täglich einen Brief

in den Absätzen erfundener Sprache
verfasse ich an dich, mein Liebster
täglich einen langen Brief über Liebe
und lese aus den Spuren meines Herzens
dein in Sicherheit ruhendes Seelenfragment
in dieser unsicheren, gar feindlichen Welt
kannst nur du die Wahrheit in mir lesen

© Amy Herzog

Explizit / Sex

Tristesse wartet
nach dem Abenteuer
mit einer Flasche
hochprozentigem Gefühl
damit es echt wirkt
und warm ums Herz
intensiv der Duft der Welt
solange sie passiert

wie eine Tafel Schokolade

Nur kein Duft der Welt
dringt so intensiv ein
[ganz explizit!]
Sex mit einem Menschen
dem man sein Leben
ganz und gar
nicht nur Haut und Haar
anvertraut

Gelegt in die Hände
eines überdauernden Vorspiels
in dem es kein ‚danach‘ gibt

wie eine Ewigkeit im Paradies

© Amy Herzog

Autismus Erfahrung: Meltdown

Es tut sehr weh, seelisch/psychisch und körperlich, aus diesem Zustand auch nicht herauszukommen. Oft kann ich es inzwischen, wenn nicht verhindern, stark abmildern. Gut ist das nicht. Heute war es sehr anstrengend. Nicht nur für mich. Was wiederum von einem schlechten Gewissen begleitet wird. Denn niemand hat wirklich daran Schuld. Es ist, wie es ist. Ich bin eben so und kann mir auch nicht wünschen, dass ich anders wäre. Na ja, kann ich schon, bringt aber nichts. In letzter Zeit wünsche ich mir das aber öfter.

Nun, heute (Vormittag): Ein paar mal Türen knallen (ich musste in meinem Leben schon mehrere Türen ersetzen – die teuerste hat übrigens damals 800 Euro gekostet, eine Haustür). Dinge werfen, ich bemühe mich, nichts zu werfen, was zu Bruch gehen kann. Autoaggressiv, ich habe mir in die Hand gebissen, immerhin nicht wirklich verletzt, nur ein kleines Hämatom. Weinen. Und beinahe meine Kleidung zerrissen, konnte aber auch das unterdrücken. Fluchen, wildes Umherirren, weinen. Und schließlich im Bett aufgeben und warten, bis es sich löst.

Auslöser war meine gestörte Routine, dadurch, dass mein Partner heute Homeoffice hatte. Es bahnte sich bereits Nachts an, als ich um drei Uhr aufstand, um zu duschen, dann zwei Stunden Serie geschaut, dann wieder ins Bett. Normalerweise stehe ich gegen fünf Uhr auf und starte meine Routine. Heute blieb ich lange im Bett, um den Verlust meiner Routine quasi zunächst aus dem Weg zu gehen. Klappte natürlich nicht. Ich hatte meine Routine nicht, meinen Platz nicht, mein Alleinsein nicht. Das ist überhaupt kein Vorwurf und eigentlich wollte ich das nicht aufschreiben. Aber ich denke auch, dass es okay ist zu wissen, dass es nicht immer reibungslos läuft. Und es muss okay sein. Ich versuche mir selbst nicht böse zu sein.

Nun, die Glieder sind schwer, schmerzen, der Kopf weitestgehend leer, Kopfschmerzen. Erschöpfung. Dazu noch immer meine gestörte Routine, das ruiniert halt immer den ganzen Tag. Aber immerhin habe ich meinen Platz wieder. Trotzdem werde ich gleich duschen gehen. Das Bad ist irgendwie mein Lieblingsort und ich weiß, alle Welt redet von Wasser (bzw. Energie) sparen, aber darin bin ich sehr miserabel, schon seit ich denken kann.

Ich habe das Gefühl nun etwas zu brauchen, aber ich weiß nicht was. Irgendetwas, das meine Glieder trägt / im übertragenen Sinn, ohne mich weiter zu beschweren. Zugleich bin ich gerade nicht besonders zugänglich. Alles ist zu viel und zu wenig auf einmal. Weiß nicht, ob das jemand versteht. Ich nicht. Vielleicht würde auch das schon reichen. Jemand, der versteht. Da ist, ohne anwesend zu sein. Nah ist, ohne nah zu sein. Struggle neuerdings unheimlich mit mir selbst, will das Handtuch werfen, will nicht immer stark sein müssen, weil ich es nicht immer kann.

Habe neulich einen Spruch gelesen: Viele finden dich (in dem Wissen, dass du Autist:in bist) interessant, bis sie tatsächlich merken, dass du Autist:in bist.

komparse

ich bin klein
komparse
in der letzten reihe
rufe zwei mal täglich sehnsucht an
bleibe im wald allein
wie zersplitterter nagellack
an alten rinden kratzt

nur ein brief in schwarzer tinte
kann ihn nicht mehr lesen
grauer nebel
schläft auf meinem rücken
mückenstiche
bleiben mein gefühl

ich bin klein
gedichte brechen
während ich leichen lache
und wie ich wache
durch jede schwarze nacht
lacht sie mich aus
die sehnsucht

zwei mal täglich rufe ich dich an
beständigkeit ist dumm
habe ich gelernt
doch bin ich hier allein und stumm
kratze meinen lack noch ab
und kündige die rolle
in diesen stück

© Amy Herzog

Obskures Einhorn

Ich bin Realistin. Ja, auch Pessimistin. Vielleicht sogar ein bisschen Optimistin, gelegentlich, wenn sich die Gelegenheit bietet. Wenn ich etwas erwarte, dann zugleich alles und nichts. Murphys Law nicht zu vergessen, sogar bevorzugt im Fokus stehend. Das verhindert nicht den Schmerz, aber man kann sich selbst guten Gewissens sagen: „Ich hab’s dir ja gesagt“. Und da würde ich gern sagen, dass mich nie etwas überraschen kann, aber selten passiert das doch. Es passiert eben viel, das ist immer so, bei jedem. Es ist immer viel passiert, die Geschichte, die wir kurz halten wollen, ist in Wahrheit immer lang. Und dann gibt es diese Menschen, da findet die Geschichte weder Anfang noch Ende. Das sind diese Geschichten, über die man nicht spricht. Nicht etwa weil man es nicht möchte, sondern weil sie nicht erzählt werden können. Was auch immer diese Geschichte aber gewesen sein mag, sie ist es, die uns ausmacht. Die Dinge, die in keinem Albtraum vorkommen, die Wahrheit, aus der man nicht so einfach aufwachen kann. Daraus sind wir entstanden. Wir, die Menschen mit den endlosen Geschichten.

Und trotzdem, selbst wenn wir nicht über diese Vergangenheit sprechen wollen, weil wir sie verdrängen, vielleicht noch verarbeiten, oder sie einfach nichts mehr in der Gegenwart und der Zukunft zur Sache tut, sie macht uns dennoch aus. Wir sind das Resultat aus dieser Geschichte, aus unserer, ich aus meiner. Und manchmal wird man der verschlossenste Mensch, dem man begegnen kann. Nur damit dieses albträumen ein Ende findet, damit Ruhe einkehrt, Verlässlichkeit in einer Welt, in der nichts wirklich sicher ist. Unweigerlich wird jeder Mensch einem Test unterzogen. Nein, nicht mit Papier und Kugelschreiber. Viel härter ist dieser Test. Er testet jedes Wort, jeden Atemzug, jede Regung, dieser Mensch wird durchleuchtet, wieder und wieder, jede Handlung wird hinterfragt. Jede Sekunde wird beurteilt. Der Test startet sofort und endet, wenn ein Bestehen ausgeschlossen werden kann. Und dieser Test wird nicht wiederholt.

Denn damit sich diese Menschen, wenn auch nur für die Gegenwart und die Zukunft wahrhaftig öffnen, braucht es ein Testergebnis von 100%. Was, wie soll es anders sein, vollkommen unrealistisch ist in dieser Welt, in der gar nichts sicher ist, mal abgesehen von der Unsicherheit. Fair ist dieser Test auch nicht. Es werden keine Fragen gestellt, keine wichtigen. Jemand sagte mir mal „Lass die Menschen reden, sie erzählen ihre Geschichte“. Nun, die Geschichte ist irrelevant. Aber das, was die Geschichte aus diesen Menschen gemacht hat, das ist wichtig. Und sie leben es, zeigen es, strahlen es aus. Ich bin nicht sicher, wie ich bei all diesen Tests abschließe. Es kommt ja niemand daher und erfragt sein Ergebnis, so auch ich nicht. Aber ich denke man merkt es, wenn man bestanden haben sollte. Nicht jeder Mensch braucht diese 100%. Aber diese Menschen mit den nie enden wollenden Geschichten, diesen Albträumen, sie brauchen diese 100%. Wie gesagt, bin ich aber auch Realistin und lasse auch 99% noch durch. Nicht so ganz geöffnet, aber sehr viel.

Eine Sache, die ich dabei nicht zugeben mag, die aber bei diesen Menschen mit den nicht enden wollenden Geschichten durchaus häufiger vorkommt ist, dass sie Träumer sind, irgendwo versteckt, in der Nacht, im Hinterkopf, in der Stille, in der Einsamkeit. Es sind die zerbrochenen Menschen, die Stärksten der Starken. Und ich glaube an echte Magie, an das Unrealistische, an diese 100%, an die wirklich wahre Liebe, an Bedingungslosigkeit, an verwandte Seelen, an das Gute und an die beständige Ewigkeit. Ja, das ist das Selbe wie an die Existenz von Einhörnern zu glauben. Besonders, wenn der Test so gnadenlos hart ist, wie meiner es ist. Aber es handelt sich dabei nur um ein Geheimnis. Ich bin also eine Realistin die stets alles erwartet, erfahrungsgemäß Murphys Law, das Unerwartete, das zu erwartende.

Und dieses obskure Einhorn.

Meine Enden

Habe meine Enden gesehen, dem Tod persönlich die Hand gereicht, ihn umarmt. Er macht mir keine Angst. Nicht so, wie die Lebenden, diese lebenden, erbarmungslos unterkühlten Wesen, diese Lebenden. Für ihn habe ich die Wohnung geputzt. Habe mich frisiert, die Nägel lackiert. Ja, sogar den Kühlschrank gefüllt. Habe die Sonne ein letztes Mal auf mein Gesicht scheinen lassen und sie genossen. Habe mich von ihr verabschiedet. Und schaute nicht zurück.

