Was auch immer, irgendwann (Drabble-Dienstag)

Wieder Drabble-Dienstag von Lyrix. Ein Drabble besteht aus genau einhundert Worten, in denen drei Worte vorkommen müssen. An diesem Drabble-Dienstag sind es die Worte: Strick(en), Tick(en), Fick(en).

Vielleicht bleibt dies nicht das einzige Drabble für heute, mal schauen. 🙂

Was auch immer, irgendwann

Irgendwann sitzen wir uns in diesem schwach beleuchteten Raum gegenüber. Über uns baumelt eine einsame Glühbirne, die an der kahlen Wand unseren Strick im Schatten zeichnet. Die Worte waren alle gesagt, zogen sich im Nachgang aber noch prickelnd über unsere Haut. Und unser Schweigen ist nun auch so laut. Die Uhr tickt uns in Sekundenbruchteilen durch das, was vor uns liegt. In unseren Gedanken ficken wir schon seit Jahren. Und doch sind wir nicht müde, nein. Wir sitzen nur da und starren uns gegenseitig an. Irgendwann würden wir aufstehen und was dann passiert, versickert am Morgen danach ewig im Grundwasser.

© Amy Herzog

Autismus Erfahrung: Kleine Auswahl von Gedanken und meiner Wahrnehmung.

  • Ich verstehe es nicht, wenn du mich sehen möchtest, denn ich schaue dich eh nicht an. Und wenn ich dich anschaue, dann nur, weil es die Gepflogenheit verlangt. Doch dann kann ich dir nicht adäquat zuhören und demzufolge auch nicht auf das antworten, was du gesagt hast.
  • In der Schule habe ich gelernt, dass Schweigen wie Unwissenheit bewertet wird. Nicht nur von Lehrern.
  • Ich verstehe es nicht, wenn du etwas sagst, aber etwas anderes meinst. Auch nicht, wenn du etwas sagst und es nicht so meinst. Dies ist meistens der Fall. Menschen sagen oft Dinge, ihre Handlung passt jedoch nicht zum Gesagten.
  • Wenn ich etwas sage, dann meine ich es so. Dem musst du nicht zustimmen, du musst dies auch nicht erwidern, wenn es nicht ehrlich gemeint ist. Denn dann halte ich dich für einen Lügner. Und das zerstört das Vertrauen. Das Infragestellen meiner Aussage ist unnötig.
  • Ich erkenne keine Flirt-Versuche/Annäherungs-Versuche, und dementsprechend erkenne ich es nicht, wenn ich diese zurückweise. Auch wenn du verletzt bist, ohne es verbal mitzuteilen, erkenne ich es oftmals nicht. Manchmal fühle ich mich dann unfair behandelt.
  • Mit Unfairness kann ich generell nur sehr schlecht bzw. nicht umgehen.
  • Ich bin nicht naiv. Ich verstehe bloß deine Sprache nicht.
  • Wenn du etwas sagst, die Aussage aber nicht zum Handeln passt, beschäftigt mich dies teils Wochenlang und ich versuche die Situation zu analysieren.
  • Ich bin am liebsten für mich allein, nicht immer aber gern ohne soziale Kontakte. Der direkte Kontakt ergibt für mich nur dann Sinn, wenn man gemeinsam etwas unternehmen möchte. Darüber hinaus empfinde ich jedwedes Gespräch in schriftlicher Form als angenehm und kann sehr lange und ausführliche Mails (oder Briefe) schreiben. Leider sucht dies kaum noch jemand.
  • Ich entschuldige mich sehr oft, weil ich entsprechend oft das Gefühl habe, etwas falsch gemacht zu haben.
  • Mit einer Geräuschkulisse kann erschöpfe ich sehr schnell, je nach Geräusch macht es mich aggressiv/sehr angespannt. Misophonie.
  • Ich erkenne sehr schlecht bekannte Gesichter, insbesondere in Menschenmassen.
  • Ich wünsche mir in deutschen Supermärkten eine „Stille Stunde“, welche es nach meinem derzeitigen Kenntnisstand bereits in zwei Supermärkten in NRW gibt. Ich freue mich über diesen kleinen Fortschritt.
  • Ich habe viele kleine Routinen, denen ich nachgehen kann, wenn ich allein bin. Wenn ich nicht allein bin, bin ich zumeist angespannter.
  • Ich mag die Bezeichnungen „Spezialinteresse oder Sonderinteresse“ nicht. Weil Menschen oft denken, dass dies eine Besonderheit ist. Tatsächlich ist es oftmals nur ein intensives Interesse, dem man gehäuft nachgeht. Dies muss nichts herausragendes sein. Meine zwei Lieblings-Interessen (eines davon ist das Schreiben, trotz Legasthenie) erfüllen keinen sinnvollen Zweck für die Gesellschaft. (Die anderen „sinnvollen“ auch nicht, es macht mir einfach Spaß)
  • Ich mag auch die Bezeichnungen Niedrig – und Hoch funktional nicht.
  • Autism Speaks ist eine Organisation, die Ableismus fördert. Und die ABA-Therapie ist barbarisch. (meine Persönliche Meinung) Leider wird diese Therapie auch in Deutschland unwissenden und hilfesuchenden Eltern als Hilfe angedreht.
  • Ich habe Probleme damit, regelmäßig zu trinken. Meistens merke ich es daran, dass mir sehr schwindelig wird, neulich auch an anhaltender Tachykardie. Im letzten Jahr bin ich ohnmächtig zusammengebrochen.
  • Mit zu Pflegenden Menschen kann ich sehr gut umgehen, ich vermute, weil dies eines meiner Interessen ist. Ich habe dafür ein besonderes Gespür und kann ich akuten Situationen sehr ruhig bleiben.
  • Ich verstehe den Sinn von „Schönheit“ nicht. Ich finde wenn, dann das Innere eines Menschen schön. Wie die Person aussieht, beachte ich nicht bewertend. Ich finde aber an jeder Person etwas schönes. (Äußerlich) Meistens mag ich längere Haare.
  • Bei Tieren kann ich die Mimik sehr gut lesen. (Intuitiv)
  • Ich bin nicht besonders Schmerzempfindlich, weshalb ich nur selten zum Arzt gehe, aufgrund von körperlichen Beschwerden. Meist war der Grund psychische Überlastung.
  • Ich bin jedoch sehr Berührungsempfindlich und mag es nicht, wenn mich Menschen ungefragt anfassen.
  • Manchmal schäme ich mich Autistin zu sein. Ich begebe mich nur selten in soziale Situationen, zum Beispiel beim Einkauf. Oft kann ich nicht die gesamte Liste abarbeiten. Allein einkaufen kann ich noch schlechter. Da kam es sehr oft vor, dass ich (zum Beispiel) nur zwei oder drei von zehn Nahrungsmitteln gekauft habe. Das Grelle Licht, die große Auswahl und die anderen Menschen, außerdem auch die vielen Geräusche überfordern mich und ich bin sehr schnell Reizüberflutet. Dann verdrehe ich mein Handgelenk so, dass es weh tut. (Ein angewöhnter automatischer Stim) Dies habe ich schon oft von anderen Autist:innen gelesen. Ich vermute, weil dies unauffälliger ist, als im Geschäft zusammenzubrechen.
  • Ich weiß gern den Grund oder die Ursache von etwas, damit es mir Logisch erscheint. Wenn ich etwas nicht verstehe, dann habe ich ein Problem. Als Kind war man in diesem Fall ein schlecht erzogenes Kind. (Beurteilung des Verhaltens anderer Menschen)
  • Ich lächle sehr oft, inzwischen stört mich das, weil es unnötig anstrengt. Dies habe ich mir angewöhnt, weil mir Menschen seit ich mich erinnern kann gesagt haben, dass ich böse schaue und lächeln solle.
  • Im Hyperfokus nehme ich meine Umwelt kaum wahr. (Stichwort: Trinken vergessen)

Vorspiel

Deine Stimme umgarnt meine Sinne wie in Rauch getaucht. Bewusst wahrnehmen kann ich nur das ticken der Uhr, aber nicht die Zeit, die uns davonrennt. Einfach alles ist stehen geblieben, selbst mein Atem, wenn du mir nahe bist, obwohl du mir ferner nicht sein könntest. Ich weiß, was du weißt, und weiß es nicht. Aber ich weiß, was ich denke…und denke es nicht. Ich denke, ich wüsste gerne mehr. Ein stummer Schatten tänzelt umher, ergreift meine Seelenhand, ich greife zurück. Dort, wo Glück und Verderben so nahe beieinander liegen, dass ich keines davon zuordnen kann, nichts davon trennen kann. Das macht es so aufregend, zu meinem persönlichen Abenteuer. Und du bist mittendrin. Aber keine Sorge, noch ist es nicht schlimm, noch ist nur Vorspiel. Und nun ja, ich finde ja, dass wenn man weiß, wie es geht, kann es schnell gehen. Aber vielleicht änderst du meine Meinung und erweiterst meinen Horizont. Und wer weiß, wie lange es gehen kann und wie lange es noch gut ist. Im Zweifel nehme ich dich mit ins Grab, denn eines weiß ich sicher. Selbst dort wirst du mein Herz noch höher schlagen lassen und meine Sinne in eine fremde, in deine Welt versetzen können.

