Worte

Kaltes Herz


Suche nichts, mein Liebster
was nicht gefunden werden kann
kein Kompass ist dein
und die Sternbilder blenden
mein Herz in der Truhe
am Grund des tiefschwarzen
schimmert nur an der Oberfläche
anmutig salzigblautürkis
dein Herz aber muss schweigend still
zwischen den Welten verloren
gehen, leiden, enden
wenn’s mein erkaltetes Herz
schlagend finden will

© Amy Herzog

Kokon (drabble)

Inmitten seiner, sich behutsam um sie schmiegenden Arme, sank sie jungfräulich nieder, schaute ihn mit ihren großen erwartungsvollen hellblauen Augen an, zierte sich in nebliger Ahnungslosigkeit, wehrte sich gedanklich in aneinanderreihenden Momenten, ihrer immer schneller flach-flatternden Atmung. Mit nur einem einzigen Kuss kitzelten farbenfrohe Schmetterlinge jeden Quadratmillimeter ihrer bröckelnden Fassade, die sich unter glitzerversprühenden Flügelschlägen in glatten Marmor verwandelte. So schloss er sie noch fester in sich ein und sie fühlte sich wie in einem Kokon aus liebevoll gesponnener fliederfarbener Seide, vor Seelenschmerz beschützt, nährend, ewig während, mit zeitlos funkelnden Augenblicken in jeder Masche.

Dann erwachte sie aus ihrem Traum…

© Amy Herzog

Die einzig wahre Muse

Du aber bleibst meine einzige
– die wahre Muse
trinkend aus deinem Äther
weil dein Herz so lieblich klingt
in blutroten Küssen
und der Scherbenschnee
sanft meine Haut umschließt
wenn ich es zerbreche
dieses unerbittlich schlagende
in abertausend Enden
mir doch den Anfang schenkt
wenn der große Mond
die Erde küsst

© Amy Herzog

Loslassen

So entsandte ich
in einer letzten Träne
das Fehlgeleitete Stück
schnitt es aus meiner Seele
lies es ziehen, fließen, treiben
und es griff selbst zur See

Ich aber bleibe der Erde nah
auf dass es [nie wieder]
zurückfindet..

© Amy Herzog

Spontan ans Meer

Mir ist, als atmete ich 
seit einer endlosschleifenden
hinkenden, aussichtslosen
Ewigkeit nur noch ein

264 kilometer mal zwei
spontan über Belgien
ausbrechen ans Holländische Meer
einfach, um auszuatmen

Um tief zu atmen
befreit, in einsamer Stille
mit dem Meer vereint
spüren, nur mich

Weit über meine Grenze hinaus!

Aber ich atme.

Ich atme!

(c) Amy Herzog

Wir

Ein dunkler Raum 
in zeitloser Zwischenwelt
rastet in unendlicher
grenzenlos
Poren sickernder
in hingebungsvollen
entblößten Seelenkörpern
durch Ewigkeit

Die Außenwelt zeigt
wie Farben
durcheinander
aneinander vorbei
verlieren und suchen
vermischt
in verbrauchten
Stunden

Wir liegen darin
suchen Liebe, Nähe, Sinn
Bedeutung im bedeutungslosen
Wahrheit in Lüge
und im verschiebenden
verschwiegenen
die Mitte
uns

Wir brauchen nichts
in der Dunkelheit
wir sind wir
wie wir sind
sind wir mehr
Sterne, Ozean, Mond
oder Pfütze

Fragen
die hier nicht
existieren
in der Zwischenwelt
wir sind klein
wir sind die Mitte
wir sind nackt
wir sind eins
wir sind wir

Mitte

© Amy Herzog

der Kalte

kalter Nachtwind
kippt Fenster, Sehnsucht
Lust, Gespenster und Regen
klafft zwischen morschem Geäst
während Schmetterlinge schlafen
den Regen aber innen
halte ich zurück

Violettem Sommerflieder gießt Leben
und stößt den Duft um meinen liebenden Leib
doch schwach, so schwach, so schwach
schlägt meines gegen die raue
weiße Wand deiner schweigenden Brust

Auf salzigen Lippen
küsst ein zarter Schatten meine Wunden
endlich blind und taub versinke ich
im weichen arktischen Fleisch
und ich bilde mir ein letztes mal ein
es wär ein liebender Teich

