Liebe

blau.

Diese Begegnung
hat meinen Aggregatzustand
verändert. Meine Haut.
Ist so dünn. Und
ich schwitze blau,
während du auf der Oberfläche
schwimmst.

© Amy Herzog

Nacht

Schlafende Nacht:
dein roter Handabdruck
auf meinem Arsch
und die Zigarette danach
am offenen Fenster
des Nichtraucherhotels.
Endlich aufgewacht:
in deiner Nacht.

© Amy Herzog

‚diese sehnsucht begraben‘

© Amy Herzog

satt

unaussprechlich
dieser diffuse hunger
nach gefühl
atme ich dich ein
und halte die luft an
für immer
satt

© Amy Herzog

Keine Angst

© Amy Herzog

N U R Kunst.Blut.

© Amy Herzog

LICHT

dieses Umherschwirren
unberechenbar brechend in dir das
haltlose Flirren
und fühlloses Reißen
bittest nachts um Hilfe schr
ei Hertz schrei

zum Morgen (grau) en
tauen Tauben auf deinem Grab
wie wi ll st du, wie bewegst du
was im Innternen stirbt
immer Laternenindir

und ich brauche
doch LICHT Herz
LICHT LICHT LICHT L

© Amy Herzog

An meinen Winter

© Amy Herzog

Angst

© Amy Herzog

Kleben

© Amy Herzog

Wollen dann wieder Verbindung
nicht. und sehen sie nicht
dann doch unter keinem Umstand
in dieser abstrusen Stille
die wir geflissentlich ignorieren

© Amy Herzog

Abgeflacht

© Amy Herzog

Deine Wohnung, meine Wohnung

Mir ist schlecht. Nah, das ist untertrieben. Mir ist kotzeübel. Und im Hals kratzt es ein klein wenig zugeschnürt. Vielleicht liegt es an Gefühlen, vielleicht aber auch an dem Teelöffel Bananeneis mit Nüssen, den ich gerade trotz Nussallergie gegessen habe. Ich bin eben mutig an den Stellen, die andere waghalsig nennen würden. Und die Gefühle sind doch ohnehin längst da angekommen, wo man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen kann. So ein Riesen Dreck! Und über den üblichen Wahnsinn hinaus. Ich frage nicht mehr warum, niemand fragt warum. Aber eine Sache kann ich sagen. Ich denke nämlich an deine Wohnung. Und an meine. Diese fünfundachtzig Quadratmeter sind halt total voll. Es ist nicht so, dass ich mich nicht trennen kann, ganz im Gegenteil, ich hake sowohl Dinge als auch Menschen sehr schnell ab. Trotzdem ist meine Wohnung voll, da gibt’s keine freie Ecke. Und irgendwie habe ich auch mehr Dinge, als Schränke. Und irgendwie ist das alles gerade auch nicht meines, na ja schon, aber irgendwie schwebt dieses Fernwehfremdgefühl über den Dingen. Idealerweise hätte meine Wohnung zwei kleine Zimmer. In dem einen läge eine Matratze auf dem Boden und vielleicht noch n Sitzsack, auf dem ich, na ja, sitzen kann und das andere Zimmer bräuchte einen großen Vorrat an Acrylfarbe und Luftballons. So ganz billige, die schnell reißen. Die würde ich mit der Farbe füllen, läge mich in die Mitte des Raumes auf den Boden und klatsche diese befüllten billig-Ballons an die Decke. Ein bisschen Farbe an der Decke, ein paar Spritzer an den Wänden und bunter Regen auf meinem Körper. Okay, ne Toilette wäre wohl auch noch gut. Oder wenigstens ein Eimer. Das würde ich dann meinem Improvisationstalent überlassen.

