreibmaschinenvibes
und wenn du atmest
denke/
ich/
abgehackt
und beiße mir auf die
Unterlippe…..

© Amy Herzog

match #1

Die liken halt. Die schreiben halt.
Ich weiß nicht warum.
Aber meine absolute Flirtunfähigkeit
bricht deren Verstand.

© Amy Herzog

Singlebörsenfreitextdrabble.

Bin unterdurchschnittlich schön und der Körper, nur eine Massenkarambolage auf der Grundlage von jahrzehntelangem Selbsthass. Mehr Regeln im Bett, als es in Deutschland Gesetze gibt und wenn das Fußende deiner Bettdecke an deinem Kopfende ist, bist du mir zu irre und sollte ich es sehen, töte ich dich sofort. Die psychischen Entgleisungen stützen sich gegenseitig: Zustand überwiegend stabil. Haha. Am liebsten verbringe ich Zeit mit mir selbst. Spare dir dein „Hi, wie geht’s?“ und erzähle mir die Dinge, die du mir verschweigen willst. Bin angepasst höflich, zeige dir im Geiste aber meinen Mittelfinger. Ach, und zu viel Gefühl in mir.

Liebeserklärung

Als Kind, ich war gerade mal drei Jahre alt, meinten die anderen Mütter mit ihren gleichaltrigen zu meiner Mutter, ihr Kind, ich, müsse mit den Anderen spielen. Sozialverhalten und so. Wir setzten uns alle in einen Kreis. Ich stand auf, ging in die Mitte des Kreises und sagte meiner Mutter laut, dass ich sie hasse. Dann ging ich weg. Wahre Geschichte. Ich habe Menschen noch nie ertragen, schon gar nicht die gleichaltrigen. Und das werde ich auch nie. Ich weiß, wie man Menschen vertreibt. Instinkt oder Reflex oder beides und so. Die flüchten von selbst. Aber wenn dieses überaus seltene Phänomen stattfindet, dass ich einen Menschen zwar meistens nicht ertrage, aber ein bisschen dann schon, kommt das meiner größtmöglichen Liebeserklärung gleich. Aufrichtig, ehrlich, aus tiefster Seele, auf Ewig und mit all meinen überschwappenden Gefühlen, die kaum ein Mensch erträgt.

Statt zu lieben
halte ich dich aus 
Und du? 

Unzusammenhängend

Alle elf Minuten verliebt sich jemand über […]. Sie ist schneller. Sie muss schneller sein. Die „das war knapp“-Momente häufen sich. Vor dem überqueren einer Straße hat sie aufgehört nach links oder wenigstens nach rechts zu schauen.

⁃ wie hat es sich angefühlt über dich zu schreiben? Komplett eskaliert. Schon vor Sonnenaufgang.

Sie hat aufgehört Fragen zu stellen. Diese Gleichgültigkeit berührt sie tiefer, als jeder Schwanz. Nur wenn sie mal wieder ein Buch liest fragt sie sich, bei welchen Worten der Autor wohl nackt war, als er sie geschrieben hat. Beim lesen fühlen sie sich nackt an.

⁃ bei acht von zehn Worten bin ich nackt. Bei den übrigen töte ich etwas in mir.

Und dann wieder diese Massenpsychose. Der eine sagt, sie ist nicht schön, der andere sagt, sie ist nicht klug. Dabei ist sie einfach nur nicht Frau genug. Benimmt sich brav wie ein Mensch, der nicht weint und stattdessen eine raucht.

⁃ könnte ich mich heute selbst vergessen, schenkte ich dir meine Haut.

Alle elf Minuten schlägt ihr jemand auf den Kopf. Beim letzten Mal ist es durch ihre Kehle gerutscht und unzusammenhängend im Herz gelandet. Direkt zwischen Mittelfinger und ficken. [hier ein poetisches Happy End einfügen]

© Amy Herzog

nacht.tanz.anziehung

Der erste Wind
am Abend haucht mir ein
ich ziehe hin
du hältst mich an
ich verrückt
und du bist zu kaputt
lass uns über die Nähe tanzen
zusammenfestgedrückt
unter den Augen
zahlloser Glühwürmchen

© Amy Herzog

fremd

müde im hellwachsein
hungrig nach großen gefühlen
lügen scheuermilch und drahtschwamm
über blankgezogene nerven
damit sich irgendwas in mir bewegt
halt den vortrag übers schweigen
schreibe wortlos leere seiten
schreien laut als leise
wie sich diese zwischenzeile legt
starre in die ferne
perspektive sucht nach wärme
in entfernten gedärmen
weil ich fremd geworden bin