Taumelnd fliegen Träume
in seichten Gewässern
doch in deinem sticht jede Welle
gegen splitternden Fels
und wenn ich jetzt für immer falle
dann bleibe ich wohlig in dir

Doch nur leise stöhnt der Wind
wie ich deinen Körper an meinen Presse
spüre ich näher zitterndes Ende
der meinen Regen in seiner Hand
aus deiner kalten Welt kippt

Die Lust fällt
im Sonnenaufgang früher
und du, der Kalte, singst dein Lied
auf abgenutzten Schallplatten
zerkratzt, wie ich wortlos
im Rauch des Eises verblieb

© Amy Herzog

Geliebtes Leben

Selbst meine Abgründe
zeichnen sich in deiner Seele
und du machst daraus Gold
wenn ich fließe
bist du mein Fundament
und wenn ich an dich denke
dann an ein Leben
mit Lachfalten in jedem Winkel
selbst im geteilten Leid
und wenn Ehrlichkeit duftet
dann nach Freiheit
nach Zuflucht
Sicherheit
Erde

© Amy Herzog

Wegen Überfüllung geschlossen

Ich bin keine schöne Frau!
hashtag: der Charakter zählt, nur der Charakter zählt
– such ihn woanders
ich kann gerade bis drei zählen:
eins, zwei, zweieinhalb, zweidreiviertel

Fernweh will Meer
am Strand Zuhause sammeln
um’s im Schrank einstauben zu
lassen, loszulassen
fallenzulassen

Da ist wohl: Bedeutung
die schweigt
Da ist wohl: eine einzige Nacht
die ankommt und nicht
Da ist wohl: mein geschundenes Herz
adipös

/Wegen Überfüllung geschlossen/

bei drei wählt mein
hashtag: Chirurgie für allerlei
das limbische System wird entfernt
und ich reibe mir den Staub
auf die wunde Haut

© Amy Herzog

weiß malt grau
in stundenlangem starren
auf papier
zeigt sich die leere
in einem dumpf schlagenden herzen
die schwere
wenn sich das blatt
wendet

© Amy Herzog

kalt

es häutet mich 
von innen
wie von sinnen
haftet in blauen venen
gefrorenes blut 
und mein lautes sehnen 
ruht nunmehr ohne 
punkt und ohne komma
in endlosen sätzen
oh wortlos schlagender stein 
so höre ich noch
mein kratzen und ächzen 

© Amy Herzog

Schwäche

Körper ist alt
und Gedanken
kreisen, reiben, reifen,
schweigen und begreifen
und ich muss nach draußen
dabei will ich doch nur
schwach sein

© Amy Herzog

Superschurkendrabble

Ich hatte die Wahl zwischen Kripo und Superschurke. Nur Ihr wisst, welchen Weg ich gewählt habe. Den spannenderen. Und wenn meine Datenbank auf Hochtouren läuft, dann sehe ich sogar selbst das, was Ihr von Anfang an gesehen habt. Und dann finde ich mich selbst einen Moment lang gruselig. Aber nur einen kurzen. Nicht so wie Ihr. Ihr habt noch immer Angst. Ich gebe zu, so wie Ihr zweifelte ich eine Weile. Aber bisher hat es niemand sonst gesehen. Nochmal Glück gehabt. Als unscheinbares braves Mädchen lebt es sich leichter. Und was Euch angeht, wir beide sehen uns in den Sphären.

Hunger

Triggerwarnung: Essstörungen

hunger 
hunger
hunger 

auf leisen sohlen 
das lächeln gestohlen
wohlig durch die eingeweide 
in tiefer umarmung 
gegen eisblock

innen

außen mehr tot als lebendig 
spiegelbild lacht aus 
und klatscht nen Filter drauf 
lügt von wahrheiten
wo die stimme 
schweigt 

angst 
und hunger immer 

hunger 
hunger
hunger 

© Amy Herzog

Anecken

Mal Safespace:
gesellschaftskonform unverpackt
nackt und ehrlich
lässt sich Liebe nicht anketten
nicht besitzen
ob du Pan, Trans, Hetero bist
und was es sonst noch alles gibt
Hauptsache viel Buntliebe
erzähle mir, wenn du neues erfindest
oder drauf stehst, dein Stofftier zu knutschen
so vieles ist verpönt
beim Stockimpopöchen
und dann wird von lieblos geredet
in der Polyamorie
aber:
tagtäglich tausendfach
Kriegsfotos sensationsgeil bestaunen
nachdem man den Partner
beschissen hat
ist ok

geben wir dem Alkohol die Schuld
und schieben den Stock tiefer
damit es nach außen hin
hübsch glänzt