Und keine Menschen. Ah, Menschen, genau. Deine Wohnung. Deine Wohnung ist auch voll. Und ich bin da nicht so wie andere und schaue durch die Badezimmerschränke. Das interessiert mich nicht. Ich weiß, dass Menschen das tun, weil meine Dinge, die ich im Leben schon so in verschiedenen Badezimmerschränken verstaut hatte, sich quasi nach einem Besuch wie von selbst leicht bewegt hatten. Dabei ist da gar nichts interessantes. So das übliche. Schminke, die ich fast nie benutze, Wattestäbchen, die ich mir ins Ohr schiebe, obwohl man das nicht machen sollte – ich bin mir der Sinnlosigkeit und der möglichen Gesundheitsgefahr bewusst. Dann noch der Vorrat an Schwangerschaftstests, ja ehrlich. Halt nicht hinterfragen, auch ich frage nicht. Oh, und Klopapier, mein Verbrauch ist gigantisch. Das klingt jetzt so…nun…merkwürdig. Aber ich verschwende einfach nur gern diese eine Sache. Ne dumme Angewohnheit. Na und sonst ist da eben das Übliche. Da ich inzwischen höchstens ein oder zwei mal im Jahr Besuch habe, ist das jedoch total egal. Aber wieder zu deiner Wohnung. Denn viel Interessanter ist dein Bücherregal. Nicht zwangsläufig deine Bücher – ließ was du willst, aber was ist hinter deinen Büchern? Was ist ganz oben hinter deinen Büchern? Längst vergessenes, eingestaubtes? Was ist es? Ich mag mit meinen gelogenen 167 Zentimetern, die ich auf meinem Personalausweis aufrecht erhalte, die sich in Wahrheit aber auf 164 Zentimeter zurückgezogen haben, klein sein, trotzdem komme ich an diese Bücher da ganz oben heran. Vielleicht brauche ich einen Pfannenwender zum angeln. Selbst ist die Frau, ha! Deine Badezimmerschränke sind mir egal, ich suche nach dem kleinen, vergessenen, eingestaubten Geheimnis, das sich in deiner Wohnung befindet.

Ich hingegen habe vorgesorgt. Kein Geheimnis zu finden. Meine Wohnung ist mir fremd. Und das, was ich zu verbergen habe, habe ich so gut vergraben, dass nicht mal ich selbst es wiederfinde. Ich denke trotzdem gern an deine Wohnung zurück, vielleicht gerade wegen dieser kleinen eingestaubten Geheimnisse und all den Dingen, von denen du dich nicht trennen konntest. Wie gern würde ich dich manchmal einfach gern fest packen und einfach mitnehmen. Diese Seite kennst du noch nicht an mir, ja. Diese Seite, die einfach so verschwindet und nur das Nötigste dabei hat. Nun, aber wirklich das Nötigste. Und das bist dann eben du. Tun wir so, als könnten wir ewig leben, aus Containern essen und am Strand schlafen. Aber die Gedanken schweifen ab, muss am flauen Magen liegen, der immer noch kotzeübel vor sich hin krächzt. Nicht wegen der Gefühle, nein, nein, nein, es liegt am Bananeneis. Und vielleicht auch an der Schlager-CD, an die ich gerade denke, die in deinem CD-Regal steht. So richtig verirrt. Ich weiß, du kannst dich nicht trennen. Aber wenn du sie nicht entsorgst, wird sie mir eines Tages versehentlich aus der Hand fallen und sich in vielen kleinen Splittern in deinen Holzdielen verankern. Und ich räume das sicher nicht auf.

Aber was erzähle ich da. Hab dich doch auch schon entsorgt. Ich behaupte nicht, dass es leicht ist, sich zu trennen, aber man wird kalt. Irgendwann wird man kalt. Und dann bin ich eben zu diesem kalten Ding geworden, das einfach so alles und jeden entsorgt. Wenn es dir hilft nachts besser zu schlafen, dann denke das von mir. Du hast vermutlich recht. Im Bezug auf dich? Nein. Es tut weh, unfassbar weh. Normalerweise überwinden wir den Schmerz, oder wir schaffen Raum dafür. Aber du, du tust so unfassbar weh, dass ich diesen Schmerz wie Bleikugeln an meinen Fußknöcheln hinter mir herziehe. So schwer, dass sich mir jede Zeitrechnung entzieht. Manchmal weiß ich nicht mal, welches Jahr wir gerade haben. Es ist eben vollkommen unbedeutend geworden, seitdem du nicht mehr da bist. Alles ist bedeutungslos geworden, alles so leicht zu entsorgen, alles so fremd. Aber Gefühl? Du denkst an Kälte? Du willst Gefühl? Die Waghalsigkeit ist nur die Spitze, diese Gefühle, die hier überall verteilt sind und diese Wohnung füllen, diese Gefühle kann ich meistens nicht ertragen. So schrecklich, dass ich vor dem einschlafen nicht etwa an dich denke, sondern etwas anderes, etwas schändliches.