© Amy Herzog

Widmung

Einst schrieb ich getrieben
von der Angst in der Dunkelheit
um Dämonen zu vertreiben
und die Einsamkeit

Nun schreibe ich von Liebe
die im Mondlicht, im All verborgene
um ihnen zu huldigen
wärmstens

Und sie zeigen ihr Gesicht
und nennen mir all ihre Namen
damit jedes meiner Worte
eine Widmung trägt

Verschleiert

© Amy Herzog

Ma/cht/gie

Dann ist da wieder
das Unfassbare, die Unberührbare,
die Unbegreifliche, die Unerreichbare
die, die mich im Dunkeln lässt
und mich mit unaufhörlichem Regenfall nässt
obwohl die Sonne zweifelnd scheint
und den Himmel ohne Mond malt
wo Sterne unwirklich in einer
Verzerrung verenden

Alles wirkt unnatürlich
wie ein fades Spiel
das ‚Game Over‘ klopft an die Tür
und ich lausche dem Ende entgegen
kann ihm eh nichts mehr entgegnen
die Frage nach dem ‚Wie?‘
wird mit einem stummen Zauber beantwortet
der stärker ist, als alle meine Wünsche
die ich gegen dich setzen kann

Meine Karten liegen offen
doch deine stehen
auf einem anderen Blatt
und ehrlich –
ich bin’s leid, ich bin’s satt!
statt im Schweigen diese Zeilen zu beenden
wie von der Unbelehrbaren getrieben
muss ich wieder diese Worte
an dich verschwenden

© Amy Herzog

Liebeskummer

Würde Liebeskummer im Supermarktregal liegen, würdest du ihn für jeden Preis kaufen. Und doch wäre er dir nie genug, sogar stehlen würdest du ihn in allen Formen und Farben willst du ihn nicht nur besitzen, du willst ihn in dir aufnehmen, aufsaugen wie ein Schwamm, du willst zu ihm werden, dich verwandeln und leben wie er leidet. Wo immer du einen gebrochenen Menschen siehst und siehst, wie er sich quält, willst du die Tränen sammeln und kategorisieren und ihm die Qualen nehmen, sie ihm entreißen. Nicht um etwas gutes zu tun, denn ein Gutmensch warst du noch nie, du willst diesen Liebeskummer einfach nur für dich ganz allein. Du willst der ewig einsam Liebende sein, der Schweigende, der besonnen vor sich hin neigende, während du innerlich den Boden verlierst. Schweben willst du, fühlen willst du die meterhohen Wellen, die gegen dein scharfkantiges Herz preschen. Du willst der sein, der stets das begehrt, was er verliert oder gar nie bekommt. Tag für Tag gräbst du dein Innerstes tiefer und tiefer, Höhle um Höhle, schmale Gänge, die ins Nichts führen, ein Labyrinth trifft auf das Nächste. So tief, dass dich niemand wirklich sehen kann, und vor allem tief genug, dass dein geliebter Kummer auf ewig Konserviert bleibt. Die Liebe aber schwimmt auf der Oberfläche, hübsch angerichtet und wirkt einladend auf jeden, der sie braucht. Nacht um Nacht verteilst du deine Liebe, schickst sie über jede Entfernung schweigend per Express durch den Wind. Und wenn du dann jemanden liebst, dann bricht ein neuer Tag an und du gräbst weiter für deinen geliebten Schmerz, der dir das Leben einhaucht und dir dein ersehntes letztes Lächeln schenkt.

Musenkuss

Nicht vieles ist mein
der Ozean aber mein Stolz
wenn die Muse ihren Kuss
am Grund hinterlässt
und so tauche ich tiefer
in deinen kühlen Geist
wie mich das Jahr verlässt

Nur zähle ich längst nicht mehr
in dem was du Zeit nennst
wenn dein Spiegelbild zeigt
wovor du erschrocken davonrennst
dann erwidere ich deinen Kuss
in diesen Tiefen, die niemand
in dir je zu ergründen wagt

© Amy Herzog

Liebe(lei)

Tausend Enden geben wir uns hin
und tausend Enden sterben wir
meine verbotene Frucht
ist nur eine Liebe weit entfernt
die süßen Tränen trocknen
auf deiner pfirsichweichen Haut
den Anfang haben wir verlernt
mit dem Ende streifen wir
gebrandmarkt durch Garten Eden

© Amy Herzog

Sonnenuntergang

Dem Sonnenuntergang aber
sende ich meine Liebe
und so fürchte dich nicht
vor deiner Dunkelheit, Liebster
wo doch die Liebe in diesem Licht
bis zum Aufgang für dich scheint

Und ich wärme deine Dunkelheit
in dieser wolkenlosen Nacht
nehme sie mit zu mir nach Haus
so sende ich dem Sonnenaufgang
die Sterne, die ich darin zählte
und deine Kälte, die ich wählte

Dann morgen wird es regnen
doch fürchte nicht dem Ertrinken
aus unseren Poren tropft die Liebe
in der wir, wenn die warme Sonne
unsere müden Augen verschließt
wolkenzart gebettet versinken

© Amy Herzog

Autismus Erfahrung: Die eigene Spezies erkennen

Einer schlechten Angewohnheit ist es geschuldet, dass ich nun spontan diesen Beitrag verfasse. Denn wie an jedem Morgen schaue ich, noch bevor ich aufstehe, erst mal durch mein Smartphone. Ich muss ja wissen, was es neues gibt. Und etwas altes/bekanntes/neues habe ich tatsächlich gefunden. Und dann hatte ich dieses seltene Zugehörigkeitsgefühl. Diesen Aha-Effekt. Und das Gefühl, nicht so fremd zu sein. Und Facebook bekam auch wieder einen Sinn, denn das nutze ich nur für die Autist:innen Gruppen.

Und dort wurde in einem Austausch thematisiert, dass man als Autist:in, die „eigene Spezies“ erkennt. Man ist ja häufig und automatisch damit beschäftigt, andere Menschen zu scannen. Und das meiste ist, für mich zumindest, ziemlich weird. Wie wenn man in ein fremdes Land, mit unbekannter Kultur/Gebräuchen, unbekannter Sprache kommt. Und selbst wenn man um Hilfe bitten will, kann dies niemand verstehen, weil du halt Außerirdisch sprichst. Du bist komisch für sie, und sie sind komisch für dich.

Und dann ist dazwischen ein Mensch ohne Mimik (oder mit erkennbarer Maske), einer, der anders läuft, sich anders bewegt, als die anderen, anders guckt als die anderen. Sich auf irgendeine andere Art anders verhält. Vielleicht nicht so wie ich, aber so, dass ich es verstehe. Nur weil ich zum Beispiel viele Worte spreche, bedeutete es ja nicht, dass ich zu jedem Zeitpunkt alle Worte spreche. Und manche spreche ich gar nicht, obwohl ich sie kenne. Natürlich muss das nicht immer ein/e diagnostiziert/e Autist:in sein. Es genügt, wenn die Person irgendwo auf dem Spektrum zu sein scheint.

