– ein paar Tausend Tode gestorben
die Gleichgültigkeit
schmeckt nach vortäuschen einer Straftat
(es hat sich niemand notiert)
– einer ist mir geblieben
und verschweigt die Wahrheit
aber sie duftet nach freudestrahlendem Sprung
aus Vierzigtausend Fuß
ohne Fallschirm

© Amy Herzog

Wenn gestern morgen ist…

Manchmal, wenn ich dran denke,
aber nur wenn auch eine Träne
in die Wunde fließt,
kommt’s mir vor, als wäre es erst gestern gewesen
und wünsche mir dann,
es wäre doch das gestern von morgen

Aber sag mal, sagst du Bescheid,
wenn es soweit ist, wenn es morgen ist?
Denn heute lebe ich nicht.
Sind alle meine Figuren schon tot
und ich sehe nur den Staub.

Und.
Ich ersehne.
Dich. Und.
Dein Wort.

(das weiß nur ich)

© Amy Herzog

Furcht bleibt

tränen verschweißen meine augen
starre in verschwommenes
schreibe in fingerspuren auf sandpapier
glattgeschmirgeltes gedankengut
albträume räumen die nacht
und lassen die leiche spurlos verschwinden
ich denke an nichts, nichts, nichts..
aber wenn ich wieder klar sehe
atme ich tiefblutentkleidete furcht
in deine kalte richtung

(furcht sitzt da, wo das herz verblutete)
- der platz war noch warm

© Amy Herzog

Handwerkskunst

Handwerkskunst
nicht die Fassung zu verlieren
hübsch der Stuck
am Ende
wie eine zauberhafte Lüge
ist mein Hirn verziert
nähe mir etwas Spitze an die Zunge
damit Worte nicht fallen
wie die Asche meiner Zigarette
bestaune eine Weile
mein Kunstwerk
schweige und zünde es an
mit meinem letzten Streichholz
verliere ich wohlerzogen
meinen Verstand

© Amy Herzog

ich bin nicht mehr

Stehe unter Scheinwerfern
auf einer Bühne
so gigantisch
dass mich niemand sehen kann
ohrenbetäubende Schreie
übertönen meine greifende Hand
die Seelenstücke
ziehen gebrochen an Gondeln vorbei
ins Schlachthaus

Dieser tief verankerte
täglich neue Wurzeln schlagende
mit Spinnweben fixierte
Harz tropfende
im Mondlicht schimmernde
stumm vibrierende
zerfressende
alles umgebende

In der Kälte
tropft es im Rhythmus
meines verschollenen Herzens
auf nassen Beton
aber ich bin nicht mehr
nicht mal mehr Geschichte

© Amy Herzog

Autismus Erfahrung: Hochbegabung

Der Beitrag ist etwas emotional- persönlich geworden, daher Passwortgeschützt. Zum lesen einfach kurz anfragen.

Dazu irgendwie passend ein Zitat von Schopenhauer:

„Zwischen dem Genie und dem Wahnsinn ist die Ähnlichkeit, dass sie in einer anderen Welt leben als der für alle vorhandenen.“

Das beschreibt so schön mein Inneres. 1% vom einen, 99% vom anderen. Ich weiß nicht, was was ist, aber das macht es interessant.

Schaumbad

Meine Bleiatmung zeichnet Schatten
in bodenlose Schlaglöcher
schnappt an scharfen Kanten
nach Zärtlichkeit
blutet aus meinen Fingern
doch nur die Last aus meinem Herzen

unter Verschluss
den Schlüssel in die Flut

hinter den Fenstern meiner Seele
bleibt es schwarz
es duftet nach unberührtem Schnee
nach Ruhe und Sicherheit
wie Illusion nach rosa Zuckerwatte
vom Valentinstagsrummelplatz schmeckt

Hitze steigt aus meinem Aderlass
in prickelnden Regenbogenblubberblasen
und ein Platz ist noch frei
steig dazu, solange mein Bad noch warm ist
und der Schaum mein Wort bedeckt
bis ich in der fernen Endlichkeit koaguliere

© Amy Herzog

Beerdigung

sehnsucht liebt leben 
leben stirbt
und ich spiele auf der beerdigung 
die hauptrolle 
dabei kannte ich leben nicht 
die sehnsucht legt sich in hoffnungslose arme 
und weint bitterlich 
mir hingegen wird einfach nur kalt 

© Amy Herzog

Nachtisch

Die Zukunft liegt in verstaubten Urnen
mein Mittelfinger wiegt den Ringfinger in den Schlaf
und gewinnt das Spiel
ich kleide mich in Diamant
und werfe mein Ende in dein Augenglas
das sterbende Lächeln
wird in einer dunklen Ecke ein letztes mal Liebkost
zum Nachtisch gibt es exquisite Tränen
aus Herzblut und Rizin
und heute Nacht verstopfen wir die Rohre
mit der gottverdammten Liebe

© Amy Herzog

Singultus

Wenn Singultus klopft
denkt jemand an mich und küsst…
aber lassen wir das
die eingeflößten Tumore
füttern mein Gelüst
und es hebt und bebt
meine Zunge, meine Brust
ein wenig Trug
ein wenig Schluss
dacht‘ ich lerne das laufen
und spüre
dass ich kriechen muss

© Amy Herzog

Autismus Erfahrung: erwünschte (affektive) Berührungen

Sowohl die funktionale (sozusagen eine notwendige) Berührung, als auch die affektive (eine emotionale) Berührung, werden im Allgemeinen als unangenehm empfunden. Jede Berührung bedeutet Stress aufgrund des Reizes und dem Problem der Reizfilterschwäche im autistischen Gehirn. In diesem Beitrag soll es vordergründig um die affektive Berührung gehen (aus meiner Erfahrung). Denn diese bringt nicht nur den Reiz der Berührung an sich mit, sondern auch die Emotionen einer oder mehrerer anderer Personen, zzgl. den eigenen.