Und dann wache ich morgens auf und denke als erstes an dich. Ich weiß nicht, ob das kalt ist. Ob das bedeutet, dass ich auch dich wirklich entsorgt habe. Ich denke nicht. Was denkst du?

Nachtwach

die Nacht vergisst
zu atmen,
ich tue es ihr gleich.
was ist hier geschehen?
na, wieder Nacht, wieder wach.
kalt, dann voll, dann wieder schwach.
schwarzer Äther lacht
und mein Kaffee schmeckt alt.
ahnungslosigkeit windet sich raus,
klarheit will nicht gelingen.
den letzten Gedanken habe ich verworfen,
war Romantik, war verdorben.
lasse mir das Falsche chirurgisch entfernen,
und wenn der Morgen flüstert
stricke ich mir aus übrigen Spinnweben
einen passenden Strick.

© Amy Herzog

Du, ich, die ganze Welt


Du, ich, die ganze Welt
fühlt luftleer
schreit und schweigt
in unendlich vielen Puzzlespielen
jedes mit unzähligen Teilen
auf engstem Raum
in mir.

Ich sortiere
das meiste Fehlt
du, ich, die ganze Welt
fühlt erdrückt
und fällt
mir aus dem Schoß
ins Meer.

© Amy Herzog

match #3

„Was findest du anziehend?“
„Intelligenz und eine ichhabeschonmaljemandenumgebracht-Ausstrahlung.“
„Ich meine äußerlich.“
„Ist das nicht zu weit entfernt?“
„Wenn wir kuscheln nicht, sind nur zwei Kilometer.“
„Ziemlich weit.“

© Amy Herzog

/

Du gibst mir … Schreibmaschinenvibes
und wenn du atmest
denke/
ich/
abgehackt
und beiße mir auf die
Unterlippe…..

© Amy Herzog

Der Morgen danach.

Verrutschten Lidschatten über Gefühle gemalt,
sie lächeln sich unter den verküssten Lippenstift.
Ein wenig Frage steht im kleinsten Raum: Ich.
Und der Wunsch nach dem Abend davor.

© Amy Herzog

Liebeserklärung

Als Kind, ich war gerade mal drei Jahre alt, meinten die anderen Mütter mit ihren gleichaltrigen zu meiner Mutter, ihr Kind, ich, müsse mit den Anderen spielen. Sozialverhalten und so. Wir setzten uns alle in einen Kreis. Ich stand auf, ging in die Mitte des Kreises und sagte meiner Mutter laut, dass ich sie hasse. Dann ging ich weg. Wahre Geschichte. Ich habe Menschen noch nie ertragen, schon gar nicht die gleichaltrigen. Und das werde ich auch nie. Ich weiß, wie man Menschen vertreibt. Instinkt oder Reflex oder beides und so. Die flüchten von selbst. Aber wenn dieses überaus seltene Phänomen stattfindet, dass ich einen Menschen zwar meistens nicht ertrage, aber ein bisschen dann schon, kommt das meiner größtmöglichen Liebeserklärung gleich. Aufrichtig, ehrlich, aus tiefster Seele, auf Ewig und mit all meinen überschwappenden Gefühlen, die kaum ein Mensch erträgt.

Statt zu lieben
halte ich dich aus 
Und du? 

Unzusammenhängend

Alle elf Minuten verliebt sich jemand über […]. Sie ist schneller. Sie muss schneller sein. Die „das war knapp“-Momente häufen sich. Vor dem überqueren einer Straße hat sie aufgehört nach links oder wenigstens nach rechts zu schauen.

⁃ wie hat es sich angefühlt über dich zu schreiben? Komplett eskaliert. Schon vor Sonnenaufgang.

Sie hat aufgehört Fragen zu stellen. Diese Gleichgültigkeit berührt sie tiefer, als jeder Schwanz. Nur wenn sie mal wieder ein Buch liest fragt sie sich, bei welchen Worten der Autor wohl nackt war, als er sie geschrieben hat. Beim lesen fühlen sie sich nackt an.

⁃ bei acht von zehn Worten bin ich nackt. Bei den übrigen töte ich etwas in mir.

Und dann wieder diese Massenpsychose. Der eine sagt, sie ist nicht schön, der andere sagt, sie ist nicht klug. Dabei ist sie einfach nur nicht Frau genug. Benimmt sich brav wie ein Mensch, der nicht weint und stattdessen eine raucht.

⁃ könnte ich mich heute selbst vergessen, schenkte ich dir meine Haut.