Ich kann dieses „anders“ nicht wirklich beschreiben/definieren/festlegen, denn jede/r Autist:in ist individuell. Aber als ich dieses „die eigene Spezies erkennen“ gelesen habe, sind mir direkt einige Beispiele eingefallen von Menschen, die ich kannte/kenne, aber auch von fremden Menschen, die ich nur kurz mal gesehen habe. Und selbst für die Online-Welt fällt mir spontan jemand ein. Dies rein am schriftlichen zu erkennen finde ich sehr schwer, aber nicht unmöglich. Das ist, so finde ich, stark abhängig von der Selbst-Beschreibung. Aber vieles findet inzwischen ja auch über eine Sprachnachricht/Videochat-Funktion statt.

Bisher habe ich darauf nie bewusst geachtet, obwohl es mir durchaus aufgefallen ist. In Zukunft werde ich aber wohl dann, wenn sich die Gelegenheit bietet, bewusst daran denken. 🙂

Eine Muse

So leise bist du
beinahe schweigend betrübt
tropft aus deiner Seele
dieser Schmerz allen Lebens
und wenn’s genügt
zu reden, zu schreiben
dann würdest du nicht mehr
so laut in dich hinein schweigen

Doch wenn die Nacht
über aller Köpfe hereinbricht
dann horche ich dir nach
und ziehe Wolken in meinen Bann
bis der Regen mich ertränkt
und deine Seele schweben kann

© Amy Herzog

Halten

Der Schmerz in deinen Augen
strömte mir entgegen
und darin lag deine große
flehende – doch sterbende Welt
sodann strömte aus meinen
für dich das flüssiges Gestein
und da im Schatten unter dem Fels
wirf nur deinen Anker in See
und ich werde dich halten
in meiner heilen Welt

© Amy Herzog

Ersehnt

Ich traue mich nicht
dich zu brauchen
und dann erscheint mir dein Wort
ein banales, doch mein verwundetes
Herz springt mit letzter Kraft auf

Dann verschlinge ich es
wieder und wieder
so wie der Wind für mich singt
doch es bleibt nur ein kleiner Augenblick
der mir die Einsamkeit nimmt

Es ist eine schwere Geschichte
die du niemals kennst
und irgendwann kommt wieder ein Wort
das wie immer lang – von mir ersehnt
und ich traue mich nicht, dich zu brauchen
hab’s auch diesmal nicht erwähnt

© Amy Herzog

Niemand

Niemand will dem anderen hinterherrennen. Nicht, weil der andere es nicht wert wäre, sondern weil ich ein Niemand bin. Und gewiss rennt mir niemand hinterher, nicht weil ich es nicht wert wäre, sondern weil auch du ein Niemand bist. Verirre mich im Labyrinth von endlosen Selbstgesprächen, hänge mich an Fragen auf und gebe mir selbst die Antworten, die nicht mal Google gefunden hätte. Und dann stehe ich morgens auf und stelle fest, dass reflektieren ein Euphemismus für wiederkäuen ist, schleppe mich in eine Welt voller Niemande, rege mich wieder darüber auf, dass jeder lächelt und nickt, aber keiner mehr die Wahrheit spricht. Am Ende des Tages bin ich müde von der Ignoranz, von deiner, von meiner. Aber ich bade nicht in meiner Sickergrube aus Selbstmitleid. Bevor ich dem Irrsinn gänzlich verfalle schalte ich das Licht aus. Auf meinem verirrten Weg stolpere ich über nichts und sammle fleißig weitere Fragen, die niemanden interessieren. Und ja, vielleicht bist du kein Niemand. Vielleicht bist du für mich nur so leichter zu tragen. Aber das wird hier niemals jemand fragen.

Wünsche (Drabble-Dienstag)

Wieder Drabble-Dienstag von Lyrix. Ein Drabble besteht aus genau einhundert Worten, in denen drei Worte vorkommen müssen. An diesem Drabble-Dienstag sind es die Worte: Mond, Würfel, Taschenlampe.

Wünsche

Schon lange sind die Batterien meiner Taschenlampe leer. Und ich bin nicht gewillt neue einzulegen. Denn sind meine Wünsche erst sichtbar, kann ich sie nicht einfach zurück nehmen. Nur hoffen, dass der Schmerz nachlässt. Was wie eine Entscheidung wirkt, sind eher gefallene Würfel. Es sind keine alltäglichen Wünsche, die man sich erfüllt, um die Illusion vom Glück zu erschaffen. Es sind verborgene, nicht auszusprechende, die nicht greifbaren, weil sie verloren gehen könnten. Die an der dunklen Seite des Mondes schlafen. Die nie da gewesenen, die aber mein schönstes Lächeln hervorbringen, bis der Vollmond hell erstrahlt und mein wahres Gesicht entblößt.

© Amy Herzog

taumelnd

Die tagelange Schlaflosigkeit
macht mich taumelnd im Kreis
und zurück bleibt nur dieses Sehnen
nach zurückgerufenen Gedanken
die sich gegen dich wehren

Und dein Schweigen schlägt
lauter in meiner Brust
als dein Schreien jemals wiegt
und zurück bleibt nur dieses Hoffen
dass du in meinen Träumen liegst

Zu dunkel spüre ich die Anmut
deiner allumkreisenden Anwesenheit
doch zurück bleiben nur bleierne Lider
wieder wartend auf einen Hauch
sinken meine Gedanken nieder

© Amy Herzog

Anfangsmondlicht

Versteck dich nicht mein Liebster
im Mondlicht sehen wir alle gleich aus
und er kommt, er kommt gleich
um uns zu holen, damit wir uns finden

Schäme dich nicht mein Liebster
deine dunklen Narben sind mir Kunst
und im lilafarbenen Schimmer
meiner Hämatome sonnen wir uns

Und fürchte dich nicht mein Liebster
die Klingen zerschneiden Fäden
die wir uns auf unsere Lippen Nähten
doch wir brechen unser Herz nicht

So lasse dich fallen mein Liebster
meine Wunden bedecken nur das Ende
ich zeige dir den Anfang des Mondes
und gleich nimmt er uns mit nach Haus

© Amy Herzog

Mee(h)r

Ich habe dir alles verraten. Nun weißt du alles. Und nichts. Wie kann das sein, fragst du dich? Nun. Die Antwort findest du unter einer Steppdecke. Als wenn du dann noch eine Antwort bräuchtest. Wenn Schweiß aus unseren Poren tropft, schwimmen wir in unserem Meer. Und auf hoher See ist der Rest der Zeit bedeutungslos. Wir lassen alles an Land. Alles was wir wissen. Erst dann werden wir uns unserer Sterblichkeit bewusst. Und der vertanen Sekunden. Den letzten Atemzug schenken wir uns im Kusse hin- und her. Kein Blinzeln, denn die Sterne funkeln uns in die Ewigkeit. Dort, wo wir das wahrhaftige Leben atmen können. Den Gedanken an plump dahinsickernden Sex kannst du dir aber schenken. Ich weiß, alle Macht der Gewohnheit. Aber wenn wir die Steppdecke danach waschen, sollte mehr übrig sein als dein übliches nuttengetränktes Taschentuch. Und nun frag, die Uhr tickt – mehr haben wir nicht zu verlieren.

© Amy Herzog

Fehlen

Mich kurz dabei erwischt,
dass du mir fehlst
und gehofft,
dass auch du mich suchst.
Dann doch nur
die Hoffnung verflucht,
denn bis zu mir ist’s nicht weit.
Und Zeit ist nur ein Wort,
macht noch längst kein Gefühl.

Starrte noch etwas auf’s Ticken der Uhr,
träumte drauf los, dachte an Liebe,
an mit nach Hause nehmen.
Wurd dann wieder wach
von meinem Leben.
Und denke dran,
dass du mir nicht fehlst,
während die Hoffnung den
Sekundenzeiger unaufhörlich zählt.

