Schreiben

Dein sicherer Fels

Klarheit im Sturm, der sprichwörtliche Fels in der Brandung, ein Rastender mit seinem Stock, der Blick gen Ferne. Du, nackte Angst, deshalb schaust du nicht hin, treibst wellenlos umher. Kleine Insel auf dem Ozean, ich sehe Licht, Quelle und die reichhaltigsten Speisen. Sehe Meerjungfrauen, die du lockst, um dich an ihren Tränen zu nähren, wie du sie zurück ins Meer wirfst. So viel Ruine in dir, unendlich schmerzende Abwehr. Unter dir Dunkelheit, dass selbst das Schwarz gestorben ist. In mir war Farbe nie abwesend, nie anwesend. Ich habe keine Angst vor Dunkelheit. Ich war immer da, werde immer dort sein.

Drabble-Dienstag mit Lyrix, 100 Worte. Vorgegeben sind: Abwehr, Stock, Ruine

löschen.weg

alles
einfach
löschen

gehweg zurück
bin zu offen aufgewacht
und wieder schreiben
geh . weg

eingeholtes wort
sinnlos um her getrieben
[weiß nicht wovon]
glaube nicht an zufall
schicksal kennt mich nicht
aber irgendwas ist
da hier da

[sag]

was ist schon
da bei

zu viel hier und jetzt
schlucke diese
un se re meine welt

unsichtbar bleiben
fertig leiden
weg

einfach
alles
löschen

© Amy Herzog

Heute will ich lügen

Heute aber ziehe ich die Lüge vor
denn mir gefällt die Sonne
und es tut nicht weh
sie auf meinem Lächeln zu spüren
und der warme Sommerwind
lässt mich schweben
schweigen, fließen und genießen
ja, heute will ich lügen
es tut nicht weh

© Amy Herzog

Still

Einsamkeit fällt
am Rande des Rahmens
in meinen Wahnsinn
und bezieht die Nacht neu
unbarmherzig infiltriertes Malignom
du liegst mir auf der Zunge
und wärmst
was abkühlen soll
blute dich
aus meinen dunklen Träumen
damit ich endlich
Badewasser schmecke
sehnsuchtsstill

© Amy Herzog

mein Winter

lebe im winter
haut wie pauspapier
mit deinen bildern auf mir
dein streichholz
zündet
den funken hoffnung
im innern
und verbrennt
mich zur kalten asche
im schnee
blutspur farblos
zwischenwelt schweigt
bis mein winter
schmilzt
tragen schneeflocken
dieses leid

© Amy Herzog

Wir sind nicht zu Ende

Heute habe ich unterschrieben. Vom Gefühl her war es vergleichbar mit dem unterschreiben beim Paketboten. Nicht etwa für ein Paket mit ersehntem Inhalt. Eher so, als wäre in dem Paket nur heiße Luft. Ja, so fühlte es sich heute an, dieses Dokument zu unterschreiben. Gleichzeitig so, als hätte ich einer Hinrichtung zugestimmt. Meiner Hinrichtung. Bereitwillig. Und dabei habe ich auch noch verkrampft gelächelt. Mit meinen Gedanken war ich bei dir, bin ich bei dir. Nur deshalb konnte ich heute lächeln. Mein Brief an dich beinhaltet das erste Mal keine Einleitung. Kein ‚Hallo‘, kein ‚Guten Abend‘, kein ‚mein Liebster‘. Das wäre…unpassend. Aber du weißt, was ich denke. Und ich weiß, was du denkst. Nur hat niemand etwas gesagt. War das der Fehler? Nun habe ich Schwarzwälderkirschtorte in meinen Zahnzwischenräumen. Er mag sie. Ich mag sie nicht. Du auch nicht. Bei uns würde es nun reichlich Met geben und dazu Bratwürstchen im stehen. Und – es wird dich überraschen – für dich hätte ich ein Kleid getragen. Mittelalter, klar oder? Ich mache mir Gedanken. Bin ich eine Betrügerin? Ich glaube nicht. Nicht für ihn. Hab ja keinen Sex. Und meine Gefühle sind ihm egal. Das ich dich liebe spielt keine Rolle. Und das, was uns verbindet, würde er in tausend Jahren nicht verstehen. Er ist ein Schwanzdenker. Du nicht. Du ganz und gar nicht. Ich hatte erwartet, dass es sich anders anfühlen würde. Jetzt, wo ich unterschrieben habe. Stattdessen denke ich an dich. Schreibe dir einen Brief. Ich denke, dass ich ihn auch liebe. Nicht, weil er so ist, wie er ist. Obwohl er so ist, wie er ist. Und ich schreibe dir nun auch kein Ende. Denn wir sind nicht zu Ende, werden wir nie sein. Dieses Dokument ist wertlos.

tanz

blutmond lichtet uns
trinke insomnia aus deinem glas
roter lippenstift erinnert
an den langsam sinkenden tanz
den gestohlenen kuss
an glanzweite kerzenaugen
und sanftes saugen an meinem hals
dein inneres betten von eingeatmetem duft
sommersonnenaufgang und regen
nieselt auf wachsende herzen
die sich in eine richtung bewegen

© Amy Herzog

Für Niemand.

Ich bin nicht das, was du dir erschaffen willst. Ich bin ich. Ich bin eine Frau, zumindest im biologischen Sinn. Unterdurchschnittlich schön. Und der Körper, nur eine Massenkarambolage auf der Grundlage von jahrzehntelangem Selbsthass. Männer denken, sie können Frauen benutzen. Ich denke nicht. Und dann suchen sie eine Muse. Ich bin nicht deine Muse. Ich bin ich. Deinen Liebesbrief lasse ich im Zug liegen, damit ihn irgendjemand liest. Ich tue dir den Gefallen, obwohl ich mit mir selbst beschäftigt bin. Ich schreibe. Schreibe in mich. In mein dunkles Inneres mit schwarzer Tinte, damit du meinen Brief nicht lesen kannst. Und ich wälze mich nackt im Schnee, bevor ich an deine Tür klopfe. Unterstreiche meine dick-gedruckte Kälte im CAPS LOCK, während ich kursiv empfinde. Mit einem Lächeln begrüße ich dich, tue belesen und spreize die Beine. Seestern. Vergiss nicht, ein Kissen unter meinen Arsch zu schieben, ich will deine Höhenangst spüren. Ich will dein Fallen hören. Schiebe dich tief in mich und lies mich. Lies rücksichtslos meine Dunkelheit und ich diktiere dir meinen Schmerz dich zu lieben. Du berührst das, was du dir erschaffen willst. Aber ich bin ich. Zu komplex, dann noch verschwiegen. Ich berühre nichts. Dein Liebesbrief ist genauso weit weg wie ich. Du bist niemand. Ich bin wie du. Mir ist heiß geworden unter deinem schweren, nassen Körper. Ich will Schnee. Ich bin nicht deine Muse. Ich bin eine Frau. Ich bin ich. Ich bin nicht das, was du dir erschaffen wolltest. Ich löse mich auf.