© Amy Herzog

Skala eins bis schwer

Auf der Skala
von eins bis zehn
laufe ich hin und her
und finde die Metapher
eines arrhythmischen Klopfens
da ist Bedeutung in mir
Wahrheit im Wort
da ist Gefühl
schwer wie Meere
kann nicht vergessen
nur leugnen die weite See
schaffe Raum dafür
auf einer Skala
von eins bis schwer
laufe ich in diesem Ende
müde hin und her

© Amy Herzog

Der Tröster

Die einen stopfen sich mit Schokolade voll, die Anderen stürzen sich in ihre Arbeit, wieder Andere schauen einen traurigen Liebesfilm nach dem anderen, heulen Rotz und Wasser und die Übrigen betrinken sich, bis es vorbei ist. Sie bevorzugt das nächstbeste Bett eines schlappschwänzigen Langweilers. Nah, das klingt so abwertend. Sagen wir, sie bevorzugt das nächstbeste Bett eines Trösters, der sich eigentlich sogar sehr oft als total netter, ja nahezu rundum perfekter Typ entpuppt. Zu nett, zu gutaussehend, zu erfolgreich und dazu noch zu gut im Bett. Und dann geht er, als wäre das nicht alles schon mehr als genug, auch noch so achtsam und liebevoll mit ihrer zerbrochenen Seele um. Perfekt für die Zukunft. Nur nicht für ihre. Für sie ist er der perfekte Tröster, noch perfekter, als der Tröster davor. Dann geht man eben einen kleinen Weg gemeinsam. Und jedes mal denkt sie sich, eine andere Frau wird ein tolles Leben mit ihm führen, während sie sich auf ihr Magnetherz verlässt, das Arschlöcher magisch anzieht. Es ist immer ein noch größeres Arschloch, als das Arschloch davor. Ein perfekter innerer Tanz aus Distanz und Enthusiasmus. Ein auf und ab, hin- und hergerissen. Sie mag eben keine Schokolade und geweint hat sie schon lange nicht mehr. Nur denkt sie darüber auch nie abwertend, sie ist nie gelangweilt. Diese großen und immer größer werdenden Gefühle, die diese Arschlöcher auslösen, die sind es. Ja, selbst dann, wenn sie wieder im Bett des Nächsten Trösters aufwacht, hallen diese großen Gefühle noch lange nach, diese Sehnsucht und der Wunsch nach ein kleines bisschen Leben spüren. Und dann dieses luftschlossartige innere Verzehren, das dauerhaft an ihrem Herzen zieht. Immer stärker, wenn diese großen Gefühle nach und nach vom Tröster verschluckt werden, eines Tages doch noch dieses größte Arschloch von allen zu finden und endlich anzukommen.

Da ist keine Bedeutung.