© Amy Herzog

verzwitschert

mein betrunkenes herz aber
fühlt, verliebt und zerbricht allein
wie das zwitschern eines einsamen vogels
der auf dem weg gen süden erfriert
weil er zu lang gewartet hat

© Amy Herzog

liegen

46/79
scheintot
aber mein Puls kämpft
mit Extrasystolen ums lieben
und wenn’s verschwiegen
ein Ende finden kann
dann bleibe ich
endlich
liegen

© Amy Herzog

Tänzeln (Drabble Dienstag)

Drabble-Dienstag mit Lyrix. Ein Drabble besteht aus genau einhundert Worten, in denen drei Worte vorkommen müssen. An diesem Drabble-Dienstag sind es die Worte: Brücke, Spirale, Schmunzeln

Tänzeln

Zwischen Realität und Wahnsinn tänzelt sie, dreht sich in einer Abwärtsspirale, bis es dunkler wird. Äußerlich legt sie einen gusseisernen Kanaldeckel auf ihre innere Kloake und hofft, dass es nicht stinkt, während sie Fremden freundlich schmunzelt und winkt. Auf ihrem langen Weg nach Hause, von dem sie nicht weiß, wo das ist, geht sie bei Sonnenuntergang über eine menschenleere Brücke. Stundenlang balanciert sie über die Brüstung, unter ihr der eklatante Abgrund, der das Ende zeichnet, durch ihr Haar streichelt Wind. Sie liebt ihn hingebungsvoll und weiß, dass er sie irgendwann in eine Richtung mitnehmen würde. Solange tänzelt sie mit ihm.

© Amy Herzog

stille

heute ruft stille
in mir
offen und verwundet
die nackte liebe begreifen
schweifen, beben, irgendwo stranden
nicht mehr und nicht weniger
als leben und landen
wiederfinden
in weit entfernten sternen
von lust trinken
tiefer sinkend liebe finden
die stille sterben
lassen

© Amy Herzog

Randnotiz

ich genieße es
weil es mein Hirn vereinnahmt
alles andere sickert
das Schmerzende aber strömt
in Wasserfällen
hinaus

es wird kalt

© Amy Herzog

brachland

in der schwebe
glühender sonne einer seele
verbrannte ihre haut
mit ein paar krümeln tabak
und dem sperma unbedeutender männer
vor denen sie davonrannte

danach
immer danach

der kadaver aber kann noch rotzen
gar dem azrael trotzen
während ausgehungerte nekrophagen
im sturzflug die messer wetzen

zu lieben im brachland aber
gleicht ihren zurückgehaltenen tränen
sie schweigen von wahrheit
tänzeln mit müden knochen um exsikkose

wo losgelassene
nur ihren durst bezwingen
und geigen von
verlogenen illusionen singen

aber leben
immer nur leben

© Amy Herzog

Zwischenzeilen

bringst mich zum schweigen 
in der ersten Zeile 
eine Weile
spuckt Wahrheit aus 
ich lösche sie 
wieder 

© Amy Herzog

Deine Spuren…

Auf meinem Rücken
lasten die Spuren deiner und meiner
Lust wie warmes Gestein
gefesselt von deinem
Willen – gefangen
beschützt
in deinem Arm
ergebe ich mich, errege
im Bewusstsein unserer Bindung
befreite Seele
besitzt du meine Haut, mein Fleisch
in tiefer Berührung
wie ich durch deinen Augenblick
schwebe

© Amy Herzog

Winter


mit einem einzigen Winter
gefriert das Herz und zerbricht
wohl brechen Scherben zauberhaftes Licht
berühren jedoch, kannst du es nicht
und so schnell der Winter
auch von dannen zieht
ist es dein blutend warmes Herz
das kein Heim und kein Licht mehr sieht
wenn die gleißende Sonne
den Meeresspiegel ins Ende küsst

