Gedicht

seelen

zwei seelen
die sich vor hunderten
jahren
verloren haben
tanzen
allein

verloren, verirrt
verwirrt
worte und stimmen
gehörlos
im eigenen nebel
zeit erklimmen

finden
rasten, lieben
im körper eingesperrt
geblieben
tanzen
allein

schweben
irgendwann leben
im sterben
halten
fallen lassen
seelenfäden verblassen
werden eins
und frei

© Amy Herzog

Albtraum

Seeleneiter fließt aus meinen Poren
du garnierst mit Lilien und Salz
und schlingst ohne Luft zu holen
die Fleischeslust aus deinem warmen Schoß
in die zwielichtigen Ecken deiner Haut
es graut mir, zittert, flimmert
tief durch die Äste meines Lebens
und winselt, wimmert dir ein Lächeln ins Ohr
trinkst es, wie den ersten Regentropfen
nach einer verbrannten Nacht
bleibt mir dies ein Albtraum
schwitzend, dreht und wendet
doch bin ich nicht mehr aufgewacht

© Amy Herzog

unkraut

buchstabenunkraut
stöbert auf dem flohmarkt
zwischen ramsch
nach dem besonderen

und ich kann dich sehen
wo du dich selbst nicht sehen kannst
dein lächeln, das du dir nach all den jahren glaubst
ich glaube es dir nicht

wäre ich nicht bettelarm
so würde ich dich mit nach hause nehmen
doch bin ich unwissend
ob unkraut genügt

© Amy Herzog

– ein paar Tausend Tode gestorben
die Gleichgültigkeit
schmeckt nach vortäuschen einer Straftat
(es hat sich niemand notiert)
– einer ist mir geblieben
und verschweigt die Wahrheit
aber sie duftet nach freudestrahlendem Sprung
aus Vierzigtausend Fuß
ohne Fallschirm

© Amy Herzog

Wenn gestern morgen ist…

Manchmal, wenn ich dran denke,
aber nur wenn auch eine Träne
in die Wunde fließt,
kommt’s mir vor, als wäre es erst gestern gewesen
und wünsche mir dann,
es wäre doch das gestern von morgen

Aber sag mal, sagst du Bescheid,
wenn es soweit ist, wenn es morgen ist?
Denn heute lebe ich nicht.
Sind alle meine Figuren schon tot
und ich sehe nur den Staub.

Und.
Ich ersehne.
Dich. Und.
Dein Wort.

(das weiß nur ich)

© Amy Herzog

Furcht bleibt

tränen verschweißen meine augen
starre in verschwommenes
schreibe in fingerspuren auf sandpapier
glattgeschmirgeltes gedankengut
albträume räumen die nacht
und lassen die leiche spurlos verschwinden
ich denke an nichts, nichts, nichts..
aber wenn ich wieder klar sehe
atme ich tiefblutentkleidete furcht
in deine kalte richtung

(furcht sitzt da, wo das herz verblutete)
- der platz war noch warm

© Amy Herzog

Handwerkskunst

Handwerkskunst
nicht die Fassung zu verlieren
hübsch der Stuck
am Ende
wie eine zauberhafte Lüge
ist mein Hirn verziert
nähe mir etwas Spitze an die Zunge
damit Worte nicht fallen
wie die Asche meiner Zigarette
bestaune eine Weile
mein Kunstwerk
schweige und zünde es an
mit meinem letzten Streichholz
verliere ich wohlerzogen
meinen Verstand

© Amy Herzog

ich bin nicht mehr

Stehe unter Scheinwerfern
auf einer Bühne
so gigantisch
dass mich niemand sehen kann
ohrenbetäubende Schreie
übertönen meine greifende Hand
die Seelenstücke
ziehen gebrochen an Gondeln vorbei
ins Schlachthaus

Dieser tief verankerte
täglich neue Wurzeln schlagende
mit Spinnweben fixierte
Harz tropfende
im Mondlicht schimmernde
stumm vibrierende
zerfressende
alles umgebende

In der Kälte
tropft es im Rhythmus
meines verschollenen Herzens
auf nassen Beton
aber ich bin nicht mehr
nicht mal mehr Geschichte