Es ist traurig, aber mir fällt keine Geschichte dazu ein. Da ist keine Bedeutung. Nur so viele Enden, die meine Sehnsucht im Keim ersticken. Und dann sterbe ich im Kopf vor mich hin. Vielleicht liegt es an der Schriftfarbe, hier in meinem Word Dokument schwarz auf weiß, vielleicht an meinem ausdruckslosen Gesicht. Ich könnte die Schriftfarbe ändern, weiß, damit ich die Gedanken, die ich gar nicht denke schreiben, aber nicht lesen kann. Und dabei setze ich ein Lächeln aufs Gesicht, damit die Geschichte, die mir nicht einfällt, glücklich wirkt. Und dann sterbe ich im Kopf vor mich hin. Es ist peinlich, wie offen ich zu sein scheine, nur nicht mehr für mich selbst. Diese ca. 1230cm³ haben mich herausgeworfen, hab wohl Unfrieden gestiftet. Aber dafür jeden anderen Menschen einfach so hereinzulassen schien vernünftig zu sein. Wenn ich darüber nachdenken könnte, würde ich das anders sehen. Interessant ist es aber, einen Text so derart langweilig und ermüdend zu schreiben, aber irgendwo doch ein Wenig Bedeutung einzubauen, die dann niemand mehr liest. Wenn da nur Bedeutung wäre. Da ist keine Bedeutung. Die Frage ist, wo. Denn in meinem Kopf läuft irgendeine Party, ich bin ausgeladen. Die Musik ist laut, jemand pisst an die Wand, eine andere kotzt in die Ecke und niemand hält ihre Haare zurück, es wird gesoffen und ich darf dann hinterher zum aufräumen wieder rein. Sicher finde ich keine Bedeutung, irgendwo da draußen, wo ich suche. Und irgendwie suche ich ja auch gar nicht. Ich stehe einfach nur dumm grinsend in der Gegend herum, finde das ganze nicht traurig, beobachte diese vielen Enden und den Sonnenuntergang. Hier draußen ist es still oder fast still. Niemand redet, niemand fühlt. Ein Hund bellt, der Wind weht sanft durch die Blätter und ein kleines Kind schreit laut. Könnte ich noch etwas fühlen, wäre ich gleichermaßen belustigt und genervt. Möglicherweise bin ich selbst gegangen. Diese offenen Fenster und Türen, diese laute Musik, das kotzen und pissen und mittendrin ich. Dieses Ich, das zu viel denkt, zu viel fühlt und beim Nächsten Ende womöglich doch noch traurig wäre. Was sag ich, natürlich wäre ich traurig und natürlich fiele mir dann eine Geschichte ein, die mich nach dem letzten Satz wieder sterben ließe. Es macht Sinn, gegangen zu sein. Hier draußen ist es still. Da ist keine Bedeutung in dieser belanglosen und simplen Taubheit. Da ist keine Zeit, keine Erinnerung, keine Zukunft. Nur eine leere Hülle, verschlungen vom Nichts. Und nichts kommt mir hier nahe. Hier draußen, der Freie Fall und der Stillstand zugleich, alles wird verschluckt. Die Geschichte, die mir dazu nicht einfällt, die letzten Spuren einer Sehnsucht, die unscheinbaren Gefühlsflecken, die sich nach dem Reiben meiner Augen in den Ärmeln meines Pullovers eingetrocknet haben, all diese Enden und selbst die Farbe meiner Schrift.

Da ist keine Bedeutung.

Leere

ein Entgleiten auf der Eisbahn
voll von Verliebten
im Zauber des Weihnachtsmarktes
liege in zerbrechlicher Mitte
und sehe das buntflimmernde Licht
Vorträge wehen zwischen kahlen Bäumen
mein Schweigen aber sitzt so tief
wie der Schmerz
der mir im Treiben um mich
die Leere im Ich zeigt

© Amy Herzog

Geben.

Ich lasse mich nicht in deine Schublade stecken, nicht in dein Konzept einrahmen. Vergiss es, dass ich Sonntags nach der Kirche mit dir und deiner Familie in entspannt-steifer Atmosphäre lieb lächelnd Torte esse und träume nicht mal von unseren Urlauben mit den Kinderchen auf’m Rücksitz. Ich bin die Droge, vor der dich deine Eltern gewarnt haben, dein schlechter Einfluss. Die, die mitten in der Nacht auf dem Friedhof nach neuen Ideen gräbt und die Schule noch mal besucht, nur um wieder mit dem Lehrer ins Bett zu steigen, oder auf den Schreibtisch. Und der zweiwöchige Filmriss endet mit drei Gummienten, einem großen Brandloch auf deiner Couch und nem negativen Schwangerschaftstest im Mülleimer. Danach gestehe ich eine Straftat, die du begangen hast und lebe auf der Flucht. Nur immer, wenn mich die Inspiration küsst, besuche ich dich und unterstütze deine Sucht. Berechenbar unberechenbar. Ich passe nicht in dein gutbürgerliches Leben, aber ich bin dein treuer Wolf für die Zukunft, das bin ich, das kann ich geben.

Regen

Niederschlagsliebe
ich werde nass
spanne den Regenschirm auf
ich sterbe schwach

© Amy Herzog

abschweifen

etwas, das nähe heißt
bleibt mir fern

in diesen fremden armen
drückt meine echtzeit
gegen die sollbruchstelle
meines staubigen sternums

du sagst: ich liebe dich

aber
ich bin mir fern
in deiner nähe
und weine nach innen

ich sage: ich liebe dich auch
[gedanken schweifen ab]

© Amy Herzog

Grenze in mir
jeder Satz feindlich gestimmt
deine Tür gerade Luftzugbreit geöffnet
summt ein infernalisches Lachen in meinen Hals
und ich atme dich in die kleine Mitte
die ich mir erfunden hab

Wie reibe ich die Wunden
die du küsst
im Tagtraum bis tief in meine Nacht
nur um irgendwas zu fühlen
das was ich nicht beschreiben kann
kann dich auch nicht berühren