mein Grab

Mein Geist war nicht tragbar
das Herz schmeckt nach Schlamm
belanglose Beerdigung windstill
nicht mal Regen hast du mir gebracht
doch mein Grab hat alles gesagt
letzter Text wispert Schwarzdrosseln
in blattlose Baumkronen
sie entfernen deinem Schweigen
mein tonnenschweres Gefühl
und kacken mir auf’s wuchernde Unkraut

© Amy Herzog

Fotografie

Hoch über mir hängt ein ausgeblichenes Foto von dem Menschen, der ich gern wäre, mit wem ich sein könnte, wie es sein kann, alles so abstrakt. Auf meinem Tisch ein schnelles Essen, ohne Liebe zubereitet. Trotzdem nährt es den müden Kadaver, das muss es ja schließlich. Leben muss, Körper muss, ich muss. Heute dies, morgen das. Und das Lächeln, das ich mir angetrunken habe, nicht zu vergessen. Bin es leid, diese Angst haben, leid, sie allein zu haben, einfach nicht mehr darüber zu reden, weil ich sie niemandem zumuten will. Ach, was rede ich, niemand könnte mich tragen. Schon gar nicht dieser Mensch, diese zwei Menschen auf meinem Foto. Ich bin es leid, das schön reden, das Betäuben, diese angstverseuchte Ödnis. Diesen Abklatsch meiner Selbst. Den tagtäglichen Anfang und das Ende, das mir hinterher hechtet. Und all das, was ich niemanden sehen lasse. Niemanden sehen lassen kann. Diese Angst, diese verdammte Angst, die mir nach all dem guten zureden, in meinen täglichen Enden im Wege steht. Jeden Menschen vertreibt. Bin es leid zu flüchten, vor mir, vor dir. Mich hinter meiner Fassade zu verstecken. Nur die Tür habe ich schon lange aus den Augen verloren. Und die Anderen, ihnen genügt die Oberfläche. Das tragbare. Sie denken, ich spiele mit ihnen, dabei spiele ich mit mir, nur um mich zu bewegen, um kurz etwas zu fühlen um dann wieder allein und banal zu sterben. Dieser elendig-gewohnte Kreislauf, diese Sicherheit, die mir am Ende des Tages nichts gibt. Und meine wahren Träume finde ich erst im Bett. Ja, schlafen kann ich gut. Ich muss. Im Traum habe ich keine Angst. Im Traum sehe ich diese Fotografie. Im Traum fühle ich sie, lebe ich sie. Und dann präsentiere ich, frisch und munter ausgeschlafen diesen strahlenden Menschen, diesen starken Menschen, der Angst davor hat, gerettet zu werden und sich gleichzeitig nichts sehnlicher wünscht als das. Aber ich rede es gut. Ich bin happy.

Vielleicht

Vielleicht
liegst du auf meiner Zunge
Stillstand denkt nach
runter schlucken, ausspucken
Organe debattieren
vielleicht am offenen Bauchgefühl
dabei hast du dich zersetzt

Vielleicht würd’s Denken enden
wenn ich nicht schreibe
Finger bluten im Sekundentakt
vielleicht würd’s implodieren
Herzkernschmelze
und ließe nichts zurück
vielleicht

© Amy Herzog

aneinander vorbei

Ja, vielleicht ist sie naiv, vielleicht vergibt sie viel zu viele Chancen an Menschen, die es nicht einmal bemerken. Während die letzte Chance gerade erst den Weg in den Abfall findet, fliegt die Nächste schon hinterher. Und so langsam spürt sie, dass ihr die Chancen ausgehen. Jedes Mal ein Stück Seele herausschneiden, es hübsch verpacken, so tun, als machte es ihr nichts aus und die neue Chance überreichen. Das wäre nur halb so schlimm, wenn diese Menschen es wenigstens verdient hätten. Wenn er all diese Chancen verdienen würde. Ne, das wäre ja nur halb so zerfleischend. Und wenn sie dann doch irgendwann weiterzieht, versucht, das was noch von ihr übrig ist, das durchlöcherte, verdreckte, zerfledderte Stückchen Seele irgendwie zu flicken, dann nennt er sie Nutte. Komisch, ein Mann muss nicht einmal zerfleddert sein, um sich ebenso zu verhalten. Und er ist dann ein toller Hecht. Ne. Für sie nicht. Für sie ist er ausgelutscht. Verbraucht. Für sie ist er eine Nutte. Noch dazu eine eifersüchtige Nutte. Immerhin genügt ihm der Gedanke, sein Gedanke als Beweis dafür, dass sie sich in den Armen eines anderen Mannes trösten lassen würde. Selbst wenn dies nicht der Wahrheit entspricht. Sein Urteil steht fest. Und um sich von dieser Eifersucht abzulenken, lässt er sich trösten. Ja. Sie gibt ihm zu viele Chancen, jeden Tag redet sie sich gut zu, während sie sich bemüht, es nicht zu tun. Aber sie sieht über all das hinweg. Sie sieht in seine gute Seele. Mit jeder neuen Chance. Mit jedem Stück neuer Seele. Ja, sie ist naiv. Aber er, er ist vollständig gedankenlos.