Alle elf Minuten schlägt ihr jemand auf den Kopf. Beim letzten Mal ist es durch ihre Kehle gerutscht und unzusammenhängend im Herz gelandet. Direkt zwischen Mittelfinger und ficken. [hier ein poetisches Happy End einfügen]

© Amy Herzog

nacht.tanz.anziehung

Der erste Wind
am Abend haucht mir ein
ich ziehe hin
du hältst mich an
ich verrückt
und du bist zu kaputt
lass uns über die Nähe tanzen
zusammenfestgedrückt
unter den Augen
zahlloser Glühwürmchen

© Amy Herzog

wolkenkuss

Mein lippenzarter Rosenkuss
deine Zunge hängt in fernen Weiten
die mein Mund nicht mehr erreichen kann
im Himmel tanzt mit tausend Sternen
jedes Wort am fremden Herz
ich sehe Funken, Blitz und Donnerschlag
unter deiner grauen Wolkenbank
lautes Niederschweigen
umkreist mich seit einer Ewigkeit
und wartet auf den Kuss
der Wort und Mund vereint

© Amy Herzog

fremd

müde im hellwachsein
hungrig nach großen gefühlen
lügen scheuermilch und drahtschwamm
über blankgezogene nerven
damit sich irgendwas in mir bewegt
halt den vortrag übers schweigen
schreibe wortlos leere seiten
schreien laut als leise
wie sich diese zwischenzeile legt
starre in die ferne
perspektive sucht nach wärme
in entfernten gedärmen
weil ich fremd geworden bin

© Amy Herzog

Wo

WO. IST. DIE. WÄRME. Fragst du jeden Abend bis zum Mond, dein fragen hallt zurück. Die Schlampen in deinem Bett lenken dich schon lange nicht mehr so gut vom Leben ab, wie es mal war. Am Ende des Tages schmiegst du dich an deine überschwappende Sehnsucht. WO. IST. DIESER. KÖRPER. Der sich an deinen drückt, als gäbe es nur dich. Als wärst du der wichtigste Mensch. Du nimmst diesen Körper mit all deinen Sinnen in dir auf, nimmst sie auf, umfasst sie mit deinen Armen so fest, dass es deinen inneren Tod besiegt. WO. IST. DAS. LEBEN. Das alltägliche, das in sich außergewöhnlich ist. Nicht frei von Hemmung, Angst, Schmerz und Zwang. Aber über allem schwebend, leicht. Losgelöst in absolut offenliegenden Herzen. OFFEN. Aufgefangen von der Weichheit ihrer Haut, gebettet im leidenschaftlichen Kuss. Nicht dieses abschlabbern. Diesen Kuss, der nach Vertrauen schmeckt. WO. IST. DIE. LIEBE. Die dir einfach nur die Hand hält, ganz egal wer du bist. Die dich überwältigt, dich am Boden hält, die höchsten Wellen schlägt, ohne dich zu ertränken. Die dich endlich wieder fühlen lässt, mit all deinen Sinnen funkenschlagend. WO? Vielleicht fragst du noch ein mal.

Skala eins bis schwer

Auf der Skala
von eins bis zehn
laufe ich hin und her
und finde die Metapher
eines arrhythmischen Klopfens
da ist Bedeutung in mir
Wahrheit im Wort
da ist Gefühl
schwer wie Meere
kann nicht vergessen
nur leugnen die weite See
schaffe Raum dafür
auf einer Skala
von eins bis schwer
laufe ich in diesem Ende
müde hin und her