© Amy Herzog

Schaumbad

Meine Bleiatmung zeichnet Schatten
in bodenlose Schlaglöcher
schnappt an scharfen Kanten
nach Zärtlichkeit
blutet aus meinen Fingern
doch nur die Last aus meinem Herzen

unter Verschluss
den Schlüssel in die Flut

hinter den Fenstern meiner Seele
bleibt es schwarz
es duftet nach unberührtem Schnee
nach Ruhe und Sicherheit
wie Illusion nach rosa Zuckerwatte
vom Valentinstagsrummelplatz schmeckt

Hitze steigt aus meinem Aderlass
in prickelnden Regenbogenblubberblasen
und ein Platz ist noch frei
steig dazu, solange mein Bad noch warm ist
und der Schaum mein Wort bedeckt
bis ich in der fernen Endlichkeit koaguliere

© Amy Herzog

Nachtisch

Die Zukunft liegt in verstaubten Urnen
mein Mittelfinger wiegt den Ringfinger in den Schlaf
und gewinnt das Spiel
ich kleide mich in Diamant
und werfe mein Ende in dein Augenglas
das sterbende Lächeln
wird in einer dunklen Ecke ein letztes mal Liebkost
zum Nachtisch gibt es exquisite Tränen
aus Herzblut und Rizin
und heute Nacht verstopfen wir die Rohre
mit der gottverdammten Liebe

© Amy Herzog

Singultus

Wenn Singultus klopft
denkt jemand an mich und küsst…
aber lassen wir das
die eingeflößten Tumore
füttern mein Gelüst
und es hebt und bebt
meine Zunge, meine Brust
ein wenig Trug
ein wenig Schluss
dacht‘ ich lerne das laufen
und spüre
dass ich kriechen muss

© Amy Herzog

Mein Sand

Goldgelb, sprühend, sanft
ausharren in deiner feinstaubig
fahl und stiller Dürre
trocknen wehende Dünen Tränen
grämen sich nicht vor
lauter in der Ferne regnenden
sich abkühlenden Pfützen
die mich wie Fata Morgana locken
nein, stur harre ich aus
meine Tränen sind trocken
und ich begehre dich, mein Sand
streichelst meine Wangen
so wie mit deinem warmen Kuss
dem unendlich weiten Nichts
auch die Zeit verschwand

© Amy Herzog

dichterseele

es ist schon sehr toll
eine unbekannte, anonyme
ja, so gestehe ich mir ein
auch irrelevante
unsichtbare, namenlose
unterbezahlte
(ah, moment mal…)
gar nicht bezahlte
geschundene, alte, kranke
abschreckende
in sich aufblühende, träumende
dann wieder dahinsickernde, aufschlagende
weinende, ertrinkende, schweigende
aus leibeskräften schreiende
unverständlich bleibend schreibende
aus tiefstem herzen leidende
fühlende, sehnende
immerzu liebende
dichterseele zu sein

© Amy Herzog

(k)lippe

hab mir die lippen blutig gebissen
und hab’s nicht mal gemerkt
stoß mich runter, liebster
na los, festfest, mit einem ruck
ich verspreche, ich schaue nicht zurück
und bitte versprich du es mir auch
mit letztem kuss von der klippe
dann ist es vorbei, endlich

vorbeivorbeivorbei

ich bin zu feige
du nur eine konsequenz

© Amy Herzog

Wünsche

ich sage, dass ich mir die sonne
wünsche
doch sie brennt
wie eine lüge auf meiner haut

die wahrheit ist
ich ersehne den regenfall
stark, fegend, den sturm
wie hinter dem rauschen und pfeifen
leise tropfen auf fensterbänken tanzen
leere straßen, freiheit atmen

ich will triefende haare
nasse wangen
blaue lippen
geschlossene augen
kreuzende hände
suchende perlen finden
die sich ineinander winden

kalte kleidung, warme körper
rennen, schutz suchend
sich selbst im einander findend finden
lachen, blicke, abschweifen
wortlos enden
lieben
schlafen
trocknen

© Amy Herzog

Meine Haut

Meine blasse Haut schmeckt
nach Tränen einer sehnenden Jungfrau
zaghaft, leicht, stark, schwach leckt
jede feine Pore eine Sinnlichkeit
die sich in meinen zerbrechlichen
Augengläsern paralysiert