Da war keine Trauer, keine Verzweiflung, keine Wut, kein Gefühl, kein Schmerz, ja nicht mal die Liebe. Weder Kälte noch Wärme. Es war völliger Stillstand. Ruhe. Ruhe vor dem Sturm. Kein Ende sollte mein Ende sein. Als hätte der Tod nicht nur das, was ich gesehen hatte, in meinen Augen gesehen, sondern auch das, was ich noch sehen muss, bevor er mir das Ende gewährt. Was ich sehen muss, das weiß ich nicht. Vieles habe ich seither gesehen. Und in meinen Augen kann man es lesen. Eine Bibliothek, die das Mark in den Knochen verbrennt, sobald man sie betritt. Meine Fragen, diese vielen Fragen, sie werden leiser mit der Zeit, mit dem, was ich sehe. Nur was ich noch sehen muss, diese Frage steht oben. Sehen oder Fühlen. Erleben. Wie viele Enden noch. Oder liegt darin ein Anfang?

Es ist nicht der Tod, der mir Angst macht. Es sind die Lebenden und das was ich noch von ihnen sehen muss. Und das, was es noch mit mir machen wird, wie es meine Augen verändern wird, wie sie mir die Pigmente aus den Augen ziehen. Verblassen. Wieder etwas heller sind sie, die Augen. Und die Seele voll Furchen. Ich höre das Lachen, es ist nicht so, dass ich es nicht hören würde. Ich ignoriere es nur schlicht und ergreifend. Und es ist nicht so, dass ich nicht hinschauen würde. Ich schaue nur lieber Richtung Sonne, falls ich mich verabschieden muss, dann von ihr.

Goethes Erben – Es ist still

Ich weiß nicht warum
aber Traurigkeit
stillt meine Seele

Ich weiß nicht warum
aber Wißensdurst
läßt mich immer durstig zurück

Keine Antwort macht mich satt
nur Hunger
auf viele neue Fragen

Es ist still
in mir
Es ist still
in mir

Machen Fragen
als Ansatz zu wißen glücklos

War ich nur naiv
oder meint die Stille mich

Aus Distanz oder Nähe
mit Lähmung zu infiltrieren?

Ich weiß nicht warum
aber die Trauer macht mich…
Ich weiß nicht warum
aber die Trauer macht mich

Es ist still in mir
um mich nur fataler
geräuschloser Lärm

Er dringt nicht zu mir
nicht in mein Gehirn

Ich weiß nicht warum
aber die Trauer um mein Leben
die, die macht mich stumm

Ich weiß nicht warum
aber die Trauer macht mich…

Ich weiß nicht warum
aber die Trauer macht mich
stumm

© Goethes Erben / Oswald Henke

Romantik

Höre die Romantik im Herbstlaub knistern, bin nur nicht romantisch, liegt mir nicht. Bin eher so die tragische, mit dem Sinn fürs Absurde. Die dummen Ideen? Ja, die kommen meist von mir. Hinter dem bisschen Grips steht eben doch jener verrückte Professor, der täglich ein neues Monster erschafft. Und wenn die Uhr nicht mal mehr im Schein einer kleinen Kerze zu sehen ist, dann ist die Nacht tief genug für eben dieses Monster. Romantisch wird es dann nicht, das Laub, das bis zum Sonnenuntergang noch romantisch knisterte, klebt in der feuchten Nachtluft am Asphalt, die wenigen einsamen Seelen, die dann noch unterwegs sind, rutschen allenfalls darauf aus und belustigen mich, bis der letzte den Weg in seine verflossenen Träume gefunden hat. Für mich wird es dann aber interessant. Dinge passieren, die nicht passieren sollten. Dinge werden gesagt, die im Licht zu ehrlich wären. Und Dinge werden getan, die ganze Leben bewegen, verändern können. Und dann gibt es kein Zurück mehr. Ob der Nächste Tag verregnet sein wird, oder das Absurde doch ein Happy End schreibt, tja, das kommt drauf an.

Keine Rezension, aber ein gut gemeinter Ratschlag: David Wonschewski – „Blaues Blut“

Nun, das hier ist keine Rezension. Eigentlich hat mein Partner dieses Buch beim Gewinnspiel ergattert – und ich hätte auch eines gewonnen, hab’s aber kürzlich erst gesehen. Ups. Aber was soll’s, ich habe ohnehin alle Bücher digital und/oder in Druckform. Ja, manchmal habe ich beides, weiß auch nicht warum. Wollt einfach nur die Frage beantworten. 😀

Wäre ich bei der Arbeit, hätte ich dem Foto etwas BTM beifügen können. Hab dahingehend leider nichts daheim – daher einfach was schönes dazu denken. 😉

Aber das hier ist wie gesagt keine Rezension. Kann ich eh nicht gut, so etwas. Aber ich muss es halt jetzt schon dringend erwähnen. Ich liebs. Und ich werde es gewiss erneut erwähnen, wenn ich fertig bin, denn ich habe heute erst angefangen zu lesen – das Vorspiel und das erste Kapitel. Inhaltlich, dazu komme ich gleich, aber eben nicht besonders umfangreich. Der Schreibstil ist aber, wie auch schon in seinen anderen Werken, ist kaum zu übertreffen, höchstens von Schreibern, die bereits, wie soll’s auch anders sein, tot sind. Okay, ich lese halt auch nicht alles und so selten Romane. Aber ich bin ja auch kein Kritiker. Oder Rezensent. Kann mich mit Fantasie so schlecht arrangieren und brauche (für mich) greifbares. Nun, und dieses Buch ist, wie auch die Vorgänger, nicht nur zum greifen nah, sondern vom ersten Satz an in mich eingedrungen, in die Psyche. Ich finde die Bücher also alle gut, mein Lieblingsbuch bisher bleibt aber „Geliebter Schmerz“. Das Video bzgl. des Selbsttötens finde ich dazu auch sehr prägend und kann’s halt aus eigener Erfahrung bestätigen.

Wobei ich sagen muss, dass „Blaues Blut“ möglicherweise auf Platz 1. rutschen könnte. Es ist eben wieder wirklich ganz besonders tiefgehend. Und für mich gerade nur häppchenweise zu konsumieren. Mir gefallen die Zeitsprünge, ich nehme an, dass ich dadurch mehr erfahren werde, wie es so kommen konnte, wie es kam. Abwechslungsreich, aber ohne den roten Faden zu verlassen, auf den Punkt kommend, während des Abschweifens. Und es ist stets der Nächste Satz, der einen über sich selbst, über die Gesellschaft im Allgemeinen, oder gar über eine spezielle Person nachgrübeln lässt.

Hier auch noch mal der Trailer, zu dem Buch, um das es hier eigentlich geht.

Das Vorspiel ließ mich kurz die übliche Frage stellen, die ich mir bei jedem Werk zuvor auch schon gestellt habe: Wie viel Wahrheit und wie viel Fiktion liegt darin? Und ist der Autor wirklich so…ähm…stellenweise irre…(lieb gemeint ;-)) oder die Fantasie ganz besonders rege, also wirklich ganz besonders? Diesen Gedanken konnte ich dieses Mal sehr schnell verwerfen, denn: Ich muss ja davon ausgehen, dass das alles nur ausgedacht ist – oder zumindest überwiegend. Wenn ich mich aber tatsächlich darin wieder finde, und ich mag gar nicht sagen wie viel, dann bin ich die Irre, oder? Bedenklich, oder? Nun, beim Vorspiel muss ich sagen, hatte ich das Gefühl, dass entweder der Autor selbst gestorben ist, in dem Fall könnte ich dieses Buch nicht lesen, oder nun, eben der Erzähler und dieser „IM Krebs“ dieser Geschichte nicht die Selbe Person ist, nicht immer, als hätte einer einen Mord begangen und der andere nicht. Ich weiß weder, wer gestorben ist, noch weiß ich, wer einen Mord begangen hat. Ich wechselte zwischen Frankenfelder sehen und Frankenfelder sein. Genau so wie auch der Erzähler, so mein Gefühl.

Wieso will ich mich nun nackt in Scherben wälzen? Hm. Ach, inzwischen bin ja auch ich mehr die denkende und tippende Person. Aber ja, einfach nackt in Scherben wälzen, klingt halt auch interessant. Es war zumindest sehr prägend, dem Frankenfelder dabei zuzuschauen! Ein bisschen Lust, ein bisschen leid, ein bisschen Fassungslosigkeit, Unglauben, dann wieder ein Grinsen. Ich habe das Blut schmecken können!

Der Abschnitt „Frankenfelder allein in seiner Wohnung, 2016“ hat mich ganz besonders angesprochen. Fast schon aus mir heraus gesprochen. Haaresbreite sozusagen. Also, wieder bedenklich, oder? Ich möchte einen kleinen Teil zitieren, welcher mir ganz besonders nahe ging. Die Entscheidung war da sehr schwer, aber ich habe eine getroffen. „Nein, nichts und niemand kommt noch hier hinein. Nicht in meinen Kopf, nicht in mein Herz, nicht in meine Wohnung. Und ich, ich gehe nicht mehr hinaus.“ Ja, da fehlt der Kontext. Der steht in den Sätzen davor, die halt wirklich gelesen werden sollten. Das soll viel mehr ein unheimlich guter Ratschlag, als eine Empfehlung sein. Beim Autor persönlich zu erwerben, einfach per Mail: (ich verlinke HIER), oder eben die langweilige Variante: bei irgendwelchen Großkonzernen. Und um euch Zeit zu sparen – die anderen Bücher sind halt genauso dringend lesenswert.

Btw. Die Idee mit den QR-Codes find ich toll. Habe aber erst den ersten angehört. Und werde das auch weiterhin so machen – erst das Kapitel lesen und dann gibts den nächsten QR-Code. 🙂

Angst

In letzter Zeit bist abgelenkt von deinen Gedanken, versuchst sie zu verdrängen, dich in Kunst zu flüchten, in Musik und in deine Arbeit, eine klare Sicht behalten ist die Hauptsache, sagst du dir immer wieder, willst stark sein, dein Kopf sieht das anders, sieht in deiner Hauptsache nur noch eine unbedeutende Nebensache. Deine Bemühungen nur, um dich am Ende wieder in diesen Gedanken zu verlieren, welche dir jeden Tag, den ganzen Tag im Hinterkopf klemmen, fast wie ein Parasit. Diese Gedankenöffnung voll Lust und Tiefe, aber dann diese Gedanken, die du nie wieder fühlen wolltest, weil sie dir einmal zu viel beinahe das Leben gekostet hätten. Du hast Angst, du bist erwachsen, aber du fühlst dich wie ein Kind, das niemand sieht, bist allein mit diesen Gedanken, der Angst. Nein, sagst du dir immer wieder, NEIN! Jetzt wird gearbeitet. Und heute Abend trinkst du dich in den Schlaf und hoffst, in deinen Träumen nicht zu denken, nicht zu fühlen. Hoffst, dort die Angst nicht zu verlieren, die Erde unter deinen Füßen, die dir, wenn du wach bist, sowohl das Leben rettet, als auch nimmt. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Es ist zwar kein Drabble (das hatte ich bereits geschrieben), trotzdem sind dort die aktuellen drei Worte von Lyrix untergebracht 🙂 Nur so aus Spaß an der Freud.