© Amy Herzog

Schweigen

Nun sechzehn Jahre später
früher war sie noch ein Kind
hört sie ein Lied und erinnert sich
was ihr damals das Kind sein nimmt

Ein gewöhnlicher Tag im Sommer
mit Streichen und Spaß durch die Stadt
und der Name, der sich in ihr Herz brennt
steht nun auf einem leeren Blatt

Der Geruch aber weht noch im Nacken
doch erwachsen sein steht ihr so gut
und sie sieht die verborgenen Blätter
unter Schnee bedeckt stirbt deren Mut

Aber heute weiß sie es besser
denn sie weiß um der Blätter Gewicht
und die Städte sind damit gepflastert
bis jeder sein Schweigen zerbricht

© Amy Herzog

Oma-Unterwäsche (drabbledienstag)

Lyrix hat die Drabble-Parade wieder wachgerüttelt und ich mache sehr gerne mit. Ein Drabble besteht aus genau einhundert Worten, in denen drei Worte vorkommen müssen. An diesem Drabble-Dienstag sind es die Worte: Tintenfass, Seiltanz und Sprechblase.

Oma-Unterwäsche

Ein leeres Blatt liegt vor und das Tintenfass stelle ich kalt. Zeigst du mir deine Feder? Dann schenke ich dir meine entblößte Welt ein. Meine Geheimnisse aber, die werde ich ertränken. Erst später zeichne ich sie dir in unsere Sprechblase. Geduld Liebster. Das Bild von unrasierten Beinen und nicht zusammenpassender Oma-Unterwäsche zeichnet sich von selbst. Am Ende des Abends legen wir einen Seiltanz auf’s Parkett. Sehnsucht ist erlaubt. Anfassen jedoch unmöglich. Und sowieso ist der kurze Moment vor dem Kuss der, der unsere Wahrheit in Farbe zeichnet. Ziehen wir sie in die Länge bevor wir das Licht löschen.

© Amy Herzog

Abendrot

als flöge mir dein Abendrot
entgegen, um endlich
meine Haut zu berühren

und schwebt im Wind deine
von mir so lang ersehnte Seele
um auch die meine
zu entführen

© Amy Herzog

Windschutzscheibenregen

Mein Lieblingswetter

Samstagabend

Schon wieder Samstagabend. Die Woche neigt sich dem Ende zu und du greifst nach ihrer Hand. Nicht weil du willst, sondern weil du keine andere Wahl hast. Und spätestens am Abend weißt du, diese Nacht wird lang. Also trink, mein Lieber, trink. Immer weiter flussabwärts. Irgendwie musst du ja jene Orte erreichen, die dich nicht nur an deiner Oberfläche kratzen lassen. Diese schöne Oberfläche, die du Woche für Woche auf deine gebrochene Haut spachtelst, damit sie für die Welt funktioniert. Selbst das Licht fällt an diesen Tagen irgendwie anders. Anders als Samstagabend. Und dann sehnst du dich nach der Nacht. Nervös arbeitest du darauf hin, aber mit jedem Schluck fällt die Hemmung. Leise flüstert dir deine Einsamkeit all das oder dieses Eine ins Ohr, was dir fehlt. Dass alles was du hast…nicht reicht. Und du alles was du hast, sofort eintauschen würdest. Also trink mein Lieber, trink. Vielleicht, ja vielleicht, wartet ja heute am Boden der Flasche die Liebe, die ich dir schon zu lange verschweige. Trink, mein Lieber, trink.

© Amy Herzog

Fundament

Es sind die banalen Fragen,
die ich mit Kreide unter meine Haut schreibe.
Sie tragen das Ungewisse, den Geist,
das Unerwiderte, die Schwere,
das unter Eis verschlossene,
die Melancholie.

Da draußen
trägst du die Sonne mit dir herum,
aber das ist Fassade. Komisch,
dass sie nach all den Jahrzehnten
noch nicht bröckelt.

Eigentlich sollte das abschrecken.
Tut es das? Schließlich schleife
ich deinen Schatten wie eine Leiche
hinter mir her.

Hätte ich keine Angst vor dem Regen,
würde ich dich mit ein, zwei dicken Steinen
beschweren und dich ins Meer werfen.
Und deine Sonne würde ich behalten,
um mich endlich in dir zu wärmen.

Aber dann würde es regnen.
Und meine Kreide gemeinsam
mit dir ertrinken.

Und mit dir mein Fundament.

© Amy Herzog

nah

wenn ich suche
dann nach dem Mond
und nach Sternen
denn es sind immer die selben
zwischen uns
liegen ferne Welten
doch dieser Mond
macht uns nah

© Amy Herzog

Dein Bild

Ich sehe dich wieder. Wieder.
Sehen. Noch nie gesehen, spüren?
Doch. Im Grau. Im Kopf sehen. Dich.
Stehen Fragen, tausend. Farben.
Dein perfektes Bild. Zu perfekt.
Zu unwirklich. Unwiderstehlich.
Wieder. Zu unwiderstehlich. Wieder?

So oft. Viel zu oft. Allgegenwärtig!
Mir bleibt die Luft in den Lungen stecken.
Meine Hand umfasst meinen Hals.
Befreien. Ich will mich befreien. Machtlos.
Ich bin machtlos. Du zu perfekt.

Zu groß. Zu machtvoll. Schein.
Ich schnappe nach Luft. Ringe darum.
Und bin verzweifelt. Versuche zu atmen.
Schneller. Immer schneller. Knoten.
Es geht nicht. Nichts geht. Nichts!
Nur sehen. Dich sehen. Wieder.

Meine Augen tränen. Verschwommen.
Dein Bild bleibt klar. Machtvoll bestehen.
Benommen. Meine Lungen voller Lust.
Verbraucht. Ich spüre meinen Puls.
Schneller. Immer schneller. Zu Dir.
Schlägt mein Herz. Wo ist die Luft?

Mein Hals vibriert im Takt des Pulses.
Schmerz. Brustschmerz. Herz.
Mein Herz. Zu voll. Zu leer. Zu schnell.
Zu viel Du. Ich kann nicht atmen.
Ich kann nicht mehr. Schwach.

Dich nicht mehr sehen. Breche zusammen.
Mein Körper zu schwach. Aufgeben.
Dein Bild. In meinem Kopf. Hellwach.
Perfekt. Unperfekt. Perfekt. Ich rase.
Innerlich. Kribbeln. Glück. Freude. Liebe?
Blase. Platzt. Keine Liebe. Nichts.

Erdrückt von deiner anwesenden Abwesenheit.
Siehst du das Bild? Meinen Kopf.
Den kranken Kopf. Geschundene Seele.
Wunde Leere. Verstörend. Du bist blind.
Perfekt. Unwahr. Lüge. Unsichtbar.
Nur in meinem Kopf sichtbar.

Unsichtbare Zerstörung. Ahnungslos.
Du. Ich. Beide. Dumm. Dumm. Dumm.
Angst. Ich. Nur ich. Dumm. Naiv.
Sterbend. Auge. Sterbender Glaube.
Unwissend. Jungfräulich. Klein.
Rennend in deine Ahnungslosigkeit.

Stille. Zu still. Die Luft zum Reden fehlt.
Dein Bild. In meinem Kopf. Perfekt. Quält.
Zerstörerisch. Verschwinde. Bild. Verschwinde!
Lass mich wieder sehen. Wieder. Bitte.
Wieder schweben, spüren, atmen, Wind.

© Amy Herzog

Unerreichbar

Es wird kalt, Liebster
in unerreichbaren Parallelen
die Unbekanntes wählen
im Gleichklang fremd
läuft Farbe in schwarz-weiß
und die Jahreszeit zieht vorbei
sei du der Vogel, Liebster
und verzeih mein Schweigen
würde ja noch bleiben
doch es ist kalt

© Amy Herzog

Autismus: Overload, Meltdown, Shutdown und die Löffel-Theorie

In diesem Beitrag geht es um Overload, Meltdown und Shutdown. Eigentlich hatte ich geplant, jedes Thema in einem eigenen Beitrag zu bearbeiten. Da diese aber oftmals im engen Zusammenhang zueinander stehen, kommt hier nun eine Zusammenfassung. Da sich im Internet viele dieser Erklärungen auf Kinder (manchmal auch nur auf männliche Kinder) beziehen (weil das Wissen über Autismus bei den meisten Menschen bei „Hans“ Asperger stehen geblieben ist), geht es hier speziell um Erwachsene (‚biologische‘ Männer UND Frauen). Natürlich kann sich das bei Kindern dennoch ähnlich äußern, dazu habe ich jedoch kaum etwas gelesen.

