Traum

elendsehnender traum

bitte weck mich auf
aus diesem elendsehnenden traum
droge paralysiert
herz krepiert
und ich bin laufend high
die gesittete welt lacht mich aus
wie roter lippenstift an deinen rippen nagt
aus mir krächzt nur der leise leidende hurenschrei

dem äther regnet’s glut
brennt aus deinen totgesandten klauen
auf blanker haut
und könnt ich kleine liebe draus erbauen
so weck mich endlich auf
aus diesem elendsehnenden traum

© Amy Herzog

ein letztes lied

melancholisch
heiser singende stimme
wiegt heut schwerer
kratzt aus letztem loch
geschlossene augen
singen lauter
vielleicht in deine wohung
nur wie lange noch
singe ich
ein ganzes lied bloß
erlaube ich mir
danach trinke ich selbst
die stimme klar
und glaube mir das letzte
nein, das so schwer
wie tiefreißend in mir war

© Amy Herzog

über-irdisch

Wie einst tiefrot
leuchtende Lebensenergie
meine blassen Lippen benetzte
stiegen wir aus unseren schweren
nassen Körpern empor

Keine irdische Schrift könnte
wollte unsere Sprache
verstehen, beschreiben, fühlen,
niemand wird sie je begreifen
sie sind alle zu laut

Wie unsere Seelen aber fließen
wenn alles schweigt
erhöre ich in meinen Tiefen
deinen sehnenden Ruf

Und fühle ich auch nur
dein Blut in meinen kalten Venen
hält mich die Wärme fest
und ich spreche dir die Sprache
die du nur für uns erschufst

© Amy Herzog

Die einzig wahre Muse

Du aber bleibst meine einzige
– die wahre Muse
trinkend aus deinem Äther
weil dein Herz so lieblich klingt
in blutroten Küssen
und der Scherbenschnee
sanft meine Haut umschließt
wenn ich es zerbreche
dieses unerbittlich schlagende
in abertausend Enden
mir doch den Anfang schenkt
wenn der große Mond
die Erde küsst

© Amy Herzog

Wir

Ein dunkler Raum 
in zeitloser Zwischenwelt
rastet in unendlicher
grenzenlos
Poren sickernder
in hingebungsvollen
entblößten Seelenkörpern
durch Ewigkeit

Die Außenwelt zeigt
wie Farben
durcheinander
aneinander vorbei
verlieren und suchen
vermischt
in verbrauchten
Stunden

Wir liegen darin
suchen Liebe, Nähe, Sinn
Bedeutung im bedeutungslosen
Wahrheit in Lüge
und im verschiebenden
verschwiegenen
die Mitte
uns

Wir brauchen nichts
in der Dunkelheit
wir sind wir
wie wir sind
sind wir mehr
Sterne, Ozean, Mond
oder Pfütze

Fragen
die hier nicht
existieren
in der Zwischenwelt
wir sind klein
wir sind die Mitte
wir sind nackt
wir sind eins
wir sind wir

Mitte

© Amy Herzog

der Kalte

kalter Nachtwind
kippt Fenster, Sehnsucht
Lust, Gespenster und Regen
klafft zwischen morschem Geäst
während Schmetterlinge schlafen
den Regen aber innen
halte ich zurück

Violettem Sommerflieder gießt Leben
und stößt den Duft um meinen liebenden Leib
doch schwach, so schwach, so schwach
schlägt meines gegen die raue
weiße Wand deiner schweigenden Brust

Auf salzigen Lippen
küsst ein zarter Schatten meine Wunden
endlich blind und taub versinke ich
im weichen arktischen Fleisch
und ich bilde mir ein letztes mal ein
es wär ein liebender Teich

Taumelnd fliegen Träume
in seichten Gewässern
doch in deinem sticht jede Welle
gegen splitternden Fels
und wenn ich jetzt für immer falle
dann bleibe ich wohlig in dir

Doch nur leise stöhnt der Wind
wie ich deinen Körper an meinen Presse
spüre ich näher zitterndes Ende
der meinen Regen in seiner Hand
aus deiner kalten Welt kippt

Die Lust fällt
im Sonnenaufgang früher
und du, der Kalte, singst dein Lied
auf abgenutzten Schallplatten
zerkratzt, wie ich wortlos
im Rauch des Eises verblieb

© Amy Herzog

Geliebtes Leben

Selbst meine Abgründe
zeichnen sich in deiner Seele
und du machst daraus Gold
wenn ich fließe
bist du mein Fundament
und wenn ich an dich denke
dann an ein Leben
mit Lachfalten in jedem Winkel
selbst im geteilten Leid
und wenn Ehrlichkeit duftet
dann nach Freiheit
nach Zuflucht
Sicherheit
Erde

© Amy Herzog

Wegen Überfüllung geschlossen

Ich bin keine schöne Frau!
hashtag: der Charakter zählt, nur der Charakter zählt
– such ihn woanders
ich kann gerade bis drei zählen:
eins, zwei, zweieinhalb, zweidreiviertel

Fernweh will Meer
am Strand Zuhause sammeln
um’s im Schrank einstauben zu
lassen, loszulassen
fallenzulassen