nicht konkret

Nicht konkret
nur wie Wasser durch’s Sieb
wollt‘ noch bleiben
warte aber länger auf den Bus
blocke random Leute
damit sie mir gleichgültig sind
und tanze wild durch die Gegend
damit ich mir kurz glaube
dass alles gut ist

Höre Musik
die mir nicht gefällt
aber selbst wenn mich nichts hält
wird mir im Magen flau
und dann laufen wieder Tränen
obwohl ich vor Hass nicht denken
aber noch immer fühlen kann
nur nicht zu konkret

Halte fest
was ich nie hatte
nur damit ich etwas halten kann
verstecke hinter Masken
wo ich nichts zu sagen habe
würd‘ aber gern mal drüber reden
bis der Bus kommt
nur deswegen
bloß nicht zu konkret

© Amy Herzog

Waldbrand
auf meinem Kopf
ätzend
der Kummer
trinke Salpetersäure
damit mein Bauchgefühl was zu lachen hat
die Äste brechen
unter meiner Leidenschaft
krieche müde
Abendrot in die Nacht
damit Orientierungslosigkeit
Sinn ergibt

© Amy Herzog

Sprachlos

Gedanken schreien laut
auf Sprachlos
im ständigen Zug
auf, zu, auf, zu, auf, zu
endet mit einem lauten Knall
der mich aufschreckt
lege meine Hände vors Gesicht
weil Augenschließen nicht genügt
und schlafe wieder ein
die Wangen brennen
es verschlägt mir den Atem
und jedes Wort

© Amy Herzog

Autismus Erfahrung: Hab mich das erste mal selbst beobachtet und bin geschockt.

Heute habe ich keine große Lust zu schreiben, zumindest nicht bisher. Aufgrund dessen habe ich gerade eine erste Probe durchlaufen. Und dabei ist etwas ganz anderes entstanden, als ich eigentlich wollte. Ich wollte nämlich ein erstes Probevideo drehen, schauen ob der Ton passt, meine Stimme. Die Stimmlage ist beim lesen eines Textes nur ein bisschen zu monoton, kann ich aber gelten lassen. Mit meiner übertriebenen Pingeligkeit und meinen stets hohen Erwartungen. Überraschend angenehm. Aber das verrückte kommt noch.

Ich startete die Kamera und wollte theoretisch direkt lesen, musste mich jedoch kurz daran gewöhnen. Was nicht schlimm ist, ich kann ja schneiden. Mit „kurz“ ist hier etwa eine halbe Stunde gemeint. Eine halbe Stunde, in der ich mich anschließend selbst sehen konnte. Und ich sehe es, das Verrückte. Meine Augen finde ich eigentlich recht annehmbar, im Gegensatz zum grottigen Rest halt. Aber die sind ganz besonders verrückt. Ich frage mich, warum sie mich frei laufen lassen. Sie, die mit den weichen Kuschelwänden und den liebhabenden Jäckchen. Meine Mimik entgleist komplett, sie macht was sie will. Es ist tatsächlich so gewesen, dass ich nach kurzer Zeit nicht mehr maskiert habe. Und das, obwohl ich annahm, dass ich es tue. Bzw. ich dachte gelegentlich gar nicht darüber nach. Was mir hier aber zeigte, dass Masking tatsächlich die volle Aufmerksamkeit benötigt. Sobald ich etwas anderes mache, kann ich nicht gut, oder gar nicht maskieren. Offensichtlich. Wieder was gelernt/über mich erfahren.

Von völliger Abwesenheit von Mimik, bis hin zur totalen Gesichtskirmes, war alles dabei, wechselte ständig und passte oft nicht zum gesagten. Meine bisherige Selbsteinschätzung war besser, als es der Realität entspricht.

Autist:innen haben ihre erlernte Mimik häufig aus Comics, Mangas, Animes oder Cartoons entnommen. Weil diese einfach deutlicher ist als die echte Mimik eines Menschen. Ich nahm halt an, dass ich mir inzwischen das eine oder andere auch von echten Personen abgeschaut habe. Es gibt da diesen Test, in welchem Autisten verschiedene Gesichtsausdrücke den Emotionen zuordnen müssen. Also Gesichter lesen (Psycho Physognomik). Darin bin ich überwiegend schlecht. Dabei wird darüber so viel über eine Persönlichkeit verraten. Große Freude, Wut, tiefe Trauer. Das bekomme ich noch hin. Aber flirten, Verspieltheit, Besorgnis, gelangweilt, usw. Kaum eine Chance, dass ich so etwas korrekt deute. Oder eben korrekt zeigen kann. – Mir wurde oft gesagt, dass mein Gesichtsausdruck böse, bzw. gelangweilt aussieht. Eben dann, wenn ich mich nicht darauf konzentriere.

Und um solcherlei Aussagen zu umgehen kommt nun unpassendes lächeln hinzu. Meine Augenbewegungen sind extrem schnell. Meine Augenbrauen ziehen sich hoch – was weiß ich warum. Weite Augen, ich wirke hektisch, dabei bin ich ganz und gar nicht hektisch. Ich kann nur langsames nicht leiden, weder bei mir, noch bei anderen. Trotzdem bin ich oft sehr langsam, weil mich ganz einfach vieles ablenkt. Wenn ich aber strukturiert bin, dann bin ich flott und produktiv. Die erste halbe Stunde in meinem Video habe ich aus Versehen recherchiert. Ich wurde durch einen Gedanken abgelenkt. Hatte aber im Hinterkopf, dass ich gerade den Ton prüfen will, weshalb ich redete. Nach einer Weile mit verschiedenen Dialekten. Zwischendurch Gesinge. Ich las etwas über Stentimplantation. Und meine Gesichtskirmes beinhaltete jeden Cartoon, den ich jemals gesehen hatte. Dazu das Wippen, vor zurück, von links nach rechts. Zwischendurch ein Händeflattern, zappeln, ständig zappeln, fummeln hier und fummeln da. Ich bin regelrecht erschrocken darüber, wie wenig ich das selbst wahrnehme, mich selbst wahrnehme.

Als ich dann aber endlich meinen Text las, war die Mimik nahezu stillgelegt. Vermutlich weil es mehr Konzentration erforderte und mir das Recherchieren leichter fällt. Ist ja alles in allem ein Thema, mit dem ich mich seit über zwanzig Jahren, nicht durchgehend, aber konstant beschäftige. Da geht mir das Herz auf und irgendwie sehe ich das auf dem Video. Auch wenn es verrückt aussieht. Aber inhaltlich bin ich zum Glück relativ gut aufgestellt.

Ich frage mich aber nun auch, wie ich damit überhaupt durch die Welt gehen kann und trotzdem ernst genommen werde. Die, die das nicht tun, die sortieren sich halt selbst aus. Aber im Groben komme ich gut durch. Muss nur kurz den Schock verarbeiten. Und mir überlegen, wie ich das trainieren könnte. Das, von dem ich dachte, ich hätte es bereits gut trainiert. Bin aber kein Mensch, der einfach so aufgibt, im Gegenteil. Oder ich akzeptiere es einfach und muss demnach viel weniger pingelig mit mir selbst sein.

Dein sein.

Ich kann diesen Mord verstehen. Es musste ja so kommen, denke ich in den letzten Minuten meines Lebens, während es nach und nach dunkler und leichter in mir wird. Das Blut, mein Blut, welches sich in einer dunkel-dickflüssigen Lache um mich herum ausbreitet, kann ich sehen, aber nicht mehr fühlen. Nicht die Wärme, auch nicht die Nässe. Mein regungsloser Körper ist nicht mehr, nicht mal mehr kalt. Und nachdem ich all die Jahre selbst unter den zahlreichen Betten verflossener Liebhaber mit einem Messer gelegen hatte, wartend auf die Gelegenheit ihnen dieses Messer in die Brust zu stechen, sie aufzuschlitzen, um ihnen das Herz zu entnehmen, es einzulegen in Formaldehyd, damit es für immer mein sein würde, war es der einzig logische Weg, dass einer von ihnen mir nun den Garaus macht, sich das traut, was ich nur stillschweigend lebte. Noch dazu hat er, unwissend darüber, dass ich eine Weile auch unter seinem Bett lag, nicht nur sein Leben gerettet, sondern vor allem das seiner Brüder. Ich jammere also nicht herum, ziehe keine schmerzverzerrte Fratze, sondern blicke starr, mit glänzenden, erwartungsvollen Augen in die Augen meines Mörders. Und ich kann diesen Mord verstehen. Ihm wollte ich mein Herz entziehen, er wollte, dass es für immer ihm gehört. Und gleich wird es vorbei sein, ich werde vorbei sein, gleich bin ich dein.

Schwanken

Ich schwanke. Schwanke noch ein wenig vor mich hin, etwas vor und wieder zurück. Hin und her. Newtonpendel. Mit jedem Stoß ein Seufzen, das du nicht hörst. Versuche Zweifel durch ein Nadelöhr zu schieben, aber selbst wenn ich damit jede Wunde, die du öffnest, verschließen könnte, wäre der Faden viel zu aussichtslos. Solange ich dich aber vor mir herschiebe, schwebt die Leichtigkeit in Gewitterwolken. Unwetter droht, bellt, aber kann nicht beißen. Und solange kann ich dich festhalten. Wenn das bedeutet, dass ich mir Blutergüsse in die Unterlippe zeichne, statt dich zu küssen, dann wähle ich die Last auf meinem Körper dich vor mir herzuschieben und in Seekrankheit zu leben. Und wenn ich regne, dann leise in der Sommernacht, damit dich der Morgen mit saftigen Wiesen und getrocknetem Beton begrüßt. Dann schaue ich wieder zu lange aus dem Fenster, beobachte die Lebenden, ein Vorbeiziehen und die Jahreszeiten. Es dauert eine Ewigkeit über deine Gedankenlosigkeit nachzudenken, während dein Lachen mein Ohr bluten lässt. Ohne Rücksicht auf Verluste. Du hast ihn kennengelernt, den Verlust, er hat dir die Menschlichkeit genommen, die ich gesucht habe. Aber nicht das gebrochene Herz. Nicht die Angst vor dem inneren Tod. Und nicht das Ziel, das hinter dem Winter ruht. Ohne Handschuhe berühre ich es. Und was mir der Verlust aus blauen Fingerspitzen zieht, ist das Gefühl. Mein Gefühl. Mich. Alles was mich schützt, mich ausmacht, was ich mühsam gefunden und gesammelt habe. Die zerkratzte Oberfläche lässt er mir, damit es in jeder Wunde brennt. Es brennt. Und ist es das Wert? Sag, ist es das Wert, dich nicht mehr mit dieser Leichtigkeit vor mir herzuschieben? Ist es das? Es ist bunt, es ist hell, wild, große Gefühle und Sex. Die Wahrheit jedoch steht in den Spuren im Schnee. Und dann neue Hämatome. Ich möchte sie zählen, aber ich schwanke. Ich schwebe. Ich schwanke.