Wie immer gilt: Alles kann – nichts muss. Jeder ist individuell. Sicherlich habe ich im Folgenden auch nicht jeden Aspekt berücksichtigt, sonst würde daraus ein Buch werden. Es handelt sich also um einen groben Überblick.

Vorab würde ich gern etwas über die Löffel-Theorie von Christine Miserandino schreiben. Wem diese bekannt ist, kann den folgenden Absatz überspringen. Zur Geschichte reicht kurzes googeln.

Die Theorie besagt, dass gesunde Menschen an einem Tag unbegrenzt Löffel (die für Energie stehen) zur Verfügung haben. Chronisch Kranke bzw. Menschen mit Behinderung haben, je nach Behinderung/Ausprägung eine begrenzte Anzahl von Löffeln. In dieser Theorie wurden 12 Löffel genommen. Diese Löffel müssen sehr gut verplant werden, denn man „muss ja heutzutage ein funktionierendes Mitglied der Gesellschaft sein“. Ich bin also im Bett und ein neuer Tag startet:

  1. Löffel – Aufstehen
  2. Löffel – Ausziehen
  3. Löffel – Duschen
  4. Löffel – Abtrocknen
  5. Löffel – Kleidung auswählen
  6. Löffel – Anziehen
  7. Löffel – Haare machen
  8. Löffel – Aufräumtätigkeiten
  9. Löffel – Kaffee machen
  10. Löffel – Essen bereiten
  11. Löffel – Essen und trinken
  12. Löffel – Tasche für die Arbeit packen

Hab zwar keine Löffel mehr, muss trotzdem arbeiten. Und nun? Und was ist mit meinen Interessen? Und dem Haushalt? Einkaufen? Haustiere versorgen? Und trinken? Essen? Und, und, und… Und wenn die Routine gestört ist, oder der Schlaf von schlechter Qualität war, sind es nicht mal 12 Löffel. Ich denke, dass diese Theorie gut in das folgende Thema passt.

Overload: Reizüberflutung

Unsere Umgebung, und daher unser Inneres, ist ständigen Reizen ausgesetzt. Normalerweise werden Reize, die nicht wichtig sind, automatisch ausgeblendet. Und auch Reize, die man nicht so leicht ausblenden kann, wie zum Beispiel lautes Bohren, sehr kaltes Wetter, etc. werden in der Regel so verarbeitet, dass sie den Alltag nicht lange beeinträchtigen. Ich bewundere Menschen, die am Nachmittag noch die Energie haben, zu Kochen, sich mit Freunden zu beschäftigen, usw.

Menschen mit einer Reizfilterschwäche können wenig bis gar nichts ausblenden. Man stellt sich vor Auto zu fahren. Man ist konzentriert und kommt wie mit einem Tunnelblick plötzlich irgendwo an. Wenn aber keine Reize gefiltert werden sieht man: Strich, Strich, Strich, Baum, Baum, Vogel, Wolke, Wolke, Auto, Kennzeichen lesen, noch eins, noch eins, noch eins, fünfzig Meter links ist dieses, 50 Meter rechts jenes, bunte Schilder, Lichter, ein Graffiti, Müll, Müll, Müll, der eine Telefoniert, Bilder auf LKW’s, Regen, Sonne, ein Brummen, es ruckelt…Naja, und gefühlt tausend weitere Reize Das alles passiert gleichzeitig in jeder Sekunde. Irgendwo hat man auch noch Platz für eigene Gedanken, für Pläne, für Eventualitäten. Das bezieht sich auf jede Situation am Tag. Auf alle Sinneseindrücke! Dies bedeutet ständiger Stress.

Gerade beim hoch-funktionalem Autismus, werden daraus resultierende Probleme/Einschränkungen oftmals nicht ernst genommen. Dabei ist der einzige Unterschied zum niedrig-funktionalem, dass diese besser Maskieren können (was zusätzlich eine große Anstrengung erfordert). Ich halte nichts von der Kategorisierung hoch und niedrig. Der einen Gruppe wird Unterstützung verwehrt (weil Probleme nicht leicht sichtbar sind), der anderen die gezielte Förderung (weil Fähigkeiten nicht gesehen werden/die Menschen stark unterschätzt werden)

(mögliche) Symptome:

Das übliche wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Bauchschmerzen, Unwohlsein.

  • Chronischer Stress (geminderte Lebenserwartung)
  • Verlust der Sinne (zum Beispiel verschwommene Sicht oder Mutismus, …)
  • Wahrnehmungseinschränkung (Bedürfnisse wie Durst, Hunger, Schmerz, Toilette, Müdigkeit, Hitze/Kälte, etc. werden nicht oder nicht korrekt wahrgenommen)
  • Burn-Out, Agoraphobie, soziale Phobie, Depressionen, Panikstörung, und weitere psychische Erkrankungen

Wirklich helfen kann da nur eines: Rückzug.

  • Das ist in einigen Fällen nicht möglich. Daher gibt es noch diverse Hilfsmittel beim Stimming (da muss man herausfinden, was helfen könnte), Geräusch-unterdrückende Kopfhörer, Sonnenbrille…
  • Wenn es jedoch zum Äußersten kommt, dann gerät man in einen Meltdown.

Meltdown – Kernschmelze (nicht zu verwechseln mit einem Wutausbruch)

Während eines Meltdowns ist man in der Regel nicht oder nur sehr eingeschränkt zugänglich für äußere Einflüsse. Die Umgebung und der Betroffene muss diese Situation aushalten. Der Körper entlädt sich schlagartig von angestauten Reizen. Die Anspannung geht über jedes Ziel hinaus. Dies äußert sich sehr unterschiedlich.

Weinen, schreien, schlagen, kratzen, boxen, etc.. Nur selten ist man anderen gegenüber aggressiv (zum Beispiel, wenn man den Betroffenen mit weiteren reizen belastet). Es wirkt wie ein Wutanfall oder ein hysterischer Anfall. Das ist es jedoch nicht. Der Betroffene denkt in diesem Moment nicht darüber nach, was ihm hilft. Die Handlungen sind Reflexartig. Die Dauer beschränkt sich in der Regel auf einige Minuten.

Trotzdem kann man in diesem Moment helfen! Reize reduzieren, autoaggressives Verhalten umleiten (Stoff zerreißen, weiche Gegenstände zum schlagen, etc.) In manchen Fällen kann man auch kurze Fragen stellen, manchmal können sich Betroffene noch ein wenig äußern. Man kann Anteil nehmen. Abstand halten und trotzdem da sein. Nicht auslachen oder anstarren. Auch kann es helfen, den Betroffenen sehr fest zu umarmen (ist jedoch mit Vorsicht zu genießen) Dabei muss möglichst viel Körperoberfläche umfasst werden. Das Nervensystem fährt dadurch herunter und der Betroffene entspannt sich wieder.

Darauf folgt häufig ein Shutdown – Abschalten (nicht zwangsläufig nach einem Meltdown, oftmals auch direkt nach dem Overload)

Der Betroffene ist dann oft nicht mehr ansprechbar und zieht sich zurück. Die Umwelt wird kaum bis gar nicht mehr wahrgenommen. Dabei spielt es keine Rolle, was an diesem Tag noch wichtig gewesen wäre. Man zieht sich komplett in sich zurück. Die Dauer ist hier deutlich länger von einigen Stunden bis hin zu einigen Wochen. Die Ausprägung ist wieder sehr unterschiedlich. Im schlimmsten Fall nehmen Betroffene kein Bedürfnis mehr wahr. Auch keine Schmerzreize. Sehr plump ausgedrückt könnte man sagen, dass Betroffene dabei, während sie in Urin und Kot liegend in einer Decke eingewickelt sind, verhungern und verdursten (können). Das wäre jedoch der schlimmste Fall und bedarf natürlich sofortiger Unterstützung. Die Reize sind auf ein Minimum zu reduzieren und die Person wird bei Bedarf mit trinken/essen versorgt, auf Bedürfnisse sollte geachtet werden, wenn die Versorgung nicht selbstständig erfolgt.

Meine Shutdown-Erfahrungen beziehen sich meist auf einige Stunden. Hilfreich ist es, wenn ich Essen und Trinken am Bett habe. Oftmals ist dies aber nicht mehr nötig, weil ich inzwischen sehr stark auf mich achte und diese Situation meist nur noch sehr abgeschwächt ein oder zwei Stunden anhält.