Die unerfüllte Liebe

Dieses Stück*
es war mein erstes Mal
hat die Liebe in mir geboren
vor langer Zeit
erklärt

Noten zu steril
Worte immer viel zu viel
ich schmecke Farben
und fühle Glück
in allen Narben auf meiner Haut
die diese Liebe hinterlässt
jeder Ton malt tausend Bilder in meinen Gefäßen
sie treiben mein Blut, den Rhythmus
ergießen aus wunden Fingern
und wärmen mich durch meine Winter
wie ein Liebeskranker
seine Arme um mich schlingt
schmerzverzehrend
doch nur einen Kuss stiehlt
wieder und wieder

Wann immer sie mir fehlt
schreibe ich ihr
dieser unerfüllten Liebe
selbst wenn ihr kein Wort gerecht wird
schreibe ich ihr bis ins Ende

© Amy Herzog

*Beethoven’s für Elise

täglich einen Brief

in den Absätzen erfundener Sprache
verfasse ich an dich, mein Liebster
täglich einen langen Brief über Liebe
und lese aus den Spuren meines Herzens
dein in Sicherheit ruhendes Seelenfragment
in dieser unsicheren, gar feindlichen Welt
kannst nur du die Wahrheit in mir lesen

© Amy Herzog

komparse

ich bin klein
komparse
in der letzten reihe
rufe zwei mal täglich sehnsucht an
bleibe im wald allein
wie zersplitterter nagellack
an alten rinden kratzt

nur ein brief in schwarzer tinte
kann ihn nicht mehr lesen
grauer nebel
schläft auf meinem rücken
mückenstiche
bleiben mein gefühl

ich bin klein
gedichte brechen
während ich leichen lache
und wie ich wache
durch jede schwarze nacht
lacht sie mich aus
die sehnsucht

zwei mal täglich rufe ich dich an
beständigkeit ist dumm
habe ich gelernt
doch bin ich hier allein und stumm
kratze meinen lack noch ab
und kündige die rolle
in diesen stück

© Amy Herzog

Obskures Einhorn

Ich bin Realistin. Ja, auch Pessimistin. Vielleicht sogar ein bisschen Optimistin, gelegentlich, wenn sich die Gelegenheit bietet. Wenn ich etwas erwarte, dann zugleich alles und nichts. Murphys Law nicht zu vergessen, sogar bevorzugt im Fokus stehend. Das verhindert nicht den Schmerz, aber man kann sich selbst guten Gewissens sagen: „Ich hab’s dir ja gesagt“. Und da würde ich gern sagen, dass mich nie etwas überraschen kann, aber selten passiert das doch. Es passiert eben viel, das ist immer so, bei jedem. Es ist immer viel passiert, die Geschichte, die wir kurz halten wollen, ist in Wahrheit immer lang. Und dann gibt es diese Menschen, da findet die Geschichte weder Anfang noch Ende. Das sind diese Geschichten, über die man nicht spricht. Nicht etwa weil man es nicht möchte, sondern weil sie nicht erzählt werden können. Was auch immer diese Geschichte aber gewesen sein mag, sie ist es, die uns ausmacht. Die Dinge, die in keinem Albtraum vorkommen, die Wahrheit, aus der man nicht so einfach aufwachen kann. Daraus sind wir entstanden. Wir, die Menschen mit den endlosen Geschichten.

Und trotzdem, selbst wenn wir nicht über diese Vergangenheit sprechen wollen, weil wir sie verdrängen, vielleicht noch verarbeiten, oder sie einfach nichts mehr in der Gegenwart und der Zukunft zur Sache tut, sie macht uns dennoch aus. Wir sind das Resultat aus dieser Geschichte, aus unserer, ich aus meiner. Und manchmal wird man der verschlossenste Mensch, dem man begegnen kann. Nur damit dieses albträumen ein Ende findet, damit Ruhe einkehrt, Verlässlichkeit in einer Welt, in der nichts wirklich sicher ist. Unweigerlich wird jeder Mensch einem Test unterzogen. Nein, nicht mit Papier und Kugelschreiber. Viel härter ist dieser Test. Er testet jedes Wort, jeden Atemzug, jede Regung, dieser Mensch wird durchleuchtet, wieder und wieder, jede Handlung wird hinterfragt. Jede Sekunde wird beurteilt. Der Test startet sofort und endet, wenn ein Bestehen ausgeschlossen werden kann. Und dieser Test wird nicht wiederholt.

Denn damit sich diese Menschen, wenn auch nur für die Gegenwart und die Zukunft wahrhaftig öffnen, braucht es ein Testergebnis von 100%. Was, wie soll es anders sein, vollkommen unrealistisch ist in dieser Welt, in der gar nichts sicher ist, mal abgesehen von der Unsicherheit. Fair ist dieser Test auch nicht. Es werden keine Fragen gestellt, keine wichtigen. Jemand sagte mir mal „Lass die Menschen reden, sie erzählen ihre Geschichte“. Nun, die Geschichte ist irrelevant. Aber das, was die Geschichte aus diesen Menschen gemacht hat, das ist wichtig. Und sie leben es, zeigen es, strahlen es aus. Ich bin nicht sicher, wie ich bei all diesen Tests abschließe. Es kommt ja niemand daher und erfragt sein Ergebnis, so auch ich nicht. Aber ich denke man merkt es, wenn man bestanden haben sollte. Nicht jeder Mensch braucht diese 100%. Aber diese Menschen mit den nie enden wollenden Geschichten, diesen Albträumen, sie brauchen diese 100%. Wie gesagt, bin ich aber auch Realistin und lasse auch 99% noch durch. Nicht so ganz geöffnet, aber sehr viel.

Eine Sache, die ich dabei nicht zugeben mag, die aber bei diesen Menschen mit den nicht enden wollenden Geschichten durchaus häufiger vorkommt ist, dass sie Träumer sind, irgendwo versteckt, in der Nacht, im Hinterkopf, in der Stille, in der Einsamkeit. Es sind die zerbrochenen Menschen, die Stärksten der Starken. Und ich glaube an echte Magie, an das Unrealistische, an diese 100%, an die wirklich wahre Liebe, an Bedingungslosigkeit, an verwandte Seelen, an das Gute und an die beständige Ewigkeit. Ja, das ist das Selbe wie an die Existenz von Einhörnern zu glauben. Besonders, wenn der Test so gnadenlos hart ist, wie meiner es ist. Aber es handelt sich dabei nur um ein Geheimnis. Ich bin also eine Realistin die stets alles erwartet, erfahrungsgemäß Murphys Law, das Unerwartete, das zu erwartende.

Und dieses obskure Einhorn.

Meine Enden

Habe meine Enden gesehen, dem Tod persönlich die Hand gereicht, ihn umarmt. Er macht mir keine Angst. Nicht so, wie die Lebenden, diese lebenden, erbarmungslos unterkühlten Wesen, diese Lebenden. Für ihn habe ich die Wohnung geputzt. Habe mich frisiert, die Nägel lackiert. Ja, sogar den Kühlschrank gefüllt. Habe die Sonne ein letztes Mal auf mein Gesicht scheinen lassen und sie genossen. Habe mich von ihr verabschiedet. Und schaute nicht zurück.