Meine blasse Haut erzählt
eine lange Geschichte
die niemand je zu lesen wagt
wie ein Geist der Verderbnis, des Endens
gelegentlich an meinen Ohren nagt
und die Leidenschaft weckt

Meine blasse Haut ruft
wie geschlüpfte Spatzen aus ihrem Nest
ich aber bin ihm entfallen
schutzlos und einsam in eurer lauten Welt
und halte mich am Hunger fest

© Amy Herzog

Dylan Thomas – Ich träumte meine Genesis

Zugegeben, hier wird wohl kaum jemand sein, der seine Werke im originalen oder mindestens in beliebiger Übersetzung nicht kennt, trotzdem wollte ich dies mal teilen. Dieses Buch wird nächstes Jahr vierzig Jahre alt, natürlich ist es nicht das älteste, das ich besitze, aber eines, in das ich immer mal wieder reinlese, obwohl ich es auswendig kenne. Dieses Buch erschien zum 30. Todestag. Ich bin jedes mal ein wenig traurig darüber, dass ich zu spät geboren wurde.

Ich bin da unfassbar wählerisch, wenn es hochkommt, kann ich höchstens eine Top 10 Liste erstellen, mit Lyriker:innen, die mich wirklich berühren und zum Teil auch inspirieren oder beeinflussen. Von einflussreich und extrem bekannt, bis hin zu kaum jemand kennt diese Genialität.

Nun, dieses Buch fand ich vor einigen Jahren in einem sehr staubigen, sehr kleinen und sehr vollgestopften Buchladen, in dem eine Frau gebrauchte Bücher verkaufte. Unscheinbar stand es in den oberen Reihen. Am liebsten mochte ich den Geruch in diesem Buchladen, eben nach alten Büchern. Für den Rest lasse ich Fotos sprechen:

Blutende Finger

Wann immer meine Finger bluten
mein Liebster, lege ich sanft
jedes totgefahrene Wort in dein
leergetrunkenes kaltzerkratztes Gefäß
schwerwiegendvolltrunken

Badend lege ich die Kleider nieder
und mein Herz knistert dich gleichmäßig
tief in meinen dunkelsten Traum
aus Wahrheit, Lügen, Lachen, Gold und Rot

Und wann immer ich meine kleine Welt
so achtlos und naiv in deine lege
bist du mir Atlas, stark
vom Sonnenschein geblendet
und von meiner Sehnsucht betrogen

Dann mein Liebster, dann
beginnen wahrhaftig
meine Finger für dich zu bluten

© Amy Herzog

elendsehnender traum

bitte weck mich auf
aus diesem elendsehnenden traum
droge paralysiert
herz krepiert
und ich bin laufend high
die gesittete welt lacht mich aus
wie roter lippenstift an deinen rippen nagt
aus mir krächzt nur der leise leidende hurenschrei

dem äther regnet’s glut
brennt aus deinen totgesandten klauen
auf blanker haut
und könnt ich kleine liebe draus erbauen
so weck mich endlich auf
aus diesem elendsehnenden traum

© Amy Herzog

ein letztes lied

melancholisch
heiser singende stimme
wiegt heut schwerer
kratzt aus letztem loch
geschlossene augen
singen lauter
vielleicht in deine wohung
nur wie lange noch
singe ich
ein ganzes lied bloß
erlaube ich mir
danach trinke ich selbst
die stimme klar
und glaube mir das letzte
nein, das so schwer
wie tiefreißend in mir war

© Amy Herzog

unerschütterlich

im klaren Lichtmond
rinnt allgemach meine Luft
durch brüchiges Lungengeäst

und wie bloßfüßig sie deinethalben
in vergessenen Scherben versinkt
so glimmrig das müde Auge
unerschütterlich in deinem
dunklen Schatten ertrinkt

nur meine Sehnsucht schreibt
Sterne an dein Firmament

© Amy Herzog

ungesagtes

das ungesagte
schwillt rasend an, gärt
dringt nicht durch meine kehle
und trägt ein gewicht
aus tausenden regenwolken
– es trinkt und nährt
sich selbst

© Amy Herzog

Schotten Dicht!