© Amy Herzog

Nacht


Autobahnrauschen klingt nach Meer
in der Ferne heult ein Hund
und gibt meiner Seele eine Stimme
Mondlicht schimmert sanft durch den
dichten Kastanienbaum
Grillen singen ihr Nachtlied
wie ein traurig blaues Liebeslied
das mich lächeln lässt

© Amy Herzog

Sterblichkeitsdrabble

Der Lack hat seine glanzvollen besten Jahre hinter sich und nur ein Sternzeichen erinnert noch an die naive zarte Jungfräulichkeit, während das gnadenlose Friedhofsblond im Spiegelbild einen Platz in der Gruft reserviert. Der Kadaver ist keine zwanzig mehr, aber die Haut schnallt an einer kleinen Stelle noch zurück wie ein Gummiband, der Rest imitiert bei Wind ein Flatterbandgeräusch. Aber was ist schon Zeit, wenn ein erstes Mal nur wenige Sekunden andauert und der hektische Weg vom ‚müssen‘ gemütlich Richtung ‚wollen‘ schlendert. Schlimmer als schön kann es nicht werden, tiefer der Sturz nicht fallen. Und falls doch, ist der Platz reserviert.

© Amy Herzog

geheimnisse

deine Beine fühlen schwerstes Blei 
so höre ich wohl deinen Schrei 
scheuern tiefer sinkend scharfe Ketten 
auf ausgezehrten Knochen
hängen, ziehen goldverzierte Truhen 
all meine Geheimnisse 
lasse ich tief und tiefer in dir ruhen 

und du willst
doch kannst sie nicht 
erreichen, brechen, lesen, bleichen 
meine Sickergrunbenseele 
unergründlich 
Kopf verdreht, die Glieder taub
so schwer dein Herz
verendet zehrend, liebend, leidend
in meiner Handvoll Staub 

© Amy Herzog

Allein

Im großen Bett
allein reisend durch die Nacht
schmiegt sich Sehnsucht an
nicht nach längst vergessenen Nutten
nach Leben, Zuflucht, Vertrauen, Nähe, Zukunft
und einem Kampf um die Decke
samt dem Kuss

Die kalte Einsamkeit
die eine extra Ausladung braucht
soll mich allein lassen
sie überschreitet
das zugelassene Höchstgewicht

© Amy Herzog

In der See

In der See werde ich ertrinken 
wenn der Tag 
meine Haut vom Knochen löst
und dem weiten Schatten
den der Mond wirft 
werde ich unter der Oberfläche 
entblößt offenbaren
was so lang darunter brennt
und die See
wird darüber ein Lied
komponieren 
das dir sanft bei Vollmond 
die Stirn küsst

© Amy Herzog

Mond

schlaflos ist die Nacht 
doch nicht der Traum bleibt mir fern 
als mich der große Mond im Licht verschließt
nur das Irdische verirrt sich dahin 
und wird vom Gift zu Wein 

zwei tanzende Körper 
mit dem Schicksal halber Seelen 
trunken summen mehr, als dass sie singen 
sind doch nicht mehr allein 
und lassen Körper, Körper sein 

wie's gipfelt in entblößter Lust 
verschmilzt das Seelenlicht zu blau
trinkt der eins-gewordene Mond
am Grund des Ozeans Eden 
bis der Tag zerbricht 
im matten grau 

© Amy Herzog

Zerrissenheit

dein Seelenriss
spuckt Blut auf den Bordstein
während eine Leere innerlich kitzelt
und Freudentränen weint

dein Springbrunnen aber
der im Mondlicht am schönsten glitzert
ist atemberaubend

nie war ich so schön
wie in dir
und könnte ich mich durch deine Augen sehen
wüsste ich, wer ich bin

bis dahin
schenke ich dir meinen Atem
lege meine Seele schützend über deine
und lecke dein Blut