Entscheidungen

Das Leben besteht aus einer Aneinanderreihung kleiner Entscheidungen. Ja oder Nein. Viel oder wenig. An oder aus. Klein oder groß. Die meisten davon sind nicht von belang, wir leben damit, leben so vor uns hin, fließen und nehmen, sind glücklich oder nicht. Und wenn es uns nicht gefällt, entscheiden wir neu. Das meiste ist wie ein Stück Schokolade, eine kurze Freude wird zur Gewohnheit, gerät in Vergessenheit. Es lebt der Moment. Niemand von uns wird sich auf dem Sterbebett daran erinnern, dass er Maurer statt Maler wurde. Es ist so. Und niemand wird sich daran erinnern, ob man das Licht an oder ausgeschaltet hat.

Wenn wir aber dem Tod ins Auge blicken, dann denken wir an die wirklich wichtigen Entscheidungen. Nehmen wir an, dieser Tag ist heute, genau jetzt. Und wir denken an Wahrheit oder Lüge, an Liebe oder Hass, an einen Schritt nach vorn oder zurück. An Leben oder sterben. Hast du dich heute schon entschieden? Und war es dir wichtig, wirklich wichtig? Nicht immer haben wir Einfluss auf die wirklich wichtigen Entscheidungen. Aber wenn doch, dann entscheide. Jetzt!

22 30 Ende

zweiundzwanzig Stunden lachen
dreißig Minuten reichen mir nicht aus
hab’s kurz gespürt
und wieder an der Angst gerührt
zu lieben
verstecke mich dahinter
fühle, fühle, fühle
und hasse es
dafür

hasse dich
aber gerade ein bisschen mehr als sonst
kurz den Tod gewünscht
und bereut

schwer mir einzugestehen
wofür ich so früh aufgestanden bin
und bin nicht gut darin, etwas zu beenden
nicht zu brennen
was in Flammen steht

lerne schweigen
hab’s mir von dir abgeguckt
mit banalem Wort
und mitten im Satz ein kleines
Ende

© Amy Herzog

Wertschätzung und Liebe

Ich habe über die Wertschätzung nachgedacht. Über Vertrauen und wie immer, über die Liebe, von der ich noch immer nicht genau weiß, was sie eigentlich ist. Ich würde gern sagen, dass ich die ach so magischen drei Worte nur wenige Male gesagt habe, aber das kann ich nicht. Ich habe diese Worte nicht zu vielen Menschen gesagt, aber zu diesen wenigen dann doch des Öfteren. Noch häufiger wohl das Bekannte „ich dich auch“. Warum? Nun ja, weil man das eben so sagt. Wie oft habe ich es aber in dem Moment, in dem ich es gesagt habe, auch wirklich so gemeint? Wenn ich meine neusten Gedanken dazu miteinbeziehe – noch nie. Durchaus habe ich es gefühlt und hätte ich diese drei Worte dann gesagt, dann hätte ich sie auch so gemeint. Das ist bisher aber nicht vorgekommen.

Gerne betrachte ich Menschen nicht im Gesamtbild, sondern zerteile sie wie ein Puzzle und betrachte dann jedes einzelne Stück. Und dann sehe ich die schönen Farben der Seele, das was zu bewundern ist, ja auch was zu begehren ist, aber auch die Abgründe und dann kommen noch die ganz tiefen Abgründe, da wo die Leichen ruhen. Dazu fällt mir ein recht oberflächlicher aktueller Trend aus dem Netz ein, welcher ungefähr so aussieht: „Er/Sie ist eine 10 von 10, hat aber (ich nehme mal ein Beispiel, das die meisten Menschen abschrecken dürfte) die Neigung, sich mit Exkrementen einzureiben. Was wird dann aus der 10 von 10? 10 von 10 ist schließlich perfekt. Und das war nur ein Beispiel. Wir alle haben Eigenschaften, die aus unserer 10 von 10 eine, sagen wir, 5 von 10 machen könnte.

Und dann kommt mein Gedanke an die Wertschätzung ins Spiel. Mein genanntes Beispiel würde, sofern ich diesen Menschen wertschätze, tatsächlich eine 10 von 10 bleiben. Was nicht bedeutet, dass ich diese Neigung teile (oder eben nicht zwangsläufig jeden anderen Abgrund), ebenso, wie nicht jeder andere Mensch meine Abgründe teilt. Ich sehe das sehr simpel. Hätte ich diesen Menschen, diese 10 von 10, dann würde ich ganz offen darüber sprechen wollen, so wie ich immer über alles offen sprechen können möchte (ist vielleicht einer meiner Abgründe). Vertrauen. Und postwendend den Vorschlag unterbreiten, dieses Bedürfnis doch einfach bei einem anderen Menschen zu befriedigen. Denn wer bin ich schon, jedem Abgrund, jeder Sehnsucht eines Menschen gerecht werden zu können? Das würde nicht nur meiner 10 von 10 die Freiheit nehmen, sondern auch mir. Und ich mag meine Freiheit.

Vielleicht ein Beispiel, mit dem die meisten besser zurecht kommen: Sie/Er hat kein Auto. Ist tatsächlich für einige ein no go. Ist ja auch nicht so, dass es Öffis gibt, welche, zumindest in der Stadt, alle 5 Minuten fahren. Oder diese Wahnsinns-Erfindung: Gehen. (Im kostenlosen Upgrade-Tarif ist sogar Rennen enthalten).

Nun, aber so schnell kann bei einer 10 von 10 der Wert sinken. Und was bleibt? Oberflächlichkeit? Ein bisschen Begierde, ein bisschen Bewunderung. Vielleicht sogar ein bisschen „ich liebe dich“. Hashtag: Kompromiss. Und dann. Vielleicht ein bisschen Mensch-besitzen, Mensch-erziehen. Dann sehe ich wieder Menschen, die ihrem Partner das Geld einteilen. Was bin ich, deine Mama? Ich sage nicht, dass es nicht gut gehen kann, mit all diesen Kompromissen, mit diesem „dieses und jenes musst du ändern, damit du eine 10 von 10 für mich bist“. Als ein von Haus aus manipulativer Mensch, spreche ich mich davon nicht frei. Es ist wohl menschlich, den tollsten Menschen an sich anpassen zu wollen, damit er der Tollste bleibt. Unterm Strich ist es halt nur ein Kuhfladen mit Glitzer drauf.

Das Ergebnis dieser Gedanken ist, dass sich „Vertrauen/Ehrlichkeit/Direktheit“ den ersten Platz nun mit der Wertschätzung teilt. Um mir irgendwann die Frage zu beantworten, was nun eigentlich diese Liebe ist. Sprich: Wenn für mich eine 10 von 10 in ihrem Wert sinkt, kann ich diesen Menschen auch nicht lieben. Wenn ich diesen Menschen verändern muss, anpassen, oder der Mensch das Gefühl hat, nicht über alles sprechen zu können (-Konsequenzen fürchten muss), dann kann die Liebe nicht so echt sein. Wenn nicht ausnahmslos jeder Abgrund, jede Freiheit (von beiden bzw. mehreren) gelebt werden kann, dann kann die Liebe nicht für die Ewigkeit sein. Mir ist klar, dass die meisten Menschen anderer Meinung sind, ich lebe zwar hinterm Mond, habe aber trotzdem ein W-lan Kabel. 😉

Wie immer bleibt das Gefühl in mir zurück, es nicht so erklärt zu haben, wie ich es empfinde und so viele Worte in mir zurückbleiben, die ich dazu noch habe, aber einfach nicht ausdrücken kann. Aber auch das Gefühl, dass es mir ziemlich egal ist. Am Ende eines Tages machen wir ja doch alle, was wir wollen, und sind, wie wir sind. Oder beinahe, der Wertstabilität wegen. Ich lerne noch.

PS: Es geht mir hier nicht um Akzeptanz oder das bloße Hinnehmen (das wär ja wieder nur ein Kompromiss). Es geht mir darum, die dreckigsten Leichen zum einen so zu belassen, belassen zu wollen (auf Gegenseitigkeit beruhend) und sie wertzuschätzen. Und ich meine damit auch nicht die kleinen Macken, die man am anderen Lieben kann. Irgendwie komme ich damit dieser, meiner Definition von echter Liebe ein Stück näher.

Laufe halt auch nicht ganz rund, mit all meinen Abgründen. Aber das ist ja kein Geheimnis.

nur ein Spiel

Geöffnete Arterien
multiplizieren sich für eine Nacht
spielen große Gefühle
spielen Schach bis Remis
spielen Russisch Roulette
spielen Poker
malen nach Zahlen

und warten auf die Rechnung
während der Pinsel Muttermale verbindet

Gerinnt der nächste Morgen
und verschwitzte Wände schmecken kalt
so will ich blutleer sein
weil ich zu hoch verloren hab

Vernähe doch nur kurz die blauen Lippen
mit geliehenen Sekunden
und spiele ein letztes großes Spiel
mit meinen Wunden
bis im letzten Blick ein Schmerz gewinnt

© Amy Herzog

ewige Nächte

kippe Benzodiazepine auf mein Bauchgefühl
bis mein Kopf in den Seilen hängt
sehe rosige Wangen und tropfenden Mond
es duftet nach zeitlosen Laken, Staub und Hunger
der mich durch ewige Nächte gleiten kann
und ich traue mich nicht zu fragen
ob die Ewigkeit ein Ende kennt
denn wohin mich auch die Seile tragen
ernährt mich dieser Mond in jedem Kuss

© Amy Herzog

albtraum

Sehnsucht malt in die Nacht
– du albtrügerisches Zaubermärchen
im luftleeren Raum
und für den Moment halte ich den Atem an
wünschte, ich könnte es ewig
doch erwache ich dem Traum und trauere darum
wie Angst in mir tanzt
(und mein Skelett pulverisiert)
mich beinahe selbst verloren zu haben
liegt im Ende erst der gnadenlose Anfang
wenn Verzweiflung ein neues Bild
mit einem Blick
aus Nachtsternen formt

© Amy Herzog

Snow Patrol – Chasing Cars

Ich höre dieses Lied nicht besonders oft, aber es ist seit vielen Jahren schon mein zweitliebstes Lied.

die vergessene Blume

Die Erde unter meinen Füßen
duftet nach Regen und eben diesem Frühling
der nur weiche Brotkrumen hinterlässt
und lässt die Schweigepflicht auch Poren
öffnen ist die eine Blume doch verloren
wenn sie als einzige blüht

So welkt sie trotz des vielen Regens
und verliert das kleine Glück des Lebens
ich doch nur ein Weg zurück
verspreche mir doch weiter geradeaus
und breche dieses nicht
die kleine Blume längst vergessen
trinke ich von deinem wortsanften Regen
auch dann nicht, wenn er mich
mit weichen Lippen küsst

© Amy Herzog

Verliebt.