Sinkendes Schiff – ich
habe mein Rettungsboot
an Land gelassen
und Felsen, ich schmecke Salz
in meiner Seelenwunde
Schotten Dicht!!!
geschwind
und verhülle die Wahrheit
im Schweigen

© Amy Herzog

Selbsttäuschung

Manchmal ist dein Untergang
nur ein Hintergang
ein schwerer Stein, mein Liebster
– eine kleine Flucht
die aus deinem Hinterkopf flüstert
und wenn du dich traust
dein Spiegelbild zu betrachten
wirst du darin auch
die Wahrheit über dich finden
und eine erleichternde
tiefe Umarmung

© Amy Herzog

laut

wenn gedanken lauter schreien
als kratzende e-gitarren
und der puls schneller schlägt
als das prestissimo
greifen gefühle ohne rettungsboot

© Amy Herzog

über-irdisch

Wie einst tiefrot
leuchtende Lebensenergie
meine blassen Lippen benetzte
stiegen wir aus unseren schweren
nassen Körpern empor

Keine irdische Schrift könnte
wollte unsere Sprache
verstehen, beschreiben, fühlen,
niemand wird sie je begreifen
sie sind alle zu laut

Wie unsere Seelen aber fließen
wenn alles schweigt
erhöre ich in meinen Tiefen
deinen sehnenden Ruf

Und fühle ich auch nur
dein Blut in meinen kalten Venen
hält mich die Wärme fest
und ich spreche dir die Sprache
die du nur für uns erschufst

© Amy Herzog

Kaltes Herz


Suche nichts, mein Liebster
was nicht gefunden werden kann
kein Kompass ist dein
und die Sternbilder blenden
mein Herz in der Truhe
am Grund des tiefschwarzen
schimmert nur an der Oberfläche
anmutig salzigblautürkis
dein Herz aber muss schweigend still
zwischen den Welten verloren
gehen, leiden, enden
wenn’s mein erkaltetes Herz
schlagend finden will

© Amy Herzog

Die einzig wahre Muse

Du aber bleibst meine einzige
– die wahre Muse
trinkend aus deinem Äther
weil dein Herz so lieblich klingt
in blutroten Küssen
und der Scherbenschnee
sanft meine Haut umschließt
wenn ich es zerbreche
dieses unerbittlich schlagende
in abertausend Enden
mir doch den Anfang schenkt
wenn der große Mond
die Erde küsst

© Amy Herzog

Loslassen

So entsandte ich
in einer letzten Träne
das Fehlgeleitete Stück
schnitt es aus meiner Seele
lies es ziehen, fließen, treiben
und es griff selbst zur See

Ich aber bleibe der Erde nah
auf dass es [nie wieder]
zurückfindet..

© Amy Herzog

Spontan ans Meer

Mir ist, als atmete ich 
seit einer endlosschleifenden
hinkenden, aussichtslosen
Ewigkeit nur noch ein

264 kilometer mal zwei
spontan über Belgien
ausbrechen ans Holländische Meer
einfach, um auszuatmen

Um tief zu atmen
befreit, in einsamer Stille
mit dem Meer vereint
spüren, nur mich

Weit über meine Grenze hinaus!

Aber ich atme.

Ich atme!

(c) Amy Herzog

Wir

Ein dunkler Raum 
in zeitloser Zwischenwelt
rastet in unendlicher
grenzenlos
Poren sickernder
in hingebungsvollen
entblößten Seelenkörpern
durch Ewigkeit

Die Außenwelt zeigt
wie Farben
durcheinander
aneinander vorbei
verlieren und suchen
vermischt
in verbrauchten
Stunden

Wir liegen darin
suchen Liebe, Nähe, Sinn
Bedeutung im bedeutungslosen
Wahrheit in Lüge
und im verschiebenden
verschwiegenen
die Mitte
uns

Wir brauchen nichts
in der Dunkelheit
wir sind wir
wie wir sind
sind wir mehr
Sterne, Ozean, Mond
oder Pfütze

Fragen
die hier nicht
existieren
in der Zwischenwelt
wir sind klein
wir sind die Mitte
wir sind nackt
wir sind eins
wir sind wir

Mitte

© Amy Herzog

der Kalte

kalter Nachtwind
kippt Fenster, Sehnsucht
Lust, Gespenster und Regen
klafft zwischen morschem Geäst
während Schmetterlinge schlafen
den Regen aber innen
halte ich zurück