© Amy Herzog

Der Tröster

Die einen stopfen sich mit Schokolade voll, die Anderen stürzen sich in ihre Arbeit, wieder Andere schauen einen traurigen Liebesfilm nach dem anderen, heulen Rotz und Wasser und die Übrigen betrinken sich, bis es vorbei ist. Sie bevorzugt das nächstbeste Bett eines schlappschwänzigen Langweilers. Nah, das klingt so abwertend. Sagen wir, sie bevorzugt das nächstbeste Bett eines Trösters, der sich eigentlich sogar sehr oft als total netter, ja nahezu rundum perfekter Typ entpuppt. Zu nett, zu gutaussehend, zu erfolgreich und dazu noch zu gut im Bett. Und dann geht er, als wäre das nicht alles schon mehr als genug, auch noch so achtsam und liebevoll mit ihrer zerbrochenen Seele um. Perfekt für die Zukunft. Nur nicht für ihre. Für sie ist er der perfekte Tröster, noch perfekter, als der Tröster davor. Dann geht man eben einen kleinen Weg gemeinsam. Und jedes mal denkt sie sich, eine andere Frau wird ein tolles Leben mit ihm führen, während sie sich auf ihr Magnetherz verlässt, das Arschlöcher magisch anzieht. Es ist immer ein noch größeres Arschloch, als das Arschloch davor. Ein perfekter innerer Tanz aus Distanz und Enthusiasmus. Ein auf und ab, hin- und hergerissen. Sie mag eben keine Schokolade und geweint hat sie schon lange nicht mehr. Nur denkt sie darüber auch nie abwertend, sie ist nie gelangweilt. Diese großen und immer größer werdenden Gefühle, die diese Arschlöcher auslösen, die sind es. Ja, selbst dann, wenn sie wieder im Bett des Nächsten Trösters aufwacht, hallen diese großen Gefühle noch lange nach, diese Sehnsucht und der Wunsch nach ein kleines bisschen Leben spüren. Und dann dieses luftschlossartige innere Verzehren, das dauerhaft an ihrem Herzen zieht. Immer stärker, wenn diese großen Gefühle nach und nach vom Tröster verschluckt werden, eines Tages doch noch dieses größte Arschloch von allen zu finden und endlich anzukommen.

Leere

ein Entgleiten auf der Eisbahn
voll von Verliebten
im Zauber des Weihnachtsmarktes
liege in zerbrechlicher Mitte
und sehe das buntflimmernde Licht
Vorträge wehen zwischen kahlen Bäumen
mein Schweigen aber sitzt so tief
wie der Schmerz
der mir im Treiben um mich
die Leere im Ich zeigt

© Amy Herzog

Regen

Niederschlagsliebe
ich werde nass
spanne den Regenschirm auf
ich sterbe schwach

© Amy Herzog

abschweifen

etwas, das nähe heißt
bleibt mir fern

in diesen fremden armen
drückt meine echtzeit
gegen die sollbruchstelle
meines staubigen sternums

du sagst: ich liebe dich

aber
ich bin mir fern
in deiner nähe
und weine nach innen

ich sage: ich liebe dich auch
[gedanken schweifen ab]

© Amy Herzog

bahnhof bei nacht

bahnhof in der nacht
niemand findet, niemand sucht
trunkenbold, der weise
singt von fernweh hinter kerzen
dies feuer aber leuchtet
mir die sehnsucht nach dem heim
unter kälte, unter schmerzen
sollt’s der nächste zug mir sein

kann nicht fühlen, nicht mehr sehen
wohin die roten blätter wehen
erbamungslos ihr glanz
so verrottet auch ihr letzter tanz
und weiß ich nicht wohin

bahnhof in der nacht
sag, wie laut schweigt dieses licht
sag, wie oft fährt diese bahn
und wieso finde ich dich nicht?

summt es denn lauter, summt es leiser
trunkenbold, sag bist du weiser?
singst von fernweh, singst von wärme
blendet mich denn nur mein herz
sag, was deutet diese liebe
find‘ ich weh, so find‘ ich heim
mein feuer in der ferne

© Amy Herzog

nächstes mal

ausdruckslos wieder
ins fremde bett gesprungen
wollt mich nicht finden
nur verlieren
wieder

ich tue befreit
verschwinde unter asteria
dem vertrauten bild
das morgengrauen küsst
mich wach

beim nächsten mal, elpis
trocknet mein atem
so lass mich

(bedeutung) finden

© Amy Herzog

Hingabe

Betrachtest mich nicht von außen
schneidest mein Fleisch auf
weidest meine Organe
füllst mich mit Mandarinen aus
du trägst ein schlichtes Hemd
riechst nach moosbewachsenem Holz
und in Jahrzehnte gekommene Bitterkeit
dein Arschloch hält auf Abstand
hast du doch nur viel mehr Angst vor mir
als ich vor’m schwarzen Loch

Meine Seele schläft getränkt
Methanol und Formaldehyd im Glas
die Staubdecke wärmt
dieses entblößt fristende Dasein
in deinem Nachtschrank

Mit so viel Hingabe
hast du nicht gerechnet
Versprechen kommt nicht in die Jahre
mein Liebster, der Wahre
vielleicht nicht mein ganzes Leben
doch hast nur du mein Wahres gesehen
das niemand dir entreißt
betrachtest mich nicht von außen
der, der mein Herz verspeist