© Amy Herzog

Winter

ich erinnere dem Klang
im Winter schallt er durch Schneebedeckte
menschenleere Städte
und hinterlässt die ersten Fußabdrücke
die einzigen in mir

dumpfes Knacken
rinnt durch meine Finger
und ich schlafe unter dickem Eis
streichle deine Wurzeln
die mich wie Seelensplitter
an dich binden

ich erinnere der Wahrheit
wie Stürme deine Äste brachen
und Kinder ein Baumhaus bauten
sie sind inzwischen erwachsen
und haben es vergessen

aber ich erinnere dem Klang
und streichle Einsamkeit
von deinen Wurzeln
trinke, lebe, atme, friere
wenn ich nur aufwachen würde
endlich aufwachen
sehen, fühlen

liebe

© Amy Herzog

Traum

In der Morgendämmerung
küsst mich eine leere Bettseite
und streichelt den wiederkehrenden Traum
holt mich sanft in einem Geheimnis ab
und ich falle in die Welt zurück

Ist eigentlich alles ein Geheimnis
wirklich unaussprechlich
oder hat nur nie jemand gefragt?

In der Abenddämmerung
suche ich dich unterm Kopfkissen
und finde meinen geliebten
ein liebliches Betthupferl
meinen ersehnten
Traum

© Amy Herzog

Nähren

Kein Abschied 
nur ein ewiges Ende 
ward in mir zu Treibsand 
fraß mein Fleisch
und ließ nur die Fassade zurück 

Fassade lebt nicht 
liebt nicht 
sie atmet nur 
hält eisern Stand

bis Eure Lanzette mein
Innerstes im nächsten Leben
am offenen Herzen 
ernährt

(Z.d.N)

© Amy Herzog

Zeig‘ mir deine Leichen, ich zeige dir meine!

Triggerwarnung: hier gibt’s keine Blümchen und keine Sonne.

Ich mag den grauen Himmel, könnte mich stundenlang von den Wolken führen lassen und vom grellen Licht in die Irre. Stattdessen höre ich alte Musik und lese in alten Büchern. Man merkt es den Künstlern an, wenn sie glücklich geworden sind und es sei jedem von Herzen gegönnt. Aber selbst wenn ihre Texte weiterhin meinen Geschmack treffen, das Gefühl ist weg. Auch ich kann mich davon nicht freisprechen, obwohl ich das mit dem Glück nicht lange aushalte. Es ist mir zu langweilig. Ich mag meine Leichen im Keller und mag Menschen, die ebenfalls ein paar Leichen hegen und pflegen. Ich kann also sagen, dass ich nicht glücklich, aber ruhiger geworden bin, rein äußerlich.

Ich kann mich nicht mal mehr daran erinnern, wann ich das letzte mal die langen Ärmel meines Pullovers über meine frisch geschnittenen Wunden gezogen habe, welche dann selbstverständlich nach und nach mit diesem verklebten. An das Gefühl, wenn ich den Pullover wieder auszog, kann ich mich aber erinnern. Je nach Tagesform geschah das langsam oder ganz schnell. Heute müsste ich theoretisch, wenn ich kurze Ärmel trage, ne „Triggerwarnung-Kette“ um den Hals tragen, ganz wichtig: mit integriertem Warnsignal, damit die Ignoranten, welche die Narben durchaus mit verächtlichem Blick beäugen, auch die davor warnende Kette wahrnehmen. Nur zur Absicherung. So als kleinen humoristischen Rand. (Ist halt wirklich mein Humor)

Während ich mich also an meinen Leichen erfreue: in dem Zusammenhang: die weltweite Tötungsrate beträgt 6,2 je 100.000 Einwohner. Das nenne ich einen Gesprächseinstieg! „Hast du eine deiner Leichen selbst getötet?“ Wenn die Antwort lautet: „ich habe keine Leichen“, dann bitte, bitte lass mich in Ruhe. Heute hat mich auf Insta so ein glatt-gebügelter Mustersohn angeschrieben mit „Hallo, wie geht’s?“ Diese Frage hat mich irgendwann mal überfordert, inzwischen knallt mein Kopf reflexartig auf die Tastatur, eine Haarsträhne löst sich aus meinem Gammeldutt, bewegt die Maus, klickt auf „blockieren“ und dann werde ich wieder wach. Zumindest denke ich, dass es so abläuft, während ich vor lauter Ödnis mit dem Kopf auf die Tastatur knalle.