Für mich sind diese Berührungen oft nur schwer zu ertragen. Sie lösen sowohl seelischen, als auch physischen Schmerz aus. Als Kind habe ich lange geschrien, mich versteckt oder bin ausgewichen. Aber als (unbekannt) autistisches Mädchen lernt man von seiner gesamten Umgebung, dass man nicht normal ist. Dies brachte mich weiter dazu, dass ich als Heranwachsende/junge Erwachsene auf (rückblickend betrachtet) sehr brutale Weise versucht habe, „normal“ zu sein/zu wirken, indem ich mich zu eben solchen Berührungen zwang. Menschen berühren, Berührungen zulassen. Es geht dabei nicht um Missbrauch, sondern um durchaus erwünschte Berührungen. Wenn ich darüber nachdenke, dann vermute ich, dass ich instinktiv versucht habe, affektive Berührungen in funktionale umzuwandeln. Hat natürlich nicht geklappt. Aus dieser Zeit habe ich lediglich gelernt, dass emotionale Berührungen niemals funktional (und gefühlskalt) sein sollten. Die zwischenzeitliche Gefühlstaubheit ist mir als ein willkommener Selbstschutz jedoch geblieben.

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, als mein Partner vor über sechs Jahren das erste mal meine Hand berührt hat. Ich meine, als erste Reaktion meine Hände weggezogen zu haben (korrigiere, wenn ich mich falsch erinnere :-)). Diese gewollte Berührung zog wie Stromschläge durch meinen gesamten Körper, ich zuckte innerlich (und vielleicht auch äußerlich) regelrecht zusammen. Es ist wie das schönste und schrecklichste Gefühl zugleich. Als wäre mein Körper in einen Nadelhaufen geworfen worden. Natürlich mochte ich ihn zu diesem Zeitpunkt bereits sehr. Zum Glück war er stets sehr Verständnisvoll und zeigte nötigen Respekt vor meinen Grenzen. Und vor allem Geduld. Bei unserem ersten Treffen, welches freundschaftlicher Natur war (obwohl ich ihn auch da schon mehr mochte), hatte ich kaum geredet. Er hat viel geredet, ich weiß jedoch nicht mehr worüber, denn ich war sehr mit meinen inneren Reizen überfordert. Nun, inzwischen bin ich ihm gegenüber überaus kommunikativ. 🙂 Und auch an seine Berührungen habe ich mich gewöhnt.

Trotzdem sind diese mit großem Stress verbunden. Und man kann es sich tatsächlich so vorstellen, dass er mich vor den meisten emotionalen Berührungen fragt, ob ich diese zulassen möchte und hört auf, wenn ich diese nicht mehr ertrage. (Hab halt echt den besten Mann der Welt, um mal eben anzugeben!)

Affektive Berührungen sind Teil der nonverbalen Kommunikation. Diese ist ohnehin für mich schwierig zu deuten. Und wenn dann auch noch die Berührung eines Menschen nicht zu seinen Emotionen passt, bin ich zusätzlich sehr verwirrt. Ja, so etwas kommt vor. Es gibt zum Beispiel Menschen, die Emotionen vortäuschen, um an ihre Ziele – in dem Fall emotionale Berührungen – zu kommen. Das kenne ich aus meiner Vergangenheit.

Unterm Strich kann man sagen, je emotionaler eine Berührung ist, desto intensiver nehme ich sie wahr/empfinde ich sie. Diese muss zusätzlich auf Ehrlichkeit/Vertrauen und sehr offener/direkter (verbaler) Kommunikation aufbauen.

Kommt es nun zu solch einer Berührung (in Form von Hände halten, einem Kuss oder einer Umarmung – darüber hinaus lasse ich hier außen vor), die von mir erwünscht ist, ist diese dennoch so extrem intensiv, dass ich sie nicht lange ertrage, Pausen brauche oder manchmal auch einfach den damit einhergehenden Schmerz genieße. Es hängt stark davon ab, wie vielen (und wie intensiven) Reizen ich davor bereits ausgesetzt war. An gewöhnlichen Tagen dauert so eine Berührung aber selten länger als wenige Sekunden.

Das genaue Gefühl ist sehr schwer zu beschreiben, da ich selbstverständlich keinen Vergleich zum nicht-autistischen Empfinden habe. Und nur aus Büchern kann man eben nicht alles lernen.

Darüber hinaus kommt es darauf an, wie diese Berührungen ausgeführt werden. Und auch meine Berührungen (die Intensität) sind manchmal nur schwer steuerbar. Man kann es sowohl scherzhaft verstehen, als aus ernst nehmen, dass ich andere Menschen schon aussehen lassen habe, als hätten sie mit einem riesigen Waschbär gekämpft. Liebe mit Gefühl, um es liebevoll wirken zu lassen. Besser ertragen kann ich sehr intensive/feste Berührungen. Sanft/zart triggert mich hingegen so sehr, dass ich umgehend zurückschrecke. Ich empfinde diese ohne Ausnahme als extrem unangenehm. Ich Vermute, dass dieses mit dem vegetativen Nervensystem zusammenhängt. Sehr festes umfassen des Körpers beruhigt dieses. (Zum Beispiel bei Angstzuständen). Ich habe natürlich keine Angst vor Berührung, dennoch durchlebt mein Körper diesen extremen Stresslevel. Wenn der Körper sehr fest umschlossen wird, beruhigt es also gleichzeitig auch. Ich nehme an, dass ich es deshalb allgemein als angenehmer empfinde.

Abschließend sei gesagt, dass das Ganze in jeder Minute und in jeder Situation sehr individuell zu betrachten ist. Eine vertrauensvolle, kommunikative Beziehung ist für mich (inzwischen) daher unabdingbar, um überhaupt emotionale Berührungen zulassen zu können. Ich verlasse mich auf die Reaktionen meines Körpers und akzeptiere diese und meine Grenzen. Das war ein langer Weg bis dahin, die „Reflexe“ nicht zu unterdrücken und (erwünschte) Berührungen nicht einfach geschehen zu lassen, aber er war etwas lehrreich.

Autismus Erfahrung: kleiner Ausflug zur Kommunikation

Eigentlich schreibe ich gerade an einem ganz anderen Thema, dieses Gedicht inspirierte mich jedoch zu einem kurzen Ausflug zum Thema Kommunikation.

Dazwischen...

Ich lese Wörter und verstehe, 
was ungesagt dazwischen steht, 
das was gemeint, nicht angesprochen, 
doch unverkennbar eingenäht.

Es ist mitunter klar ersichtlich, 
das andere dann wohl verdeckt, 
in der Metapher liegt die Wahrheit, 
egal wie gut sie sich versteckt.

Ich liebe Worte wie die Sprache, 
zum einen blumig, manchmal platt, 
die Höhen, Tiefen eines Ausdrucks, 
sie schauen wohl auf Dich herab...