Da ist wohl: Bedeutung
die schweigt
Da ist wohl: eine einzige Nacht
die ankommt und nicht
Da ist wohl: mein geschundenes Herz
adipös

/Wegen Überfüllung geschlossen/

bei drei wählt mein
hashtag: Chirurgie für allerlei
das limbische System wird entfernt
und ich reibe mir den Staub
auf die wunde Haut

© Amy Herzog

kalt

es häutet mich 
von innen
wie von sinnen
haftet in blauen venen
gefrorenes blut 
und mein lautes sehnen 
ruht nunmehr ohne 
punkt und ohne komma
in endlosen sätzen
oh wortlos schlagender stein 
so höre ich noch
mein kratzen und ächzen 

© Amy Herzog

liegen

46/79
scheintot
aber mein Puls kämpft
mit Extrasystolen ums lieben
und wenn’s verschwiegen
ein Ende finden kann
dann bleibe ich
endlich
liegen

© Amy Herzog

Wolkentraum…

wolken!

lassen mich gleiten, träumen,
bohren, auf poesie stoßen,
in worten wohnen –
schwimmen!
bis in grüne meerestiefen
treiben, segeln, um bunte fische

baden in ihrer phantasie,
wie getrieben in hell
grüne wiesen!
liegen, riechen bienen honig –
summt löwenzahn ein lied

träume mich mit ihm
durch den wind!
in fliegen flauschig denken, lieben,
ohne noch zu lenken trinken
nur, und weiter richtung
wolken hinken…

 

© Amy Herzog

Warten

Wie viele Menschen wohl gerade aufeinander warten, ohne zu wissen, dass sie aufeinander warten? Und wie viele von ihnen warten allein? Warten auf den Mond, auf den Schlaf, auf einen Traum, auf den Wecker, dann wieder auf den neuen Tag, nur um wieder auf den Mond zu warten. Auf sich selbst, den Mut, die Einsicht, die Ehrlichkeit, oder darauf, sich das Warten zu verbieten. Und aufeinander. Wer betrinkt sich, um das Warten zu ertränken oder trinkt die eigenen Tränen? Wie viele Menschen reden sich ein, dass das Warten nicht weh tut und schlagen mit Geduld auf sich selbst ein? Welche Menschen warten einsam, während ein anderer Mensch darauf wartet sie zu lieben? Und wie viele Menschen schweigen, während sie warten, starren sich im Geiste gegenseitig an und finden doch nur immer die Sehnsucht im Mond. Ist ihnen vor lauter Warten inzwischen egal, ob der Traum gut oder schlecht ist? Wie viele Menschen sterben gerade, wartend, zurückblickend auf wartendes Alles und Nichts und was ist ihr letzter Gedanke?

geheimnisse

deine Beine fühlen schwerstes Blei 
so höre ich wohl deinen Schrei 
scheuern tiefer sinkend scharfe Ketten 
auf ausgezehrten Knochen
hängen, ziehen goldverzierte Truhen 
all meine Geheimnisse 
lasse ich tief und tiefer in dir ruhen 

und du willst
doch kannst sie nicht 
erreichen, brechen, lesen, bleichen 
meine Sickergrunbenseele 
unergründlich 
Kopf verdreht, die Glieder taub
so schwer dein Herz
verendet zehrend, liebend, leidend
in meiner Handvoll Staub 

© Amy Herzog

Allein

Im großen Bett
allein reisend durch die Nacht
schmiegt sich Sehnsucht an
nicht nach längst vergessenen Nutten
nach Leben, Zuflucht, Vertrauen, Nähe, Zukunft
und einem Kampf um die Decke
samt dem Kuss

Die kalte Einsamkeit
die eine extra Ausladung braucht
soll mich allein lassen
sie überschreitet
das zugelassene Höchstgewicht

© Amy Herzog

In der See

In der See werde ich ertrinken 
wenn der Tag 
meine Haut vom Knochen löst
und dem weiten Schatten
den der Mond wirft 
werde ich unter der Oberfläche 
entblößt offenbaren
was so lang darunter brennt
und die See
wird darüber ein Lied
komponieren 
das dir sanft bei Vollmond 
die Stirn küsst

© Amy Herzog

Eifersucht

Wütend zerknüllter Liebesbrief
achtlos in die Jackentasche gestopft
ward zu glühender Kohle
und brennt ein Loch durch Stoff
Haut, Fleisch, Herz und Hirn

Qualmend bauen große Städte
den Besitz man gerne hätte
ward der Brief doch einst so rein
sollt er niederbrennend sein

Zerstörerisches Herz lass walten
so lese einmal noch den Brief
die Ehrlichkeit bleibt doch erhalten
und mit ihr warmer Sommerregen
bis in die treue Ewigkeit

© Amy Herzog

Mond

schlaflos ist die Nacht 
doch nicht der Traum bleibt mir fern 
als mich der große Mond im Licht verschließt
nur das Irdische verirrt sich dahin 
und wird vom Gift zu Wein 

zwei tanzende Körper 
mit dem Schicksal halber Seelen 
trunken summen mehr, als dass sie singen 
sind doch nicht mehr allein 
und lassen Körper, Körper sein 

wie's gipfelt in entblößter Lust 
verschmilzt das Seelenlicht zu blau
trinkt der eins-gewordene Mond
am Grund des Ozeans Eden 
bis der Tag zerbricht 
im matten grau 