Aber ich kann ja auch angepasst höflich sein, also antwortete ich diesem ominösen Fake-Profil (keine Ahnung, ob das ein Fake war, ist ja auch egal) mit „kann nicht klagen“, als würde es ihn wirklich interessieren und hing die Frage an, wo er denn mein Profil gefunden hätte. Die Antwort, die ich darauf erhielt, beantwortete zwar nicht meine Frage, löste aber meinen üblichen Reflex aus. „Blablabla, schleimschmierglibbersülzkotz, du siehst so charmant aus, blablabla.“ Bei „charmant“ war ich raus, den Rest habe ich nicht mehr wahrgenommen. Ich bin nicht charmant, nur damit das klar ist. Mit solchen Leuten bin ich wirklich nicht kompatibel.

Um aber zurückzukommen, während ich mich an meinen Leichen erfreue, und den grauen Himmel so viel schöner als den sonnigen finde, höre ich alte Musik und lese alte Texte. Und dann erlebe ich das, was ich eben schon sehr oft erlebt habe, ich schaue nach Neuem und stelle fest: ah, die sind glücklich. Wirklich nichts für ungut, ich mag, also ich finde, also sie sollen glücklich sein, ich mag, ähm also, es hat definitiv ne Daseinsberechtigung, ja. So. Ich finde das Glückliche einfach unheimlich unheimlich und es kommt mir ziemlich suspekt vor. (Gibts eigentlich auch Sonne und Menschenhassende Paare, die sich gemeinsam in ihrem Depressionsmüll suhlen? Oder was auch immer die Psyche so hergibt.)

Ich muss es halt fühlen, mal so ganz allgemein, nicht nur bei Künstlern. Und ich fühle es nur, wenn die Menschen, entschuldigt diese Direktheit, echt gestört sind (das ist sehr wertschätzend und liebevoll gemeint). Je kaputter die Person, desto intensiver das Gefühl. Die Leidenschaft. – In eine Person konnte ich mich so gut hineinfühlen, dass sie dachte, ich läge seit Wochen unter ihrem Bett und ich spüre diese Person nach vielen Jahren immer noch so intensiv, trotz diverser Barrieren. – Aber das soll nichts zur Sache tun (um welche Zeitverschwendung es in diesem Text auch immer gehen mag).

Unterm Strich: zeig mir deine Leichen, dann zeige ich dir meine. Dieses System könnte funktionieren. Und nun höre ich weiter meine alte Musik und lese alte Texte.

Nicht alt, aber in diesem Sinne etwas Gänsehaut (bei dieser Stimme)

Schmetterlinge
die silbenlos sterben
hinterlassen unsichtbare 
 - tiefste Wunden
und ein Lächeln aus Cyanid...

© Amy Herzog

Mit leise stöhnender Stimme
zittert zärtlich schwach 
und flehend 
wie der Hunger wilder Wölfe 
den Duft von Lavendel und Limone
getragen vom Wind 
und legt sich wie ein weicher Schal 
im Winter um deinen Hals

„bitte...“
...
„bitte....“ 
...

flüstert die Nacht 
in ihren dunkelsten Stunden 
sanft in dein Ohr
und legt sich wie eine Decke 
über den nackten Leib 

© Amy Herzog

Groupies

Wie die Frauen mittleren Alters
ihre Höschen auf deine Bühne werfen
– gefällt dir
talentiert und unverschämt gut aussehend
ganz offensichtlich
zählen wir nur die Slips unter deinem Bett

und ich wäre mit dabei
mit meinen ewigen neunundzwanzig Jahren
*hust*
gibt es angetackert zum Slip den passenden BH
eine vollständige Bewerbung
ne beglaubigte Geburtsurkunde
und die Referenzen verflossener Liebhaber

nur lad‘ mich bloß nicht ein
ich verfalle keinem Lügner mehr

© Amy Herzog

Befleckt

Ein Uhr Nachts
mit befleckter Jungfräulichkeit
die Nachbarn geweckt
Empörung dringt aus ihren Poren
aus unseren die Lust

deine Haut schmeckt nach Mondlicht
das hinter den Wolken schimmert
vergrabe mich in Brusthaaren
die mich in einem Netz aus Wolkenstoff auffangen
atme Stöhnen aus der feuchten Luft ein
und stoße Glühwürmchen in kühle die Nacht zurück
sie zeichnen mir ein Bild aus dem
was ich drum geben würde in dir zu ertrinken
um in unerforschte Tiefen zu sinken
und in deiner wohligen Wärme zu verenden

vier Uhr Nachts
die Dusche stellt sie wieder her
und die Zigarette danach besiegelt
mein Schweigen