© Maccabros 02./03.08.2022

Das ist so ziemlich die Antwort auf die Frage: Was ist das Problem (in der Kommunikation) zwischen Autist:innen und nicht-Autist:innen. Die Kommunikation von Autist:innen kann verbal und nonverbal sein, aber sie ist gewiss immer direkt. Wie immer bestätigen Ausnahmen die Regel, ich bin jedoch keine Ausnahme.

Die Frage, die ich mir grundsätzlich stelle ist, ergibt es Sinn, was ich sage, oder dass ich etwas sage? Bringt es mir oder der anderen Person einen Nutzen? Oder ist es Zeitverschwendung? Ich hasse Zeitverschwendung. Womöglich schadet es mir, etwas zu sagen? Wie/Was ist der langfristige Sinn?

Wenn ich also meine Frage mit einem begründeten ‚ja‘ beantworten kann, dann sage ich direkt, was ich sagen möchte. (Ich habe zwar auch Schwierigkeiten, richtige Worte zu finden und verliere mich daher oftmals in Erklärungen, dennoch meine ich das was ich sage.) Da steht nichts zwischen den Zeilen. Es gibt keinen Grund etwas anderes hineinzuinterpretieren. Auch dann nicht, wenn ich schweige. Denn wenn ich schweige, dann nur, weil ich diese Frage mit ’nein‘ beantwortet habe (Das kommt bei mir eher selten vor, meistens beschäftigen mich keine sinnlosen Gedanken). Sinn ergibt dann nur noch das, was ich eigentlich hätte sagen wollen, abzuhaken. Und ich verschwende keinen weiteren Gedanken daran.

Wenn ich etwas nicht sagen möchte, sage ich aber immerhin, dass ich etwas nicht sagen möchte.

Denn einen Sinn ergibt es ja bereits, wenn es mich, mein Empfinden oder was auch immer, erleichtert. Wenn ich jedoch dahingehend kein Bedürfnis habe, ist selbst der kleinste Sinn hinfällig. Mein Schweigen bedeutet also nichts. Man könnte auch sagen, dass mir Betreffendes egal ist.

Es steht nichts ungesagt dazwischen, es ist nur das gemeint, was gesagt wird/wurde. Nichts verdecktes. Keine Metaphern.

Niemand hat einen Nutzen davon, wenn Kommunikation schweigend oder durch eine Blume stattfindet.

Selbst wenn das ein oder andere Gesagte einen selbst, oder andere verletzt.

Ich bin jedoch bemüht, sensible Themen möglichst emphatisch zu besprechen. Mich jedoch in Euphemismen zu verlieren, habe ich nahezu komplett abgelegt. Eine Weile lang habe ich mich damit sehr intensiv beschäftigt. Bringt aber nichts.

Mir ist klar, dass nicht-Autisten sehr häufig so kommunizieren, wie im Gedicht beschrieben. Äußerst anstrengend. Ich tue mir selbst den Gefallen und verstehe ausschließlich das, was gesagt wurde. Ich lege zunächst meist nur wenig Bedeutung in die Worte und warte ab, ob sie der Wahrheit entsprechen (das offenbart sich meistens recht schnell). Und Schweigen hat für mich gar keine Bedeutung. Unterm Strich liegt in der Kommunikation viel Unwahrheit und viel Nichts. Es bleibt oft nervtötend und anstrengend.

Mein Sand

Goldgelb, sprühend, sanft
ausharren in deiner feinstaubig
fahl und stiller Dürre
trocknen wehende Dünen Tränen
grämen sich nicht vor
lauter in der Ferne regnenden
sich abkühlenden Pfützen
die mich wie Fata Morgana locken
nein, stur harre ich aus
meine Tränen sind trocken
und ich begehre dich, mein Sand
streichelst meine Wangen
so wie mit deinem warmen Kuss
dem unendlich weiten Nichts
auch die Zeit verschwand

© Amy Herzog

dichterseele

es ist schon sehr toll
eine unbekannte, anonyme
ja, so gestehe ich mir ein
auch irrelevante
unsichtbare, namenlose
unterbezahlte
(ah, moment mal…)
gar nicht bezahlte
geschundene, alte, kranke
abschreckende
in sich aufblühende, träumende
dann wieder dahinsickernde, aufschlagende
weinende, ertrinkende, schweigende
aus leibeskräften schreiende
unverständlich bleibend schreibende
aus tiefstem herzen leidende
fühlende, sehnende
immerzu liebende
dichterseele zu sein

© Amy Herzog

(k)lippe

hab mir die lippen blutig gebissen
und hab’s nicht mal gemerkt
stoß mich runter, liebster
na los, festfest, mit einem ruck
ich verspreche, ich schaue nicht zurück
und bitte versprich du es mir auch
mit letztem kuss von der klippe
dann ist es vorbei, endlich

vorbeivorbeivorbei

ich bin zu feige
du nur eine konsequenz

© Amy Herzog

Wünsche

ich sage, dass ich mir die sonne
wünsche
doch sie brennt
wie eine lüge auf meiner haut

die wahrheit ist
ich ersehne den regenfall
stark, fegend, den sturm
wie hinter dem rauschen und pfeifen
leise tropfen auf fensterbänken tanzen
leere straßen, freiheit atmen

ich will triefende haare
nasse wangen
blaue lippen
geschlossene augen
kreuzende hände
suchende perlen finden
die sich ineinander winden

kalte kleidung, warme körper
rennen, schutz suchend
sich selbst im einander findend finden
lachen, blicke, abschweifen
wortlos enden
lieben
schlafen
trocknen

© Amy Herzog

Autismus Erfahrung: Schmerz (-Wahrnehmung)

Obwohl die Wahrnehmung in nahezu allen Bereichen erhöht ist (Stichpunkt: Reizfilterschwäche), ist die eigene Körperwahrnehmung oft gestört. So auch meine. Die Selbsteinschätzung ist da sehr schlecht. Ich bin da vergleichbar mit einer Katze: Schmerzen/Unwohlsein sind für die Besitzer oft erst dann erkennbar, wenn es der Katze extrem schlecht geht und selbst dann zeigen sich manchmal nur kleinste Verhaltensauffälligkeiten. So ist das bei mir. Wenn ich sage, dass es mir nicht gut geht, bin ich im Grunde schon scheintot. Bis dahin ist es eine Mischung aus nicht wahrnehmen, nicht zuordnen können, nicht wahrhaben wollen/ignorieren.