© Amy Herzog

Zerrissenheit

dein Seelenriss
spuckt Blut auf den Bordstein
während eine Leere innerlich kitzelt
und Freudentränen weint

dein Springbrunnen aber
der im Mondlicht am schönsten glitzert
ist atemberaubend

nie war ich so schön
wie in dir
und könnte ich mich durch deine Augen sehen
wüsste ich, wer ich bin

bis dahin
schenke ich dir meinen Atem
lege meine Seele schützend über deine
und lecke dein Blut

© Amy Herzog

Ode an den Stalker

diskret beharrlich 
ist Geduld die Tugend 
oder ein sauberer Schnitt
gewöhnlich fast
so würd' ich's glatt vermissen
wenn deine Erscheinung 
mich in der Ewigkeit vergisst 
in diesem Sinne
vielen Dank
wer auch immer 
du bist 

© Amy Herzog

Traum

In der Morgendämmerung
küsst mich eine leere Bettseite
und streichelt den wiederkehrenden Traum
holt mich sanft in einem Geheimnis ab
und ich falle in die Welt zurück

Ist eigentlich alles ein Geheimnis
wirklich unaussprechlich
oder hat nur nie jemand gefragt?

In der Abenddämmerung
suche ich dich unterm Kopfkissen
und finde meinen geliebten
ein liebliches Betthupferl
meinen ersehnten
Traum

© Amy Herzog

Wölfin

Junge Wölfin schläft
von jeher
tief im Traum
tanzend mit Geliebtem
Tod reißt, zerrt, lehrt
das Lieben, Sex und Blut
jung schleppend, stammelt
sammelt, trinkt vom fahlen Nichts
vermag sie zu wecken
kann sich trunken
voll Sehnen die Lippen lecken
Kopf im Wahn der Stille
Lebenswille kratzt
an deiner Tür rufen gebrochen
nackte Knochen kochen
im eigenen Saft

©  Amy Herzog

Nähren

Kein Abschied 
nur ein ewiges Ende 
ward in mir zu Treibsand 
fraß mein Fleisch
und ließ nur die Fassade zurück 

Fassade lebt nicht 
liebt nicht 
sie atmet nur 
hält eisern Stand

bis Eure Lanzette mein
Innerstes im nächsten Leben
am offenen Herzen 
ernährt

(Z.d.N)

© Amy Herzog

Wann?

wie viele Notizen
wirst du noch in deinem Hirn stapeln
und wie viele davon verbrennen
wie oft wirst du noch vor dir und dem
(du weißt schon was)
davonrennen?

und wie tief willst du noch
in deiner zehrenden Sehnsucht ertrinken
bis das Feuer erlischt?
Wie zündest du dann die Zigaretten
um ins Leere zu starren
während du deine Gedanken vor dir selbst verschweigst
und neue Zettel voll Herzblut vor dir hertreibst

wann ist das alles vorbei?
wann wird das sein?
sag mir wann?

© Amy Herzog

Befleckt

Ein Uhr Nachts
mit befleckter Jungfräulichkeit
die Nachbarn geweckt
Empörung dringt aus ihren Poren
aus unseren die Lust

deine Haut schmeckt nach Mondlicht
das hinter den Wolken schimmert
vergrabe mich in Brusthaaren
die mich in einem Netz aus Wolkenstoff auffangen
atme Stöhnen aus der feuchten Luft ein
und stoße Glühwürmchen in kühle die Nacht zurück
sie zeichnen mir ein Bild aus dem
was ich drum geben würde in dir zu ertrinken
um in unerforschte Tiefen zu sinken
und in deiner wohligen Wärme zu verenden

vier Uhr Nachts
die Dusche stellt sie wieder her
und die Zigarette danach besiegelt
mein Schweigen

© Amy Herzog

Regen

Regen ist nüchtern
und hält die Hand vor den Mund
starrt auf weiße Wände
einerlei ist was und wie ich etwas fände
wie bei einem unbarmherzigen Carcinoma
liege ich im Koma
und schaue den falschen Film
während der Werbepause schlafe ich ein
und träume mich in eine
‚richtige‘
Welt

Regen ist noch nüchtern
hält sich zurück
solange der Schock gesoffen wird
und ich besoffen die Hemmung verliere
dann will die Welt tragen
konservieren
meine Sehnsucht darin einkochen
jede Nacht in sie verlieben
(in dich)
selbst wenn es schmerzt
und sie am Ende im Regen ertrinkt

© Amy Herzog

Deine Wurzeln

Ich bevorzuge deine klammernden Wurzeln
deine Wiedergeburt schmeckt nach abgestandenem Mineralwasser
ja
ich wär‘ dann nicht mehr durstig
ja
du füllst den Magen
aber
wo
bleibt
die
Hingabe
verdammt?