Da war keine Trauer, keine Verzweiflung, keine Wut, kein Gefühl, kein Schmerz, ja nicht mal die Liebe. Weder Kälte noch Wärme. Es war völliger Stillstand. Ruhe. Ruhe vor dem Sturm. Kein Ende sollte mein Ende sein. Als hätte der Tod nicht nur das, was ich gesehen hatte, in meinen Augen gesehen, sondern auch das, was ich noch sehen muss, bevor er mir das Ende gewährt. Was ich sehen muss, das weiß ich nicht. Vieles habe ich seither gesehen. Und in meinen Augen kann man es lesen. Eine Bibliothek, die das Mark in den Knochen verbrennt, sobald man sie betritt. Meine Fragen, diese vielen Fragen, sie werden leiser mit der Zeit, mit dem, was ich sehe. Nur was ich noch sehen muss, diese Frage steht oben. Sehen oder Fühlen. Erleben. Wie viele Enden noch. Oder liegt darin ein Anfang?

Es ist nicht der Tod, der mir Angst macht. Es sind die Lebenden und das was ich noch von ihnen sehen muss. Und das, was es noch mit mir machen wird, wie es meine Augen verändern wird, wie sie mir die Pigmente aus den Augen ziehen. Verblassen. Wieder etwas heller sind sie, die Augen. Und die Seele voll Furchen. Ich höre das Lachen, es ist nicht so, dass ich es nicht hören würde. Ich ignoriere es nur schlicht und ergreifend. Und es ist nicht so, dass ich nicht hinschauen würde. Ich schaue nur lieber Richtung Sonne, falls ich mich verabschieden muss, dann von ihr.

Romantik

Höre die Romantik im Herbstlaub knistern, bin nur nicht romantisch, liegt mir nicht. Bin eher so die tragische, mit dem Sinn fürs Absurde. Die dummen Ideen? Ja, die kommen meist von mir. Hinter dem bisschen Grips steht eben doch jener verrückte Professor, der täglich ein neues Monster erschafft. Und wenn die Uhr nicht mal mehr im Schein einer kleinen Kerze zu sehen ist, dann ist die Nacht tief genug für eben dieses Monster. Romantisch wird es dann nicht, das Laub, das bis zum Sonnenuntergang noch romantisch knisterte, klebt in der feuchten Nachtluft am Asphalt, die wenigen einsamen Seelen, die dann noch unterwegs sind, rutschen allenfalls darauf aus und belustigen mich, bis der letzte den Weg in seine verflossenen Träume gefunden hat. Für mich wird es dann aber interessant. Dinge passieren, die nicht passieren sollten. Dinge werden gesagt, die im Licht zu ehrlich wären. Und Dinge werden getan, die ganze Leben bewegen, verändern können. Und dann gibt es kein Zurück mehr. Ob der Nächste Tag verregnet sein wird, oder das Absurde doch ein Happy End schreibt, tja, das kommt drauf an.

Angst

In letzter Zeit bist abgelenkt von deinen Gedanken, versuchst sie zu verdrängen, dich in Kunst zu flüchten, in Musik und in deine Arbeit, eine klare Sicht behalten ist die Hauptsache, sagst du dir immer wieder, willst stark sein, dein Kopf sieht das anders, sieht in deiner Hauptsache nur noch eine unbedeutende Nebensache. Deine Bemühungen nur, um dich am Ende wieder in diesen Gedanken zu verlieren, welche dir jeden Tag, den ganzen Tag im Hinterkopf klemmen, fast wie ein Parasit. Diese Gedankenöffnung voll Lust und Tiefe, aber dann diese Gedanken, die du nie wieder fühlen wolltest, weil sie dir einmal zu viel beinahe das Leben gekostet hätten. Du hast Angst, du bist erwachsen, aber du fühlst dich wie ein Kind, das niemand sieht, bist allein mit diesen Gedanken, der Angst. Nein, sagst du dir immer wieder, NEIN! Jetzt wird gearbeitet. Und heute Abend trinkst du dich in den Schlaf und hoffst, in deinen Träumen nicht zu denken, nicht zu fühlen. Hoffst, dort die Angst nicht zu verlieren, die Erde unter deinen Füßen, die dir, wenn du wach bist, sowohl das Leben rettet, als auch nimmt. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Es ist zwar kein Drabble (das hatte ich bereits geschrieben), trotzdem sind dort die aktuellen drei Worte von Lyrix untergebracht 🙂 Nur so aus Spaß an der Freud.

nicht konkret

Nicht konkret
nur wie Wasser durch’s Sieb
wollt‘ noch bleiben
warte aber länger auf den Bus
blocke random Leute
damit sie mir gleichgültig sind
und tanze wild durch die Gegend
damit ich mir kurz glaube
dass alles gut ist

Höre Musik
die mir nicht gefällt
aber selbst wenn mich nichts hält
wird mir im Magen flau
und dann laufen wieder Tränen
obwohl ich vor Hass nicht denken
aber noch immer fühlen kann
nur nicht zu konkret

Halte fest
was ich nie hatte
nur damit ich etwas halten kann
verstecke hinter Masken
wo ich nichts zu sagen habe
würd‘ aber gern mal drüber reden
bis der Bus kommt
nur deswegen
bloß nicht zu konkret

© Amy Herzog

Dein sein.

Ich kann diesen Mord verstehen. Es musste ja so kommen, denke ich in den letzten Minuten meines Lebens, während es nach und nach dunkler und leichter in mir wird. Das Blut, mein Blut, welches sich in einer dunkel-dickflüssigen Lache um mich herum ausbreitet, kann ich sehen, aber nicht mehr fühlen. Nicht die Wärme, auch nicht die Nässe. Mein regungsloser Körper ist nicht mehr, nicht mal mehr kalt. Und nachdem ich all die Jahre selbst unter den zahlreichen Betten verflossener Liebhaber mit einem Messer gelegen hatte, wartend auf die Gelegenheit ihnen dieses Messer in die Brust zu stechen, sie aufzuschlitzen, um ihnen das Herz zu entnehmen, es einzulegen in Formaldehyd, damit es für immer mein sein würde, war es der einzig logische Weg, dass einer von ihnen mir nun den Garaus macht, sich das traut, was ich nur stillschweigend lebte. Noch dazu hat er, unwissend darüber, dass ich eine Weile auch unter seinem Bett lag, nicht nur sein Leben gerettet, sondern vor allem das seiner Brüder. Ich jammere also nicht herum, ziehe keine schmerzverzerrte Fratze, sondern blicke starr, mit glänzenden, erwartungsvollen Augen in die Augen meines Mörders. Und ich kann diesen Mord verstehen. Ihm wollte ich mein Herz entziehen, er wollte, dass es für immer ihm gehört. Und gleich wird es vorbei sein, ich werde vorbei sein, gleich bin ich dein.