Als ich mich in dich verliebt habe, wusste ich, dass es ein Fehler war. Aber…es war so die Art Strömung, die sich nicht aufhalten ließ. Ich konnte mich nur treiben lassen und warten, bis ich irgendwo strande und hoffen, dass dieser Tag niemals kommen würde. Denn selbst wenn wir nur da saßen, Pizza aßen und die Nächte schweigend miteinander verbrachten, hatte ich das Gefühl, dass ich atme. Es war so leicht. So leicht mit dir. Ich brauchte dir nicht zu sagen, dass ich mich in dich verliebt habe. Du hast es für mich laut ausgesprochen. Und das ich dich in diesem Moment nicht anschauen konnte, war die deutlichste Bestätigung, die ich aufbringen konnte. In dieser Sekunde blieb mein Herz für einen Moment stehen. Es war so erleichternd. Befreiend. Und während ich weiter trieb, sagtest du nichts. Wie nahe Hass und Liebe beieinander liegen, die Verzweiflung, das Leid, den Ekel vor dir, vor mir und nach jedem Mal dieses bittersüße, gottverdammte Bereuen und all diese weiteren unmöglich zählbaren weiteren Gefühle, die diese Strömung nach und nach mit sich riss, hast du mir gezeigt. Aber irgendwann wurde mir kalt, in irgendeiner Nacht lag ich neben dir und spürte, wie sich mein nasser Körper von Wind überzogen mit Sand verklebte. Land. Dieses Land, das ich nicht auf meiner Haut spüren wollte. Endlich Land. Die Nacht würde vorbeigehen und mein Körper trocknen mit den ersten Sonnenstrahlen des Morgens. Das wusste ich, daran hielt ich mich fest, während ich meine Hände von deiner Brust nahm. Und als du dich in mich verliebt hast, wusstest du, dass es ein tragisches Ende war. Ich glaubte, dass du es wusstest. Laut ausgesprochen habe ich es nie.

Männer.

Es ist die Jagt, bei euch Männern, der Nervenkitzel, von kurzweilig zu kurzweilig und so akrobatisch und breitbeinig wie möglich, zwischendurch eine kalte Dusche und dann die Nächste Bestätigung. Wenn ihr mich fragt, langweilig, so langweilig, dass ich bei den wenigen Worten schon drei mal eingeschlafen bin. Wenn ich solche Männer sehe, dann sehe ich gleichzeitig Kindergartenkinder, die sich um ein Spielzeug streiten. Und ich schaue weg, bevor ich ein weiteres Mal einschlafe und ziehe es vor, eine Dokumentation über das Herstellungsverfahren von Pappkartons zu sehen. Wenn ich aber einen Mann sehe, der nach einem langen Tag nichts mehr ersehnt, als die Umarmung einer Frau, wenn er nach Hause kommt, die ihn stinkend genauso liebt, wie frisch geduscht, dann sehe ich einen Mann. Und wenn dieser Mann, wenn er morgens aufwacht, nichts weiter sehen möchte, als diese Frau im Bett, die er so sehr liebt, dass er sie trotz jedem inneren Drang nicht küsst, nur damit sie beruhigt weiterschlafen kann, dann sehe ich einen Mann. Dieser Mann, der seine Empfindungen nicht sagen und nicht beweisen muss, weil er sie in jedem Moment zeigt, dann sehe ich diesen Mann. Wenn Dinge, die niemals selbstverständlich sein werden, gleichzeitig selbstverständlich sind. Und wenn der Sex nicht mehr und nicht weniger ist, als ein fleischgewordenes Bildnis tiefster Verbundenheit von Gefühlen, für die es keine Worte gibt, von einem ganz und gar anvertrautem Leben. Dann sehe ich einen Mann. Und wenn ich diesen Mann jetzt anrufen würde, müsste ich ihm nur sagen dass ich ihn brauche und er würde jede rote Ampel überfahren, jede Geschwindigkeit brechen, jede Verantwortung stehen oder liegen lassen. Er wäre sofort bei mir. Und ich bin hellwach, wenn ich diesen Mann sehe.

blutleer (Drabble-Dienstag)

Dieses mal sehr früh. Beitrag zum Nächsten Drabble-Dienstag mit Lyrix. Einhundert Worte, davon folgende drei vorgegeben: Öffnung, Sicht, Erde.

blutleer

Du rauchst mehr als üblich, die Stimme kratzt, aber es hält dich auf der Erde, während du die innere Naturkatastrophe zu bändigen versuchst. Es hält dich ab, deiner Neugier, dem Gefühl zu fliegen, nachzugeben. Liebe ist schön, haben sie gesagt, ein besonderer Mensch. Aber niemand hat dir erzählt, dass die Öffnung deines Herzens auch bedeutet, zu bluten. Und wenn niemand diese Blutung stillt, du verblutest. Und es geht nicht schnell, nein, es hält eine Ewigkeit, während dir unzählig Süßholz raspelnde Floskeln die Sicht verklären. Dann starrst du aus dem Fenster, denkst an nichts, nur an immerwährendes bändigen im blutleeren Raum.

Autismus Erfahrung: neue Situation, neuer Ort

Dass das potentiell problematisch ist, ist bekannt. Aber wie genau fühlt sich das an? Nun, inzwischen verplane ich mich ja selbst und ich begebe mich auch überwiegend nur in Situationen, die ich gut verplanen kann. Also in gar keine. 😀 Btw. Ich muss sehr oft über mich selbst lachen.

Aber ich habe eine Situation (ein Beispiel) aus meiner Schulzeit: neue Schule. Wegbeschreibung von Mama: „Du gehst hier raus, dann nach rechts bis zur großen Kreuzung, dann nur noch den Berg hoch, da kannst du auch mit dem Bus fahren. In der Schule musst du dich beim Sekretariat melden, die sagen dir dann, wo du hinmusst.“ Was ich verstanden habe: „Du musst morgen alleine an einen fernen, neuen Ort, du musst früh aufstehen und alles anders machen als sonst, spontan und schnell, denn du hast es sehr eilig. Dann kannst du hundert mal umsteigen, du kannst aber auch in die falsche Richtung gehen. Wenn du das Haus verlässt, triffst du auf einen Zauberer, der dir drei verzauberte Blüten gibt, diese musst du essen. Achte darauf, dass die zweite nicht orange ist, denn diese ist giftig. Sie führen dich weiter zum Unterschlupf der Teletubbies, Noo Noo saugt die blauen Bonbons von den Straßen. Dann zieh dir Schlittschuhe an, damit du an der dritten Eiche von links vorbeikommst, dort wartet ein Wildschwein, dem musst du das richtige Passwort nennen, um vorbeilaufen zu dürfen. Wenn du das geschafft hast, triffst du auf eine gesichtslose Menschenmasse, der du dich anschließt. Wenn du in der Schule angekommen bist, denk dran, dass du den Boden nicht berühren darfst, du versinkst sonst in Marshmallow. Und wenn du zu spät kommst, bewerfen dich alle mit Wasserbomben und du darfst nie wieder in dein Zimmer. Ach, vergiss die blaue Apfelsoße nicht, wenn du dir die Zähne löffelst.

  • Ich bin das erste halbe Jahr jeden Morgen eine halbe Stunde zu spät zum Unterricht erschienen. Ich war wohl pünktlich in der Schule, habe mich jedoch im Gebäude verlaufen. Der Eingang meiner Klasse war quasi gegenüber vom Haupteingang. Dazwischen war eine große Eingangshalle mit vielen Menschen, vielen Türen, vielen anderen Eindrücken und der ein oder anderen Treppe.

Dazu kommt die Gesichtsblindheit. „Triff diese eine Person, sie steht zwischen anderen Personen und/oder andere laufen dir über den Weg, du weißt nicht, was die Person für eine Kleidung trägt, ist ja auch egal, weil alle anderen das selbe tragen. Wenn du diese Person nicht direkt ansprichst, werden dich Spinnen von innen heraus auffressen.“

Jäger

Der Hahn kräht nicht
und ich verschlafe das Leben
was könnt’s mir auch schon geben
nur den Jäger in meiner Brust
mit gespanntem Bogen
sobald ich die Augen öffne
weil ich ein Märchen ersehne
während ich im Traum
Wunde um Wunde vernähe
mein Herz, der Hahn
ich jage ihn mit eigenem Wahn
und warte noch auf Leben

© Amy Herzog

Autismus Erfahrung: Ich habe mich verliebt, aber … diese Veränderung …

Das ist so eine Sache, mit den Veränderungen. Ich habe mich spontan schock-verliebt. Es ergibt keinen Sinn, ist auch sonst nicht von Nutzen und es bedeutet Veränderung. Da ist die Freude groß und der Magen flau, aber nicht auf die Schmetterlings-Art, sondern auf die da-ist-eine-Veränderung-und-ich-muss-kotzen-Art. Aber wenn ich mir erst einmal etwas in den Kopf gesetzt habe, bekomme ich dies nur schwer wieder heraus.

Nun denkt nicht, dass ich von einem Menschen rede. Ich bin nicht religiös, aber um Gottes Willen. Ne, ich rede von einem neuen Smartphone. Es ist eigentlich nicht meine Art ein neues zu Kaufen, wenn das alte, das mit ca. zwei Jahren noch gar nicht soo alt ist, sich noch in einem Top Zustand befindet. Aber das neue ist grün, es glänzt und ja, keine Ahnung. Und es ist hübsch. Und es kann das, was mein altes auch kann – oder ein Tamagotchi mit Radiowecker. Nur dass es viel teurer ist. Und ein Teil von mir weiß, dass es genau so gute, wenn nicht sogar bessere, für ein drittel den Preises gibt. Aber…ja, da habe ich kein logisches Argument. Schrecklich. Gegen die Natur.

Dieses Neue Smartphone, welches ich gleich einrichten werde, sobald es in wenigen Minuten bei mir eintrifft, wird mich also in der kommenden Zeit extrem triggern. Ich werde es abstoßen und hassen. Und ich werde mir mein altes zurückwünschen. (Ohman…es trifft mich wirklich hart) Aber ich freue mich. Hmm. Irgendwie. Hmm. Auf jeden Fall bin ich gerade irgendwie krabbelig. Hmm.

Das Schutzfolie ablösen werde ich genießen. Ich mach’s langsam.