Ich versuche mich an sichtbaren/spürbaren zu orientieren. Abtasten, Vitalwerte, Hautveränderungen in Form von Rötung, Schwellung, etc, Veränderung bzgl. Ausscheidungen. Damit ich bei einem Arztbesuch mehr sagen kann als „durch den Körper wanderndes Unwohlsein mit Druckgefühlen, die auch Schmerz sein könnten“. Zumal ich Schmerz erst dann wahrnehme, wenn ich ihn quasi sehen kann.

Bei Autist:innen ist das sehr unterschiedlich. Manche sind sehr Schmerzempfindlich, andere reagieren kaum bis gar nicht auf Schmerzreize. Es gibt auch Autist:innen, die sogar beim Haareschneiden Schmerzen empfinden, obwohl das eigentlich aufgrund von nicht vorhandenen Schmerzrezeptoren nicht möglich ist. Trotzdem ist Schmerz generell ernstzunehmen! Ebenfalls braucht es einen sehr kompetenten Arzt, denn Symptome müssen oft explizit erfragt werden. In meinem Fall ist das nicht so. Ich bemühe mich, mit einem perfekt vorbereitetem Vortrag dort zu erscheinen. Ich bin eben sehr gern vorbereitet.

Abseits von diesem Thema hatte ich daher, so denke ich, auch den Ruf einer „Mutti“ in meiner ehemaligen Klasse an der Pflegeschule. Was immer jemand brauchte, es war in meiner Tasche. Und wenn es nicht da war, konnte ich es sehr schnell auftreiben. Es passiert also selten, dass ich in so spontane Situationen gerate/mich begebe, dass ich nicht für alle Eventualitäten gewappnet wäre.

Nun, so auch beim Arzt. Witzigerweise kommt da auch immer mein Bestreben auf, bei Prüfungen eine 1 zu erzielen. Ich versuche also so gesund wie möglich aufzutreten. Mein Arzt weiß das zum Glück und kann mich inzwischen sehr gut einschätzen. Mich, die Katze. 😉 Mein Benotungssystem ist halt etwas anders. Ne 1 ist okay, ne 2 ist ne 4 und ab einer 3 sind es nur noch 6en. Ich habe in der Pflegeschule ein mal ne 3 auf einer Klausur gehabt, das Thema war mir Latte, die Klausur auch, das Thema weiß ich aber noch und inzwischen würde es eine 1 geben. War mit mir selbst beschäftigt. Als mir die Dozentin diese aber mit den Worten „sehr gute Leistung“ wiedergegeben hatte, wollte ich ihr gern die Augen auskratzen. 😉 Zum Glück war das die einzige 3. (Wenn man mündlich benotete Gruppengespräche nicht mitzählt..)

Ich finde das deshalb so interessant, weil die Wahrnehmung durch äußere Reize so hoch ist, dass ich diese meist kaum ertrage und selbst gewollte Reize nur funktionieren, wenn ich meine natürliche Reaktion unterdrücke. (Vergleichbar (nicht gleichzusetzen!) mit dem unterdrücken von Tics bei Tourette, unfassbar anstrengend, auszehrend und ja, auch in gewisser Weise schmerzhaft). Bei diesem inneren Schmerz-Reiz diese Wahrnehmung aber auf ganzer Linie versagt. Wobei es mir bei bekannten Schmerzen deutlich leichter fällt, diese genau zu benennen. Klassisch zum Beispiel Unterleibschmerzen. Aber selbst da müssen die Schmerzen schon sehr stark sein, bevor ich diese kundtue.

Das könnte aber auch an meinem Partner liegen, welcher sich dann um mich „kümmern“ will. Nun, ich betüddel gern, aber ich werde nicht gern umsorgt. Mir reicht es, in mein Loch zu krabbeln und vor mich hin zu leiden. Und da mein Kreislauf schon eine ganze Weile nicht mehr so ganz da ist, werde ich das nun auch tun. Auf diesen Beitrag hatte ich dennoch Lust, oder einfach nur den Drang etwas zu schreiben.

Meine Haut

Meine blasse Haut schmeckt
nach Tränen einer sehnenden Jungfrau
zaghaft, leicht, stark, schwach leckt
jede feine Pore eine Sinnlichkeit
die sich in meinen zerbrechlichen
Augengläsern paralysiert

Meine blasse Haut erzählt
eine lange Geschichte
die niemand je zu lesen wagt
wie ein Geist der Verderbnis, des Endens
gelegentlich an meinen Ohren nagt
und die Leidenschaft weckt

Meine blasse Haut ruft
wie geschlüpfte Spatzen aus ihrem Nest
ich aber bin ihm entfallen
schutzlos und einsam in eurer lauten Welt
und halte mich am Hunger fest

© Amy Herzog

Dylan Thomas – Ich träumte meine Genesis

Zugegeben, hier wird wohl kaum jemand sein, der seine Werke im originalen oder mindestens in beliebiger Übersetzung nicht kennt, trotzdem wollte ich dies mal teilen. Dieses Buch wird nächstes Jahr vierzig Jahre alt, natürlich ist es nicht das älteste, das ich besitze, aber eines, in das ich immer mal wieder reinlese, obwohl ich es auswendig kenne. Dieses Buch erschien zum 30. Todestag. Ich bin jedes mal ein wenig traurig darüber, dass ich zu spät geboren wurde.

Ich bin da unfassbar wählerisch, wenn es hochkommt, kann ich höchstens eine Top 10 Liste erstellen, mit Lyriker:innen, die mich wirklich berühren und zum Teil auch inspirieren oder beeinflussen. Von einflussreich und extrem bekannt, bis hin zu kaum jemand kennt diese Genialität.

Nun, dieses Buch fand ich vor einigen Jahren in einem sehr staubigen, sehr kleinen und sehr vollgestopften Buchladen, in dem eine Frau gebrauchte Bücher verkaufte. Unscheinbar stand es in den oberen Reihen. Am liebsten mochte ich den Geruch in diesem Buchladen, eben nach alten Büchern. Für den Rest lasse ich Fotos sprechen:

Wichtiges.

Eine Sache habe ich dir nie gesagt. Eine kleine, unscheinbare, aber unglaublich wichtige.