Schwanken

Ich schwanke. Schwanke noch ein wenig vor mich hin, etwas vor und wieder zurück. Hin und her. Newtonpendel. Mit jedem Stoß ein Seufzen, das du nicht hörst. Versuche Zweifel durch ein Nadelöhr zu schieben, aber selbst wenn ich damit jede Wunde, die du öffnest, verschließen könnte, wäre der Faden viel zu aussichtslos. Solange ich dich aber vor mir herschiebe, schwebt die Leichtigkeit in Gewitterwolken. Unwetter droht, bellt, aber kann nicht beißen. Und solange kann ich dich festhalten. Wenn das bedeutet, dass ich mir Blutergüsse in die Unterlippe zeichne, statt dich zu küssen, dann wähle ich die Last auf meinem Körper dich vor mir herzuschieben und in Seekrankheit zu leben. Und wenn ich regne, dann leise in der Sommernacht, damit dich der Morgen mit saftigen Wiesen und getrocknetem Beton begrüßt. Dann schaue ich wieder zu lange aus dem Fenster, beobachte die Lebenden, ein Vorbeiziehen und die Jahreszeiten. Es dauert eine Ewigkeit über deine Gedankenlosigkeit nachzudenken, während dein Lachen mein Ohr bluten lässt. Ohne Rücksicht auf Verluste. Du hast ihn kennengelernt, den Verlust, er hat dir die Menschlichkeit genommen, die ich gesucht habe. Aber nicht das gebrochene Herz. Nicht die Angst vor dem inneren Tod. Und nicht das Ziel, das hinter dem Winter ruht. Ohne Handschuhe berühre ich es. Und was mir der Verlust aus blauen Fingerspitzen zieht, ist das Gefühl. Mein Gefühl. Mich. Alles was mich schützt, mich ausmacht, was ich mühsam gefunden und gesammelt habe. Die zerkratzte Oberfläche lässt er mir, damit es in jeder Wunde brennt. Es brennt. Und ist es das Wert? Sag, ist es das Wert, dich nicht mehr mit dieser Leichtigkeit vor mir herzuschieben? Ist es das? Es ist bunt, es ist hell, wild, große Gefühle und Sex. Die Wahrheit jedoch steht in den Spuren im Schnee. Und dann neue Hämatome. Ich möchte sie zählen, aber ich schwanke. Ich schwebe. Ich schwanke.

Entscheidungen

Das Leben besteht aus einer Aneinanderreihung kleiner Entscheidungen. Ja oder Nein. Viel oder wenig. An oder aus. Klein oder groß. Die meisten davon sind nicht von belang, wir leben damit, leben so vor uns hin, fließen und nehmen, sind glücklich oder nicht. Und wenn es uns nicht gefällt, entscheiden wir neu. Das meiste ist wie ein Stück Schokolade, eine kurze Freude wird zur Gewohnheit, gerät in Vergessenheit. Es lebt der Moment. Niemand von uns wird sich auf dem Sterbebett daran erinnern, dass er Maurer statt Maler wurde. Es ist so. Und niemand wird sich daran erinnern, ob man das Licht an oder ausgeschaltet hat.

Wenn wir aber dem Tod ins Auge blicken, dann denken wir an die wirklich wichtigen Entscheidungen. Nehmen wir an, dieser Tag ist heute, genau jetzt. Und wir denken an Wahrheit oder Lüge, an Liebe oder Hass, an einen Schritt nach vorn oder zurück. An Leben oder sterben. Hast du dich heute schon entschieden? Und war es dir wichtig, wirklich wichtig? Nicht immer haben wir Einfluss auf die wirklich wichtigen Entscheidungen. Aber wenn doch, dann entscheide. Jetzt!

22 30 Ende

zweiundzwanzig Stunden lachen
dreißig Minuten reichen mir nicht aus
hab’s kurz gespürt
und wieder an der Angst gerührt
zu lieben
verstecke mich dahinter
fühle, fühle, fühle
und hasse es
dafür

hasse dich
aber gerade ein bisschen mehr als sonst
kurz den Tod gewünscht
und bereut

schwer mir einzugestehen
wofür ich so früh aufgestanden bin
und bin nicht gut darin, etwas zu beenden
nicht zu brennen
was in Flammen steht

lerne schweigen
hab’s mir von dir abgeguckt
mit banalem Wort
und mitten im Satz ein kleines
Ende

© Amy Herzog

nur ein Spiel

Geöffnete Arterien
multiplizieren sich für eine Nacht
spielen große Gefühle
spielen Schach bis Remis
spielen Russisch Roulette
spielen Poker
malen nach Zahlen

und warten auf die Rechnung
während der Pinsel Muttermale verbindet

Gerinnt der nächste Morgen
und verschwitzte Wände schmecken kalt
so will ich blutleer sein
weil ich zu hoch verloren hab

Vernähe doch nur kurz die blauen Lippen
mit geliehenen Sekunden
und spiele ein letztes großes Spiel
mit meinen Wunden
bis im letzten Blick ein Schmerz gewinnt

© Amy Herzog

ewige Nächte

kippe Benzodiazepine auf mein Bauchgefühl
bis mein Kopf in den Seilen hängt
sehe rosige Wangen und tropfenden Mond
es duftet nach zeitlosen Laken, Staub und Hunger
der mich durch ewige Nächte gleiten kann
und ich traue mich nicht zu fragen
ob die Ewigkeit ein Ende kennt
denn wohin mich auch die Seile tragen
ernährt mich dieser Mond in jedem Kuss

© Amy Herzog

albtraum

Sehnsucht malt in die Nacht
– du albtrügerisches Zaubermärchen
im luftleeren Raum
und für den Moment halte ich den Atem an
wünschte, ich könnte es ewig
doch erwache ich dem Traum und trauere darum
wie Angst in mir tanzt
(und mein Skelett pulverisiert)
mich beinahe selbst verloren zu haben
liegt im Ende erst der gnadenlose Anfang
wenn Verzweiflung ein neues Bild
mit einem Blick
aus Nachtsternen formt

© Amy Herzog

die vergessene Blume

Die Erde unter meinen Füßen
duftet nach Regen und eben diesem Frühling
der nur weiche Brotkrumen hinterlässt
und lässt die Schweigepflicht auch Poren
öffnen ist die eine Blume doch verloren
wenn sie als einzige blüht

So welkt sie trotz des vielen Regens
und verliert das kleine Glück des Lebens
ich doch nur ein Weg zurück
verspreche mir doch weiter geradeaus
und breche dieses nicht
die kleine Blume längst vergessen
trinke ich von deinem wortsanften Regen
auch dann nicht, wenn er mich
mit weichen Lippen küsst

© Amy Herzog

Verliebt.