© Amy Herzog

Kampf oder Flucht


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[ … ]
warten abwarten erwarten
hinwerfen werfen entfernen
neu Gestalt en . neu er finden
gelöscht löscht löschen
Bedeutung bleibt reibt treibt
vor jedem einschlafen
an der dünnen Seelenwand
zurück wird verweigert
[ … ]
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© Amy Herzog

alleine plus du

papierberge, leer
sie starren mich an
anstarren
ließt sich endlos
dieser abschiedsbrief

leben ist gedehnt
dehnbar, nur ein wenig
irgendwo sitzt
oder rennst du davon
in die nächste kleine leere

voll von lehren
ich will ausgelernt sein
ohne gefühl
ist die fallhöhe zu hoch
ich will ausgefüllt sein

zu viel abschied
schmeckt das leben
zu viel von mir
kreist wie feiner staub
um die welt

ich will liegen
zum erliegen kommen
gehen, stehen, atmen
leben be schreiben
alleine plus du

© Amy Herzog

Immun

Nichts als Honig auf deiner Zunge

ich mag ihn nicht

und das warme Herz in meinem Tee

waren ein paar K.O. Tropfen

Wirkung verfehlt

[bin gegen Süßholzraspel geimpft]

© Amy Herzog

Adieu

So falsch, ich fremder Geist
und Seiltanz schweigt
schwappt hin und her und über
wie letzte Nacht ertrunken
(füge deine Nähe in mich ein)
wie den Abklatsch meiner Wunden
schließen diese Wellen
schlagend, zehrendes Gefäß
Dasein sucht den Sinn-
gemäß und frisst sich selbst
am stillen Grund

Adieu

© Amy Herzog

Heute will ich lügen

Heute aber ziehe ich die Lüge vor
denn mir gefällt die Sonne
und es tut nicht weh
sie auf meinem Lächeln zu spüren
und der warme Sommerwind
lässt mich schweben
schweigen, fließen und genießen
ja, heute will ich lügen
es tut nicht weh

© Amy Herzog

Still

Einsamkeit fällt
am Rande des Rahmens
in meinen Wahnsinn
und bezieht die Nacht neu
unbarmherzig infiltriertes Malignom
du liegst mir auf der Zunge
und wärmst
was abkühlen soll
blute dich
aus meinen dunklen Träumen
damit ich endlich
Badewasser schmecke
sehnsuchtsstill

© Amy Herzog

mein Winter

lebe im winter
haut wie pauspapier
mit deinen bildern auf mir
dein streichholz
zündet
den funken hoffnung
im innern
und verbrennt
mich zur kalten asche
im schnee
blutspur farblos
zwischenwelt schweigt
bis mein winter
schmilzt
tragen schneeflocken
dieses leid

© Amy Herzog

Wir sind nicht zu Ende

Heute habe ich unterschrieben. Vom Gefühl her war es vergleichbar mit dem unterschreiben beim Paketboten. Nicht etwa für ein Paket mit ersehntem Inhalt. Eher so, als wäre in dem Paket nur heiße Luft. Ja, so fühlte es sich heute an, dieses Dokument zu unterschreiben. Gleichzeitig so, als hätte ich einer Hinrichtung zugestimmt. Meiner Hinrichtung. Bereitwillig. Und dabei habe ich auch noch verkrampft gelächelt. Mit meinen Gedanken war ich bei dir, bin ich bei dir. Nur deshalb konnte ich heute lächeln. Mein Brief an dich beinhaltet das erste Mal keine Einleitung. Kein ‚Hallo‘, kein ‚Guten Abend‘, kein ‚mein Liebster‘. Das wäre…unpassend. Aber du weißt, was ich denke. Und ich weiß, was du denkst. Nur hat niemand etwas gesagt. War das der Fehler? Nun habe ich Schwarzwälderkirschtorte in meinen Zahnzwischenräumen. Er mag sie. Ich mag sie nicht. Du auch nicht. Bei uns würde es nun reichlich Met geben und dazu Bratwürstchen im stehen. Und – es wird dich überraschen – für dich hätte ich ein Kleid getragen. Mittelalter, klar oder? Ich mache mir Gedanken. Bin ich eine Betrügerin? Ich glaube nicht. Nicht für ihn. Hab ja keinen Sex. Und meine Gefühle sind ihm egal. Das ich dich liebe spielt keine Rolle. Und das, was uns verbindet, würde er in tausend Jahren nicht verstehen. Er ist ein Schwanzdenker. Du nicht. Du ganz und gar nicht. Ich hatte erwartet, dass es sich anders anfühlen würde. Jetzt, wo ich unterschrieben habe. Stattdessen denke ich an dich. Schreibe dir einen Brief. Ich denke, dass ich ihn auch liebe. Nicht, weil er so ist, wie er ist. Obwohl er so ist, wie er ist. Und ich schreibe dir nun auch kein Ende. Denn wir sind nicht zu Ende, werden wir nie sein. Dieses Dokument ist wertlos.