Möglicherweise dachte ich, es wäre selbstverständlich, vielleicht sogar, dass du es spürst, dass du meinem schweigen glaubst. Vielleicht sollte es mir aber auch nur eine Lehre sein. Ja, in gewisser Weise war es lehrreich. Diese wichtigen Dinge, wovon keine mehr so wichtig gewesen ist, wie diese eine Sache, die für dich wichtig gewesen wäre, sage ich nun, wenn auch nur sehr ungern und zögerlich. Ich hasse es regelrecht. Und tue es trotzdem.

Aber diese eine Sache, deine Sache, ich habe sie nicht nur akzeptiert, sondern auch sehr geschätzt. Das was du so sehr an dir verachtet hast, was dich in unbeobachteten Momenten vor deinem Spiegelbild angewidert hat. Diese eine Sache hat dazu beigetragen, dass du mich wirklich gesehen hast. Und selbst wenn ich nun diese wichtigen Dinge sage, wird mich niemand jemals so sehen können, wie du mich gesehen hast.

Ich bereue nicht, ich bedaure. Sehr.

Blutende Finger

Wann immer meine Finger bluten
mein Liebster, lege ich sanft
jedes totgefahrene Wort in dein
leergetrunkenes kaltzerkratztes Gefäß
schwerwiegendvolltrunken

Badend lege ich die Kleider nieder
und mein Herz knistert dich gleichmäßig
tief in meinen dunkelsten Traum
aus Wahrheit, Lügen, Lachen, Gold und Rot

Und wann immer ich meine kleine Welt
so achtlos und naiv in deine lege
bist du mir Atlas, stark
vom Sonnenschein geblendet
und von meiner Sehnsucht betrogen

Dann mein Liebster, dann
beginnen wahrhaftig
meine Finger für dich zu bluten

© Amy Herzog

Autismus Erfahrung: Skurrile Spezialinteressen

Ja, solche gibt es auch. Häufig werden sie nicht als solche erkannt, weil es ebenso eine Vorliebe sein kann. Bei Autist:innen kann das jedoch reichlich ausufern. Natürlich gibt es auch nicht-autistische Menschen mit Sammelleidenschaft. 🙂

Zum Beispiel eine Farbe. Jeder hat wohl so seine Lieblingsfarben. Sollte es sich aber um ein Spezialinteresse handeln, trägt nahezu alles diese Farbe. Dinge werden gekauft, weil sie in dieser Farbe sind. Die Wohnung, die Kleidung, selbst die Haare werden in diese eine Farbe getaucht. Vom Duschgel, über den Toaster, bis hin zur Bettwäsche und über den Löffel. Alles muss diese Farbe beinhalten.

Auch das Sammeln von Dingen, ob nun Figuren, Streichholzschachteln oder Nagellacke. Man kann schließlich alles sammeln, nicht nur sinnvolles/lehrreiches.

Bei mir waren es schon einige Dinge im Laufe meines Lebens. Zuletzt habe ich mich von meiner Glubschiesammlung getrennt. Sehr schweren Herzens, denn sie mussten, bis auf wenige Ausnahmen, allesamt im Bett aufgereiht sein. Nun, ich habe nen Partner. Es wär wohl komisch gewesen, den Kerl zu entfernen, um die Glubschiesammlung zu erweitern. Ich habe also einen auf erwachsen gemacht und die Tierchen verkauft. Das Blut aus meinem Herzen fließt noch immer. Aber, wie das so ist, es gibt sinnvolleres.

Meine Eulen sind aber noch in jeder Ecke meiner Wohnung aufzufinden, in allen möglichen Formen und Farben. Eigentlich müsste ich mal alle zusammensuchen, aufreihen und fotografieren. Vielleicht mache ich das mal nachträglich. Bin jedoch ganz glücklich, wenn sie an ihren Plätzen bleiben. Ich kaufe zwar nur noch selten neue, aber trennen kann ich mich auch nicht.

Ich liebe darüber hinaus Übertöpfe. Solche, die nicht aussehen wie alle anderen. Und statt Blumen freue ich mich riesig über einen weiteren Kaktus. Aber auch diese Sammlung ist überschaubar, weil es mir eben gefallen muss. Meistens bekomme ich diese Dinge geschenkt.

Eine Sache wäre da noch…Die ist offengestanden schon etwas peinlich. Trotzdem teile ich sie mal, eigentlich wollte ich das nicht. Nun, ich habe ein Stofftier. Eine Ente. Sie ist nicht nur ein Mittel der Kommunikation für mich, ich würde sie auch als Spezialinteresse bezeichnen. Dieses Tier hat inzwischen eine komplett eigene und extrem detaillierte Persönlichkeit und auch eine eigene Stimme. Selbstverständlich verstelle ich meine Stimme. Manchmal habe ich die Sorge, dass meine Stimme einfach so bleibt, so quietschig. Niemand würde mich noch ernst nehmen, so auf Helium. Für meine Arbeit ist sie allerdings praktisch. Wenn ein/e Bew. schlechte Laune hat, kann ich mit dieser Stimme die Stimmung direkt erhellen. 🙂

So etwas kommt bei Autist:innen häufiger vor, bzw. ist es mir schon häufig begegnet. Ja, es haben sich schon lange Gespräche ergeben, die die Stofftiere geführt haben.

Nun, da kann man jetzt denken, was man will. Garantiert bin ich aber irrer, als man es sich vorstellen kann. Dafür kann ich bei ner Wassermelone anklopfen, um den Reifegrad zu prüfen. Ha!

Nun, ich sammle auch noch andere (theoretisch sinnlose) Dinge, aber nicht viele und auch nicht allzu ausufernd. Ich bin wählerisch. 🙂

  • Als nächsten Beitrag würde ich gerne etwas über die Synästhesie (Link führt zum Wiki-Eintrag) schreiben. Ein paar wenige zusammengefasste Fakten, wie ich das gemerkt habe und was genau ich damit so machen kann (ich bin Synästhetikerin). Hat nichts mit Autismus zu tun, ist eher ein sinnloses Talent, trotzdem irgendwie spaßig. Dazu gerne mal eure (vor)Namen oder die Namen eurer Freunde etc. in die Kommentare schreiben. 🙂 Oder Lieblingsworte (Sprache egal), Zahlen (z.B. Geburtsdaten oder so) oder ein bestimmtes Lied. Das wäre ein wenig persönlicher. 🙂

Dings. Brief.