Suche nach Land (Drabble-Dienstag)

Lyrix hat die Drabble-Parade wieder wachgerüttelt und ich mache sehr gerne mit. Ein Drabble besteht aus genau einhundert Worten, in denen drei Worte vorkommen müssen. An diesem Drabble-Dienstag sind es die Worte: Auge, Frage und Magnet.

Suche nach Land

Eine Frage lässt mich nicht einschlafen. Die Ungesagte, im Raum schwebende, die ziellos an die Decke starrt, dann wieder gen Himmel, in den Sternen suchend. So bleibt mein Auge zu viel Meer und deines das Land, schlafend unter einer dichten Nebeldecke. Treibe ohne Kompass übers Wasser mit einem Magnet in meiner Seele und der Sehnsucht im Hirn. Dein Hafen ist zum greifen nah, fände ich ein Wort. Schöpfe Nacht um Nacht die Hoffnung aus meinem Schiff, möchte nicht ertrinken. Noch nicht. Erst wenn ich einschlafe, kann ich es sehen. Dieses große Nichts, das Bilder malt, in denen wir leben können.

© Amy Herzog

Verschwunden…

Leichtes weißes Kleid
umhüllt Leere, zarte Hülle
seidenweich, zerbrechlich
stehend im Windhauch
im nassgrünen Gras

Arme so federleicht
fliegen im Rhythmus
der Haare, so klarsanft
geschlossen ängstliche Augen
wortloser blasser Lippen

Körper fällt langsam
auf die Knie still und –
geheim, wartend auf Licht
bevor sich öffnen die Augen
ein allerletztes mal

Stärke der Natur
zieht am Körper vorbei
durch die blassleere Hülle
auf der Suche nach Wesen
in tiefer Seele aussichtslos

Strahlende Sterne
ins Gesicht strahlend
der Mond, die Augen erwacht
fühllos seien sie betrachtet
ein letztes mal

Nach vorn geneigt
den Abgrund blickend hinab
so stark Wasser, an Felsen
es kracht und rauscht
angenehm laut

Gedanken vertreiben
ein letztes mal, zu allerletzt
sieh den Abgrund hinab

fallen gelassen…

verschwunden..

für immer…

© Amy Herzog

braun-blau

Gold fließt aus braunen Augen
und zeigen mir den Herbst
wie trockenes Laub
umherwirbelt, verwoben
tanzend toben durch den Tag
und am Abend vorm Kamin
in zärtlicher Unendlichkeit
ineinander verschmolzen

Und Himmel liegt in blauen Augen
treibend im Gold und Salz
das aus unseren Poren fließt
wird braun und blau zum Mond
so siehst du wie der Regen fällt
auf dem ein suchender Frühling
nach nie enden wollenden Reisen
endlich Glückseligkeit erhält

© Amy Herzog

Grenzenlose Liebe

Eifersucht ist besser als Unsicherheit
Klingt halt mehr nach Liebe
Und Liebe ist grenzenlos
Innerhalb geschmackwahrender
Grenzen der Monogamie

Wenn zwei das Gleiche tun
Ist es noch lange nicht das Selbe
Aber klingt so individuell
Der eine besitzt den Schlüssel
Und der andere hat nen Käfig für sich

Zur Besuchszeit werden Kuchen
Auf feilende Gegenstände geprüft
Vertrauen ist gut, Kontrolle besser
Kleine Briefchen sind jedoch erwünscht
Als Brennstoff für die große Liebe


© Amy Herzog

Eingebettet im Liebes-
rausch, getaucht in Sinnes-
teilchen schwebend lauschen
Lichter um Glühwürmchen
zwischen uns – befreit
vom Rauch zur tiefen Lust
in die Unendlichkeit
unserer Begierde

© Amy Herzog

Scherben

wie ich irrte
mich in den Gesängen
waren sie doch lieblich
zart – so folgten Schritte
schleichend durch die Scherben
deines Herzens – über Schnitte
brach mir Bein und Seele
schreibst du heiter
über deine Leere

schreitest weiter
und ich trage diese
schwere deines Herzens
wie mich Hoffnung trägt
und lauschend deinem Klang
wartend an warmen Sommer-
tagen, ersehne deine fragen
wie Jahrelang ein Herz
solch große Scherben
tragen kann

© Amy Herzog

gute Nacht

Es ist dunkel, ruhig, endlich Nacht, endlich nackt. Aus der Ferne tönen die Autos der suchenden, der flüchtenden und der ankommenden Menschen. Klingt wie Meeresrauschen direkt unter deinem Fenster, in einer Flasche voll betäubender Substanz, einem leeren Blatt Papier und dem Flimmern deines Bildschirms. Und wieder atmen. Schon wieder atmen. Eine Kerze schenkt dir die Wärme, in der du dich so geborgen fühlst. Die Illusion schluckst du runter, ertränkst sie. Schwitzt und blutest auf dein Papier, denkst an Wünsche, gedenkst der Träume, mit einem Kuss an jedes deiner Geheimnisse. Für jedes Wort die passende Verkleidung. Buntes Treiben in deinem Kopf und Karneval in deinem Herzen. Selbst die Schmerzen tanzen mit. Alter Mann wird wieder jung. Finger gleiten über deine Tastatur, erst langsam, behutsam, dann immer schneller. Du willst schweben, schreibst darüber und schwebst. Du lebst. Legst alles ab, nichts nimmst du mit, was so schwer auf deinen Schultern lastet. Frei, endlich frei. Raum und Zeit verbrennen in einer handvoll Staub. Im Takt deiner tickenden Uhr steigst du höher, immer höher. Ersehnst diesen kurzen Moment, in dem fallen wie das fliegen der Vögel ist.

Du bemerkst nicht mal, dass es hell wird. Du hörst aber die Vögel zwitschern und plötzlich hörst du auf zu schreiben. Hörst ihnen zu und kannst den Liedern lauschen, die dir weh tun. Den Duft deines Lieblingsparfums auf der leeren Bettseite, die tiefe Vertrautheit. Du hörst klimperndes Geschirr in deiner Küche und das Summen deiner Kaffeemaschine. Dann näherkommende leise Schritte. Und den Duft von frischen Brötchen am Morgen mit einer Tasse voll Liebe über deinem Bett. Wie du als Kind an Weihnachten gelächelt hast, so lächelst du gerade. Und du windest dich in dem Moment, der dich für immer fest umarmt. Aus der Ferne bellt ein Hund. Dabei bist du doch ein Katzen-Mensch. Schlägst die Augen auf, dein Bildschirm flimmert noch immer kaltes Licht. Du liest in deiner Seele und blickst tief in die sonst so verborgene Wahrheit deiner Existenz. Mit zeilenlangem Herzschlag durch die Nacht, wünscht du dir dein Ende. Aber der Morgen ist da, die Flasche leer, wankst zum Spiegel und kannst wie immer keinen Blick hinein wagen. Kramst deine Maske aus der obersten Schublade und lebst dich glücklich durch den Tag. Niemand sagt dir guten Morgen, niemand „richtiges“. Schaltest aber deinen Bildschirm noch aus bevor du deinen Koffer nimmst und gehst. „Bis heute Abend“, sagst du, wohl wissend, dass er dich wieder zum Atmen zwingen wird.

wartend auf den kuss

könnt stunden damit zubringen
gedanken in deine richtung zu lenken
und die zeit vergeht wie im flug
all die jahre sind vergangen
so nah und doch vorbei, verrückt oder

weite wege sind wir gegangen
und landen doch hier, immer hier
lausche abends dem wind
der durch mein fenster pfeift
und dein gute nacht kuss
meine seele streift

© Amy Herzog

tau

erdrückend kleines herz
kontakt zum fleisch tut weh

verbrennst dir nicht die finger
liebes, du wirst erfrieren
da hilft keine schachtel kippen
mit scotch gegen gedanken
an unnahbare lippen

liebes, dir wird nicht heiß
nein, du wirst erfrieren
traum minus gefühl
merkste was?
jetzt wird dir kühl

aber’s sind scherben
so wirf das fleisch weg
liebes, es hebt dich nicht mal auf
es lässt dich sterben, siehste?
da hilft kein wort auf erden
glotzt verträumt gen himmel
erdrückend kleines herz
mach die augen zu
und tau auf