© Amy Herzog

Mond

du aber bist so wunderschön 
meine sanftselige Liebe 
unvollkommen 
mit deinen Lebensnarben 
ich küsse jede davon 
ins rechte Licht 

und ich bleibe dir erhalten 
als das was dunkler 
(verwundet)
(verletzlich)
(gebrochen)
als im Schwarz 
deine Schönheit betrachtet 
wenn du sie selbst nicht 
sehen kannst 

© Amy Herzog

Alkohol

Wie viel hochprozentiger Müll
muss sich noch durch deinen wunden Hals brennen
bevor er deinem Nucleus accumbens den Garaus macht?
Am Boden der Flasche wartet keine Belohnung.

Dein Hochgefühl startet mit fahler Ernüchterung in den neuen Tag
selbst wenn es gerade schön ist, mit Leichtigkeit zu fliegen
und die bleierne Einsamkeit zu vergessen

Am Ende des Tages beißt sich deine Katze in den Schwanz.

Den Schmerz trägst du, solange er es dir wert ist.

© Amy Herzog

Regen

Regen ist nüchtern
und hält die Hand vor den Mund
starrt auf weiße Wände
einerlei ist was und wie ich etwas fände
wie bei einem unbarmherzigen Carcinoma
liege ich im Koma
und schaue den falschen Film
während der Werbepause schlafe ich ein
und träume mich in eine
‚richtige‘
Welt

Regen ist noch nüchtern
hält sich zurück
solange der Schock gesoffen wird
und ich besoffen die Hemmung verliere
dann will die Welt tragen
konservieren
meine Sehnsucht darin einkochen
jede Nacht in sie verlieben
(in dich)
selbst wenn es schmerzt
und sie am Ende im Regen ertrinkt

© Amy Herzog

Deine Wurzeln

Ich bevorzuge deine klammernden Wurzeln
deine Wiedergeburt schmeckt nach abgestandenem Mineralwasser
ja
ich wär‘ dann nicht mehr durstig
ja
du füllst den Magen
aber
wo
bleibt
die
Hingabe
verdammt?

Trinke dann erinnernd deinen Saft aus weichem Moos
schmeckt nach Traurigkeit, die ich an dir liebe
nach Sex aus purer Verzweiflung
und das Ende war schon da
während hinkende Gefühle entgleisen
reise ich durch fahle Wüsten
was mir von dir bleibt
leckt auf meinen trockenen Lippen
den Geschmack von
oxidiertem
Eisen

© Amy Herzog

Distanz

Wundbrand unter der Haut
es lechzt nach mehr
und pellt sich sichtlich ab
das was du kranke Seele nennst
sind einbetonierte Träume

Spritze mir den letzten Schuss
Sehnsucht in die Venen
und werde zum Fossil
in deiner Hand

Taumele am Ende volltrunken
über deine morsche Distanz
bis nah an den Rand

Blicke hinab
und kann den Himmel seh’n

© Amy Herzog

Parodie

Erzeugte Parodie 

Ich suche noch nach deinem Witz 
während sich im nackten Hirn 
Laufmaschen bilden 
aber Hauptsache es amüsiert 
köstlich verschlungen 
und wieder ausgewürgt 
wie die Katze den Haarballen 

Parodie ist ohne wahr zu sein, wahr 
wie das so ist im Leben
nach und nach brechen die Lungenäste 
irgendwann ist man das Atmen leid 
Hauptsache es hat gemundet
für einen Seelenblick 

Die Pointe lässt auf sich warten

© Amy Herzog

Nachtdienst (Drabble-Dienstag)

Wieder Drabble-Dienstag von Lyrix. Ein Drabble besteht aus genau einhundert Worten, in denen drei Worte vorkommen müssen. An diesem Drabble-Dienstag sind es die Worte: Balance, Augen, Wohnung

Nachtdienst

Tage verliefen gedanklich kräftezehrend. 

