Liebe

Entscheidungen

Das Leben besteht aus einer Aneinanderreihung kleiner Entscheidungen. Ja oder Nein. Viel oder wenig. An oder aus. Klein oder groß. Die meisten davon sind nicht von belang, wir leben damit, leben so vor uns hin, fließen und nehmen, sind glücklich oder nicht. Und wenn es uns nicht gefällt, entscheiden wir neu. Das meiste ist wie ein Stück Schokolade, eine kurze Freude wird zur Gewohnheit, gerät in Vergessenheit. Es lebt der Moment. Niemand von uns wird sich auf dem Sterbebett daran erinnern, dass er Maurer statt Maler wurde. Es ist so. Und niemand wird sich daran erinnern, ob man das Licht an oder ausgeschaltet hat.

Wenn wir aber dem Tod ins Auge blicken, dann denken wir an die wirklich wichtigen Entscheidungen. Nehmen wir an, dieser Tag ist heute, genau jetzt. Und wir denken an Wahrheit oder Lüge, an Liebe oder Hass, an einen Schritt nach vorn oder zurück. An Leben oder sterben. Hast du dich heute schon entschieden? Und war es dir wichtig, wirklich wichtig? Nicht immer haben wir Einfluss auf die wirklich wichtigen Entscheidungen. Aber wenn doch, dann entscheide. Jetzt!

22 30 Ende

zweiundzwanzig Stunden lachen
dreißig Minuten reichen mir nicht aus
hab’s kurz gespürt
und wieder an der Angst gerührt
zu lieben
verstecke mich dahinter
fühle, fühle, fühle
und hasse es
dafür

hasse dich
aber gerade ein bisschen mehr als sonst
kurz den Tod gewünscht
und bereut

schwer mir einzugestehen
wofür ich so früh aufgestanden bin
und bin nicht gut darin, etwas zu beenden
nicht zu brennen
was in Flammen steht

lerne schweigen
hab’s mir von dir abgeguckt
mit banalem Wort
und mitten im Satz ein kleines
Ende

© Amy Herzog

Wertschätzung und Liebe

Ich habe über die Wertschätzung nachgedacht. Über Vertrauen und wie immer, über die Liebe, von der ich noch immer nicht genau weiß, was sie eigentlich ist. Ich würde gern sagen, dass ich die ach so magischen drei Worte nur wenige Male gesagt habe, aber das kann ich nicht. Ich habe diese Worte nicht zu vielen Menschen gesagt, aber zu diesen wenigen dann doch des Öfteren. Noch häufiger wohl das Bekannte „ich dich auch“. Warum? Nun ja, weil man das eben so sagt. Wie oft habe ich es aber in dem Moment, in dem ich es gesagt habe, auch wirklich so gemeint? Wenn ich meine neusten Gedanken dazu miteinbeziehe – noch nie. Durchaus habe ich es gefühlt und hätte ich diese drei Worte dann gesagt, dann hätte ich sie auch so gemeint. Das ist bisher aber nicht vorgekommen.

Gerne betrachte ich Menschen nicht im Gesamtbild, sondern zerteile sie wie ein Puzzle und betrachte dann jedes einzelne Stück. Und dann sehe ich die schönen Farben der Seele, das was zu bewundern ist, ja auch was zu begehren ist, aber auch die Abgründe und dann kommen noch die ganz tiefen Abgründe, da wo die Leichen ruhen. Dazu fällt mir ein recht oberflächlicher aktueller Trend aus dem Netz ein, welcher ungefähr so aussieht: „Er/Sie ist eine 10 von 10, hat aber (ich nehme mal ein Beispiel, das die meisten Menschen abschrecken dürfte) die Neigung, sich mit Exkrementen einzureiben. Was wird dann aus der 10 von 10? 10 von 10 ist schließlich perfekt. Und das war nur ein Beispiel. Wir alle haben Eigenschaften, die aus unserer 10 von 10 eine, sagen wir, 5 von 10 machen könnte.

Und dann kommt mein Gedanke an die Wertschätzung ins Spiel. Mein genanntes Beispiel würde, sofern ich diesen Menschen wertschätze, tatsächlich eine 10 von 10 bleiben. Was nicht bedeutet, dass ich diese Neigung teile (oder eben nicht zwangsläufig jeden anderen Abgrund), ebenso, wie nicht jeder andere Mensch meine Abgründe teilt. Ich sehe das sehr simpel. Hätte ich diesen Menschen, diese 10 von 10, dann würde ich ganz offen darüber sprechen wollen, so wie ich immer über alles offen sprechen können möchte (ist vielleicht einer meiner Abgründe). Vertrauen. Und postwendend den Vorschlag unterbreiten, dieses Bedürfnis doch einfach bei einem anderen Menschen zu befriedigen. Denn wer bin ich schon, jedem Abgrund, jeder Sehnsucht eines Menschen gerecht werden zu können? Das würde nicht nur meiner 10 von 10 die Freiheit nehmen, sondern auch mir. Und ich mag meine Freiheit.