Wenn AD(H)S mit Autismus kollidiert…

Realität / Traum

Kurz Realität
Gardinen aufziehen
und Fakten reinlassen
die Oberflächlichkeit
brennt mir die Augenbrauen
schmeckt abgestumpft
und hinterlässt Laufmaschen
auf meiner Zunge

Ziehe die Gardinen wieder zu
und putze Träume der letzten Wochen
von haarig-gewordenen Zähnen
das Fell allein spendet keine Wärme

__________________________________________

Der Traum schmeckte
nach Kokosnuss am Strand
und nach Sand zwischen den Zehen
wie endlose Zeit auf einer Decke
am Rand des Wassers

Und nach süßer Melancholie
zu jedem Nachtisch
weil ein Leben am Ende zu kurz ist

© Amy Herzog

*zensiert*

Lange Zeit habe ich mich davor gedrückt, die Wahrheit auch nur ansatzweise zu denken, geschweige denn sie aufzuschreiben oder sie jemandem anzuvertrauen. Aber dir kann ich sie schreiben, wobei ich selbst da all mein Mut brauche. Das Problem ist nur, ich habe keinen Mut. Trotzdem werde ich es dir es dir anvertrauen. Ich muss. Ich werde es dir schreiben, unverblümt, werde ich es dir so schreiben, wie es ist. Wie ich fühle. Die Wahrheit. Und ich werde es niemandem sonst schreiben und schon gar nicht erzählen, ich werde nie wieder so sehr daran denken, wie in diesem Moment, wenn ich es dir gleich schreibe. Fühlen werde ich all das, was ich dir schreibe, natürlich weiterhin. Warum ich es dir jetzt schreiben muss, obwohl ich den Mut nicht habe, fragst du dich? Weil ich es fast nicht mehr sehen, die Worte nicht mehr greifen kann. Und es gräbt sich immer tiefer in mich hinein, bis ich es gar nicht mehr sehen kann. Aber ich werde es dir schreiben, damit ich mich, wenn ich den Mut finde, irgendwann daran erinnern kann. Ich werde für das nun folgende nicht viele Worte benötigen, nur eine Kraft, die sie tragen kann. Und ich werde dir diese Worte schreiben, bis mir die Tränen kommen. Denn erst dann kannst du wirklich die Wahrheit lesen.

*zensiert*

(weil blutig geschrieben)

Jetzt, wo ich weine, finde ich es praktisch vor dem unscharf flimmernden Bildschirm schreiben zu können, denn ich muss weder ihn, noch die Tastatur sehen können. Erleichtert bin ich nicht, aber nun kennst du die Wahrheit und wenn es so weit ist, kannst du dich für mich daran erinnern. Ich schaue nach draußen, während ich schreibe, es ist dunkel, vielleicht ist der Mond am Himmel, vielleicht auch nicht. Die Grillen singen wieder ihr Lied, der Rest der Welt schläft noch oder schon. Es fühlt sich so an, als würde ich nicht allein schweigen. Weinen. Leise. Und dabei nicht atmen. Mich in Zeitlupe bewegen. Ich stelle mir vor, dass irgendjemand, in genau dem selben Moment das selbe fühlt wie ich, in ein Tagebuch schreibt, es vor aller Welt zensiert und nichts weiter zu sagen hat, aber dennoch gern darüber reden würde.

*Zensierter Tagebucheintrag unbekannten Datums

Autismus Erfahrung: alle Karten auf dem Tisch

Ich habe gestern einen Gedanken gehört, den ich sehr teile. Demnach wäre es schön, wenn Menschen so eine Statusleiste über dem Kopf haben, wie bei Sims. Bedürfnisse werden angezeigt, darunter auch die sozialen. Was dem Menschen gefällt, was er braucht, was er sich wünscht, auch was ggf. von mir erwartet wird. Na, jeder der Sims kennt, weiß was ich meine. Ebenso sind dann auch die Absichten klar erkennbar. Denn bei Menschen ist es üblicherweise so, dass diese Informationen kaum geteilt werden, oder nicht der (ganzen) Wahrheit entsprechen. Darüber hinaus steht dort, in welcher Beziehung man zueinander steht. Dieses Konzept ist mir vollkommen schleierhaft. Ab wann ist man „Bekannt“ und ab wann „Freund“? Und welcher Art? Gibt es da ein einheitliches Punktesystem, von dem ich nichts weiß? Na ja, ich weiß natürlich, dass es das nicht gibt. Aber das sollte es geben.

Wenn mich Menschen nicht direkt abschrecken, dann spätestens nach einer Weile. Ich habe bisher nur einen Menschen kennengelernt, der mir quasi diese Statusleiste regelmäßig vorgetragen hat. Ein Mensch, bei dem ich das Gefühl bekomme, nicht nur ein Bruchteil davon zu erfahren. Und da muss ich sagen, wird es sogar mit anderen Autist:innen manchmal schwierig. Zwar erfährt man den Inhalt der Statusleiste, oft kommen jedoch persönliche Kommunikationsschwierigkeiten hinzu, was diese Leiste wiederum unvollständig zeigt. Ich selbst spreche mich davon auch nicht frei. Ich weiß sehr oft nicht, eben insbesondere bei sozialen/Gefühls-Angelegenheiten, wie ich etwas ausdrücken kann, damit es dem entspricht, wie ich es meine. Menschen interpretieren auch oft zu viel und sind es gewohnt, zwischen den Zeilen zu lesen.

Da bekomme ich wirklich Lust, mal wieder Sims zu spielen. Wobei ich da eh meist nur baue und einrichte.

Ich würde dennoch behaupten, dass ich inzwischen recht emphatisch wirken kann. Mitfühlend auf meine Art. Die meisten Informationen habe ich dafür aus dem Internet. Ich kann durchaus fühlen, was andere fühlen. Manchmal so stark, dass es mich / meine Gefühle verdrängt oder sich damit vermischt. Deshalb wurde auch ursprünglich gesagt, dass ich hochsensibel bin. Jedoch kann ich davon kaum etwas greifen, benennen oder deuten. Weshalb ich meistens einfach nur verwirrt bin und schweige. In einer Umgebung, in welcher sich mehrere Menschen aufhalten, wird es so richtig schwer. Aber wie gesagt, kann ich inzwischen gut so tun als ob. Und ich freue mich dann über einen Glückstreffer. Noch mehr freue ich mich aber, wenn mir direkt gesagt wird, was einen bewegt. Deshalb mag ich meinen sozialen Beruf, diese Menschen behalten selten etwas für sich. Und ich kann relativ leicht entsprechend reagieren.

Ich kann verstehen, dass die meisten es vermutlich nicht so toll fänden, wenn all ihre Bedürfnisse und Empfindungen offen für jeden sichtbar wären. Aber was genau daran so schlimm wäre, verstehe ich nicht. Ich meine, zwar wäre alles offenbart und nicht jedem gefällt dann, was dort offenbart wird. Aber man muss doch nicht jedem gefallen. Und immerhin gefällt man dann nur den Menschen, von denen man sehen würde, dann man ihnen auch gefällt. Niemand könnte mehr unbemerkt hinter dem Rücken lästern, alle Karten lägen stets offen. Selbst die peinlichen, unangenehmen. Nur schon mal überlegt, was einem selbst peinlich ist, könnte einem anderen gefallen? Na ja und der Rest lacht halt darüber, aber das könnte man dann ja auch sehen. Es gäbe nur noch gnadenlose Ehrlichkeit. Das würde unterm Strich jedem eine Menge Zeit einsparen. Denn selbst wenn nicht-Autist:innen diese Einschränkungen nicht haben, so können diese Menschen doch auch nicht alles erkennen. In dem Sinne von: jeder wird mal getäuscht (im positiven oder negativen). Nun…mit so einer Statusleiste nicht mehr.

Ich bin jedenfalls so weit, dass ich wohlüberlegt einigen Gedankengängen oder Gefühlen folgen kann und manchmal richtig darauf reagiere. Und die unzähligen Fragezeichen in meinem Kopf versuche ich bestmöglich zu verstecken. Halt bevor mich dieser Mensch dann vertreibt, bzw. meine damit einhergehende Überforderung.

Ich denke, zwischen den Zeilen steht hier ein Grund, weshalb ich kaum langfristige Kontakte pflege. Habe für dieses endlose rätselraten-Theater keine Energie.

Backspace

Schreiben, schreiben, schreiben
Seitenzahlen werden nicht mehr gezählt
in der letzten Zeile steht ein Wunsch
bevor ich diese und alle lösche
wünsche ich mir die Backspace-Taste
für meine Seele und meinen Kopf

© Amy Herzog

bitter

fresse stundenlang lavendelseife
um schmutzbehaftete gefühle zu bereinigen
sie moussiert in blutenden wangen
weil sich meine worte
am morschen larynx verfangen
– seife nutzlos
doch brennendes fleisch
stopft jedes loch mit erbärmlicher galle
wie die gans an weihnachten
der vorgetäuschten liebe
doch nur ein geschlachtetes wesen
so wie ich angestarrt werde
wenn ich dir mit bittersüßen tränen
dein tägliches fest verderbe

© Amy Herzog

Seelenverwandtschaft

Wer hätte erwartet, dass ich in diesen zerrissenen Zeiten, zwischen all den Albträumen, den schlaflosen Nächten und den tausend Toden gerade bei dir, ausgerechnet bei dir meine Ruhe finde, eine Zuflucht und eine Schulter, einen Arm, der mich festhält? Ich ganz sicher nicht und du? Vielleicht. Vielleicht hast du das so erwartet. Nein. Ich denke nicht. Aber vielleicht. Ich weiß es nicht. Ich muss es auch nicht wissen. So vieles weiß ich gerade nicht. Meiner selbst bin ich jedoch sicher. Aber das Boot, auf dem ich mitten im Ozean treibe, ist voller Risse. Und dann tauchst du auf, wie aus dem Nichts und rettest mich vor dem ertrinken, als hättest du nie etwas anderes getan, als wärst du selbst nie schwankend gewesen, als hätte dein Boot nicht die selben Risse. Nichts von alle dem tut mir gut, in diesen unsicheren Zeiten. Das weiß ich. Nur hätte ich nicht erwartet, dass ich so leicht zerbreche, bis ich das Klirren hörte und es zu spät war. Aber diese außergewöhnliche Seelenverwandtschaft, die es nur ein mal in einer Existenz gibt und so selten, sie tut mir gut. Diese, für die man eine Straftat gesteht, die man nicht begangen hat. Dich zu fühlen, verbindet die frischen Wunden meiner Seele, fegt die Scherben meines Herzens auf und legt sie behutsam in den Schlaf. Wer hätte das erwartet.