Violettem Sommerflieder gießt Leben
und stößt den Duft um meinen liebenden Leib
doch schwach, so schwach, so schwach
schlägt meines gegen die raue
weiße Wand deiner schweigenden Brust

Auf salzigen Lippen
küsst ein zarter Schatten meine Wunden
endlich blind und taub versinke ich
im weichen arktischen Fleisch
und ich bilde mir ein letztes mal ein
es wär ein liebender Teich

Taumelnd fliegen Träume
in seichten Gewässern
doch in deinem sticht jede Welle
gegen splitternden Fels
und wenn ich jetzt für immer falle
dann bleibe ich wohlig in dir

Doch nur leise stöhnt der Wind
wie ich deinen Körper an meinen Presse
spüre ich näher zitterndes Ende
der meinen Regen in seiner Hand
aus deiner kalten Welt kippt

Die Lust fällt
im Sonnenaufgang früher
und du, der Kalte, singst dein Lied
auf abgenutzten Schallplatten
zerkratzt, wie ich wortlos
im Rauch des Eises verblieb

© Amy Herzog

Geliebtes Leben

Selbst meine Abgründe
zeichnen sich in deiner Seele
und du machst daraus Gold
wenn ich fließe
bist du mein Fundament
und wenn ich an dich denke
dann an ein Leben
mit Lachfalten in jedem Winkel
selbst im geteilten Leid
und wenn Ehrlichkeit duftet
dann nach Freiheit
nach Zuflucht
Sicherheit
Erde

© Amy Herzog

Wegen Überfüllung geschlossen

Ich bin keine schöne Frau!
hashtag: der Charakter zählt, nur der Charakter zählt
– such ihn woanders
ich kann gerade bis drei zählen:
eins, zwei, zweieinhalb, zweidreiviertel

Fernweh will Meer
am Strand Zuhause sammeln
um’s im Schrank einstauben zu
lassen, loszulassen
fallenzulassen

Da ist wohl: Bedeutung
die schweigt
Da ist wohl: eine einzige Nacht
die ankommt und nicht
Da ist wohl: mein geschundenes Herz
adipös

/Wegen Überfüllung geschlossen/

bei drei wählt mein
hashtag: Chirurgie für allerlei
das limbische System wird entfernt
und ich reibe mir den Staub
auf die wunde Haut

© Amy Herzog

weiß malt grau
in stundenlangem starren
auf papier
zeigt sich die leere
in einem dumpf schlagenden herzen
die schwere
wenn sich das blatt
wendet

© Amy Herzog

kalt

es häutet mich 
von innen
wie von sinnen
haftet in blauen venen
gefrorenes blut 
und mein lautes sehnen 
ruht nunmehr ohne 
punkt und ohne komma
in endlosen sätzen
oh wortlos schlagender stein 
so höre ich noch
mein kratzen und ächzen 

© Amy Herzog

Schwäche

Körper ist alt
und Gedanken
kreisen, reiben, reifen,
schweigen und begreifen
und ich muss nach draußen
dabei will ich doch nur
schwach sein

© Amy Herzog

Hunger

Triggerwarnung: Essstörungen

hunger 
hunger
hunger 

auf leisen sohlen 
das lächeln gestohlen
wohlig durch die eingeweide 
in tiefer umarmung 
gegen eisblock

innen

außen mehr tot als lebendig 
spiegelbild lacht aus 
und klatscht nen Filter drauf 
lügt von wahrheiten
wo die stimme 
schweigt 

angst 
und hunger immer 

hunger 
hunger
hunger 

© Amy Herzog

Anecken

Mal Safespace:
gesellschaftskonform unverpackt
nackt und ehrlich
lässt sich Liebe nicht anketten
nicht besitzen
ob du Pan, Trans, Hetero bist
und was es sonst noch alles gibt
Hauptsache viel Buntliebe
erzähle mir, wenn du neues erfindest
oder drauf stehst, dein Stofftier zu knutschen
so vieles ist verpönt
beim Stockimpopöchen
und dann wird von lieblos geredet
in der Polyamorie
aber:
tagtäglich tausendfach
Kriegsfotos sensationsgeil bestaunen
nachdem man den Partner
beschissen hat
ist ok

geben wir dem Alkohol die Schuld
und schieben den Stock tiefer
damit es nach außen hin
hübsch glänzt