Vielleicht ein Beispiel, mit dem die meisten besser zurecht kommen: Sie/Er hat kein Auto. Ist tatsächlich für einige ein no go. Ist ja auch nicht so, dass es Öffis gibt, welche, zumindest in der Stadt, alle 5 Minuten fahren. Oder diese Wahnsinns-Erfindung: Gehen. (Im kostenlosen Upgrade-Tarif ist sogar Rennen enthalten).

Nun, aber so schnell kann bei einer 10 von 10 der Wert sinken. Und was bleibt? Oberflächlichkeit? Ein bisschen Begierde, ein bisschen Bewunderung. Vielleicht sogar ein bisschen „ich liebe dich“. Hashtag: Kompromiss. Und dann. Vielleicht ein bisschen Mensch-besitzen, Mensch-erziehen. Dann sehe ich wieder Menschen, die ihrem Partner das Geld einteilen. Was bin ich, deine Mama? Ich sage nicht, dass es nicht gut gehen kann, mit all diesen Kompromissen, mit diesem „dieses und jenes musst du ändern, damit du eine 10 von 10 für mich bist“. Als ein von Haus aus manipulativer Mensch, spreche ich mich davon nicht frei. Es ist wohl menschlich, den tollsten Menschen an sich anpassen zu wollen, damit er der Tollste bleibt. Unterm Strich ist es halt nur ein Kuhfladen mit Glitzer drauf.

Das Ergebnis dieser Gedanken ist, dass sich „Vertrauen/Ehrlichkeit/Direktheit“ den ersten Platz nun mit der Wertschätzung teilt. Um mir irgendwann die Frage zu beantworten, was nun eigentlich diese Liebe ist. Sprich: Wenn für mich eine 10 von 10 in ihrem Wert sinkt, kann ich diesen Menschen auch nicht lieben. Wenn ich diesen Menschen verändern muss, anpassen, oder der Mensch das Gefühl hat, nicht über alles sprechen zu können (-Konsequenzen fürchten muss), dann kann die Liebe nicht so echt sein. Wenn nicht ausnahmslos jeder Abgrund, jede Freiheit (von beiden bzw. mehreren) gelebt werden kann, dann kann die Liebe nicht für die Ewigkeit sein. Mir ist klar, dass die meisten Menschen anderer Meinung sind, ich lebe zwar hinterm Mond, habe aber trotzdem ein W-lan Kabel. 😉

Wie immer bleibt das Gefühl in mir zurück, es nicht so erklärt zu haben, wie ich es empfinde und so viele Worte in mir zurückbleiben, die ich dazu noch habe, aber einfach nicht ausdrücken kann. Aber auch das Gefühl, dass es mir ziemlich egal ist. Am Ende eines Tages machen wir ja doch alle, was wir wollen, und sind, wie wir sind. Oder beinahe, der Wertstabilität wegen. Ich lerne noch.

PS: Es geht mir hier nicht um Akzeptanz oder das bloße Hinnehmen (das wär ja wieder nur ein Kompromiss). Es geht mir darum, die dreckigsten Leichen zum einen so zu belassen, belassen zu wollen (auf Gegenseitigkeit beruhend) und sie wertzuschätzen. Und ich meine damit auch nicht die kleinen Macken, die man am anderen Lieben kann. Irgendwie komme ich damit dieser, meiner Definition von echter Liebe ein Stück näher.

Laufe halt auch nicht ganz rund, mit all meinen Abgründen. Aber das ist ja kein Geheimnis.

nur ein Spiel

Geöffnete Arterien
multiplizieren sich für eine Nacht
spielen große Gefühle
spielen Schach bis Remis
spielen Russisch Roulette
spielen Poker
malen nach Zahlen

und warten auf die Rechnung
während der Pinsel Muttermale verbindet

Gerinnt der nächste Morgen
und verschwitzte Wände schmecken kalt
so will ich blutleer sein
weil ich zu hoch verloren hab

Vernähe doch nur kurz die blauen Lippen
mit geliehenen Sekunden
und spiele ein letztes großes Spiel
mit meinen Wunden
bis im letzten Blick ein Schmerz gewinnt