Trinke dann erinnernd deinen Saft aus weichem Moos
schmeckt nach Traurigkeit, die ich an dir liebe
nach Sex aus purer Verzweiflung
und das Ende war schon da
während hinkende Gefühle entgleisen
reise ich durch fahle Wüsten
was mir von dir bleibt
leckt auf meinen trockenen Lippen
den Geschmack von
oxidiertem
Eisen

© Amy Herzog

Distanz

Wundbrand unter der Haut
es lechzt nach mehr
und pellt sich sichtlich ab
das was du kranke Seele nennst
sind einbetonierte Träume

Spritze mir den letzten Schuss
Sehnsucht in die Venen
und werde zum Fossil
in deiner Hand

Taumele am Ende volltrunken
über deine morsche Distanz
bis nah an den Rand

Blicke hinab
und kann den Himmel seh’n

© Amy Herzog

Nachtdienst (Drabble-Dienstag)

Wieder Drabble-Dienstag von Lyrix. Ein Drabble besteht aus genau einhundert Worten, in denen drei Worte vorkommen müssen. An diesem Drabble-Dienstag sind es die Worte: Balance, Augen, Wohnung

Nachtdienst

Tage verliefen gedanklich kräftezehrend. 

Auf vierundsechzig Kilometern Richtung
Arbeit denke ich an Dinge, die ich lieber
täte, wohin ich lieber fahren würde, ob ich
in meiner Wohnung bliebe, oder in deiner.

Meiner nichtvorhandenen Mimik sieht man’s
an. Die Augen leer. Ich rechtfertige in der
Übergabe mit Kopfschmerzen, dabei verliere
ich innerlich die Balance. Ich erinnere
mich an eine letzte Mail, die mir jemand
geschrieben hat: „eine Enttäuschung ist das
Ende einer Täuschung“.

Meine Phantasie reicht gerade noch, um
darin meine Identität wegzuwerfen und
davonzulaufen. Irgendwohin, nirgendwohin.
Möglicherweise an Orte, an die ich während
der Fahrt dachte.

Ich bin unfassbar müde.

Tropf

Hält mein Atem kurz inne
so ist es nur ein Tropf
auf heißem Stein
und wirbelt er doch meine Sinne
wild umher
gehört er mir, nur mir
allein

Wie klingt ein Stöhnen
welches sich in süßen Küssen
um die rote Sonne legt
und wie kleidet sich die Nacht
die zwischen uns
das weite Meer bewegt

Hält mein Atem immer inne
so bleibt das eine mein
stiehlt mir auch an diesem Abend
bloß nicht den Gedanken
dieser Tropf auf heißem Stein
wird er bis ins tiefe Ende
ewig meiner sein

© Amy Herzog

Sie und Er (Part 2)

Triggerwarnung: Sexuelle Inhalte/sanftes BDSM. Wer so etwas nicht lesen mag, der möge diesen Beitrag dezent überlesen.

Ihre Phantasie ist eine, die er nicht in schönen Träumen zu sehen vermag, nicht mal in den Träumen seiner Phantasie. Allenfalls in seinen Albträumen. Sie lebt zu schnell und nährt sich an ihrer Gier, kein Glitzern in den Augen, keine Suche nach der Unendlichkeit, kein Ankommen, nur eine kurze Nacht, weil sie sich mehr nicht erlaubt herbei zu phantasieren. Nichts ahnend seiner. Ein gebrochenes trauriges Herz ist sie, das vor langer Zeit schon alle Wünsche so tief in sich verschlossen hat, dass niemand mehr je danach greifen könnte, so vermutet sie. Und wenn sie an ihn denkt, dann zündet sie keine Kerze an. Denn sie weiß, ein Mann, der nur das eine will, der dreht beim kleinsten Schnick-Schnack wieder um. Zu oft hatte sie schon die Liebe vertrieben, indem sie zu viel war, vielleicht waren sie beide aber auch nur stets zu wenig. Das wird sie nie erfahren.

Und so spürt sie nur noch das niederste aller Bedürfnisse, ihren Hunger, die Gier zu Fressen, die Lust nach seinem Körper, im tiefsten Innern verzehrend danach, ihn heimlich lieben zu dürfen, für diesen kurzen Moment in ihrer Phantasie. Die Kleidung vom Leibe braucht sie im nicht reißen, wartend und sie erwartend liegt er Nackt auf ihrem Bett, befehlend sich ihrer Kleidung zu entledigen. Fest greift er ihren Arm, packt fest zu und wirbelt sie in einer unsanften Bewegung aufs Bett. Ihr zitternder Körper fühlt sich real an, doch das ist ihr in diesem Moment nicht wichtig. Auf dem Bauch landend spürt sie nicht den Willen, in ihre eigene Welt einzugreifen. Wie er sich auf sie wirft, ihre beiden Handgelenke packt und fest auf ihren Rücken presst, lässt sie geschehen, lässt es über sich ergehen, weil sie diesen sanften Schmerz braucht um zu spüren, sich selbst und ihn.