© Amy Herzog

Eine jahrelange Geschichte

Am Ende liegt ein schweres Buch
eine große, unendliche Geschichte
die ich dir niemals zeigen kann
über die eine verlorene Jungfrau
und einen weit reisenden Mann

Ein suchend weinendes Herz ist er
ein Aufgebender, der nie aufgibt
und tausende am Wegesrand küsst
doch das, was er hat – reicht nicht
während er die Jungfrau vermisst

© Amy Herzog

unsichtbar

Dann ist es wie damals
in der hinterletzten Reihe
schreibe täglich deinen Namen
inzwischen ist die Tinte rot
du sitzt da vorn, atmest, lachst und lebst
und ich sitze da mit ner Flinte
und warte auf Bruder Tod

© Amy Herzog

Ein paar Eindrücke vom Rhein

Wenn man schon quasi daneben wohnt, kann man auch mal einen Spaziergang wagen. Dieses Mal waren kaum andere Menschen dort, zumindest niemand in unmittelbarer Nähe. Sehr schön. Ein kleines bisschen Urlaub, mitten in der großen Stadt. Ein paar Muscheln und Steine habe ich gesammelt.

Leider keine lebendige gesehen…die chinesische Wollhandkrabbe.

Von Oberflächlichkeiten

Ich verstehe das ganze Tamtam (neudeutsch Hype, nur um den ein oder anderen zu -triggern-) um Äußerlichkeiten nicht. Das Aussehen ist wahnsinnig wichtig. Und nicht nur das, auch das Smartphone muss das Neuste sein, das Auto teuer, das Haus groß, die Urlaube pompös und dann muss immer noch genug Geld übrig sein, um damit angeben zu können. Und die meisten, die behaupten, dass ihnen das egal wäre, lügen. Manchen, wenigen ist es aber tatsächlich egal. Und da kommt das nächste Problem. Die, denen das egal ist, wird nicht geglaubt. Nicht dass es wirklich wichtig wäre, dass das geglaubt wird. Aber ab und zu kann es schon nervig werden, sich ewig rechtfertigen zu sollen.

Irgendwie habe ich diese Öberflächlichkeiten aber schon verstanden. Zumindest so weit verinnerlicht, um diese Menschen auf Abstand zu halten. Nur manchmal trage ich ein verdammt gut duftendes Parfum, damit sich diese Menschen völlig umsonst nach mir umdrehen. Aber so rein äußerlich? Ich bin nicht geschminkt (nein, ich bin nicht krank und nein, ich bin nicht seit drei Wochen ununterbrochen wach), Haare werden nur an einem Haarwaschtag gekämmt (mit Locken wird sonst n karottenartiger Pudel aus mir). Wobei das auch egal ist, weil ich eh immer nen vergammelten Dutt trage. Nicht so einen, wie bei den süß-wirkenden Mädels, sondern wirklich nur irgendwie herumbaumelnd. Der Dutt ist das einzige, was mich davon abhält, mir einfach den Kopf zu rasieren. Und von Mode will ich gar nicht erst anfangen. Schlank bin ich auch nicht. Aber das ist nicht zwingend abschreckend, zumindest nicht für die Fetischleute. Wenn all das nichts nützen sollte, dann steht auf meiner Stirn immer noch das dicke: Geh weg, ich hasse Menschen.

Und sollte auch das nicht schlimm sein, dann wäre noch zu erwähnen, dass ich so gerne zocke, dass ich damit gerne auf Twitch live gehen würde, sobald ich n bisschen mehr Ahnung habe.
Manchmal auch Minecraft – tschau.

Mir ist auch total egal, wie andere Menschen aussehen (dieses ständige gegenseitige bewerten und haten finde ich super cringe -trigger-) Die sehr wenigen Menschen, die ich bisher anziehend fand, habe ich zunächst nicht gesehen. Emotional. Intellektuell. Charakterlich. Aber – weil das heutzutage nun mal so ist – muss man ja Angst haben, sich zu zeigen, wenn man nicht der oberflächlichen Norm entspricht. Das fand ich sehr schade, also dass diese Angst da war, die bei mir noch nie ein Mensch haben musste. Das einzige, was ich an anderen Menschen favorisiere, sind längere Haare, ob nun m/w/d ist egal. Also so fremde, die ich auf der Straße sehe. Aber ob jemand geschminkt oder aufgetakelt ist, n tolles Auto hat, Geld, oder was auch immer, ist doch total egal. Hauptsache man war nicht gerade aufm Klo, als das Hirn verteilt wurde. Mit Hirn ist nicht der IQ oder der Bildungsgrad gemeint, sondern die Fähigkeit, sich für etwas zu begeistern, lernen zu wollen, es einfach gelegentlich zu trainieren. Und nicht zu vergessen, diese inneren Werte, die jeder bevorzugt, aber nur wenige wirklich priorisieren.

Das ist nun mal diese heutige Gesellschaft, die ich vom Rand aus endgeistert anstarre.

(Ohne Korrektur (man, bin ich wieder mutig) von einer Legasthenikerin geschrieben.)

Zu alt

Da bleib ich lieber
bei diesem Misanthropen –
Dings – und schenk dir deine Worte
viel zu menschlich Auge zuckt
stell‘ die Gefühle schon mal kalt
bin zu alt dafür geworden
fuck auf Liebe – wenn ich frage:
„Mami, warum tropft der aus den Augen“
werde ich dieses mal die Antwort
nicht in hundert Jahren glauben

© Amy Herzog

Einmal ehrlich sein

Ich frage mich:
was würde wohl passieren
wenn jeder von uns
einen, nur einen einzigen
aufrichtigen, ehrlichen Satz
an eine betreffende Person
richten müsste

Einen Satz, den man eigentlich
mit ins Grab genommen hätte

(Augen zu und durch)

schlaf, mein Liebster

trinke die schlaflosschleifende Nacht
schmeckt genauso gut wie eine dieser bunten
halbliter Cocktails auf Ex – knallt
aber besser als dein gelegenheitstrauriger Sex

schon zwanzig nach drei, mein Liebster
du bist endlich frei, flieg – flieg – flieg –
Gefühl ist im Preis, Tränen kosten extra
nimm den Alkohol mit, brauchst ihn dringender als ich

Die milde Nacht denkt mir ein, denkt mir nach
bis zum Mond und wieder zurück ist zu kurz
nur ein Sturz in deine Tränen mit Dingen
die du nie hattest – schlaf endlich Liebster, schlaf

© Amy Herzog

Abschied

So blütenjunge Frau
und Sehnsucht blühe auf
duftet zweiter Frühling
deine süße Liebe schweigt

Spiegelbild in grau
und stirbt in meiner Nacht
deine leere Seite weint
zerfällt der Rest zu Staub

Geraubte junge Frau
in handvoll Tränen treibt
gereicht dem Wind den Kuss
und süßer Abschied bleibt

© Amy Herzog

Autismus: Grenzen

Wenn ich mich über diverse Kanäle mit anderen Autist:innen austausche, komme ich immer wieder mit dem Thema ‚Grenzen‘ in Kontakt. Ob es die Grenze ist, etwas nicht zu können und es trotzdem tun zu müssen, weil es erwartet wird. Oder etwas tun oder zulassen zu müssen, obwohl man es nicht möchte (zum Beispiel gesellschaftliche Anlässe). Oder aber Routinen brechen zu müssen, weil man heutzutage schließlich spontan und flexibel zu sein hat. Oder man muss körperliche Berührungen zulassen, weil die andere Person das so möchte (und diese möchte man ggf. nicht enttäuschen) oder für die Person selbst ist es nicht schlimm (zum Beispiel Berührungen im Bus oder an der Supermarktkasse)

Autist:innen sind dann nicht selten sehr Reizüberflutet und melden sich mit verzweifelten Worten. „Ich habe wieder unangemessen reagiert“ „Mir wurde gesagt, dass ich übertreibe“ „Ich habe einfach mitgemacht, konnte es jedoch nicht gut und wurde deshalb ausgelacht“ Die Liste könnte lang sein und kann manchmal sogar darin enden, dass man sich selbst dafür hasst, dass man ist, wie man ist. Und wenn dieses Karussell sich über Jahre im Kreis dreht, können daraus Krankheiten entstehen, die vermeidbar gewesen wären. Ich selbst habe verschiedene Traumata und chronische Depressionen in fast 30 Jahren angesammelt, weil ich meine Grenzen nicht durchgesetzt habe.