© Amy Herzog

ewige Nächte

kippe Benzodiazepine auf mein Bauchgefühl
bis mein Kopf in den Seilen hängt
sehe rosige Wangen und tropfenden Mond
es duftet nach zeitlosen Laken, Staub und Hunger
der mich durch ewige Nächte gleiten kann
und ich traue mich nicht zu fragen
ob die Ewigkeit ein Ende kennt
denn wohin mich auch die Seile tragen
ernährt mich dieser Mond in jedem Kuss

© Amy Herzog

albtraum

Sehnsucht malt in die Nacht
– du albtrügerisches Zaubermärchen
im luftleeren Raum
und für den Moment halte ich den Atem an
wünschte, ich könnte es ewig
doch erwache ich dem Traum und trauere darum
wie Angst in mir tanzt
(und mein Skelett pulverisiert)
mich beinahe selbst verloren zu haben
liegt im Ende erst der gnadenlose Anfang
wenn Verzweiflung ein neues Bild
mit einem Blick
aus Nachtsternen formt

© Amy Herzog

die vergessene Blume

Die Erde unter meinen Füßen
duftet nach Regen und eben diesem Frühling
der nur weiche Brotkrumen hinterlässt
und lässt die Schweigepflicht auch Poren
öffnen ist die eine Blume doch verloren
wenn sie als einzige blüht

So welkt sie trotz des vielen Regens
und verliert das kleine Glück des Lebens
ich doch nur ein Weg zurück
verspreche mir doch weiter geradeaus
und breche dieses nicht
die kleine Blume längst vergessen
trinke ich von deinem wortsanften Regen
auch dann nicht, wenn er mich
mit weichen Lippen küsst

© Amy Herzog

Verliebt.

Als ich mich in dich verliebt habe, wusste ich, dass es ein Fehler war. Aber…es war so die Art Strömung, die sich nicht aufhalten ließ. Ich konnte mich nur treiben lassen und warten, bis ich irgendwo strande und hoffen, dass dieser Tag niemals kommen würde. Denn selbst wenn wir nur da saßen, Pizza aßen und die Nächte schweigend miteinander verbrachten, hatte ich das Gefühl, dass ich atme. Es war so leicht. So leicht mit dir. Ich brauchte dir nicht zu sagen, dass ich mich in dich verliebt habe. Du hast es für mich laut ausgesprochen. Und das ich dich in diesem Moment nicht anschauen konnte, war die deutlichste Bestätigung, die ich aufbringen konnte. In dieser Sekunde blieb mein Herz für einen Moment stehen. Es war so erleichternd. Befreiend. Und während ich weiter trieb, sagtest du nichts. Wie nahe Hass und Liebe beieinander liegen, die Verzweiflung, das Leid, den Ekel vor dir, vor mir und nach jedem Mal dieses bittersüße, gottverdammte Bereuen und all diese weiteren unmöglich zählbaren weiteren Gefühle, die diese Strömung nach und nach mit sich riss, hast du mir gezeigt. Aber irgendwann wurde mir kalt, in irgendeiner Nacht lag ich neben dir und spürte, wie sich mein nasser Körper von Wind überzogen mit Sand verklebte. Land. Dieses Land, das ich nicht auf meiner Haut spüren wollte. Endlich Land. Die Nacht würde vorbeigehen und mein Körper trocknen mit den ersten Sonnenstrahlen des Morgens. Das wusste ich, daran hielt ich mich fest, während ich meine Hände von deiner Brust nahm. Und als du dich in mich verliebt hast, wusstest du, dass es ein tragisches Ende war. Ich glaubte, dass du es wusstest. Laut ausgesprochen habe ich es nie.

Jäger

Der Hahn kräht nicht
und ich verschlafe das Leben
was könnt’s mir auch schon geben
nur den Jäger in meiner Brust
mit gespanntem Bogen
sobald ich die Augen öffne
weil ich ein Märchen ersehne
während ich im Traum
Wunde um Wunde vernähe
mein Herz, der Hahn
ich jage ihn mit eigenem Wahn
und warte noch auf Leben

© Amy Herzog

Realität / Traum

Kurz Realität
Gardinen aufziehen
und Fakten reinlassen
die Oberflächlichkeit
brennt mir die Augenbrauen
schmeckt abgestumpft
und hinterlässt Laufmaschen
auf meiner Zunge

Ziehe die Gardinen wieder zu
und putze Träume der letzten Wochen
von haarig-gewordenen Zähnen
das Fell allein spendet keine Wärme

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Der Traum schmeckte
nach Kokosnuss am Strand
und nach Sand zwischen den Zehen
wie endlose Zeit auf einer Decke
am Rand des Wassers