Grenze in mir
wo jedes Wort erstickt
für’s gesittete Menschlein verdorben
doch für die Hölle noch zu gut
lebt mein Schweigen von der Kälte
und stirbt an deinem Blut

© Amy Herzog

Der fehlerhafte Mensch

Könntest drüber nachdenken, krampfhaft versuchen es herauszufinden, aber du kannst es auch lassen. Irgendwas ist immer falsch, vielleicht nur ein kleiner Teil, vielleicht ein bisschen von allem, wer weiß das schon. Du nimmst einfach alles, das spart Zeit. Rennst dann trotzdem lachend in die Kreissäge und redest dir ein, dachtest lange Zeit tatsächlich, glaubtest daran, du würdest drauf stehen, auf diesen Schmerz, aber dem ist nicht so, oder? Ganz im Gegenteil. Aber so die Art Menschen, die selbst mit ihren Fehlern perfekt sind, die es mit diesen einfach nur von Grund auf fehlerhaften Menschen selten gut meinen, die geben sich paradoxerweise große Mühe, die Größte. Irgendwie anders. Intensiver, tiefgehender. Eben bevor sie einen unsanft in den Müll werfen, in die Wüste schicken oder auch in einer Autopresse verschwinden lassen. Vom Gefühl her tut sich da nichts, bei der Art der Entsorgung. So von Grund auf fehlerhafte Menschen, oder diese, die den Fehler nicht nur bei sich selbst suchen, sondern ihn auch stets finden, fallen bevorzugt darauf rein. Wobei „drauf reinfallen“ so negativ klingt. Sagen wir, sie sind geblendet von ihrer eigenen Gutgläubigkeit, von ihrer Hoffnung. Beides sorgt dafür, dass dieses Muster, wenn auch mit den Jahren stetig fallend, eisern stand hält. Es wird seltener, ja, vielleicht lässt du, du von Grund auf fehlerhafter Mensch, nicht mehr jeden ach so perfekten Menschen in dich hinein. Bekanntlich bestätigen jedoch Ausnahmen die Regel. Und irgendetwas muss dich ja schließlich von Zeit zu Zeit auf dein fehlerhaftes Dasein hinweisen.

bahnhof bei nacht

bahnhof in der nacht
niemand findet, niemand sucht
trunkenbold, der weise
singt von fernweh hinter kerzen
dies feuer aber leuchtet
mir die sehnsucht nach dem heim
unter kälte, unter schmerzen
sollt’s der nächste zug mir sein

kann nicht fühlen, nicht mehr sehen
wohin die roten blätter wehen
erbamungslos ihr glanz
so verrottet auch ihr letzter tanz
und weiß ich nicht wohin

bahnhof in der nacht
sag, wie laut schweigt dieses licht
sag, wie oft fährt diese bahn
und wieso finde ich dich nicht?

summt es denn lauter, summt es leiser
trunkenbold, sag bist du weiser?
singst von fernweh, singst von wärme
blendet mich denn nur mein herz
sag, was deutet diese liebe
find‘ ich weh, so find‘ ich heim
mein feuer in der ferne