Als ich mich in dich verliebt habe, wusste ich, dass es ein Fehler war. Aber…es war so die Art Strömung, die sich nicht aufhalten ließ. Ich konnte mich nur treiben lassen und warten, bis ich irgendwo strande und hoffen, dass dieser Tag niemals kommen würde. Denn selbst wenn wir nur da saßen, Pizza aßen und die Nächte schweigend miteinander verbrachten, hatte ich das Gefühl, dass ich atme. Es war so leicht. So leicht mit dir. Ich brauchte dir nicht zu sagen, dass ich mich in dich verliebt habe. Du hast es für mich laut ausgesprochen. Und das ich dich in diesem Moment nicht anschauen konnte, war die deutlichste Bestätigung, die ich aufbringen konnte. In dieser Sekunde blieb mein Herz für einen Moment stehen. Es war so erleichternd. Befreiend. Und während ich weiter trieb, sagtest du nichts. Wie nahe Hass und Liebe beieinander liegen, die Verzweiflung, das Leid, den Ekel vor dir, vor mir und nach jedem Mal dieses bittersüße, gottverdammte Bereuen und all diese weiteren unmöglich zählbaren weiteren Gefühle, die diese Strömung nach und nach mit sich riss, hast du mir gezeigt. Aber irgendwann wurde mir kalt, in irgendeiner Nacht lag ich neben dir und spürte, wie sich mein nasser Körper von Wind überzogen mit Sand verklebte. Land. Dieses Land, das ich nicht auf meiner Haut spüren wollte. Endlich Land. Die Nacht würde vorbeigehen und mein Körper trocknen mit den ersten Sonnenstrahlen des Morgens. Das wusste ich, daran hielt ich mich fest, während ich meine Hände von deiner Brust nahm. Und als du dich in mich verliebt hast, wusstest du, dass es ein tragisches Ende war. Ich glaubte, dass du es wusstest. Laut ausgesprochen habe ich es nie.

blutleer (Drabble-Dienstag)

Dieses mal sehr früh. Beitrag zum Nächsten Drabble-Dienstag mit Lyrix. Einhundert Worte, davon folgende drei vorgegeben: Öffnung, Sicht, Erde.

blutleer

Du rauchst mehr als üblich, die Stimme kratzt, aber es hält dich auf der Erde, während du die innere Naturkatastrophe zu bändigen versuchst. Es hält dich ab, deiner Neugier, dem Gefühl zu fliegen, nachzugeben. Liebe ist schön, haben sie gesagt, ein besonderer Mensch. Aber niemand hat dir erzählt, dass die Öffnung deines Herzens auch bedeutet, zu bluten. Und wenn niemand diese Blutung stillt, du verblutest. Und es geht nicht schnell, nein, es hält eine Ewigkeit, während dir unzählig Süßholz raspelnde Floskeln die Sicht verklären. Dann starrst du aus dem Fenster, denkst an nichts, nur an immerwährendes bändigen im blutleeren Raum.

Jäger

Der Hahn kräht nicht
und ich verschlafe das Leben
was könnt’s mir auch schon geben
nur den Jäger in meiner Brust
mit gespanntem Bogen
sobald ich die Augen öffne
weil ich ein Märchen ersehne
während ich im Traum
Wunde um Wunde vernähe
mein Herz, der Hahn
ich jage ihn mit eigenem Wahn
und warte noch auf Leben

© Amy Herzog

Realität / Traum

Kurz Realität
Gardinen aufziehen
und Fakten reinlassen
die Oberflächlichkeit
brennt mir die Augenbrauen
schmeckt abgestumpft
und hinterlässt Laufmaschen
auf meiner Zunge

Ziehe die Gardinen wieder zu
und putze Träume der letzten Wochen
von haarig-gewordenen Zähnen
das Fell allein spendet keine Wärme

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Der Traum schmeckte
nach Kokosnuss am Strand
und nach Sand zwischen den Zehen
wie endlose Zeit auf einer Decke
am Rand des Wassers

Und nach süßer Melancholie
zu jedem Nachtisch
weil ein Leben am Ende zu kurz ist

© Amy Herzog

*zensiert*

Lange Zeit habe ich mich davor gedrückt, die Wahrheit auch nur ansatzweise zu denken, geschweige denn sie aufzuschreiben oder sie jemandem anzuvertrauen. Aber dir kann ich sie schreiben, wobei ich selbst da all mein Mut brauche. Das Problem ist nur, ich habe keinen Mut. Trotzdem werde ich es dir es dir anvertrauen. Ich muss. Ich werde es dir schreiben, unverblümt, werde ich es dir so schreiben, wie es ist. Wie ich fühle. Die Wahrheit. Und ich werde es niemandem sonst schreiben und schon gar nicht erzählen, ich werde nie wieder so sehr daran denken, wie in diesem Moment, wenn ich es dir gleich schreibe. Fühlen werde ich all das, was ich dir schreibe, natürlich weiterhin. Warum ich es dir jetzt schreiben muss, obwohl ich den Mut nicht habe, fragst du dich? Weil ich es fast nicht mehr sehen, die Worte nicht mehr greifen kann. Und es gräbt sich immer tiefer in mich hinein, bis ich es gar nicht mehr sehen kann. Aber ich werde es dir schreiben, damit ich mich, wenn ich den Mut finde, irgendwann daran erinnern kann. Ich werde für das nun folgende nicht viele Worte benötigen, nur eine Kraft, die sie tragen kann. Und ich werde dir diese Worte schreiben, bis mir die Tränen kommen. Denn erst dann kannst du wirklich die Wahrheit lesen.