Ein kurzer Text
Eine klare Aussage
Nichts zwischen den Zeilen
Alles schwarz auf weiß
Ein Gefühl
Oder mehrere
Definiert
Elf Zeilen 
Auf Schriftgröße zwölf
In der zehnten Zeile steht etwas
Also etwas bestimmtes
Na ja etwas
Dings
Ich lösche sie wieder
Alle Zeilen
Das Gefühl bleibt 
Dieses
Ding

elendsehnender traum

bitte weck mich auf
aus diesem elendsehnenden traum
droge paralysiert
herz krepiert
und ich bin laufend high
die gesittete welt lacht mich aus
wie roter lippenstift an deinen rippen nagt
aus mir krächzt nur der leise leidende hurenschrei

dem äther regnet’s glut
brennt aus deinen totgesandten klauen
auf blanker haut
und könnt ich kleine liebe draus erbauen
so weck mich endlich auf
aus diesem elendsehnenden traum

© Amy Herzog

ein letztes lied

melancholisch
heiser singende stimme
wiegt heut schwerer
kratzt aus letztem loch
geschlossene augen
singen lauter
vielleicht in deine wohung
nur wie lange noch
singe ich
ein ganzes lied bloß
erlaube ich mir
danach trinke ich selbst
die stimme klar
und glaube mir das letzte
nein, das so schwer
wie tiefreißend in mir war

© Amy Herzog

Ein Gedanke

Mir kam gerade ein Gedanke.

Manchmal fragt man sich, ob man von einer Person vermisst wird, die man selbst vermisst. Und dann antwortet man sich selbst mit „ne, dann würde sie mir das sagen“.

Was ist denn, wenn die andere Person genau das selbe denkt?

Ich hoffe, dass das nicht so oft vorkommt.

Musik: Welle:Erdball – Ich bin nicht von dieser Welt

Fühle den Text schon immer. Am Ende des Tages habe ich das meiste (zwischenmenschliche) nicht verstanden, kann aber glaube ich gut so tun als ob. So vieles ergibt keinen Sinn. Oder mir fehlt ein Sinn, wo keiner ist. Vielleicht ist es so simpel, einfach gestrickt.

Ein kleiner Teil in mir wartet halt echt darauf, abgeholt zu werden, der Großteil ist realistisch.

unerschütterlich

im klaren Lichtmond
rinnt allgemach meine Luft
durch brüchiges Lungengeäst

und wie bloßfüßig sie deinethalben
in vergessenen Scherben versinkt
so glimmrig das müde Auge
unerschütterlich in deinem
dunklen Schatten ertrinkt

nur meine Sehnsucht schreibt
Sterne an dein Firmament

© Amy Herzog

Autismus Erfahrung: 5 Dinge, die andere in den Wahnsinn treiben

Dazu habe ich meine Mutter gefragt. Ihre erste Reaktion war „wo soll ich da anfangen“…na das fängt ja gut an. 😉 Sie hat auf jeden Fall sehr viel gesagt, aber auch, dass sie mich lieb hat. 😀 Fünf Dinge habe ich herausgepickt.

  • ich muss immer etwas in der Hand haben, gestalten, fummeln, schnippeln, werkeln, etc.
  • ich lasse Menschen selten zu Wort kommen, aussprechen und schalte auf Durchzug, wenn mich etwas nicht interessiert.
  • ich bin offenbar sehr dominant. Dinge laufen so, wie ich das will, oder gar nicht. Nach meinem System, meiner Logik, daran ist kaum zu rütteln. (ich finde ja, dass ich sehr kompromissbereit sein kann und dominant bin ich eigentlich auch nicht)
  • wenn ich etwas suche, möchte, brauche, oder etwas für mich falsch ist, dann gebe ich keine Ruhe, bis es richtig ist. (In dem Zusammenhang: meine Hausschuhe mussten vor einigen Wochen im Müll landen, die Selben gibt es nicht mehr zu kaufen. Daher habe ich nun keine und es frisst mein Hirn jeden Tag.)
  • ich bin oft unpünktlich, wenn es kein wichtiger Termin ist. Das liegt ganz einfach daran, dass ein bisschen AD(H)S kickt, mich lenken viele spaßigere Dinge ab und wenn ich keine Deadline habe, dann achte ich nicht auf die Uhrzeit. Ich weiß nie wie spät es ist, welches Datum wir haben oder den Wochentag. Meine Routinen sind an keine feste Uhrzeit gebunden, mehr an Situationen, ungefähre Tageszeiten und die Routinen sind in sich fest.

Aber ja, sie hat mich wohl lieb. Immerhin durfte ich als Kind die Wände bemalen, was wohl auch nicht üblich ist.

Autismus Erfahrung: Rückzug, Shutdown und die Einsamkeit darin.

Eigentlich hatte ich meinen PC bereits heruntergefahren, mich ins Bett gelegt und die Wolken angestarrt, die heute Nachmittag schöner waren. Meine Gedanken sind nahezu leer und ich halte mich an Dinge, die logisch sind, die ich gern mag. Aktuell recherchiere ich wieder viel im Bereich der Kardiologie, man will ja auf dem aktuellen Stand sein. Oder ich möchte das zumindest. Neben der Geschichte, der Chirurgie, der Anatomie, der Physiologie und der Pathologie interessiert mich auch die Forschung. Aber das tut im Grunde gerade nichts zur Sache.

Ich lag also schon (und wieder) im Bett und dachte darüber nach, ob ich mich eventuell im Shutdown bzw. Overload befinde. Aber an und für sich bin ich relativ entspannt. Ich glaube, dass es mehr so ein „danach“ ist, nur ohne Meltdown, was ja durchaus vorkommt. (Es fühlt sich intensiver an, langanhaltender ist es auch!) Im Moment kann ich den Grund aber ziemlich genau benennen, bzw. mein Innenleben beschreiben. Nicht gut, nicht detailliert, aber im Groben. Und auch die Auswirkungen. Ich dachte, das halte ich einfach mal schriftlich fest.

Körperliche Symptome sind übrigens Müdigkeit, Sodbrennen (das habe ich relativ häufig, auch wenn ich „unbemerkt“ unter großem Stress stehe) und leichte Kopfschmerzen.

Ich fühle mich im Moment sehr Gefühlskalt. Gespräche, Berührungen oder Gesellschaft fallen mir gerade ganz besonders schwer, auch mit meinen nächsten Bezugspersonen. Ich kann darüber ein wenig sprechen mit anderen Autist:innen, aber auch das ist schwierig. Jedoch stoße ich da auf Verständnis (und ein nachempfinden können!).