© Amy Herzog

Eine Schlampe

Gott hat mir den Rücken gekehrt. Ich bin eine Schlampe. An meinen Fingern, an meinen schreibenden Fingern, klebt dein Schwanzgeschmack. Er hinterlässt seine Spuren. Nicht auf meiner Tastatur, nun, möglicherweise auch dort, aber viel mehr auf meinen Gedankensträhnen. Ich weiß, ich muss mir die Haare bürsten. All diese Knoten, all deine hinterlassenen Nester und dieser weiche Körper, in dem du geschwommen bist. Jetzt, wo ich deine Aufmerksamkeit habe, denke ich zu viel nach, über Brombeeren. Mit jeder gebürsteten Strähne fallen sie zu Boden. Du zerquetscht sie beim hinausgehen. Ich fühle dir hinterher. Und du denkst nur so: „Hä“. Ich bin eine Schlampe. Ich fühle mich wie der umgekippte Sack Reis, nur ein bisschen weniger relevant. Die Tasten kleben an meinen Fingern, sind damit verwachsen, vielleicht klebe ich auch an ihnen, dabei bin ich keine Schriftstellerin, werde ich nie sein. Gott sieht mich nicht. Hinge ich tot über’m Zaun, fiele es ihm nicht auf. Und dir auch nicht. Ich reibe mir den herausgequetschten Brombeersaft, welcher meinen teuren Boden versaut hat, auf meine nackte Haut. Er ist noch warm. Von dir. Er ist noch warm. Und ich fühle dir immer weiter nach, wie weit du dich auch entfernst. Du hast mich natürlich schon vergessen, die Schlampe, du hast mich nie erfahren. Diese Reproduktion meiner Selbst. Und nun bin ich nicht mehr ich, denn ich kann mein Spiegelbild nicht ertragen. Diese frisch gebürsteten Haare ekeln mich so an. Als hätte es mir nichts bedeutet. Als hätte es nichts bedeutet. Wenn es auch nur eine Sekunde lang so wäre, würde ich mir selbst den Rücken kehren müssen, so wie Gott, so wie du. Diese Reproduktion aber verteilt den Schwanzgeschmack auf der Tastatur, damit du mir bleibst, in meinen Worten tropfst, in mir verwest. Deine zertretenen Brombeeren jucken auf meiner Haut. Ich friere. Ich schwitze, ich tropfe, ich bin nackt und allein. Ich bin tot. Und du denkst nichts. Nichts. Gar nichts. Oder irgendwas. Kratze mir unter der Dusche das Lila von der Haut. Die Reste meiner Erinnerung verfangen sich unter meinen Fingernägeln. Gott war nie da. Du auch nicht. Ich bin eine Schlampe. Ich schreibe Lila.

vielleicht

dieser bittere Nachgeschmack
legt deiner Sehnsucht vor dem schlafen
ein Stück Eifersucht auf’s Kissen
und du hasst es, mein Wort
und du liebst diese unstillbare Sucht
diese Wunden, dieses offen sein
machtlos gegen die Angst
über die du heißen Zucker gießt
ein Vielleicht schweigst du in deine Tiefe
vielleicht schmeckt diese Sehnsucht
nach Wahrheit, etwas Irrsinn und Leben

© Amy Herzog

nächstes mal

ausdruckslos wieder
ins fremde bett gesprungen
wollt mich nicht finden
nur verlieren
wieder

ich tue befreit
verschwinde unter asteria
dem vertrauten bild
das morgengrauen küsst
mich wach

beim nächsten mal, elpis
trocknet mein atem
so lass mich

(bedeutung) finden

© Amy Herzog

Hingabe

Betrachtest mich nicht von außen
schneidest mein Fleisch auf
weidest meine Organe
füllst mich mit Mandarinen aus
du trägst ein schlichtes Hemd
riechst nach moosbewachsenem Holz
und in Jahrzehnte gekommene Bitterkeit
dein Arschloch hält auf Abstand
hast du doch nur viel mehr Angst vor mir
als ich vor’m schwarzen Loch

Meine Seele schläft getränkt
Methanol und Formaldehyd im Glas
die Staubdecke wärmt
dieses entblößt fristende Dasein
in deinem Nachtschrank

Mit so viel Hingabe
hast du nicht gerechnet
Versprechen kommt nicht in die Jahre
mein Liebster, der Wahre
vielleicht nicht mein ganzes Leben
doch hast nur du mein Wahres gesehen
das niemand dir entreißt
betrachtest mich nicht von außen
der, der mein Herz verspeist

© Amy Herzog

Kampf oder Flucht


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hinwerfen werfen entfernen
neu Gestalt en . neu er finden
gelöscht löscht löschen
Bedeutung bleibt reibt treibt
vor jedem einschlafen
an der dünnen Seelenwand
zurück wird verweigert
[ … ]
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© Amy Herzog

alleine plus du

papierberge, leer
sie starren mich an
anstarren
ließt sich endlos
dieser abschiedsbrief

leben ist gedehnt
dehnbar, nur ein wenig
irgendwo sitzt
oder rennst du davon
in die nächste kleine leere

voll von lehren
ich will ausgelernt sein
ohne gefühl
ist die fallhöhe zu hoch
ich will ausgefüllt sein

zu viel abschied
schmeckt das leben
zu viel von mir
kreist wie feiner staub
um die welt

ich will liegen
zum erliegen kommen
gehen, stehen, atmen
leben be schreiben
alleine plus du

© Amy Herzog

Immun

Nichts als Honig auf deiner Zunge

ich mag ihn nicht

und das warme Herz in meinem Tee

waren ein paar K.O. Tropfen

Wirkung verfehlt

[bin gegen Süßholzraspel geimpft]

© Amy Herzog