So wie sie sich ihm ausgeliefert fühlt, genauso sicher fühlt sie sich in diesem Augenblick. So sicher, wie sie sich sonst nie fühlen kann. Und als er sein hartes Glied in schnellen Bewegungen wieder und wieder in ihren schwachen Körper presst, beginnt sich ihr unersättlicher Hunger langsam zu lösen. Ihr Stöhnen dringt vor bis in die Wälder und schreckt schlafende Buntspechte aus ihren Nestern. Mit jedem Stoß rutscht sie höher und höher, bis sie das Kopfteil des Bettes ein Ende spüren lässt. Und immer wieder schreckt sie mit einem leisen Schrei auf, während er feuerrote Abdrücke seiner Hände auf ihrem Hintern hinterlässt. So wie seine Bewegungen schneller werden, greift er tief in ihre Hüften, sie genießt das Brennen, das er ihr schenkt. Am Ende spürt sie in sich ein leichtes Zucken und sie weiß, das ist das Ende ihrer Welt.

Während sie sich umdreht, gesättigt von seiner Gier, die sie sich erträumt hat, hebt er seine Kleidung vom Boden auf und verlässt wortlos ihre Wohnung. Diesen sanften Übergang in die Realität genießt sie noch, während sie im Bett alle viere von sich streckt, sich die Anspannung löst und die Realität immer klarer wird. Wie sehr sie sich wünschte, es wäre nicht vorbei, das schließt sie sogleich fest mit in ihre Erinnerungskiste, die sie tief in sich trägt. Ungläubig, ob das ganze wirklich nur eine Phantasie war, geht sie zum Spiegel, entledigt sich ihrer Kleidung, die sie nie abgelegt hatte und betrachtet ihren Körper. Keine roten Stellen, keine warmen Hände, keine Greifspuren an den Handgelenken, nicht mal ein kleines Hämatom an den Oberschenkelinnenseiten. Nur die üblichen Narben der Zeit.

Ihre Enttäuschung steht ihr ins Gesicht geschrieben, dennoch kleidet sie sich wieder an und zeigt sich in dankbarer Demut, kurz und heimlich geliebt haben zu dürfen. Nichts ahnend von seiner Phantasie geht sie weiter ihrem Alltag nach und verbucht die vergangenen zwanzig Minuten als bedeutungslosen, aber wirkungsvollen Power Nap. Die Hoffnung, sich beim nächsten mal einen liebevollen Kuss zu erlauben, verstaut sie sicher unter ihrem Kopfkissen. Die Zigarette danach sei ihr gegönnt, während sie sich daran erinnert, was vorher war. Das Mittendrin drängt sie in den Hinterkopf und das Danach ist verloren. Sie ist verloren, schimmert eine stille Träne im Sonnenlicht. Endlich wieder verloren.

Er und Sie (Part 1)

Triggerwarnung: Sexuelle Inhalte. Wer so etwas nicht lesen mag, der möge diesen Beitrag dezent überlesen.

Es liegt außerhalb ihrer Vorstellungskraft, wie sehr er sie begehrt, wie tief er ihre Nähe einatmen möchte, einatmen muss, als würde sie ihn vor dem ertrinken retten und mit dem ersten Atemzug blickte er in ihre Augen. Als wollte er in seinem gesamten Leben nichts anderes mehr sehen und alles andere davor vergessen, während sich ihr Duft um seinen Körper schmiegt und seine Sinne in entfernte Dimensionen manövriert. Doch das alles spielt sich nur in seiner Phantasie ab, diese Welt, die sie nicht zu erahnen vermag, gleichzeitig ist sie ihm die schönste, die, in der er ankommen und sich fallen lassen kann. Und sie ist darin seine Sicherheit, ihr sanfter Schoß, in der für ihn so unsicheren und schnelllebigen echten Welt. Nur fragt er sich dann: „was ist schon echt?“ In seinen Gedanken sieht er sie jeden Tag, wohin er auch schaut, sieht er ihre Augen vor seinem Inneren. Wir begehren, was wir täglich sehen. Wie jeden Tag flüchtet er vor dem Licht, dunkelt seine Wohnung mit Jalousien und zündet eine Kerze an, um sich weiter in seiner Welt zu laben.

Obwohl seine amourösen Gedanken schnell zu kochen beginnen, als er sie auf seinem Bett liegen sieht, atmet er tief durch und lässt sich Zeit. Denn Zeit ist hier in seiner Welt ein so weit dehnbarer Begriff, dass er bedeutungslos wird. Selbst im Schein seiner Kerze kann er ihre Augen leuchten sehen und als er ihr endlich wieder näher kommt, sich neben sie auf sein Bett setzt, kann er bis hinter ihre Augen, direkt in ihre Seele blicken. Und ankommen. Alles was ihm bis dahin ein Geheimnis war, liegt nun offen in seiner Brust. Wie eine Flutwelle trifft es ihn, überrollt ihn, macht ihn schwach, obwohl er stark sein wollte. „Wir haben Zeit“, flüstert er sich selbst immer wieder zu, während er leicht zu schwitzen beginnt und dieser Schweiß einen dünnen Film aus purer Leidenschaft auf ihm hinterlässt.