tanz

blutmond lichtet uns
trinke insomnia aus deinem glas
roter lippenstift erinnert
an den langsam sinkenden tanz
den gestohlenen kuss
an glanzweite kerzenaugen
und sanftes saugen an meinem hals
dein inneres betten von eingeatmetem duft
sommersonnenaufgang und regen
nieselt auf wachsende herzen
die sich in eine richtung bewegen

© Amy Herzog

aneinander vorbei

Ja, vielleicht ist sie naiv, vielleicht vergibt sie viel zu viele Chancen an Menschen, die es nicht einmal bemerken. Während die letzte Chance gerade erst den Weg in den Abfall findet, fliegt die Nächste schon hinterher. Und so langsam spürt sie, dass ihr die Chancen ausgehen. Jedes Mal ein Stück Seele herausschneiden, es hübsch verpacken, so tun, als machte es ihr nichts aus und die neue Chance überreichen. Das wäre nur halb so schlimm, wenn diese Menschen es wenigstens verdient hätten. Wenn er all diese Chancen verdienen würde. Ne, das wäre ja nur halb so zerfleischend. Und wenn sie dann doch irgendwann weiterzieht, versucht, das was noch von ihr übrig ist, das durchlöcherte, verdreckte, zerfledderte Stückchen Seele irgendwie zu flicken, dann nennt er sie Nutte. Komisch, ein Mann muss nicht einmal zerfleddert sein, um sich ebenso zu verhalten. Und er ist dann ein toller Hecht. Ne. Für sie nicht. Für sie ist er ausgelutscht. Verbraucht. Für sie ist er eine Nutte. Noch dazu eine eifersüchtige Nutte. Immerhin genügt ihm der Gedanke, sein Gedanke als Beweis dafür, dass sie sich in den Armen eines anderen Mannes trösten lassen würde. Selbst wenn dies nicht der Wahrheit entspricht. Sein Urteil steht fest. Und um sich von dieser Eifersucht abzulenken, lässt er sich trösten. Ja. Sie gibt ihm zu viele Chancen, jeden Tag redet sie sich gut zu, während sie sich bemüht, es nicht zu tun. Aber sie sieht über all das hinweg. Sie sieht in seine gute Seele. Mit jeder neuen Chance. Mit jedem Stück neuer Seele. Ja, sie ist naiv. Aber er, er ist vollständig gedankenlos.

Die unerfüllte Liebe

Dieses Stück*
es war mein erstes Mal
hat die Liebe in mir geboren
vor langer Zeit
erklärt

Noten zu steril
Worte immer viel zu viel
ich schmecke Farben
und fühle Glück
in allen Narben auf meiner Haut
die diese Liebe hinterlässt
jeder Ton malt tausend Bilder in meinen Gefäßen
sie treiben mein Blut, den Rhythmus
ergießen aus wunden Fingern
und wärmen mich durch meine Winter
wie ein Liebeskranker
seine Arme um mich schlingt
schmerzverzehrend
doch nur einen Kuss stiehlt
wieder und wieder

Wann immer sie mir fehlt
schreibe ich ihr
dieser unerfüllten Liebe
selbst wenn ihr kein Wort gerecht wird
schreibe ich ihr bis ins Ende

© Amy Herzog

*Beethoven’s für Elise

täglich einen Brief

in den Absätzen erfundener Sprache
verfasse ich an dich, mein Liebster
täglich einen langen Brief über Liebe
und lese aus den Spuren meines Herzens
dein in Sicherheit ruhendes Seelenfragment
in dieser unsicheren, gar feindlichen Welt
kannst nur du die Wahrheit in mir lesen