Meine Gefühle folgen keiner Logik, nichts davon kann ich kategorisieren. Wenn ich es beschreibe, dann fühlt es sich von der Menge her an, wie alle Pi-Nachkommastellen. Und jede einzelne davon trägt noch mal so viele Fragen mit sich herum. Keine davon kann ich klar erfassen. Mein System ist heruntergefahren und läuft auf Notstrom. Alles ist auf ein Minimum reduziert, abgesehen von meinen Interessen. Ich kann dann sehr abweisend sein, bemühe mich jedoch, das nicht so zu zeigen. Das ist unfassbar anstrengend (Gruß an mein Sodbrennen).

Ich bin wohl daran gewöhnt, mich in meiner Welt irgendwie einsam zu fühlen, aber im Moment ist es ganz besonders schlimm. Gegen so etwas hilft keine Umarmung (ganz im Gegenteil) und von den meisten Menschen auch kein lieb gemeintes Wort. Von den zwei, drei Autist:innen, mit denen ich sehr engen Kontakt pflege, da helfen die ein oder anderen Worte. Sie wissen was zu tun ist, wir unterstützen uns gegenseitig, wenn unser System nicht mehr funktioniert, damit notwendiges (essen und so) erledigt wird.

Es tut etwas weh, noch weniger zugänglich zu sein, als üblich. Sagen (verbal äußern) kann ich das in diesem Moment nicht. Die meiste Zeit fühle ich so unzählig, dass es kalt wird. Aber ich kann es gerade schreiben.

Nachtrag: die Wolken finde ich wieder schöner.

ungesagtes

das ungesagte
schwillt rasend an, gärt
dringt nicht durch meine kehle
und trägt ein gewicht
aus tausenden regenwolken
– es trinkt und nährt
sich selbst

© Amy Herzog

Davongleiten

Ab und zu stellt sie sich kurz neben sich hin und schaut freudestrahlend, tiefenentspannt und manchmal sogar ein wenig stolz dabei zu, wie sie tiefer und tiefer sinkt und nicht mal versucht, sich irgendwo festzuhalten. Nicht, weil es ihr zu anstrengend wäre, auch nicht, weil sie es nicht wollen würde, im Gegenteil. Sie will sich festhalten, sie will nicht ertrinken. Aber es tut ihr gut. Du tust ihr gut. Nein, natürlich tust du ihr nicht gut, ein kleiner Teil in ihr weiß das auch. Ihr angehäuftes Wissen ist nutzlos. Du verdrängst es. Sie schaut auf die Uhr, wieder und wieder. Jede vergangene Sekunde ist ein Schritt näher zu dir, tiefer in deine Welt. Es ist ihr gleichgültig. Du nimmst sie vollständig in Beschlag. Umarmst sie mit deinem Körper, der so kalt ist, dass er sich warm anfühlt. Und es tut gut. Sie hält sich fest. An dir. An dir… Hoffnungsvoll sagt sie dir jeden Morgen, dass du nicht mehr lange bei ihr bleiben würdest. Sag du ihr, ob es wahr ist.

Schnibbeln (Drabble-Dienstag)

Ich rede nicht vom Überlebensnotwendigen, sondern vom absolut vermeidbaren! Wenn die Hauptsache nicht ist, sich selbst, sondern anderen zu gefallen. Und ganz nebenbei auch auszusehen wie alle anderen. Risiken, langfristige Auswirkungen werden klein geredet, oder gar nicht erläutert! Da gibt’s ne Zettelwirtschaft, auf der steht ja alles, zum unterschreiben. Wird genau so häufig gelesen, wie beispielsweise AGB’s im Internet. Oft ist es ein sauberer Schnitt, das mag sein, aber manchmal nicht. Manchmal kämpft man danach um sein Leben. War es das Vermeidbare dann wert? Wieso ist das nicht (mehr) umstritten? Mich schockiert, was da in unserer Gesellschaft ’normal‘ geworden ist.

© Amy Herzog

Drabble Dienstag mit Lyrix. 100 Worte, vorgabe sind Sauber, Beispiel, Umstritten

Schotten Dicht!

Sinkendes Schiff – ich
habe mein Rettungsboot
an Land gelassen
und Felsen, ich schmecke Salz
in meiner Seelenwunde
Schotten Dicht!!!
geschwind
und verhülle die Wahrheit
im Schweigen

© Amy Herzog

Selbsttäuschung

Manchmal ist dein Untergang
nur ein Hintergang
ein schwerer Stein, mein Liebster
– eine kleine Flucht
die aus deinem Hinterkopf flüstert
und wenn du dich traust
dein Spiegelbild zu betrachten
wirst du darin auch
die Wahrheit über dich finden
und eine erleichternde
tiefe Umarmung

© Amy Herzog

Autismus Erfahrung: 5 Dinge, über die ich herausgefunden habe, dass sie nicht für jeden so ganz normal sind

  1. meine App-Icons nach 1. Farben, 2. alphabetisch und nach 3. Buchstabenanzahl sortieren, gar nicht so einfach, weil sich die Farben gelegentlich ändern, ich Apps hinzufüge oder lösche.
  2. Speisen vorzugsweise nach Konsistenz und Struktur, statt nach Geschmack auswählen. Ich mag weiches essen. Stückchen oder Körner mag ich gar nicht, die muss ich pürieren oder sehr gut verstecken/einweichen, wenn möglich. Meist umgehe ich solche Speisen jedoch.
  3. Alles mögliche berühren, oder eben nicht berühren, wenn ich bereits herausgefunden habe, dass es mir nicht gefällt. Ich mag am liebsten flauschiges, raues und kratziges.
  4. Mich mit „Kleinigkeiten“ gedanklich wochenlang, zum Teil jahrelang beschäftigen.
  5. In meine Interessen deutlich mehr Zeit investieren, als in Menschen. Für Menschen habe ich an guten Tagen vielleicht 10% meiner Zeit übrig.