Und er denkt an all die Fragen, die sich nun aus seinem Wissen ergeben, das offen in seiner Brust liegt. Alles hat er von ihr, doch er will mehr, immer tiefer in sie hinein blicken. Sogleich denkt er an die Gespräche, saugt jedes Wort ihrer Stimme in sich ein, unersättlich kommt er ihr immer näher, bis sie in seiner Phantasie im Kusse verstummt. Erst ihre weichen Lippen, dann über die Wange an ihren Hals. Kaum traut er sich, sie zu entkleiden, viel zu schnell würde seine Phantasie in der Realität enden. Seine kochenden Gedanken sind längst verdampft, der Körper ist willig und sein Geist noch schwächer. All die angestauten Jahrzehnte versetzen seinen Körper in Anspannung. Wo er gerade noch alle Zeit hatte, hat er plötzlich keine mehr übrig, als er ihr mit zwei, drei ruckartigen Handgriffen die Kleidung vom Leib reißt.

Mit einem mal küsst er in seinem Gefühl alles zugleich, jeden Zentimeter ihres Körpers, ihrer zarten jungen Haut, seine Gedanken kommen nicht mehr hinterher. Und in einem Atemzug sind all seine Fragen beantwortet, jedes Haar, jedes Zeichen ihrer Zeit, mit allem was auf ihrer Haut geschrieben steht, begehrt er sie bis tief in ihre Seele. Seinen Körper stülpt er über ihren, umklammert ihn, vergräbt seinen Kopf in ihren Haaren und will sie nie wieder loslassen. Seine Schwäche ist verflogen, die Zeit flog mit, all seine Bedürfnisse liegen in diesem Moment, den er sich seit Jahrzehnten ersehnt. Endlich kann er fallen und endlich fällt er tief in sie hinein, immer tiefer, immer fester stößt er sie und krallt sich weiter fest. Ob er nur in seiner Phantasie, oder auch in echt stöhnt, ist völlig unerheblich. Die Lust fließt aus seinen Poren und verbindet sich mit ihrer. Mit jedem Stoß lauscht er mit seinem Ohr nahe an ihren Lippen ihrem leisen Stöhnen nach.

Immer schwerer fällt ihm das Atmen, die schnelllebige Welt da draußen hat er aus seinem Gedächtnis gestrichen, seine Welt dreht sich schneller. Berauscht von ihrem Meer der Sehnsucht entlädt er sich in ihr, um sie zu stillen und um gemeinsam mit ihr in die Weiten der Ewigkeit zu treiben. Langsam wird er müde, doch er lässt sie nicht los, im Gegenteil, er krallt sich noch fester, denn zu groß ist seine Angst, dass jetzt, wo er seine Begierde genährt hat, seine geliebte Phantasie, sie, mit einem mal verschwindet. Während er sie fest umklammert schläft er in den salzigen Spuren ihrer Leidenschaft behutsam ein. Eine Hand streichelt durch sein Haar und der Wind imitiert ihren Atem. Das erste mal kann er beruhigt einschlafen, denn er ist angekommen, endlich angekommen.

(Vor-)Gelesen: Stille

Nach sehr langer Zeit hatte ich mal wieder Lust etwas zu lesen. Bin da kein Profi, mache es aber trotzdem.

Stille:

Zufall

Es wird mir nicht überdrüssig und alles andere blende ich geschickt aus. Damit erfinde ich noch lange das Rad nicht neu, im Gegenteil, die Gummierung hat sich längst auf den Straßen verloren. Aber selbst auf kreischenden Felgen finde ich noch den Weg. Meine Briefe haben gewiss die Welt mehrfach umrundet, aber ich überlasse es dem Zufall, obwohl, oder gerade weil es mir die größte Herzensangelegenheit ist. Ich rede mir ein nicht zu wissen was schmerzhafter wäre, aber ich glaube mir nicht. Ich denke das beste wird sein bis in die Sterne zu warten. Im Schwebezustand erträgt es sich leichter. Und wenn ich dann immer noch den Weg finde, dann erfinde ich das Rad neu. Bis dahin blende ich die Dinge geschickt aus, und zähle die Weltumrundungen in zufälligen Zahlen.

© Amy Herzog

Bilder

Dunkelheit schmückt Wohnung
Schallplatten malen Musik auf Wände
eine Gitarre sammelt Staub
in einer Ecke

Schließe ich meine Augen
hängen im Kopf abertausende Bilder
dann ist es gar nicht mehr
so dunkel

Wenn ich sie öffne
steht auf dem Nachttisch
ein Bild von dir

Das einzige, welches ich besitze…

Schlaf findet nicht
schaue dich wortlos an
dein Bild wortlos zurück
finde mich in irgendeiner Realität
und verliere die Balance

Plötzlich hören wir
gemeinsam Musik, berühren uns
in abertausenden Bildern
wälzen nackte Körper durch Farben
hinterlassen ein weiteres Bild

Und wenn Augen dann schließen
ist es gar nicht mehr so dunkel

© Amy Herzog

Jähes Ende

Die weißen Blüten jener zarten
Pflanze, da am Wegesrand
wird wohl ewig warten
auf ein lang ersehntes Licht
und wenn dann auch
mein Kampf um dieses laute
in mir zehrend’s schweigen bricht
so wird’s noch vor dem Anfang
ein jähes Ende nehmen
für dich und mich