Und nach süßer Melancholie
zu jedem Nachtisch
weil ein Leben am Ende zu kurz ist

© Amy Herzog

bitter

fresse stundenlang lavendelseife
um schmutzbehaftete gefühle zu bereinigen
sie moussiert in blutenden wangen
weil sich meine worte
am morschen larynx verfangen
– seife nutzlos
doch brennendes fleisch
stopft jedes loch mit erbärmlicher galle
wie die gans an weihnachten
der vorgetäuschten liebe
doch nur ein geschlachtetes wesen
so wie ich angestarrt werde
wenn ich dir mit bittersüßen tränen
dein tägliches fest verderbe

© Amy Herzog

Ein letzter Kuss

bei der Obduktion
findet sich vielleicht noch ein wenig Herz
das sich zu spenden lohnt
und Haut
für neue Narben
überall wieder neue Narben
die blauen Augen möchte niemand haben
sie haben zu viel gesehen
und während ich im Wartezimmer darauf wette
nur um mich selbst zu verlieren
verrottet im Sarg etwas
woran ich mich festhalten muss
und hätte ich noch einen letzten Atemzug frei
würde ich dich küssen

© Amy Herzog

Ende

Der Dolch
inmitten meiner Brust
ist unvermeidlich

Dem elendigen Schmerz
so tief wie der Marianengraben
stopft er das Maul
gesellt dich zu den Geistern
die mir meine wunde Seele rauben

Endlich kann ich glauben
unsere letzte Nacht
fand Ende
ich schließe sie mit einer Brosche
und vernähe die blutende Geschichte
mit deinen Wimpern

© Amy Herzog

Phantomschmerz

Herzamputiert
mit Giftmüll verbrannt
der Rest ist Phantomschmerz
kotze den Rotz verschlissener Liebe
lausche dem Klang deiner Zufriedenheit
schlucke überdosierte Illusionen
und stanze mir das Lächeln
das du dir wünscht
ins kalte Gesicht

© Amy Herzog

seelen

zwei seelen
die sich vor hunderten
jahren
verloren haben
tanzen
allein

verloren, verirrt
verwirrt
worte und stimmen
gehörlos
im eigenen nebel
zeit erklimmen

finden
rasten, lieben
im körper eingesperrt
geblieben
tanzen
allein

schweben
irgendwann leben
im sterben
halten
fallen lassen
seelenfäden verblassen
werden eins
und frei

© Amy Herzog

Albtraum

Seeleneiter fließt aus meinen Poren
du garnierst mit Lilien und Salz
und schlingst ohne Luft zu holen
die Fleischeslust aus deinem warmen Schoß
in die zwielichtigen Ecken deiner Haut
es graut mir, zittert, flimmert
tief durch die Äste meines Lebens
und winselt, wimmert dir ein Lächeln ins Ohr
trinkst es, wie den ersten Regentropfen
nach einer verbrannten Nacht
bleibt mir dies ein Albtraum
schwitzend, dreht und wendet
doch bin ich nicht mehr aufgewacht

© Amy Herzog

unkraut

buchstabenunkraut
stöbert auf dem flohmarkt
zwischen ramsch
nach dem besonderen

und ich kann dich sehen
wo du dich selbst nicht sehen kannst
dein lächeln, das du dir nach all den jahren glaubst
ich glaube es dir nicht

wäre ich nicht bettelarm
so würde ich dich mit nach hause nehmen
doch bin ich unwissend
ob unkraut genügt

© Amy Herzog

Wenn gestern morgen ist…

Manchmal, wenn ich dran denke,
aber nur wenn auch eine Träne
in die Wunde fließt,
kommt’s mir vor, als wäre es erst gestern gewesen
und wünsche mir dann,
es wäre doch das gestern von morgen

Aber sag mal, sagst du Bescheid,
wenn es soweit ist, wenn es morgen ist?
Denn heute lebe ich nicht.
Sind alle meine Figuren schon tot
und ich sehe nur den Staub.

Und.
Ich ersehne.
Dich. Und.
Dein Wort.