Ein letzter Kuss

bei der Obduktion
findet sich vielleicht noch ein wenig Herz
das sich zu spenden lohnt
und Haut
für neue Narben
überall wieder neue Narben
die blauen Augen möchte niemand haben
sie haben zu viel gesehen
und während ich im Wartezimmer darauf wette
nur um mich selbst zu verlieren
verrottet im Sarg etwas
woran ich mich festhalten muss
und hätte ich noch einen letzten Atemzug frei
würde ich dich küssen

© Amy Herzog

Verborgene Wahrheit (Drabble-Dienstag)

Drabble-Dienstag mit Lyrix. (Ja es ist Montag). Ein Drabble besteht aus 100 Worten, 3 Worte sind vorgegeben: Schiff, Masken, Flammen.

Verborgene Wahrheit

Masken aus bunten Lügen lege ich auf mein Gesicht, auf jedes Wort, nähe sie fest, bis diese Sturmflut vorbei ist. Und ich spüre, wie ich beginne, die Verlogenste zu glauben, während alles andere mit dem Schiff versinkt. Es scheint fast wie ein Schatz, den irgendwer, irgendwann mit größter Mühe aus der Tiefe hebt. Irgendwo in dieser Zukunft, die nah oder fern sein kann. Für einen Moment schreckt mich dieser Gedanke so sehr ab, dass ich diesen Schatz in Flammen sehen möchte. Aber ich glaube nicht daran, dass jemals Jemand den Meeresgrund erreicht. Diese Lüge lässt die verlogenste Maske kurz lächeln.

Ende

Der Dolch
inmitten meiner Brust
ist unvermeidlich

Dem elendigen Schmerz
so tief wie der Marianengraben
stopft er das Maul
gesellt dich zu den Geistern
die mir meine wunde Seele rauben

Endlich kann ich glauben
unsere letzte Nacht
fand Ende
ich schließe sie mit einer Brosche
und vernähe die blutende Geschichte
mit deinen Wimpern

© Amy Herzog

Autismus Erfahrung: soziale Interaktion (Fragen)

Ich dachte gerade an eine total banale Situation auf der Arbeit, welche auch schon zwei Monate zurückliegt. Kurze Beschreibung: Ich machte Übergabe nach einem Nachtdienst mit einem Kollegen. Dieser sagte zu Beginn, dass er zwei Wochen Urlaub hatte und demnach wissen wollte, was im Groben in diesem Zeitraum gewesen ist. Darauf entgegnete ich, dass ich ebenfalls die erste Nacht hatte und davor ebenfalls zwei Wochen nicht da war und daher nicht allzu viel weitergeben kann. Er fragte ob ich auch Urlaub gehabt hätte, jedoch hatte ich einfach nur frei. Weiter fragte er, ob ich denn irgendwo gewesen wäre (ich nehme an, dass er meinte, ob ich verreist bin). Ich sagte nein. Und nun, zwei Monate später fällt mir ein, dass es höflich gewesen wäre zu fragen, ob, wo und wie er denn seinen Urlaub verbracht hatte.

Solche Kleinigkeiten beschäftigen mich tatsächlich, ganz zu schweigen von den Dingen (bezogen auf Menschen), die mich tatsächlich interessieren, diese Dinge beschäftigen mich nämlich nahezu endlos.

Trotzdem stelle ich fast nie Fragen. Dabei ist es gar nicht so, dass ich keine Fragen hätte. Ich habe sogar sehr viele Fragen, an und über alles mögliche, wieder betreffend der Menschen oder Themen, die mich interessieren. Alles in allem platzt mein Kopf vor Fragen. Früher habe ich des Öfteren die Fragen direkt gestellt, die mir in den Sinn kamen. Das wurde mir aber irgendwie ausgetrieben. Stattdessen bin ich so gut in Recherche geworden, dass ich den Zweitnamen deines Hamsters kenne, den du dir in drei Jahren kaufst. Nur so als Beispiel. Trotzdem habe ich eine Menge Fragen, die ich nie gestellt habe bzw. nie stellen werde. Es ist auch mit Abstand der chaotischste Bereich in meinem Kopf. Eine spontane Frage davon könnte ich nicht stellen.

Sehr selten ergeben sich Situationen, die es mir erlauben, eine dazu passende Frage zu stellen, die dann zufällig eine der Fragen ist, die ich mir so oder so ähnlich ohnehin gestellt habe.

Was ich ebenfalls sehr gerne mache: Fragen stellen, wie bei einem Idiotentest. Noch seltener die Gelegenheit. Aber es ist sehr aufschlussreich, Fragen öfter zu stellen, anders zu stellen und die Antworten miteinander zu vergleichen. Ich glaube dabei nicht, dass ich bewusst angelogen werde, aber ich weiß, dass sich Emotionen und Erinnerungen gerne vermischen und ein Bild verfälschen. Daher ist es immer spannend, Antworten zu vergleichen. Darüber hinaus verschweigen einige Menschen ihre tiefen Empfindungen, spielen Empfindungen nur vor und/oder nichts davon passt zu den Aussagen oder Handlungen. Ich finde das sehr verwirrend. Ich komme mir also grundsätzlich verarscht vor. Es fühlt sich an, als könnte ich Menschen sehr detailliert lesen (ich wurde früher als „Gedankenleserin“ bezeichnet, es war beleidigend gemeint), andererseits kann ich kaum etwas davon bewusst entschlüsseln. Und das Ganze ergibt einen schweigsamen Superschurken mit einem gigantischen Fragenbrei.

Ich mag es jedoch, wenn mir Fragen gestellt werden. Denn welche Fragen sich mein Gegenüber stellen könnte, weiß ich fast nie. Nur bei meinem Partner sind diese inzwischen manchmal sehr vorhersehbar. 🙂 Die meisten Menschen kennen jedoch diese Grenze, nicht allzu direkte Fragen zu stellen. Ich erkenne keine Grenze, wenn sie mir nicht aufgezeigt wird, ebenfalls ein Grund, weshalb ich einfach keine der Fragen stelle. Der Vorteil, wenn mir Fragen gestellt werden ist der, dass ich diese oder eine ähnliche Frage zurückstellen könnte. Sofern sie mir spontan in den Sinn kommt…und eben nicht erst Monate oder Jahre später.

Phantomschmerz

Herzamputiert
mit Giftmüll verbrannt
der Rest ist Phantomschmerz
kotze den Rotz verschlissener Liebe
lausche dem Klang deiner Zufriedenheit
schlucke überdosierte Illusionen
und stanze mir das Lächeln
das du dir wünscht
ins kalte Gesicht

© Amy Herzog

seelen

zwei seelen
die sich vor hunderten
jahren
verloren haben
tanzen
allein

verloren, verirrt
verwirrt
worte und stimmen
gehörlos
im eigenen nebel
zeit erklimmen

finden
rasten, lieben
im körper eingesperrt
geblieben
tanzen
allein

schweben
irgendwann leben
im sterben
halten
fallen lassen
seelenfäden verblassen
werden eins
und frei

© Amy Herzog

Wenn Worte zu klein sind.

Wenn sich die Frage stellt,

wie schlimm etwas ist

und nur noch schweigen

die Antwort sein kann,

dann nur, weil dem kein Wort

keines der ganzen Welt

noch gewachsen ist.

© Amy Herzog

Albtraum

Seeleneiter fließt aus meinen Poren
du garnierst mit Lilien und Salz
und schlingst ohne Luft zu holen
die Fleischeslust aus deinem warmen Schoß
in die zwielichtigen Ecken deiner Haut
es graut mir, zittert, flimmert
tief durch die Äste meines Lebens
und winselt, wimmert dir ein Lächeln ins Ohr
trinkst es, wie den ersten Regentropfen
nach einer verbrannten Nacht
bleibt mir dies ein Albtraum
schwitzend, dreht und wendet
doch bin ich nicht mehr aufgewacht

© Amy Herzog

unkraut

buchstabenunkraut
stöbert auf dem flohmarkt
zwischen ramsch
nach dem besonderen

und ich kann dich sehen
wo du dich selbst nicht sehen kannst
dein lächeln, das du dir nach all den jahren glaubst
ich glaube es dir nicht

wäre ich nicht bettelarm
so würde ich dich mit nach hause nehmen
doch bin ich unwissend
ob unkraut genügt

© Amy Herzog

Der schönste Tag im Leben

"Man weiß vorher nicht 
ob es der schönste Tag im Leben wird.
Erst wenn es geschieht.
Man erkennt den schönsten Tag
seines Lebens erst,
wenn man mitten drin steckt.
Während man sich etwas
oder jemandem ganz hingibt.
Während einem das Herz gebrochen wird.
Während man seinem Seelenverwandten begegnet.
Und dann erkennt man,
das die Zeit nicht reichen wird.
Man merkt, man will ewig leben.
Und das sind die schönsten Tage.
Die perfekten Tage. Nicht wahr?"

Mein Lieblingszitat aus Grey’s Anatomy

Autismus Erfahrung: 5 Fragen – von übergriffig bis cringe.

Ich bin bereits seit einigen Jahren auf diversen Plattformen mit Autismus Content und im Austausch unterwegs und konnte dadurch einige Erfahrungen sammeln zwecks Fragen, die mir gestellt werden. Fünf Fragen, die mir sehr häufig gestellt wurden/werden, möchte ich gern vorstellen und auch, wie ich damit umgehe, denn die ein oder andere ist recht übergriffig (oder ich empfinde es so).

Die beliebteste Frage, beinahe ausnahmslos von Herren gestellt, lautet: Kannst du Sex haben?

Diese Frage ist im Kontext zur Behinderung zu verstehen. Diese Frage wird mir von völlig fremden Menschen gestellt, oftmals ist es das erste, was ich von ihnen lese. Nicht mal ein „Hey“. Würden mir diese Menschen diese Frage auch stellen, wenn ich vor ihnen stünde? Vermutlich nicht. Diese Frage wird nicht immer exakt so gestellt, aber eben so und sehr ähnlich. Generell gilt: Schwachsinnige Frage, übergriffig und unangebracht. Jeder Mensch kann Sex haben, wenn er im Besitz seiner geistigen Kräfte ist und somit auf seine Art einwilligen kann. Demnach haben Koma-Patienten keinen Sex. Und wir haben, denke ich, alle eine Schule besucht. Sex/Intimität kann auf verschiedenste Arten stattfinden. Die Frage: „Wie kannst du Sex haben?“, ist genauso übergriffig. Diese Fragen stellt man niemandem einfach so aus dem Nichts heraus. Auch nicht online. Und das mit dem „Anonym“ ist ein Irrglaube.

Zur Häufigkeit: Diese Fragen bekomme ich an manchen Tagen mehrfach gestellt.

Nun, ich bin da im Grunde recht aufgeschlossen und mache meine Antwort von der Fragestellung abhängig. Ein guter Einstieg ist da, dass sich der Fragesteller (mindestens) bewusst darüber zeigt, wie Privat diese Frage ist. Um es mit den Worten jedes Anwalts (bzw. Anwältin) zu sagen: „Ein klares, es kommt drauf an“. 🙂

99% werden direkt geblockt. Das wäre auch mein guter Rat. Am besten immer blocken.