© Amy Herzog

Widmung

Einst schrieb ich getrieben
von der Angst in der Dunkelheit
um Dämonen zu vertreiben
und die Einsamkeit

Nun schreibe ich von Liebe
die im Mondlicht, im All verborgene
um ihnen zu huldigen
wärmstens

Und sie zeigen ihr Gesicht
und nennen mir all ihre Namen
damit jedes meiner Worte
eine Widmung trägt

Verschleiert

© Amy Herzog

Ma/cht/gie

Dann ist da wieder
das Unfassbare, die Unberührbare,
die Unbegreifliche, die Unerreichbare
die, die mich im Dunkeln lässt
und mich mit unaufhörlichem Regenfall nässt
obwohl die Sonne zweifelnd scheint
und den Himmel ohne Mond malt
wo Sterne unwirklich in einer
Verzerrung verenden

Alles wirkt unnatürlich
wie ein fades Spiel
das ‚Game Over‘ klopft an die Tür
und ich lausche dem Ende entgegen
kann ihm eh nichts mehr entgegnen
die Frage nach dem ‚Wie?‘
wird mit einem stummen Zauber beantwortet
der stärker ist, als alle meine Wünsche
die ich gegen dich setzen kann

Meine Karten liegen offen
doch deine stehen
auf einem anderen Blatt
und ehrlich –
ich bin’s leid, ich bin’s satt!
statt im Schweigen diese Zeilen zu beenden
wie von der Unbelehrbaren getrieben
muss ich wieder diese Worte
an dich verschwenden

© Amy Herzog

Liebe(lei)

Tausend Enden geben wir uns hin
und tausend Enden sterben wir
meine verbotene Frucht
ist nur eine Liebe weit entfernt
die süßen Tränen trocknen
auf deiner pfirsichweichen Haut
den Anfang haben wir verlernt
mit dem Ende streifen wir
gebrandmarkt durch Garten Eden

© Amy Herzog

Sonnenuntergang

Dem Sonnenuntergang aber
sende ich meine Liebe
und so fürchte dich nicht
vor deiner Dunkelheit, Liebster
wo doch die Liebe in diesem Licht
bis zum Aufgang für dich scheint

Und ich wärme deine Dunkelheit
in dieser wolkenlosen Nacht
nehme sie mit zu mir nach Haus
so sende ich dem Sonnenaufgang
die Sterne, die ich darin zählte
und deine Kälte, die ich wählte

Dann morgen wird es regnen
doch fürchte nicht dem Ertrinken
aus unseren Poren tropft die Liebe
in der wir, wenn die warme Sonne
unsere müden Augen verschließt
wolkenzart gebettet versinken

© Amy Herzog

Eine Muse

So leise bist du
beinahe schweigend betrübt
tropft aus deiner Seele
dieser Schmerz allen Lebens
und wenn’s genügt
zu reden, zu schreiben
dann würdest du nicht mehr
so laut in dich hinein schweigen

Doch wenn die Nacht
über aller Köpfe hereinbricht
dann horche ich dir nach
und ziehe Wolken in meinen Bann
bis der Regen mich ertränkt
und deine Seele schweben kann

© Amy Herzog

Halten

Der Schmerz in deinen Augen
strömte mir entgegen
und darin lag deine große
flehende – doch sterbende Welt
sodann strömte aus meinen
für dich das flüssiges Gestein
und da im Schatten unter dem Fels
wirf nur deinen Anker in See
und ich werde dich halten
in meiner heilen Welt

© Amy Herzog

Ersehnt

Ich traue mich nicht
dich zu brauchen
und dann erscheint mir dein Wort
ein banales, doch mein verwundetes
Herz springt mit letzter Kraft auf

Dann verschlinge ich es
wieder und wieder
so wie der Wind für mich singt
doch es bleibt nur ein kleiner Augenblick
der mir die Einsamkeit nimmt

Es ist eine schwere Geschichte
die du niemals kennst
und irgendwann kommt wieder ein Wort
das wie immer lang – von mir ersehnt
und ich traue mich nicht, dich zu brauchen
hab’s auch diesmal nicht erwähnt

© Amy Herzog

Wünsche (Drabble-Dienstag)

Wieder Drabble-Dienstag von Lyrix. Ein Drabble besteht aus genau einhundert Worten, in denen drei Worte vorkommen müssen. An diesem Drabble-Dienstag sind es die Worte: Mond, Würfel, Taschenlampe.

Wünsche

Schon lange sind die Batterien meiner Taschenlampe leer. Und ich bin nicht gewillt neue einzulegen. Denn sind meine Wünsche erst sichtbar, kann ich sie nicht einfach zurück nehmen. Nur hoffen, dass der Schmerz nachlässt. Was wie eine Entscheidung wirkt, sind eher gefallene Würfel. Es sind keine alltäglichen Wünsche, die man sich erfüllt, um die Illusion vom Glück zu erschaffen. Es sind verborgene, nicht auszusprechende, die nicht greifbaren, weil sie verloren gehen könnten. Die an der dunklen Seite des Mondes schlafen. Die nie da gewesenen, die aber mein schönstes Lächeln hervorbringen, bis der Vollmond hell erstrahlt und mein wahres Gesicht entblößt.