(das weiß nur ich)

© Amy Herzog

Furcht bleibt

tränen verschweißen meine augen
starre in verschwommenes
schreibe in fingerspuren auf sandpapier
glattgeschmirgeltes gedankengut
albträume räumen die nacht
und lassen die leiche spurlos verschwinden
ich denke an nichts, nichts, nichts..
aber wenn ich wieder klar sehe
atme ich tiefblutentkleidete furcht
in deine kalte richtung

(furcht sitzt da, wo das herz verblutete)
- der platz war noch warm

© Amy Herzog

Handwerkskunst

Handwerkskunst
nicht die Fassung zu verlieren
hübsch der Stuck
am Ende
wie eine zauberhafte Lüge
ist mein Hirn verziert
nähe mir etwas Spitze an die Zunge
damit Worte nicht fallen
wie die Asche meiner Zigarette
bestaune eine Weile
mein Kunstwerk
schweige und zünde es an
mit meinem letzten Streichholz
verliere ich wohlerzogen
meinen Verstand

© Amy Herzog

ich bin nicht mehr

Stehe unter Scheinwerfern
auf einer Bühne
so gigantisch
dass mich niemand sehen kann
ohrenbetäubende Schreie
übertönen meine greifende Hand
die Seelenstücke
ziehen gebrochen an Gondeln vorbei
ins Schlachthaus

Dieser tief verankerte
täglich neue Wurzeln schlagende
mit Spinnweben fixierte
Harz tropfende
im Mondlicht schimmernde
stumm vibrierende
zerfressende
alles umgebende

In der Kälte
tropft es im Rhythmus
meines verschollenen Herzens
auf nassen Beton
aber ich bin nicht mehr
nicht mal mehr Geschichte

© Amy Herzog

Schaumbad

Meine Bleiatmung zeichnet Schatten
in bodenlose Schlaglöcher
schnappt an scharfen Kanten
nach Zärtlichkeit
blutet aus meinen Fingern
doch nur die Last aus meinem Herzen

unter Verschluss
den Schlüssel in die Flut

hinter den Fenstern meiner Seele
bleibt es schwarz
es duftet nach unberührtem Schnee
nach Ruhe und Sicherheit
wie Illusion nach rosa Zuckerwatte
vom Valentinstagsrummelplatz schmeckt

Hitze steigt aus meinem Aderlass
in prickelnden Regenbogenblubberblasen
und ein Platz ist noch frei
steig dazu, solange mein Bad noch warm ist
und der Schaum mein Wort bedeckt
bis ich in der fernen Endlichkeit koaguliere

© Amy Herzog

Beerdigung

sehnsucht liebt leben 
leben stirbt
und ich spiele auf der beerdigung 
die hauptrolle 
dabei kannte ich leben nicht 
die sehnsucht legt sich in hoffnungslose arme 
und weint bitterlich 
mir hingegen wird einfach nur kalt 

© Amy Herzog

Nachtisch

Die Zukunft liegt in verstaubten Urnen
mein Mittelfinger wiegt den Ringfinger in den Schlaf
und gewinnt das Spiel
ich kleide mich in Diamant
und werfe mein Ende in dein Augenglas
das sterbende Lächeln
wird in einer dunklen Ecke ein letztes mal Liebkost
zum Nachtisch gibt es exquisite Tränen
aus Herzblut und Rizin
und heute Nacht verstopfen wir die Rohre
mit der gottverdammten Liebe

© Amy Herzog

Singultus

Wenn Singultus klopft
denkt jemand an mich und küsst…
aber lassen wir das
die eingeflößten Tumore
füttern mein Gelüst
und es hebt und bebt
meine Zunge, meine Brust
ein wenig Trug
ein wenig Schluss
dacht‘ ich lerne das laufen
und spüre
dass ich kriechen muss

© Amy Herzog

Mein Sand

Goldgelb, sprühend, sanft
ausharren in deiner feinstaubig
fahl und stiller Dürre
trocknen wehende Dünen Tränen
grämen sich nicht vor
lauter in der Ferne regnenden
sich abkühlenden Pfützen
die mich wie Fata Morgana locken
nein, stur harre ich aus
meine Tränen sind trocken
und ich begehre dich, mein Sand
streichelst meine Wangen
so wie mit deinem warmen Kuss
dem unendlich weiten Nichts
auch die Zeit verschwand

© Amy Herzog

dichterseele

es ist schon sehr toll
eine unbekannte, anonyme
ja, so gestehe ich mir ein
auch irrelevante
unsichtbare, namenlose
unterbezahlte
(ah, moment mal…)
gar nicht bezahlte
geschundene, alte, kranke
abschreckende
in sich aufblühende, träumende
dann wieder dahinsickernde, aufschlagende
weinende, ertrinkende, schweigende
aus leibeskräften schreiende
unverständlich bleibend schreibende
aus tiefstem herzen leidende
fühlende, sehnende
immerzu liebende
dichterseele zu sein