Therapeutische Hilfe ist in diesen Fällen so selten, wie ein sechser im Lotto. Und fachgerechte Hilfe, auf Autismus spezalisiert, ist so selten, dass es mir allenfalls als Gerücht bekannt ist.

Während eines autistischen Burnouts war ich selbst auf Therapeuten-Suche. Und wie nicht anders zu erwarten: ich habe keinen gefunden. Und das, obwohl ich nicht gerade dörflich Lebe. Ich habe also in einem großen Umkreis gesucht und ungefähr 100 Therapeuten kontaktiert. Zum Gespräch eingeladen wurde ich von einem. Dieser war sehr nett und das Gespräch ist mir angenehm in Erinnerung geblieben. Leider hatte dieser nicht die Kapazitäten, die ich gebraucht hätte. Er konnte mir 10 Stunden anbieten. Wir waren uns einig, dass das nichts bringt. Von Autismus hatte er gar keine Ahnung. Das war für mich jedoch nicht schlimm, und auch keine Überraschung. Ich konnte ihm einiges erklären und er meinte zum Schluss, dass er dies sehr interessant findet und sich weiter belesen wird.

Das Gespräch war also gut, doch die Aussicht für mich natürlich schlecht.

Ich weiß nicht genau wann, aber irgendwann habe ich es aufgegeben. Selbst dieser dinglichkeits-Code war ein Witz. Dieser brachte mir eine akut-Stunde ein. Das Gespräch war nach einer viertel Stunde vorbei. Vom Gefühl her war das eher eine Lücke im Terminplan, die (finanziell gesehen) gefüllt werden sollte.

Meine Psychiaterin war dann…ach, da mag ich gar nichts drüber sagen. Ein mal im Monat habe ich da gesessen, ihr gesagt, dass es mir besser geht, mit den Pillen, die sie mir verschrieben hat. Und das wars. Die einzige Schwirigkeit bestand darin, die Beipackzettel auswendig zu lernen und immer genau zu wissen, wann ich wohl ein neues Rezept brauche von den Tabletten, die ich nicht genommen habe. Denn auch imaginäre Tabletten müssen weniger werden. Und die zahlreichen Nebenwirkungen sind selbstverständlich nach und nach verschwunden. Man, konnte ich eine Show abziehen.

Trotzdem war ich ohne fachliche Unterstützung nicht untätig. Und das Thema Grenzen spielt hier eine zentrale Rolle. Denn ich habe nie auf meine Grenzen Rücksicht genommen. Erst dann, wenn ich vor lauter Depressionen manchmal Monatelang nicht mehr aus dem Bett kam. Ich war schon so weit zu denken, dass das eben zu mir gehört und dass ich eben so bin. Aber das stimmte nicht. Natürlich habe ich diverse Traumata erlebt (darauf möchte ich im öffentlichen Raum nicht näher eingehen) und auch die Depressionen werden vermutlich nie gänzlich verschwinden. Es gibt immer Momente, in denen ich einfach zu viel Nachdenke. Aber es geht mir inzwischen deutlich besser! Und ein wichtiger Grund dafür ist, dass ich meine Grenzen kennengelernt habe und auch gelernt habe, diese umzusetzen.

Es gibt Menschen, denen kann man das direkt sagen. Es gibt aber auch Menschen, die die Grenzen lächerlich finden. (Zum Beispiel wenn man bei einer Feier eben nicht tanzen möchte) Für letztere kann ich die gute alte Ausrede empfehlen. Mal kurz aufs Klo, mit Übelkeit an die Luft, etc. Für andere Menschen mag das eine Kleinigkeit sein, für manch eine:n Autisten/Autistin bedeutet es, im Anschluss mit einem Overload oder einem Shutdown die nächsten Stunden verbringen zu müssen. Oder im schlimmsten Fall einem (nicht mehr zu unterdrückendem) Meltdown, womit man so ziemlich alle Blicke auf sich zieht.

(Zum Thema Meltdown, Shutdown und Overload wird es noch Beiträge geben)

Dann gibt es aber die wirklich wichtigen Grenzen. Und da ist es wichtig zu wissen, dass man es niemandem recht machen muss, ausser sich selbst. Man muss keine Berührungen ertragen, Gespräche führen, wenn andere sie führen wollen, einspringen, mehr Arbeiten, als es möglich ist. Und man muss auch nicht an privaten Veranstaltungen teilnehmen, wenn man genau weiß, dass die Aktivitäten dort nicht auf die Bedürfnisse angepasst werden. Man will auch nicht ständig mit einer Hinweis-Plakette herumlaufen, auf der steht, dass man autistisch ist. (Klappt eh nicht, hab’s versucht. Beachtet kein Mensch. Gebt also in dieser Sache kein Geld aus)

Ich habe gelernt zu sagen, wenn ich etwas nicht will. Und wenn man das erst mal gelernt hat, fällt einem auf, dass viele Menschen keine Grenzen respektieren. Aber dann werde ich lauter. Und wenn es sein muss, dann werde ich auch frech. Und nein, ich arbeite keine 40 Stunden Woche. Mein (jetziger)Arbeitgeber ist da auch sehr Rücksichtsvoll und geht auf meine Bedürfnisse ein, die die Behinderung mit sich bringt. Manchmal werde ich von Kolleg:innen noch gefragt, weshalb ich denn so und so arbeite, ob ich das wegen einem Stall voll Kinder machen würde (denn das könnten sie verstehen) Aber nein, ich habe kein Problem mehr damit zuzugeben, dass ich Grenzen habe. Ich tue das also nur für mich. (Witzigerweise habe ich diese seinerzeit sogar im Anschreiben benannt, um mir selbst den Gefallen zu tun. Welcher zukünftige Arbeitgeber liest nicht gern von Grenzen 😉 Nun ja, dieser war auf jeden Fall begeistert)

Auch mit meinem Körper muss ich nicht das machen oder zulassen, was andere von mir erwarten. Meine kleinen Routinen sind ebenfalls wichtig. Ich habe gelernt, für mich selbst einzustehen! Grenzen sind wichtig, davon hängt ab, ob die Psyche gesund oder wenigstens stabil ist, oder nicht. Und wenn andere Menschen das nicht verstehen, dann erkläre ich es gern. Und wenn sie es nicht verstehen wollen, dann halt nicht: Tschüss.

Und wenn du deine Grenzen überschreitest (ob autistisch oder nicht), weil du denkst, dass du das musst, dann gebe ich dir den Rat:

N‘ Scheiss musst du. Deine Grenzen und Bedürfnisse sind wichtig! Und über alles Weitere kann man reden.

Ungezähmt

Gedanken nass
im Wellengang pulsierende
Brust atmet leise,
dann schneller, lauter
ringt gar um Luft

Vibriert das Herz
durch Mark und Blut
erwärmte Seelen im
zweisamen Gleichklang

Kocht und kippt
das Fleisch reflexartig,
bebend, gelähmte Gier
zu schwach, um noch um Luft zu ringen
dringen beißend, kratzend
stoßen ungezähmte violette Flecken
von drei Wochen
nicht mehr laufen können
bis in uns’re eigene
Unendlichkeit

Im Ende fließt das Herz
und stillt den Durst

© Amy Herzog

Geheim

Für den kurzen Weg
meiner dunklen Zeilen
hungernd in deiner Kunst
verweilen, innigst lieben
auf geheime Weisen
reise durch den Äther
zitternd um diesen Moment

Sinke nieder du Wort
und ziehst mich weiter an
magnetisch, pulsierend
zeigt uns Leere sein nein
aber nein schreit lautes ja
diese Zuneigung ist tiefer
wie sie tiefer niemals war

Doch begehre ich den Wind
wie den Kuss aus der Ferne
und brennst du weiter
Kunst, bis Liebe kniet
du merkst es nicht
so klingen Zeilen nur
im schweigend süßen Lied

© Amy Herzog