Auf vierundsechzig Kilometern Richtung
Arbeit denke ich an Dinge, die ich lieber
täte, wohin ich lieber fahren würde, ob ich
in meiner Wohnung bliebe, oder in deiner.

Meiner nichtvorhandenen Mimik sieht man’s
an. Die Augen leer. Ich rechtfertige in der
Übergabe mit Kopfschmerzen, dabei verliere
ich innerlich die Balance. Ich erinnere
mich an eine letzte Mail, die mir jemand
geschrieben hat: „eine Enttäuschung ist das
Ende einer Täuschung“.

Meine Phantasie reicht gerade noch, um
darin meine Identität wegzuwerfen und
davonzulaufen. Irgendwohin, nirgendwohin.
Möglicherweise an Orte, an die ich während
der Fahrt dachte.

Ich bin unfassbar müde.

Feuersbrunst

Mit morschem Herzschlag verliebte ich mich ins Feuer. Dieses einsam knisternde, das mystisch in sich tanzende, das Unberechenbar ausbrechende und wieder in sich zusammenfallende. Nicht nur, um meine Fingerspitzen daran zu erwärmen, so wie es alle Anderen taten, ehe sie für immer verschwanden. Ich wollte hineinspringen, gemeinsam mit diesem Feuer brennen, dieses Feuer sollte mich besitzen, damit ich es, wenn auch ich brenne, selbst zur größten Feuersbrunst werde, sie selbst besitze, uns besitze.

Der Gedanke, selbst wie alle Anderen zu verschwinden, zog schmerzhafter durch meine Gefäße, löste eine noch größere Furcht aus, als vor dem Feuer selbst. Und während ich dieses Feuer über Jahre hinweg beobachtete, versuchte es zu studieren, damit sein Ausbrechen berechenbar für mich würde, meinen Blick also vom tiefsten Kern nie abwandte, aber immer nur den Abschied empfand, entschied ich, mich dem Feuer zu nähern. Als meine Sicht, je näher ich dem Feuer kam, immer klarer wurde, bemerkte ich, dass ich diese wunderschöne Leidenschaft des Feuers, welche mich auf unerklärliche Weise von Beginn an magnetisch anzog, bereits vor langer Zeit auf ewig in sich zusammengefallen war. Was blieb ist das Gefühl von Abschied in einer Hand voll kalter Asche.

Mit morschem Herzschlag tat ich aber nicht etwa das, was all die Anderen taten, denn ich verliebte mich nicht nur in die Wärme. Ich verliebte mich in das nicht sichtbare, aber alles erfüllende Wesen des Feuers und ich wusste, dass selbst aus der kalten Asche, irgendwann ein Phönix emporsteigen kann. Also sank ich nieder, schenkte der Asche meine einzige Träne, grub mich darin ein, schlief und ersehnte die Feuersbrunst.

© Amy Herzog

siebenundsechzig Briefe

siebenundsechzig Briefe schreibe ich dir 
nicht einer kommt zurück 

nur quält mich nicht das Gewicht 
dein Schweigen erzählt alles
was ich wissen muss

bleibe ich unwissend leer 
keinen Namen kein Gesicht 

dem achtundsechzigsten Brief
werde ich mein Wissen beifügen

und im Gedanken einen Kuss

© Amy Herzog

Fleisch

fleisch lebt einsam, fleisch wird staub
und rauch bedeckt den vater tod
bin ich noch hier, bist du es
du in mir und ich in dir
eins geworden, eins geblieben
wohin uns Weltenmeere trieben
ohne es zu spüren
uns

tief im Grunde
schweben wir still
seekrank plus verrückt
bin ich einsam doch entzückt
hinter rauch ist alles taub
letztes atmen, kuss und staub
fleisch tropft rot, fleisch lebt
nur einen augenblick, vater tod
und liebt bevor’s vergeht

© Amy Herzog

Beichtstuhl

wenn gefragt werde, 
wie nah ich meinem wort bin,
dann lüge ich.

ich bin das wort
das ist die wahrheit
ich bin nackt

© Amy Herzog