© Amy Herzog

(k)lippe

hab mir die lippen blutig gebissen
und hab’s nicht mal gemerkt
stoß mich runter, liebster
na los, festfest, mit einem ruck
ich verspreche, ich schaue nicht zurück
und bitte versprich du es mir auch
mit letztem kuss von der klippe
dann ist es vorbei, endlich

vorbeivorbeivorbei

ich bin zu feige
du nur eine konsequenz

© Amy Herzog

Wünsche

ich sage, dass ich mir die sonne
wünsche
doch sie brennt
wie eine lüge auf meiner haut

die wahrheit ist
ich ersehne den regenfall
stark, fegend, den sturm
wie hinter dem rauschen und pfeifen
leise tropfen auf fensterbänken tanzen
leere straßen, freiheit atmen

ich will triefende haare
nasse wangen
blaue lippen
geschlossene augen
kreuzende hände
suchende perlen finden
die sich ineinander winden

kalte kleidung, warme körper
rennen, schutz suchend
sich selbst im einander findend finden
lachen, blicke, abschweifen
wortlos enden
lieben
schlafen
trocknen

© Amy Herzog

Meine Haut

Meine blasse Haut schmeckt
nach Tränen einer sehnenden Jungfrau
zaghaft, leicht, stark, schwach leckt
jede feine Pore eine Sinnlichkeit
die sich in meinen zerbrechlichen
Augengläsern paralysiert

Meine blasse Haut erzählt
eine lange Geschichte
die niemand je zu lesen wagt
wie ein Geist der Verderbnis, des Endens
gelegentlich an meinen Ohren nagt
und die Leidenschaft weckt

Meine blasse Haut ruft
wie geschlüpfte Spatzen aus ihrem Nest
ich aber bin ihm entfallen
schutzlos und einsam in eurer lauten Welt
und halte mich am Hunger fest

© Amy Herzog

Blutende Finger

Wann immer meine Finger bluten
mein Liebster, lege ich sanft
jedes totgefahrene Wort in dein
leergetrunkenes kaltzerkratztes Gefäß
schwerwiegendvolltrunken

Badend lege ich die Kleider nieder
und mein Herz knistert dich gleichmäßig
tief in meinen dunkelsten Traum
aus Wahrheit, Lügen, Lachen, Gold und Rot

Und wann immer ich meine kleine Welt
so achtlos und naiv in deine lege
bist du mir Atlas, stark
vom Sonnenschein geblendet
und von meiner Sehnsucht betrogen

Dann mein Liebster, dann
beginnen wahrhaftig
meine Finger für dich zu bluten

© Amy Herzog

elendsehnender traum

bitte weck mich auf
aus diesem elendsehnenden traum
droge paralysiert
herz krepiert
und ich bin laufend high
die gesittete welt lacht mich aus
wie roter lippenstift an deinen rippen nagt
aus mir krächzt nur der leise leidende hurenschrei

dem äther regnet’s glut
brennt aus deinen totgesandten klauen
auf blanker haut
und könnt ich kleine liebe draus erbauen
so weck mich endlich auf
aus diesem elendsehnenden traum

© Amy Herzog

ein letztes lied

melancholisch
heiser singende stimme
wiegt heut schwerer
kratzt aus letztem loch
geschlossene augen
singen lauter
vielleicht in deine wohung
nur wie lange noch
singe ich
ein ganzes lied bloß
erlaube ich mir
danach trinke ich selbst
die stimme klar
und glaube mir das letzte
nein, das so schwer
wie tiefreißend in mir war

© Amy Herzog

unerschütterlich

im klaren Lichtmond
rinnt allgemach meine Luft
durch brüchiges Lungengeäst

und wie bloßfüßig sie deinethalben
in vergessenen Scherben versinkt
so glimmrig das müde Auge
unerschütterlich in deinem
dunklen Schatten ertrinkt

nur meine Sehnsucht schreibt
Sterne an dein Firmament

© Amy Herzog

Schotten Dicht!

Sinkendes Schiff – ich
habe mein Rettungsboot
an Land gelassen
und Felsen, ich schmecke Salz
in meiner Seelenwunde
Schotten Dicht!!!
geschwind
und verhülle die Wahrheit
im Schweigen

© Amy Herzog

Provokant

Normalerweise legt sie keinen Wert auf die öffentliche Zurschaustellung von körperlicher Zugewandtheit. Aber in seinem Fall macht sie gelegentlich eine Ausnahme. Selbstverständlich alles im Rahmen geltender Gesetze. So bleiben ihnen das klassische Händchen halten, ein gelegentlich gestohlener Kuss, oder eine schüchterne Umarmung. Diese Dinge sind jedoch völlig ausreichend, um sie innerlich zu belustigen. Nicht missverstehen, dabei geht es ihr nicht um ihn, sondern um alle anderen Menschen. Allem voran steht bei allen Menschen die Frage in den Augen, ob es sich bei ihm und ihr um Vater und Tochter handelt. Da kommt ihr die öffentliche Zurschaustellung gerade gelegen, um diese Frage wortlos aufzuklären.