© Amy Herzog

taumelnd

Die tagelange Schlaflosigkeit
macht mich taumelnd im Kreis
und zurück bleibt nur dieses Sehnen
nach zurückgerufenen Gedanken
die sich gegen dich wehren

Und dein Schweigen schlägt
lauter in meiner Brust
als dein Schreien jemals wiegt
und zurück bleibt nur dieses Hoffen
dass du in meinen Träumen liegst

Zu dunkel spüre ich die Anmut
deiner allumkreisenden Anwesenheit
doch zurück bleiben nur bleierne Lider
wieder wartend auf einen Hauch
sinken meine Gedanken nieder

© Amy Herzog

Anfangsmondlicht

Versteck dich nicht mein Liebster
im Mondlicht sehen wir alle gleich aus
und er kommt, er kommt gleich
um uns zu holen, damit wir uns finden

Schäme dich nicht mein Liebster
deine dunklen Narben sind mir Kunst
und im lilafarbenen Schimmer
meiner Hämatome sonnen wir uns

Und fürchte dich nicht mein Liebster
die Klingen zerschneiden Fäden
die wir uns auf unsere Lippen Nähten
doch wir brechen unser Herz nicht

So lasse dich fallen mein Liebster
meine Wunden bedecken nur das Ende
ich zeige dir den Anfang des Mondes
und gleich nimmt er uns mit nach Haus

© Amy Herzog

Fehlen

Mich kurz dabei erwischt,
dass du mir fehlst
und gehofft,
dass auch du mich suchst.
Dann doch nur
die Hoffnung verflucht,
denn bis zu mir ist’s nicht weit.
Und Zeit ist nur ein Wort,
macht noch längst kein Gefühl.

Starrte noch etwas auf’s Ticken der Uhr,
träumte drauf los, dachte an Liebe,
an mit nach Hause nehmen.
Wurd dann wieder wach
von meinem Leben.
Und denke dran,
dass du mir nicht fehlst,
während die Hoffnung den
Sekundenzeiger unaufhörlich zählt.

© Amy Herzog

Oma-Unterwäsche (drabbledienstag)

Lyrix hat die Drabble-Parade wieder wachgerüttelt und ich mache sehr gerne mit. Ein Drabble besteht aus genau einhundert Worten, in denen drei Worte vorkommen müssen. An diesem Drabble-Dienstag sind es die Worte: Tintenfass, Seiltanz und Sprechblase.

Oma-Unterwäsche

Ein leeres Blatt liegt vor und das Tintenfass stelle ich kalt. Zeigst du mir deine Feder? Dann schenke ich dir meine entblößte Welt ein. Meine Geheimnisse aber, die werde ich ertränken. Erst später zeichne ich sie dir in unsere Sprechblase. Geduld Liebster. Das Bild von unrasierten Beinen und nicht zusammenpassender Oma-Unterwäsche zeichnet sich von selbst. Am Ende des Abends legen wir einen Seiltanz auf’s Parkett. Sehnsucht ist erlaubt. Anfassen jedoch unmöglich. Und sowieso ist der kurze Moment vor dem Kuss der, der unsere Wahrheit in Farbe zeichnet. Ziehen wir sie in die Länge bevor wir das Licht löschen.

© Amy Herzog

Abendrot

als flöge mir dein Abendrot
entgegen, um endlich
meine Haut zu berühren

und schwebt im Wind deine
von mir so lang ersehnte Seele
um auch die meine
zu entführen

© Amy Herzog

Samstagabend

Schon wieder Samstagabend. Die Woche neigt sich dem Ende zu und du greifst nach ihrer Hand. Nicht weil du willst, sondern weil du keine andere Wahl hast. Und spätestens am Abend weißt du, diese Nacht wird lang. Also trink, mein Lieber, trink. Immer weiter flussabwärts. Irgendwie musst du ja jene Orte erreichen, die dich nicht nur an deiner Oberfläche kratzen lassen. Diese schöne Oberfläche, die du Woche für Woche auf deine gebrochene Haut spachtelst, damit sie für die Welt funktioniert. Selbst das Licht fällt an diesen Tagen irgendwie anders. Anders als Samstagabend. Und dann sehnst du dich nach der Nacht. Nervös arbeitest du darauf hin, aber mit jedem Schluck fällt die Hemmung. Leise flüstert dir deine Einsamkeit all das oder dieses Eine ins Ohr, was dir fehlt. Dass alles was du hast…nicht reicht. Und du alles was du hast, sofort eintauschen würdest. Also trink mein Lieber, trink. Vielleicht, ja vielleicht, wartet ja heute am Boden der Flasche die Liebe, die ich dir schon zu lange verschweige. Trink, mein Lieber, trink.

© Amy Herzog

nah

wenn ich suche
dann nach dem Mond
und nach Sternen
denn es sind immer die selben
zwischen uns
liegen ferne Welten
doch dieser Mond
macht uns nah

© Amy Herzog