*zensiert*

(weil blutig geschrieben)

Jetzt, wo ich weine, finde ich es praktisch vor dem unscharf flimmernden Bildschirm schreiben zu können, denn ich muss weder ihn, noch die Tastatur sehen können. Erleichtert bin ich nicht, aber nun kennst du die Wahrheit und wenn es so weit ist, kannst du dich für mich daran erinnern. Ich schaue nach draußen, während ich schreibe, es ist dunkel, vielleicht ist der Mond am Himmel, vielleicht auch nicht. Die Grillen singen wieder ihr Lied, der Rest der Welt schläft noch oder schon. Es fühlt sich so an, als würde ich nicht allein schweigen. Weinen. Leise. Und dabei nicht atmen. Mich in Zeitlupe bewegen. Ich stelle mir vor, dass irgendjemand, in genau dem selben Moment das selbe fühlt wie ich, in ein Tagebuch schreibt, es vor aller Welt zensiert und nichts weiter zu sagen hat, aber dennoch gern darüber reden würde.

*Zensierter Tagebucheintrag unbekannten Datums

bitter

fresse stundenlang lavendelseife
um schmutzbehaftete gefühle zu bereinigen
sie moussiert in blutenden wangen
weil sich meine worte
am morschen larynx verfangen
– seife nutzlos
doch brennendes fleisch
stopft jedes loch mit erbärmlicher galle
wie die gans an weihnachten
der vorgetäuschten liebe
doch nur ein geschlachtetes wesen
so wie ich angestarrt werde
wenn ich dir mit bittersüßen tränen
dein tägliches fest verderbe

© Amy Herzog

Seelenverwandtschaft

Wer hätte erwartet, dass ich in diesen zerrissenen Zeiten, zwischen all den Albträumen, den schlaflosen Nächten und den tausend Toden gerade bei dir, ausgerechnet bei dir meine Ruhe finde, eine Zuflucht und eine Schulter, einen Arm, der mich festhält? Ich ganz sicher nicht und du? Vielleicht. Vielleicht hast du das so erwartet. Nein. Ich denke nicht. Aber vielleicht. Ich weiß es nicht. Ich muss es auch nicht wissen. So vieles weiß ich gerade nicht. Meiner selbst bin ich jedoch sicher. Aber das Boot, auf dem ich mitten im Ozean treibe, ist voller Risse. Und dann tauchst du auf, wie aus dem Nichts und rettest mich vor dem ertrinken, als hättest du nie etwas anderes getan, als wärst du selbst nie schwankend gewesen, als hätte dein Boot nicht die selben Risse. Nichts von alle dem tut mir gut, in diesen unsicheren Zeiten. Das weiß ich. Nur hätte ich nicht erwartet, dass ich so leicht zerbreche, bis ich das Klirren hörte und es zu spät war. Aber diese außergewöhnliche Seelenverwandtschaft, die es nur ein mal in einer Existenz gibt und so selten, sie tut mir gut. Diese, für die man eine Straftat gesteht, die man nicht begangen hat. Dich zu fühlen, verbindet die frischen Wunden meiner Seele, fegt die Scherben meines Herzens auf und legt sie behutsam in den Schlaf. Wer hätte das erwartet.

Ein letzter Kuss

bei der Obduktion
findet sich vielleicht noch ein wenig Herz
das sich zu spenden lohnt
und Haut
für neue Narben
überall wieder neue Narben
die blauen Augen möchte niemand haben
sie haben zu viel gesehen
und während ich im Wartezimmer darauf wette
nur um mich selbst zu verlieren
verrottet im Sarg etwas
woran ich mich festhalten muss
und hätte ich noch einen letzten Atemzug frei
würde ich dich küssen

© Amy Herzog

Ende

Der Dolch
inmitten meiner Brust
ist unvermeidlich

Dem elendigen Schmerz
so tief wie der Marianengraben
stopft er das Maul
gesellt dich zu den Geistern
die mir meine wunde Seele rauben

Endlich kann ich glauben
unsere letzte Nacht
fand Ende
ich schließe sie mit einer Brosche
und vernähe die blutende Geschichte
mit deinen Wimpern

© Amy Herzog

Phantomschmerz

Herzamputiert
mit Giftmüll verbrannt
der Rest ist Phantomschmerz
kotze den Rotz verschlissener Liebe
lausche dem Klang deiner Zufriedenheit
schlucke überdosierte Illusionen
und stanze mir das Lächeln
das du dir wünscht
ins kalte Gesicht

© Amy Herzog

seelen

zwei seelen
die sich vor hunderten
jahren
verloren haben
tanzen
allein

verloren, verirrt
verwirrt
worte und stimmen
gehörlos
im eigenen nebel
zeit erklimmen

finden
rasten, lieben
im körper eingesperrt
geblieben
tanzen
allein

schweben
irgendwann leben
im sterben
halten
fallen lassen
seelenfäden verblassen
werden eins
und frei

© Amy Herzog

Wenn Worte zu klein sind.

Wenn sich die Frage stellt,

wie schlimm etwas ist

und nur noch schweigen

die Antwort sein kann,

dann nur, weil dem kein Wort

keines der ganzen Welt

noch gewachsen ist.

© Amy Herzog

Albtraum

Seeleneiter fließt aus meinen Poren
du garnierst mit Lilien und Salz
und schlingst ohne Luft zu holen
die Fleischeslust aus deinem warmen Schoß
in die zwielichtigen Ecken deiner Haut
es graut mir, zittert, flimmert
tief durch die Äste meines Lebens
und winselt, wimmert dir ein Lächeln ins Ohr
trinkst es, wie den ersten Regentropfen
nach einer verbrannten Nacht
bleibt mir dies ein Albtraum
schwitzend, dreht und wendet
doch bin ich nicht mehr aufgewacht

© Amy Herzog

Von Lüge, Wahrheit, Sinn, Misanthropie und dem Sargnagel.