Wenn sie ein Pärchen mittleren Alters sieht, erntet sie von der Frau böse Blicke, während sich der Mann mit großen Fragezeichen in den Augen im Geiste die Frage stellt, wie er das gemacht hat. Aber auch alleinstehende Damen schauen etwas böse, als hätte sie ihnen einen potentiellen Mann geklaut. Aber auch jüngere Exemplare der Gattung Mensch schenken ihr den ein oder anderen amüsanten Blick. So muss sie, das geht gar nicht anders, einen enorm monströsen Vaterkomplex haben, und er ist vermutlich sehr reich oder hat ein, na ja, verdammt großes Stück Holz. Das findet sie sowohl gut, als auch schlecht.

Amüsant, keine Frage, aber was soll der Geiz, fragt sie sich. Es ist alles! Denn wenn es für die Menschen alles ist, nicht zu vergessen – die schwere Krankheit und das reichhaltige Erbe, dann sind die Blicke so unbezahlbar, dass sie ihre anfänglich innere Belustigung nicht mehr im Zaum halten kann. Ja, sie provoziert allem voran wohl gern und er möglicherweise auch.

über-irdisch

Wie einst tiefrot
leuchtende Lebensenergie
meine blassen Lippen benetzte
stiegen wir aus unseren schweren
nassen Körpern empor

Keine irdische Schrift könnte
wollte unsere Sprache
verstehen, beschreiben, fühlen,
niemand wird sie je begreifen
sie sind alle zu laut

Wie unsere Seelen aber fließen
wenn alles schweigt
erhöre ich in meinen Tiefen
deinen sehnenden Ruf

Und fühle ich auch nur
dein Blut in meinen kalten Venen
hält mich die Wärme fest
und ich spreche dir die Sprache
die du nur für uns erschufst

© Amy Herzog

Kaltes Herz


Suche nichts, mein Liebster
was nicht gefunden werden kann
kein Kompass ist dein
und die Sternbilder blenden
mein Herz in der Truhe
am Grund des tiefschwarzen
schimmert nur an der Oberfläche
anmutig salzigblautürkis
dein Herz aber muss schweigend still
zwischen den Welten verloren
gehen, leiden, enden
wenn’s mein erkaltetes Herz
schlagend finden will

© Amy Herzog

Kokon (drabble)

Inmitten seiner, sich behutsam um sie schmiegenden Arme, sank sie jungfräulich nieder, schaute ihn mit ihren großen erwartungsvollen hellblauen Augen an, zierte sich in nebliger Ahnungslosigkeit, wehrte sich gedanklich in aneinanderreihenden Momenten, ihrer immer schneller flach-flatternden Atmung. Mit nur einem einzigen Kuss kitzelten farbenfrohe Schmetterlinge jeden Quadratmillimeter ihrer bröckelnden Fassade, die sich unter glitzerversprühenden Flügelschlägen in glatten Marmor verwandelte. So schloss er sie noch fester in sich ein und sie fühlte sich wie in einem Kokon aus liebevoll gesponnener fliederfarbener Seide, vor Seelenschmerz beschützt, nährend, ewig während, mit zeitlos funkelnden Augenblicken in jeder Masche.

Dann erwachte sie aus ihrem Traum…

© Amy Herzog

Die einzig wahre Muse

Du aber bleibst meine einzige
– die wahre Muse
trinkend aus deinem Äther
weil dein Herz so lieblich klingt
in blutroten Küssen
und der Scherbenschnee
sanft meine Haut umschließt
wenn ich es zerbreche
dieses unerbittlich schlagende
in abertausend Enden
mir doch den Anfang schenkt
wenn der große Mond
die Erde küsst

© Amy Herzog

Loslassen

So entsandte ich
in einer letzten Träne
das Fehlgeleitete Stück
schnitt es aus meiner Seele
lies es ziehen, fließen, treiben
und es griff selbst zur See

Ich aber bleibe der Erde nah
auf dass es [nie wieder]
zurückfindet..