Provokant

Normalerweise legt sie keinen Wert auf die öffentliche Zurschaustellung von körperlicher Zugewandtheit. Aber in seinem Fall macht sie gelegentlich eine Ausnahme. Selbstverständlich alles im Rahmen geltender Gesetze. So bleiben ihnen das klassische Händchen halten, ein gelegentlich gestohlener Kuss, oder eine schüchterne Umarmung. Diese Dinge sind jedoch völlig ausreichend, um sie innerlich zu belustigen. Nicht missverstehen, dabei geht es ihr nicht um ihn, sondern um alle anderen Menschen. Allem voran steht bei allen Menschen die Frage in den Augen, ob es sich bei ihm und ihr um Vater und Tochter handelt. Da kommt ihr die öffentliche Zurschaustellung gerade gelegen, um diese Frage wortlos aufzuklären.

Wenn sie ein Pärchen mittleren Alters sieht, erntet sie von der Frau böse Blicke, während sich der Mann mit großen Fragezeichen in den Augen im Geiste die Frage stellt, wie er das gemacht hat. Aber auch alleinstehende Damen schauen etwas böse, als hätte sie ihnen einen potentiellen Mann geklaut. Aber auch jüngere Exemplare der Gattung Mensch schenken ihr den ein oder anderen amüsanten Blick. So muss sie, das geht gar nicht anders, einen enorm monströsen Vaterkomplex haben, und er ist vermutlich sehr reich oder hat ein, na ja, verdammt großes Stück Holz. Das findet sie sowohl gut, als auch schlecht.

Amüsant, keine Frage, aber was soll der Geiz, fragt sie sich. Es ist alles! Denn wenn es für die Menschen alles ist, nicht zu vergessen – die schwere Krankheit und das reichhaltige Erbe, dann sind die Blicke so unbezahlbar, dass sie ihre anfänglich innere Belustigung nicht mehr im Zaum halten kann. Ja, sie provoziert allem voran wohl gern und er möglicherweise auch.

laut

wenn gedanken lauter schreien
als kratzende e-gitarren
und der puls schneller schlägt
als das prestissimo
greifen gefühle ohne rettungsboot

© Amy Herzog

über-irdisch

Wie einst tiefrot
leuchtende Lebensenergie
meine blassen Lippen benetzte
stiegen wir aus unseren schweren
nassen Körpern empor

Keine irdische Schrift könnte
wollte unsere Sprache
verstehen, beschreiben, fühlen,
niemand wird sie je begreifen
sie sind alle zu laut

Wie unsere Seelen aber fließen
wenn alles schweigt
erhöre ich in meinen Tiefen
deinen sehnenden Ruf

Und fühle ich auch nur
dein Blut in meinen kalten Venen
hält mich die Wärme fest
und ich spreche dir die Sprache
die du nur für uns erschufst

© Amy Herzog

Kaltes Herz


Suche nichts, mein Liebster
was nicht gefunden werden kann
kein Kompass ist dein
und die Sternbilder blenden
mein Herz in der Truhe
am Grund des tiefschwarzen
schimmert nur an der Oberfläche
anmutig salzigblautürkis
dein Herz aber muss schweigend still
zwischen den Welten verloren
gehen, leiden, enden
wenn’s mein erkaltetes Herz
schlagend finden will

© Amy Herzog

Kokon (drabble)

Inmitten seiner, sich behutsam um sie schmiegenden Arme, sank sie jungfräulich nieder, schaute ihn mit ihren großen erwartungsvollen hellblauen Augen an, zierte sich in nebliger Ahnungslosigkeit, wehrte sich gedanklich in aneinanderreihenden Momenten, ihrer immer schneller flach-flatternden Atmung. Mit nur einem einzigen Kuss kitzelten farbenfrohe Schmetterlinge jeden Quadratmillimeter ihrer bröckelnden Fassade, die sich unter glitzerversprühenden Flügelschlägen in glatten Marmor verwandelte. So schloss er sie noch fester in sich ein und sie fühlte sich wie in einem Kokon aus liebevoll gesponnener fliederfarbener Seide, vor Seelenschmerz beschützt, nährend, ewig während, mit zeitlos funkelnden Augenblicken in jeder Masche.

Dann erwachte sie aus ihrem Traum…

© Amy Herzog

Die einzig wahre Muse

Du aber bleibst meine einzige
– die wahre Muse
trinkend aus deinem Äther
weil dein Herz so lieblich klingt
in blutroten Küssen
und der Scherbenschnee
sanft meine Haut umschließt
wenn ich es zerbreche
dieses unerbittlich schlagende
in abertausend Enden
mir doch den Anfang schenkt
wenn der große Mond
die Erde küsst

© Amy Herzog

Musik: Zola Jesus – In your nature

Sie bleibt eine meiner Lieblingskünstlerinnen. Das erste Album gefällt mir am besten.

rhetorisch

Von Zeit zu Zeit, genau genommen mindestens einmal täglich, frage ich mich, was Menschen davon abhält, ehrlich und direkt zu sein. Ist es Angst? Angst sich oder Andere zu verletzen? Angst vor Zurückweisung, vor Ablehnung oder vor Konsequenzen? Hilft es langfristig sich selbst und/oder andere zu belügen oder Dinge zu verschweigen? Und ist das nicht furchtbar anstrengend und mühsam? Denken Menschen in der Regel nicht langfristig? Verdammt, ich weiß sogar schon, wie meine Beerdigung ablaufen soll. Wer hat dieses „zwischen den Zeilen“ erfunden? Für die Lyrik mag das nett sein, aber darüber hinaus… Ich habe sehr oft das Gefühl, dass jeder von jedem erwartet, Gedanken lesen zu können, während jeder weiß, dass es keiner kann. Es verschwendet Zeit und Energie.

Deswegen mag ich meine Katzen von allen am liebsten. Sie sind ehrlich, meist ohne, manchmal mit Krallen.

Loslassen

So entsandte ich
in einer letzten Träne
das Fehlgeleitete Stück
schnitt es aus meiner Seele
lies es ziehen, fließen, treiben
und es griff selbst zur See

Ich aber bleibe der Erde nah
auf dass es [nie wieder]
zurückfindet..

© Amy Herzog

Spontan ans Meer

Mir ist, als atmete ich 
seit einer endlosschleifenden
hinkenden, aussichtslosen
Ewigkeit nur noch ein

264 kilometer mal zwei
spontan über Belgien
ausbrechen ans Holländische Meer
einfach, um auszuatmen

Um tief zu atmen
befreit, in einsamer Stille
mit dem Meer vereint
spüren, nur mich

Weit über meine Grenze hinaus!

Aber ich atme.

Ich atme!

(c) Amy Herzog