© Amy Herzog

verzwitschert

mein betrunkenes herz aber
fühlt, verliebt und zerbricht allein
wie das zwitschern eines einsamen vogels
der auf dem weg gen süden erfriert
weil er zu lang gewartet hat

© Amy Herzog

liegen

46/79
scheintot
aber mein Puls kämpft
mit Extrasystolen ums lieben
und wenn’s verschwiegen
ein Ende finden kann
dann bleibe ich
endlich
liegen

© Amy Herzog

stille

heute ruft stille
in mir
offen und verwundet
die nackte liebe begreifen
schweifen, beben, irgendwo stranden
nicht mehr und nicht weniger
als leben und landen
wiederfinden
in weit entfernten sternen
von lust trinken
tiefer sinkend liebe finden
die stille sterben
lassen

© Amy Herzog

Randnotiz

ich genieße es
weil es mein Hirn vereinnahmt
alles andere sickert
das Schmerzende aber strömt
in Wasserfällen
hinaus

es wird kalt

© Amy Herzog

brachland

in der schwebe
glühender sonne einer seele
verbrannte ihre haut
mit ein paar krümeln tabak
und dem sperma unbedeutender männer
vor denen sie davonrannte

danach
immer danach

der kadaver aber kann noch rotzen
gar dem azrael trotzen
während ausgehungerte nekrophagen
im sturzflug die messer wetzen

zu lieben im brachland aber
gleicht ihren zurückgehaltenen tränen
sie schweigen von wahrheit
tänzeln mit müden knochen um exsikkose

wo losgelassene
nur ihren durst bezwingen
und geigen von
verlogenen illusionen singen

aber leben
immer nur leben

© Amy Herzog

Zwischenzeilen

bringst mich zum schweigen 
in der ersten Zeile 
eine Weile
spuckt Wahrheit aus 
ich lösche sie 
wieder 

© Amy Herzog

Deine Spuren…

Auf meinem Rücken
lasten die Spuren deiner und meiner
Lust wie warmes Gestein
gefesselt von deinem
Willen – gefangen
beschützt
in deinem Arm
ergebe ich mich, errege
im Bewusstsein unserer Bindung
befreite Seele
besitzt du meine Haut, mein Fleisch
in tiefer Berührung
wie ich durch deinen Augenblick
schwebe

© Amy Herzog

Winter


mit einem einzigen Winter
gefriert das Herz und zerbricht
wohl brechen Scherben zauberhaftes Licht
berühren jedoch, kannst du es nicht
und so schnell der Winter
auch von dannen zieht
ist es dein blutend warmes Herz
das kein Heim und kein Licht mehr sieht
wenn die gleißende Sonne
den Meeresspiegel ins Ende küsst

© Amy Herzog

Nacht


Autobahnrauschen klingt nach Meer
in der Ferne heult ein Hund
und gibt meiner Seele eine Stimme
Mondlicht schimmert sanft durch den
dichten Kastanienbaum
Grillen singen ihr Nachtlied
wie ein traurig blaues Liebeslied
das mich lächeln lässt

© Amy Herzog

Wolkentraum…

wolken!

lassen mich gleiten, träumen,
bohren, auf poesie stoßen,
in worten wohnen –
schwimmen!
bis in grüne meerestiefen
treiben, segeln, um bunte fische

baden in ihrer phantasie,
wie getrieben in hell
grüne wiesen!
liegen, riechen bienen honig –
summt löwenzahn ein lied

träume mich mit ihm
durch den wind!
in fliegen flauschig denken, lieben,
ohne noch zu lenken trinken
nur, und weiter richtung
wolken hinken…

 

© Amy Herzog

geheimnisse

deine Beine fühlen schwerstes Blei 
so höre ich wohl deinen Schrei 
scheuern tiefer sinkend scharfe Ketten 
auf ausgezehrten Knochen
hängen, ziehen goldverzierte Truhen 
all meine Geheimnisse 
lasse ich tief und tiefer in dir ruhen 

und du willst
doch kannst sie nicht 
erreichen, brechen, lesen, bleichen 
meine Sickergrunbenseele 
unergründlich 
Kopf verdreht, die Glieder taub
so schwer dein Herz
verendet zehrend, liebend, leidend
in meiner Handvoll Staub 

© Amy Herzog