© Amy Herzog

Wir

Ein dunkler Raum 
in zeitloser Zwischenwelt
rastet in unendlicher
grenzenlos
Poren sickernder
in hingebungsvollen
entblößten Seelenkörpern
durch Ewigkeit

Die Außenwelt zeigt
wie Farben
durcheinander
aneinander vorbei
verlieren und suchen
vermischt
in verbrauchten
Stunden

Wir liegen darin
suchen Liebe, Nähe, Sinn
Bedeutung im bedeutungslosen
Wahrheit in Lüge
und im verschiebenden
verschwiegenen
die Mitte
uns

Wir brauchen nichts
in der Dunkelheit
wir sind wir
wie wir sind
sind wir mehr
Sterne, Ozean, Mond
oder Pfütze

Fragen
die hier nicht
existieren
in der Zwischenwelt
wir sind klein
wir sind die Mitte
wir sind nackt
wir sind eins
wir sind wir

Mitte

© Amy Herzog

der Kalte

kalter Nachtwind
kippt Fenster, Sehnsucht
Lust, Gespenster und Regen
klafft zwischen morschem Geäst
während Schmetterlinge schlafen
den Regen aber innen
halte ich zurück

Violettem Sommerflieder gießt Leben
und stößt den Duft um meinen liebenden Leib
doch schwach, so schwach, so schwach
schlägt meines gegen die raue
weiße Wand deiner schweigenden Brust

Auf salzigen Lippen
küsst ein zarter Schatten meine Wunden
endlich blind und taub versinke ich
im weichen arktischen Fleisch
und ich bilde mir ein letztes mal ein
es wär ein liebender Teich

Taumelnd fliegen Träume
in seichten Gewässern
doch in deinem sticht jede Welle
gegen splitternden Fels
und wenn ich jetzt für immer falle
dann bleibe ich wohlig in dir

Doch nur leise stöhnt der Wind
wie ich deinen Körper an meinen Presse
spüre ich näher zitterndes Ende
der meinen Regen in seiner Hand
aus deiner kalten Welt kippt

Die Lust fällt
im Sonnenaufgang früher
und du, der Kalte, singst dein Lied
auf abgenutzten Schallplatten
zerkratzt, wie ich wortlos
im Rauch des Eises verblieb

© Amy Herzog

Geliebtes Leben

Selbst meine Abgründe
zeichnen sich in deiner Seele
und du machst daraus Gold
wenn ich fließe
bist du mein Fundament
und wenn ich an dich denke
dann an ein Leben
mit Lachfalten in jedem Winkel
selbst im geteilten Leid
und wenn Ehrlichkeit duftet
dann nach Freiheit
nach Zuflucht
Sicherheit
Erde

© Amy Herzog

Wegen Überfüllung geschlossen

Ich bin keine schöne Frau!
hashtag: der Charakter zählt, nur der Charakter zählt
– such ihn woanders
ich kann gerade bis drei zählen:
eins, zwei, zweieinhalb, zweidreiviertel

Fernweh will Meer
am Strand Zuhause sammeln
um’s im Schrank einstauben zu
lassen, loszulassen
fallenzulassen

Da ist wohl: Bedeutung
die schweigt
Da ist wohl: eine einzige Nacht
die ankommt und nicht
Da ist wohl: mein geschundenes Herz
adipös

/Wegen Überfüllung geschlossen/

bei drei wählt mein
hashtag: Chirurgie für allerlei
das limbische System wird entfernt
und ich reibe mir den Staub
auf die wunde Haut

© Amy Herzog

weiß malt grau
in stundenlangem starren
auf papier
zeigt sich die leere
in einem dumpf schlagenden herzen
die schwere
wenn sich das blatt
wendet

© Amy Herzog

kalt

es häutet mich 
von innen
wie von sinnen
haftet in blauen venen
gefrorenes blut 
und mein lautes sehnen 
ruht nunmehr ohne 
punkt und ohne komma
in endlosen sätzen
oh wortlos schlagender stein 
so höre ich noch
mein kratzen und ächzen 

© Amy Herzog

Anecken

Mal Safespace:
gesellschaftskonform unverpackt
nackt und ehrlich
lässt sich Liebe nicht anketten
nicht besitzen
ob du Pan, Trans, Hetero bist
und was es sonst noch alles gibt
Hauptsache viel Buntliebe
erzähle mir, wenn du neues erfindest
oder drauf stehst, dein Stofftier zu knutschen
so vieles ist verpönt
beim Stockimpopöchen
und dann wird von lieblos geredet
in der Polyamorie
aber:
tagtäglich tausendfach
Kriegsfotos sensationsgeil bestaunen
nachdem man den Partner
beschissen hat
ist ok

geben wir dem Alkohol die Schuld
und schieben den Stock tiefer
damit es nach außen hin
hübsch glänzt

© Amy Herzog

verzwitschert

mein betrunkenes herz aber
fühlt, verliebt und zerbricht allein
wie das zwitschern eines einsamen vogels
der auf dem weg gen süden erfriert
weil er zu lang gewartet hat

© Amy Herzog