Wenn ich gut gelaunt bin, antworte ich irgendeinen Blödsinn. Einem habe ich mal geantwortet: „Nein, aufgrund der fehlerhaften Verdrahtung im Gehirn ist meine Vagina verschlossen.“ Daraufhin fragte er, ob er ein Foto davon bekommen könne. Na ja. Habe das dann seither nicht mehr geantwortet. Und natürlich geblockt. Manchmal gibt’s aber auf ne dumme Frage ne dumme Antwort (bevor ich blocke). 😉

Was mich daran am meisten schockiert: Diese „erwachsenen“ Männer stellen solche Fragen auf Plattformen, wo auch sehr Minderjährige aktiv sind.

Die zweite – sehr nervige Frage ist: „Was ist deine Inselbegabung?“

Nun, es gibt weltweit ca. 100-150 bestätigte Savant’s. Ich bin keiner davon. Hätte ja sein können, ich weiß. Wenn ich aber darüber nachdenke, dass auch viele andere Autisten diese Frage gestellt bekommen…suchen die Leute gezielt so jemanden? Warum? Was erhoffen sie sich dadurch? Einfach komplett sinnlos. Ich persönlich finde die Frage zudem noch übergriffiger, als die Frage nach dem Sex. Mein (passwortgeschützter) Beitrag zum Thema Hochbegabung war der unangenehmste, den ich je verfasst habe, ich denke, das merkt man vielleicht auch. Fühlte sich an wie nackt durch die volle Innenstadt laufen…multipliziert mit 10. Soll schon was heißen – bei mir. Ich mag dieses Thema gar nicht und rede nicht darüber. Weiß der/die Fragesteller/in natürlich nicht. Wird trotzdem wahlweise geblockt oder ignoriert.

Dritte Frage ist: „Kannst du alleine Wohnen?“

Okay, die Frage geht schon in Ordnung. Gewiss aber nicht für jede/n Autist:in, denn mir sind einige bekannt, die gerne möchten, aber nicht oder noch nicht können. Und das streut natürlich Salz in eine Wunde. Ich beantworte diese Frage aber in der Regel. Und auch die Folgefragen, ob ich einen gesetzlichen Betreuer habe oder brauche. Oder ob ich selbst Verträge unterschreiben darf. Diese Fragen sind halt wirklich sehr cringe. 😀 Verstehe aber die Neugier. Ich bin mein eigener Boss beantwortet die Frage, oder? 😉

Vierte Frage bzw. dies ist eine Aussage: „Reiß dich doch mal zusammen, mir geht’s manchmal genau so“.

Ob nun Behinderung oder chronisch Krank – Ständig hört man solche Aussagen (ganz oft auch von „Fach“-Personal“). Mein Mittelfinger antwortet inzwischen. Punkt. Diese Aussage ist nicht okay, sofern du nicht ganz genau so betroffen bist! Sie redet Probleme klein. Und allgemein: Wie darf man es recht machen? An einem guten Tag ist man nicht Behindert genug, an einem schlechten zu behindert. Na wie gesagt – Mittelfinger. Ich lasse mir schon lange nichts mehr gefallen. Nun, ich bin natürlich nicht wirklich so unhöflich (ok, manchmal doch, aber nur wenn ich weiß, dass der andere es auch wirklich sehen oder hören kann) Also nicht online. Aber ich breche Aufklärungsversuche schnell ab und ignoriere. Dafür ist mir meine Energie zu wertvoll.

Die letzte Frage: Wurdest du als Kind geimpft? Hast du es mal mit dieser oder jener Ernährung probiert?

Für die Beantwortung dieser Frage müsste ich besoffen sein. Ja, solche „Lebensretter“ (erinnert mich n bisschen an Euthanasie, aber egal) tauchen immer mal wieder auf. Besonders gern bei Eltern, die Unterstützung suchen für ihr autistisches Kind. Großen Bogen drum machen und ans qualifizierte Autismus-Zentrum wenden. Zum Beispiel. Autismus ist eine anerkannte Behinderung und man wird damit geboren. Manche „Lebensretter“ fühlen sich einfach nur so berufen, vielleicht aus eigener Erfahrung mit ihrem eigenen Kind..oh man.. Oder mit finanzieller Absicht. Es gibt kein Heilmittel für Autismus – und wenn es eines gäbe, würde ich es niemals verwenden. Lieber hab ich nen Knall, es ist meiner, und meine diversen Probleme, als nicht mehr ich zu sein. Ich kann mich oft nicht leiden, aber ich lieb mich sehr.

Anhang zum (Autismus Erfahrung: (Schmerz-) Wahrnehmung)

Eine Woche ist vergangen, die Schonung habe ich so gut es mir mit Bewegungsdrang möglich war, vollzogen. Ibuprofen und Tramadol haben geholfen. Gestern brauchte ich beides nicht, heute auch nicht, da die Schmerzen erträglich sind. Die Mitte / Abdomen und Umgebung, nur eingeschränkt bewegen zu können, fiel und fällt mir schwer.

Aber ich bin auch ein wenig stolz auf mich! Denn, ganz artig, habe ich mich auf der Arbeit telefonisch gemeldet. Das braucht immer einige Stunden vor-mir-herschiebende- Vorlaufzeit und ein gutes Drehbuch.

Ein wenig Schonung konnte ich aber – mit Hilfe meiner Playstation – durchsetzen. Uncharted 3 durchgespielt. Ich mag darin das zum Teil zitierte Gedicht von T. S. Eliot (The Waste Land) Und ich habe herausgefunden, dass mir mein Smartphone anzeigt, wie die Dauer und Lautstärke der Kopfhörer-Nutzung ist. Durchschnittlich fast 10 Stunden täglich Musik auf 96 dB. Das ist sehr viel und natürlich viel zu laut. Hätte ich nicht erwartet. Aber nur so höre ich meinen Hörschaden auf dem rechten Ohr nicht. Der triggert mich nämlich sonst. Von rechts braucht man mich quasi nicht ansprechen, ich höre es schlecht oder gar nicht. Aber ich kann es ganz gut kaschieren. 🙂

Und ich habe eine tolle WhatsApp-Funktion entdeckt. Wenn man Chats ins Archiv klatscht, werden Nachrichten nicht mehr angezeigt, bis man eben das Archiv aufruft. Ich finde das sehr angenehm, weshalb die meisten Chats dort einen Platz gefunden haben und andere gewiss folgen werden.

Für heute Abend habe ich meinen Partner ins Autokino eingeladen – besser gesagt heute Nacht. Der Film startet um 0:45h und geht 120min. Das feeling wird mir sehr gefallen. Hab vergessen welcher Film es ist, irgendein Horrorfilm. Ist auch egal. Es geht mir eh nur um die Uhrzeit und um das Autokino. Dafür machen wir vorher Burger zum mitnehmen. Es gefällt mir, mich dann mit irgendwelchen bequemen Verrenkungen einzukuscheln.

Leider habe ich in der vergangenen Nacht sehr schlecht und unruhig geschlafen, komische Träume, stressbedingtes Sodbrennen, dazu die üblichen Reize, Gedanken. Ich hoffe trotzdem darauf, heute Nacht wach bleiben zu können.

Nun widme ich mich wieder meiner Playstation – aktuell Uncharted 2. Ein bisschen Zeit verplempern, einfach ablenken, das Nachdenken ein wenig herunterfahren, tut mir gerade gut.

Und natürlich habe ich recht viel geschrieben. Aber das ist keine neue Info. 🙂

Von Lüge, Wahrheit, Sinn, Misanthropie und dem Sargnagel.

Der mir liebste Misanthrop ist wohl Schopenhauer. Ich hätte ihn, lebte ich in seiner Gegenwart, aus der Ferne sehr gemocht. In die Vergangenheit zu mögen finde ich jedoch ähnlich gut, wenn nicht sogar besser. Jetzt gerade finde ich mich in seinen Niederschriften wieder. Eines lässt mich nachdenken: „Nichts ist leichter, als so zu schreiben, dass kein Mensch es versteht; wie hingegen nichts schwerer, als bedeutende Gedanken so auszudrücken, dass jeder sie verstehen muss.“ (Schopenhauer) Nun, ich denke darüber nach und gleichzeitig auch über die Sinnhaftigkeit. Ich begehre und verachte gleichermaßen, die Welt und die Menschen, die ich nicht verstehe und/oder viel zu gut verstehe. Schopenhauer war im Übrigen auch ein moderner Tierschützer seinerzeit. Aus der Ferne hätte ich ihn gewiss sogar geliebt, selbst wenn ich dieses Gefühl verachte. „Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt“ – das ist, wie jeder wissen sollte, von Goethe. Ich begehre diese Melancholie in mir, die mir eines Tages ein Sargnagel sein wird.

Ich denke nicht, dass das was ich empfinde falsch ist. Es ist genau genommen weder richtig noch falsch. Allenfalls deplatziert. An ein Zitat von Schindler denke ich seit jungen Jahren immer mal wieder: „Weit entfernt davon bin ich, ein Heiliger zu sein, habe als maßloser Mensch viel mehr Fehler als der große Durchschnitt derer, die so sehr gesittet durchs Leben schreiten.“ Dabei denke ich nicht daran, wie/ob ich richtig oder falsch bin, sondern wie andere empfinden. Und wie ratsam es eben ist, „bedeutende Gedanken so auszudrücken, dass sie jeder verstehen muss“. Verändert das etwas? In meinem Handeln wohl, ja. Jedoch bemühe ich mich, brav meine Steuern zu zahlen und so wenig Leid wie möglich zu verursachen oder zu unterstützen. Juckt halt keinen, aber mich.

Wie ist es aber mit der anderen Welt, der eigenen, in der sich auch Schopenhauer bevorzugt aufgehalten hat? Diese Welt wage ich gerade kaum zu betreten. Diese gnadenlose Ehrlichkeit darin gleicht einer Eiszeit, einem Asteroiden-Einschlag, den kein Organismus überleben würde. Und es pocht und pocht und pocht, will heraus, will weinen, schreien. Womit ich wieder bei der Sinnhaftigkeit lande. Wenn man seinen eigenen Lügen, seinen Euphemismen glaubt, so kann man sie durchaus als Wahrheit in die Welt tragen. Niemand hat behauptet, dass es nicht weh tun würde, aber auch nichts gegenteiliges. Unterm Strich ist es ein alles erstickender Schleier, den ich selbst beschwere. Und selbst wenn es nicht falsch ist, so fühle ich es sowohl in der Lüge, als auch gelegentlich in der Wahrheit. Wäre mir die unverschleierte Ehrlichkeit ein Frühling, oder ein Untergang? Hätte ich darauf eine Antwort, stellte sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit nicht.