Der mir liebste Misanthrop ist wohl Schopenhauer. Ich hätte ihn, lebte ich in seiner Gegenwart, aus der Ferne sehr gemocht. In die Vergangenheit zu mögen finde ich jedoch ähnlich gut, wenn nicht sogar besser. Jetzt gerade finde ich mich in seinen Niederschriften wieder. Eines lässt mich nachdenken: „Nichts ist leichter, als so zu schreiben, dass kein Mensch es versteht; wie hingegen nichts schwerer, als bedeutende Gedanken so auszudrücken, dass jeder sie verstehen muss.“ (Schopenhauer) Nun, ich denke darüber nach und gleichzeitig auch über die Sinnhaftigkeit. Ich begehre und verachte gleichermaßen, die Welt und die Menschen, die ich nicht verstehe und/oder viel zu gut verstehe. Schopenhauer war im Übrigen auch ein moderner Tierschützer seinerzeit. Aus der Ferne hätte ich ihn gewiss sogar geliebt, selbst wenn ich dieses Gefühl verachte. „Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt“ – das ist, wie jeder wissen sollte, von Goethe. Ich begehre diese Melancholie in mir, die mir eines Tages ein Sargnagel sein wird.

Ich denke nicht, dass das was ich empfinde falsch ist. Es ist genau genommen weder richtig noch falsch. Allenfalls deplatziert. An ein Zitat von Schindler denke ich seit jungen Jahren immer mal wieder: „Weit entfernt davon bin ich, ein Heiliger zu sein, habe als maßloser Mensch viel mehr Fehler als der große Durchschnitt derer, die so sehr gesittet durchs Leben schreiten.“ Dabei denke ich nicht daran, wie/ob ich richtig oder falsch bin, sondern wie andere empfinden. Und wie ratsam es eben ist, „bedeutende Gedanken so auszudrücken, dass sie jeder verstehen muss“. Verändert das etwas? In meinem Handeln wohl, ja. Jedoch bemühe ich mich, brav meine Steuern zu zahlen und so wenig Leid wie möglich zu verursachen oder zu unterstützen. Juckt halt keinen, aber mich.

Wie ist es aber mit der anderen Welt, der eigenen, in der sich auch Schopenhauer bevorzugt aufgehalten hat? Diese Welt wage ich gerade kaum zu betreten. Diese gnadenlose Ehrlichkeit darin gleicht einer Eiszeit, einem Asteroiden-Einschlag, den kein Organismus überleben würde. Und es pocht und pocht und pocht, will heraus, will weinen, schreien. Womit ich wieder bei der Sinnhaftigkeit lande. Wenn man seinen eigenen Lügen, seinen Euphemismen glaubt, so kann man sie durchaus als Wahrheit in die Welt tragen. Niemand hat behauptet, dass es nicht weh tun würde, aber auch nichts gegenteiliges. Unterm Strich ist es ein alles erstickender Schleier, den ich selbst beschwere. Und selbst wenn es nicht falsch ist, so fühle ich es sowohl in der Lüge, als auch gelegentlich in der Wahrheit. Wäre mir die unverschleierte Ehrlichkeit ein Frühling, oder ein Untergang? Hätte ich darauf eine Antwort, stellte sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit nicht.

– ein paar Tausend Tode gestorben
die Gleichgültigkeit
schmeckt nach vortäuschen einer Straftat
(es hat sich niemand notiert)
– einer ist mir geblieben
und verschweigt die Wahrheit
aber sie duftet nach freudestrahlendem Sprung
aus Vierzigtausend Fuß
ohne Fallschirm

© Amy Herzog

Wenn gestern morgen ist…

Manchmal, wenn ich dran denke,
aber nur wenn auch eine Träne
in die Wunde fließt,
kommt’s mir vor, als wäre es erst gestern gewesen
und wünsche mir dann,
es wäre doch das gestern von morgen

Aber sag mal, sagst du Bescheid,
wenn es soweit ist, wenn es morgen ist?
Denn heute lebe ich nicht.
Sind alle meine Figuren schon tot
und ich sehe nur den Staub.

Und.
Ich ersehne.
Dich. Und.
Dein Wort.

(das weiß nur ich)

© Amy Herzog

Furcht bleibt

tränen verschweißen meine augen
starre in verschwommenes
schreibe in fingerspuren auf sandpapier
glattgeschmirgeltes gedankengut
albträume räumen die nacht
und lassen die leiche spurlos verschwinden
ich denke an nichts, nichts, nichts..
aber wenn ich wieder klar sehe
atme ich tiefblutentkleidete furcht
in deine kalte richtung

(furcht sitzt da, wo das herz verblutete)
- der platz war noch warm

© Amy Herzog

Handwerkskunst

Handwerkskunst
nicht die Fassung zu verlieren
hübsch der Stuck
am Ende
wie eine zauberhafte Lüge
ist mein Hirn verziert
nähe mir etwas Spitze an die Zunge
damit Worte nicht fallen
wie die Asche meiner Zigarette
bestaune eine Weile
mein Kunstwerk
schweige und zünde es an
mit meinem letzten Streichholz
verliere ich wohlerzogen
meinen Verstand

© Amy Herzog

Beerdigung

sehnsucht liebt leben 
leben stirbt
und ich spiele auf der beerdigung 
die hauptrolle 
dabei kannte ich leben nicht 
die sehnsucht legt sich in hoffnungslose arme 
und weint bitterlich 
mir hingegen wird einfach nur kalt 

© Amy Herzog

Nachtisch

Die Zukunft liegt in verstaubten Urnen
mein Mittelfinger wiegt den Ringfinger in den Schlaf
und gewinnt das Spiel
ich kleide mich in Diamant
und werfe mein Ende in dein Augenglas
das sterbende Lächeln
wird in einer dunklen Ecke ein letztes mal Liebkost
zum Nachtisch gibt es exquisite Tränen
aus Herzblut und Rizin
und heute Nacht verstopfen wir die Rohre
mit der gottverdammten Liebe

© Amy Herzog

Singultus

Wenn Singultus klopft
denkt jemand an mich und küsst…
aber lassen wir das
die eingeflößten Tumore
füttern mein Gelüst
und es hebt und bebt
meine Zunge, meine Brust
ein wenig Trug
ein wenig Schluss
dacht‘ ich lerne das laufen
und spüre
dass ich kriechen muss

© Amy Herzog

Mein Sand

Goldgelb, sprühend, sanft
ausharren in deiner feinstaubig
fahl und stiller Dürre
trocknen wehende Dünen Tränen
grämen sich nicht vor
lauter in der Ferne regnenden
sich abkühlenden Pfützen
die mich wie Fata Morgana locken
nein, stur harre ich aus
meine Tränen sind trocken
und ich begehre dich, mein Sand
streichelst meine Wangen
so wie mit deinem warmen Kuss
dem unendlich weiten Nichts
auch die Zeit verschwand

© Amy Herzog