© Amy Herzog

Explizit / Sex

Tristesse wartet
nach dem Abenteuer
mit einer Flasche
hochprozentigem Gefühl
damit es echt wirkt
und warm ums Herz
intensiv der Duft der Welt
solange sie passiert

wie eine Tafel Schokolade

Nur kein Duft der Welt
dringt so intensiv ein
[ganz explizit!]
Sex mit einem Menschen
dem man sein Leben
ganz und gar
nicht nur Haut und Haar
anvertraut

Gelegt in die Hände
eines überdauernden Vorspiels
in dem es kein ‚danach‘ gibt

wie eine Ewigkeit im Paradies

© Amy Herzog

komparse

ich bin klein
komparse
in der letzten reihe
rufe zwei mal täglich sehnsucht an
bleibe im wald allein
wie zersplitterter nagellack
an alten rinden kratzt

nur ein brief in schwarzer tinte
kann ihn nicht mehr lesen
grauer nebel
schläft auf meinem rücken
mückenstiche
bleiben mein gefühl

ich bin klein
gedichte brechen
während ich leichen lache
und wie ich wache
durch jede schwarze nacht
lacht sie mich aus
die sehnsucht

zwei mal täglich rufe ich dich an
beständigkeit ist dumm
habe ich gelernt
doch bin ich hier allein und stumm
kratze meinen lack noch ab
und kündige die rolle
in diesen stück

© Amy Herzog

Angst

In letzter Zeit bist abgelenkt von deinen Gedanken, versuchst sie zu verdrängen, dich in Kunst zu flüchten, in Musik und in deine Arbeit, eine klare Sicht behalten ist die Hauptsache, sagst du dir immer wieder, willst stark sein, dein Kopf sieht das anders, sieht in deiner Hauptsache nur noch eine unbedeutende Nebensache. Deine Bemühungen nur, um dich am Ende wieder in diesen Gedanken zu verlieren, welche dir jeden Tag, den ganzen Tag im Hinterkopf klemmen, fast wie ein Parasit. Diese Gedankenöffnung voll Lust und Tiefe, aber dann diese Gedanken, die du nie wieder fühlen wolltest, weil sie dir einmal zu viel beinahe das Leben gekostet hätten. Du hast Angst, du bist erwachsen, aber du fühlst dich wie ein Kind, das niemand sieht, bist allein mit diesen Gedanken, der Angst. Nein, sagst du dir immer wieder, NEIN! Jetzt wird gearbeitet. Und heute Abend trinkst du dich in den Schlaf und hoffst, in deinen Träumen nicht zu denken, nicht zu fühlen. Hoffst, dort die Angst nicht zu verlieren, die Erde unter deinen Füßen, die dir, wenn du wach bist, sowohl das Leben rettet, als auch nimmt. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Es ist zwar kein Drabble (das hatte ich bereits geschrieben), trotzdem sind dort die aktuellen drei Worte von Lyrix untergebracht 🙂 Nur so aus Spaß an der Freud.

Dein sein.

Ich kann diesen Mord verstehen. Es musste ja so kommen, denke ich in den letzten Minuten meines Lebens, während es nach und nach dunkler und leichter in mir wird. Das Blut, mein Blut, welches sich in einer dunkel-dickflüssigen Lache um mich herum ausbreitet, kann ich sehen, aber nicht mehr fühlen. Nicht die Wärme, auch nicht die Nässe. Mein regungsloser Körper ist nicht mehr, nicht mal mehr kalt. Und nachdem ich all die Jahre selbst unter den zahlreichen Betten verflossener Liebhaber mit einem Messer gelegen hatte, wartend auf die Gelegenheit ihnen dieses Messer in die Brust zu stechen, sie aufzuschlitzen, um ihnen das Herz zu entnehmen, es einzulegen in Formaldehyd, damit es für immer mein sein würde, war es der einzig logische Weg, dass einer von ihnen mir nun den Garaus macht, sich das traut, was ich nur stillschweigend lebte. Noch dazu hat er, unwissend darüber, dass ich eine Weile auch unter seinem Bett lag, nicht nur sein Leben gerettet, sondern vor allem das seiner Brüder. Ich jammere also nicht herum, ziehe keine schmerzverzerrte Fratze, sondern blicke starr, mit glänzenden, erwartungsvollen Augen in die Augen meines Mörders. Und ich kann diesen Mord verstehen. Ihm wollte ich mein Herz entziehen, er wollte, dass es für immer ihm gehört. Und gleich wird es vorbei sein, ich werde vorbei sein, gleich bin ich dein.